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Michael Eggert: Der Tag der Wildgänse

Der Tag, an dem er starb, war fast genau vor einem Jahr. Es war hoher Sommer, ein warmer, aber etwas bedeckter Tag. Er war geweckt worden von trompetenhaften Tönen, ein schnatternder, flatternder Bariton. Das waren die Wildgänse, die sich auf den nahen Feldern sammelten und an diesem Tag und dem nächsten und dem übernächsten ihre Flugübungen absolvierten. Sie drehten, ganz tief fliegend, mehrere Runden um das Haus, mehrmals am Tag. Danach verschwanden sie wieder ins hohe Gras nahe den gerade abgeernteten blassgelben Stoppelfeldern und rührten sich mehrere Stunden nicht. Diese Flüge waren ein Fanal, ein Gong, mit dem die verstreuten Artgenossen gerufen wurden, die vielleicht noch auf dem Weg aus den Niederlanden oder aus Skandinavien waren.
Der Mann erhob sich unsicher aus dem Bett, trat ans Fenster und schob die Vorhänge ganz beiseite. Da waren sie. Ihm schien es, als ob sie lauter trompeteten denn je, dass sie dichter denn je am Haus vorbei flogen. Ja, es waren noch mehr geworden, ein Schwarm, ein einziger Organismus, der sich langsam organisierte, als wäre er ein Leib, aber noch nicht ganz vollständig. Wenn die Wildgänse sich sammeln, ist der Sommer gebrochen. Die letzten und schönsten Meteoritenschwärme ziehen nachts vorbei, zerborstene Kometenreste. Das schwefelige Ausatmen der Erde ist vorbei, die Zeit der Stürme und Früchte beginnt. Wenn die Wildgänse sich sammeln und am Fenster vorüber ziehen, ist eine gute Zeit zu gehen. Man möchte sich ihnen anschliessen- ein Leib von ihrem Leib, der sich im Süden eine neue Hülle sucht. An diesem Tag fühlte er sich müde. Als es still wurde, ging er wieder in sein Bett und stand nicht mehr auf.
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