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Goldglanz

Ab und zu blättere ich in alten und ältesten anthroposophischen Büchern, auch in denen, deren Autoren nicht gerade zu meinen Lieblingen gehören. Die liebsten Bücher erkennt man daran, dass sie wild übersaht sind mit Anmerkungen, Unterstreichungen aus verschiedenen Zeiten, Eselsohren und allerlei Kaffeeflecken. Mit so etwas lebt man eben. Womit man lebt, muss etwas sein, das wieder und wieder, zu verschiedenen Zeiten und in beliebigen Abständen, jedes Mal wieder etwas gibt. Ein Buch, mit dem man lebt, ist selbst so lebendig, dass man nicht nur immer neue Entdeckungen darin macht, sondern dass es jedes Mal, bei jedem neuen Lesen, neue Perspektiven eröffnet. Es geht also nicht nur um Inhalte, die man ja nun ausreichend bei einmaligem Lesen erfasst hätte. Informationen erinnert man zwar nicht im Detail, aber das bloße Neufassen würde keine Perspektiven eröffnen; nein, wirklich anregende Bücher stossen eigene Erkenntnisse an, stellen Fragen, machen einen innerlich lebendig und warm. Das wird nur dann der Fall sein, wenn der Autor selbst aus innerer lebendiger Anschauung spricht und nicht nur auf informeller Ebene Fakten zusammen stellt. So schrecklich viele Autoren, die das bei mir vermögen, habe ich nun nicht gefunden; sagen wir: eine Hand voll. Bernhard Lievegoed gehört eigentlich nicht dazu. Immerhin ist seine kleine „Mysterienströmungen in Europa und die neuen Mysterien“ ein zwar orthodox geschriebenes Kompendium Steinerscher Aussagen, aber glücklicherweise so kenntnisreich und knapp zusammen gestellt, dass sich immerhin immer wieder einige Fragen stellen- auch 30 Jahre nach dem ersten Lesen.

In den Vorträgen über die „Ätherisation des Blutes“ schildert Rudolf Steiner, wie durch göttliche Gnade bei den Menschen ein Ätherstrom vom Herzen zur Epiphyse ausgeht, aufsteigt, und wie er von da aus das Gehirn als geistig- ätherisches Licht durchstrahlt. Nur dadurch kommen wir in die Lage, spirituelle Gedanken denken zu können. Anders könnten wir nur Gedanken denken, die von sinnlichen Eindrücken Herrühren und an sie gebunden bleiben. Das weist auf den mikrokosmischen Gral im Menschen. Das goldene Licht des ätherischen Blutes, welches das Haupt durchstrahlt, wurde hellseherisch als Goldglanz um das Haupt herum wahrgenommen, wenn sich dieser Ätherstrom mit den Christus- Ätherkräften verbinden konnte. Er erscheint als der Heiligenschein bei den mittelalterlichen Malern und wird dann zum traditionellen „Zeichen“ der Heiligkeit. Der Heiligenschein ist damit eine letzte Erinnerung an die Wirkung des Gral.“ (S. 29)

Ich denke, die Bemerkung Rudolf Steiners, gegen Ende des 20. Jahrhunderts würde die Menschheit über eine innere „Schwelle“ gehen, darf man heute wohl als gegeben ansehen. Das bedeutet, die Entfaltung des „Ätherkopfes“ - eine aus ursprünglich körperlichen Bezügen gelöste geistige Energie- darf man heute bei sehr vielen Menschen als gegeben ansehen. Sie verbinden nur keine spirituellen Gedanken und Impulse damit, werden sich dieser Fähigkeit auch nicht unbedingt bewusst. Aber sie trägt zu einer inneren Spaltung bei, die heute normal und verbreitet ist und zu einer allgemeinen Psychologisierung des Ichs beigetragen hat: Man schaut heute auf die eigenen willentlichen, seelischen und intellektuellen Impulse, bewertet sie und ordnet sie ein. Man schaut aus einer Beobachter- Position auf die eigenen seelischen Mechanismen und Reflexe, eventuell sogar kopfschüttelnd oder belustigt: „Wieder einmal so oder so reagiert“. Dass die Position des innerseelischen Beobachters bereits eine ist, die frei von diesen individuellen Mustern und Reflexen ist, bemerkt man nicht unbedingt. Es ist dies eine Positionierung, die das (anthroposophisch so bezeichnete) Bewusstseinseelenzeitalter charakterisiert. Mit dieser Fähigkeit sind aber auch sozial intuitive Akte möglich- etwa, Gesprächs- und Handlungsverläufe, biografische Entwicklungen und Zusammenhänge und soziale Prozesse in Gruppen zu begleiten, Trends zu entdecken und wahrscheinliche Weiterentwicklungen zu erahnen. Der Ätherkopf ermöglicht es, Prozesse mit zu verfolgen, ohne komplett in sie involviert zu sein. Damit nähert man sich „Wirklichkeit“ in der Hinsicht an, dass Gewahrsein möglich wird, ohne selbst völlig verstrickt zu sein. Man kann dann auch nicht emotional reagieren, nicht aus den nahe liegenden seelischen Reflexen heraus. Es ist dies eine erheblich vertiefte Fähigkeit, systematisch zu denken, mit voller Konzentration und Hingabe, aber nicht im Sinne eines emotionalen Resonanzkörpers, sondern mit einer gewissen inneren Freiheit und Würde. Man ist an diesem Punkt - auch ohne das mystische Vokabular, das Steiner und Lievegoed verwenden, zu benutzen- nahe am Gewahrsein der geistigen Entität, die im Begriff der Bewusstseinsseele auch angesprochen ist.

In großen Teams- fern jeden spirituellen Themas- bemerkt man oft, wie Menschen aufmerken, sich vielleicht sogar anlächeln, wenn in einem Prozess entweder wirklich ein tragender Kompromiss gefunden ist oder wenn er gerade in Beiträgen gründlich verhindert wird; die Menschen stehen fast kollektiv in den Prozessen von gemeinsamem Diskurs und Lösungsfindung zusammen. Es ist für den Einzelnen nicht immer fassbar, worin dieser Lösungsansatz bestehen könnte, es bleibt im Vagen und Unbestimmten. Wenn aber der erlösende Satz von einem Einzelnen gefunden ist, bemerkt das das Kollektiv sehr wohl. Dies gilt zumindest dann, wenn eine produktive und konzentrierte Haltung in der Gruppe verbreitet ist. Dass das systematische Denken eigentlich bereits eine Fähigkeit ist, die bereits über die intellektuell- konsumierende Haltung hinaus geht, muss nicht bemerkt werden. Ähnliches könnte als Beispiel auch über die Fähigkeit zur Biografiearbeit gesagt werden, sofern diese über bloße seelische Betroffenheit hinaus gehen kann und ebenfalls in ein nüchtern- waches Anschauen der Fäden des Lebens mündet. Selbst persönliche Traumata können in ihrer Konsequenz und Entwicklung, auch in ihren negativen Auswirkungen auf die eigene Entfaltung angeschaut werden. Es geht nicht um „Goldglanz“ und „Heiligenschein“, sondern um die nüchterne Intensität prozessualen Denkens.

Welche sind nun die Bücher, die sich immer wieder neu beim wiederholten Lesen entfalten? Die mit einem Goldglanz. Es geht nicht darum, Antworten zu geben (und „Inhalte“ zu vermitteln), sondern dem, was ohnehin in den Menschen da ist, zur weiteren Entfaltung und Bewusstwerdung mit zu verhelfen.
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