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Das Glück des Verstehens

Das Glück des Verstehens kann man erinnern- im Gegensatz zum frühen Spracherwerb. Letzterer geschieht noch unter dem Mantel der Nacht, indem wir im Schoß der Dinge ruhen und sie träumend bewegen. Die Namen der Dinge sind relativ irrelevant, wir lernen sie in unserem Sprachkorpus, aber vor allem erträumen wir uns die Funktionen der Dinge. Nur im Vergegenwärtigen der Funktion können wir die Erscheinungen, denen wir als Kind begegnen, generalisieren und auf alle möglichen und denkbaren Formen übertragen; ja wir können ganz neuartige Formen erfinden. Stellvertretend für diese Funktion, die nicht zu erklären ist (schon gar nicht einem Kind, das Sprache erst erwirbt), bilden wir zur Vereinfachung Vorstellungen, d.h. bildliche, dingliche Repräsentanzen. Ganz wesentliche Koordinaten unseres sprachlichen Verständnisses sind ja auch nicht mit Vorstellungen belegt; "Das ist ein Tisch": Das Wichtigste an diesem Satz ist nicht das gemeinte Objekt, sondern der Verweis darauf hin: "Das". Es bedeutet Dort, von dir aus gesehen, es bedeutet Ausblenden aller anderen Dinge, es konstituiert ein Ich-Es-Verhältnis, eine Beziehung, eine Relation. Man kann "Das" nicht erklären.

Das Glück des Verstehens aber schimmert später auf und ist bis zum Vorabend der Pubertät ein erinnerbares Glück. Wie sich die Funktionen von Erscheinungen plötzlich erschließen und zusammen fügen! Tatsachen, die lose beieinander lagen, enthüllen sich auf einmal in ihrem Zusammenhang. Wir fühlen uns geradewegs von Glück erfüllt, wenn wir erkennen, dass dieser Prozess weiter und weiter geht und gehen kann und soll- es ist eine Art, sich die Welt der Erscheinungen zu erschließen.

Diese Entdeckungen werden im Erwachsenenalter spärlicher- oder zumindest weniger bemerkt. In der Jugend wurden wir getragen vom Verstehen und Erschließen, waren sicher, dass diese Welt unser ist und dass wir sie verändern werden. Unser In-der-Welt-Sein gründet ja darauf, unsere seelische Integrität ist auf Verstehen und Verstandenwerden gerichtet.

Mit dem Älterwerden schleicht sich eine Routine im Erklären der Welt ein, eine Patina, manchmal sogar eine müde Mechanik und Automatismen, die womöglich auch dort Verbindungen entdecken wollen, wo bloßer Zufall vorliegt. In das Verstehen schleicht sich hier und da das Gift des Spekulativen ein, vielleicht auch der Hang zum Verabsolutieren und zur ideologischen Verhärtung. Aus der Entdeckerfreude wird womöglich ein fester Standpunkt- auch da, wo es ganz und gar auf genaues Beobachten und zurückhaltendes Urteilen ankäme. Es ist, als würde sich eine Borke bilden, eine schrundige Masse- häufig gerade bei früher glühenden Idealisten, die mit der Zeit müde geworden sind.

Die Bedeutung oder das Verstehen bleiben aber unsere täglichen, dauernden Begleiter, pragmatisch und prinzipiell. In ihnen rühren wir immer wieder an die Nachtseite unseres Seins:
"
In jeder Bewegung, in der wir an Bedeutung rühren, wechseln wir von der einen auf die andere Seite der Stille. Und in der Gegenrichtung, wenn wir eine Bedeutung zum Ausdruck bringen."
(Kühlewind, Licht und Leere, S. 79)
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