Die unwiderstehliche Sehnsucht. Über D.N. Dunlop | EgoBlog | Die Egoisten

Die unwiderstehliche Sehnsucht. Über D.N. Dunlop

dunlop
Es ist ein großes Verdienst Thomas Meyers, die Quellen zu D.N. Dunlop* offen gelassen zu haben, der einst als Generalsekretär der englischen Anthroposophischen Gesellschaft vorgesehen war, aber im internen Krieg in den 30er Jahren von einem Dornacher Vorstand, der auf jeden einschlug, der sich mit Ita Wegman verstand, aus der Gesellschaft ausgegrenzt worden war. Dabei war Dunlop ein international agierender, selbstbewusster Organisator, ein Repräsentant der Energiewirtschaft mit intimen theosophischen Wurzeln, ein von Kindesbeinen an geistig Erwachter, der von Rudolf Steiner überaus geschätzt worden war. Als Reprint ist auch sein Schulungsbuch „Path of Attainment“ erhältlich- bezeichnender Weise nicht in deutscher Sprache. Eleanor Merry Erinnerungen an Dunlop** sind gerade wieder aufgelegt worden.

Dunlops frühe Initiation geht - so berichtet Meyer - auf dessen Kindertage im Jahre 1882 zurück. Er lebte seit Jahren, nach dem Tod der Mutter, bei seinem Großvater auf Arran, einer isolierten kleinen schottischen Insel- dem Wirkensumkreis der Mönche um Columban in 6. Jahrhundert, auf der sich auch vorchristliche Steinkreise befinden. Die Isolation war vollkommen, die einzige Literatur für Dunlop bestand in der Bibel. Im genannten Jahr wachte Dunlop morgens in der Blutlache seines in der Nacht verstorbenen Großvaters auf. Das Kind erlebte im Schockzustand Imaginationen vom Großvater und sich selbst aus ägyptischer und griechischer Zeit - auch Tempelszenen: „Dann sah er sich als griechischen Jüngling, der in einem weißen Gewand mit einem goldenen Gürtel an eine Tempelsäule gelehnt stand. Er betrachtete eine Prozession, die eben den Tempel betrat. Er war in einem der heiligen Haine, die dem Kult der orphischen Mysterien geweiht waren, und er fühlte einen großen Schmerz, denn die Frau, die er liebte, wurde ihm genommen: sie sollte im Tempel eingeweiht werden. Er fühlte sich vollkommen verlassen.“ (Meyer. S. 31)

Erst als Erwachsener konnte Dunlop diese Imaginationen als Reinkarnations- Bilder verstehen. Wenige Jahre später machte Dunlop die Bekanntschaft mit Theosophen wie dem berühmten W.B. Yeats und G.W. Russell- Literaten, Maler und spätere Politiker; eine feste Clique, die sich mit Blavatsky beschäftigte und in Dublin zur theosophischen Szene gehörte. Yeats driftete ab 1890 in die obskuren „rosenkreuzerischen“ Logen wie den „Golden Dawn“ ab und betrieb zeremonielle Magie, während Dunlop, immer bodenständig, seine Spiritualität in ein konkretes Handeln einfliessen ließ- er war immer ein Mann der Tat. Sein dennoch überragendes und reales praktiziertes Arbeiten floss gelegentlich in Aufsätze ein wie den 1897 erschienenen „Abwege der okkulten Entwicklung“. Vor jeder Begegnung mit Rudolf Steiner zeigt sich Dunlop darin als westlicher Eingeweihter: „Die rechte Methode ist jedoch, das Denken zu regeln; dann werden sich die Lebensströme von selbst regeln. Es gibt einen kleinen Lebensgott in unserem Leibe, der viel besser weiß als wir selbst, wie die Ströme zu regulieren sind. Man überlasse die Atemregelung ihm und kümmere sich um sein Denken.“ Dunlop hat später die Gesamtheit aller Chakren im inneren Geistleib in Zusammenhang erlebt mit den Tierkreiszeichen. Aus autobiografischen Skizzen wissen wir, dass in dieser Zeit in ihm der Wunsch erwachte - eine „unwiderstehliche Sehnsucht“ (..), „einem physisch verkörperten Eingeweihten, einem Wissenden auf dem Felde spiritueller Erkenntnis zu begegnen, um mich dann auf meine Weise in den Dienst der Verbreitung dieser Erkenntnis zu stellen.“ (Meyer, S. 73) Dieser Eingeweihte wurde für ihn Rudolf Steiner.

Dunlop arbeitete ab 1899 für den Konzern Westinghouse und lebte zeitweise in den USA, aber meist in London. Ab 1911 begann er sich innerlich und publizistisch von der Theosophie zu distanzieren, die sich mit Annie Besant auf „gefährliche Neuerung“ eingelassen, die „Berührung mit dem lebendigen Christus“ und „klares Unterscheidungsvermögen“ eingebüsst hatte (Meyer, S. 98). Dunlop dagegen suchte danach, einen inneren Altar aufzubauen, um „Glieder jener mystischen Kirche zu werden, welche den Christusleib in dieser Welt bildet“ (Meyer, S. 111). Dies sowie Dunlops eigenes Credo „skill in action“ führten ihn wie von selbst zu Rudolf Steiners „Philosophie der Freiheit“ mit ihrem Schwerpunkt auf „moralischer Phantasie und Technik“. Aber Dunlop kam eben in völliger geistiger Unabhängigkeit zu Steiner und zur Anthroposophie- als jemand, der seit je her die „Ur- Energie“ in sich selbst bearbeitet hatte, „welche die Hauptquelle ist von allem, was er ist, war und je sein wird“ (Meyer, S. 131) Dunlops Thema war die „bewusste Unsterblichkeit“. Ab 1918 studierte Dunlop Anthroposophie systematisch in einer Arbeitsgruppe- bis dahin hatte er sich Steiner vorsichtig angenähert. 1920 bewarb er sich um Aufnahme in die Anthroposophische Gesellschaft. Die Begegnung mit Steiner erfolgte 1922- ein Händedruck, der „viele Minuten dauerte“- ein gegenseitiges Erkennen. Gegenüber E.C. Merry hat Rudolf Steiner ein Jahr später über Dunlop geäußert, dieser „sei mit allen antiken Mysterien verbunden gewesen.“ (Meyer, S. 177) Der Rat an Merry war: „Knüpfen Sie die Bande mit ihm, so fest Sie nur können“. Damit begann Dunlops energische, weitreichende Tätigkeit innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft- aber nach Rudolf Steiners Tod wurden seine kompromisslose Energie und seine innere Selbständigkeit gegenüber Dornach auch immer mehr zum Problem. 1934 wurde jede nicht von Dornach kontrollierte Bewegung zum Ausschlussgrund eines um Zentralisierung und reine Macht bemühten Vorstands.
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Thomas Meyer, D.N. Dunlop. Ein Zeit- und Lebensbild
Eleanor Merry, Erinnerungen an Rudolf Steiner und D. N. Dunlop
D. N. Dunlop Institut für anthroposophische Erwachsenenbildung Sozialforschung
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