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German Angst

angst

Der Deutsche, denkt man vor allem in den USA, neigt kollektiv einerseits zur ängstlichen Zögerlichkeit, andererseits zur Überheblichkeit: „Mit den komplementären Begriffen German Angst (englisch, etwa: „typisch deutsche Zögerlichkeit“) und German assertiveness (etwa: „typisch deutsche Überheblichkeit“) werden im angelsächsischen Sprachraum als charakteristisch empfundene, gesellschaftliche und politische, kollektive Verhaltensweisen der Deutschen bezeichnet. Die Begriffe werden im Deutschen verwendet, um derartige – reale oder vermeintliche – Einschätzungen aus dem Ausland zu kolportieren.“ (Wikipedia) In letzter Zeit - nach Fukushima- hat man den Begriff wieder einmal strapaziert, um die als überzogen empfundene Sorge der Deutschen vor der Atomkraft zu charakterisieren: „Verstrahlt in Fukushima ein Atomkraftwerk die Umgebung, setzt im neuntausend Kilometer entfernten Deutschland ein Run auf Geigerzähler ein, verbunden mit dem Rat, japanischen Grüntee zu meiden, riecht das verdächtig nach Überreaktion.“ (NZZ) Die Sorge vor dem Tee mag so übertrieben sein wie die Befürchtung, einem Forellenteich im Bergischen Land könne ein Tsunami entspringen (das obere Foto ist keine Fotomontage). Dennoch empfinde ich die Besorgnis angesichts der Risiken der Atomkraft nicht als archaischen Fluchtreflex, sondern als rationale Distanzierung gegenüber einer Technologie, die Risiken für viele folgende Generationen in sich birgt. Irrational erscheinen mir die Wahrscheinlichkeitsrechnungen, die eine Havarie in den Bereich eines Lottogewinns mit umgekehrten Vorzeichen verbannen- die Realität sieht nun einmal anders aus. Angst ist angesichts der realen und möglichen Folgen dieser Technologie kein schlechter Ratgeber.

Angst ist sowohl eine Überlebenshilfe als auch - in der irrlichternden Variante- ein Mittel zur Realitätsflucht: „Angst verleiht Flügel. Angst ist ein schlechter Ratgeber. Angst ist für die Seele ebenso gesund wie ein Bad für den Körper. Blinder als blind ist der Ängstliche. Wer keine Angst hat, hat keine Phantasie. Und so weiter und so fort, Spruchweisheit reiht sich an Spruchweisheit, zu jedem Lob findet sich ein Verdikt. Das Reden über Angst steckt voller Ambivalenz. Angst ist eine evolutionäre Mitgift, unentbehrlich als Überlebenshilfe. Aber sie kann selbstreferenziell und phantasmagorisch werden, «grundlos» im doppelten Sinn von «unbegründet» und «bodenlos». (NZZ)

Angst ist aber auch ein Aspekt des Ego, das sich nicht von ungefähr fürchtet, angegriffen, in Frage gestellt, überrumpelt zu werden. Das Ego befindet sich in einem dauernden Abwehrgefecht gegen die eigene In-Frage-Stellung- nicht zuletzt deshalb, weil es spätestens mit dem Tod tatsächlich seine Existenz beenden wird. Die drohende existentielle Nicht- Existenz mobilisiert einen Großteil der Kräfte, die bewirken, dass wir tätig sind, dass wir uns bewahren, dass wir etwas schaffen, was vielleicht Bestand hat. In diesem Sinne ist Angst ein Konstitutivum unseres Daseins. Aber die Angst vor dem nächsten Tag, vor einer kommenden Aufgabe, vor Überraschungen, die Angst vor der In-Frage-Stellung kann uns auch zugleich lähmen. Daher gilt es -nicht nur in der Anthroposophie- als ein wesentliches Merkmal in der spirituellen Entwicklung, eine existentielle Gelassenheit zu entwickeln. In dem Augenblick, in dem eine tiefere Seinsebene zur Erfahrung wird, löst sich die dauernde Sorge vor dem Nicht- Bestehen als irrelevant auf.

Aber Angst hat, so Rudolf Steiner, noch eine Ebene, die noch tiefer gründet und bis in den physischen Leib hinein reicht: „Wir Menschen haben auch die Angst in uns. In unserer Zehe, in den Beinen, in dem Bauche, überall steckt die Angst. Nur über das Zwerchfell traut sie sich nicht herauf, kommt nur herauf, wenn wir Angstträume haben. Aber in uns steckt die Angst. Doch die Angst hat ihren guten Zweck; sie hält unseren Organismus zusammen. Und in den Knochen, da steckt die allermeiste Angst. Die Knochen sind so fest, weil da eine furchtbare Angst drinnen steckt. Die Angst ist es, die die Knochen fest hält.“ (R. Steiner, GA 350, Seite 192)

In diesem Sinne ist die Angst die Grundlage unserer leiblichen Existenz überhaupt- die Kraft, die uns im Kern zusammen hält und zu körperlichen Geschöpfen macht. Wir spüren sie in dieser Dimension nur, wenn es tatsächlich ums Ganze geht, wenn uns der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Das ist die Ebene, die nicht zu lösen und zu lindern ist, sondern nur zu ertragen, wenn es so weit ist. Es ist das „Kreuz“ im tiefsten und im weitesten Sinne- dasselbe Kreuz, derselbe Weg, der von Christus so weit erfahren werden musste, dass selbst er sich von Gott verlassen fühlte..
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