Elisabeth Kübler-Ross und der tröstende Fremde | EgoBlog | Die Egoisten

Elisabeth Kübler-Ross und der tröstende Fremde

"Ein Traum, den ich mehr als einmal träumte" nannte Elisabeth Kübler-Ross ihre persönliche Gottesbegegnung - ein Traum, aber auch eine Begegnung im Sinne einer geistigen Erfahrung. Dass dieser "Traum" besonderen Charakter hatte, liegt eindeutig am Subjekt, das weiss, dass dieses Du, dem sie begegnet, "Jesus" ist, obwohl sie nicht weiss, "warum ich das weiss, aber es ist so." Das "Es ist so" hat in diesem zeitgenössischen Ambiente zwischen Supermärkten und Rinnstein den Charakter unwidersprechlicher Gewissheit - es ist ein erkennendes Amen.

Die Art der Beschreibung klingt wie eine Projektion - als persönliches Imago; es ist nicht wichtig: Die Jeans, die glatte Haut, das Weinen, die Art der Segnung: Die mit den Tränen benetzten Handrücken, die spezifische Sprache. Es ist, auch dies unmittelbar einsichtig für Elisabeth Kübler- Ross, eine Wiederbegegnung - ja mehr: eine Vergewisserung des ewig im Hintergrund präsenten Begleiters, der lediglich vergessen worden ist und immer wieder neu vergessen wird: "..weil ich nicht weiss, wie lange es her ist, seit ich ihn gesehen habe, und sogar jetzt vermisse ich ihn." Wie kann man den Geliebten so vollkommen aus den Augen verlieren, wie kann man vergessen haben, wann man ihn zuletzt sah?

Kübler-Ross ist in der ganzen Situation an einer inneren Grenze- ihr Weinen erscheint auch als seelischer Auflösungszustand, ein Augenblick, in dem die gewohnte Ordnung, der Kontext von einem Tränenstrom fort gespült worden ist. Aber vielleicht weint sie auch, weil das Glück, vom unsichtbaren Begleiter bestätigt und versichert worden zu sein, so erschütternd ist; sie ist angeschaut, und der Gott erkennt sie an: "Du brauchst nicht zu mir zu kommen, damit ich bei dir bin. Ich bin für dich da, wann immer du mich brauchst".

"Ich gehe über einen großen Parkplatz vor einem Einkaufszentrum mit zwanzig oder dreißig Läden. Außer mir ist niemand da. Es ist dunkel und früh am Morgen. Ich höre das Echo jedes meiner Schritte. Es ist kühl.
Ich sehe einen Mann in der Ferne stehen, und in diesem Augenblick befinden wir uns plötzlich für den Bruchteil einer Sekunde auf einer sonnigen Wiese, aber dann kehren wir zurück. So schnell, als wäre das nur in meiner Einbildung. Ich gehe auf ihn zu. Er ist groß. Sein Haar ist blond, die Augen sehr dunkel. Er ist sehr müde. Es ist Jesus. Ich weiß nicht, warum ich das weiß, aber es ist so.

Jetzt stehe ich dicht vor ihm und bleibe stehen. Er trägt Blue Jeans, ohne Hemd. Seine Haut ist sehr glatt. Er sieht sehr traurig aus, als ob er von mir Abschied nehmen wollte, und dann fasst er meine beiden Hände und fängt an zu weinen. Auch ich fange an zu weinen, weil ich nicht weiß, wie lange es her ist, seit ich ihn gesehen habe, und sogar jetzt vermisse ich ihn. Er netzt meine Handrücken mit seinen Tränen, und dann geht er und sagt: „Du brauchst nicht zu mir zu kommen, damit ich bei dir bin. Ich bin für dich da, wann immer du mich brauchst.“

Als ich wieder allein bin, sitze ich auf dem Randstein in dem Einkaufszentrum und weine sehr. Ich bleibe dort, bis die Sonne aufgeht, dann stehe ich auf und gehe langsam fort.
" [1]

[1] Elisabeth Kübler- Ross, Kinder und Tod, Kreuz Verlag, Zürich 1984, S. 151

Hier eine kurze Einführung in eine Dokumentation über die Arbeit von Elisabeth Kübler- Ross mit Sterbenden. Die Dokumentation selbst in in etwa 10- minütigen Teilen bei YouTube zu sehen.
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