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Der anthroposophische Eselskarren

Natürlich findet man auch in Büchern und bei Autoren, bei denen sich die Nackenhaare sträuben, nicht selten Fundstücke aus der esoterischen Kiste, die ganz dem eigenen seelischen Geschmack und der Art der geistigen Aktivität entsprechen, d.h. man fühlt sich durch Fundstücke, Bruchstücke, Metaphern innerlich beflügelt und inspiriert. Wohl dem, der trotz der rigorosen Eigenständigkeit seines Denkens dennoch eine Anmutung erfahren kann, wo er so etwas wie eine Spur von geistiger Heimat finden kann. Nicht eine simple Selbstbeschränkung, sondern ein Gefühl für die innere Orientierung, die der eigenen Objektivität nichts nimmt, aber doch das Empfinden für ein inneres Lot.

Ich selbst habe dergleichen nicht an einem bestimmten Ort gefunden - auch nicht in Dornach - aber seit bald vierzig Jahren in kleinen Texten über die Person des Christian Rosenkreutz. Solche Texte und Zitate Rudolf Steiners findet man z. B. auch im unten angesprochenen Buch von Sergej O. Prokofieff, auch wenn seine Kontextualisierung mir im einzelnen nicht gefallen mag. Aber die Textstücke alleine bewirken, dass mir warm ums Herz wird - sie sprechen manchmal etwas an, was zu einer spezifischen Intimität gehört, die nur der kennt, der wirkliches inneres Gespräch, Meditation oder tatsächliches rückhaltloses Beten aus der Erfahrung kennt. Umgekehrt sind Menschen, die dergleichen kennen, ohne Umschweife dazu in der Lage, solche Intimität anzusprechen, egal, aus welcher ideologischen oder mystischen Lage, aus welcher Weltgegend oder Kultur sie entstammen.

So geht es mir, wie schon öfter erwähnt, mit dem aus Saudi- Arabien stammenden, in der Mystik der Sufis aufgewachsenen A.H. Almaas, etwa in "Luminous Night' s Journey", auch wenn seine imaginative Bildwelt einem Westeuropäer nicht immer nahe steht. Almaas' Imaginationen wurzeln im genannten Buch z.B. stark in Materialien wie Metallen, Perlen oder bestimmten Gesteinsarten. Darauf kommt man so nicht, wenn man aus dem verregneten feuchten Klima der gemäßigten Nordhalbkugel stammt. Die Imaginationen sind offensichtlich gesättigt von kulturellen Einflüssen und spezifischen Einflüssen aus Kindheit und Umgebung. Manches klingt bei Almaas auch seiner Wahlheimat Kalifornien verwandt - kein Wunder, da er seit etwa vierzig Jahren dort lehrt, arbeitet und mit engen Freunden ein Studienseminar aufgebaut hat. Es ist eher die intuitive Ebene, auf der ich seine rationale Mystik als real und verlässlich empfinde, etwa wenn er über ein tiefes Stadium der Versenkung schreibt (S. 61): "The peace is itself the presence, which is complete stillness of mind and consciousness. Total transparancy, complete purity, and absolute absence of obstruction. The feeling is an indescribable intimacy."

Ja, wer diese spezifische unbeschreibliche Intimität kennt, weiß eben, dass dieser Mann wahrhaftig spricht. Diese Intimität, dieses einzigartige Empfinden ist eben ein notwendiger Teil des Herzdenkens. Es ist die tiefe Freude, ein geradezu sprudelndes Inneres Glück, jenseits des Nur- Persönlichen in einen inneren Strom einzutauchen, der mit dem Innersten zusammen hängt, und also dennoch immer persönliche Züge annimmt. Das Glück des Sich- Verschenkens, das zugleich ein Sich- Finden bedeutet, aber auch eine aktive, präsente, ungebrochene Zuwendungsfähigkeit. In dieser Phase des Erlebens ist die Unmittelbarkeit und Intimität so groß, dass man weiß, an den Wurzeln der Existenz zu stehen, zu atmen und zu schauen.

Es gibt die innere Orientierung wie zu Christian Rosenkreutz, aber auch die zu Denkern wie Almaas, trotz aller kulturellen und religiösen Differenzen, ja trotz seiner ganz anderen inneren Dynamik und der Art seiner Metaphern und Imaginationen.

Man muss sich das, "woher der Wind weht" heute aus aller Herren Länder zusammen suchen. Der anthroposophische Zusammenhang hat, solange er die Intimität des Erlebens nicht kennt (wie etwa bei Prokofieff), etwas von einem Eselskarren, der treu und mit Scheuklappen behaftet, seiner Wege geht. Wer aber hinten auf den Karren aufspringt und tatsächlich mitfährt, ist eine andere Frage. Das ist eine ganz bunte Gesellschaft.
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