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Die entspringende Welt

Relikt & Imagination

Imaginationen hat man in Form von Knospen. Sollte man lieber von Gedankenpaketen oder von einem keimhaft Brütenden sprechen? Das kommt wie alles jenseits der Hügel ganz auf den Standpunkt an. Ich für meinen Teil fand das Wirbeln der Wolken über mir anschaulich, konzentrierte mich aber auf eines dieser Pakete. Ich kannte es, es war ein Fetzen gewesen, eine Anregung, eine Denkbewegung, etwas Recherche. Das Thema war damit angeschnitten. Dann wurde es im Inneren bewegt- es wurde mitgenommen in die Gegend jenseits der Hügel. Nun nahm ich es wieder entgegen als ein belebtes Paket. Man konnte es darin pulsieren fühlen.


Entblätterung

Ich nahm Keimblatt für Keimblatt ab und schrieb auf, was darauf geschrieben stand, weil ich es las. Es entblätterte sich, ich schrieb so schnell ich konnte, aber ich weiß, ich vergaß viel im Schreibprozess. Es ist zu groß für meine Zeit und meine beschränkten Möglichkeiten.
Das Wenige aber soll bestehen bleiben.

Auf die Gefühlslage soll es nicht ankommen. Sehr wohl aber auf das Erleben des Gedankens in Status Nascendi, auf das Keimhafte in ihm. Man hat den Ton angeschlagen, nun entfaltet sich eine Melodie. Rhythmisch bannt man es auf Papier.


Wenn Fassaden wie Blätter fallen

Es ist ohnehin wenig, was besteht. Nehmen wir die Selbstbilder, die wie alte Fassaden von uns abfallen, sobald die Zeit gekommen ist. Die Arroganz der Jugend muss zerfallen, oder sie wird zu einer manieristischen Marotte, die immer absurdere Anstrengungen erfordert. Die Magie der Schönheit wird uns genommen, der Zauber des Geschlechts wird schal. Um unsere Kompetenzen, auf die wir stolz waren, müssen wir kämpfen; die Nachfolgenden haben alles, in das wir mühsam an Kraft hinein gesteckt haben, schon in ihrem Einführungssemester abgehandelt. Alles, worauf wir stolz sind, auf das wir bauen, was wir als unser Recht, unser Eigentum, unseren Anspruch ansehen, hat eine gewisse Halbwertzeit. Am Ende müssen wir es einlagern und verbuchen unter “Erfahrung”. Es hat so viel Bestand wie römische Statuen; man muss es archäologisch betrachten, man muss ein Museum darum bauen, es vor Wind und Wetter bewahren.


Die entspringende Welt

Am Ende fallen die Selbstbilder wie Blätter im Herbst. Auf die Gefühlslage soll es nicht ankommen. Was aber ist an uns tatsächlich “keimhaft”? Was nur ein archäologisches Relikt? Was verflattert im aufkommenden Wind, was verpuppt sich und wird tatsächlich, sich entfaltend, durch die Zeit getragen? Letztlich sind unsere Relikte gespenstisch.

Jenseits der Hügel helfen weder Selbstbilder noch Fähigkeiten weiter, sondern letztlich nur konkrete Improvisation. Man muss den Wind nehmen, wie er kommt, denn man kann ihn nicht aus dem Vergangenen, aus dem Eigenen, aus dem Archäologischen heraus pressen. Man kann ihn nicht wollen, aber man muss die Segel setzen, wenn man ihn spürt. Der Wind, den man hier erlebt, entspringt aus der Dynamik des Keimhaften. Es ist erstaunlich, was Knospen und Keime vermögen. Aus ihnen entspringt die Welt.
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