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Dynamik der Entwicklungen

In einem Beitrag im Egoistenblog habe ich die Betrachtung von Adam Michaelis referiert, „Current trends in Anthroposophy – a conclusion“, in der er vor dem Hintergrund von Jesajah Ben-Aharons Spiritual Science in the 21st Century Entwicklungen innerhalb der Anthroposophischen Bewegung in ihrer spezifischen Dynamik analysiert. Man denke dabei, nebenbei bemerkt, an Rudolf Steiners grundlegende Punkt- Kreis- Meditation, die er im Heilpädagogischer Kurs (S. 154f) darlegte: „Morgens müssen Sie denken: das ist ein Kreis, das ist ein Punkt. Sie müssen verstehen, dass ein Kreis ein Punkt, ein Punkt ein Kreis ist, und müssen das ganz innerlich verstehen. Sehen Sie, damit kommen Sie überhaupt erst an den Menschen heran.“ Aber so wie Steiner dies am Prinzip des Verhältnisses von Stoffwechsel und Bewusstsein darstellte, kann man es z.B. auch in sozialer Dynamik entwickeln, wenn es denn gelingt, dies nicht als starres Konzept zu begreifen.

Das dargestellte Problem mag zunächst darin gesehen werden, dass eine schwache spirituelle - sich vielleicht eher organisatorisch- strukturell verstehende - Mitte der Bewegung in den Randbereichen Phänomene entstehen lassen könnte, die wiederum danach streben, eine „mittige“ Position einzunehmen. Die angestrebte Schwerpunktverlagerung, die im Extrem wie beim Beispiel von Teresa Gahart proklamiert, persönlich die Nachfolge Rudolf Steiners darzustellen und diese Nachfolge auch anzutreten versucht, hat immer etwas mit Deutungshoheit, Macht und behaupteter spiritueller Kompetenz zu tun. Wenn es den Repräsentanten der Mitte nicht gelingen sollte, solche Phänomene auszugleichen, könnten Machtkämpfe und andauernde interne Auseinandersetzungen die Folge sein, die die Bewegung als Ganzes lähmen.

Aber diese zentripetalen und zentrifugalen Dynamiken haben schon sich schon lange überlebt. Die Idee eines „spirituellen Zentrums“ ist spätestens seit der Weihnachtstagung und den zähen Machtkämpfen nach Rudolf Steiners Tod völlig überholt. Heute geht es nicht um Deutungshoheit und spirituelle Kompetenzen, sondern um entstehende, wachsende Netzwerke, die manchmal neben-, manchmal miteinander wachsen- sich womöglich gegenseitig befruchtend. Das gelingt sicherlich nur im Ansatz. Es hat sich auch noch nicht überall herum gesprochen, dass die Vielfalt einer zentralistischen, einheitlichen Struktur bei weitem vorzuziehen ist, dass sie auch der Zeit und den Bedürfnissen einer zugleich globalen wie auch individualistischen Bewegung entspricht. Der Anspruch auf eine Art absolutistischer Deutungshoheit, die Michaelis auch in der Bewegung um Judith von Halle sieht, ist heute anachronistisch und nostalgisch. So schreibt er, auch die Gedanken von Ben-Aharon einbeziehend:

Ben-Aharon’s and our point is that the Michaelic impulse today, plan B, only works in the periphery – in single people and small groups – very close to existence and in personal relations. If anything authentic and forward-looking happens, it happens here, in the fringes. That is why Judith von Halle’s anachronistic and nostalgic attempt to revive and reanimate the dead center is so destructive, because it directs the polarized reaction from the periphery toward the center into Luciferic-Asuric illusions, as exemplified by a Teresa Gahart. This reaction should instead be directed into proper inner work and genuine social and karmic meetings in the periphery, where people start to experience real spiritual events, which must include an existential confrontation with evil. There is today an urgent need to deal with our shadow and double – not least the Asuric anti-I – because of the deep penetration of the evil forces in our outer and inner reality.“

Das „Tote“ des Zentrums muss in meinen Augen nichts Negatives sein- es ist eine notwendige Verwaltungsstruktur, das Knochengerüst eines Organismus. Das Illusionäre liegt allenfalls in fehlgeleiteten Machtansprüchen und im Denken an alte Mysterien mit ihren starren Verortungen und Personalisierungen. Das Macht- und Guru- Schema, dem die Gaharts und von Halles folgen, hat einen - je nach Standpunkt- illusionär- faszinierenden oder eher erheiternd- gestrigen Charakter. Die tatsächliche reale geistige Arbeit hat damit nichts zu tun.

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Download des Aufsatzes „Current trends in Anthroposophy – a conclusion“ von Adam Michaelis, dem diese Gedanken zugrunde liegen
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