Michael Eggert: Das Janus- köpfige Ich. Zu spirituellen Erfahrungen des linken und des rechten Pfades, Teil 1 | EgoBlog | Die Egoisten

Michael Eggert: Das Janus- köpfige Ich. Zu spirituellen Erfahrungen des linken und des rechten Pfades, Teil 1

„Philosophischer Satanismus“

Der These folgend, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine allgemeine Öffnung aller spirituellen Richtungen begann, die sich zunächst im Schmelztiegel in der und um die Theosophische Gesellschaft tummelten, um sich dann nach und nach zu entfalten, finde ich Bestätigung im Buch eines nach eigenem Bekenntnis „der linken Hand" folgenden Autors, Stephen E., Ph.D. Flowers in „Lords of the Left-Hand Path: Forbidden Practices and Spiritual Heresies“.

Die „Brüder der linken Hand“ (um einen altertümlichen Begriff zu benutzen) verstehen sich zunächst als Vertreter des freien Willens des Individuums: „The left-hand path considers the position of humanity as it is; it takes into account the manifest and deep-seated desire of each human being to be a free, empowered, independent actor within his or her.“ (Flowers) Im Gegensatz zu Vertretern der „rechten Hand“ sehen sie keine göttliche Orientierung ihres Wirkens: „Where the right-hand path is theocentric (or certainly alleocentric: „other-centered“), the left-hand path is psychecentric, or soul/self-centered.“ Der Magier möchte „die Welt“ seinem Willen unterwerfen und strebt dabei keine Harmonie an: „The magician makes the universe do his bidding so as to harmonize itself with his will, whereas in religion the human community attempts to harmonize its behavior with a universal pattern that is perceived to derive from God or Nature“. (Flowers)

Der „philosophische Satanismus“, der sich seit Mitte des 20. Jahrhunderts entwickelt habe, entstamme dem öffentlichen und allgemeinen Aufbruch in der okkulten Melange zu Beginn des 20. Jahrhunderts: „...no period of history is more important than the occult revival of the late nineteenth and early twentieth century. The original Luciferian/Ophite-Gnostic doctrines of the Theosophy of H. P. Blavatsky (especially as expressed in The Secret Doctrine) form one branch of this tradition, while the Thelemism of Aleister Crowley forms another.“ (Flowers) Dazu möchte ich anmerken, dass sich eine ganze Reihe magisch Tätiger im direkten Umfeld von Blavatsky befunden haben oder sich sogar zu ihren direkten Schülern zählten- wie etwa William Butler Yeats. Ich sehe eher ein sich entwickelndes dreigestaltetes Feld in theosophisch- anthroposophischer Linie, in Richtung eher ritueller magischer Logen wie Golden Dawn und Stella Matutina und der Richtung des O.T.O. eines Reuss oder Crowley. Auch die „graue“ Linie einer Stella Matutina experimentierte zeitweilig mit Sexualmagie, Invokationen, mit Trance und Medien, hatte aber in ihren zeremoniell- freimaurerischen Installationen einen Zugang für ein libertäres ( und zahlendes) Bürgertum- manchmal in einem Ausmaß, dass der Übergang zu theatralischen Darbietungen fließend war. Aber auch Crowley übte sich lebenslang in solchen Auftritten - zeitweilig auch als Maler-; hauptsächlich um seine Sucht nach Öffentlichkeit, Schock und Geld zu befriedigen.

Entgrenzung

Radikale Überwindung aller moralischen Grenzen, die den aktiven Magier und Satanisten umtreiben, um alles „Haftende“, alle soziale Verbindlichkeit zu überwinden, kommt unweigerlich an einen Punkt, der eindeutig ins Unethische führt: „Ultimate spiritual independence is the essential quality of the left-hand path. With the freedom this quality provides comes the possibility for unethical behavior.“ (Flowers) Der radikale Individualismus, der auf diese Weise Anfang des 20. Jahrhunderts in die Öffentlichkeit trat, hat einerseits eine sehr lange Tradition, die (nach Flowers, der zweifellos voreingenommen ist) bis in die Frühzeit hinduistischer Sekten und ägyptischer Gottheiten führt. Andererseits ist er vor allem zu Beginn der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts in satanistischen Gruppierungen aufgegriffen worden, die sich in vieler Hinsicht auf Aleister Crowley beriefen.

In gewisser Hinsicht ist er aber zum (non)ethischen Maßstab der Zeit geworden, etwa in der Doktrin der „Selbstverwirklichung“, des Erfolgs um jeden Preis, des ununterbrochenen wirtschaftliche Wachstumsmotors (auf Kosten der Umwelt, kommender Generationen und Arbeitnehmer), der ständigen Verfügbarkeit der Annehmlichkeiten der Wohlstandsgesellschaften, als Turbokapitalismus ohne alle Grenzen. Das Überwinden der sozialen Verbindlichkeiten, die persönliche Verwirklichung, die Vergiftung der Umwelt durch Kunststoffe und die schnelle Verfügbarkeit jeglicher Ware sind ja heute die Standarderwartung des Ego. Wir kreuzen die Säbel mit Anderen argumentativ und verschieben die Niederlagen und Untergänge ins TV- Programm. Wir delektieren uns an der Lächerlichkeit Anderer. Insofern bedeutet der „Sturz der Geister der Finsternis“ vor allem, dass wir sie in uns selbst auffinden. Sie stellen die ethische Norm für uns dar. Von daher ist es problematisch, explizit „spirituelle“ Ziele zu verfolgen, da fast alle marktgerechten Wege heute vor allem bedeuten, das Ego vor uns selbst und vor Anderen aufzuwerten. Unsere ethische Ausgangslage ist so, dass wir mit dem Illusionären rechnen müssen, egal welchen Anstrich es haben mag. In der umfassenden Waren- und Informationswelt, die das Ego in jeder Hinsicht versorgen soll, ist das „Spirituelle“ das ultimative Produkt, das uns womöglich auch noch eine ethische Fassade geben soll. Daher finden sich unter den „Spirituellen“ so extrem fanatische Personen- sie verteidigen ihr sakrosanktes Selbstbild mit den Mitteln des Kampfs und der argumentativen Unterwerfung oder, notfalls, Gewalt. Dass die ethischen Selbstbemäntelungen mit unethischen Mitteln verteidigt, dass sie dabei vollkommen korrumpiert werden, bleibt unentdeckt und ein inneres Tabu.

______
Anmerkung: Das genannte Buch führe ich nicht als Empfehlung auf, sondern als Arbeitsmaterial. Der Text ist - insbesondere in Bezug auf das Christentum- selbstverständlich inakzeptabel, um nicht zu sagen lächerlich. Wer Flowers dennoch in einer befremdlichen Show („WitchTalkShow“) in einem langen Interview kennen lernen möchte, findet dies auf YouTube.
blog comments powered by Disqus