Fliegende Fische | EgoBlog | Die Egoisten

Fliegende Fische

Der Mensch zieht sich vor dem, was an ihn heran kommt, zurück, greift nicht zu, lernt, aktiv zu warten. Das ist die größte Aktivität, das Zurückhalten. Dieses Warten ist eigenes Reifen, ist Fallenlassen der erwähnten tief eingewurzelten „Voraussetzung“, dass ich so, wie ich bin, fähig und würdig sei, alles zu verstehen, die Wirklichkeit zu erkennen.
Das „Zurückziehen“ hat zwei Folgen: Einerseits zieht sich das (zukünftige) wahre Ich oder Selbst aus der Vermischung mit den Seelenfunktionen heraus, wird ihr „Zuschauer“, der sie von innen her Erfahrende; von „außen“ kann man die Seelenfunktionen nicht erfahren, nur benutzen, denn man ist in ihnen, ohne Abstand.
Andererseits wird die intelligente fühlende Aufmerksamkeit, mit der die vier Seelenzustände zu tun haben, Schritt für Schritt „leerer“, anders gesagt: objektlos und doch aktiv.
Das ist der allgemeine Verlauf der Entwicklung: Eine Fähigkeit entwickelt sich an Objekten, Inhalten, um dann, frei von ihnen, alle Objekte erfassen und solche auch schaffen zu können. Fähigkeiten sind frei von den Formen, mit denen sie empfangend oder produzierend zu tun haben.


(Georg Kühlewind, Der sanfte Wille, S. 53ff)

Improvisation 1:
Die Hybris der fraglosen Selbstgewissheit. Die enzyklopädische Ansammlungen sinnloser Informationsbrocken. Packeisschollen von in sich stimmigen, aber miteinander unverbundenen Weltbildern. Zettels Traum, der immer bei sich getragene Auskunftgeber, ein smartes Phone. Der schnelle Griff ins sichere, aber flache argumentative Wasser. Wie kann man, wenn doch alles verfügbar ist - selbst Antworten auf Fragen, die niemand je gestellt hat - ausgerechnet warten?

Jenseits der Wasserscheide ist das Warten kein quälender, unbequemer Zwischenzustand mehr, sondern etwas, was man genießt. Mit einem Bein in der Zeitlosigkeit wartet es sich ganz komfortabel. Es gibt ja auch nichts, worauf man warten würde- das Warten ist kein Unruhezustand, sondern gerade das Gegenteil geworden. Die flatternden Schmetterlinge der schnellen, billigen Informationen sind verschwunden, die Unverbundenheit, der alltägliche Schwebezustand. Jenseits der Wasserscheide ist man nicht mehr ein Ding unter Dingen, sondern steht im gemeinsamen Atem.

Improvisation 2:
Jenseits der fraglosen Selbstgewissheit steht der Kompass in Richtung Improvisation. Dieses Land kann man erkunden, es ist immer neu und doch vertraut. Es ist das Wasser, in dem wir uns bewegen- außer in den kurzen Momenten, in denen wir denken, leben, vorstellen wie ein fliegender Fisch. Es ist ein Fisch, der in der Zeit des Fluges das Element vergisst, aus dem er stammt. Geisterfahrung ist das Erinnern unseres Ursprungs.

Hier, im wässrigen Element, führt uns das Sehen nicht sehr tief. Wir werden lernen müssen, Druckwellen zu empfinden. Hier, in der Tiefe, wo das Licht uns nicht mehr erreicht, werden wir selbst hell werden müssen, eine Quelle, eine Präsenz. Hier, wo wir unsere Grenzen nicht mehr fühlen, erfüllen wir uns in reiner Daseinskraft. Wir denken nicht mehr in Konturen, sondern in Bedeutung; die Dinge haben eine Sprache, die wir lernen können, denn hier bleibt nichts unvertraut, dem wir uns zuwenden.
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