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Die Intimität des Schmerzes - Simone Weil

simone weil
Dass das ganze Gewebe unseres Lebens unvermittelt zerreissen kann, ist etwas, was man nicht nur nicht antizipieren will- es ist dem Menschen einfach nicht möglich, die Facetten des Abgrunds, der immer unter seinen Füßen ruht, ansatzweise zu imaginieren. Ein kleines Unwohlsein im Alltag kann, was am Morgen noch eine offene Zukunft war, durch ein Klicken der Apparaturen, die uns durchleuchten, zu einer Biografie machen, die einen Anfang und ein deutlich auszumachendes Ende hat.

In ihrem Roman „The Burgess Boys“ (hier der Link zur Autorin)- einer Familiengeschichte, in der der hochsensible Sohn der alleinziehenden Schwester der so verschiedenen Burgess- Brüder eine unerklärliche Dummheit begeht (er wirft einen Schweinekopf in die Moschee somalischer Flüchtlinge), und damit einen kaum aufzuhaltenden, auch juristischen Prozess herauf beschwört, und die Familien- Geheimnisse ans Tageslicht befördert -, ist der Schmerz etwas, was einen unvermittelt in einen privaten (aber nicht sehr exklusiven) Club befördert, in dem man von nun an die Intimität des Schmerzes erleben muss: „And she learned—freshly, scorchingly—of the privacy of sorrow. It was as though she had been escorted through a door into some large and private club that she had not even known existed.“

So ist es mit den Diagnosen, den Enthüllungen, oder, wie der Polizeichef im Verlauf des sich entwickelnden Dramas auch in Bezug auf sein eigenes, privates Glück räsoniert, mit einem einzigen Klopfen an der Haustür: „The luck could end tomorrow. He had watched people’s luck end with one phone call, one knock on their door.“

In einer noch recht aktuellen Betrachtung (2012) von Robert Chevanier zur Biografie der zeitweise kommunistischen (sie schrieb für La Révolution prolétarienne) Mystikerin und Philosophin Simone Weil geht es um den Umgang mit diesem nur scheinbar privaten Club, denn für Weil war der Schmerz die wesentliche existentielle Perspektive- das, was für sie „real life“ ausmachte. Einerseits verstand sie darunter Solidarität mit den Fabrikarbeitern - sie unterbrach 1934 ihre Universitäts- Karriere, um mit am Fliessband zu arbeiten, wollte (vergeblich) im spanischen Bürgerkrieg mit kämpfen, verabschiedete sich angesichts des Hitler- Regimes vom Pazifismus- erlebte aber andererseits inmitten all dieser Katastrophen (und ihrer anhaltenden Migräne) etwas, was ihrer Existenz eine andere innere Dimension gab; eine Christus- Erfahrung in Assisi:

In 1937, at Assisi, in the little Romanesque chapel of Santa Maria degli Angeli where St Francis had prayed, she recognized that something stronger than herself “obliged her, for the first time in her life, to drop to her knees.” This was her second contact, under the sign of beauty and purity. At Solesmes, during Holy Week in 1938, while she was suffering from intensely painful headaches, she assisted at the divine office sung in Gregorian chant. She said that in the course of these religious services “the thought of the passion of Christ entered into me once and for all” (Attente de Dieu, 43)“ - bis hin zu dem Punkt, an dem sie wenig später erlebt: „Christ himself came down and took possession of me” (dito, zitiert nach Robert Chevanier).

Zweifellos hat sie, während es für ihre Familie und sie nötig wurde, als Juden Frankreich zu verlassen, weiter an der Frage des „wirklichen“ Lebens, das im Zentrum des Schmerzes die reine Schönheit findet, gearbeitet- auf eine Art und Weise, die vollkommen quer zur heutigen Ideologie der Selbstverwirklichung und Wellness- Kultur steht. Das Annehmen des vollkommen Aussichtslosen, des inneren Abgrunds, war für Simone Weil gerade der Schlüssel, um ins „reale Land“ zu gelangen, in dem sie "frei atmen" konnte: „“keys by which one enters into the pure land, the land where one can breathe freely, the land of the real..” Was nach reiner Mystik klingt, war - neben ihrem enormen Schreibpensum- der Hintergrund für ihre Arbeit in der Resistance, hauptsächlich in Zusammenarbeit mit Dominikanern aus Marseille. Es ging um Aufklärung und um falsche Pässe für Flüchtlinge.

Bei Simone Weil lag in der größten äußeren Aktivität das mystische Element gleichzeitig darin, in einer der dunkelsten Zeiten der Menschheitsgeschichte das Leiden, das „über die Welt verteilt“ ist, vollkommen anzunehmen; sie fühlte sich aufgerufen, selbst „eine große Portion dieser Gefahren und Leiden“ durch zu machen: „“The suffering spread over the surface of this world obsesses me (..) and I cannot restore them or free myself from this obsession unless I myself share a large portion of that danger and suffering” (Ecrits de Londres, 199; SL, 156).

Ihr Tod folgte 1943: „On April 15, 1943, a friend went to her home and found her stretched out on the floor unable to move. Sent to a hospital in London, then to a sanatorium in Ashford, Simone Weil died on August 24, 1943, eleven days after she was admitted there.


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Lit: Robert Chenavier, „Simone Weil, Attention to the Real“
Translated by Bernard E. Doering, University of Notre Dame Press Notre Dame, Indiana
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