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Michael Eggert: Das ägyptische Ka- Mysterium

Das Rätsel um die Darstellung eines Doppelgängerwesens auf ägyptischen Schöpfungsdarstellungen wie im vorliegenden Bildbeispiel der Verlebendigung von Hatschepsut durch Heket besteht seit langer Zeit. Im Bild reicht Heket das Anch- Zeichen, was das Leben- Spendende bedeutet; d.h. das doppelte Wesen erhält mit diesem Schöpfungsakt erst den Lebensleib. Letzterer kann in der Doppelheit also nicht gemeint sein. Das zweifache Kind steht auf einer Töpferscheibe und wird vom Widder- artigen Chnum in seiner physischen Natur geschaffen; von Chnum heißt es: Er formt den Leib, bevor dieser in den Schoß der Mutter eingeht. Es fällt aber auf, dass in dieser Art von Schöpfungsdarstellungen eine der Gestalten ungeschlechtlich ist.
ka

Daher nimmt Max Hoffmeister in seiner Darstellung* an: Die ungeschlechtlich dargestellte Figur auf der Töpferscheibe „muss nämlich der Ka sein, kann nur der Ka sein, weil er sich als Geistkeim des physischen Leibes bei der Konzeption nur der Mutter zugesellt.“ (S. 163) Um die Darstellung zu ergänzen, sei der Ba genannt, der mit dem seelischen Leib des Menschen zusammen hängt, und, zwischen Ka und Ba, der Ach, den Hoffmeister mit dem Lebensleib verbindet. Letztere tauchen in den Darstellungen des abgebildeten Schöpfungsakts noch nicht auf. Hatschesput regierte als Pharonin von 1504-1483 aC. Sie selbst hat sich mit männlichen Geschlechtsmerkmalen darstellen lassen: „Hence we see on the god´s table two boys, both exactly alike, one being the little queen and the other her Ka, her double, which is indissolubly united to her from the day of her birth. These two human beings are lifeless. When Khnum has finished his work, when the two boys are standing before him, life is given them by his divine consort, the frog- headed Heket, who holds before their nostrils the sign of life“ (E. Naville in Hoffmeister, S. 164)

Der Ka eines Pharaos (oder einer Pharonin) wird den Göttern gleichgestellt, eine Art göttliches Urbild des Menschen, obgleich - auf der Töpferscheibe - gleichwohl eine physische Struktur. In manchen Grabstätten gab es eine eigene (Schein-) Tür für das Ka. Außerdem machte Uehli darauf aufmerksam, dass eine der Folgen der rituellen Mumifizierung war, dass das mit dem irdischen Leib verbundene Ka dadurch mit der „Mumie in der Grabkammer verbunden blieb“. Das göttliche Ka wurde durch diese Praxis faktisch magisch gebannt. Nun gingen diese Mysterien davon aus, dass mitgegebene, beschriebene Binden von dem Verstorbenen auch gelesen werden konnten- ebenso wie rituelle gelesene Texte von ihm gehört werden konnten: Der Tote musste also nicht nur hören, sondern aus lesen können“- ähnlich wie dies auch heute bei manchen Nahtoderlebnissen geschildert wird. Dies ist offenbar möglich, obgleich die Verbindung zu den physischen Sinnesorganen des physischen Leibes - in tiefer Ohnmacht - nicht mehr besteht. In den ägyptischen Mysterien war dies eine Erkenntnismethodik - ursprünglich rein sakralen, später wohl auch magischen Charakters -, die durch die Bannung des strukturell leiblichen, aber nicht physischen Ka ein Schauen jenseits der Schwelle ermöglichte - hörend, sehend „als wenn sie in ihrem Körper steckten“ (Hoffmeister, S. 165), aber nicht sprechend. Das ist nur aus einem Grund möglich: Der Ka ist das, was in der anthroposophischen Geistesforschung das Phantom genannt wird: „Denn nur das Phantom, der Ka also, besitzt physische Sinnesorgane“ (Hoffmeister, dito). Und nur auf diese Weise kommt eine quasi- leibliches Hellsehen -so wie in einer physischen Umgebung- zustande.

In den ägyptischen Mysterien galt: Der Ka blieb an die Erdensphäre gefesselt und empfing von der Erde her die Opfergabe der Hinterbliebenen. Dieser Empfindung wegen, die „nunmehr zwischen dem Ka und der Mumie bestand, wurde in der Grabkammer außer der wirklichen Tür eine Scheintür für den Ka eingerichtet -- Blieb somit der Ka mit der Mumie erdverbunden, so ging der Genius des toten Pharao als Osiris in die Himmelswelt der Götter ein.“ (Hoffmeister nach Uehli, S. 166) Der Ka soll in der Mumie ein- und ausgehen können, auch lange nach dem Tod. Andererseits darf man annehmen, dass eingeweihte Hohepriester an der Mumie über den Ka auch sakrale Einblicke in die geistige Welt nehmen konnten. Um diese Einblicke unverzerrt aufnehmen zu können, wurde das Herz in der Mumie belassen, aber die Mumie selbst musste auch „möglichst lebensnah gestaltet“ (Hoffmeister S. 166) sein-also bestens präpariert, angemalt und hergerichtet. So war das Ka, obwohl übersinnlicher Natur, „das am meisten widerstandsfähige und verdichtete Element des Menschenwesens.. Obwohl immateriell, glich das Ka nach Ansicht der Ägypter, ganz genau dem irdischen Körper des Verstorbenen.“ (Kolpaktchy nach Hoffmeister, S. 166) Daher gab es das geflügelte ägyptische Wort Wenn ich sterbe, wird mein Ka mächtig.

Diese Macht hatte jedoch dadurch im Nachtodlichen enge Grenzen, da der Blick auf das Irdische gebannt ist, aber auch die wesentliche Umwandlung des Phantoms in den kosmischen Geistkeim - der Entfaltungs- und Gestaltungsraum der Entelechie im Zusammenwirken mit den hierarchischen Begleitern- zumindest vorerst unterbleibt. Auch die geistige Schau der Hohepriester hat absolut medialen Charakter. Aber diese Charakteristika hatten einen Mysterienzusammenhang eben in einer vorchristlichen Zeit. Zudem gab es weitere Aspekte des ägyptischen Totenkultes, der seelische Aspekte beinhaltete- wenn etwa der Ba- Vogel (Seelenleib) „sich sogar dem Osiris im Himmel zugesellen“ (Hoffmeister, S. 171) konnte. Der Ba wurde als Storch mit Menschenkopf dargestellt.

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Hoffmeister, Die übersinnliche Vorbereitung der Inkarnation. Verlag Die Pforte, Basel 1979
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