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Das Gesicht

Wie schon im Beitrag „Spiegelwesen“ angesprochen, geht es mir beim Thema Gesicht primär um unsere gespiegelte Existenz, um die emotionale Bestätigung durch den Anderen.

Jonathan Cole, der an der Universität Southampton lehrt, hat seinem nun auch schon etwas älteren Buch „Über das Gesicht. Naturgeschichte des Gesichts und unnatürliche Geschichte derer, die es verloren haben“, ein Zitat des Philosophen Maurice Merleau-Ponty voran gestellt, das das ganze Thema und Dilemma beleuchtet:

„Ich lebe im Gesichtsausdruck des anderen und fühle, wie er in meinem lebt.“

Diese ständige Feedback- Schleife konstituiert uns nicht nur ganz wesentlich; sie ist auch nicht selten - durch verschiedenste Behinderungen, Krankheiten und Unfallfolgen - unterbrochen. Die Reaktionen derer, die empfinden, dass das ihnen zustehende Feedback ausbleibt, sind selten selbst affektiv; meist wird beim „Verweigerer“ unwillkürlich eine Form von Demenz oder anderer geistiger Beeinträchtigung angenommen. Das geht, wie Cole bestätigt, auch Fachleuten und Ärzten so: „Die Ärzte hatten sie nicht deshalb für schwachsinnig gehalten, weil sie nicht reagieren konnte- sie hatte ja Körpersprache eingesetzt und angeboten, ihre Antworten aufzuschreiben-, sondern weil wir erwartet hatten, einen Großteil der Antwort in ihrem Gesicht zu finden. Ohne seine Mimik hatten wir durch dieses einfach hindurchgesehen und das Fehlen als Demenz gedeutet. Ohne Gesicht war ihre Person so gut wie nicht vorhanden. Ihre Krankheit hatte eine Naht zwischen Gesicht und Selbst aufgetrennt, deren Existenz ich nicht geahnt hatte.“

Die Dame, die in dieser Fallbesprechung thematisiert wurde, hatte einen leichten Schlaganfall gehabt, den sie eigentlich nicht bemerkt hatte. Auffällig war auch nicht ihre zunehmende, verstörende soziale Isolation, sondern ihr rapider Gewichtsverlust, da auch der Schluckreflex in Mitleidenschaft gezogen worden war. Die Dame war bald nur noch von ihrer Familie umgeben. Sie konnte auch nicht mehr sprechen und tippte eventuell notwendige Antworten auf ein technisches Hilfsmittel. Sie tippte: „Ich kann keine Miene verziehen“. Da sie kaum noch Reaktionen anderer Menschen erlebte, hatte sie das Gefühl, „ihres Charakters und ihrer Persönlichkeit beraubt“ zu sein; sie wünschte sich zu sterben. Sie erhielt kaum noch emotionales Feedback aus der Interaktion mit Anderen und hatte zunehmend das Empfinden, nicht mehr zu existieren. „Das Gespräch war zwar nicht unmöglich geworden, aber nur wenige Menschen nahmen sich Zeit dafür. Ohne das Feedback und die Bestätigung durch die Mimik gab es kaum noch Nähe und Anteilnahme. Der Verlust der mimischen Reaktionsfähigkeit hatte sie im Kern ihres Wesens beschädigt.“ Sie machte sich Sorgen, wie sie nach dem Tod aussehen würde. Sie wünschte sich nun dringlich, sterben zu können, und wog immer weniger. Nach einem weiteren Schlaganfall starb sie tatsächlich.

Wir können ein Gesicht nicht ohne Reaktion nehmen, „wie es ist“- starr oder bizarr, schön oder entstellt. Wir können uns auf Eigenheiten der Mimik einstellen oder auch auf tatsächliche emotionale Störungen. Einem Gesicht, das einer Maske gleicht, können wir nur schwer ohne innere Abwehr begegnen- wir nehmen ein Gesicht immer als einen Spiegel, hinter dem man glaubt, „Stimmung und Persönlichkeit ausfindig zu machen.“

Das „Schweigen“ eines Gesichts ist für uns, die wir Spiegelwesen sind, fast unerträglich.
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