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Hic habitat Minotaurus

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Dieses Graffiti, das einer Hauswand in Pompeji entstammen soll, habe ich bei Pinterest gefunden und entstammt einer Internet- Seite, die sich ausschließlich mit Labyrinthen („The mystery of the Labyrinth“) beschäftigt. In dieser visuellen Sammlung zeigt sich eindrucksvoll, wie alt das Motiv des Labyrinths doch ist- manche Funde wie Felszeichnungen und -ritzungen sind ja mehr als 6000 Jahre alt. Das Urmotiv, geradezu eines der Jungschen Archetypen, wird sogar in noch älteren Quellen gefunden, etwa in den Felsbildern des Valcamonica in der Lombardei. Beispiele dafür wie für viele andere Labyrinthe der Vergangenheit und Gegenwart finden sich auf einer weiteren Pinterest- Seite zum Thema.
Erklärungsversuche gibt es zuhauf- die oben genannte erste Quelle vermutet vage Dorf- und Hafenanlagen des sagenhaften Atlantis hätten als Vorbild gedient. Wahrscheinlicher ist die simple Assoziation, die sich beim Durchschauen unzähliger Labyrinth- Darstellungen einstellt, es handle sich um das Symbol des menschlichen Gehirns. Dafür sprechen der strukturelle Aufbau, aber auch die symbolische Problematik; das Sich- Verlieren im Inneren. Auch das Bild des Minotaurus ist ja das einer Korruption: „Hic Habitat Minotaurus“ in der oberen Darstellung ist ja offenbar eine Beleidigung, gleich bedeutend mit: „Hier wird jemand von Leidenschaften in seinem Denken beherrscht“.

Der Ariadnefaden ist primär ein stringentes, zielgeführtes Denken, das zur Beherrschung der korrumpierenden Instinkte führen kann. In der Kultur der Minoer, die den rituellen Tanz mit den Stieren als Mysterieninhalt und Initiationsritus pflegte - eine Kultur des Mutes-, war die Entwicklung des Rationalen ein Entwicklungsziel. Heute kann man, wie Beatrice Grimm, den wachen Umgang mit Labyrinth und Ariadnefaden auch als eine Übung im Körpergebet verstehen: „Ein spirituelles Werkzeug? Dem Wollknäuel der Ariadne folgen, heißt hineinzugehen ins Labyrinth. Immer wieder neu dem Weg des Lebens folgen. AnfängerIn sein, den Weg suchen auf engstem Raum. Offensein für andere, und gleichzeitig den eigenen Weg fortsetzen Schritt für Schritt. Jeden Schritt wahrnehmen wie ein erster Schritt... Sich hinwenden, kehrtwenden, abwenden, annähern. Manchmal gehts nicht weiter. Manchmal voller Sehnsucht von der Mitte hingezogen. Die Mitte wird erahnt, auf die es schnell zuzugehen scheint. Dann aber führt der Umweg durch viele reinigende Windungen. Wer ausharrt und auf dem Weg bleibt, den findet das Ziel, die Mitte, die gleichsam Anfang ist zu neuem Leben.“

Das Thema ist nicht annähernd erschöpfend zu behandeln. Es ist ein existentielles Motiv, schon weil wir uns immer wieder - selbst verursacht oder schicksalhaft - in labyrinthischen Lebenssituationen weder finden. Der alte Ariadnefaden - die Verstandesseele - hat sich verselbständigt und in Technik veräußerlicht. Aber selbst die besten GPS- Navigationssysteme helfen uns aus existentiellen Krisen nicht heraus- vor allem dann nicht, wenn es nicht nur Rechts und Links, nicht nur Richtig oder Falsch gibt. Vielfach hilft nur die volle konzentrierte menschliche Zuwendung, das offene, sich seiner eigenen Beschränkungen bewusste Handeln, das Agieren in Gespräch und in Bereitschaft, eigene Positionen ständig anzupassen dabei, gemeinsam halbwegs gangbare Wege zu gehen. Es geht manchmal nicht, ohne sich in der einen oder anderen Form schuldig zu machen, etwas vernachlässigen zu müssen, etwas auch ungetan zu lassen. Es geht nicht unbedingt aus alten Vorstellungen heraus, was „moralisch“ sein mag. Der Weg aus labyrinthischen Situationen bedarf einer inneren Vertiefung, einer geistigen Präsenz, die im besten Fall eine überraschende Neuinterpretation der Situation zulässt, eine tatsächlich neue und originelle Lösung. Dann zumindest kann man sicher sein, dass nicht der Makel auf dem Handeln liegt, der da sagt: Hic Habitat Minotaurus.
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