Michael Eggert: Das Janus- köpfige Ich. Teil 2 | EgoBlog | Die Egoisten

Michael Eggert: Das Janus- köpfige Ich. Teil 2

Out of Body

Nicht selten erleben Zeitgenossen in den letzten Jahrzehnten Out-of-Body- Erfahrungen, die einer spontanen Erleuchtung ähneln. Gurus und meditative Techniken führen systematisch an solche inneren Wendepunkte heran. Meist ist das Resultat solcher Erlebnisse in „gelockertem“ Bewusstseinsgefüge, dass die vorhandenen Maximen und Standpunkte sich weiter vertiefen und zementieren. Das Ego erweitert sich um eine Projektion, wird selbst aber höchst selten infrage gestellt, irritiert oder gar brüskiert. Die „spirituelle Erfahrung“ hat dadurch Postkartenformat. Die tatsächliche innere Erschütterung setzt daher meist erst ein bei wie herein brechenden persönlichen, sozialen und gesellschaftlichen Krisen und Katastrophen. Es ist die Frage, in wie weit wir uns dafür bereit gemacht haben, wie wir ihnen begegnen und wie wir damit weiter leben. Crowley selbst, der „Chosen One“, endete verbittert und einsam, mit dem Gefühl, sein Leben verpfuscht zu haben. Die Glorifizierung des eigenen Ichs hat ihre natürlichen Grenzen.

Natürlich gibt es Auswege aus den geschilderten Dilemmata. Zu diesem Zweck hat Rudolf Steiner seine Geisteswissenschaft ja begründet. Selbständige Denker werden sich früh daran stören, wenn sie sich dabei ertappen, Main-Stream-Trends, unwillentlichen Assoziationsketten, Werbebotschaften, Heilsversprechen, in bestimmten Situationen aufflammenden Emotionen und Begierden, aus Geiz und Intrigantentum gespeisten Antrieben zu erfolgen. Es geht nicht um ein angestrebtes Asketen- Klischee, sondern um die unangenehme Entdeckung, das eigene Denken als sich entgleitend, als fremdbestimmt zu erleben. Dies nicht zu beschönigen, sondern bis auf den Grund zu verfolgen, ist eine Grundreinigung des eigenen Hauses - zumindest in meditativen Ausnahmesituationen - und damit der Ansatzpunkt für jede Autonomie des Bewusstseins. Die Wendung des losgelassenen Willens nach Außen - die Beherrschung von Natur und Umgebung zur Unterwerfung unter das Joch des ungeklärten Inneren, die Macht- ist dagegen die Grundbewegung des Magiers.

Die innere Klärung und der Janus- Kopf

Die fortschreitende innere Klärung - im Sinne der fortschreitenden so genannten Bewusstseinsseele- führt aber auch zu sozialen Fähigkeiten, zu einer dialogischen Begegnungsfähigkeit: "Das wird dazu führen, dass durch die Sprache hin- durch die Seele des Menschen gehört wird. Dasjenige, was man sonst nur als Wärme empfindet, wenn man den Menschen anschaut, wird gewissermaßen Farbe, wenn man dem Menschen zuhört. Das dritte ist, dass die Menschen die Gefühlsäußerungen, die Gefühlskonfigurationen der anderen Menschen auch intim in sich erleben werden. (..) Die Menschen werden einander farbig empfinden müssen auf dem Gebiete des Verstehens durch die Sprache. Die Menschen werden sich als Ich kennenlernen, indem sie sich wirklich anschauen lernen." (Rudolf Steiner, GA 185, S. 117ff)

Nach Innen hin setzt sich der Weg über das Anschauen der eigenen seelischen Konfigurationen, Erziehungs- und Reaktionsmuster, Selbstbilder und Konstrukte dahin gehend weiter fort, dass die autonome Entität sich willentlich in langer Übung daran gewöhnt, alle Sinne und Rückkopplungen an den Körper situativ abzuschalten, um ganz in der Stille und "bei sich" zu sein. Die Tiefe der Stille ist unergründlich. Dabei bilden sich nach und nach um die Stirn, den Kehlkopf, die Handinnenflächen und schließlich um die Hautoberfläche als Ganze Energiefelder aus, die zu einem quasi- räumlichen Umfeld führen. In diesen "geistigen" Leib faltet sich die Entität hinein, wobei es sich als Strömendes in Strömendem erlebt, aber auch ohne leibliche Rückmeldung als Person. Das sich entfaltende imaginative Panorama wird in Devotion intensiv in seiner Fülle erlebt, in vollkommener Hingabe und Liebe. Quellendes, unerschöpfliches, sich aus sich selbst gebärendes Leben ist hier erfahrbar. Noch sind die heran brandenden bewegten Farbfelder zwar intuitiv erkennbar als "Wille", aber noch solange nicht verständlich, solange der eigene Wille nicht vollkommen geklärt ist. Das körperliche Eigensein ist etwas, was erkennbar wird als ein möglicher Ausdruck des eigenen Selbst, als etwas wie ein sprachlicher Ausdruck. Es ist völlig klar, dass dieser Bereich der Transparenz, des Bewusstseins, Lebens etwas ist, was der Natur des eigenen Seins entspricht. Es ist aber auch klar, dass die Biografie des Geistes, der man ist, nun einen weiteren Schritt gemacht hat auf einem Weg, der in Autonomie und Hingabe zugleich zu sich selbst führt. Der Eigenwille des magischen „Tu was du willst“ wird so weit zurück genommen, dass sich in der Stille, in der Mitte des Seins ein Quell öffnen kann, als Akt der Gnade und der geistigen Neugeburt. Die Individualität ist hier aufgenommen, im kühlen, klaren lebendigen Strom.

Nun sind wir weder völlig korrumpierte noch jemals wie auch immer befreite Individuen. Wir sind als Zeitgenossen Janus- köpfig. Das ist das Zeichen der Bewusstseinsseele. Wir schauen auf uns selbst, wir sehen manche unserer Antriebe und Handlungen mit Befremden. Manchmal verschwenden wir unsere Energien, um idealisierte Selbstbilder zu erklären. Wir kreisen um uns selbst, um unlösbare Konflikte und Beziehungen, sind aber zugleich frei genug, um eben dieses Kreisen sehr wohl wahr zu nehmen. Letztlich geht es nicht um Positionierungen und Selbstdefinitionen, sondern um die innere Freiheit, in der richtigen Situation initiativ werden zu können. Am eigenen Versagen, am Unlösbaren, am klaren Blick auf das Elend der Zeitgenossenschaft und auf unser eigenes Verstricktsein nichts zu beschönigen, aber auch nicht zu resignieren, lässt das in uns wachsen, was wirkliche innere Autonomie bedeutet, zugleich aber verbunden ist mit der Welt, dem Schicksal, der Natur und den Mitmenschen.
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