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Wenn man es nicht so mit der Devotion hat


Man findet - unabhängig von der spirituellen, kulturellen oder weltanschaulichen Richtung, in der man sich zu befinden meint, häufig wie bei Sogyal Rinpoche (der inzwischen nicht mehr hoch angesehen ist ) meditative Anweisungen, gerade zu Beginn von Übungen in eine bestimmte devotionale Haltung hinein zu gehen:

"Rufen Sie im Raum vor sich die Verkörperung der Wahrheit an, so, wie Sie sie sich vorstellen, in Form von strahlendem Licht. Wählen Sie als Gestalt ein erleuchtetes Wesen oder einen Heiligen, zu dem Sie eine enge Verbindung spüren. Wenn Sie ein praktizierender Christ sind, spüren Sie von ganzem Herzen die lebendige, unmittelbare Gegenwart Christi, des Heiligen Geistes oder der Jungfrau Maria. Wenn Sie sich von keiner bestimmten spirituellen Gestalt angezogen fühlen, stellen Sie sich einfach reines goldenes Licht im Raum vor Ihnen vor. Wesentlich ist, dass Sie in das Wesen, das Sie visualisieren oder dessen Präsenz Sie spüren, die Verkörperung der Wahrheit, der Weisheit und des Mitgefühls aller Buddhas, Heiligen Meister und erleuchteten Wesen erkennen. Machen Sie sich keine Sorgen, wenn Ihre Visualisierung nicht besonders klar ist. Lassen Sie einfach Ihr Herz sich mit dieser Präsenz füllen und vertrauen Sie darauf, dass sie da ist." (Sogyal Rinpoche, Das tibetische Buch vom Leben und vom Sterben, Bern/München/Wien 1994/8. Auflage, S. 258)

Offenbar ist damit beabsichtigt, der Seele eine gewisse "Hochstimmung" und "Fokussierung-auf-das-Wesentliche" durch die Art visuellen Vergegenwärtigens zu geben. Lange Jahre des Umgangs mit Übenden aller möglichen Ausrichtungen haben mich gelehrt, dass die Meisten damit aber nicht unbedingt aus der Ebene der Selbstbespiegelung heraus kommen. Auf den Hochgefühlsebenen der herbei gesehnten Bilder lauern die spezifischen Gefahren der Gefühligkeit- bis dahin, dass diese Übenden unvermittelt das zu "sehen" vermeinen, was man aus der Literatur eben so kennt- sagen wir mal Lichterscheinungen, Devas, Visionäres aller Art, barttragende Männer mit heiliger Ausstrahlung, Elementarwesen, usw. Die Illusion kann das alles produzieren, was man sich aus der Stimmung heraus wünscht- es sind aber immer noch Projektionen, aus der Wunschnatur heraus, oder, um es härter zu sagen, vielleicht auch aus dem spirituellen Ehrgeiz oder der Sehnsucht heraus.

Vielleicht liegt es auch daran, dass ich einer Generation entstamme, die zu viel emotionale Korruption erlebt und erfahren hat, und in dieser Hinsicht auch eine grundsätzliche Skepsis sich selbst gegenüber hegt. Das ist ja auch die Generation, die nicht nur mit der medialen Expansion aufgewachsen ist, sondern auch mit ganz konkretem Umgang mit Psychoanalyse, Encountergruppen, gruppendynamischen Prozessen, sektiererischen Entgleisungen und Supervision. Ich würde nicht auf Devotion und Visualisierungen am Anfang eines meditativen Prozesses setzen, um der Gefahr der Selbstsuggestion nicht zu unterliegen. Am Anfang steht für mich die intensive Schulung intellektueller und seelischer Fokussierung, bis hin zu dem Punkt, verlässlich und unabhängig von der Situation Nicht-Inhaltlich, aber bewusst bestehen zu können, gelassen der Leere zu begegnen, ohne dabei einzuschlafen, zu träumen, zu assoziieren oder eben Gefühle oder Bilder zu produzieren. Mit der Zeit und bei geeigneter Situation gelingt es, den Willen "weich" und geschmeidig zu machen und in der Leere in einen Strom einzugehen, dessen Quelle zunächst nicht bekannt, der aber in sich völlig transparent und wach ist; man ist sich im Strömenden seiner selbst bewusst, man erlebt sich als bewusstes, aber nicht im Dualismus zersplitterter, einiges Strömen, das sich in den vor einem liegenden geistigen Raum ergießt.

Man kann der Quelle im zweiten Schritt nachgehen und bemerken, dass dazu ein Ebenenwechsel nötig ist. Der "kühle Wind" des reinen Bewusstseins ist nicht alles- er wird getragen von Quellen, die vor allem warm sind. Die konstruktive Mitte aller geistigen Aktivität ist eine Quelle, die sich unentwegt selbst verschenken möchte. In dieser Geste ist etwas Naturhaftes- etwas, was mit dem Schöpferischen an sich zu tun hat, vor jeder Form, vor jeder Gestaltung. Erfährt man davon auch nur eine Spur, hat man zugleich den Grund der wirklichen Devotion erfasst. Es ist der Quell des Bewusstseins (des Denkens im weiteren Sinne), des Gefühls (nicht der ich-haften Selbstgefühligkeit), des Lebens und Erschaffens zugleich. Die Devotion ist auf dieser Ebene ein unmittelbares, naturhaftes Erleben, das zutiefst mit der eigenen Wesenheit zu tun hat: Daraus sind wir gestrickt, hier liegt der Ursprungspunkt dessen, was wir wirklich sind. Aber begründet und verifiziert wird dieses Erleben doch durch die bewusste Schulung des Denkens und Wollens, durch das Überwinden des Assoziativen und Gefühligen, der Nebel, mit denen wir unsere Bedürftigkeiten, Sehnsüchte und Projektionen kaschieren. Hier wird die Devotion so konkret und unmittelbar wie ein glasklarer Bach, nur dass dieser unserem eigenen Innersten entspringt und uns darin mit allem Lebenden verbindet.

Die Heiligen, die großen Gefühle können warten. Rationale Spiritualität kann warten, bis die Devotion in der Mitte erwacht.
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