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"Eine Frage noch.."

„Entschuldigung“ sagt man meistens, wenn man unvermittelt einen Passanten anspricht, um nach dem weg oder der Uhrzeit zu fragen. Man entschuldigt sich - so Jürgen Kaube in der kleinen Reflektion „Sich melden“ (FAZ, Nr. 286, Seite N3)- für die Kontaktaufnahme. Im Gegensatz dazu steht die Interruption des „Eine Frage noch..“ („Eine Frage noch, wie lange geht das denn noch heute Abend?“). In diesem Fall entschuldigt man sich nicht unbedingt, überschreitet aber dennoch Grenzen, weil man aus dem zu erwartenden Ablauf oder Kontext ausschert. Es geht keine Entschuldigung voraus, aber man kündigt vorsichtshalber die eventuell ungebührliche, persönliche Frage an. Man fordert damit quasi einen Freiraum ein, etwas Unerwartetes zu fragen, und in diesem Zusammenhang eine gewisse „außerplanmäßige Zuwendung“ zu verlangen. Es gibt Leute, die haben dieses Außerplanmäßige gewissermaßen zum Prinzip erhoben und nerven auf der Studienreise damit geradezu planmäßig.

Jürgen Kaube will nun auf etwas Bestimmtes hinaus, nämlich auf den Einsatz solcher „außerplanmäßigen Zuwendung“ auf Schüler in ihrem Unterricht. Er bezieht sich auf eine neue Studie des Erziehungswissenschaftlers Thomas Wenzl („Sich melden“). Darin wird festgestellt, dass die Schulneulinge zunächst lernen, Melderegeln zu beachten, indem sie möglichst nicht in die Klasse rufen und möglichst mit ihren Beiträgen im Thema bleiben. In der vierten Klasse halten Schüler diese Regeln meist einigermaßen ein, schnipsen aber, rudern mit den Armen und machen Geräusche, um drangenommen zu werden, wenn sie sich melden. In der fünften Klasse kommt dann das „situative Brechen der Melderegel“ durch das „Ich hab da mal eine Frage“. Dies ist zwar das Einfordern von Zuwendung und Redezeit, weicht auch vom zu erwartenden Ablauf ab, tut dies nach der Studie nicht mit privaten Anliegen. Ihr Anliegen nimmt einen anderen Standpunkt ein, bleibt aber im thematischen Kontext und bereichert diesen mit einem unkonventionellen Blickwinkel. Die Schüler haben dies zu unterscheiden gelernt; ihr Fragestandpunkt beleuchtet das Thema von außen, bereichert es aber. Dieser besondere Sichtwinkel erfordert eine gewisse Ankündigung.

Die Pointe dieser Studie liegt darin, dass in der Studie gerade das Fragen im sozialen Kontext betrachtet wird. Das lange verbreitete Ideal möglichst individuellen Unterrichts wird hier nicht vertreten, sondern eine Haltung, die aus der individuellen Fragehaltung heraus dennoch orientiert ist an der Bedeutung für alle. Das ist eine Grundkompetenz, die sonst in den pädagogischen Zielsetzungen nicht beachtet wird. Es ist auch dies eine Zielsetzung, die originär in den schulischen Kontext hinein gehört- in der Familie, in der Peergroup geht es selten darum, sich an einem thematischen Kontext zu orientieren. Die Fokussierung darauf ist gerade Sache von Schule. Unsachliche und allzu persönliche Anliegen wirken im Fluss der Beiträge, Diskussionen und Arbeiten eher störend. Es wird also gerade gelehrt, durch den individuellen Beitrag im Kontext zu verbleiben und das Ganze zu bereichern- in dieser Hinsicht also von der Individualität abzusehen und darüber hinaus zu gehen. Den „Fluss“ des Gesprächs zu beachten, ist eine grundlegende soziale Variante des Abstraktionsvermögens. Es handelt sich um die Fähigkeit, konstruktiv zu handeln. Individualität im sozialen Kontext und im gedanklichen Zusammenhang- wer das vermag, wird für jeden Zusammenhang eine Bereicherung sein. „Eine Frage noch“ ist dann kein nervendes Vortragen persönlicher Anliegen, sondern ein planmäßiger Anstoss zur Klärung des Zusammenhangs.

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