Michael Eggert: Die falschen Gottheiten | EgoBlog | Die Egoisten

Michael Eggert: Die falschen Gottheiten

Nein, hier geht es nicht um Religion, um Rechthaberei oder ideologische Abgrenzungen, es geht mir nur um mich selbst. Und um mich selbst auch nur in dem Maß, in dem dies in gewisser Weise „typisch“ ist, in dem Maß, wie Andere sich eventuell darin wieder finden könnten. Die falschen Gottheiten sind die Ziele, denen wir folgen, die nicht infrage zu stellen sind, die wir als unsere persönlichen Maximen verstehen. Sie sind damit unmittelbar mit unserem Selbstkonzept verbunden. Sie in Frage zu stellen, hieße, uns selbst zur Disposition zu stellen. Was bliebe dann von uns übrig? Mein Traum vom Leben, meine Ideale haben sich etwa mit acht Jahren heraus gebildet, ganz unter der Glocke des Elternhauses. Ich glaube, es kostete mich Mühe, meine Eltern zu verstehen, ihnen emotional zu folgen, und ich habe daher die Antennen weiter und weiter ausgebaut, Andere generell „zu verstehen“.

Alice Miller schrieb von diesen frühen Selbstkonzepten in „Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst“: Das Kind, das sich „gebraucht“ fühlt von seinen emotional unsicheren Eltern und damit unter einer „narzisstischen Besetzung“ durch die Eltern leidet, bildet dieses emotionale Sensorium weiter und weiter aus: „Diese Fähigkeit wird ausgebaut und perfektioniert, und diese Kinder werden nicht nur zu Müttern (Vertrauten, Tröstern, Ratgebern, Stützen) ihrer Mütter, sondern übernehmen auch Verantwortung für ihre Geschwister und bilden schließlich ein ganz besonderes Sensorium für unbewusste Signale der Bedürfnisse des Anderen aus. Kein Wunder, wenn sie später oft den Beruf des Psychoanalytikers wählen.“ Nun, Analytiker muss es nicht sein, es gibt ja im familiären Rahmen oder in den zahlreichen sozialen Berufen genügend andere Positionierungen ähnlicher Art. Man kann diese Art von erworbenem Narzissmus auch in Erfolgsstrategien jeglicher Art ummünzen. Man kann es - um zu unserem Thema zu kommen- auch in spiritueller Entwicklung zu verwirklichen suchen. Man muss nur bedenken, dass alle diese emotional- narzisstischen Antriebe absolut sakrosankt sind; es gibt eine ausgebaute Phalanx von Verteidigungsstrategien, die dieses Eine, diese unseren inneren Antriebe, unantastbar machen. Der Spiritualist wird z.B. bestimmte innere Erfahrungen machen, die diese Grundtendenz immer nur bestätigen und weiter überhöhen; womöglich wird sich die ersehnte Bestätigung in Christus- Erfahrungen oder Erleuchtungen einstellen - Erlebnisse, die sich jeder Kritik entziehen und das Sakrosankte auf die Ebene der Unendlichkeit verschieben, gestützt von Evidenz- Erfahrungen.

All das, was auf der körperlichen Ebene, den Emotionen oder in den sozialen Begegnungen dieser Grundlinie, dieser privaten Teleologie widerspricht, wird damit relativiert, dass wir selbst oder (meistens) Andere und „die Verhältnisse“ eben "noch nicht so weit" sind. Womöglich hetzen wir die, denen wir angeblich hilfreich sein wollen, in eine Abhängigkeit von uns hinein, womöglich muten wir uns selbst und Anderen viel zu viel zu, womöglich leben wir an unseren eigenen Bedürfnissen vorbei, womöglich landen wir in Isolation oder massiven inneren Widersprüchen. Es kann zum Drama kommen, wenn wir aufgrund der inneren traumatischen Zwangslage, die wir idealisieren, auf einem dauernden Crash- Kurs gegen uns selbst fahren, der unweigerlich irgendwann zum Zusammenbruch führen muss.

Das „innere Drama“, das uns fast alle in der einen oder anderen Form beherrscht, inszeniert die Persona, die unter der striktesten Selbstkontrolle steht und deren Infragestellung das ganze Kartenhaus des Ego ins Wanken bringt:
„In der Tat können wir die spirituelle Psychologie als Psychologie der Selbsttäuschung bezeichnen, weil das, was wir oft als Funktionen unserer Psyche bezeichnen, in Wirklichkeit eine Lüge ist. Die Frage ist, welche Geschichten wir uns erzählen und aus welchen Lügen wir leben.“ Es sind natürlich weniger aktive „Lügen“, sondern meist selektive Erinnerungen: Die Dinge, die nicht in unser Selbstkonzept passen, werden nicht wahrgenommen oder sofort „vergessen“. Was nicht passt, wird passend gemacht. Die Illusion, die trotz allem, was schief gehen mag, was an uns unangenehm ist und was letztendlich auch karmisch Last auf Last anhäuft, ist die, dass „wir immer noch das Steuer in der Hand haben“ (Ezry Bayda, Zen Herz, S. 44).

Der Praktizierende kommt an den Punkt der Selbstbegegnung. Unser intimster „Hüter der Schwelle“ ist nun einmal das illusorische, zwanghafte Gefühlsleben mitsamt dem, was wir als heilig und unantastbar ansehen. Dabei hilft es keinesfalls, sich einzubilden, dass wir aus der Lage heraus kämen, „wenn wir mit großer Anstrengung praktizieren“ (Bayda). Je größer die Anstrengungen, je verbissener das Streben, je triumphaler die Erkenntnisse, desto mehr entfernen wir uns möglicherweise von der Stille. Die Dinge, die zählen und bestehen, benötigen keine Anstrengung. Im Gegenteil: Jenseits aller Anstrengung kann erst das entspringen, was lebendig ist und nicht aus uns heraus gepresst. Der „Abgrund“ sind unsere neurotischen Verkrampfungen, unsere Verteidigungs- und Angriffsmechanismen. Das „Nichts“, das wir lernen müssen auszuhalten, liegt jenseits unserer emotionalen und intellektuellen Reflexe. Es beginnt dort, wo unser aufgeregtes Hantieren und Geschnatter schweigt. Dort, wo unsere Selbstgewissheiten und Selbstbeschwichtigungen, ja auch die dauernden Selbstvorwürfe an ein erstes Ende kommen.

Bis dahin wird aber einiges an Munition aufgefahren: Erzengel, Christus, Erleuchtung, sagenhafte Erfolge, weltweite Konspirationen- alles, was wir projizieren können, um uns nur nicht dort zu rühren, wo es wirklich weh tut. Auf unseren Illusionen bauen wir ganze Welten auf und scheuen keine Anstrengung. So lange halten uns die falschen Gottheiten fest in ihrem Griff.
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