Michael Eggert: Die Suche nach dem heiligen Dingsbums oder: Die Perle | EgoBlog | Die Egoisten

Michael Eggert: Die Suche nach dem heiligen Dingsbums oder: Die Perle

Ich erinnere mich an einer dieser Geschichten von Tschuang-Tse, in der ein Herrscher mit allen Mitteln nach einer Perle sucht, die ihm persönlich viel bedeutet und die nun in einen See gefallen ist. Er beschäftigt verschiedene Helfer mit der Suche- vergebens. Erst als er endgültig aufgegeben hat und beiläufig -absichtslos- nach ihr greift, hält er sie unversehens die Perle in der Hand:

„Der Gelbe Kaiser reiste nordwärts vom Roten See, bestieg den Berg Khun-Lun
und schaute gegen Süden.
Auf der Heimfahrt verlor er seine Zauberperle.
Er sandte Erkenntnis aus, sie zu suchen, aber sie fand sie nicht.
Er sandte Klarsicht aus, sie zu suchen, aber sie fand sie nicht.
Er sandte Denkgewalt aus, sie zu suchen, aber sie fand sie nicht.
Endlich sandte er Absichtslos aus, und es fand sie.
"Seltsam fürwahr", sprach der Kaiser, "dass Absichtslos die Perle zu finden vermocht hat."


In ein ähnliches Horn- das der Absichtslosigkeit- bläst auch Rupert Spira („Bewusstsein ist alles“, S. 152):
Wenn die konventionellen Möglichkeiten, sich Glück zu verschaffen, erschöpft sind, dann beginnt „Bewusstsein-das-vorgibt-ein-getrenntes-Wesen-zu-sein“ auf anderen, ihm weniger vertrauten Gebieten zu suchen. Eine Version ist die spirituelle Suche. Früher oder später, allmählich oder spontan erkennt Bewusstsein dann jedoch, dass es bereits genau das ist, was es sucht, und dass die Suche selbst diese Einsicht verhindert.“

Suchen kann man nur etwas, was nicht präsent ist, ein Objekt oder einen Zustand, den man vielleicht unter bestimmten Bedingungen irgendwann irgendwo entdecken wird. Das, was man sucht, ist aber nicht dinglich, nicht abwesend oder ein zeitlich in die Ferne verrücktes Versprechen. Es geht gerade um die Präsenz, um das Gegenwärtigsein, nicht um die Vorstellung eines irgendwie gearteten Zustands. Die Suche verschiebt das Gesuchte in ein irreales Außen und folgt damit den materiellen Bedingungen unseres Verständnisses von Wahrnehmung. Die Suche spaltet uns gewissermaßen auf. Nun gibt es eine ganze Industrie, die von solchen irrealen Heilsversprechungen profitiert und sie folgerichtig mit immer neuen Ausschmückungen belebt; die Heilsversprechungen werden damit zu einer Ware wie jede andere auch. Ein gutes Konsumgut schafft aber immer mehr Appetit, vergibt nur Häppchen des Glücks. Schließlich geht es Erlösung, Heil, um Erleuchtung und Frieden- ein endgültiges Konsumgut, ein absolutes.

Der Suchende erwartet durch die Tatsache seiner Suche aber nicht nur einen Zustand der Erlösung, er fühlt sich schon auf dem Weg dorthin als bedeutsam und wichtig. Wegen dieser impliziten Bedeutsamkeit erhalten bereits kleine Hinweise auf den ersehnten Zustand den Charakter von Offenbarungen, die womöglich nur der Suchende selbst als solche erkennen kann. Womöglich führt ein höheres Wesen bereits seine Hand, wenn er vor der Bücherwand stehend ins Regal greift und dann nach Dies oder Das greift, nach irgendeinem heiligen Dingsbums. Auch Offenbarungen Anderer, die vielleicht *weiter* sind als er selbst, bekommen erhebliche Bedeutung, solange nur die Sehnsucht mit Bildern und Inhalten lebendig gehalten wird. Visionäre, Propheten und Scharlatane kennen das Geschäft mit dem unstillbaren Hunger nach - ja, nach was?

Die Gegenwärtigkeit ist kein Etwas, kein Zustand, keine Vision. Sie ist nicht jenseitig und nicht irgendwo. Sie ist das beiläufige Greifen nach der Perle, nachdem man aufgehört hat, sie zu suchen.

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