Julie Klimas Erinnerungen an Rudolf Steiner | EgoBlog | Die Egoisten

Julie Klimas Erinnerungen an Rudolf Steiner

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Julie Klimas Erinnerungen an Rudolf Steiner umfassen etwa 30 Seiten, stammen aus dem Jahre 1928, und finden sich als Anhang in Ludwig Polzer- Hoditz „Erinnerungen an Rudolf Steiner“. Klima stammte aus Prag. Sie hat Rudolf Steiner meist dort vor Ort getroffen- durch ihren Ehemann („mein teurer, verewigter Gatte“), der mit Steiner dienstlich zu tun hatte und selbst eigentlich keinen oder nur spät einen Zugang zu ihm fand. Rudolff Steiner äußerte in Bezug auf ihn: „Die sind mir die liebsten, die so schwer herankommen.“ Für die „ganz klerikal“ erzogene, später völlig atheistische, auch in ihrer Ehe recht unglückliche Julie war Steiner von der ersten Begegnung an der „Meister“- sie nannte ihn nie anders, und empfand überhaupt mit einer Unmittelbarkeit und Stärke, die in ihrer Schilderung berührt. Julies Unglück bestand in ihrem Umzug ins fremde Prag, in ihren Schwierigkeiten mit ihrer Tochter, und später in der chronischen Untreue ihres Mannes. Als sie nach einem ersten Vortrag Rudolf Steiners einen Augenblick mit diesem allein ist, erkennt -empfindet- sie sofort dessen Größe: „Ich wusste damals noch nichts von Hellsichtigkeit. In einem Moment aber, da wusste ich, dass er alles wisse, was in mir vorgeht. Eine tiefe Scham überkam mich. Kein Wort brachte ich über meine Lippen, ich hatte nur das Gefühl, in den Boden versinken zu wollen. Ich floh von dannen wie eine Geächtete.“

Nach diesem bodenlosen Erlebnis beginnt sie konsequent an sich zu arbeiten, um Steiner ein Jahr später wieder unter die Augen treten zu können: „Aber diesmal hielt ich den Blick bereits aus.“ Mehrmals fragt Rudolf Steiner sie, wie es ihr gehe. Wieder schleicht sie davon. Aber diese Scham ist etwas, was sie, die Atheistin, in Steiners Vortrag innerlich beschwingt und belebt: „Ich sah die Aura des Meisters.“ Später tritt Steiner auf sie zu, reicht ihr die Hand und drückt seine Freude über die Begegnung aus. Von nun an bis zu Steiners Tod besteht diese Beziehung in immer neuen Begegnungen.

Die anfängliche Scheu gegenüber dem „Meister“ schwingt bald um in ein sehr vertrautes Verhältnis. Julie bespricht ihre intimsten Probleme mit ihm, erhält aber auch persönliche Meditationsanweisungen. Als die jahrelange Affäre ihres Mannes mit einer anderen Frau offenbar wird, die zudem wohl schwierig im Sinne eines Borderline- Syndroms war, rät ihr Steiner, sich mit dieser Frau anzufreunden. Julie Klima befolgt nicht nur diesen Rat, sondern lässt diese Frau bei der Familie einziehen. Es folgt ein jahrelanges Psychodrama bis zum Tod des Mannes, das Steiner immer wieder beratend begleitet. Julie wird zur ersten Anlaufstation für die Familie Steiner, Polzer-Hoditz und Andere in Prag: „Es war die schönste Zeit meines Lebens.“ Steiner dient in vielerlei Hinsicht als Familientherapeut: „Ihr Fall ist eine Tragödie. Aber wollen Sie denn keine Tragödie erleben? Nur banale Menschen erleben keine Tragödien.“

Einen besonderen Höhepunkt erreicht die Beziehung zwischen Julie Klima und Steiner bei einem langen Ausflug zur Burg Karlstein 1918. Steiner war bester Laune, zeigte aber auch schon mal Differenzen im Verhältnis zu seiner Frau Marie: „Renommieren Sie schon wieder?“ In der Kapelle von Karl IV. empfand Julie „plötzlich ein wunderbares Seligkeitsgefühl in der Nähe des Meisters“- sie zieht sich wie alle anderen dezent und sensibel zurück. Steiner bestätigt später im Anblick der Fresken, dass darin die Chymische Hochzeit des Christian Rosenkreutz dargestellt werde.

Julie Klima gehörte zu denen, die mit Steiner innerlich mitgingen, ihm Freundin und Begleiterin war. Es gab diese sehr persönliche Ebene, für die sie sich, als er kränker wurde, auch schämte, aber auch eine Ebene des Erkennens und Anerkennens, die ihre Darstellung so einzigartig macht. Sie war Steiner zu wichtigen Zeitpunkten eine treue und innerlich tief mitempfindende Freundin. Man spürt das bei ihr in jeder Zeile.
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