Die Welt ist der Makroanthropos. Über den Denkweg Friedrich von Hardenbergs | EgoBlog | Die Egoisten

Die Welt ist der Makroanthropos. Über den Denkweg Friedrich von Hardenbergs

novalis3Über den so schönen, zarten und im besten Sinn kultivierten Friedrich von Hardenberg, der, vermutlich wegen Mukoviszidose, viel zu früh verstorben ist, hat sich auch Rudolf Steiner verschiedentlich geäußert. Dies weniger in Bezug auf den klassischen Frühromantiker, sondern geradezu im Gegenteil auf den mathematischen Denker Novalis: „Der gegenwärtige Mensch nimmt durch innere Erleuchtung ja nichts anderes wahr als Mathematisch-Mechanisches. Und nur auserlesene Geister, wie etwa Novalis, schwingen sich dazu auf, das Gedichthafte, das tief Phantasievolle von so etwas zu empfinden und auch dichterisch darzustellen, wie es eben das mathematisch-mechanische Innere ist, das Novalis in so schöner Weise, harmonisch geradezu, besungen hat.“ (GA 202.252f) An anderer Stelle deutet Rudolf Steiner an, dass dieses „Fühlen der mathematischen Harmonien“ eine besondere Erkenntnismethodik war, die Friedrich von Hardenberg das Wirken der gestaltbildenden Kräfte der Welt erfahren ließ: „Da mischt sich in das mathematische Erleben, das sonst rein intellektualistisch ist, bildlich gesprochen bloß unseren Kopf interessiert, da mischt sich etwas hinein, was nun den ganzen Menschen in Anspruch nimmt und was im Grunde genommen bei solch jugendlich gebliebenen Geistern wie Novalis nichts anderes ist als ein Fühlen der Tatsache: Was du da als mathematische Harmonien erschaust, womit du die Phänomene des Weltenalls durchwebst, das ist ja im Grunde genommen nichts anderes, als was dich gewoben hat während der ersten Zeit deiner kindlichen Entwickelung hier auf der Erde.“ (GA 322, 42).

Dass Novalis tatsächlich intensiv mit den Fragen der Erkenntnis beschäftigt war, kann man in seinen „Fragmenten und Studien“ (hier IX, Das allgemeine Bouillon,1798/99) entdecken. Das Verhältnis von Seele zu Körper, von Geist und Mensch zur Welt interessierte ihn immer wieder. Seine Quintessenz ist vielleicht „Die Welt ist der Makroanthropos. Es ist ein Weltgeist, wie es eine Weltseele gibt.“ Im Menschen erkennt er Seele im Verhältnis zum Geist: „Der Geist wird durch die Seele gebildet - denn die Seele ist nichts als gebundener, gehemmter, konsonierter (d.h. mitschwingender, ME) Geist.“ Auch das Verhältnis zwischen Schlafen und Wachen interessierte ihn: „Der Schlaf muss die Folgen der übermäßigen Reizung der Sinne für den übrigen Körper wieder gut machen. (..) Einst wird der Mensch beständig zugleich schlafen und wachen. Der grösseste Teil unsers Körpers, unserer Menschheit selbst schlägt noch tiefen Schlummer.

Er konnte solche Aussagen machen, weil ihm die „Geisterwelt“ beständig offen stand: „Die Geisterwelt ist uns in der Tat schon aufgeschlossen - Sie ist immer offenbar.“ Das Weghafte der Erkenntnis formuliert er als ein ununterbrochenes, fortschreitendes Begreifen des Menschen: „Was sich nicht begreifen lässt, ist im unvollkommnen Zustande (Natur) - es soll allmählich begreiflich gemacht werden.“ Dazu ist es nötig, sich geistig unabhängig zu machen, durch ein von sich selbst absehendes (heute sagt man: sinnlichkeitsfreies) Denken, indem die Gedanken zum „selbständigen, sich von euch absondernden - und nun von euch fremd (..)“ erscheinenden Prozess werden.

Grundlegendes Prinzip für eine solche geistige Arbeit ist die Bildung - die „Affizierung“ des eigenen Denkens durch offene Adaption der Gedanken Anderer: „Man studiert fremde Systeme, um sein eigenes System zu finden. Ein fremdes System ist der Reiz zu einem eignen. Ich werde mir meiner eignen Philosophie, Physik etc. bewusst - indem ich von einer fremden affiziert werde versteht sich, wenn ich selbsttätig genug bin. Meine Philosophie oder Physik kann mit dem fremden übereinstimmen oder nicht.“ Novalis nennt dieses bewegliche Denken auch eine „Ehe der heterogenen Systeme“.

Dieses offene Mitdenken des immer Neuen und Widersprüchlichen, diese jugendliche Lernfreude nennt Novalis auch „absolute Elastizität“ oder „echte Unschuld“. Dies sieht er als eine Kraft an, die „nicht zu überwältigen“ ist.
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