Abschied von Kreuzfahrtschiff Anthroposophie zu Ansgar Martins "Rassismus und Geschichtsmetaphysik. Esoterischer Darwinismus und Freiheitsphilosophie bei Rudolf Steiner" | EgoBlog | Die Egoisten

Abschied von Kreuzfahrtschiff Anthroposophie zu Ansgar Martins "Rassismus und Geschichtsmetaphysik. Esoterischer Darwinismus und Freiheitsphilosophie bei Rudolf Steiner"

Der viel zu früh verstorbene amerikanische Romancier David Foster Wallace hat in "Schrecklich amüsant- aber in Zukunft ohne mich" seine persönlichen Schrecken auf einer eine Woche währenden Luxuskreuzfahrt in der Karibik beschrieben. Er ist als Stranger in a strange land inmitten einer Gesellschaft auf hoher See gelandet, der er nicht entfliehen, deren Verhaltenskodex er aus Unkenntnis, Verweigerung und Verstörtheit er aber auch nicht entsprechen kann. Das beginnt beim Ententanz-Kurs für 500 erwachsene Männer und endet keinesfalls bei eleganten Dinners. Eigentlich ist schon die Grundfrage, warum er sich freiwillig auf eine solche Unternehmung einlassen hat, nicht einsichtig, wenn jeder ihm erklärt, diese Zeit an Bord werde benötigt als "wohlverdiente und längst überfällige Belohnung für irgendwelche Belastungen der vergangenen Wochen/Monate/Jahre oder aber als letzte Chance zum Aufladen irgendwelcher psychovegetativer Batterien oder gar beides zusammen." (S. 45)

Während Wallaces Buch zu einem urkomischen Bericht zwischen inkompatiblen Lebensentwürfen wird, positioniert sich Ansgar Martins - durchaus ernsthaft und ironiefrei, aber auch als Stranger in a strange land - als Betrachter einer Anthroposophischen Gesellschaft, die ihren Kapitän Rudolf Steiner auch 100 Jahre nach dessen Wirken als sakrosankt und unfehlbar ansehen möchte, ungeachtet der zahllosen, Jahrzehnte andauernden Diskussionen etwa über dessen rassistische Bemerkungen. Martins geht das Kreuzfahrtschiff einmal der Länge nach ab - entlang der Entwicklungs- und Deutungsphasen ihres Kapitäns- und entfaltet dabei seine These, dass die "gewissen Stellen" im Werk Steiners keine einzelnen populistischen Entgleisungen gewesen sein können, sondern mit einer sich wandelnden, aber doch zentralen Teleologie im Werk Steiners zusammen hängen- der Weiter- und Höherentwicklung des Individuums im Sinne eines "esoterischen Darwinismus".

Martins berichtet zunächst den Forschungsstand in Bezug auf rassentheoretische Aussagen Rudolf Steiners, d.h. Rassismus „aufgrund der Abwertung von Rassen und Völkern und der Überhöhung der weißen Rasse, namentlich der Deutschen". Dabei spielen der hier zitierte Zander und der amerikanische Historiker Staudenmaier eine zentrale Rolle. Auch Staudenmaier vereinfacht die Rolle der Rezeption Steiners im Nationalsozialismus nicht- es habe sowohl „folgenschwere Feindschaft", „Distanz und Resonanz" gegeben „und eine vereinfachende Deutung verkennt leicht die Spannungen zwischen beiden Polen".
Ähnlich differenziert geht Martins in seinem Buch vor.

So greift er auf die Biografie Steiners zurück, vor allem auf „seine intellektuelle Sozialisation im Vielvölkerstaat Habsburg" (S. 22). Während des Studiums bezeichnete sich Steiner in seinem Selbstbild selbst als Teil „der deutsch- nationalen Bewegung" und sah für die Deutschen eine „“geistige" Aufgabe und „Kulturmission"" (GA 30, 1884, Martins S. 24).
Als Redakteur der Deutschen Wochenschrift (1888) häufte Steiner „offenherzig Stereotyp um Stereotyp" (S. 25) an und schrieb vom Deutschen als „von sittlichem Hochsinn" durchtränkt, während er den Franzosen mit ihrer „Frivolität" und „Liberalität" nichts als „klügelnde(n) Verstand" unterstellte. In einer Rezension entglitten Steiner trotz seiner Ablehnung des Antisemitismus und jedes „Rassenkampfes" dennoch Äußerungen wie die, „Das Judentum als solches" habe „keine Berechtigung innerhalb des modernen Völkerlebens". (S. 28) Die peinlichen Belehrungen des jüdischen Hausherrn Ladislaus Spechts durch den jungen Steiner, der im Haus ein und aus ging, hat Steiner in seiner Autobiografie ganz unbefangen wiedergegeben: „Aber es war bei dem Hausherrn, dem ich sehr zugetan war, eine gewisse Empfindlichkeit vorhanden gegen alle Äußerungen, die von einem Nicht-Juden über Juden getan wurden (S. 29)“. Was nur zu verständlich war.


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