Aleister Crowley - Porträt des Magiers als junger Mann | EgoBlog | Die Egoisten

Aleister Crowley - Porträt des Magiers als junger Mann

Eine neue, differenzierte, ohne Hysterie oder Weichzeichnung gezeichnete Biografie Aleister Crowleys - „Perdurabo, Revised and Expanded Edition: The Life of Aleister Crowley“ von Richard Kaczynski - gibt endlich realistische Einblicke in die Vielschichtigkeit dieses Mannes und in die Abschnitte seines Lebens. Er war ja zweifellos ein erster, weltweiter Medienstar - aber auch ein Opfer der Sensationspresse seiner Zeit, denn er wurde mehrfach eines Landes verwiesen, seine Bücher und Verleger boykottiert, und er wurde als ein Schwarzmagier gebrandmarkt, der er im engeren Sinne bestimmt nicht gewesen ist. In späteren Jahren hat er mit dieser Publizität gespielt, sie bewusst eingesetzt und sich in diesem Sinne als Bösester alles Bösen inszeniert („The Beast 666“). Er war ein erster Popstar. Zudem hat er die Welt mit einer mehr als freizügigen Kommune auf Sizilien schockiert, gegen die die Versuche Fritz Teufels blass erscheinen müssen. Und er hat durch die Verquickung seiner Promiskuität und Bisexualität mit Magie einen Strom in die Welt gesetzt, der im 20. Jahrhundert immer wieder aufgeflackert ist und bis heute einen erheblichen Einfluss auf die Sümpfe der esoterischen Szene besitzt. Schließlich hat er die Sechzigerjahre vorweggenommen durch seine lebenslangen Experimente mit - auch jahrzehntelange Abhängigkeit von - Drogen aller Art. Als magisches Mittel setzte er vor allem eine Art Meskalin ein - Peyotl, ein Halluzinogen wie LSD. Neben diesen zweifelhaften Aspekten seines Ruhms und seiner sexuellen Freizügigkeit war er aber auch ein über Jahrzehnte äußerst charmanter, charismatischer und beliebter Gesprächspartner, der unzählige Prominente aus allen Kreisen und Gesellschaftsschichten kennen lernte. Seine Warmherzigkeit versuchte er meist unter der provokativen Erscheinung zu verbergen, aber sie kam mit den Jahren stärker in den Vordergrund.

Von den Machenschaften des Golden Dawn (GD) hielt er übrigens nicht viel- er hielt das zeremonielle magische Treiben für Mummenschanz von Mittelschichtsspießern: „Expecting to encounter spiritual giants, he discovered a group of nonentities. Crowley was not alone in this opinion. GD member and Irish feminist Maud Gonne (1866–1953) characterized the order as “the very essence of British middle-class dullness. They looked so incongruous in their cloaks and badges at initiation.“ Dennoch trieb er in diesen neu- „rosenkreuzerischen“ Orden seine Spielchen und verbündete sich zeitweise mit dem um die Jahrhundertwende verfemten Samuel Mathers. Später schloss er sich dem O.T.O. an, der schon früh mit Reuss eine Richtung in Sachen Sexualmagie eingeschlagen hatte. Das rein rituelle Treiben im Sinne eines Vertiefens der Freimaurerei befriedigte ihn nicht: „Nevertheless, Crowley confided in him that after searching so long for the truth, he was troubled to find dramatic ritual dissatisfying.“ Dies, obwohl er auch von Maurerseite aufgrund seiner Kenntnisse in den frühen Jahren anerkannt gewesen war: „Crowley’s knowledge of the mysteries so impressed Don Jesus that the Mason conferred upon him the 33°, the highest grade in the Scottish Rite of Freemasonry.

Aber schauen wir in die Kindheit und Jugend Crowleys zurück. Er hatte seinen Vater früh verloren und war, nachdem sich seine Mutter mit anhaltenden Depressionen aus der Erziehung zurück zog, weitgehend einem bigotten Onkel ausgeliefert, gegen den er ebenso opponierte wie gegen das Schulsystem an sich. Trotz deiner privilegierten Stellung und seiner offensichtlichen Hochbegabung fiel er durch kaum verhüllte homosexuelle Eskapaden in der Pubertät negativ auf. Das Skandalöse, Provokative wurde, auch um seine Familie zu schockieren, Teil seiner Identität. Dazu kam aber eine Karriere als geradezu einzigartiger Bergsteiger, der bis in seine späteren Jahre hinein eine Art Freeclimbing betrieb, das die traditionellen Bergsteiger schlichtweg überforderte. Diese Berufung war auch der erste Anlass dafür, viele Jahre lang rund um die Welt zu reisen, um - etwa im Himalaya - ohne nennenswerte Ausrüstung schwierigste Besteigungen zu meistern. Es waren zu seiner Zeit völlig unmögliche Leistungen, bei der es allerdings auch menschliche Opfer gab. Dies brachte ihm später den Ruf eines herzlosen Besessenen ein. Er lernte Kulturen und religiöse Kulte auf der ganzen Welt kennen, hatte aber auch schon derartig viel angesehene Poesie veröffentlicht, dass auch dies für eine Karriere ausgereicht hätte. Zugleich vertiefte er seine Kenntnisse in Magie: „Life looked pretty grim. Crowley was a man who had climbed among the highest mountains in the world, only to have his first leadership snatched from him and his men buried in ice. As a poet, he had published so many books that his collected Works were available, even though the originals never sold. He had traveled around the world, and was now halfway around it again and finding it stale. And he was a master of magic.“ Dennoch blieb er unruhig, unzufrieden, sexuell und emotional obsessiv: „when he loved, he did so with his whole being, but the passion was typically short-lived.“

Seine Sorge bestand darin, dass seine besonderen Begabungen nicht Bestand haben würden, dass er sich nach dem 30. Lebensjahr immer nur weiter wiederholen würde, wie es ja so vielen Künstlern ergeht: „Anyway, I hope I shan’t simply go bad. At least I am certain to avoid the blunder of making a good thing and copying it forever.“ Sein Ehrgeiz reichte weiter als das, was ihm gegeben war. Er wollte einen weit größeren Ruhm, aber auch eine spirituelle Quelle, die nicht versiegen würde: „he concluded his charmed life was being preserved for a greater purpose.“

Daher unternahm er alle Anstrengungen, (vorerst) sämtliche traditionellen Grenzen zu überschreiten, um nicht Irgendwer, sondern der „Auserwählte“, das „Biest“ zu werden: „The one really important thing is the fundamental hypothesis: I am the Chosen One.“ Um dieses Ziel zu erreichen, wollte er alle menschlichen und moralischen Hüllen fallen lassen. Er formulierte (Nietzsche lässt grüßen): „I say today to hell with Christianity, rationalism, Buddhism, all the lumber of the centuries. I bring you a positive and primaeval fact, magic by name; and with this I will build me a new Heaven and a new Earth. I want none of your faint approval or faint dispraise; I want blasphemy, murder, rape, revolution, anything, bad or good, but strong. I want men behind me, or before me if they can surpass me, but men, men not gentlemen. Bring me your personal vigour; all of it, not your spare vigour. Bring me all the money you have or can force from others. If I can get but seven such men, the world is at my feet. If ten, Heaven will fall at the sound of one trumpet to arms.“

Tatsächlich ging er mit seinen magischen Experimenten sehr weit. Er benutzte auch Andere dafür. Er ließ seine him als Medium dienende Frau Rose mit Kleinkind in China zurück. Das Kind starb auf der Rückreise, von der schon alkoholkranken Rose vernachlässigt: „Rose was very annoyed about being cast off in China with their young daughter to return home alone. Crowley reasoned that, being wanted in Calcutta, he couldn’t return there with her. She finally agreed, with the intent of staying with her father when she arrived in Scotland. She needed his help because she was three months pregnant.“ Crowley folgte seiner magischen Suche nach der endgültigen Initiation. Crowleys Ziel zu dieser Zeit war, alles „Haftende“ zu überwinden, gleichgültig, welche Opfer das bei Anderen bewirkte: „In magical terms, he had plumbed the depths of the Ordeal of the Abyss, a magical rite of passage designed to obliterate the magician’s ego by destroying all he held dear: those physical attachments that Buddha blamed for reincarnation; one’s selfishness, or sense of self.“ Den Tod des Kindes verstand er angeblich als Warnung dieser von ihm gesuchten Götter (machte aber auch sonst allen, vor allem Rose, Vorwürfe, allen, außer sich selbst): „The gods had killed Lilith because his attachment to her was impeding his progress in the Great Work. The gods killed her because Rose had failed in her role as Crowley’s magical partner. The gods killed her as a warning. In that moment, Crowley realized the cosmos played by very tough rules.“

Diese „Götter“ waren identisch (auch wenn später konkretere und selbst für Crowley letztlich abstossende Inspiratoren in seinen magischen Handlungen auftauchten) mit denen, die in vielen theosophischen Kreisen, in den magischen „Rosenkreuzer“- Logen und heutzutage bei Judith von Halle („Rudolf Steiner, Meister der Weißen Loge“) auftauchen: „the Secret Chiefs and their Great White Brotherhood“.

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