Michael Eggert: Die Ich-bin- Erfahrung | EgoBlog | Die Egoisten

Michael Eggert: Die Ich-bin- Erfahrung

Die Ich-bin- Erfahrung strahlt, wenn man sie denn hat, in den Alltag hinein. Es gibt vielleicht nicht einen bestimmten Punkt, an dem sie einsetzte- es ist mehr etwas wie schleichende Gewissheit. Es ist eine Erfahrung in der Innenseite des Meditativen, in einer gewissen Mitternachtsstunde, wenn alle nervösen Rückmeldungen des Körpers erloschen sind. Wenn man strömend in der Ruhe steht, wird man - ein Perspektivenwechsel - sich seiner selbst gewahr. Wenn man Ich-bin zu sich selbst sagt, ist es auch eine Erfahrung der Freiheit: Die Begründung der Autonomie. Das Ich-bin ist das Formgebende, das sich manchmal auch in der Form verliert und vergisst. Die Selbst- Erfahrung ist aber unabhängig von allen möglichen Formen, es gibt die Gewissheit der Entität. Hier, in diesem einen Punkt, kann man nicht irren, denn hier kreuzt das innere Wesen die Wahrheit. Es ist aus demselben Stoff gemacht.

Die Erfahrung des Ich-bin strahlt in den Alltag, aber niemand weiß, wie tief. Es gibt die eine Seite und die andere. Dabei nimmt man doch mehr mit in sein Leben als sonst, weil man doch das Meiste vergisst. Es ist einfach zu lebendig, zu wenig greifbar für den Verstand. Es passt nicht. So hat man meist nur einen Schattenwurf der Erfahrung.

Rudolf Steiner beschreibt diese Schwierigkeiten so: "Die Seele nimmt aus ihrem Erleben in der physischen Welt einen Nachklang der Erinnerungsfähigkeit mit, und dadurch vermag sie im übersinnlichen Erleben zu wissen: ich bin hier im Geistigen dieselbe, die ich dort im Sinnlichen bin. Diese Erinnerungsfähigkeit ist ihr notwendig, weil ihr sonst der Zusammenhang im Selbstbewusstsein verloren ginge. Außerdem aber erlangt das in die übersinnliche Welt hinauf gehobene Selbstbewusstsein auch noch die Fähigkeit, die in dieser Welt erlebten Eindrücke so umzuwandeln, dass sie im Leibe Eindrücke machen von der gleichen Art wie die sinnlichen Eindrücke der physischen Welt. Und dadurch ist es möglich, dass die Seele sich eine Art Erinnerung an das im Übersinnlichen Erlebte bewahrt. Sonst würde dieses Erlebte stets vergessen werden. Immerhin hat der Geistesforscher Schwierigkeit mit dem erinnerungsmäßigen Behalten seiner im Übersinnlichen gemachten Erfahrungen. Er kann nicht leicht anderen Menschen «bloß aus dem Gedächtnisse» erzählen, was er weiß; er ist oft genötigt, wenn dies von ihm verlangt wird, in seiner Seele die Bedingungen wiederherzustellen, unter denen er die zu schildernde Erfahrung gemacht hat." (GA 17, Seite 98ff)

Natürlich strahlt die Erfahrung des Ich-bin in den Alltag hinein, schon weil das Ich-bin eine Kontinuität des Bewusstseins nach dem Tod verspricht- zumindest in den Umrissen: "In der Zukunft muss der Mensch über die Erde schreiten, indem er sich sagt: Gewiss, ich ziehe ein mit meiner Geburt in einen physischen Leib, aber das ist ein Durchgangsstadium. Ich bleibe eigentlich in der geistigen Welt, ich bin mir bewusst, dass nur ein Teil meines Wesens an die Erde gebunden ist, dass ich mit meinem ganzen Wesen nicht heraustrete aus der Welt, in der ich zwischen Tod und neuer Geburt bin. – Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl mit der geistigen Welt, das muss sich entwickeln. In früheren Jahrhunderten hat das nur einen falschen Schatten vorausgeworfen, indem man das physische Leben nicht verstehen wollte und eine falsche Askese getrieben hat, geglaubt hat, durch allerlei Abtötungsmaßregeln des physischen Leibes könnte man das erlangen. (GA 177, Seite 211)

Aber die andere, ganz und gar irdische Seite in uns nörgelt und zweifelt und ärgert sich dennoch, trotz aller zeitweiligen Autonomie, über das Älterwerden. He, dem entkommst du nicht. Niemand entkommt dem Schmerz, das zu sein- ein Das, ein Dort, ein Dann.

Eine andere Determinante in unserem Leben, die genetische Komponente, das nicht- individualisierte Erbe, das auf dem Einzelnen mehr oder weniger, aber meist weitgehend unbemerkt einwirkt, ist auch einer der Faktoren, der in der Erfahrung des Ich-bin zumindest für diese Situation aufgelöst wird: "Scharf nun betont das Christentum: Alles solches Fühlen des Göttlichen, auch wenn es von sich spricht als «Ejeh asher ejeh» – «Ich bin der Ich-bin» ist noch nicht das, was den Menschen in seiner vollsten Gestalt zeigt, sondern erst, wenn man et- was fühlt, was im Geistigen jenseits aller Generationen ist, dann hat man erfasst, was als Göttliches in den Menschen herein wirkt. Deshalb muss man in richtiger Übersetzung des Satzes sagen: Ehe denn Abraham war, war das Ich-bin! – Das heißt in seinem Ich erlebt der Mensch ein Ewiges, das ursprünglicher ist als dasjenige Göttliche, das von Abraham sich durch die Generationen hindurch ausgelebt hat." (GA 61, Seite 305ff)

Aber natürlich ist man sich bei der Erfahrung des Ich-bin zugleich bewusst, dass dies nur der Anfang von allem sein kann. Es ist ein embryonaler Zustand, kein "Erreichtes", sondern die Eröffnung dessen, was Entwicklung eigentlich erst bedeutet: "So bildete der Schüler der Mysterienweisheit die Fähigkeit aus, in die früheren Zeiten hineinzublicken; dann kommt die Zeit, wo er die okkulte Pilgerschaft unternehmen kann. Er erreicht dies auf dem Wege einer bestimmten Übung, durch die er sein persönliches Selbst überwindet und dadurch aufhört, das kleine gebundene Ich zu sein. Erst dann kann er den Aufstieg in das Universum vollziehen.

Noch einmal steigt er hinunter, indem er die Weltkraft so mitnimmt, in das Meer der Vergangenheit. In aufsteigender Linie kann er allmählich hinaufkommend dann im einzelnen den Weg verfolgen, den er so zurückgelegt hat. Langsam und allmählich lernt der Mensch hinunter schreiten in das Meer seiner Bildekräfte, und zuletzt kommt er an einen Punkt, der in der Nähe des Ursprungs liegt. So muss es den Menschen ergangen sein, denen zuerst das Auge erstand, um den Blick ins Weltenall zu lenken. Dann geht dem Schüler auf der Zusammenfluss des Ich mit dem großen Welten-Ich. Und nun muss er lernen, zu sagen zu dem kleinen Ich: Ich bin nicht du. Das ist ein Moment, wo man anfängt zu begreifen, dass es höhere Kräfte in der Natur gibt als das Denken.“ (GA 93, Seite 212)
blog comments powered by Disqus