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Die Labyrinthe der geistigen Wirklichkeit

minos

Folgen wir noch etwas dem Thema des Labyrinths, der inneren Ariadnefäden und den möglichen Verirrungen, indem wir den Begriff bei Rudolf Steiner verfolgen.

Dieser appelliert zunächst an unsere Vernunft, an die Rationalität, auf die wir wirklich bauen können, denn in Extremsituationen - so auch in der meditativen Versenkung- kommen wir an Grenzen- an Grenzen unserer selbst, unserer Verständigkeit, unserer Orientierung. In der Normalität unserer Alltagswelt korrigieren uns (meist) die Umstände von selbst, damit wir nicht vollkommen irre gehen. Zumindest darf man das erhoffen, auch wenn auch diese Sicherheiten seit Rudolf Steiners Tod mehr und mehr verloren gegangen ist. Der Irrsinn eines staatlichen Terrors, Wirtschaftskrisen, amoklaufende Individuen, ebenso wie Staaten und Rechtssysteme, Virtualisisierung der gesamten Lebenswirklichkeit, das Rationale als blanke Gewinnmaximierung - wo bitte ist da die sich selbst regulierende Realität, von der Rudolf Steiner vor 100 Jahren noch so ausging:

Wahrnehmungen in den höheren Welten sind etwas ganz anderes als in der physischen Welt. Eines aber gibt es, was in den drei Welten, der physischen, der astralischen und devachanischen Welt, dasselbe Element bleibt: das ist das logische Denken. Dieser sichere Führer bewahrt uns vor allem Irrlichtelieren. Ohne ihn lernen wir niemals Illusion von Wirklichkeit unterscheiden und (ohne ihn) gelangen (wir) dahin, jede Illusion für astralische Wirklichkeit zu halten. Hier in der physischen Welt ist es leicht, Täuschungen von Wirklichkeiten zu unterscheiden. Denn die äußeren Tatsachen korrigieren uns. Wenn Sie zum Beispiel durch eine falsche Straße gegangen sind, kommen Sie nicht an den rechten Platz. In den höheren Welten müssen wir selbst durch eigene Geisteskraft den richtigen Weg finden, sonst kommen wir da in immer schwierigere Labyrinthe hinein, wenn wir nicht erst gelernt haben, Illusion von Wirklichkeit zu unterscheiden.“ (Rudolf Steiner, GA 98.49)

Das Labyrinthische der Wirklichkeit nimmt jedenfalls nach Steiners Aussagen jenseits der bezeichneten Schwelle der „drei Welten“ zu, wodurch man sich vielleicht nicht über die skurrilsten Selbstbilder von Yogis, Erleuchteten, Profi- Anthroposophen (deren gemeinste Waffe das spirituelle Geschwätz darstellt), Internet- Wahrsagern und durchchristeten Gegenwartsstigmatisierten (mitsamt ihren jeweiligen Anhängerschaften) wundern muss. Immerhin hatte Rudolf Steiner mit seiner „Geisteswissenschaft“ vor, den Eisläufern auf den Pfaden der geistigen Abenteuer in ihren Labyrinthen einen „Ariadnefaden“ innerer Orientierung mit zu geben:

Nun, wenn der Mensch sich in das Labyrinth der geistigen kosmischen Ereignisse begeben will und sich mit einem solchen Führer (den die Seele empfängt aus dem Material, das sie selber hat) hineinbegibt, so ist das etwas, auf das uns prophetisch hingewiesen hat die Bevölkerung, die zuerst vorbereitet hat diese Dinge. In der nördlichen elementaren, ursprünglichen Bevölkerung waren noch lange die Fähigkeiten vorhanden, die große Schrift der Natur zu lesen, zu einer Zeit, als die Griechen sich schon zu einem höheren Standpunkt der Intellektualität entwickelt hatten. Und die Griechen mussten vorbereiten dasjenige, was wir heute im höheren Maße ausbilden müssen.

Es ist demjenigen, der sich hineinwagte in das Labyrinth der geistigen kosmischen Welt, mit der griechischen Bildung die Möglichkeit gegeben worden, einen Faden zu haben, durch den er sich wiederum zurückfinden kann. Das wird uns in der Legende von jenem Theseus, der sich mit dem Faden der Ariadne in das Labyrinth begibt, angedeutet. Für die heutige Zeit ist dieser Ariadnefaden nichts anderes als die Begriffe, die wir in der Seele über die übersinnliche Welt ausbilden. Es ist das geistige Wissen, das uns geboten wird, damit wir mit Sicherheit hinein gehen können in diese geistige Welt des Makrokosmos.

So soll dasjenige, was uns heute in der Geisteswissenschaft geboten wird, was zunächst nur zur Vernunft spricht, ein Ariadnefaden sein, welcher uns über alle Verwirrung hinweghilft, in die wir kommen könnten, wenn wir unvorbereitet hineinkommen in die geistige Welt des Makrokosmos
.“ (Rudolf Steiner, GA 119.95)

Diese Absicht, innere Orientierung zu geben, hatte - so Steiner- bereits Pythagoras- auch wenn er dies auf eigene Art und Weise, nämlich durch die Pflege und Entwicklung der Mathematik, tat. Aber schon damals, in den frühen Mysterien, galt: „Denn wenn der Mensch schwankt, was ist er da? Ein Irrlicht, ein flackerndes Licht, und die Welt ist ein Labyrinth. Wir brauchen einen Ariadnefaden, um zurückfinden zu können.“ (Rudolf Steiner, GA 125.58f)

In diesen frühen Mysterien war es auf den labyrinthischen Wegen üblich, innere Begleiter - eben Gurus- zu haben, sei es in den nordischen oder südlichen (ägyptischen) Geheimwissenschaften, die den Hierophanten in den geistigen Makrokosmos führten; schon aus dem Grund, weil aus den inneren Spiegeln, die dabei in den Blick kamen, kaum zu beherrschende dämonische Kräfte entsprangen, die wir in diesem Zusammenhang wohl mit dem Minotaurus vergleichen können: „In den alten Mysterien war die gesamte Menschheitsentwickelung noch nicht so weit, dass sozusagen die Initiation – sei sie nun hinaus in den Makrokosmos, sei sie hinein in den Menschen selbst, in den Mikrokosmos gerichtet – so ausgeführt werden konnte, dass man den Menschen ganz sich selbst überließ. Wenn zum Beispiel eine ägyptische Initiation ausgeführt wurde, und der Mensch hineingeleitet wurde in die Kräfte, seines physischen Leibes und Ätherleibes, so dass er vollbewusst die Ereignisse seines physischen Leibes und Ätherleibes erlebte, dann sprühten gleichsam von allen Seiten heraus aus seiner astralischen Natur die furchtbarsten Leidenschaften und Emotionen; dämonische, diabolische Welten kamen aus ihm heraus.

Deshalb brauchte in den ägyptischen Mysterien derjenige, der als Hierophant arbeitete, Gehilfen, die in Empfang nahmen, was da herauskam, und es durch ihre eigene Natur hindurch ableiteten. Daher die zwölf Gehilfen des Initiators. In ähnlicher Weise war es in den nordischen Mysterien, wo die Wirkung beim Hinausrücken in den Makrokosmos dadurch geschehen konnte, dass wiederum zwölf Diener des Initiators da waren, die ihre Kräfte an den zu Initiierenden abgaben, damit er die Fähigkeit hatte, wirklich jene Denk- und Empfindungsweise zu entwickeln, die notwendig war, um durch das Labyrinth des Makrokosmos hindurch zu kommen. Eine solche Initiation, wo der Mensch ganz unfrei ist, sollte allmählich weichen einer anderen Initiation, wo der Mensch mit sich selbst fertig werden kann, und wo derjenige, der die Initiation bewirkt und ihm die Mittel gibt, nur sagt: Dies und das ist zu tun, – und wo der Mensch dann nach und nach sich selbst weiter zurechtzufinden kann.
“ (Rudolf Steiner, GA 123.139f)

Aber eine andere hindernde Kraft, ja geradezu eine zerschmetternde innere Dimension beim Betreten des geistigen Labyrinthes nehmen Scham und Furcht ein, die den Initianten in dem Augenblick anspringen, in dem er die gewohnten Sicherheiten und Illusionen verlässt. Der größte Schutz vor der Begegnung mit den Kräften des inneren Minotaurus ist und bleiben die Ignoranz, die Mittelmäßigkeit und die Vermeidung innerer Freiheit: „Wie wir behütet werden vor unserem eigenen Innern, so werden wir im gewöhnlichen Leben behütet vor dem Schauen des Geistigen, das der äußeren materiellen Welt zugrunde liegt. Wenn wir im gewöhnlichen Leben stehen, so breitet sich eben das, was wir den Sinnesschleier nennen, aus vor dem, was geistig zugrunde liegt. Warum geschieht dies nun?

Es gibt ein Gefühl, das sofort auftreten würde, wenn die Menschen das Geistige so ohne weiteres sehen würden. Da würden sie das erleben, was man nur ausdrücken könnte mit dem Wort: verwirrender Schreck, oder schreckensvollste Verwirrung. Denn die Erscheinungen sind so großartig und gewaltig, dass die menschlichen Begriffe, die wir uns heute aneignen, wenn wir noch so viel erlernen, zunächst wahrhaftig nicht hinreichen, um diesen verwirrenden Anblick vor sich zu haben, und der Mensch würde vor dieser schreckensvollen Verwirrung von einem Gefühle ergriffen werden, das eine ungeheure Steigerung dessen ist, was der Mensch sonst nur schwach hat, von einer Steigerung des Angst- und Furchtgefühles in ungeheurem Maße. So wie der Mensch von Scham verbrannt werden würde, wenn er in sein eigenes Innere hinunter steigen würde ohne Vorbereitung, so würde er, wenn er sich in die Außenwelt hinein leben würde ohne Vorbereitung, ertrinken vor der Furcht, weil er in ein Labyrinth geführt würde
.“ (Rudolf Steiner, GA 119.92f)

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