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Rudolf Steiner

Die Erinnerung an einen Engel, der in mir denkt


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Natürlich ist das Gedächtnis gestört, dauernd. Erst die Zerstreutheit, dann die üblichen Filter: Passt das Gesehene in eine der mir bekannten Kategorie, oder gehört es zur Kategorie Unkategorisch? Im letzteren Fall ist meine volle Aufmerksamkeit sofort da. Die volle Präsenz tritt dann in den Alltag ein, wenn ein emotionales Alarm- Level erreicht ist. So wäre das ein halb- automatisiertes Leben zwischen Status Quo und diversen Alarm- Zeiten in unserem Leben, wenn wir nicht doch dem, was uns begegnet, interessiert gegenüber treten würden- das Konditionale daran (und damit die Möglichkeit der Entscheidung, aber auch des Scheiterns) zeigt schon, dass dann das Ich direkt engagiert ist. Aber das muss man dann auch tatsächlich tun, denn das Ich ist nun einmal ein rein schaffendes, produktives Wesen. Das, was wir so engagiert - persönlich beteiligt statt nicht passiv reagierend- erfahren, wandert über die Amygdala, und prägt sich tiefer ins Gedächtnis ein. Je mehr Erkenntnis, Anteilnahme, Intelligenz und Empfindung beteiligt sind, desto unmittelbarer- ohne Umwege über selektive Filter, und umfassender und detaillierter wird eine Situation auch erinnert- es entsteht der Schatz eines ganzen individuellen Lebens.

Für den esoterischen Weg (was immer Sie jetzt darunter verstehen) hat Rudolf Steiner erwähnt, dass das Erinnern - er meint das automatisierte Gedächtnis- immer weiter zurück geht. Das bedeutet: Je aktiver ein Mensch geistig wird, desto mehr ziehen sich neuronal gegebene Auto- Mechanismen zurück- zugunsten erhöhter ständiger Präsenz des Ich. Denn erinnert wird nur - so Steiner-, was mit Liebe und Interesse betrachtet wird. Nichts anderes als das bedeutet ja Präsenz des Ich.

Natürlich wird das Gedächtnis in gewisser Hinsicht auch schwächer, wenn man älter wird - gewisse Namen, Daten, Details werden unscharf - ein Problem. Im Gegenzug erlebt sich der Ältere gelegentlich, der Hochbetagte in steigender Dominanz in Inseln eines nicht erinnernden, sondern szenisch exakt nacherlebenden Bewusstseins. Die Intensität des Neu- Erlebens halb oder ganz vergessener oder geschönter Fragmente des eigenen Lebens kann gerade am Beginn schmerzhaft sein, weil emotional besonders herausragende Ereignisse zuerst hoch kommen. Im Erleben ist man szenisch involviert, beobachtet das aber zugleich von außen in absoluter Objektivität. Gegenüber dieser Instanz - dem inneren Leben selbst- fällt jeder Selbstbetrug in sich zusammen- auch wenn er in einer so erlebten Szene peinlicher Weise im schönsten Schwung sein mag. Für den Meditierenden jeder ernsthaften Schule gehören diese Szenen ohnehin zu gewissen Stadien intensiver und kritischer Selbstbetrachtung- eine Art notwendiger Ausarbeitungs- Prozess- allerdings nicht um in die Emphase einer Menschen-, Kultur- oder Selbst- Anklage zu verfallen, sondern als nüchternes Resümee einer gewissen Selbst- Objektivierung, einer gewissen spirituellen Hygiene.

Aber Steiner wäre nicht Steiner, wenn er nicht noch eine ganz andere Begriffsdeutung in Bezug auf das Gedächtnis ins Spiel bringen würde. Er beginnt harmlos mit „Der Zusammenhalt des Gedächtnisses darf nicht zerstört werden.“ Gemeint ist aber, wie er dann erklärt, eine okkulte Deutung, die dann besagt, dass jede Form von Selbstbespiegelung eben diesen „Zusammenhalt“ stört; worum es gehe, sei, dass ein Mensch so ehrlich mit sich sein müsse, sich nur an den eigenen Taten zu messen- und nicht an einer wie auch immer gearteten Hybris:

Mit diesem Zusammenhalt des Gedächtnisses meint man auf dem Gebiet des Okkultismus noch viel mehr als im gewöhnlichen Leben. Im gewöhnlichen Leben versteht man mit diesem Gedächtnis eigentlich nur, daß man zurückblicken kann und wichtige Ereignisse seines Lebens nicht gerade aus dem Bewusstsein verloren hat.
Im Okkultismus meint man unter richtigem Gedächtnis auch noch, daß der Mensch mit seiner Empfindung, mit seinem Gefühl nur auf das etwas gibt, was er schon in der Vergangenheit geleistet hat, so daß sich der Mensch keinen anderen Wert beimißt als den Wert, den ihm die Taten seiner Vergangenheit geben
.“ (GA 136, 40)

In Bezug auf intensive meditative Erfahrungen auf der Ebene des zeitlosen Bewusstseins stellt sich die Frage nach der Verbindung mit dem Alltagsdenken, oder, anders gesagt: Wie viel können wir später von solch intensiven Erfahrungen, in die wir restlos „ausgegossen“ - hingegeben - sind, überhaupt erinnern?

Schon in Rudolf Steiners Mysteriendrama Die Pforte der Einweihung heißt es über die Figur Theodora: „Wenn sie in jenen Zustand fällt, ermangelt sie fast ganz der Gabe der Erinnerung.“ Das geht keinesfalls nur Theodora so. Es geht, wie Steiner in „Okkultes Sehen und okkultes Hören“ (GA 156, S. 54ff) ausführt, vielmehr jedem so, der „wie in das Nichts hinein schwimmend, in den allgemeinen Kosmos unter (taucht)“. Dieser „voll bewusste“ Zustand der meditativen Zeitlosigkeit hat in vieler Hinsicht (bis eben auf die Tatsache der vollen Bewusstheit) Ähnlichkeit mit dem Schlaf; und auch der Zustand „danach“ wirkt wie ein Aufwachen, bei dem man empfindet: „Das war nicht ein Schlaf, in dem jetzt warst. (..) Da ist etwas geschehen in der Zwischenzeit“. Man erlebt diese Erfahrungen aus der Zwischenzeit im Nachhinein so: „Es ist wie eine Erinnerung. Man erinnert sich an etwas, das man nicht mit dem gewöhnlichen Selbst durchgemacht hat, das man aber so erlebt hat, dass man aus dem gewöhnlichen Selbst heraus gehoben war.“ Das, was man da meditativ bewusst, d.h. also „denkend erlebt“ (Steiner) hat, ist in Steiners Augen das Erleben des Denkens des Engels in einem selbst: „Du kannst dich nur nachher erinnern, was dieses Wesen, dieses Angeloswesen, in dir gedacht hat."

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Der radikale Wandel in Rudolf Steiners Werk - zu Christian Clements „Kritischer Ausgabe"

frommann
Die SKA 7 (Kritische Ausgabe ausgewählter Schriften Rudolf Steiners*) thematisiert Meditation und anthroposophische Erkenntnisschulung im Sinne einer aktiven Auseinandersetzung des modernen Menschen angesichts einer globalisierten Welt, aber auch einer sich stark ändernden Selbstwahrnehmung des Menschen der Neuzeit. Von beiden Seiten erscheint der moderne Mensch bedroht von Leere und, wie Rudolf Steiner es nannte, dem Erleben der „Ohnmacht“:

"»Ich bleibe mit meiner Fassungskraft hinter dem, was ich eigentlich anstrebe, zurück; ich empfinde meine Ohnmacht gegenüber meinem Streben. – Es ist dieses Erleben ein sehr wichtiges [...] denn dieses Ohnmachtsgefühl ist nichts anderes als das Empfinden der Krankheit [...] Dann, wenn man genügend kräftig diese Ohnmacht empfindet, dann kommt der Umschlag [...] Suchen Sie in sich, und Sie werden finden die Ohnmacht. Suchen Sie, und Sie werden finden, nachdem Sie die Ohnmacht gefunden haben, die Erlösung der Ohnmacht, die Auferstehung der Seele zum Geist« (GA 182, 180 f.).“ (1) Christian Clement äußert in diesem Zusammenhang die Ansicht, dass die so benannte Ohnmacht (übrigens nennt Steiner im Heilpädagogischen Kurs als Ursache für Depression aufgestaute Gefühle) inmitten der „Krise der Moderne“ mit der heute so genannten Depression im Zusammenhang steht: "Was das Individuum als »Depression«, was die Menschheit als »Krise der Moderne« erlebt, ist nach Steiner Ausdruck jener inneren Entwicklungskräfte, die den Menschen aus den Tiefen seines Wesens heraus von seinen früheren instinkthaften Bindungen an Natur und Gesellschaft emanzipieren und ihn gewaltsam zum Erlebnis seiner inneren Freiheit drängen.“ (2)

Der Schulungsweg Steiners soll - analog zur psycho-therapeutischen Selbstbewusstmachung - als notwendiges Instrument der inneren Stärkung, Fokussierung und Emanzipation des modernen Menschen dienlich sein können, wenn er recht verstanden wird: "Die Herausforderung der anthroposophischen Erkenntnisschulung an den Menschen der Gegenwart ist somit im Grunde nicht die: Ob der Einzelne die beschriebene innere Entwicklung will oder nicht; sondern vielmehr die: Ob er diese faktisch sich bereits vollziehende Entwicklung bewusst in die eigene Hand nehmen will oder es dem allgemeinen Evolutionsgeschehen, der »Natur« oder der »Gesellschaft« überlässt, diese Wandlung an ihm zu vollziehen.“ (3)

Derjenige, der selbstbewusst, analytisch und engagiert mit dieser Erkenntnisschulung beschäftigt ist, wird auch dem Lehrer Steiner selbst radikale Wandlungen und Entwicklungsschritte zugestehen -und nicht annehmen, Steiner sei quasi als Menschheitslehrer fertig gebacken zur Welt (und zur Reife) gekommen. Dies kann man nirgends besser erkennen als in den Änderungen, die Rudolf Steiner selbst im Laufe stetig neuer Auflagen an seinen Schriften zur Erkenntnisschulung vorgenommen hat. Diese gehen, wie Christian Clement beweist, über die formale Änderung vom theosophischen zum anthroposophischen Lehrer weit hinaus. Clement nennt diese Veränderung "Vom Einweihungsritus zum individuellen Schulungsweg“ (4). 1904 sieht („Das Christentum als mystische Tatsache“) die Einweihung - als Ziel der Erkenntnisschulung - nach Steiner "der Form des antiken Mysterienkults (bzw. der steinerschen Rekonstruktion desselben) noch sehr ähnlich“, wird in geheimen „Tempeln“ vollzogen und entstammt einer „Geheimüberlieferung“. In „Wie erlangt man..“ verfolgt Clement von Auflage zu Auflage, wie "zunehmend die Konzeption eines modernen Schulungswegs, der von jedem individuell und überall, ohne Einbindung in institutionelle oder personelle Bindungen praktiziert werden kann“ (5), in den Neuformulierungen Steiners zutage tritt. Das von Steiner skizzierte Lehrer- Schüler- Verhältnis ändert sich vollständig: "Der Schüler »begibt« sich nicht mehr in eine »Geheimschule«, sondern »lässt sich ein« auf die Schulung (WE, 107). Aus der »Aufnahme« in eine Schule wird der »Antritt« der Schulung (WE, 96) und die »Geheimlehrer« heißen nun »Berater«, »Lehrer des geistigen Lebens«, »Kenner der Geheimwissenschaft« oder »geistig Geschulte«, die statt strenger »Forderungen« und »Anweisungen« jetzt »Ratschläge« und »Empfehlungen«“ (6) geben. "Der reduzierten Rolle des Lehrers in der geistigen Schulung entspricht eine zunehmende Betonung der Autonomie des Schülers.“ (7)

Im Grunde hat sich in Steiners Arbeiten im Laufe der Jahre das gesamte Konzept einer „Geheimwissenschaft“ und eines klüngelnden Mysterienwesens restlos überlebt: "Hatte Steiner zuvor stets betont, dass bestimmte esoterische Vorstellungen geheim gehalten werden müssten, so verschiebt sich das traditionelle Schweigegebot der alten Mysterien immer mehr in Richtung des Gedankens, dass das Esoterische sich selbst vor unberufenen Augen und Ohren schützt.“ (8) Damit ändert sich auch der elitäre „Wissensvorsprung“ der „Eingeweihten“: "Zudem wird der exzeptionelle und elitäre Charakter der Einweihung entschärft, indem das frühere Ziel des Eingeweihten, zu einem »Führer des Menschengeschlechts« zu werden, soweit herabgestuft wird, dass er nunmehr zur Befreiung der Menschheit nur noch »beizutragen« habe (WE, 219).“ (9)

Insgesamt sieht Christian Clement in den Textveränderungen Anzeichen einer "Deinstitutionalisierung der »Einweihung« zum »Schulungsweg« und ihre Entkopplung von Lehrer, Institution und Ritus“ (10). Dieser lange Weg einer völligen Neuorientierung Steiners in Bezug auf die Rollen von Lehrer und Schüler, Ziel und Organisation der Schulung - und damit verbundenen Methoden- kann man sich gar nicht radikal genug vorstellen. Steiner hat sich keineswegs nur von theosophischen Vorstellungen getrennt, sondern vom gesamten traditionellen Konzept der „Einweihung“. Er ist Stück für Stück mit seinen Adaptionen in die Moderne gerückt und hat damit den aufgeklärten, autonomen, sich selbst infrage stellenden und im sozialen Zusammenhang lebenden Menschen in den Mittelpunkt der Betrachtung genommen: "Aus der alten Idee einer Initiation unter Anleitung eines spirituellen Führers wird so nach und nach ein Weg der Selbsteinweihung des gut informierten und daher weitgehend autonomen Schülers.“ (11)

Parallel dazu ist Rudolf Steiner dazu übergegangen, dem naiven Realismus des Lesers entgegen zu wirken und den bildhaften Charakter der Hinweise in den esoterischen Schriften heraus zu stellen- die selbst gewonnene Erkenntnis soll schließlich nicht dem Glauben an wortwörtlich vorgestellte geistige Wesen zum Opfer fallen. Als ein Beispiel mögen die „geistigen Wahrnehmungsorgane“ dienen, deren exakte Lage im Körperschema nicht mehr als feste Tatsache hingestellt wird; in „Wie erlangt man..“ heißt es stattdessen in späteren Auflagen, solche Organe könnten geistig wahrgenommen werden, wobei die Drehbewegung dieser Organe "als bildhafte Ausdrucksweise zu verstehen und nicht wörtlich zu nehmen“ (12) sei: "Insgesamt herrscht die Tendenz, sämtliche Beschreibungen übersinnlicher Phänomene als uneigentlich und bildhaft auszuweisen und stets davor zu warnen, sich von der Konkretheit und Bildlichkeit nicht dazu verführen zu lassen, die beschriebenen seelisch-geistigen Erlebnisse im naiven Sinne als Objekte oder Dinge misszuverstehen.“ (13)

In Bezug auf die vermittelten Übungen selbst fällt in den Textveränderungen auf, dass sich "die Tendenz (zeige), Übungsbeschreibungen, die zuvor in relativ normativer Weise dargestellt worden waren, nunmehr als bloße Beispiele zu verstehen“: "Offensichtlich will Steiner den eigenen Meditations- Anweisungen den autoritativen Charakter nehmen und den generellen Charakter bestimmter Techniken betonen, die dann der Übende gemäß seiner persönlichen Präferenzen individuell gestalten kann.“ (14)

Besonders stark sind Steiners Eingriffe in den Text in der 8. Auflage von „Wie erlangt man..“ zu konstatieren. Aber sie gehen alle weiter in die bislang von Clement skizzierte Richtung des sich selbst bemühenden, eigenverantwortlichen Zeitgenossen: "Zentral ist nicht mehr, dass er von einem autorisierten Lehrer unterwiesen wird, sondern dass er in der rechten Weise bestrebt ist.“ Weiterhin überarbeitet Steiner seinen Text und insbesondere die Begriffe, die "einen Institutionscharakter der Einweihung implizieren und die 1914 stehen geblieben waren“; sie "werden jetzt durch solche ersetzt, die den Prozesscharakter sowie die Flexibilität und Freiheit in der individuellen Verwirklichung des Schulungsweges betonen.“ (15)

So bildet Rudolf Steiner in den durch die Forschungsarbeit Christian Clements dargestellten Text- Veränderungen eine Neuorientierung spiritueller Schulung ab, wobei Steiner erst nach und nach, wie es Zeit, Einsicht und Umstände erlaubten, seine früheren Texte einer Revision unterzog. Sein dabei sichtbar werdendes Ziel war es, ein "Konzept eines allgemeinen, sicheren und von Lehrerautorität unabhängigen Schulungsweges“(16) zu entwickeln. Er hat dabei seine frühere Einstellung zum Thema „Einweihung“ sehr weitgehend revidiert.

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*Steiner, Rudolf: Schriften. Kritische Ausgabe (SKA). Band 7: Schriften zur Erkenntnisschulung
Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? – Die Stufen der höheren Erkenntnis. Samt einem Anhang mit Materialien aus Rudolf Steiners erkenntnisschulischer und erkenntniskultischer Arbeit. Herausgegeben und kommentiert von Christian Clement. Mit einem Vorwort von Gerhard Wehr. 2014. CXXX, 498 S. 17,4 x 25 cm. Ln.

Leseprobe

1 Zitiert nach: Christian Clement, SKA 7, lxxxix, „Schulungsweg und Psychotherapie“, Anmerkung 137
2 CC, SKA 7, Einleitung, XC
3 dito
4 CC, SKA 7, Einleitung, CXII
5 dito
6 dito
7 dito
8 CC, SKA 7, Einleitung, CXIII
9 CC, SKA 7, Einleitung, CXIII f
10 CC, SKA 7, Einleitung, CXIV
11 dito
12 CC, SKA 7, Einleitung, CXV
13 dito
14 CC, SKA 7, Einleitung, CXVII
15 CC, SKA 7, Einleitung, CXIX
16 CC, SKA 7, Einleitung, CXX
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Julie Klimas Erinnerungen an Rudolf Steiner

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Julie Klimas Erinnerungen an Rudolf Steiner umfassen etwa 30 Seiten, stammen aus dem Jahre 1928, und finden sich als Anhang in Ludwig Polzer- Hoditz „Erinnerungen an Rudolf Steiner“. Klima stammte aus Prag. Sie hat Rudolf Steiner meist dort vor Ort getroffen- durch ihren Ehemann („mein teurer, verewigter Gatte“), der mit Steiner dienstlich zu tun hatte und selbst eigentlich keinen oder nur spät einen Zugang zu ihm fand. Rudolff Steiner äußerte in Bezug auf ihn: „Die sind mir die liebsten, die so schwer herankommen.“ Für die „ganz klerikal“ erzogene, später völlig atheistische, auch in ihrer Ehe recht unglückliche Julie war Steiner von der ersten Begegnung an der „Meister“- sie nannte ihn nie anders, und empfand überhaupt mit einer Unmittelbarkeit und Stärke, die in ihrer Schilderung berührt. Julies Unglück bestand in ihrem Umzug ins fremde Prag, in ihren Schwierigkeiten mit ihrer Tochter, und später in der chronischen Untreue ihres Mannes. Als sie nach einem ersten Vortrag Rudolf Steiners einen Augenblick mit diesem allein ist, erkennt -empfindet- sie sofort dessen Größe: „Ich wusste damals noch nichts von Hellsichtigkeit. In einem Moment aber, da wusste ich, dass er alles wisse, was in mir vorgeht. Eine tiefe Scham überkam mich. Kein Wort brachte ich über meine Lippen, ich hatte nur das Gefühl, in den Boden versinken zu wollen. Ich floh von dannen wie eine Geächtete.“

Nach diesem bodenlosen Erlebnis beginnt sie konsequent an sich zu arbeiten, um Steiner ein Jahr später wieder unter die Augen treten zu können: „Aber diesmal hielt ich den Blick bereits aus.“ Mehrmals fragt Rudolf Steiner sie, wie es ihr gehe. Wieder schleicht sie davon. Aber diese Scham ist etwas, was sie, die Atheistin, in Steiners Vortrag innerlich beschwingt und belebt: „Ich sah die Aura des Meisters.“ Später tritt Steiner auf sie zu, reicht ihr die Hand und drückt seine Freude über die Begegnung aus. Von nun an bis zu Steiners Tod besteht diese Beziehung in immer neuen Begegnungen.

Die anfängliche Scheu gegenüber dem „Meister“ schwingt bald um in ein sehr vertrautes Verhältnis. Julie bespricht ihre intimsten Probleme mit ihm, erhält aber auch persönliche Meditationsanweisungen. Als die jahrelange Affäre ihres Mannes mit einer anderen Frau offenbar wird, die zudem wohl schwierig im Sinne eines Borderline- Syndroms war, rät ihr Steiner, sich mit dieser Frau anzufreunden. Julie Klima befolgt nicht nur diesen Rat, sondern lässt diese Frau bei der Familie einziehen. Es folgt ein jahrelanges Psychodrama bis zum Tod des Mannes, das Steiner immer wieder beratend begleitet. Julie wird zur ersten Anlaufstation für die Familie Steiner, Polzer-Hoditz und Andere in Prag: „Es war die schönste Zeit meines Lebens.“ Steiner dient in vielerlei Hinsicht als Familientherapeut: „Ihr Fall ist eine Tragödie. Aber wollen Sie denn keine Tragödie erleben? Nur banale Menschen erleben keine Tragödien.“

Einen besonderen Höhepunkt erreicht die Beziehung zwischen Julie Klima und Steiner bei einem langen Ausflug zur Burg Karlstein 1918. Steiner war bester Laune, zeigte aber auch schon mal Differenzen im Verhältnis zu seiner Frau Marie: „Renommieren Sie schon wieder?“ In der Kapelle von Karl IV. empfand Julie „plötzlich ein wunderbares Seligkeitsgefühl in der Nähe des Meisters“- sie zieht sich wie alle anderen dezent und sensibel zurück. Steiner bestätigt später im Anblick der Fresken, dass darin die Chymische Hochzeit des Christian Rosenkreutz dargestellt werde.

Julie Klima gehörte zu denen, die mit Steiner innerlich mitgingen, ihm Freundin und Begleiterin war. Es gab diese sehr persönliche Ebene, für die sie sich, als er kränker wurde, auch schämte, aber auch eine Ebene des Erkennens und Anerkennens, die ihre Darstellung so einzigartig macht. Sie war Steiner zu wichtigen Zeitpunkten eine treue und innerlich tief mitempfindende Freundin. Man spürt das bei ihr in jeder Zeile.
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Claudia Beckmann: Tropischer und siderischer Tierkreis als Grundlagen anthroposophischer Astrologiebetrachtung

Die Reinkarnationsforschung auf astrologischem Hintergrund (auch im Sinne eines Ausschlussverfahrens) ist spannend. So habe ich mich gleich mit den Darstellungen von Holenstein zu Jacques de Molay beschäftigt. Allerdings macht sich Holenstein mit den Daten des sog. tropischen Tierkreises ans Werk. Das sind Konstellationen, die aufgrund der Progression der Sonne durch den Tierkreis in der realen Erscheinung nicht vorhanden sind. Der Frühlingspunkt schreitet bekanntermaßen in 72 Jahren etwa 1° rückwärts durch den Tierkreis. Wenn er also ein Tierkreiszeichen von 30 ° durchläuft, dauert das 30 x 72 Jahre = 2160 Jahre. Und das die 12 Tierkreiszeichen: 12 x 2160 Jahre = 25920 Jahre. Das ist ein platonisches Weltenjahr.

Und ganz praktisch leuchtet Jupiter 2013/2014 in den Zwillingen, was derzeit seit Monaten am Nachthimmel wunderschön klar und eindrücklich zu sehen und zu erleben ist. Laut tropischem Tierkreis befindet er sich heute am 9. März 2014 10°27 im Krebs, was nirgendwo am real existierenden Himmel zu sehen ist. Sollte eine Wirkung des Mondes und der Planeten auf die Seele und den Geist des Menschen möglich sein, doch nicht nach einer Konstellation, die ich nur auf dem PC berechnen kann! Selbst der Flüssigkeitshaushalt meines Körpers untersteht dem Wandel des Mondes, ebenso wie die Gezeiten des Meeres.

Die Aussage Steiners, dass Todes- und neues Geburtshoroskop miteinander zu tun haben, ist mir sehr wohl bekannt. Es gibt von Steiner auch die Angabe, dass der Mensch im Augenblick seiner Geburt im Haupt ein Abbild des Kosmos tragen würde, das für sein Leben erhalten bleibt. Nur der Christus trage jeden Augenblick den Kosmos, so wie er in der aktuellen Stunde, im Hier und Jetzt erscheint, in sich; Er ist ja der kosmische Geist:

Wenn das hellseherische Bewusstsein einen Menschen betrachtet, so kann es an seiner Organisation wahrnehmen, wie diese tatsächlich ein Ergebnis des Zusammenwirkens von kosmischen Kräften ist. Dies soll nun in hypothetischer, aber völlig den hellseherischen Wahrnehmungen entsprechender Form veranschaulicht werden. Wenn man das physische Gehirn eines Menschen herausnehmen und es hellseherisch untersuchen würde, wie es konstruiert ist, so dass man sehen würde, wie gewisse Teile an bestimmten Stellen sitzen und Fortsätze aussenden, so würde man finden, dass das Gehirn bei jedem Menschen anders ist. Nicht zwei Menschen haben ein gleiches Gehirn. Aber man denke sich nun, man könnte dieses Gehirn mit seiner ganzen Struktur photographieren, so dass man eine Art Halbkugel hätte und alle Einzelheiten daran sichtbar wären, so gäbe dies für jeden Menschen ein anderes Bild.

Und wenn man das Gehirn eines Menschen photographierte in dem Moment, in dem er geboren wird, und dann auch den Himmelsraum photographierte, der genau über dem Geburtsort dieses Menschen liegt, so zeigte dieses Bild ganz dasselbe wie das menschliche Gehirn. Wie in diesem gewisse Teile angeordnet sind, so in dem Himmelsbilde die Sterne. Der Mensch hat in sich ein Bild des Himmelsraumes, und zwar jeder ein anderes Bild, je nachdem er da oder dort, in dieser oder jener Zeit geboren ist. Das ist ein Hinweis darauf, dass der Mensch heraus geboren ist aus der ganzen Wel
t.“ (Rudolf Steiner, GA 15 – Die geistige Führung der Menschen und der Menschheit, Dritter Vortrag, S. 73)

Ich habe daher nie verstanden, wie auch der anthroposophische Arzt Dr. med. Heinz Herbert Schöffler tropische Daten benutzt. Nun stoße ich erneut auf solch intensive Bemühungen mit Holensteins Arbeit, die für mich nicht mehr nachvollziehbar sind.

Auf den siderischen Tierkreis bin ich vor etlichen Jahren durch die Arbeiten von Robert Powell gestoßen. Mir erschien Powells Forschung sehr schlüssig und ich musste mich wohl oder übel vom tropischen Rechnen verabschieden mit der Schwierigkeit, dass es eben nur wenige Menschen gibt, die sich auf diesem Sektor betätigen.

Nun ja, du weißt ja auch sehr wohl, dass in der 6. Klasse eine Sternenkunde-Epoche angesagt ist und Steiner sich explizit wünschte, man möge vom Ort aus, wo man sich befindet, zum Nachthimmel blicken. Wie sollte ich Schülern klar machen, dass momentan Jupiter nicht in den Zwillingen wirkt?

Es kann wohl nur nützlich sein, wenn man um die tatsächlichen Zusammenhänge des Mikrokosmos mit dem großen Kosmos weiß. Und eben auch zur Kenntnis nimmt, dass der tropische Tierkreis nicht mit dem real existierenden Sternenhimmel rechnet. Im siderischen und tropischen Tierkreis bleiben die Winkelbildungen der Planeten untereinander und zu dem Häusersystem gleich. Der Tierkreis aber ist um etwa zwei Drittel eines Zeichens verschieden. Damit befinden wir uns gegenwärtig auch noch lange nicht im Wassermannzeitalter, wie allenthalben verkündet wird, sondern immer noch in den Fischen. Rudolf Steiner setzte den Beginn des Fische-Zeitalters auf 1413.

Zu Steiners Zeiten hat Elisabeth Vreede, Leiterin der mathematisch-astronomischen Sektion am Goetheanum, intensiv über die Sache mit den Sternen nachgedacht (1. Auflage 1954 von „Astronomie und Anthroposophie“), dann war da noch Willi Sucher (ich glaube, er war Vreedes Schüler) und schließlich erschien 2007 ein sehr empfehlenswertes Buch im Verlag am Goetheanum von Leo de la Houssaye „Auf dem Wege zu einer neuen Sternenweisheit“, das er Willi Sucher gewidmet hat. Es ist auch für einen „durchschnittlich sternbegabten“ Menschen gut und flüssig zu lesen. Wenn man sich mal darauf einlassen konnte, kann man die für mein Ohr oft ziemlich verdrehten Begründungen des Weltbildes der Vertreter des tropischen Tierkreises nicht mehr akzeptieren. – Aber es ist vielleicht für einen Astrologen, der nach dem tropischen Tierkreis seine Horoskope erstellt hat und sich- und meist auch seine Mitmenschen- auf seine Interpretationen eingeschworen hat, wohl auch ziemlich peinlich, zu der Erkenntnis kommen zu müssen, dass all das, was so schön gepasst hat, doch stark von der persönlichen Wahrnehmung der Umstände und nicht von den Sternen her interpretiert worden war. Man schmeißt einiges über Bord und startet neu.

Zum Schluss noch ein Beispiel Rudolf Steiners zum Zusammenhang von Sternenkonstellationen und dem Wirken Christi:

"Während Jesus von Nazareth als Christus Jesus in den letzten drei Jahren seines Lebens vom dreißigsten bis zum dreiunddreißigsten Jahre in Palästina auf der Erde wandelte, wirkte fortwährend die ganze kosmische Christus- Wesenheit in ihn herein. Immer stand der Christus unter dem Einfluss des ganzen Kosmos, er machte keinen Schritt, ohne dass die kosmischen Kräfte in ihn herein wirkten. Was hier bei dem Jesus von Nazareth sich abspielte, war ein fortwährendes Verwirklichen des Horoskopes; denn in jedem Moment geschah das, was sonst nur bei der Geburt des Menschen geschieht. Das konnte nur dadurch so sein, dass der ganze Leib des nathanischen Jesus beeinflussbar geblieben war gegenüber der Gesamtheit der unsere Erde lenkenden Kräfte der kosmisch-geistigen Hierarchien. Wenn
so der ganze Geist des Kosmos in den Christus Jesus herein wirkte, wer ging dann zum Beispiel nach Kapernaum oder sonstwo hin? Was da als ein Wesen auf der Erde wandelte, das sah allerdings wie ein anderer Mensch aus. Die wirksamen Kräfte darin aber waren die kosmischen Kräfte, die von Sonne und Sternen kamen; sie dirigierten den Leib. Und je nach der Gesamtwesenheit der Welt, mit welcher die Erde zusammenhängt, geschah das, was der Christus Jesus tat. Daher ist so oft die Sternkonstellation für die Taten des Christus Jesus in den Evangelien leise angedeutet. Man lese im Johannes-Evangelium, wie der Christus seine ersten Jünger findet. Da wird angegeben: «Es war aber um die zehnte Stunde»; weil der Geist des ganzen Kosmos in Gemäßheit der Zeitverhältnisse sich in dieser Tatsache zum Ausdruck brachte. Solche Andeutungen sind an andern Evangelien-Stellen weniger deutlich; wer aber die Evangelien lesen kann, der findet sie überall.

Von diesem Gesichtspunkte aus sind zum Beispiel die Wunder der Krankenheilungen zu beurteilen. Man fasse nur eine Stelle ins Auge, diejenige, wo es heißt: «Als die Sonne untergegangen war, da brachten sie zu ihm die Kranken, und er heilte sie.» Was heißt das?

Da macht der Evangelist darauf aufmerksam, daß diese Heilung mit der ganzen Sternkonstellation zusammenhing, dass eine solche Weltenkonstellation vorhanden war in der entsprechenden Zeit, die nur hat herbeigeführt werden können, als die Sonne untergegangen war. Gemeint ist, daß in dieser Zeit die entsprechenden Heilkräfte sich offenbaren konnten nach Sonnenuntergang. Der Christus Jesus wird als der Mittler dargestellt, welcher den Kranken mit den Kräften des Kosmos zusammenbringt, die gerade zu jener Zeit heilend wirken konnten. Diese Kräfte waren dieselben, die als Christus in Jesus wirkten. Durch Christi Gegenwart geschah die Heilung, weil infolge derselben der Kranke den ihn heilenden Kräften des Kosmos ausgesetzt wurde, die nur unter den betreffenden Raumes- und Zeitverhältnissen so wirken konnten, wie sie wirkten. Die Kräfte des Kosmos wirkten durch ihren Repräsentanten, den Christus, auf den Kranken
.“ (dito, S. 76-78)
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Okkulte Nebelbilder. Rudolf Steiner über gesunde Urteilskraft & das „Blaue vom Himmel"

Der Okkultist weiß, dass es nicht nur eine Versuchung des Luzifer durch Begierden, sondern auch eine durch Ahriman gibt – wenn man nämlich seine eigenen Leidenschaften in den Makrokosmos hinausträgt, indem man allerlei Gestalten sieht.“

GA 124.243

Ja, Doktor Steiner, dergleichen ist ist schon öfter- nahezu täglich untergekommen- ich hoffe, nicht all zu oft bei mir selbst. Dass man sich was vormacht, eine Welle vor sich her schiebt, ist das Eine- aber die okkulte Wendung ist inzwischen das Andere, nämlich ein gängiges Geschäftsprinzip, millionenfach in Büchern, Ratgebern und Benimm-Sachbüchern des heutigen Formats breit gewalzt- und es funktioniert immer noch, nahezu 100 Jahre nach Ihnen. Man kann sich vorstellen, was Ihnen an Spinnern untergekommen ist, aber Sie charakterisieren diese Leute ja treffend mit den Erzählern, die das „Blaue vom Himmel herunter“ schwätzten:

„In dem Augenblick, wo Ahriman mit dem zusammentrifft, was wir uns im Erdendasein als gesunde Urteilskraft errungen haben, bekommt er einen furchtbaren Schreck, denn das ist etwas ganz Unbekanntes für ihn, davor hat er eine große Furcht. Je mehr wir uns daher bemühen, das auszubilden, was im Leben zwischen Geburt und Tod an gesunder Urteilskraft gegeben werden kann, desto mehr arbeiten wir Ahriman entgegen.

Das zeigt sich besonders bei allerlei Persönlichkeiten, welche einem gebracht werden und die dann «das Blaue vom Himmel herunter» von all den geistigen Welten erzählen, die sie da gesehen haben. Und wenn man da den allergeringsten Versuch macht, diesen Persönlichkeiten etwas klarzumachen, ihnen Verständnis und Unterscheidungsvermögen beizubringen, dann hat sie Ahriman gewöhnlich so sehr in der Gewalt, dass sie kaum darauf eingehen können; und das wird um so stärker, je mehr sich die Verlockung Ahrimans nach der akustischen Seite hin ausdrücken. Gegen das, was sich in visionären Bildern zeigt, gibt es noch mehr Mittel als gegen das, was sich akustisch zeigt, wie gehörte Stimmen und so weiter.

Solche Leute haben eine große Abneigung, etwas zu lernen, was für das Ich-Bewusstsein zwischen Geburt und Tod errungen werden muss. Sie mögen es nicht. Wenn man einen solchen Menschen dann aber so weit bringt, gesunde Urteilskraft zu entwickeln, und er darauf eingeht, Belehrungen anzunehmen, dann hören die Stimmen und die Halluzinationen bald auf, weil sie vorher nur ahrimanische Nebelbilder waren und weil Ahriman eine furchtbare Angst bekommt, sobald er verspürt: Da, vom Menschen her, kommt eine gesunde Urteilskraft.“

GA 120.140
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Die vielen Reinkarnationen des Jakob von Molay

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Das Thema Templer, deren Impuls, die Gegenkräfte und Vernichtung faszinieren viele Menschen bis heute. So ist es nicht erstaunlich, dass eine anthroposophische (australische) Autorin, Adriana Koulias, Bestsellererfolge mit typisch anthroposophischen Themen im englischsprachigen Raum feiert, auch und gerade mit einem an Aussagen Rudolf Steiners angelehnten, aber gut und sorgfältig recherchierten Templerroman The Seal:

„It is the year 1307, and the ancient Order of the Knights of Christ and the Temple of Solomon is in danger. The King of France and Pope Clement V are scheming to appropriate the most sacred and dangerous of all secrets held by the Order – a secret encrypted on the ring seal of Jacques de Molay, the Templar Grand Master.
To save the Order, Jacques must entrust the ring to one man, a man unknown to history, a man whose task will be to take the seal through a world in ruins and out to the farthest edges of Europe. The man in question becomes embroiled in a Machiavellian world of spies, traps, the Inquisition and outward enemies, only finally to come face to face with the most cunning and terrible foe of all: the enemy that hides within.

So who is this man? And what is the secret he carries? Nearly 700 years later, the answer comes by way of a writer who arrives at Lockenhaus Castle to research a book on the Templars. Together the writer and an old local woman unlock the secret of the seal and come to understand the entangled destiny that binds them.“

In der Tat, die Frage, wer dieser Jaques von Molay war, beschäftigt auch Historiker bis heute. Der unvermeidliche Alain Demurger - insbesondere in seiner etwas chaotischen Monografie „Der letzte Templer“, in der er sich ohne Linie und Entscheidung für alle Darstellungen de Molays entscheidet- d.h. auch für die Interpretationen, die widersprüchlicher nicht sein könnten. So wird der Kämpfer aus Akkord, über dessen Vorgeschichte so gut wie nichts bekannt ist, zum wankelmütigen und charakterschwachen Opfer von Kirche und französischem König, dem die dominikanischen Folterspezialisten sieben Jahre lang buchstäblich die Haut vom Körper ziehen. Ob es ein Triumph dieses Buches ist, dass es „einen "glänzenden" Beweis dafür (liefert), dass die Geschichte des Templer-Ordens auch ohne esoterisch-mystische Ausschmückungen "packend genug" sein kann“. sei dahin gestellt. Mir erscheint der Historiker Demurger eher im Salat zu stochern. Dennoch konstatiert das Buch die vorliegenden (spurlosen und gegensätzlichen) Fakten, „durchleuchtet zugleich das feingewobene Interessengeflecht, das die Handlungen seiner Gegenspieler - des französischen Königs Philipp des Schönen und des Papstes Clemens V. - bestimmte. Als der letzte Großmeister erkannt hatte, dass der habgierige König den Orden wegen seiner Macht und seines Reichtums zerschlagen und dessen Vermögen unter seine Kontrolle bringen wollte, war es zu spät. Er war nicht mehr in der Lage, den Strategien und Winkelzügen seiner Gegner wirksam zu begegnen. So erscheint der tapfere Jacques de Molay in dieser Biografie am Ende seiner Tage als tragische Gestalt und idealistischer Kämpfer für eine verlorenen Sache. Als er am 18. März 1314 auf Befehl Philipps in Paris verbrannt wird und noch auf dem Scheiterhaufen König und Papst verfluchte, war der Untergang der Templer längst vorherbestimmt. Doch während seine Gegner nach seinem Fluch innerhalb nur eines Jahres starben und weitgehend der Vergessenheit anheimfielen, blieb die Geschichte Jacques de Molays und des Ordens der Tempelritter bis in unsere Zeit lebendig.“ (Klappentext) Die Person Molays aber wird am keiner Stelle deutlicher, so sehr es sich bemüht, die Fakten zu sortieren.

Wenden wir uns also probeweise den Esoterikern zu. Insbesondere anthroposophische Autoren wissen durch angebliche Aussagen Rudolf Steiners, als wer sich de Molay reinkarniert habe. So schreibt der Europäer: „Vor etwas über 700 Jahren wurden am 12. Mai 1310 vor den Toren von Paris 54 Templer verbrannt, welche die unwahren Geständnisse gegen den Orden, die ihnen unter der Qual der Folter abgepresst worden waren, widerrufen hatten. Zu ihnen gehörte ein Mann, der in seiner nächsten Inkarnation schon als Knabe Erinnerungen an sein früheres Templerdasein in sich trug und später die einstige Verbrennung als Templer erlebt hat. Der Wahrheitsgehalt dieses Erlebnisses ist ihm von Rudolf Steiner bestätigt worden. Es handelt sich um Albrecht Wilhelm Sellin (1841–1933).
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Aber auch Andere waren von ihrer persönlichen Reinkarnation als de Molay überzeugt- so der distinguierte Schüler Rudolf Steiners, Felix Peipers: „Es gibt aber noch eine andere Ansicht: Felix Peipers (1873 - 1944), der Arzt, der mit Rudolf Steiner die Farbentherapie entwickelte, sei in seiner vorherigen Inkarnation der Großmeister gewesen, beteuern seine Freunde.“ (Weitere Quelle) Peipers war Darsteller in den Mysteriendramen Rudolf Steiners und hatte auf die Zeitgenossen einigen Eindruck gemacht: „Andrej Belyj gibt in seinem Buch Verwandeln des Lebens die Impression wieder, die er von Peipers hatte – nämlich eine solche als «Tempelritter» – und fügte hinzu: «Ich glaube, dass damit der Grundwesenszug Peipers ausgesprochen ist: er war ‹Ritter›, in einer völlig neuen Bedeutung; und seine Zurückhaltung auf dem äußeren Kampffeld (Vorträge, Aufsätze, leitende Funktionen) war offenbar durch das innere Wachehalten bedingt.“
Peipers soll von de Molay gesagt haben, er habe die Folter nicht bestanden: „Das wird wohl heißen, in einer noch perfideren Art und Weise, war es doch besonders wichtig, aus dem Munde des Großmeisters ein Zeugnis gegen den Orden zu erpressen. Molay scheint dadurch in extremer Weise geschwächt worden zu sein, so dass er nicht drei, sondern sieben, zum Teil in Kerkerhaft verbrachte Jahre brauchte, bis er die Kraft errang, alles Gestandene mit einem Schlag zu widerrufen. Dies geschah am 18. März des Jahres 1314. Molay wurde noch am selben Tag, zusammen mit dem Präzeptor Guy de Normandie, auf der Seine-Insel von Paris verbrannt.“


Nun gibt es in Sachen Reinkarnation de Molays aber noch weitere interne Konkurrenz. Eine Rolle soll auch die bodenständige Elisabeth Vreede, von der es im genannten Aufsatz, Peter Selg zitierend, heißt: „Nun brachte Peter Selg in seiner vor einem Jahr erschienenen Vreede-Monographie gleich auf den ersten Seiten auch eine mündliche, namentlich durch Willi Sucher getragene Überlieferung zur Sprache, der zufolge Rudolf Steiner Vreede auf ihre «(sehr wahrscheinlich) letzte Inkarnation als leitende Persönlichkeit der Templergemeinschaft, mit schwerem, ja furchtbarem Schicksal» (S/12) aufmerksam gemacht habe. In einer Anmerkung wird dann diese «leitende Persönlichkeit» (S / 286, Anm. 16) als Jacques de Molay identifiziert.“

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Zum ganzen Text mit weiteren Kandidaten für die Reinkarnation
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Die Labyrinthe der geistigen Wirklichkeit

minos

Folgen wir noch etwas dem Thema des Labyrinths, der inneren Ariadnefäden und den möglichen Verirrungen, indem wir den Begriff bei Rudolf Steiner verfolgen.

Dieser appelliert zunächst an unsere Vernunft, an die Rationalität, auf die wir wirklich bauen können, denn in Extremsituationen - so auch in der meditativen Versenkung- kommen wir an Grenzen- an Grenzen unserer selbst, unserer Verständigkeit, unserer Orientierung. In der Normalität unserer Alltagswelt korrigieren uns (meist) die Umstände von selbst, damit wir nicht vollkommen irre gehen. Zumindest darf man das erhoffen, auch wenn auch diese Sicherheiten seit Rudolf Steiners Tod mehr und mehr verloren gegangen ist. Der Irrsinn eines staatlichen Terrors, Wirtschaftskrisen, amoklaufende Individuen, ebenso wie Staaten und Rechtssysteme, Virtualisisierung der gesamten Lebenswirklichkeit, das Rationale als blanke Gewinnmaximierung - wo bitte ist da die sich selbst regulierende Realität, von der Rudolf Steiner vor 100 Jahren noch so ausging:

Wahrnehmungen in den höheren Welten sind etwas ganz anderes als in der physischen Welt. Eines aber gibt es, was in den drei Welten, der physischen, der astralischen und devachanischen Welt, dasselbe Element bleibt: das ist das logische Denken. Dieser sichere Führer bewahrt uns vor allem Irrlichtelieren. Ohne ihn lernen wir niemals Illusion von Wirklichkeit unterscheiden und (ohne ihn) gelangen (wir) dahin, jede Illusion für astralische Wirklichkeit zu halten. Hier in der physischen Welt ist es leicht, Täuschungen von Wirklichkeiten zu unterscheiden. Denn die äußeren Tatsachen korrigieren uns. Wenn Sie zum Beispiel durch eine falsche Straße gegangen sind, kommen Sie nicht an den rechten Platz. In den höheren Welten müssen wir selbst durch eigene Geisteskraft den richtigen Weg finden, sonst kommen wir da in immer schwierigere Labyrinthe hinein, wenn wir nicht erst gelernt haben, Illusion von Wirklichkeit zu unterscheiden.“ (Rudolf Steiner, GA 98.49)

Das Labyrinthische der Wirklichkeit nimmt jedenfalls nach Steiners Aussagen jenseits der bezeichneten Schwelle der „drei Welten“ zu, wodurch man sich vielleicht nicht über die skurrilsten Selbstbilder von Yogis, Erleuchteten, Profi- Anthroposophen (deren gemeinste Waffe das spirituelle Geschwätz darstellt), Internet- Wahrsagern und durchchristeten Gegenwartsstigmatisierten (mitsamt ihren jeweiligen Anhängerschaften) wundern muss. Immerhin hatte Rudolf Steiner mit seiner „Geisteswissenschaft“ vor, den Eisläufern auf den Pfaden der geistigen Abenteuer in ihren Labyrinthen einen „Ariadnefaden“ innerer Orientierung mit zu geben:

Nun, wenn der Mensch sich in das Labyrinth der geistigen kosmischen Ereignisse begeben will und sich mit einem solchen Führer (den die Seele empfängt aus dem Material, das sie selber hat) hineinbegibt, so ist das etwas, auf das uns prophetisch hingewiesen hat die Bevölkerung, die zuerst vorbereitet hat diese Dinge. In der nördlichen elementaren, ursprünglichen Bevölkerung waren noch lange die Fähigkeiten vorhanden, die große Schrift der Natur zu lesen, zu einer Zeit, als die Griechen sich schon zu einem höheren Standpunkt der Intellektualität entwickelt hatten. Und die Griechen mussten vorbereiten dasjenige, was wir heute im höheren Maße ausbilden müssen.

Es ist demjenigen, der sich hineinwagte in das Labyrinth der geistigen kosmischen Welt, mit der griechischen Bildung die Möglichkeit gegeben worden, einen Faden zu haben, durch den er sich wiederum zurückfinden kann. Das wird uns in der Legende von jenem Theseus, der sich mit dem Faden der Ariadne in das Labyrinth begibt, angedeutet. Für die heutige Zeit ist dieser Ariadnefaden nichts anderes als die Begriffe, die wir in der Seele über die übersinnliche Welt ausbilden. Es ist das geistige Wissen, das uns geboten wird, damit wir mit Sicherheit hinein gehen können in diese geistige Welt des Makrokosmos.

So soll dasjenige, was uns heute in der Geisteswissenschaft geboten wird, was zunächst nur zur Vernunft spricht, ein Ariadnefaden sein, welcher uns über alle Verwirrung hinweghilft, in die wir kommen könnten, wenn wir unvorbereitet hineinkommen in die geistige Welt des Makrokosmos
.“ (Rudolf Steiner, GA 119.95)

Diese Absicht, innere Orientierung zu geben, hatte - so Steiner- bereits Pythagoras- auch wenn er dies auf eigene Art und Weise, nämlich durch die Pflege und Entwicklung der Mathematik, tat. Aber schon damals, in den frühen Mysterien, galt: „Denn wenn der Mensch schwankt, was ist er da? Ein Irrlicht, ein flackerndes Licht, und die Welt ist ein Labyrinth. Wir brauchen einen Ariadnefaden, um zurückfinden zu können.“ (Rudolf Steiner, GA 125.58f)

In diesen frühen Mysterien war es auf den labyrinthischen Wegen üblich, innere Begleiter - eben Gurus- zu haben, sei es in den nordischen oder südlichen (ägyptischen) Geheimwissenschaften, die den Hierophanten in den geistigen Makrokosmos führten; schon aus dem Grund, weil aus den inneren Spiegeln, die dabei in den Blick kamen, kaum zu beherrschende dämonische Kräfte entsprangen, die wir in diesem Zusammenhang wohl mit dem Minotaurus vergleichen können: „In den alten Mysterien war die gesamte Menschheitsentwickelung noch nicht so weit, dass sozusagen die Initiation – sei sie nun hinaus in den Makrokosmos, sei sie hinein in den Menschen selbst, in den Mikrokosmos gerichtet – so ausgeführt werden konnte, dass man den Menschen ganz sich selbst überließ. Wenn zum Beispiel eine ägyptische Initiation ausgeführt wurde, und der Mensch hineingeleitet wurde in die Kräfte, seines physischen Leibes und Ätherleibes, so dass er vollbewusst die Ereignisse seines physischen Leibes und Ätherleibes erlebte, dann sprühten gleichsam von allen Seiten heraus aus seiner astralischen Natur die furchtbarsten Leidenschaften und Emotionen; dämonische, diabolische Welten kamen aus ihm heraus.

Deshalb brauchte in den ägyptischen Mysterien derjenige, der als Hierophant arbeitete, Gehilfen, die in Empfang nahmen, was da herauskam, und es durch ihre eigene Natur hindurch ableiteten. Daher die zwölf Gehilfen des Initiators. In ähnlicher Weise war es in den nordischen Mysterien, wo die Wirkung beim Hinausrücken in den Makrokosmos dadurch geschehen konnte, dass wiederum zwölf Diener des Initiators da waren, die ihre Kräfte an den zu Initiierenden abgaben, damit er die Fähigkeit hatte, wirklich jene Denk- und Empfindungsweise zu entwickeln, die notwendig war, um durch das Labyrinth des Makrokosmos hindurch zu kommen. Eine solche Initiation, wo der Mensch ganz unfrei ist, sollte allmählich weichen einer anderen Initiation, wo der Mensch mit sich selbst fertig werden kann, und wo derjenige, der die Initiation bewirkt und ihm die Mittel gibt, nur sagt: Dies und das ist zu tun, – und wo der Mensch dann nach und nach sich selbst weiter zurechtzufinden kann.
“ (Rudolf Steiner, GA 123.139f)

Aber eine andere hindernde Kraft, ja geradezu eine zerschmetternde innere Dimension beim Betreten des geistigen Labyrinthes nehmen Scham und Furcht ein, die den Initianten in dem Augenblick anspringen, in dem er die gewohnten Sicherheiten und Illusionen verlässt. Der größte Schutz vor der Begegnung mit den Kräften des inneren Minotaurus ist und bleiben die Ignoranz, die Mittelmäßigkeit und die Vermeidung innerer Freiheit: „Wie wir behütet werden vor unserem eigenen Innern, so werden wir im gewöhnlichen Leben behütet vor dem Schauen des Geistigen, das der äußeren materiellen Welt zugrunde liegt. Wenn wir im gewöhnlichen Leben stehen, so breitet sich eben das, was wir den Sinnesschleier nennen, aus vor dem, was geistig zugrunde liegt. Warum geschieht dies nun?

Es gibt ein Gefühl, das sofort auftreten würde, wenn die Menschen das Geistige so ohne weiteres sehen würden. Da würden sie das erleben, was man nur ausdrücken könnte mit dem Wort: verwirrender Schreck, oder schreckensvollste Verwirrung. Denn die Erscheinungen sind so großartig und gewaltig, dass die menschlichen Begriffe, die wir uns heute aneignen, wenn wir noch so viel erlernen, zunächst wahrhaftig nicht hinreichen, um diesen verwirrenden Anblick vor sich zu haben, und der Mensch würde vor dieser schreckensvollen Verwirrung von einem Gefühle ergriffen werden, das eine ungeheure Steigerung dessen ist, was der Mensch sonst nur schwach hat, von einer Steigerung des Angst- und Furchtgefühles in ungeheurem Maße. So wie der Mensch von Scham verbrannt werden würde, wenn er in sein eigenes Innere hinunter steigen würde ohne Vorbereitung, so würde er, wenn er sich in die Außenwelt hinein leben würde ohne Vorbereitung, ertrinken vor der Furcht, weil er in ein Labyrinth geführt würde
.“ (Rudolf Steiner, GA 119.92f)

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Wie ein im Frühling aufwachender Planet

In „Die Mysterien des Morgenlandes und des Christentums" (Berlin vom 3. bis 6. Februar 1913, GA 144) geht Rudolf Steiner auf besonders plastische Weise auf Merkmale einer realen geistigen Entwicklung ein - unabhängig, wie er sagt, von der Art und der Kultur: „Zunächst muss jede Seele, die eine gewisse Stufe der Initiation, eine gewisse Stufe des Mysterienwesens erreichen will, das erfahren, was man nennen kann «in Berührung kommen mit dem Erlebnis des Todes». Das zweite, wovon jede Seele etwas erfahren muss, ist der «Durchgang durch die elementarische Welt». Das dritte ist das, was man in den ägyptischen oder sonstigen Mysterien genannt hat das «Schauen der Sonne um Mitternacht», und ein weiteres ist das, was man die «Begegnung mit den oberen und unteren Göttern» nennt."

Grundvoraussetzung, damit im Laufe jeder Initiation das „Denken in der gewöhnlichen Bedeutung des Wortes für den Menschen" aufhören kann, ist das Beenden der eigenen inneren Fixierungen: „Im allgemeinen gehört es zu den aller schwierigsten Dingen des inneren Erlebens, über den Standpunkt des «Meinens», über den Standpunkt der «Standpunkte», des Urteilens hinauszukommen." Aber auch die Konfrontation mit den eigenen Schattenbereichen, ja mit der schier unlösbaren Frage nach dem Gewicht der eigenen Identität, gehört zu den wichtigen Aufgaben: „Der Meditant, der sich hinaufarbeitet zu gewissen Stufen der Initiation, kommt auf einer bestimmten Stufe zu einer sehr merkwürdigen Erkenntnis, zu der Erkenntnis, dass es in gewisser Beziehung recht schlimm steht um das eigene menschliche Innere, um die eigene menschliche Seele. Da ist unter der Schwelle des Bewusstseins etwas, was man wirklich anders haben möchte, wenn man die Urteile des gewöhnlichen Lebens ansieht. In gewisser Beziehung ist etwas Schreckliches, etwas ganz Furchtbares da unter der Schwelle des Bewusstseins." Durch diese Arbeit kommt es zu einer schmerzhaften Umorientierung, in deren Verlauf gerade das, was einem lieb und teuer ist (auch in Bezug auf sich selbst), auf den Kopf gestellt wird: „Was bleibt dann übrig von dem, als was sich der Mensch im gewöhnlichen Leben fühlt ? Nichts bleibt übrig."

Schließlich werden in der meditativen Arbeit aktiv die sensorischen Rückmeldungen als Ganzes unterbrochen - das, was man bislang als So- Sein in einer ununterbrochenen Inanspruchnahme im Wachzustand als Existenzform als essentielle Grundlage der Existenz verstanden hatte: „Also zum Beispiel das Gefühl, mit seinen Füßen auf einem festen Boden zu stehen, was ja nichts anderes ist als ein Ausdruck des Tastsinnes, hört auf, und der Mensch fühlt so ähnlich, als wenn der Boden unter ihm fortgezogen würde, und er auf nichts stünde. Aber er kann auch nicht hinab, und er kann auch nicht hinauf zunächst. Und so ist es mit allen Eindrücken. Kurz, alles, was uns der physische Leib vermittelt - und alles, was der Mensch im normalen Leben durchmacht zwischen dem Aufwachen und Einschlafen, wird durch den physischen Leib vermittelt -, alles das hört auf. Es tritt eben durchaus jener Zustand ein, vor dem der Mensch im gewöhnlichen Leben bewahrt ist, jener Zustand, der eintreten würde, wenn plötzlich einmal jemand, während er schläft, ohne dass er wieder in den physischen Leib hinein aufwacht, bewusst würde." Erst nun wird der „erste Moment im Mysterienwesen" zugänglich, an dem „man bis zu dem Punkt kommt, wo man die Sinnesanschauung und auch das Denken überwindet". Dies ist der erste reale Zustand, der in den Mysterien stets das «Heranschreiten bis an die Pforte des Todes» genannt wurde.

Nur unter Aufbietung von Energie und Willen, von überschüssigen Kräften, ist das Voranschreiten an dieser Schwelle möglich: „Man fühlt: Bis zu einer Grenze ist man gekommen, wo man gegenüber dem Nichts gestanden hat, aber sich selbst hat man eine gewisse Kraft mitgebracht. Die ist vielleicht anfangs recht klein, aber sie wird immer größer und größer, breitet sich nach allen Seiten aus. Man fängt an, in die ganze Welt hineinzukommen, sich mit der ganzen Welt zu durchdringen, und je weiter man die Welt durchdringt mit der eigenen Wesenheit, desto mehr erscheint sie einem als eine immer andere. Man streckt die Kraft, die man mitgebracht hat, nach der einen oder anderen Seite aus: Je nachdem man sie ausstreckt, wird man immer etwas anderes erleben." Hier beginnt das «Erleben der elementarischen Welt»: „Nachdem man also genug Kräfte darauf verwendet hat, um mit der Welt eins zu werden, muss man jetzt noch Kräfte übrig haben, um Kräfte aus sich heraus zu spinnen, wie die Spinne ihr Netz aus sich heraus spinnt." Nun entfalten sich völlig neue Felder der Erfahrung, in denen das Denken als Lebensquell erscheint: „Es handelt sich dabei nicht um ein Konstruieren oder Schaffen einer subjektiven Welt, sondern darum, dass wir gleichsam Seelensubstanz aus uns heraus spinnen. Und die höheren Welten, in die wir uns hineinleben, müssen diesen Umweg wählen, damit wir ihnen gegenübertreten und sie erkennen können. Sie müssen erst durch unsere eigene Seelensubstanz, die wir ihnen zur Verfügung gestellt haben, durchkriechen."

Fassen wir zusammen: Im Fortschreiten der meditativen Arbeit kommt man an Erfahrungsschichten heran, in denen das geschulte Denken in die Lage kommt, in Imaginationen mit zu gehen mit sonst unbewussten, aufbauenden Lebensprozessen. Es ist ganz buchstäblich die Erfahrung lebendigen Denkens- in dieser Sphäre sind Denken und Lebensprozesse nicht mehr geschieden. Selbst in anfänglichen, temporären Erfahrungen dieser Art wird die Parallelität zu Johannes 14,6 deutlich: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich. An dieser Lebenssphäre partizipiert man als Mensch schlechthin; ohne sie wäre Regeneration im Schlaf nicht möglich. Aber in meditativen Ausnahmezuständen ist das Bewusstsein bei entsprechender Schulung auch in der Lage, sich erst im Ansatz, dann in sich vertiefender Hingabe willentlich auf diese Ebene zu begeben. Möglich wird dies durch eine erhöhte Konzentration, durch einen bewussten Verzicht auf Denk- Inhalte im Sinne von kontextualisiertem, isoliertem Wissen, und schließlich durch ein willentliches Abschalten aller sensorischen Rückmeldungen. Man begibt sich in ein energetisches Feld, in dem zunehmend geistige Organe von der Stirn bis herab zur Herzsphäre (und weiter) aktiv werden. Das energetische Feld ist selbst geschaffen- ein empfangender Wille, empfänglich und offen wie ein Resonanzboden. Es ist ein Zustand höchster innerer Aktivität und eines inneren Friedens zugleich, aber auch des Eintauchens in eine natürliche Frömmigkeit und Andacht, die hier entspringen. Auf dieser Ebene beginnen die Lebensprozesse dynamisch aufzutreten- im Sinne scheinbar von Außen imaginativ heran strömender Kräfte. Es ist ein belebendes Element, das willenhaft, transparent aufscheint, aber zugleich ein Gefühl vermittelt, das Rudolf Steiner bezeichnet als ein Gefühl von Frühling:

„Indem wir im Einschlafen den zu einer Welt erweiterten physischen Leib und Ätherleib ansehen, so sehen wir sie gleichsam so, dass wir sie empfinden können, wie einen im Frühling aufwachenden Planeten. Und das geht durch den ganzen Schlafzustand so weiter.
Während wir mit dem physischen Anschauen gewissermaßen unsere Erdoberfläche empfinden und auf ihr das von unten nach oben Sprießende, dasjenige, was wächst und gedeiht, im Bewusstsein haben, ist es so, wenn wir nun von außerhalb dasjenige beobachten, was mit unserem Leibe vorgeht und mit der Pflanzenwelt vergleichen, als wenn seine Wurzeln von oben her dringen und es mit seinen Blüten in unseren Leib hineinwächst. Also eine vollständig umgekehrte Welt empfinden wir, und die Früchte werden hinein versenkt.
Wir lernen dann, dass mit diesem Hinein- Versenken der Früchte wirklich dasjenige zum Ausdruck kommt, was uns dann als die Stärkung des Schlafes zum Bewusstsein kommt. Wir sehen, wie der Kosmos eine ganze Vegetation in unsere Leiblichkeit hineintreibt."
(Rudolf Steiner, GA 159, Seite 156f)
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Vierundzwanzig Maria Magdalenas

Nachdem ich mich im Egoistenblog bei Blogspot in vorerst zwei Beiträgen mit dem Kult um Maria Magdalena beschäftigt habe, und hier wie dort mit ziemlich bizarren zeitgenössischen Quasi- Heiligen und Prophetinnen wie Judith von Halle, wird es vielleicht Zeit, auch einmal Rudolf Steiner zu Wort kommen zu lassen, der natürlich schwer geschlagen war mit schrägen Gestalten und deren obskuren Selbsteinschätzungen. Selbstverständlich sind Gurus alleine nie das Problem, sondern die Dynamik, die entstehen kann, wenn sich Gurus und Anhänger gegenseitig aufschaukeln. Zwischen den Erwartungen der Gläubigen und dem jeweiligen Meister, der sich den Erwartungen entsprechend positioniert (hier einige Gurus zusammen mit Andrew Cohen, die solche Probleme sehr wohl wahrnehmen) entsteht ein Spannungsfeld, das eine Eigendynamik erhält, die sich in „Erfahrungen“ „okkulter“ Art entladen kann. Illusionäre quasi- religiöse Erfahrungen der Schüler, Visualisierungen oder gar Erleuchtungszustände mit einem hohen Grad von Evidenz, können diesen Spannungen und Erwartungen entspringen, die dem, was Schüler und/ oder Guru vorstellen, entsprechen. So mancher Meister, so mancher Schüler folgt dieser Spur, manchmal in regelrechten Gruppenerfahrungen. Das einmal gesponnene Garn kann sich weiter und weiter entfalten. Hat der Guru nicht die geeignete Distanz und Selbstdisziplin, wird er selbst durch die luziferische Dynamik mitgerissen. Andersdenkende werden ausgegrenzt, es entsteht missionarischer Eifer und womöglich eine regelrecht paranoide Abschottung. Eine „Sektenkarriere“ wie bei den Sonnentemplern 1994 (hier eine umfassende Dokumentation mitsamt den Kriterien für eine solche „Karriere“) kann in einem furchtbaren Finale enden, wenn sich die Dynamik, ohne von Außen recht wahrnehmbar zu sein, bis zur Selbstzersetzung fortspinnt. Die Sucht nach innerer Reinheit, die zu solchen Prozessen führen kann, wenn die entsprechende Spannung und Sozialisation entsteht, kennt die Menschheit aber schon ewig, schon seit den Zeiten der südfranzösischen Katharer, die im übrigen Maria Magdalena als durch und durch verdammungswürdiges Geschöpf einschätzten.

Rudolf Steiner war sich solcher Prozesse bewusst, und setzte dem eine sehr eigene Ironie entgegen, wie aus dem folgenden Zitat deutlich wird:

Nehmen wir als Beispiel einen eklatanten Fall, nehmen wir an, jemand hätte den allersehnlichsten Wunsch, die Wiederverkörperung der Maria Magdalena zu sein – in meinem Leben habe ich 24 Magdalenas gezählt – nehmen wir aber auch an, dass er sich zunächst diesen Wunsch nicht gesteht. In seinem Oberbewusstsein ist nichts anderes vorhanden als das Gefallen an dieser Gestalt. Im Unterbewusstsein, das heißt so, dass der Mensch nichts davon weiß, lebt aber sogleich die Begierde sich ein, diese Maria Magdalena zu sein.

Nehmen wir an, solch ein Mensch komme dazu, durch irgendwelche Handhabung von den oder jenen okkulten Strebemitteln etwas in seinem Unterbewusstsein zu erreichen. Dann steigt er hinunter in sein Unterbewusstsein. Er braucht nicht diese Tatsache, «in mir ist die Begierde, Maria Magdalena zu sein», so wahrzunehmen, wie man den Kopfschmerz wahrnimmt. Würde er wahrnehmen die Begierde, Maria Magdalena zu sein, dann würde er vernünftig sein können. Er würde sich gegenüber dieser Begierde so verhalten, wie man sich gegenüber dem Schmerz verhält und würde sie loszuwerden suchen.

Aber so stellt sich das, wenn eben eine irreguläre Eindringung stattfindet, nicht dar, sondern es stellt sich diese Begierde außerhalb der Persönlichkeit des Menschen als Tatsache hin, es stellt sich die Vision hin: Du bist Maria Magdalena. – Es steht da vor dem Menschen, es projiziert sich diese Tatsache. Und dann ist ja ein Mensch, so wie heute nun einmal die menschliche Entwickelung ist, nicht mehr imstande, mit seinem Ich eine solche Tatsache zu kontrollieren. Der Betrachter glaubt sich zurückzuerinnern an das, was die Ereignisse in und um Maria Magdalena waren, und fühlt sich identisch mit dieser Maria Magdalena. Eigentlich kann nur die Sorgfalt der Schulung, nur die Sorgfalt, wie man sich hineinfindet in den Okkultismus, einen davor retten, Irrtümern zu verfallen.

Wenn man weiß: Du musst zuerst eine ganze Welt vor dir sehen, musst Tatsachen um dich herum wahrnehmen, nicht aber etwas, was du auf dich beziehst, was in dir ist, aber wie ein Welttableau erscheint, wenn man weiß, dass man gut tut, das, was man zuerst sieht, bloß als die Hinausprojektion seines eigenen Innenlebens zu betrachten, dann hat man ein gutes Mittel gegenüber den Irrtümern auf diesem Wege. Das ist das allerbeste: zunächst alles wie Tatsachen zu betrachten, welche aus uns selber aufsteigen. Meistens steigen die Tatsachen aus unseren Wünschen, Eitelkeiten, aus unserem Ehrgeiz, kurz aus den Eigenschaften auf, die mit dem Egoismus des Menschen verknüpft sind
.“

R.St., GA 143, Seite 81f


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Rudolf Steiner: Druiden und Johanni

„Und nun war es so, dass, indem der Druidenpriester sich dem exponierte, was ihm sein Zirkel, seine Kromlechs ergaben, er nicht etwa jenen abstrakten Eindruck nur bekam, den wir heute mit Recht bekommen, wenn wir uns in unserer Weise eben auf intellektuellem Wege in das Geistige einlassen, sondern es sprachen ja unmittelbar die Kräfte der Sonne zu ihm. Im Schatten der Sonne wirkte das Geistig-Sonnenhafte unmittelbar ein, und es wirkte viel intensiver in ihn ein, als eine Sinnesempfindung heute auf uns wirkt, denn es stand mit viel tieferen Kräften in Beziehung.

Indem der Priester vor seiner Kultstätte stand, dieses Sonnenhafte beobachtete, veränderte sich im Beobachten sein Atem: er wurde unlebendig, er stumpfte sich ab, er wellte sich, so dass der eine Atemzug in den anderen Atemzug hinein ging. Diese inneren Erregungen, die er erlebte, die waren eigentlich sein Wissen. Man muss sich dieses Wissen in einer viel lebendigeren, intensiveren Weise als ein Erleben denken. Dieses Wissen bekam er auch nur zu gewissen Zeiten. Mit einer minderen Stärke regsam konnte dieses Wissen jeden Mittag erregt werden, aber wenn die großen Geheimnisse sich enthüllen sollten, dann musste der Priester in der Zeit, die wir heute die Johannizeit nennen, sich diesen Wirkungen aussetzen. Dann stellte sich zu den sich täglich einstellenden kleinen Wellen seines Wissens die große Welle ein.“

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Rudolf Steiner, GA 228, S. 86f
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Die "öffentliche Meinung"

Rudolf Steiner hat sich 1913 - also im propagandistischen Vorfeld eines Weltkrieges - keineswegs überraschend gegen eine "öffentliche Meinung" schlechthin gewandt und sie als Hindernis auf dem Weg zu jeglicher Individuation bezeichnet- es sei "das Uniformierende" der öffentlichen Meinung, was das eigentliche Problem darstelle. Er sagt z.B. "Daher muss die Entwickelung immer mehr und mehr in das Innere eingreifen; so dass der Mensch in der Zukunft viel mehr einer öffentlichen Meinung gegenüberstehen wird, aber sein Inneres wird stärker geworden sein." (GA 141, u.a. s.S. 131)

Was ist aber "das Innere" im hier gemeinten Sinn? Es ist die Instanz in uns, die sich allen Meinungen und Impulse entziehen, quasi über ihnen wie ein Raubvogel kreisend schweben kann, und dann gerade aus den Gegensätzen heraus, aus Widersprüchen und widrigen inneren Antrieben und äußeren Hemmnissen intuitiv entscheidet. Wir sind so korrupt, so schnell zu faszinieren, dass "das Innere" und damit jede Freiheit des Denkens erst heraus zu bilden ist. Natürlich gibt es einen sozialen Druck, der von vielen Peergroups ausgeht, denen man angehört. Es bildet sich ein Ton, eine bestimmte Art von Vokabular z.B. je nach Beruf, Status und sozialer Herkunft aus, selbstverständlich. Wenn sie so nah an uns heran rückt - und sei es durch die eigenen Kinder, die Medienkompetenz und soziale Bindungen in ganz neuen Formen ausbilden wollen- ist es schwer, der "öffentlichen Meinung" zu widerstehen.

Nun waren und sind die Medien -Bücher, Zeitschriften, Fernsehen und das, was man mal als Radio kannte, geschweige denn vom Wissens- und Kommunikationsmedium Internet - Steiner nur zum Teil bekannt gewesen. Die mediale Welt kennt neuerdings ständig neue Erscheinungsformen- sie erfinden sich praktisch ständig neu. Medienkompetenz- d.h. der kritische Umgang mit Informationen - ist in der Fülle der Meldungen jeder Art längst zur schulischen Kernkompetenz geworden.

Die Medienlandschaft wird einerseits - wie etwa durch die US- Administration zur Begründung des Irak- Krieges- durch gezielte Lügen und Gerüchte ständig manipuliert, andererseits ist das freie Internet nicht nur für Diktatoren, korrupte Politiker und scheinbar allmächtige Weltkonzerne zum Schrecken geworden. Durch die zugleich globalere und individuellere Informationsverbreitung wird der einen "öffentlichen Meinung" das Genick gebrochen- unvermittelt schlägt aus der individualisierten Öffentlichkeit ein Echo zurück, das schwer kalkulierbar ist.

Aber in der Vielfalt der Meinungen, in dem vielstimmigen Chor, zu dem die "öffentliche Meinung" geworden ist, gilt es, sich zu integrieren, eine Form der Online- Identität zu finden. In der Zukunft wird sich die Teilhabe an der vollen Vielfalt des Individuums zum globalen Grundrecht entwickeln. Schon heute gehört es in Deutschland -als DSL- Anschluss - zum Standard der sozialen Grundleistungen wie Strom und Wasser. Wir können uns eine Nische suchen und uns davor verstecken- oder aber Mitgestalten, in welcher Form auch immer, an dieser virtuellen sozialen Plastik.

So weit man der Vielfalt der Meinungen folgen mag, braucht es auch Phasen weniger der Erholung als des ruhigen Überschauens. Es gibt einen Punkt, an dem das Subjekt sich im Strom des Verstehens selbst ergreift als das Verstehen selbst. Hier, im Inneren, das durch die Stille in einen Strom von Kraft mündet, im kristallenen, unkörperlichen Licht, erfrischen sich die Bildner, Ordner und Entscheider. Hier, in der klaren Höhe des ruhigen Vogelflugs, kommen die Meinungen wieder auf uns zu, wie Orte, die man betreten, anschauen und wieder verlassen kann; auch die eigenen Meinungen. Von hier aus kehrt man, innerlich gerüstet, in den Kanon der Meinungen zurück. Man überblickt sie wie eine Landschaft. Man ahnt, wie man sich einen Weg bahnen könnte. "Das Innere" ist "stärker geworden."
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Sommer- und Winterschlaf

Sie werden aus dem, was ich gesagt habe, entnehmen, dass eigentlich das Schlafen im Sommer etwas ganz anderes heißt als im Winter (..). In älteren Zeiten unterschieden die Menschen durch ihre Empfindungen sehr genau zwischen dem Winterschlaf und dem Sommerschlaf. (…)

Während des Sommers, da sind ganz ausgeprägte Imaginationen - in mannigfaltigsten Formen -, innerhalb welcher wir während unseres Schlafes mit unserer Ich- Wesenheit und unserer astralischen Wesenheit leben. Während des Winters sind weitmaschige Figuren um die Erde herum, und das hat zur Folge, dass jedes Mal, wenn der Herbst beginnt, das, was in unserer Ich- Wesenheit und in unserem astralischen Leibe lebt, zur Nachtzeit weit in die Welt hinaus getragen wird.

Während der heissen Sommerszeit bleibt dasjenige, was in unserem Ich und in unserem astralischen Leibe lebt, sozusagen mehr in der geistig- seelischen Atmosphäre der Menschen. Während der Winterszeit wird dasjenige, was in unserer Ich- Wesenheit und in unserer astralischen Wesenheit lebt, hinaus getragen in die Weltenweiten.

Man kann schon sagen, ohne dass man irgend etwas nur Bildliches, sondern indem man etwas ganz Wirkliches sagt: Das, was der Mensch seelisch in sich ausbildet und was er hinaus tragen kann zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen durch seine Ich- Wesenheit und durch seine astralische Wesenheit aus seinem physischen und aus seinem Ätherleibe, das speichert sich auf während der Sommerszeit und strömt während der Winterszeit in die Weiten des Kosmos hinaus.


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Rudolf Steiner, Das Verhältnis der Sternenwelt zum Menschen und des Menschen zur Sternenwelt, GA 219, 1.12.1922, S. 34f
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"Innerlich trägt man die Nacht in sich"- Anfänge des Initiatenbewusstseins

Am Ende seines wichtigen Vortragsbandes "Das Initiatenbewusstsein" (1924, GA 243) äußert sich Rudolf Steiner im 10. Vortrag ziemlich kryptisch über „Das lebendige Erfassen der Mondensphäre als Ausgangspunkt eines Initiatenweges“. Es ist merkwürdig, dass gerade nach dem ungemein weitgehenden, hoch geistigen Inhalt des Buches erst am Ende etwas - und dann noch recht knapp gehalten- über den Einstieg in den tatsächlichen Meditationsweg zu finden ist, denn Anfänger waren seine Zuhörer doch in den überwiegenden Fällen; Anfänger sind wir auch noch heute.

Jedenfalls besteht dieser Beginn in den Augen Steiners darin, „das sonst träumende Bewusstsein zu einem Werkzeug der Auffassung der Realität zu machen.“ Er meint dabei nicht den Traum der Nacht, sondern „das sonst chaotische Traumbewusstsein“, das wir unter dem Tagesbewusstsein in uns tragen, das mit dem mittleren Menschen und dem Atmen zu tun hat und in das alle möglichen Empfindungen und Impulse hinein schwappen. Es ist das halbbewusste Assoziative, das knapp unter dem klaren Gedankenablauf des Alltags liegt, aber auch immer wieder Anstösse und bildhafte Verbindungen ins Bewusstsein hinein trägt. Erst durch eine geeignete Schulung kommt dieses einem Meer gleichende schwappende Traumbewusstsein zu einer gewissen Ordnung- wenn es gelungen ist, die Fokussierung so weit zu treiben (und gleichzeitig wieder etwas loszulassen), dass eine willentliche Regelung in das Branden und Schwappen hinein gekommen ist- zumindest in Zeiten der aktiven meditativen Arbeit und sicherlich auch nicht nur im Sinne des „harten Willens“, sondern weich, sich zurück nehmend, anschmiegsam, warm.

Dann aber geschieht etwas, was wie die Schaffung eines freien inneren Raums erscheint, eines inneren Raums, an dessen Rändern und in dessen Mitte bei weiterem Fortschreiten Bild- und Gestalthaftes aufleuchten kann. Diesen inneren Raum, den man erst in meditativen Ausnahmesituationen und mit der Zeit als etwas stetig Begleitendes wahrnehmen kann, benennt Steiner als etwas, bei man sich fühle „wie von einem zweiten Menschen durchdrungen." Das ist das erste Bild, das Steiner dafür benutzt. Das zweite ist, dass man gewahr werde, „wie der im Wachzustande in seinem Ich bewahrte Mond dadrinnen ist". Dieser meditativ erschaffene innere Raum oder „zweite Mensch" ist etwas, was man im „beginnenden Initiatenbewusstsein" wie „in einer Hülle in mir trage". Diese Hülle ist in der Tat deutlich spürbar. Die Ursprünge ihrer Entfaltung liegen in den drei Chakrenpunkten von Stirn, Kehlkopf und Brust bzw. den Innenflächen der Hände. Die Chakren sind die Knoten, die Wurzeln des Entspringens dieser mondenhaften inneren Hüllenkraft.

Steiner macht in diesem Zusammenhang sehr deutlich, dass diese hell gewordene Traumebene bei zu geringer seelischer Haltung entgleiten kann. Es ist Disziplin und Übung nötig, „innere Festigkeit und Haltung, damit dasjenige, was heraus will, in einem drinnenbleibt und man es verbunden erhält mit dem ganz gewöhnlichen, nüchternen Bewusstsein, das man in seinem physischen Leibe hat." Ansonsten wären ekstatische Entgleitungen oder somnabules Abgleiten in „Stoffwechselwirkungen" möglich. Worum es geht, ist der feste Halt im Strömenden, d.h. ein bewusster und vom Ich kontrollierter Weg „durch die Ausgestaltung der Traumeswelt, durch die Realisierung, durch die Verwirklichung der Traumeswelt". Das ist die michaelische Komponente, im Natürlichen, Lebendigen, Traumhaften ein „intellektuelles“ - hellwaches- Moment weiter zu entfalten. Dann wird Denken (im Sinne von Bewusstsein) und Leben eins- oder, wie Steiner es ausdrückt: „es erwacht mitten im Tag etwas wie eine innerliche Nacht."
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Rudolf Steiner: Die Kraft der Meditation und das Alltagsleben

Dazu ist eigentlich noch etwas notwendig, was berücksichtigt werden muss. Der Meditierende wird ja oft wiederum in den Schlendrian des gewöhnlichen Lebens zurück fallen; er muss das ja auch, da er zwischen Geburt und Tod ein Erdenmensch ist. Das gewöhnliche Bewusstsein muss sich immer wieder finden. Aber wir können ja so sein im Leben, so zum Beispiel: wenn wir - ich meine jetzt, im negativen Sinne können wir es -, wenn wir irgendeinen Schmerz, der habituell bleibt, der chronisch wird, wenn wir den haben, wir empfinden ihn immer; wir können manchmal ihn übersehen, aber wir empfinden ihn. So sollten wir auch erleben, wenn wir einmal erfasst worden sind von der Kraft der Meditation. Wir sollten uns eigentlich immer so fühlen, dass wir uns sagen: dieses gewöhnliche Bewusstsein hat ja einmal meditiert, es ist ja einmal erfasst worden von der es durchsetzenden Kraft der Meditation.

Wir sollen fühlen, dass die Meditation da war, dass wir einmal in ihr waren. Wir sollen ein anderer Mensch geworden sein dadurch, dass wir fühlen, die Meditation macht uns zu etwas anderem. Dadurch, dass wir einmal mit ihr begonnen haben, können wir gar nicht mehr im Leben vergessen - auch nicht für Augenblicke vergessen, meine lieben Schwestern und Brüder -, dass wir Meditierende sind. Dann ist dies die rechte Stimmung des Meditierenden.

Wir sollen so uns hineinleben in das Meditieren - wenn wir natürlich auch selbstverständlich das Meditieren nur kurz treiben, ohne dass es uns das übrige Leben stört -, dass wir eigentlich immer uns fühlen als Meditierende und dass wir, wenn wir einmal vergessen, dass wir Meditanten sind, und nachher darauf kommen, wir haben das vergessen, es hat Momente im Leben gegeben, wo wir das vergessen haben: da sollten wir uns das Gefühl aneignen, uns so zu schämen, wie wir uns schämen würden, wenn es uns passierte, dass wir ohne Kleider nackt durch eine ganz mit Menschen besetzte Straße liefen. Das sollten wir uns aneignen. So sollten wir den Übergang vom Nichtmeditieren zum Meditieren auffassen, dass es keinen Moment gibt, der so ist, dass, wenn wir ihn ohne das Bewusstsein, dass wir Meditanten sind, hinterher entdecken, wir uns seiner nicht schämen würden. Das ist dasjenige, worauf viel ankommt.

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Rudolf Steiner, GA 270b
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Rudolf Steiner und Spinoza

spinoza

Beim Aussortieren nicht mehr gebrauchter Bücher bin ich über einen fast zerfallenen Spinoza- Band gefallen, mit dem billigen, holzartigen und schon spröden Papier der unmittelbaren Nachkriegszeit. Offenbar hat es mein lange verstorbener Schwiegervater aus der philologischen Fakultät der Münchner Universität. Ich habe mich jetzt festgelesen und grüble über Spinozas Begriff der "Substanz". Erstaunlicherweise (erstaunlich für mich) liegt diese Substanz bei Spinoza sowohl im Verstand ("denkende Substanz") wie auch in allen natürlichen Erscheinungen- alles "nichts anderes (..) als Modi des einzigen, ewigen, unendlichen, durch sich selbst bestehenden Wesens; und aus diesem allen setzen wir als bewiesen ein Einziges oder eine Einheit, außer welcher man sich kein Ding vorstellen kann."

Spinoza vertritt also einen interessanten Monismus, dem nachzugehen mir lohnend erscheint: "Daran erkennen wir, dass wir in Gott bleiben und Gott in uns, dass er uns von seinem Geiste gegeben hat."
Erstaunlich (erstaunlich für mich) aktuell auch seine Überlegungen zur Demokratie - im 17. Jahrhundert - wie: "Wären die Menschen von Natur so gewöhnt, dass sie nur das wahrhaft Vernünftige verlangten, so brauchte die Gesellschaft keine Gesetze, sondern es genügte die Unterweisung in den moralischen Lehren, um freiwillig und von selbst das wahrhaft Nützliche zu tun. Allein die menschliche Natur ist ganz anders beschaffen; denn alle suchen zwar ihren Vorteil, aber nicht nach Vorschrift der gesunden Vernunft, sondern sie begehren in der Regel nur die Dinge im Antrieb von Lüsten und Affekten der Seele, ohne Rücksicht auf die Zukunft und andere Dinge; und sie entscheiden sich danach über den Nutzen." Ja, das ist uns inmitten der Wirtschafts-, Finanz- und Glaubwürdigkeitskrisen unserer Zeit wohl bekannt.

Parallel ein paar Blicke auf das, was Rudolf Steiner über die Persönlichkeit Spinozas geäußert hat, einfach aus Neugier. Da finden wir vor allem tiefen Respekt: "Bei den Ägyptern lebte ein inspiriertes Element, etwas das ganz aus dem Inneren, Seelischen hervorgeht, so wie es dann auf einer hohen Stufe aus dem Inneren von Spinozas Seele hervorgegangen ist." (GA 325, S. 88) Spinoza stand für Steiner in einem (auch „arabistischen“) Strom, der ursprünglich von Aristoteles ausging: "Wenn man den Blick auf jene Persönlichkeiten hinwendet, die aus dem Arabismus, aus der Kultur Asiens heraus auf der einen Seite beeinflusst waren von dem, was im Mohammedanismus als Religion sich ausgelebt hat, auf der anderen Seite aber auch beeinflusst waren von dem Aristotelismus, wenn man auf diese Persönlichkeiten schaut, die dann den Weg herüber über Afrika nach Spanien gefunden haben, die dann tief bis zu Spinoza und über Spinoza hinaus die Geister Europas beeinflusst haben, dann gewinnt man über sie keine Anschauung, wenn man sich ihre Seelenverfassung so vorstellt, wie wenn sie einfach Menschen der Gegenwart gewesen wären, nur dass die so und so viele Dinge noch nicht gewusst haben, die später gefunden worden sind." (GA 237, S. 16) Steiner stellt auch -kurz und bündig - einen karmischen Zusammenhang zwischen Spinoza und Fichte her: "Dieselbe Individualität ist ja Spinoza und Fichte." (GA 158, S. 213)

Steiner sah auch einen Einfluss Spinozas auf Goethe: "Die drei Geister: Shakespeare, Spinoza und der Botaniker Linne` konnten Goethe im Grunde genommen dasjenige geben, was nun nicht in seinem innersten Lebenszentrum war, sondern was er von außen bekommen musste, gerade diese Geister sind es, die den stärksten Einfluss auf ihn gehabt haben. (..) Goethes Weltanschauung hat nichts von einem abstrakten Spinozismus, aber das, was Goethe in seinem Innersten hatte als seinen Weg zu Gott, konnte er nur an Spinoza gewinnen." (GA 188, S. 137)

Auch mit dem Substanzbegriff Spinozas beschäftigt sich Steiner: "Benedikt (Baruch) Spinoza fragt sich: Wie muss dasjenige gedacht werden, von dem zur Schöpfung eines wahren Weltbildes ausgegangen werden darf? Spinoza findet, dass ausgegangen nur werden kann von dem, das zu seinem Sein keines andern bedarf. Diesem Sein gibt er den Namen Substanz. Und er findet, dass es nur eine solche Substanz geben könne, und dass diese Gott sei. Wenn man sich die Art ansieht, wie Spinoza zu diesem Anfang seines Philosophierens kommt, so findet man seinen Weg dem der Mathematik nachgebildet. Wie der Mathematiker von allgemeinen Wahrheiten ausgeht, die das menschliche Ich sich freischaffend bildet, so verlangt Spinoza, dass die Weltanschauung von solchen frei geschaffenen Vorstellungen ausgehe." (GA 18. S. 113)

Angesichts des strikten abstrakt- aristotelischen Denkens Spinozas war für Rudolf Steiner vor allem dessen Verhältnis zum Christentum bemerkenswert: "Spinoza hat ja wirklich aus guten Gründen jenen tiefen Eindruck auf Leute wie Herder und Goethe gemacht, denn Spinoza, wenn er auch scheinbar ganz im Intellektualismus, der aus der Scholastik heraus geblieben ist oder sich umgewandelt hat, noch drinnen steckt, Spinoza fasst doch diesen Intellektualismus so auf, dass der Mensch zuletzt eigentlich nur zur Wahrheit komme – die zuletzt für Spinoza in einer Art Intuition besteht –, indem er das Intellektuelle, das innere denkerische Seelenleben umwandelt, nicht stehenbleibt bei dem, was im Alltagsleben und im gewöhnlichen wissenschaftlichen Leben da ist. Und da kommt gerade Spinoza dazu, sich zu sagen: Durch die Entwickelung des Denkens füllt sich dieses Denken wieder an mit geistigem Inhalt. – Gewissermaßen die geistige Welt, die wir (denkerisch) kennen gelernt haben im Plotinismus, ergibt sich wiederum dem Denken, wenn dieses Denken entgegen gehen will dem Geiste. Der Geist erfüllt als Intuition wiederum das Denken. Und es ist merkwürdig, dass heraus leuchtet aus den Schriften des Juden Spinoza folgender Satz: Die höchste Offenbarung der göttlichen Substanz ist in Christus gegeben. In Christus ist die Intuition zur Theophanie geworden, zur Menschwerdung Gottes, und Christus’ Stimme ist daher in Wahrheit Gottes Stimme und der Weg zum Heil." (GA 74, S. 80ff)

Für Steiner war Spinoza eine Art Äquinoktium zwischen der Vergangenheit im Sinne alter Mysterien und einer Moderne, die in der Folge so erheblichen Einfluss auf Goethe gehabt hatte. Spinoza fasst in Steiners Augen ein letztes Mal - und auf eigenständige Art und Weise- die monistische Essenz der alten Mysterien zusammen: "Die Anreger Spinozas waren die im Südwesten Europas lebenden Nachzügler des Arabismus, der arabisch- (persisch)-semitischen Weltanschauung. Derjenige, der solche Dinge versteht, wird noch nacherleben können, wie das, was dekadent in der Kabbala hervorgetreten ist, sich in den reinen Vorstellungen des Spinoza wieder findet. Und so wird man dann weiter zurückgeführt über den Arabismus nach dem Orient, und man lernt erkennen, wie das, was bei Spinoza auftritt, in Begriffe, in intellektualistische Vorstellungen gebrachte Weltansicht der Vorzeit ist." (GA 325, S. 85)
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Michael Eggert: Epiphanie

Ich war befremdet, als ein mir bekannter Anthroposoph von seiner Begegnung mit dem Hüter der Schwelle schrieb, und, ja, was dabei heraus kam, irgend so ein imaginiertes Männlein. Das kann es doch nicht sein, dachte ich schon damals, das ist nicht der Punkt. Die Bildlein kann er sich für sein Poesiealbum aufheben, für das Drehbuch für einen Horrorfilm, für ein jesuitisches Fürbittegebet. Weg von diesen Bildereien & Kindereien. Zum Hüter der Schwelle kommt man in einem Zustand der Selbstoffenbarung, in einem Zustand, in dem man seine eigenen Reflexe überschaut, die herrschende Wetterlage mit allen meteorologischen Gegebenheiten. Man überschaut die großen Linien, in denen man sich bewegt. Das Monströse an diesem Zustand ist, dass man die eigene Konstruktion erkennt, das was man ausgelebt hat und noch immer tut, wenn auch vielleicht nicht mehr so enthusiastisch. Das zieht einem den Boden unter den Füssen weg, zumindest für eine Zeit der Unsicherheit. Wir gehen zwischenzeitlich in unserer Biografie schon mal über in einen Zustand des Pralaya, leben in einem Zwischenreich, mit einem Blick, der sich bricht an den Gegebenheiten. Denn man weiß ja zugleich, dass man nicht identisch ist mit dem, was man nun überschauen kann.

Ich bin der Zeuge meiner selbst.
Ich bin nicht identisch mit mir, nicht in jeder Hinsicht.
Ich sehe meine Einseitigkeiten, ich sehe meine Konstellationen.

Es hätte durchaus besser laufen können. Es hätte auch ganz schief gehen können. Es ist so, wie es ist. Ich bin in diesem Augenblick nicht in die Gegebenheiten verwickelt (ich bin ja im Pralaya), aber es ist und bleibt so, wie ich es geschaffen habe. Man kann natürlich die Zeit nicht zurück drehen, es gibt in diesem Sinn keine zweite Chance. Aber zugleich, in diesem losen Zwischenzustand, überwiegt doch die Hoffnung, mitsamt der Blessuren hier Gnade zu finden, eine Gnade, die einfach darin besteht, warm und lebendig auch dort zu bestehen, wo die Eierschalen des Ego abgefallen sind.

Aber nun verweigert sich mir die Nacht. Ich war mir doch sicher, diesmal würde ich ihren großen Strom finden und teilen. Ich warte schon so lange. Aber die Nacht verweigert sich. Ich kann ihren Puls spüren, ihr Strömen und Wellen, ihr unaufhörliches Schaffen. Ihre Wellen schlagen auch in meine Nacht hinein, sie füllen mich aus, ich bilde einen großen Kreis zwischen Kopf und den Handinnenflächen, ich bin ganz angefüllt von ihr. Ich spüre in mir die Quellen sprudeln, für einen Augenblick. Aber dennoch, da bleibt eine Wand. Als könnte ich das Geschehen wie durch eine Membran hören und spüren, aber selbst nicht eintreten. Hier stehe ich, ein wieder Zurückgewiesener. Ich fühle mich wie einer dieser christlichen Mystiker, obwohl ansonsten nichts dafür spricht, einer zu sein. Ich fühle mich so, weil ich mich frage, ob ich nicht genüge. Es ist die moralische Frage an sich selbst, und sofort kochen die Schwächen und Jämmerlichkeiten aus dem sonst gut behüteten Gedächtnistopf auf. Ach je, da ist sie ja, die existentielle Frage, das implementierte Kirchenchristentum. Womöglich suche ich auch nur Gründe, weil man das eben so macht. Man will zumindest einen Zusammenhang, auch wenn man sich selbst dafür auseinander nehmen muss. Ja, es ist eine Reifeprüfung. Man steht vor dem Tor, aber man kennt den Schlüssel nicht, es zu öffnen. Hinter dem Tor rauscht die Nacht, und du fühlst dich mit ihr verbunden. Du hast keine Ahnung, wie es weiter gehen könnte. Womöglich weißt du die richtige Frage nicht, du dämlicher Steinzeitparzival.

Aber wahrscheinlich geht es an diesem Punkt nicht um das Fragen, sondern um das Haften an eine Erwartung, es müsse „weiter gehen“. Es gibt hier kein „Weiter“, es gibt kein „Gehen“. Es gibt kein Davor und Danach, kein Hier und Da. Das alles sind Vorstellungen aus der Welt der Erscheinungen. Hier geht es nur darum, aus der „Verborgenheit in die Unverborgenheit“ (Georg Kühlewind) zu treten:

Das Verborgenste auf der Welt ist das menschliche Ich selbst, weil es alles andere vernimmt. Die Erfahrung des Ich-bin ist der Inbegriff der Paradoxie, sie ist eine freie Tat des Menschen. Sie entspricht der Logos- Epiphanias in Jesus oder der Epiphanias der paradiesischen Urkraft als Gral. Sie wird von Rudolf Steiner in einem entsprechend paradoxen Text beschrieben: „In der Bewusstseinsseele enthüllt sich erst die wirkliche Natur des „Ich“. Denn während sich die Seele in Empfindung und Verstand an anderes verliert, ergreift sie als Bewusstseinsseele ihre eigene Wesenheit. Daher kann dieses „Ich“ durch die Bewusstseinsseele auch nicht anders als durch eine gewisse innere Tätigkeit wahrgenommen werden. Die Vorstellungen von äußeren Gegenständen werden gebildet, so wie diese Gegenstände kommen und gehen; und diese Vorstellungen arbeiten im Verstande weiter durch ihre eigene Kraft. Soll aber das „Ich“ sich selbst wahrnehmen, so kann es nicht bloß sich hingeben; es muss durch innere Tätigkeit seine eigene Wesenheit aus den eigenen Tiefen erst herauf holen, um ein Bewusstsein davon zu haben. Mit der Wahrnehmung des „Ich“ - mit der Selbstbesinnung- beginnt eine innere Tätigkeit des „Ich“. Durch diese Tätigkeit hat die Wahrnehmung des Ich in der Bewusstseinsseele für den Menschen eine ganz andere Bedeutung als die Beobachtung alles dessen, was durch die drei Leibesglieder und durch die beiden anderen Glieder der Seele an ihn heran dringt.“

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Zitate: Georg Kühlewind, Der Gral oder was die Liebe vermag
Rudolf Steiner, die Geheimwissenschaft im Umriss
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Einen Tempel in sich errichten

„Sich richtig hineinversetzen in ein solches ideelles Geschehen, die Meditation zu etwas machen, was man nicht bloß denkt, fühlt oder will, sondern was einen

umwebt und
umschwebt und
umschwirrt und
umströmt und
umstrahlt

und was aus dem

Umschwirren und
Umschweben und
Umströmen und
Umstrahlen

wiederum zurücktritt in das Leben des Herzens und im Herzen

strömend,
webend,
strebend,
strahlend


vibriert, so dass wir uns fühlen hinein verwoben in das Weben und Leben der Welt, dass unser Meditieren ist etwas, was für unsere Empfindung nicht bloß in uns lebt, sondern was lebt in uns und in der Welt, auslöscht die Welt, auslöscht uns, eins macht im Auslöschen uns und die Welt, dass wir ebenso gut sagen können: «Es spricht die Welt», wie wir sagen: «Wir sprechen in uns». Das erweitert allmählich den Charakter des Meditierens.

Das Meditieren so geübt, gibt allmählich dem Menschen die Möglichkeit - mit der im Innern erlebten Auflösung desjenigen, als das ihm sein gewöhnliches Selbst immer erscheint -, Geist zu werden für seine eigene Auffassung.

Damit aber, dass wir eintreten in solche Erkenntniswege, dass wir ehrlich uns nähern solchen Erkenntniswegen, dass wir wissen lernen: wir sind im Meditieren nicht allein in der Welt, sondern wir sind im Zwiegespräch mit der geistigen Welt, dadurch nähern wir uns immer mehr und mehr dem, was eine Erneuerung des Mysterienwesens ist. Denn gewiss, äußere Tempel standen da, standen da vielleicht gerade an denjenigen Lokalitäten der Erde, von denen man heute sagt, dass sie in den unzivilisiertesten Gegenden sind. Äußere Tempel standen da, und die früheren Menschen brauchten äußere Tempel. Aber diese äußeren Tempel waren ja nicht die einzigen, sie waren ja nicht die wichtigsten; denn die wichtigsten, die wesentlichsten Tempel haben nicht Ort, haben nicht Zeit. Aber man kommt doch nur mit Überwindung von sechzig Meilen zu ihnen.

Man kommt zu ihnen, wenn man in der Weise seine Seele übt, wie es hier und wie es zu allen Zeiten in den Mysterien angedeutet worden ist.“
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Rudolf Steiner, „Klassenstunden“, GA 270b
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Sich selber hingegeben

„Der Sommer hat an mich
Sich selber hingegeben.“

(R. Steiner, Seelenkalender, Dreiundzwanzigste Woche)

herbst
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Widersprüchlichkeit

Die Logik geht darauf aus, wenn sie irgendwo einen Widerspruch findet, ihn zu beseitigen. Aber die Logik weiß heute noch nicht, was sie damit tut:
Die Logik selber tötet für das menschliche Auffassen mit dem Hinwegräumen des Widerspruches das Leben.
Deswegen kommt der Mensch nur zu einer Auffassung des Lebendigen, wenn er über die Logik hinaufsteigen will zu Imagination, Inspiration und Intuition.


Rudolf Steiner, GA 188, Seite 105

Das Leben selbst ist allerdings auch widersprüchlich, unser Leben, wir. So zum Beispiel stehen uns unsere Fähigkeiten häufig im Weg, eben weil wir uns auf sie verlassen. Man macht sie gern zu einem „Persönlichkeitsmerkmal“, in unserem konstruktivistischen Eigenheimbau, den wir „Ich“ nennen.
Etwas ganz anderes ist das, was man an Reife entwickelt. Dazu gehört auch, dass man sich der eigenen Gespaltenheit und Widersprüchlichkeit bewusst ist. Der innere Widerspruch ist ja durchaus auch ein in vieler Hinsicht antreibendes und kreatives Moment. Es produziert nur immer wieder Chaos im Leben.

Der Übergang zu „Imagination, Inspiration und Intuition“ mag vieles erhellen und verändern- die Widersprüche bleiben. Sie stecken bei uns bis in die Wurzeln hinein fest. Man kann das nicht extrahieren und womöglich auch nicht befrieden. Man muss den „Widerspruch des Lebens“ vielleicht auch annehmen lernen- als etwas, was dazu gehört.
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Seelensubstanz

„Nachdem man also genug Kräfte darauf verwendet hat, um mit der Welt eins zu werden, muss man jetzt noch Kräfte übrig haben, um Kräfte aus sich heraus zu spinnen, wie die Spinne ihr Netz aus sich heraus spinnt. Sie sehen, dass die ganzen Vorgänge des Mysterienwesens zeigen, wie viel darauf ankommt, starke innere Energien des seelischen Lebens zu entwickeln; denn man muss viel Vorrat haben, damit das alles geschehen kann. Dadurch, dass man etwas aus sich ausgegossen hat und noch ausgießen kann, bilden sich etwas wie Organe heraus, und man kann beobachten: Mit dem, was man jetzt aus sich heraus spinnt, tritt etwas ganz Neues auf. Da stellen sich die Dinge vor einen selber hin in einer Art, die sich etwa damit vergleichen lässt, als wenn ich nicht die Uhr hier hätte und die Augen dort, sondern als wenn das Auge aus sich heraus einen Strahl senden würde, der sich selber zur Uhr formen könnte.

Es handelt sich dabei nicht um ein Konstruieren oder Schaffen einer subjektiven Welt, sondern darum, dass wir gleichsam Seelensubstanz aus uns heraus spinnen. Und die höheren Welten, in die wir uns hineinleben, müssen diesen Umweg wählen, damit wir ihnen gegenübertreten und sie erkennen können. Sie müssen erst durch unsere eigene Seelensubstanz, die wir ihnen zur Verfügung gestellt haben, durchkriechen.

In der physischen Welt stellen sich die Dinge vor uns hin, ohne unser Zutun. Nichts stellt sich in den höheren Welten vor uns hin, wenn wir ihm nicht erst die eigene Seelensubstanz zur Verfügung stellen. Deshalb ist es so schwierig, Subjektives und Objektives auf diesem Punkte zu unterscheiden. Denn ganz subjektiv muss sein, was wir aus unserer Seelensubstanz heraus spinnen; aber ganz objektiv muss dasjenige sein, was nur das Herausgesponnene benutzt, um zur Wahrnehmung zu kommen.

Alle Trainierung in den Mysterien hat vorzugsweise in einer Erhöhung der Energien der Seele bestanden. Darauf musste der Einzuweihende von vornherein verzichten, dass man ihm etwa die Gegenstände und Wesenheiten der höheren Welten wie auf einem Präsentierteller gereicht hätte. Er musste sich zu jedem Stück der höheren Welten erst hin entwickeln.

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R. Steiner, GA 144, Seite 26f
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Reifeprüfung

Und dieses heilig haltende Schweigen, das hängt mit etwas anderem zusammen, ohne das die Esoterik den Menschen nicht fördern kann. Es hängt zusammen mit dem, was wir zunächst für die Esoterik gar sehr brauchen. Es hängt zusammen mit der innersten menschlichen Bescheidenheit. Und ohne innerste menschliche Bescheidenheit ist zunächst nicht an Esoterik heranzukommen.

Warum? Ja, wenn wir ermahnt werden, hinter die Worte zu hören, dann ist an das innerste Wesen unserer Seele appelliert; nicht an unser Gedächtnis, sondern an das innerste Wesen unserer Seele ist appelliert. Da kommt unsere Fähigkeit in Betracht, da kommt in Betracht, wie weit wir fähig sind, hinter die Worte zu hören. Und wir tun gut, für uns, für unsere eigene Seele, möglichst viel zu hören.

Aber wir tun gut, nicht gleich dasjenige, was in unserer Seele aufdämmert, als maßgebend so weit zu betrachten, dass wir es nun selber in die Welt hineintragen können als etwas unbedingt Gültiges. Wir werden lange brauchen - gerade wenn wir hinter die Worte hören -, wir werden lange brauchen, bis wir mit uns selber zurechtkommen. Und wir sollen diese Stimmung entwickeln, dass Esoterik im wortlosen Weben der Seele sich erst ausleben muss, bevor sie innerlich in uns als gereift angesehen werden kann
.“ (Rudolf Steiner, GA 270a, Seite 68)

Diese schöne Schilderung der grundlegenden Voraussetzungen von sich entfaltender Esoterik gelten wahrscheinlich nicht für jede Form von Esoterik, aber sehr wohl für die, die wir meinen und schätzen. Das Label „Anthroposophie“ muss nicht unbedingt darauf stehen, da es sich um eine innere Haltung handelt, die sich an der Beschäftigung mit Esoterik eben entwickeln kann. Hier wird nicht Marketing betrieben für eine voraussetzungslos herein brechende „Erleuchtung“, hier ist die Rede von geduldiger Reife und Entfaltung. Das seelische Wesen soll nicht durch aufbrechende Erfahrungen überrumpelt und gebannt werden, sondern sich harmonisch einleben in das „innerste Wesen“, an das es heran reicht, das es berührt. Es ist der zarte Prozess einer inneren Metamorphose, der mehr „aufdämmert“ als dass er fertig und schick wie auf einem Gabentisch liegen würde. Mit so etwas, was das Innerste aufkeimend bemerkt und pflegt, geht man ungern hausieren. Das mag ein Grund dafür sein, dass es Anthroposophie wohl in den kulturellen Auswirkungen, aber weniger auf dem Jahrmarkt der esoterischen Schreihälse nicht so weit gebracht hat. Hier schwimmen die Verpackungskünstler oben auf.

Das Zitat stammt aus „Esoterische Unterweisungen für die erste Klasse der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft am Goetheanum 1924“

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Dämonen der Intoleranz

„Nun gibt es aber nicht bloß diese normalen Einflüsse. So würde es einzig und allein sein, wenn die Menschen untereinander vollkommen verstehen würden, was Schätzung und Würdigung der Freiheit der Seele des anderen ist. Davon ist aber die gegenwärtige Menschheit noch sehr weit entfernt. Denken Sie nur einmal daran, wie die heutige Seele noch zum größten Teil die Mitseele überwältigen will, wie sie nicht leiden kann, wenn die andere Seele etwas anderes denkt und liebt, wie die eine Seele die andere überwältigen und auf sie wirken will.

Bei alledem, was von Seele zu Seele wirkt in unserer Welt, von dem ungerechtfertigten Ratschluss, den man gibt, bis zu all jenen Wirkungsmitteln, die die Menschen anwenden, um Seelen zu überwältigen, bei alledem, was nicht so wirkt, dass die freie Seele der freien Seele gegenübersteht, sondern, und sei es auch nur in geringster Weise, Zwangsmittel der Überzeugung, Zwangsmittel der Überredung angewendet werden, wo nicht bloß geweckt werden soll, was in der anderen Seele schon schlummert, überall da wirken von Menschenseele zu Menschenseele Kräfte, die wiederum diese Seelen so beeinflussen, dass sich das in der Nacht im astralischen Leibe ausdrückt. Der astralische Leib bekommt Einschlüsse, und dadurch werden Wesenheiten abgeschnürt aus anderen Welten, die jetzt wiederum als Elementarwesen unsere Welt durchschwirren. Diese Wesenheiten gehören zur Klasse der «Dämonen». Sie sind nur dadurch in unserer Welt vorhanden, dass in ihr auf die verschiedenste Weise Intoleranz des Gedankens, Vergewaltigung des Gedankens geübt worden ist. Das Heer dieser Dämonen ist auf diese Art in unsere Welt hineingekommen.“

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R. Steiner, GA 102
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"Das Mysterium der Zukunft"

„Die große Synthesis von dem Weihnachtsmysterium als Wiederholung der alten Mysterien und dem Ostermysterium, als das Mysterium der Zukunft, das Mysterium des auferstandenen Christus, das wollte Christus vor die Menschheit hinstellen. Das ist das Mysterium des Osterfestes.

Das wird die Zukunft des Christentums sein, dass die christliche Idee nicht bloß etwas ist wie eine Kunde von höheren Welten, nicht bloß etwas wie Religion ist, sondern dass die christliche Idee ein Bekenntnis und ein Impuls des Lebens ist: ein Bekenntnis, weil der Mensch in dem auferstandenen Christus dasjenige sieht, was er selbst zu erleben hat in aller Zukunft, eine Tat des Lebens, weil der Christus nicht bloß dasjenige ist, zu dem er hinaufschaut, der ihm etwa bloß Trost gewährt, sondern der ihm das große Vorbild ist, dem er nachlebt, indem er den Tod überwindet.

Im Geiste des Christentums tätig sein, leben, in dem Christus nicht bloß den Tröster sehen, sondern den Christus als den ansehen, der uns vorangeht und der im tiefsten Sinne mit unserer tiefsten Wesenheit verwandt ist, dem wir nachleben: das ist die Christus-Idee der Zukunft, die zu durchdringen vermag alle Erkenntnis, alle Kunst, alles Leben. Und wenn wir uns erinnern wollen, was alles die Osteridee enthält, so werden wir in ihr ein Symbolum finden des Christentums der wahren Tat und des wahren Lebens.

Wenn die Menschen längst nicht mehr brauchen werden die religiösen Mitteilungen, die ihnen Kunde bringen von den Göttern der alten Zeiten, weil sie wieder leben werden unter den Göttern, dann wird ihnen Christus derjenige sein, der sie stark und kräftig machen wird, um den richtigen Standpunkt zu finden mitten unter den Göttern.“

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R. St., GA 102, „Das Hereinwirken geistiger Wesenheiten in den Menschen
Dreizehn Vorträge in Berlin zwischen dem 6. Januar und 11. Juni 1908“
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Rudolf Steiners Ergebenheitsgebet

Tom Mellett schickte Steiners Ergebenheitsgebet, wegen einer Anfrage in Bezug auf die Übersetzung ins Englische, aber auch, weil offenbar japanische Anthroposophen angesichts der Katastrophen in ihrem Land auch davon berichten und konkret dazu aufrufen, es zu nutzen: „Die Erdbeben, die uns immer noch in kleineren und grösseren sowohl physisch als auch seelisch schütteln, zeigen, dass wir keine physisch feste Grundlage mehr haben. Tsunami ist nichts anders als "Wasserprobe", die jetzt unsere ganze Infrastruktur inklusive Kernkraftwerke in Frage gestellt hat. Selbstverständlich müssen vor allem konkrete Massnahmen getroffen werden, um die Nöte der unzähligen Opfer in den Betroffenen Regionen to lindern. Zugleich habe ich das Gefühl, dass es eine grosse Bedeutung haben würde, wenn die japanischen Anthroposophen den Grundstein, den sie ja in sich zu irgendeinem Zeitpunkt aufgenommen haben, jetzt bewusst in Verbindung mit all den lebenden und verstorbenen Seelen in der Anthroposophischen Gesellschaft in ihren Herzen versuchen zu verstärken.

„E r g e b e n h e i t s - G e b e t

Was auch kommt, was mir auch die nächste Stunde, der nächste
Tag bringen mag: Ich kann es zunächst, wenn es mir ganz
unbekannt ist, durch keine Furcht ändern.

Ich erwarte es mit vollkommenster innerer Seelenruhe, mit
vollkommener Meeresstille des Gemütes.
Durch Angst und Furcht wird unsere Entwicklung gehemmt;
wir weisen durch die Wellen der Furcht und Angst zurück, was
in unsere Seele aus der Zukunft herein will.

Die Hingabe an das, was man göttliche Weisheit in den
Ereignissen nennt, die Gewissheit, dass das, was da kommen
wird, sein muss, und dass es auch nach irgendeiner Richtung
seine guten Wirkungen haben müsste, das Hervorrufen dieser
Stimmung in Worten, in Empfindungen, in Ideen, das ist die
Stimmung des Ergebenheitsgebetes.

Es gehört zu dem, was wir in dieser Zeit lernen müssen: Aus
reinem Vertrauen zu leben, ohne Daseinssicherung, aus dem
Vertrauen auf die immer gegenwärtige Hilfe der geistigen
Welt. Wahrhaftig anders geht es heute nicht, wenn der Mut
nicht sinken soll.

Nehmen wir unseren Willen gehörig in Zucht und suchen wir
die Erweckung von innen jeden Morgen und jeden Abend.“

---Rudolf Steiner

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Wichtige Korrektur: „Lieber Herr Eggert, das sogenannte "Ergebenheitsgebet" auf der "Egoisten"-Webseite stammt in dieser Form NICHT von Rudolf Steiner.
Es ist ein Zusammenschnitt von Textstellen aus dem öffentlichen Vortrag "Das Wesen des Gebetes", Berlin 17.2.1910, im Band GA 59: Metamorphosen des Seelenlebens.
Bitte um einen Kommentar auf der Website der "Egoisten".
(Ich hätte es selbst gemacht, konnte aber den Zugang nicht finden.)
Mit freundlichen Grüssen
Carlo Frigeri“
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Die Zone seelischer Reflexe

Die Zone der seelischen Reflexe meint in diesem Zusammenhang ein Dilemma des Praktizierenden, des Meditanten, der sich tatsächlich und willentlich auf den Weg gemacht hat, das „reine Denken“ als Erfahrung zu suchen. An einem gewissen Punkt stellen sich meist auch „Erfahrungen“ ein, bei denen aber kein Korrektiv mehr in der Außenwelt besteht, im Kontext bisher gemachter Erfahrungen. Es fehlt zunächst ein Koordinatensystem für das Urteil und für das seelische Empfinden.

Rudolf Steiner stellte das Dilemma einmal auf folgende Weise dar („Welche Bedeutung hat die okkulte Entwicklung des Menschen für seine Hüllen und sein Selbst?“, S. 164): „Eine richtige Entwicklung schließt aber ein Hinlenken der Egoität des astralischen Leibes zu allgemeinen Menschheits- und Weltinteressen ein. Und wie Gift wirkt es, wenn der Mensch in diejenigen Regionen seiner hellseherischen Beobachtung, wo er nur imprägniert mit allgemeinen Menschheits- und Weltinteressen beobachten sollte, hinaufträgt persönliche Interessen und persönliche Aspirationen. Dann kommt für die hellseherische Beobachtung nicht die Wahrheit zustande, sondern es kommen Imaginationen zustande, welche unwahr, unrichtig sind, welche nur die Widerspiegelung sind der persönlichen Interessen und der persönlichen Aspirationen.

Man fragt sich, woher diese innere Reife denn kommen soll. Oder anders gefragt: wer ist dann schon frei von Irrtümern in der Wahrnehmung der „geistigen Welt“? Verbreitet ist z.B. die Neigung, solche Erfahrungen so weit unkritisch hoch zu schätzen, dass man sie in ihrer Unmittelbarkeit per se für „Wahrheit“ hält. Dass man diese erstmaligen Erfahrungen in ihrer Unmittelbarkeit, mit der sie ans innere Augen drängen, als unleugbares Evidenzerlebnis nimmt, liegt aber im Kern vielleicht auch daran, dass man sich selbst zu ernst nimmt, zu sehr als Mittelpunkt der Welt, zu eitel, zu wichtig. Der erfahrene „Stalker“ weiß, dass am Anfang das Drängende, Glänzende, Unmittelbare lauert, das die Aufmerksamkeit in Beschlag nimmt und möglicherweise lediglich ablenkt vom Wesentlichen, das ganz still und unscheinbar daher kommt. Es gibt viele Wohnungen in diesem Haus, im Eingang aber lenken Lüster und goldene Klinken derartig ab, dass Mancher hier verweilen möchte. Er formuliert hier vielleicht eine spirituelle Grunderfahrung, er gründet eine Religion oder findet etwas, was er für Erleuchtung hält. Jeder bekommt hier, was er erwartet hat. Rechthaber bekommen Recht, Sensationssüchtige bekommen Wunder, Katholiken bekommen Marienerscheinungen, Reinheitssüchtige sehen Engel oder was immer. Man spiegelt seine eigenen Erwartungen, man ist geblendet von ihnen. Man selber verstellt sich den klaren Blick, hält das illusionäre Spiegeln aber für „Wahrheit“.

Man hat einen langen Weg durch viele Zimmer vor sich. Manche sind abgewrackt und wirken wie zerbombt. Das Zimmer, das keine Spiegel hat, ist sicherlich eines der letzten. Wenn man sich selbst betrachtet, ist es, als halte man ein Häufchen Staub in der Hand. Es ist sehr viel schwerer, frei zu werden von den eigenen seelischen Reflexen als vom „linearen Denken“. Letzteres erlebt man bereits im Entree, aber es nützt einem nicht viel. Man ist nicht frei, wenn man keine Orientierung hat. Letztere ist eine eher moralische Kategorie, eine Verwandte des Gewissens. Sie ist wirklich unscheinbar. Es ist das, was Rudolf Steiner als die Kraft bezeichnet, sich seelisch den „allgemeinen Menschheits- und Weltinteressen“ zuzuwenden. Das können wir nur, wenn wir von unseren Reflexen frei kommen.
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Der neue Faden des Lebens

„Es bleibt immer für eine nächste planetarische Form, was Inhalt einer früheren planetarischen Form war. Wir haben gelebt von dem, was uns die Götter, die Wesen der höheren Hierarchien hinterlassen haben. Und jetzt stehen wir auf dem Punkt, wo die Erde vertrocknen und verdorren würde, wenn der Mensch nicht aus sich heraus gewissermaßen einen neuen Faden des Lebens spinnen würde.

Man kann sagen, bis zu dieser weltgeschichtlichen Stunde hat für die Entwickelung der Menschheit im Grunde gesorgt dasjenige an Wesenheit, was über den Menschen stand in den höheren Hierarchien.“

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R. Steiner, GA 199, Seite 225f
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Die Sphinxnatur des Zeitgenossen

sphinxen
„Der Mensch ist ja auch kein Erdenwesen in Wirklichkeit, der Mensch ist in Wirklichkeit ein kosmisches Wesen, ein Wesen, das dem ganzen Weltenall angehört. Auf der einen Seite wird der Mensch erdgebunden sein, auf der anderen Seite wird er sich als kosmisches Wesen fühlen. Und dieses Gefühl wird sich in ihm ablagern.

Wenn das einmal nicht mehr Theorie ist, sondern gefühlt wird von einzelnen Menschen, die durch ihr entsprechendes Karma heraus wachsen aus dem, was heute triviales Gefühl ist, wenn die Menschheit sich angeekelt fühlt und dadurch zu einer Umkehr kommt über das Fühlen der bloß vererbten Eigenschaften, über das Fühlen des Chauvinismus, nur dann wird eine Art Reversion eintreten. Der Mensch wird sich als kosmisches Wesen fühlen.

Er wird verlangen wie mit ausgestreckten Armen nach einer Enträtselung seines kosmischen Wesens. Das ist, was in den nächsten Jahrzehnten kommt, dass der Mensch wie - ich meine das jetzt natürlich symbolisch- wie mit ausgestreckten Armen fragt: wer enträtselt mir mein Wesen als ein kosmisches Wesen? Alles, was ich auf der Erde ergründen kann, was mir die Erde geben kann, alles, was ich aus der modernen Wissenschaft, die heute so geschätzt wird, entnehmen kann, enträtselt mich nur als Erdenwesen, lässt mir gerade das eigentliche Wesen des Menschen als ein ungelöstes Rätsel erscheinen.
Ich weiss, ich bin ein kosmisches, ich bin ein überirdisches Wesen; wer enträtselt mir mein überirdisches Wesen?“
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R. Steiner, 31, Oktober 1920
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Bewusstseinstrübung

Man kann Steiners Äußerungen, selbst wenn sie für Außenstehende zunächst befremdliche Beschreibungen irrealer Wirkungen darstellen, auch ganz konkret als Mechanismen der Macht, der Agitation, der Manipulation lesen- ob auf politischer oder auf persönlicher Ebene:

Ahriman treibt im Unterbewusstsein sein Wesen, zaubert Urteile heraus aus diesem Unterbewussten. Die Menschen glauben dann, dass sie aus ihrem Bewusstsein urteilen, während sie nur aus ihren unterbewussten Trieben und aus ihren unterbewussten, raffinierten Impulsen oftmals das Urteil herauf zaubern, oder sich herauf zaubern lassen eben durch die ahrimanischen Kräfte. Alles, was mit Herrschaftsgelüsten des Menschen über andere Menschen zusammen hängt, alles, was einem gesunden sozialen Wollen widerstrebt, ist ahrimanischer Natur. Derjenige Mensch, der von Ahriman besessen ist, möchte möglichst viele Menschen beherrschen, geht dann darauf aus, wenn er klug ist, die menschliche Schwäche zu benützen, um gerade durch diese die Menschen zu beherrschen.“ (Rudolf Steiner, GA 184, S. 205f)

Das ist nun einmal auch die politische Ebene, die machiavellische Intention. Im übertragenen, aber ganz realen Sinne sind uns diese Mechanismen aber auch in der Liebe, im Berufsleben, in Konkurrenzsituationen gut vertraut. Schwächen Anderer zu wittern und sie zu nutzen ist ein Allerweltsvorkommnis. Man möchte sagen, es ist ein zentrales Anliegen des Ego- schon um sich zu behaupten und zu verteidigen. Der Versuch des Dominierens, des Durchsetzens von Intentionen beginnt in Diskussionen und ended in sexuellen Obsessionen.

Die Schwächen, die man aber auch betrachten kann, sind die gesellschaftlichen. Nehmen wir z.B. mal unseren kaum stillbaren Hunger nach Energie. Eine globalisierte Informationsgesellschaft lebt davon. Daher ziehen wohl die Argumente, bei uns „gingen die Lichter aus“, wenn man auf Kernenergie verzichten würde, offenbar immer noch. Selbst dann, wenn ganze Landstriche zum „Sarkophag“ (so nennt man die Ruine von Tschernobyl) werden. Wir werden aus Hunger nach Energie wie ein Bär mit Nasenring durch die Manege gezogen. Wir werden dadurch beherrscht.

Ahriman hat ja im heutigen Zeitalter auf die Menschen nur dann einen starken Einfluss, wenn in irgendeiner Weise eine Bewusstseinsablenkung vorhanden ist. Die radikalste Erscheinung ist die, sagen wir einer Ohnmacht oder einer Bewusstseinstrübung, die länger dauert.“ (Rudolf Steiner, GA 237, S.141)

Richtig. Das ganze atomare Zeitalter ist so eine „Bewusstseinstrübung“.
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Reinigung

"Das muss der erste Schritt der Einweihung sein: den Menschen während des Tageslebens etwas tun zu lassen, in seiner Seele sich etwas abspielen zu lassen, was fortwirkt, wenn der astralische Leib in der Nacht herausgezogen wird aus dem physischen Leib und Ätherleib.

Also denken Sie sich, bildlich gesprochen, es würde, während der Mensch bei vollem Bewusstsein ist, ihm etwas gegeben, was er zu tun hätte, was er abspielen lassen sollte und was so gewählt wäre, so gegliedert, dass es nicht aufhörte zu wirken, wenn der Tag vorüber ist. Denken Sie sich diese Wirkung als einen Ton, der fort klingt, wenn der Astralleib heraus ist; dieses Fortklingen wären dann die Kräfte, die nun an dem astralischen Leib so wirkten, so plastisch arbeiteten, wie einstmals die äußeren Kräfte am physischen Körper gearbeitet haben.

Alles das, was man genannt hat Meditation, Konzentration und die sonstigen Übungen, die der Mensch vorgenommen hat während seines Tageslebens, sie sind nichts anderes als Verrichtungen der Seele, die nicht in ihren Wirkungen ersterben, wenn der Astralleib herausgeht, sondern die nachklingen und in der Nacht zu bildenden Kräften werden im astralischen Leib. Das nennt man die Reinigung des Astralleibes, die Reinigung von dem, was dem Astralleib nicht angemessen ist.

Das war der erste Schritt, der auch die Katharsis (bei den Griechen) genannt wurde, die Reinigung. Sie war noch keine Arbeit in übersinnlichen Welten. Sie bestand in Übungen der Seele, die der Mensch tagsüber machte, wie eine Trainierung der Seele. Sie bestand in der Aneignung gewisser Lebensformen, gewisser Lebensgesinnungen, einer gewissen Art, das Leben zu behandeln, so dass es nachklingen konnte, und das arbeitete am astralischen Leib, bis er sich umgewandelt hatte, bis sich Organe in ihm entwickelt hatten."

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Rudolf Steiner, GA 104, Seite 46f
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