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Ich bin

Wir hatten hier im Blog eine kleine Diskussion- eine Leserin und ich - bezüglich der Bedeutung von Gegenstands- Meditationen. Ich schätze sie sehr und finde sie ausgesprochen tief gehend und weit tragend, aber sie klingen nicht danach. Was soll eine Denkübung, die einen Stuhl oder Bleistift im Fokus hat, schon bringen? Auch wenn es zunächst belanglos klingt, entdeckt man überraschend viele Aspekte- materiell und substantiell zunächst. Welche Materialien sind möglich? Welche Vorstellungen mag man bzgl. des Gegenstands bilden, was das Design und das Verhältnis der Teile betrifft? Welche benachbarten oder gegensätzlichen Begriffe gibt es in Bezug auf den Gegenstand? Was genau macht den Unterschied aus? Welche Geschichte hat der Gegenstand, welche historische Bedeutung, usw.?

Man kommt über den Thron fast unweigerlich in den sakralen Bereich hinein. Es führt einen bis in die Jungsteinzeit, in der in den Höhlen erste Spuren eines Ich-bin-Empfindens dadurch manifest wurden, dass Handabdrücke an die Wand gesprüht wurden- erste Zeichen des Selbstgefühls (weit vor der meisterhaften Ära der Höhlenmaler von Lascaux) und Zeichen des Einen, der aus der Gruppe heraus trat, weil er Repräsentant für das sakrale Geschehen war.

An dem Punkt, an dem man diese Repräsentanz, dieses Orthaftwerden, diese Fokussierung und Gerichtetheit des Blicks als solche - leer, ohne Vorstellung und Gedanken - erfasst, spürt man die Dynamik einer Geistesgeschichte, die uns zu dem machte, was wir sind. Die Gegenstände, die sich Menschen schufen, legen Zeugnis davon ab. Sie sind sprechend. Heute sind diese Gegenstände - wie etwa ein Stuhl- so alltäglich wie das Selbstempfinden, die immer weiter zunehmende Individualisierung.
An diesem Punkt des Erlebens fühlen wir, wie wir selbst geistig, seelisch und körperlich in dieser Entwicklung stehen. Wir denken, fühlen und wollen in einer konzentrierten Leere, die immer neue innere Dynamik in Gang setzt. In dieser reinen, kreativen Kraftentfaltung entdecken wir uns neu: Als Wesen jenseits der Form. Die Meditation über einen Alltagsgegenstand führt uns, konsequent fortgeführt, in die reine menschliche Potentialität.

Georg Kühlewind notiert dazu in seinem Buch "Licht und Leere" unter "Erkennendes Fühlen" (S. 68 f):

Sich selbst in das vorgestellte innere Bild vergessen - Identität mit ihm (Qualitäten, Form) oder mit der Idee des menschengemachten Gegenstands = kreativer Wille. Ich bin."
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