Zu schön, um nicht wahr zu sein - wie man zu Intuitionen, Ideen und Erfindungen kommt | EgoBlog | Die Egoisten

Zu schön, um nicht wahr zu sein - wie man zu Intuitionen, Ideen und Erfindungen kommt

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Nein, wir sprechen nicht von Esoterik, Mystik oder Magie, sondern von Wissenschaft im umfassenden Sinn - und beziehen uns dabei auf Gary Kleins Buch „Seeing What Others Don't: The remarkable ways we gain INSIGHTS“. Klein hat über hundert Wissenschafts-, Finanzmarkt-, Militär- und historische verbriefte Geschichten gesammelt- von der Entdeckung des AIDS- Virus bis hin zur Enttarnung des Finanzmarkt- Betrügers Bernie Madoff. Es geht um die Voraussetzungen für plötzliche Einsichten, die Einzelne trotz massiver Widerstände, konkurrierender Forscher, widersprüchlicher Faktenlage, und/ oder scheinbar widersprechender Dogmen haben. Ein seltenes Beispiel für eine solche Intuition (hier im Titel zitiert) stammt von den Erforschern der Struktur der menschlichen DNS, Watson und Crick, die ästhetisch von deren Schönheit berührt waren: „We may even have an aesthetic reaction to the beauty of the insight. Watson and Crick felt that their double helix model was too beautiful not to be true.“

Viele aber, wie Marshall und Warren, mussten über ein Jahrzehnt lang nicht nur Ignoranz, sondern auch Häme der gesamten wissenschaftlichen Welt ertragen, als sie entdeckten, dass die chronische Entzündung der Magenschleimhaut - und in Folge Magenkrebs - auf einen bakteriellen Infekt zurück geht und einfach durch ein Antibiotikum gestoppt werden kann. Dass diese Art von Erkrankung Stress- bedingt und durch schwer wiegende Operationen, spezielle Medikamente und Antidepressiva zu behandeln war, galt nicht nur als Dogma, sondern hatte auch milliardenschwere wirtschaftliche Interessen bedient. Letztlich kamen den Forschern glückliche Umstände als auch ein damals verzweifelter, aber sensationeller Selbstversuch entgegen.

Diese Betrachtungen führen zu der Schlussfolgerung des Historikers Daniel Boorstin „The greatest obstacle to knowledge is not ignorance; it is the illusion of knowledge“- wir kontextualisieren zu viel. Wir bewegen uns im Status Quo des vertrauten Denkens, betten Beobachtungen und Erfahrungen in die bekannten Bezüge ein und verhindern so tatsächlich neue Erkenntnisse- sei es in der Wissenschaft, im privaten Leben oder auch - so dürfen wir folgern- in der meditativen Arbeit.

Andererseits hat es schon seinen Grund, dass wir denkend vorsichtig taktieren. Schließlich ist die Welt voll von Spinnern und Ideologen, und wir alle neigen zu assoziativen Verbindungen, um Zusammenhänge zu verstehen und Verständnismodelle zur eigenen Orientierung zu entwickeln: „We are all attuned to coincidences. We are sensitive to associations. Sometimes we are too sensitive and see connections that aren’t real.“ Der fatale Hang, Zusammenhänge sehen zu wollen, korrumpiert das Denken also ebenso wie die Neigung, an einmal gefundenen Kontextualisierungen fest zu halten.

Trotz allem gibt es ihn- den Blitz einer Erkenntnis, die Erfahrung einer Idee, das Schauen eines tatsächlichen, aber bisher nie gesehenen Zusammenhangs, „the flash of illumination“. Der Einschlag des Gedankens wird nicht selten von einer Empfindung der Evidenz begleitet- „a feeling of certainty“. Georg Kühlewind, der anthroposophische Forscher, der übrigens auch Wissenschaftler war, hielt dieses Evidenz- Empfinden übrigens für eine innere spirituelle Orientierung. Überhaupt meinte er, dass aktive meditative Arbeit eine Art Verlängerung im Sinne von Andauern des „Flash of illumination“ ist, ein inneres Einleben in das kreativ intuitive geistige Arbeiten als Ich- Erfahrung.

So weit geht Klein nicht. Aber auch er denkt, dass einmal gewonnene reale Ideen auf uns als Person zurück wirken- eine einmal gefundene tatsächliche Einsicht befreit und flügelt uns und ändert unsere Art, Phänomenen zu begegnen, auf nachhaltige Art und Weise: „Our insights transform us in several ways. They change how we understand, act, see, feel, and desire. They change how we understand.“ Dabei sind eine fundierte Grundkenntnis, ein systematisches Arbeiten an einem Problem, zwar häufig Voraussetzung im Sinne einer begründeten Fokussierung auf ein Thema oder eine Fragestellung, führen aber nicht zwangsläufig zur gedanklichen Intuition: „So I don’t think deliberate preparation is necessary or even practical for many insights.“ Er folgt dabei teilweise einem Denk- Modell von Helmholtz, der verschiedene Phasen zur Entstehung von echten Einsichten propagierte. Ihm zufolge kommt der „Blitz“ der Einsicht häufig in einer zweiten Phase zustande, in der der Forschende nicht mehr eigentlich fokussiert ist, sondern losgelassen hat - sich entspannt und eigentlich eher „weich“ in seinem Bewusstsein („in fringe consciousness“) agiert - im Sinne eines „sanften Willens“: „After working hard on a project, Helmholtz explained that “happy ideas come unexpectedly without effort, like an inspiration. So far as I am concerned, they have never come to me when my mind was fatigued, or when I was at my working table. They came particularly readily during the slow ascent of wooded hills on a sunny day.““

Dem war aber der Aufbau des gedanklichen Netzes im Sinne einer Vorbereitung voraus gegangen: „During the preparation stage we investigate a problem, applying ourselves to an analysis that is hard, conscious, systematic, but fruitless. Then we shift to the incubation stage, in which we stop consciously thinking about the problem and let our unconscious mind take over.“ Wie anders als „meditativ“ könnte man diesen Zustand der „Inkubations- Phase“ bezeichnen? In allen meditativen Schulen kennt man diese Phase, die man dort die Erfahrung der Leere nennt- frei vom fokussierten Inhalt, frei vom eigentlichen Thema, offen und bewusst im Sinne eines „weichen“, empfangenden Bewusstseins. Wissenschaftliche Einsichten kommen, so sehen wir, nicht anders zustande als spirituelle. Erst nach der Erkenntnis- Phase („when insight bursts forth with conciseness, suddenness, and immediate certainty.“) folgt die nächste Ebene der Vergewisserung und Verifikation, in der die gewonnene Einsicht wieder und wieder geprüft wird: „Finally, during the verification stage we test whether the idea is valid.“

Klein wendet gegen das Modell von Wallace ein, dass es keine Gewähr geben kann, dass eine Einsicht im Sinne von gedanklicher Intuition tatsächlich erfolgt. Es gibt in dieser Hinsicht keinen Mechanismus, kein Rezept, keine Gewähr, sonst wären wir alle Genies. Auch die vage Theorie von Wallace, dass sich in der Inkubations- Phase im Unterbewussten irgendwie etwas formt und dann aufsteigt, erscheint ihm konstruiert. Dies gilt, wenn wir das wieder übertragen wollen, auch für die meditative Arbeit: Auch das systematische Arbeiten, das gelungene Loslassen, der fokussierte und der weiche Wille, garantieren nicht im geringsten, dass der Flow der aktiv- imaginativen Meditation gelingt. Die Geduld, ja sogar eine gewisse Demut - also emotionale Tugenden - sind zusätzlich erforderlich. Aber letztlich lässt sich auf diesem Gebiet so wenig wie im wissenschaftlichen Feld erzwingen.
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