Michael Eggert: Grenzland. Kryptische Notizen | EgoBlog | Die Egoisten

Michael Eggert: Grenzland. Kryptische Notizen

Mit dem Weltenbau verwachsen fühlen“- formulierte Rudolf Steiner in seiner „Geheimwissenschaft im Umriss“, was andernorts vielleicht als „Einweihung“ oder „über die Schwelle gehen“ bezeichnet würde. Aber was ist dieser Bau? Er ist gewiss nichts Fertiges, Gewordenes, sonst könnte der innere Mensch damit nicht verwachsen. Er ist kein Gebautes, sondern etwas, was sich dauernd selber schöpft; die kreatürliche Kraft schlechthin. Ihr Wirken ist das, was „Natur“ zur Erscheinung bringt, Kruste von ihrem Saft. Es ist auch „Bewusstsein“ in diesem Bau, sonst könnte er nicht von sich wissen.

Die Schönheit des planetarischen Baus ist unübertroffen und von unserem Verstand nicht zu greifen- wir hecheln da berechnend und kalkulierend hinterher und murmeln etwas von „dunkler Materie“, wenn unser Verständnis erkennbar an Grenzen stößt. Die Erde in ihrer wunderbaren Gleichgewichtslage, beschirmt von Kreisläufen der Winde, der Atmosphäre, des magnetischen Kleides, das so lebendig im Sonnenwind tanzt. Auftrieb und Schwerkraft, Sommer- und Winterseite, der Atmungsprozess des Wassers in all seinen Aggregatzuständen: Das Alles ist dieser „Bau“. Und selbst das sind nur die Außenwände.

Du, der du den Puls der Erde fühlen willst, gehst auf in der Dynamik deines eigenen Lebens. Luftströme, Wasserkreisläufe, Wolken und Licht: Du lebst auf im Elementaren des eigenen biologischen Selbst, in voller Gedankenklarheit. Man kann hier nur selten bestehen. Meist verliert man sich bei dem Versuch, sich schwimmend zu erhalten, an den freundschaftlichen Schlaf. Nein, hier ertrinkt man nicht, man hisst die Segel und folgt den Strömen des Elementaren, man folgt einem Thema, einer Spur, einer Melodie und übt sich im dauernden Improvisieren. Wusstest du, dass das dein Lebenselement ist? Man lebt darin wie in Musik.

Nun aber haben wir die Segel eingezogen und sind an Land gegangen. Der Wetterbericht kündigt schweren Sturm an. Und wirklich, nun rollen ungeheure Wolkenmassen heran, es drückt auf unsere luftige Existenz, es ist ein Wollen auf Wollen; wir spüren, wir sind an der Grenze zur kreatürlichen Kraft. Vielleicht wird ein Gewitter rollen, vielleicht folgen Meteore. Man kann es nicht wissen.

Aber ich weiss, hier ist alles wohl geordnet, gut und klug. Selbst die unvorhersehbarsten Elemente, die Kometen, nähren doch nur, dem Mutterkuchen dieses planetarischen Raums (der Oortschen Wolke) entspringend, ihren Mittelpunkt, die Sonne. Die Sonne ist ein saugendes Geschöpf, das gleichzeitig seine ganze Substanz aus sich heraus gibt und schenkt. Ihr nährender Umkreis liegt außerhalb der Bahnen aller Planeten- selbst der zugezogenen. Sie ist auch nicht dieses Gestirn, sie ist ein Kreislauf, ein lebender Rhythmus.

(So werden sie Mystiker und Adepten früherer Kulte und Kulturen wahrgenommen haben: Nehmend und gebend, zersetzend und aufbauend, ein Wille, der Innen wie Außen sich darlebend sich so lange verschenkt, bis die Zeit erfriert und der weite kosmische Raum mit einer weiteren Umkreisbildung aus Staub und Gasen in ein träumendes Pralaya übergeht- die Stille. Dann wird sich aus dem Sternenstaub, der wir sind, ein neuer Tierkreis bilden. Und es wird sich Neues regen.. es entspringt- eine neue Ordnung. Ein neuer Teig wird in den Ofen geschoben und lange, lange gebacken.)

Bau an Bau, dieselbe Ordnung im Kleinen wie im Großen. Wir stehen an der Tür und bitten nicht um Einlass. Der Tag war lang, wir waren hier zu Besuch, an der Grenze.

Man muss wirklich kein Hellseher sein, um die Reife, Größe, Weisheit dieses Baus zu bewundern. Das Wundern ist der Königsweg der Erkenntnis. Man findet keine Perlen, sondern sich selbst, je weiter der Blick schweifend wird, wenn er denn bestehen kann, im Grenzland, wo der große und der kleine Bau aufeinander stoßen.
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