Kamaloka | EgoBlog | Die Egoisten

Kamaloka

Kamaloka ist die Hölle, die wir uns selbst bereiten. Wir haben Gefühle, Meinungen, Auffassungen, Maximen, Standpunkte und Lebenserfahrungen einschließlich unserer kleinkindlich- neurotischen Grundstellationen zu einer virtuellen "Cloud" verbacken, die uns ununterbrochen umschwirrt- Luftschiffe in unserem privaten Kosmos, Argumentationslinien, Kampflinien, kriegerische Fronten. Wir haben diesen Panzer um unseren Lebenskern errichtet.

Wir haben selbst unsere simplen Gewohnheiten und unser Essen so ausgewählt, dass sie uns selbst bestätigen, das Selbstgefühl verstärken, uns in uns verankern sollen, denn wir sind nur ein wackliges Gerüst, ein Windhauch- wir müssen uns Stabilität verleihen. Neues und Unerwartetes, das nicht in unseren Erwartungshorizont, in unseren Erfahrungskontext passt, wird meist ausgeblendet und verdrängt. Es sind Korsette, Beinschienen und Gerüste, die uns stützen, aber nichts, was den Winden wirklich widersteht. Wir stapfen wie ein Storch, mit spitzen Füßen durch die Wirklichkeit, die uns begegnet und hungern ewig nach Bestätigung. Aber der Wind ist rau und unstet, er dreht sich fortwährend, und irgendwann wird er uns erreichen.

Das, was uns fehlt, ist unsere eigene Wirklichkeit. Irgendwann wird uns der harte Wind einholen, und wir werden nackt da stehen, unbehütet. Die Illusionen, in die wir uns wie in Pralinenpapier eingehüllt haben, werden zerstieben. Das, behauptet das Christentum, sei die Hölle. Aber es ist eine Hölle, die wir selbst errichtet haben, verteidigt und begründet.

Das, was uns selbst in unseren besseren Zeiten fehlte und nur selten aufschimmerte, wird zur einzigen Quelle, zum Einzigen, was bleibt: Die Originalität. Das in uns Quellende und im Augenblick Aufscheinende, das lebendige Licht der Erkenntnis: Das sind wir. Wir verpassen und vergeuden es, wenn wir nur auf die scheinbaren Gewissheiten bauen. Plötzlich tut sich der Boden unter den Füßen auf, und wir stehen vor der nackten Existenz: Kamaloka. Dabei gibt es jeden Tag Gelegenheiten, in jedem Augenblick eine Chance, in jeder Begegnung eine Perspektive.

In seinem nach dem Tod erschienenen Meditations- Tagebuch "Licht und Leere" notierte Georg Kühlewind:

"Reine Aufmerksamkeit = frei von jeder Formbildung. Reinigung bedeutet Reinigung der Aufmerksamkeit von Formen. Kamaloka." (S. 65)

Unsere Angst besteht darin, dass wir in der Leere nicht mehr bestehen würden, da hier nichts besteht, an dem wir festhalten können. Aber das Nicht-Festhalten läßt gerade die Quelle entspringen, den ureigenen Willen vor jeder Form. Wir sind in der Formlosigkeit zu Hause, im quellenden Strom der hingebenden, vollkommenen Aufmerksamkeit, der Hingabe. Uns hingebend entspringen wir neu und unerschöpflich.
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