Ostern - an der Kehre des Flusses | EgoBlog | Die Egoisten

Ostern - an der Kehre des Flusses


Page_19_2

Erinnerungen, abgelegt in Borken, in organischem Material, in den Uferverläufen eines mäandernden Flusses. Da gibt es Ablagerungen, Verkrustungen -von jedem Tag, jedem Monat, jedem Jahr. Die Zeit bildet Schichten - Flöze in der Großhirnrinde.

Eine ganze Szenerie vor Augen, wenn man erinnert. Personen spielen hinein, ein Hintergrund, eine Musik. Eigentlich kann man sich an Gesichter nicht erinnern- eigentlich vergegenwärtigt man sie im wortwörtlichen Sinn; die Person steht einem vor Augen; man hat sie nicht nachgebildet, nur ihre Erscheinung erfahren. Diese Person steht in einem kausalen und zeitlichen Zusammenhang, in einem Set, einem Arrangement. Sie übersteigt das Denkbare und wird zur einzigartigen Person jenseits dessen, was sie als Objekt, als Naturhaftes, als Gewordenes darstellen mag.

Manchmal verlieren sich vor allem alte Menschen in so einer Schicht, in einer Ära ihrer selbst. Manchmal gelingt es Menschen schwer, aus dem Mutterkuchen frühen Glücks jemals wirklich auszubrechen. Sie werden von einer vergangenen Ära gestützt und zugleich gefangen gehalten, weil sie sich aus ihr definieren. Sie gestatten, dass sich ein Gepräge, eine Erfahrung, ein Charakter aus einer Schicht von Reminiszenzen bildet. Das, sagen sie, bin ich. Ich lebe aus der Gnade meiner Krusten und Geformtheit, ich bin der Herr der Borken und meines vergangenen Lebens. Daraus bin ich gebaut.

Aber wer ist es, der dieses Geformtsein als solches erkennen kann? Ich mäanderte fragend, leer und erschöpft in einer Landschaft reiner Gegenwärtigkeit. Ich schöpfte Wasser aus einem Fluss, der keine Ufer hat. Ich wurde, als ich nackt war, eingekleidet. Ich wurde an der Kehre des Flusses, unter den blühenden Apfelbäumen, mit Brot gesättigt, als ich hungrig war. Ich weiss, in dieser Landschaft ist er zuhause, der alle Hungrigen speist und alle bekleidet.

Ich kam voller Scham; die Scham hat mich hierher geführt. Es ist also wahr: Wenn die Krusten und Borken abgelegt sind, das Auge ins Blaue gewendet und die Zunge zum Kiesel geworden, lebe ich doch fort. In der Luft sein Atem, auf spurlosem Grund. An der Kehre des Flusses lebt man aus seiner Gnade fort.
blog comments powered by Disqus