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Elisabeth Kübler-Ross und der tröstende Fremde

"Ein Traum, den ich mehr als einmal träumte" nannte Elisabeth Kübler-Ross ihre persönliche Gottesbegegnung - ein Traum, aber auch eine Begegnung im Sinne einer geistigen Erfahrung. Dass dieser "Traum" besonderen Charakter hatte, liegt eindeutig am Subjekt, das weiss, dass dieses Du, dem sie begegnet, "Jesus" ist, obwohl sie nicht weiss, "warum ich das weiss, aber es ist so." Das "Es ist so" hat in diesem zeitgenössischen Ambiente zwischen Supermärkten und Rinnstein den Charakter unwidersprechlicher Gewissheit - es ist ein erkennendes Amen.

Die Art der Beschreibung klingt wie eine Projektion - als persönliches Imago; es ist nicht wichtig: Die Jeans, die glatte Haut, das Weinen, die Art der Segnung: Die mit den Tränen benetzten Handrücken, die spezifische Sprache. Es ist, auch dies unmittelbar einsichtig für Elisabeth Kübler- Ross, eine Wiederbegegnung - ja mehr: eine Vergewisserung des ewig im Hintergrund präsenten Begleiters, der lediglich vergessen worden ist und immer wieder neu vergessen wird: "..weil ich nicht weiss, wie lange es her ist, seit ich ihn gesehen habe, und sogar jetzt vermisse ich ihn." Wie kann man den Geliebten so vollkommen aus den Augen verlieren, wie kann man vergessen haben, wann man ihn zuletzt sah?

Kübler-Ross ist in der ganzen Situation an einer inneren Grenze- ihr Weinen erscheint auch als seelischer Auflösungszustand, ein Augenblick, in dem die gewohnte Ordnung, der Kontext von einem Tränenstrom fort gespült worden ist. Aber vielleicht weint sie auch, weil das Glück, vom unsichtbaren Begleiter bestätigt und versichert worden zu sein, so erschütternd ist; sie ist angeschaut, und der Gott erkennt sie an: "Du brauchst nicht zu mir zu kommen, damit ich bei dir bin. Ich bin für dich da, wann immer du mich brauchst".

"Ich gehe über einen großen Parkplatz vor einem Einkaufszentrum mit zwanzig oder dreißig Läden. Außer mir ist niemand da. Es ist dunkel und früh am Morgen. Ich höre das Echo jedes meiner Schritte. Es ist kühl.
Ich sehe einen Mann in der Ferne stehen, und in diesem Augenblick befinden wir uns plötzlich für den Bruchteil einer Sekunde auf einer sonnigen Wiese, aber dann kehren wir zurück. So schnell, als wäre das nur in meiner Einbildung. Ich gehe auf ihn zu. Er ist groß. Sein Haar ist blond, die Augen sehr dunkel. Er ist sehr müde. Es ist Jesus. Ich weiß nicht, warum ich das weiß, aber es ist so.

Jetzt stehe ich dicht vor ihm und bleibe stehen. Er trägt Blue Jeans, ohne Hemd. Seine Haut ist sehr glatt. Er sieht sehr traurig aus, als ob er von mir Abschied nehmen wollte, und dann fasst er meine beiden Hände und fängt an zu weinen. Auch ich fange an zu weinen, weil ich nicht weiß, wie lange es her ist, seit ich ihn gesehen habe, und sogar jetzt vermisse ich ihn. Er netzt meine Handrücken mit seinen Tränen, und dann geht er und sagt: „Du brauchst nicht zu mir zu kommen, damit ich bei dir bin. Ich bin für dich da, wann immer du mich brauchst.“

Als ich wieder allein bin, sitze ich auf dem Randstein in dem Einkaufszentrum und weine sehr. Ich bleibe dort, bis die Sonne aufgeht, dann stehe ich auf und gehe langsam fort.
" [1]

[1] Elisabeth Kübler- Ross, Kinder und Tod, Kreuz Verlag, Zürich 1984, S. 151

Hier eine kurze Einführung in eine Dokumentation über die Arbeit von Elisabeth Kübler- Ross mit Sterbenden. Die Dokumentation selbst in in etwa 10- minütigen Teilen bei YouTube zu sehen.
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Die Erinnerung an einen Engel, der in mir denkt


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Natürlich ist das Gedächtnis gestört, dauernd. Erst die Zerstreutheit, dann die üblichen Filter: Passt das Gesehene in eine der mir bekannten Kategorie, oder gehört es zur Kategorie Unkategorisch? Im letzteren Fall ist meine volle Aufmerksamkeit sofort da. Die volle Präsenz tritt dann in den Alltag ein, wenn ein emotionales Alarm- Level erreicht ist. So wäre das ein halb- automatisiertes Leben zwischen Status Quo und diversen Alarm- Zeiten in unserem Leben, wenn wir nicht doch dem, was uns begegnet, interessiert gegenüber treten würden- das Konditionale daran (und damit die Möglichkeit der Entscheidung, aber auch des Scheiterns) zeigt schon, dass dann das Ich direkt engagiert ist. Aber das muss man dann auch tatsächlich tun, denn das Ich ist nun einmal ein rein schaffendes, produktives Wesen. Das, was wir so engagiert - persönlich beteiligt statt nicht passiv reagierend- erfahren, wandert über die Amygdala, und prägt sich tiefer ins Gedächtnis ein. Je mehr Erkenntnis, Anteilnahme, Intelligenz und Empfindung beteiligt sind, desto unmittelbarer- ohne Umwege über selektive Filter, und umfassender und detaillierter wird eine Situation auch erinnert- es entsteht der Schatz eines ganzen individuellen Lebens.

Für den esoterischen Weg (was immer Sie jetzt darunter verstehen) hat Rudolf Steiner erwähnt, dass das Erinnern - er meint das automatisierte Gedächtnis- immer weiter zurück geht. Das bedeutet: Je aktiver ein Mensch geistig wird, desto mehr ziehen sich neuronal gegebene Auto- Mechanismen zurück- zugunsten erhöhter ständiger Präsenz des Ich. Denn erinnert wird nur - so Steiner-, was mit Liebe und Interesse betrachtet wird. Nichts anderes als das bedeutet ja Präsenz des Ich.

Natürlich wird das Gedächtnis in gewisser Hinsicht auch schwächer, wenn man älter wird - gewisse Namen, Daten, Details werden unscharf - ein Problem. Im Gegenzug erlebt sich der Ältere gelegentlich, der Hochbetagte in steigender Dominanz in Inseln eines nicht erinnernden, sondern szenisch exakt nacherlebenden Bewusstseins. Die Intensität des Neu- Erlebens halb oder ganz vergessener oder geschönter Fragmente des eigenen Lebens kann gerade am Beginn schmerzhaft sein, weil emotional besonders herausragende Ereignisse zuerst hoch kommen. Im Erleben ist man szenisch involviert, beobachtet das aber zugleich von außen in absoluter Objektivität. Gegenüber dieser Instanz - dem inneren Leben selbst- fällt jeder Selbstbetrug in sich zusammen- auch wenn er in einer so erlebten Szene peinlicher Weise im schönsten Schwung sein mag. Für den Meditierenden jeder ernsthaften Schule gehören diese Szenen ohnehin zu gewissen Stadien intensiver und kritischer Selbstbetrachtung- eine Art notwendiger Ausarbeitungs- Prozess- allerdings nicht um in die Emphase einer Menschen-, Kultur- oder Selbst- Anklage zu verfallen, sondern als nüchternes Resümee einer gewissen Selbst- Objektivierung, einer gewissen spirituellen Hygiene.

Aber Steiner wäre nicht Steiner, wenn er nicht noch eine ganz andere Begriffsdeutung in Bezug auf das Gedächtnis ins Spiel bringen würde. Er beginnt harmlos mit „Der Zusammenhalt des Gedächtnisses darf nicht zerstört werden.“ Gemeint ist aber, wie er dann erklärt, eine okkulte Deutung, die dann besagt, dass jede Form von Selbstbespiegelung eben diesen „Zusammenhalt“ stört; worum es gehe, sei, dass ein Mensch so ehrlich mit sich sein müsse, sich nur an den eigenen Taten zu messen- und nicht an einer wie auch immer gearteten Hybris:

Mit diesem Zusammenhalt des Gedächtnisses meint man auf dem Gebiet des Okkultismus noch viel mehr als im gewöhnlichen Leben. Im gewöhnlichen Leben versteht man mit diesem Gedächtnis eigentlich nur, daß man zurückblicken kann und wichtige Ereignisse seines Lebens nicht gerade aus dem Bewusstsein verloren hat.
Im Okkultismus meint man unter richtigem Gedächtnis auch noch, daß der Mensch mit seiner Empfindung, mit seinem Gefühl nur auf das etwas gibt, was er schon in der Vergangenheit geleistet hat, so daß sich der Mensch keinen anderen Wert beimißt als den Wert, den ihm die Taten seiner Vergangenheit geben
.“ (GA 136, 40)

In Bezug auf intensive meditative Erfahrungen auf der Ebene des zeitlosen Bewusstseins stellt sich die Frage nach der Verbindung mit dem Alltagsdenken, oder, anders gesagt: Wie viel können wir später von solch intensiven Erfahrungen, in die wir restlos „ausgegossen“ - hingegeben - sind, überhaupt erinnern?

Schon in Rudolf Steiners Mysteriendrama Die Pforte der Einweihung heißt es über die Figur Theodora: „Wenn sie in jenen Zustand fällt, ermangelt sie fast ganz der Gabe der Erinnerung.“ Das geht keinesfalls nur Theodora so. Es geht, wie Steiner in „Okkultes Sehen und okkultes Hören“ (GA 156, S. 54ff) ausführt, vielmehr jedem so, der „wie in das Nichts hinein schwimmend, in den allgemeinen Kosmos unter (taucht)“. Dieser „voll bewusste“ Zustand der meditativen Zeitlosigkeit hat in vieler Hinsicht (bis eben auf die Tatsache der vollen Bewusstheit) Ähnlichkeit mit dem Schlaf; und auch der Zustand „danach“ wirkt wie ein Aufwachen, bei dem man empfindet: „Das war nicht ein Schlaf, in dem jetzt warst. (..) Da ist etwas geschehen in der Zwischenzeit“. Man erlebt diese Erfahrungen aus der Zwischenzeit im Nachhinein so: „Es ist wie eine Erinnerung. Man erinnert sich an etwas, das man nicht mit dem gewöhnlichen Selbst durchgemacht hat, das man aber so erlebt hat, dass man aus dem gewöhnlichen Selbst heraus gehoben war.“ Das, was man da meditativ bewusst, d.h. also „denkend erlebt“ (Steiner) hat, ist in Steiners Augen das Erleben des Denkens des Engels in einem selbst: „Du kannst dich nur nachher erinnern, was dieses Wesen, dieses Angeloswesen, in dir gedacht hat."

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Das höchste Mantra ist das Ich

scaligero
Nach mehreren Jahrzehnten meditativer Praxis gibt es immer wieder in verschiedenster Literatur zum Thema praktische Berührungspunkte; in der Praxis sind bestimmte typische Problemfelder bei jeder ernsthaften spirituellen Tätigkeit zu beobachten. Von Praktikern ist vieles lesenswert, wenn man denn aus der eigenen meditativen Arbeit darauf stösst. Vorher muss die Aussage abstrakt bleiben, kann sogar zum Dogma werden, wenn man sie dazu macht. Zwischen geistiger Souveränität und „Knechtschaft“ unter selbst gemachte und/ oder übernommene und tradierte Denk- und Reaktionsmustern besteht nicht selten nur ein schmaler Grat. Daher erinnert Francis Lucille (in „The perfume of silence“) an ein besonders prominentes Problem in jeder meditativer Arbeit: Routine und Ritus.

Bis dahin hat es einen langen Anlauf gegeben in Bezug auf Fokussierung, inneres Schweigen, aber auch innere Aktivität und bewegt- formbare Stillness. Das ist nichts anderes als ein Musiker, der übt, kooperiert, eine leise Performance spielt - das Instrument und den Musiker in Eines fassend. Massimo Scaligero spricht daher in „a practical manual of meditation“ (Lindisfarne 2015) auch von einer „Vereinigung“ mit der „Essenz“ - mit der besonderen Note, die "Kräfte der Seele" um sich zu sammeln und dann zu „verhindern“, dass diese Seele „irgend eine Form annimmt“ („preventing the soul from giving it any form“). Auch sämtliche pseudo- sensorischen Eindrücke - womöglich spirituell induzierte Bilder, Gefühle und Assoziationen- sollen willentlich ausgemustert werden, um zu einer „radikalen Art der Stille“ (S. 47) zu kommen. Man möchte sagen- selbst das Wollen dieser Art kann wieder zum Hindernis werden, aber vor allem alles, was zunächst wie ein Fortschritt aussieht. Manchmal hat ein Sucher gerade in jungen Jahren und früh substantielle geistig- seelische Erfahrungen, die eindrücklich und bewegend wirken- aber dann abebben und nicht wieder auffindbar sind. Gerade der Wille, das wieder zu erleben, verhindert es nachdrücklich. An dieser Stelle steht dann schnell der tiefe Fall ins bloße Ritual.

Denn sobald ein Ritual entsteht - etwas, was nicht durch aktives Verstehen geprägt ist, sondern durch Routine - geht die Orientierung am Wahrhaftigen des lebendigen Ich verloren: „“I” is the highest mantra. In using it in this way, we avoid boring repetitions. It always remains alive, always directed towards its meaning. Just try it and be very determined, courageous, patient, and stubborn at the same time. Make sure that the juice, the perfume, is always flowing. Make sure you are not simply singing the song without understanding the meaning.“

"Das Ich ist" - eine freie Übersetzung nach Lucille- "in der Hinsicht das höchste Mantra, dass es keine langweiligen Wiederholungen kennt. Das Ich ist immer lebendig, immer am Verstehen orientiert. Mach es, bestimmt, mutig, geduldig und stur zur gleichen Zeit. Die Essenz, der Duft, sollte vernehmlich sein. Sei sicher, dass du dieses Lied nicht singst ohne anhaltendes, andauerndes Verstehen" („Intuition“ nach Steiner) "und Präsenz des wachen Ich."

Die Routine ist eine Form von - nach Lucille- Passivität, Faulheit und Apathie („Passivity, laziness, or apathy takes place when we discover a thought or a feeling that we do not really want to see. In order to cover it up, we create some sort of daydream, some sort of mental activity. This takes us away from the problem, from the tension, from the contraction. It is a refusal, an escape.“) - wahrscheinlich ein Versuch, einem inneren Problem zu entkommen. Die Tag- Träumerei und Ritualisierung entstehen, weil mit der inneren Freiheit auch stets schmerzhafte innere Eigenschaften offenbar werden, die uns unangenehm sind. Dazu gehören seelische Überformungen, Zwangs- Reaktionsmuster, Ängste, Selbstüberschätzung usw. Überstrenge Strukturen, Selbstverurteilung, Kämpfe mit vagabundierenden träumerischen Bewusstseinsformen bewirken letztlich aber nur, dass wir der Selbstkonfrontation zwar aus dem Weg gehen, aber uns auch wie ein Esel um den selben Pflock drehen werden, bis das Problem erkannt ist.

Praktisch schaut man das an, und sonst nichts: „In this way we return to an experience of presence that is vibrant. It is not a blank state.“ Die Rückkehr in die stetig im Hintergrund vorhandene Erfahrung der Präsenz ist von vollkommener Lebendigkeit- die reine, klare Kraft des Ich, das jede Routine durchdringt und übersteigt. Auch wenn das Bewusstsein dabei „formlos“ ist, ist es doch niemals leer.


Der Verlag hat zu Massimo Scaligeros Neu- Übersetzung ins Englische (aus dem italienischen Original) „a practical manual of meditation“ den treffenden Text geschaffen „For all who want to embark on the path of initiation through anthroposophy“ - für all die, die auf den Wegen zur Initiation, im anthroposophischen Kontext, ihre Segel setzen. Für alle Fälle merke ich hier an, dass Scaligero von allen möglichen Seiten vereinnahmt wird, vor allem aber von Rechten. Die goutieren das propagandistische Frühwerk des Faschisten vor 1945, aber durchaus auch seine Mystik. Ich arbeite hier im Blog das heraus, was mir vom späten Denker bemerkenswert erscheint. Ein komplettes anthroposophisches Schulungsbuch dieser Güte war mir jedenfalls vor dieser Übersetzung ins Englische unbekannt geblieben. Das ist das Problem mit Scaligero. Je tiefer man gräbt, desto tiefer wird auch das Zweischneidige bei ihm. Das nur als Anmerkung.
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Von der lebendigen Stille - Jean Klein

Jean Klein- der schon 1998 verstorbene Advaita- Lehrer- war bislang nicht auf meiner Agenda. Ich bin auf diesen Autor und sein Buch „I am“ nur durch einen digitalen Verweis gestossen wie „Ihnen könnte auch gefallen..“. Ich bin auch noch nicht weit- das sind Bücher, bei denen ich Pausen brauche. Aber dass Grundfragen berührt werden, bemerkt man auch schon auf den ersten 25 Seiten- etwas wie „Wenn wir ganz allein mit uns sind, dann spüren wir diesen schrecklichen existentiellen Mangel in uns: „At certain moments, when alone, we feel a great lack deep within ourselves. This lack is the central one giving rise to all the others. The need to fill this lack, quench this thirst, urges us to think and act.“ - die gesamte Person ist möglicherweise um diesen „Mangel“ herum gebaut, die halbe Biografie geprägt? Ist das das Nadelöhr, durch das man schreiten muss? In welche Richtung deutet das Klein? Er vertraut ganz auf eine „lebendige Stille“, die man genau in dieser Katharsis erleben kann: „Only living stillness, stillness without someone trying to be still, is capable of undoing the conditioning our biological, emotional and psychological nature has undergone.“

Die lebendige Stille - innere Ruhe - setzt er gleich mit einem Zustand, in dem das Sich- Bemühen- darum aufgehört hat. In der Stillness ist keine duale Suchbewegung denkbar- sondern, nach Klein, eine souveräne, denkbar klare bewusste Instanz, die all diese inneren Knoten in sich bis in die Winkel schon gesehen hat. Damit liegen die inneren Prägungen offen zutage. Das Innerste wird vor diesem Auge nach Außen gekehrt. Das ist die Gegenseite jeder bewussten spirituellen Arbeit, notwendigerweise. Andererseits ist die geringste Teilhabe am nährenden Strom dieser Stillness auch ein Gewinn, der ja auch etwas ist, der an diesem Strom am Ort der Kraft und des reinen Glücks entspringt.

Den Anthroposophen wird es vielleicht stören, dass Klein an der Stelle - sagen wir, einer Erleuchtung, nicht die Begrifflichkeit eines Geistselbst und seiner Hüllen zur Verfügung hat, sondern mehr das erlebt, was er hinter sich gelassen hat: „There is no controller, no selector, no personality making choices. In choiceless living the situation is given the freedom to unfold.“ Das ist die Haltung aller Weisen.

Dem oben genannten Link folgend kommt man zu einer Art innerer Biografie Kleins, die sehr ausführlich und sehr ehrlich auch bei dem, was eben so schief läuft, zu Kleins Erleuchtung (nicht im Mindesten ironisch gemeint) führt: "Given that Advaita, as Dr. Klein teaches it, is the direct approach to reality, it cannot make use of any method or technique." Das ist vielleicht der Grund, warum er vielleicht nicht so berühmt wurde, wie er geworden wäre, hätte er nur beherzigt, dass man aus solchem Advaita keinen Markt machen kann. Wozu Advaita, wenn man in Menschen keine Sehnsucht wecken kann- wonach auch immer. Dieses Advaita ist, schlicht gesagt, ein kommerzielles Desaster. Wenn jeder hat, was er braucht, wozu sollte er dafür bezahlen?
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The Unborn - Meister Bankei, Rudolf Steiner und die Ungeborenheit

Bankei

Bestimmt habe ich schon mal über ihn berichtet, den Zen- Meister Bankei, der im 17. Jahrhundert lebte, vollständig aus der Zeit und auch aus den Traditionen des Zen fiel, aber eben deshalb zum Erneuerer und Impulsator des Zen wurde. Um es einfach auszudrücken, war Zen damals in Traditionen, Riten und Gewohnheiten erstickt. Dagegen setzte Bankei den Begriff der Ungeborenheit - ein Zustand unmittelbarer geistiger Selbsterfahrung- einfach indem alles, was „geboren“ - tradiert, angelernt, angemaßt, Denkgewohnheiten, Geschlecht, soziale Schicht, usw - ist, im meditativen Akt abgelegt wird. Bankei forderte also von den Zen- Mönchen (nicht unähnlich den zahlreichen diesbezüglichen Aufforderungen Georg Kühlewinds gegenüber seinen anthroposophischen Zuhörern) inneres, aktives Arbeiten statt sinnentleerter Rituale.

Der Vater Bankeis (mit 8 Geschwistern) war von seinem Amt als Ritter zurück getreten und war jetzt „a masterless samurai or ronin“. Der Junge Bankei fiel als besonders intelligent, aber auch als extrem unruhig, unfügsam und willensstark auf. In früher Jugend führte er Banden an, beruhigte sich aber, als er mit 11 endlich in eine Schule durfte. Fast erwartungsgemäß machte ihm das Schreiben - also das endlose kalligrafische Kopieren von Schriften- Schwierigkeiten. Um nicht jede Anekdote zu wiederholen: Der ganze Junge war eine Schwierigkeit. Er hat z.B. etwa in dem Alter eine Hand voll giftiger Spinnen geschluckt, um sich nach einem Streit umzubringen. Dazu schloss er sich in einem buddhistischen Schrein ein- lag Stunden vielleicht sterbend in einem Sarkophag. Seine Lehrer, die reine Repetitoren waren, nervte er mit endlosen Fragen nach dem Sinn ihrer Gebete: „the awakening of religious doubt in his consciousness“.

Bankei hat diese jugendlichen Jahre damit verbracht, jede Religion, jeden Kult und jede Tradition in seiner weiteren Umgebung „nach Gehalt“ zu erkunden. Er fand leider nichts und „wandered about like a stray mountain lamb, aimlessly and alone“. Endlich fand er in einem Zen- Kloster einen Lehrer - Umpo-, der ihm auf seine Fragen antwortete: „practice zazen“. Bankei wurde augenblicklich Mönch, und lernte drei Jahre bei Umpo. Mit 19 verließ er das Kloster und streifte durch das ganze Land. Es war offenbar ein tiefer Abstieg. Nach den Klöstern und dem Wandern folgte ein Leben als Nichtsesshafter und Bettler, unter Brücken schlafend- und dennoch ständig Zazen praktizierend. Die Zweifel blieben, auch als er mit 23 zu Umpo zurück kehrte. Es folgten Jahre des Hungerns, des Lebens in einer nackten Zelle, des ständigen Meditierens. Bankei wird davon schwer krank, stirbt beinah- und erlebt an der Schwelle des Todes das Einssein aller Dinge in der Ungeborenheit: „I realized what it was that had escaped me until now: All things are perfectly resolved in the Unborn“. Nach Jahren weiteren Studiums bei einem chinesischen Meister wird Bankei der Erbe und Nachfolger Umpos. Er, der zunächst stark umstritten in der Priesterschaft gewesen war, fand nun so viel Anerkennung, dass er eine eigene Schule innerhalb des Zen begründete. Bankei lehrte die nächsten 36 Jahre jeden, der vorbei kam und eine Frage stellte. Diese wunderbaren, geistreichen Gespräche zur Ungeborenheit gehören zum Weltkultur- Erbe. Wenigstens sind sie in einer englischen Übersetzung und mit einer detaillierten Einführung von Norman Waddell - auf die ich mich hier bezogen habe- versehen hier und da erhältlich*

Aber auch Rudolf Steiner hat sich zwar auch zur Ungeborenheit als besonderer Qualität geäußert, wusste aber offensichtlich nicht von Meister Bankei:

Man darf überhaupt nicht unterschätzen die Bedeutung, welche im Worte liegt. In dem Augenblicke, wo sich der Gedanke umprägt zum Worte, selbst wenn das Wort als solches nur gedacht wird, wie in der Wortmeditation, in demselben Moment prägt sich das Wort ein in den Äther der Welt.

Der Gedanke prägt sich als solcher nicht in den Äther der Welt ein, sonst könnten wir niemals im reinen Denken freie Wesen werden. Wir sind ja in dem Augenblicke gebunden, wo sich etwas einprägt. Für die Initiations - Wissenschaft liegt ja heute einfach die Tatsache vor, dass im ganzen Erden- Äther dadurch, dass die zivilisierten Sprachen kein gangbares Wort für
Ungeborenheit haben, dieses für die Menschheit wichtige Ungeborensein überhaupt nicht dem Weltenäther eingeprägt wird.

Alles das aber, was an wichtigen Worten eingeprägt wird in den Welten- Äther vom Entstehen, von alldem was den Menschen betrifft in seiner Kindheit, in seiner Jugend, all das bedeutet einen furchtbaren Schrecken für die ahrimanischen Mächte. Unsterblichkeit im Welten- Äther eingeschrieben, das vertragen die ahrimanischen Mächte eigentlich sehr gut, denn Unsterblichkeit bedeutet, dass sie mit dem Menschen eine neue Schöpfung beginnen und mit dem Menschen hinauswandern wollen. Das irritiert die ahrimanischen Mächte nicht, wenn sie immer wieder den Äther durchsausen, um mit dem Menschen ihr Spiel zu treiben, wenn da so und so viel von den Kanzeln von Unsterblichkeit verkündet wird und in den Weltenäther eingeschrieben wird. Das tut den ahrimanischen Wesen sehr wohl.

Aber ein furchtbarer Schrecken für sie ist es, wenn sie das Wort «
Ungeborenheit» in den Weltenäther eingeschrieben finden. Da löscht für sie überhaupt das Licht aus, in dem sie sich bewegen, da verlieren sie die Richtung, da fühlen sie sich wie in einem Abgrund, wie im Bodenlosen.“ **



*„The Unborn. The Life and Teaching of Zen Master Bankei 1622-1693“. San Francisco 1984
** Rudolf Steiner, GA 203, S. 275f
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Where the heart beats- über John Cage

john cage
Wer gern über Musik - moderne Musik-, Kunst, Kultur des 20. Jahrhunderts und insbesondere über den Komponisten John Cage informiert sein möchte, sollte vielleicht „Where the Heart Beats: John Cage, Zen Buddhism, and the Inner Life of Artists“ von Kay Larson lesen. Es handelt sich tatsächlich um eine minutiöse Biografie dieses Hyper- Musikers, der in der zweiten Hälfte seines Lebens zu seinem persönlichen Glück das meditative Leben entdeckte. Dieses gewann er im Rahmen des Zen - oder zumindest im Rahmen dessen, was er aus Zen, Buddhismus im weiteren Sinne, und der persönlichen Bekanntschaft mit D.T. Suzuki und anderen.

Auf diese innere Wandlung war Cage sicherlich vorbereitet. Sein schon früh geschriebenes, vollkommen lautloses Stück 4´33 ist, wie er kurz vor seinem Tod gestand, sein liebstes- da er täglich, ja dauernd mit ihm lebe und tief in diese Stille eindringen würde: „CAGE SAID THAT he regarded 4′33″—his “silent piece”—with utmost seriousness. For him it was a statement of essence. Three years before he died, he told an interviewer: “No day goes by without my making use of that piece in my life and in my work. I listen to it every day.…I don’t sit down to do it; I turn my attention toward it. I realize that it’s going on continuously. So, more and more, my attention, as now, is on it. More than anything else, it’s the source of my enjoyment of life.

Die Stille als Quelle der Lebensfreude - gepaart mit einem sehr kontaktfreudigen, in alle möglichen Künstler- und Schwulenszenen integrierten Komponisten. Vielleicht spielt auch eine Rolle, dass Cage mit Freunden wie Allan Ginsberg herum gezogen war, dessen erleuchteter Zustand auf Cage gewirkt haben muss: „He felt “a sudden awakening into a totally deeper real universe” where an immense cosmic consciousness was at work. He saw it everywhere: in the gargoyles on the Harlem cornices, the workmen who made them, the sky that framed them. He walked into the Columbia University bookstore and saw in everyone’s faces that they knew they all had the consciousness—“it was like a great unconsciousness that was running between all of us that everybody was completely conscious….” Everyone was in the ridiculous position of denying it so they could sell books, wrap them in paper, and collect money. They were hiding this knowledge of the shining self from each other, Ginsberg felt, even though they “knew completely everything.” They were hiding it because of self-hatred and rejection—the twistedness born of the suffering self.“

Künstlerisch war mit den Wandlungen ebenfalls eine Neu- Fokussierung nötig, die vielen Künstlern begegnet: Die Zeit der Selbst- Zentrierheit ist vorbei. Das ganze bunte Allerlei kommt an ein Ende. Cage erlebte das so: „Cage’s deliberate turning away from self-expression begins here. The seed of a new idea was being watered by suffering.“ Ich denke, Cage´s Methoden - z.B. das I Ging als Zufallsgenerator für Musik zu nutzen- mögen nicht jedem Komponisten gefallen. Zu seiner Zeit, in dieser Szene war es sensationell.

Insgesamt: Eine Biografie für Liebhaber. Sehr detailliert, auch was den Werdegang einzelner kleiner Kompositionen betrifft, dass es für den normalen Leser langatmig wirkt. Man wird entschädigt durch entwaffnende Krisen wie diese: „Caught in the roar of his emotions, Cage was forced to confront a question totally new to him: What is the “self” that is being expressed? The self that hurts so badly it nearly kills you? The self that isn’t seen until it aches?“

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Out-of-body, Meditation und die Forschung des Mind-Life-Instituts


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In der Folge der seit 1987 durch den Dalai Lama voran getriebenen Forschungen des Mind and Life- Institutes in Dharmshala hat es einen dauernden Austausch zwischen buddhistischen Mönchen und Hirnforschern aus aller Welt gegeben- mit Hilfe der neueren bildgebenden Verfahren wurden auch hirnorganische Vorgänge während der Meditation sehr erfahrener Mönche sichtbar. Nebenbei hat der fortlaufende Dialog zwischen Wissenschaftlern und nun ausgerechnet den Vertretern buddhistischer und animistischer Methoden ursprünglich tibetisch- tantrischer Art - also einer sehr alten und traditionsbehafteten spirituellen Richtung- offenbar auch zu dem gewünschten Publicity- Erfolg geführt. Als Zeichen dafür sieht Evan Thompson in „Waking, Dreaming, Being: Self and Consciousness in Neuroscience, Meditation, and Philosophy“, wie schnell -innerhalb von zehn Jahren- sich ein neu geprägter Begriff wie „Mindfulness“ sich in allen gesellschaftlichen Institutionen des Westens durchgesetzt habe- das sei bei Meditationsthemen früher nicht denkbar gewesen: „While it may have taken more than a century for “meditation” to have acquired its current usage, it seems to have taken only ten or fifteen years for the word “mindfulness”“.

Im genannten Buch geht es einerseits um die Geschichte dieser Forschungsrichtung, weiter führend aber generell um die Zusammenhänge zwischen hirnorganisch feststellbaren Prozessen und Bewusstseinszuständen- nicht nur denen in tiefer Mediation, sondern auch beim Tod, im Schlaf, in Träumen- aber auch in „hellen“ Träumen, in denen man weiß, dass man träumt. Die meditierenden Mönche, die jahrelang durchs MRT gejagt wurden, sind durch den Dalai Lama persönlich ausgesucht worden. Sie waren in der Lage, mindestens vier Stunden am Stück im „reinen Licht“ zu verbringen- d.h. in tiefster Meditation, in der keine sensorischen Informationen mehr vermittelt werden. Einer dieser Ausgesuchten ist seit langem der eloquente Autor, Mönch und Forscher Matthieu Ricard, der zum engsten Umkreis des Dalai Lama gehört: „I’m sitting in the audience at the “Investigating the Mind” conference at MIT, listening to the Dalai Lama, neuroscientists, psychologists, and Buddhist scholars talk about mental imagery. Matthieu Ricard, a French Tibetan Buddhist monk, has been talking about the experience of pure awareness, the source from which mental images arise.“

In den Forschungen mit den erfahrenen Mönchen wurde eine Vergleichs- Versuchsgruppe aus lauter Novizen mit untersucht, die die spezifischen Hirnwellen nicht ausbildeten: „Eight long-term Tibetan Buddhist meditators, when they practiced a particular kind of meditation, generated striking EEG brain waves. The same kind of gamma frequency pattern that we’ve seen to be closely associated with reportable conscious experience occurred when the monks practiced their meditation, but didn’t occur in the novice meditators, who served as the experimental control subjects. Most striking, however, the gamma frequency pattern in the monks was especially strong and well organized. Specifically, the size of the gamma brain waves (the amplitudes of the oscillations) was greater than any others previously reported in healthy individuals, and the phases of these fast oscillations were precisely synchronized.

Die wichtigsten Ergebnisse der Forschung sind bekannt; die in tiefer Meditation befindlichen Mönche zeigen typische „tiefe“ Hirnwellenmuster, die synthetisch wirken; d.h. lokale Hirnwellen lösen sich in dem überlagernden Muster auf. Erlebt wird dabei eine „reine Aufmerksamkeit“: „Pure awareness witnesses these changing states of waking, dreaming, and dreamless sleep without identifying with them or with the self that appears in them.“ Eine Methode dabei ist das Bestehen in einer reinen Aufmerksamkeit, die keine Objekte des Denkens duldet: „In open monitoring meditation—or “open awareness” meditation, as I prefer to call it—you cultivate an “objectless” awareness, which doesn’t focus on any explicit object but remains open and attentive to whatever arises in experience from moment to moment. One way to do this is to relax the focus on an explicit object in focused attention meditation and to emphasize instead the watchful awareness that notices thoughts and feelings as they arise from moment to moment. Eventually, you learn to let go of the object of attention and to rest simply in open awareness without any explicit attentional selection.“

Die einmal eingenommene Position der Meta- Aufmerksamkeit beachtet alles, was im mentalen Feld auftreten mag, lässt sich aber nicht davon fesseln: „Open awareness meditation trains awareness of awareness, or what psychologists call meta-awareness. In open awareness meditation, meta-awareness takes the form of witnessing thoughts, emotions, and sensations as they arise from moment to moment, and observing their qualities. This style of practice leads to an acute sensitivity to implicit aspects of experience, such as the degree of vividness in awareness from moment to moment or the way that transitory thoughts and feelings typically capture attention and provoke more thoughts and habitual emotional reactions. One learns to see how habits of identifying with sensations, thoughts, emotions, and memories—in other words, with specific contents of awareness—create the sense of self.

So sehr meditative Praxis und Erfahrungen sich mit der Forschungsarbeit verzahnen - z.B. dass inzwischen erfahrene Mönche ihr Erleben in tiefster Versenkung rückwirkend gliedern und strukturieren, um signifikante Hirnaktivitäten damit identifizieren zu können- so gibt es doch die offene Frage, ob alle Zustände des Bewusstseins immer mit hirnorganischen Aktivitäten gekoppelt sind. Wie ist es mit Erfahrungen außer- körperlicher Art (out-of-body)? Der Dalai Lama hat sich dazu zwiespältig geäußert- in dem Sinne, dass es Rückwirkungen auf das neurologische System gäbe. Nicht aber stimmt er der Ansicht des Autors zu, dass alle Erfahrungen stets hirnorganischen Ursprungs sind, d.h. dass eine eindeutige kausale Beziehung bestehe.

Dennoch sieht auch Thompson, dass meditative Praxis langfristig Hirnstrukturen nachhaltig verändert: „All these findings together suggest that meditation is a unique kind of mental skill and that long-term meditation practice can bring about long-lasting changes in the brain.“ Neu ist, dass man diese Veränderungen messen und "sehen" kann. Tatsächlich hat sich in der Gruppe der erfahrenen Meditierenden gezeigt, dass diese wenig oder gar keine Zeit benötigten, um sich in einen Zustand reiner innerer Hingabe („compassion“) zu versetzen- einem Zustand, der sich im schon Vorhandensein spezifischer Hirnwellen zeigt. Die stets vorhandene „Hyperstruktur“ wird in der eigentlichen Meditation lediglich vertieft und verlängert. Die „Fachleute“ für meditative Praxis haben faktisch das Aktivitätsschema des Hirns dauerhaft verändert: „So there seems to be some relation between meditative expertise—the ability to generate at will certain inner states of consciousness and sustain them over time—and large-scale patterns of gamma frequency activity in the brain.“

Der anhaltende Dialog zwischen Hirnforschung und Meditation hat ein erhebliches Potential. Das vorliegende Buch ist ein Teil davon. Es wäre vielleicht übersichtlicher und interessanter gewesen, wenn sich Thompson auf das meditative Feld beschränkt hätte. Stattdessen versucht er einen General- Überschlag über alle ihm bekannten Bewusstseins- Zustände - "lucid dreaming" besonders prominent - ohne aber auch nur die Grundwidersprüche wie "Erzeugen diverse Hirnströme Bewusstseinszustände oder umgekehrt?" lösen zu können.
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Sergej Prokofieffs Totenbuch

prokoff
Gewiss, in Sergej Prokofieffs „Das Erscheinen des Christus im Ätherischen“ bekommt man vordergründig konventionelle anthroposophische Kost gereicht. Es geht schließlich um die Christologie innerhalb der Anthroposophie, um den intimen Kernbereich, der untrennbar mit dem spezifischen Erkenntnisweg der Anthroposophie verbunden ist. Es wird, um es schlicht zu beschreiben, ein intellektueller Weg zur Erfahrung des auferstandenen, in allem Geschaffenenen der Natur präsenten Christus aufgezeigt- einerseits in den Aussagen und Perspektiven, aber auch bis in die konkreten Formulierungen hinein Rudolf Steiner folgend. Andererseits komponiert Prokofieff die Zitate und Aussagen unterschiedlich komplex und vielschichtig.

Diese Verdichtung findet ihren Höhepunkt in den ersten Kapiteln des Buches, die die „kosmische Dimension“ der ätherischen Wiederkunft und die damit beim Menschen einher gehenden Veränderungen und Impulse, aber auch das spezifisch anthroposophische Michaels- Mysterium darstellen. Danach verflachen die Darstellungen so weit, dass man- so scheint es mir- mit den Originalstellen genauso gut bedient wäre. Prokofieff referiert Steiner nicht nur- er beschränkt sich auf die Moderation von Zitat- Folgen. Für den ins ganze Thema vor- informierten Leser ist das nicht störend- er erhält die Gesamtsicht auf Steiners Christus- Vorstellung. Aber eben kaum je mit Einsichten oder Erklärungsversuchen Prokofieffs. Es geht ihm um das Totale der Darstellung, nicht primär um Wecken des Verständnisses beim Leser.

In der Mitte seiner Darstellung steht die mystische Verwandlung des ganzen Menschen, insbesondere was die „Ätherisation des Blutes“ betrifft. Demnach stellt das Herz eine Wandlungseinheit dar, durch die leibgebundene Kräfte ausfließen und im Gehirn zu Vorstellungen verarbeitet werden. Dadurch wird „im Kopf des Menschen das Denken überhaupt erst möglich“ (S.140). Die „noch lebendigen Gedanken“ steigen mit dem Strom auf und „ersterben im menschlichen Haupt, damit der Mensch in diesem toten Denken seine Freiheit innerlich ergreifen und ihrer gewahr werden kann“. Mit der geeigneten Willens- Schulung nach michaelisch- rosenkreuzerischem Konzept, die von oben (Denkschulung) nach unten (Herzdenken) wirkt und einer inneren Reinigung entspricht- auch einer Selbst- Konfrontation- wird auch der verborgene zweite Strom bemerkbar, der ebenfalls dem Blut entsteigt- diesmal aber als verjüngtes, imaginatives Strömendes, was der Verlebendigung durch den Auferstandenen entspringt. Dies kann zu einem - nach Steiner- „intellektuellem Hellsichtigwerden“ in voller Reife, Verantwortung und individueller Ausprägung führen. Die mystische Wandlung kann bis zur höchsten Begnadung gehen, die „in der intuitiven Verschmelzung des Menschen- Ich mit dem Christus- Ich“ gipfelt- „ohne von seiner eigenen Ich- Individualität nur das Geringste einbüßen zu müssen.“ (S. 117)

Die innere Reinigung durch das michaelische Wahrheitsprinzip erfordert, wie in jeder Schulung seit jeher bekannt, eine schonungslose Selbstkonfrontation - eine Begegnung mit den eigenen Schatten: „So kann man sagen: Michael führt heute den Geistesschüler zum Abgrund des Seins, wo er sich als absolutes Nichts vor dem völligen Nichts stehend erleben muss.“ Diese zentrale Anforderung, die in der Praxis doch die allergrößten Schwierigkeiten für den Einzelnen bedeuten muss, wird von Prokofieff wiederum mit Zitaten Steiners belegt, aber nicht wirklich erläutert. Das Michaels- Mysterium, das im Bestehen vor dem Nichts und nach dem Zerbrechen der Selbstbilder als Probe des Willens ausgelegt ist, ist zentral mit einem modernen „Erkenne dich selbst“ verbunden, begleitet von einem Aktivieren der Chakren von der Stirn über den Kehlkopfbereich bis zum Herzen und weiter. Nur so wird - nach Steiner- „das Leben des Christus (..) vom 20. Jahrhundert an immer mehr und mehr in den Seelen der Menschen gefühlt werden als ein direktes persönliches Erlebnis“ (S. 106).

Natürlich wäre Prokofieff nicht er selbst, wenn er nicht in aller Breite gegen antichristliche Impulse anschreiben würde. Der Schwerpunkt bleibt aber - auch und gerade mit dem Schwerpunkt „Schamballa“- die Initiation im angebrochenen Michaelzeitalter- wenn „die Ideen des Menschen nicht nur „denkend“ bleiben, sondern im Denken „sehend“ werden..“ (S. 74) Es geht ja um nicht weniger als um die „Befreiung seines Herzens von den Drachenmächten durch den Michael- Impuls.“ (S. 36) Gerade die ersten Kapitel des Buches - die kosmische Dimension und Sophia behandelnd- erreichen eine solche Dichte und inhaltliche Weite, dass sie selbst als meditative Texte gelten dürfen. Da es zum nicht geringen Teil um Perspektiven menschlichen Lebens nach dem Tod und vor der Geburt geht, darf man Prokofieffs Buch als „Anthroposophisches Totenbuch“ analog zum klassischen „Tibetischen Totenbuch“ bezeichnen. Es ist eine Art Wegzehrung vor und nach den letzten Aufbrüchen. Es ist etwas, was man mitnimmt. Insofern sind gerade auch die Anfangskapitel etwas, was man mit Verstorbenen lesen kann. Insgesamt bedauerlich bei dem Buch bleibt, wie sehr es um "Insider- Literatur" geht- wie wenig schon im sprachlichen Auftreten mit der Gegenwart und dem zeitgenössischen Leser gerechnet wird. Prokofieff bleibt in den Sprachbildern Rudolf Steiners- tritt aus ihnen nicht heraus; und bleibt somit eine Vermittlung und Erläuterung schuldig, die über die Originaltexte hinaus gehen würde. An einigen Stellen verläuft sich Prokofieff regelrecht in Bildern (etwa von Isis, Sophia, usw) und verrätselt Steiner dadurch regelrecht. An anderen dagegen gelingt ihm eine meditative Verdichtung zumindest für den, der mit der Materie vertraut ist.

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Sergej O. Prokofieff, Das Erscheinen des Christus im Ätherischen. Geisteswissenschaftliche Aspekte der ätherischen Wiederkunft, Dornach 2010
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Zeit und Zeitlosigkeit

Die Ebene, die gemeint ist, erreicht man in jüngeren Jahren nur in Momenten- etwas, so leicht wie der Schlag von Schmetterlingsflügeln. Es ist die Ebene des Essentiellen, des Wortlosen, in der sich ein existentielles Wissen ausdrückt, auf der das Individuum sich als Ganzes fühlt, als heim gekommenes Wesen. Aber diese Momente der Berührung mit dieser Ebene geben die Richtung vor.

Dann gab es Situationen, in denen durch einen Schock oder eine angeschlagene Gesundheit unvermittelt ein Eintauchen gelang, durch die über die Gewissheit hinaus eine Art Vertrautheit erlangt wurde- jedes Mal in ganz anderen Umständen und mit anderen inneren Gestaltungen, aber doch eben dies: Das Eintauchen in die Zeitlosigkeit. Eine Spur davon reichte bis in die Kindheit- es gab eine Erinnerung: Manchmal, wenn das Kind nach einem Unfall oder einer Kinderkrankheit in der Rekonvaleszenz lag, gab es einen Augenblick der Leichte unter den Schmerzen und Kümmernissen; das Erleben der aufflammenden Heilkräfte, die am Organismus wirkten. Auch diese Kräfte entstammten der Ebene, die keine Zeit und keine Worte kennt- der Ebene, der das Tagesbewusstsein entrissen wird, aber die immer darunter liegt. Oben das zerstückelte Zeitbewusstsein, unten der Ozean der Dauer, die Ebene des Lebens.

Der Erwachsene ist in der Zeit verloren. Er hat vielleicht sogar die Erinnerung an seine eigenen Quellen verloren - ist gebannt in das punktuelle Hier und Dort, Dann und Dann. Es ist ein langer Weg, aus der Zerrissenheit heraus über gelegentliche Berührungen in ein im Tagesbewusstsein jederzeit präsentes tiefes Eintauchen zu gelangen. Dazu muss, bildlich gesprochen, ein ganzes wogendes Meer beruhigt werden- um durch die gespiegelte Oberfläche hindurch bis auf den Grund zu schauen. Im Grunde dieses Meeres zu verwurzeln bedeutet in der Zeitlosigkeit heimisch zu werden. „Dort“ verliert man jegliches Zeitgefühl- man weiß nicht, wie lange man verweilt. Und es ist immer doch nur ein Anfang.

Massimo Scaligero nannte dieses Erleben ein „Zugleich“, das sich als „Strömen des Seins“ darstellt: „Die Zeit ist gleicherweise die Zukunft, die uns entgegen kommt, und die Vergangenheit, die in uns ruht. Beide sind zu einer Gegenwart verschmolzen, die augenblickshaft auftaucht, dadurch aber in ihrer währenden Gegenwart unwahrnehmbar wird. Dies ist das Zugleich: identisches Sein, identisches Fliessen, gleichzeitiges Währen, das fortwährend verloren wird.“*

Dem Verlorengehen des Währenden entspringt unser helles Tagesbewusstsein, das uns Zeit- und Raumbewusstsein gibt. Wir müssen an die Quellen der Aktivität, den Grund des Meeres heran, um die Kontinuität des Seins zu realisieren.

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*Massimo Scaligero, Raum und Zeit, Ostfildern 1995, S. 39
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Zu schön, um nicht wahr zu sein - wie man zu Intuitionen, Ideen und Erfindungen kommt

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Nein, wir sprechen nicht von Esoterik, Mystik oder Magie, sondern von Wissenschaft im umfassenden Sinn - und beziehen uns dabei auf Gary Kleins Buch „Seeing What Others Don't: The remarkable ways we gain INSIGHTS“. Klein hat über hundert Wissenschafts-, Finanzmarkt-, Militär- und historische verbriefte Geschichten gesammelt- von der Entdeckung des AIDS- Virus bis hin zur Enttarnung des Finanzmarkt- Betrügers Bernie Madoff. Es geht um die Voraussetzungen für plötzliche Einsichten, die Einzelne trotz massiver Widerstände, konkurrierender Forscher, widersprüchlicher Faktenlage, und/ oder scheinbar widersprechender Dogmen haben. Ein seltenes Beispiel für eine solche Intuition (hier im Titel zitiert) stammt von den Erforschern der Struktur der menschlichen DNS, Watson und Crick, die ästhetisch von deren Schönheit berührt waren: „We may even have an aesthetic reaction to the beauty of the insight. Watson and Crick felt that their double helix model was too beautiful not to be true.“

Viele aber, wie Marshall und Warren, mussten über ein Jahrzehnt lang nicht nur Ignoranz, sondern auch Häme der gesamten wissenschaftlichen Welt ertragen, als sie entdeckten, dass die chronische Entzündung der Magenschleimhaut - und in Folge Magenkrebs - auf einen bakteriellen Infekt zurück geht und einfach durch ein Antibiotikum gestoppt werden kann. Dass diese Art von Erkrankung Stress- bedingt und durch schwer wiegende Operationen, spezielle Medikamente und Antidepressiva zu behandeln war, galt nicht nur als Dogma, sondern hatte auch milliardenschwere wirtschaftliche Interessen bedient. Letztlich kamen den Forschern glückliche Umstände als auch ein damals verzweifelter, aber sensationeller Selbstversuch entgegen.

Diese Betrachtungen führen zu der Schlussfolgerung des Historikers Daniel Boorstin „The greatest obstacle to knowledge is not ignorance; it is the illusion of knowledge“- wir kontextualisieren zu viel. Wir bewegen uns im Status Quo des vertrauten Denkens, betten Beobachtungen und Erfahrungen in die bekannten Bezüge ein und verhindern so tatsächlich neue Erkenntnisse- sei es in der Wissenschaft, im privaten Leben oder auch - so dürfen wir folgern- in der meditativen Arbeit.

Andererseits hat es schon seinen Grund, dass wir denkend vorsichtig taktieren. Schließlich ist die Welt voll von Spinnern und Ideologen, und wir alle neigen zu assoziativen Verbindungen, um Zusammenhänge zu verstehen und Verständnismodelle zur eigenen Orientierung zu entwickeln: „We are all attuned to coincidences. We are sensitive to associations. Sometimes we are too sensitive and see connections that aren’t real.“ Der fatale Hang, Zusammenhänge sehen zu wollen, korrumpiert das Denken also ebenso wie die Neigung, an einmal gefundenen Kontextualisierungen fest zu halten.

Trotz allem gibt es ihn- den Blitz einer Erkenntnis, die Erfahrung einer Idee, das Schauen eines tatsächlichen, aber bisher nie gesehenen Zusammenhangs, „the flash of illumination“. Der Einschlag des Gedankens wird nicht selten von einer Empfindung der Evidenz begleitet- „a feeling of certainty“. Georg Kühlewind, der anthroposophische Forscher, der übrigens auch Wissenschaftler war, hielt dieses Evidenz- Empfinden übrigens für eine innere spirituelle Orientierung. Überhaupt meinte er, dass aktive meditative Arbeit eine Art Verlängerung im Sinne von Andauern des „Flash of illumination“ ist, ein inneres Einleben in das kreativ intuitive geistige Arbeiten als Ich- Erfahrung.

So weit geht Klein nicht. Aber auch er denkt, dass einmal gewonnene reale Ideen auf uns als Person zurück wirken- eine einmal gefundene tatsächliche Einsicht befreit und flügelt uns und ändert unsere Art, Phänomenen zu begegnen, auf nachhaltige Art und Weise: „Our insights transform us in several ways. They change how we understand, act, see, feel, and desire. They change how we understand.“ Dabei sind eine fundierte Grundkenntnis, ein systematisches Arbeiten an einem Problem, zwar häufig Voraussetzung im Sinne einer begründeten Fokussierung auf ein Thema oder eine Fragestellung, führen aber nicht zwangsläufig zur gedanklichen Intuition: „So I don’t think deliberate preparation is necessary or even practical for many insights.“ Er folgt dabei teilweise einem Denk- Modell von Helmholtz, der verschiedene Phasen zur Entstehung von echten Einsichten propagierte. Ihm zufolge kommt der „Blitz“ der Einsicht häufig in einer zweiten Phase zustande, in der der Forschende nicht mehr eigentlich fokussiert ist, sondern losgelassen hat - sich entspannt und eigentlich eher „weich“ in seinem Bewusstsein („in fringe consciousness“) agiert - im Sinne eines „sanften Willens“: „After working hard on a project, Helmholtz explained that “happy ideas come unexpectedly without effort, like an inspiration. So far as I am concerned, they have never come to me when my mind was fatigued, or when I was at my working table. They came particularly readily during the slow ascent of wooded hills on a sunny day.““

Dem war aber der Aufbau des gedanklichen Netzes im Sinne einer Vorbereitung voraus gegangen: „During the preparation stage we investigate a problem, applying ourselves to an analysis that is hard, conscious, systematic, but fruitless. Then we shift to the incubation stage, in which we stop consciously thinking about the problem and let our unconscious mind take over.“ Wie anders als „meditativ“ könnte man diesen Zustand der „Inkubations- Phase“ bezeichnen? In allen meditativen Schulen kennt man diese Phase, die man dort die Erfahrung der Leere nennt- frei vom fokussierten Inhalt, frei vom eigentlichen Thema, offen und bewusst im Sinne eines „weichen“, empfangenden Bewusstseins. Wissenschaftliche Einsichten kommen, so sehen wir, nicht anders zustande als spirituelle. Erst nach der Erkenntnis- Phase („when insight bursts forth with conciseness, suddenness, and immediate certainty.“) folgt die nächste Ebene der Vergewisserung und Verifikation, in der die gewonnene Einsicht wieder und wieder geprüft wird: „Finally, during the verification stage we test whether the idea is valid.“

Klein wendet gegen das Modell von Wallace ein, dass es keine Gewähr geben kann, dass eine Einsicht im Sinne von gedanklicher Intuition tatsächlich erfolgt. Es gibt in dieser Hinsicht keinen Mechanismus, kein Rezept, keine Gewähr, sonst wären wir alle Genies. Auch die vage Theorie von Wallace, dass sich in der Inkubations- Phase im Unterbewussten irgendwie etwas formt und dann aufsteigt, erscheint ihm konstruiert. Dies gilt, wenn wir das wieder übertragen wollen, auch für die meditative Arbeit: Auch das systematische Arbeiten, das gelungene Loslassen, der fokussierte und der weiche Wille, garantieren nicht im geringsten, dass der Flow der aktiv- imaginativen Meditation gelingt. Die Geduld, ja sogar eine gewisse Demut - also emotionale Tugenden - sind zusätzlich erforderlich. Aber letztlich lässt sich auf diesem Gebiet so wenig wie im wissenschaftlichen Feld erzwingen.
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Der Geist ist - Im klaren Blick der geistigen Präsenz

geististDie Fülle der unterschiedlichen Rollen, in denen man sich entfaltet, gestaltet und in denen man auch an sich und seinen Ambitionen scheitern kann, ist nie größer gewesen als zur Neuzeit. Wir sind durchaus nicht dieselbe Person, etwa im Beruf und in einer Partnerschaft, als Antragsteller in einem Amt, bei einer Bewerbung oder als Sportler. Die Rollen gestatten es uns, durchaus unterschiedliche Aspekte unserer persönlichen Gewichte auszuleben. Wir sind heute - das meint der Fachbegriff "Bewusstseinsseele" - in der Lage, unsere unterschiedlichen Seiten und Rollen entspannt (oder auch erheitert oder moralisch entgeistert, auf jeden Fall jenseits der Scheingefechte der illusionären Selbstbehauptung), anzusehen und zu gestalten.

In den älteren Formen menschlichen Entwicklung - etwa der "Empfindungsseele" - ist das Individuum derart verschmolzen mit einer einzigen Rolle - etwa durch zeitgenössische gesellschaftliche Moralvorstellungen -, dass man von einer Rolle gar nicht sprechen kann. Das Individuum existiert noch gar nicht, sondern geht in eine determinierende Definition seiner Rolle auf, die es selbst auch übernimmt. Es gibt nur autoritäre Strukturen, die auf solche Selbst- Definitionen eingehen können. Der naive, ganz in sich befangene Tyrann (oder der Untertan, der Gerüchte- und Autoritäts- Gläubige) entsteht.

Die "Verstandesseele" meint den von seinen Bedürfnissen Getriebenen, den Homo Faber (oder auch den neuen Homo Fama, der den wirren, aber unwiderlegbaren Mythen, den Verschwörungstheorien des Computer- Zeitalters anhängt), den einsamen Technokraten, den Feinschmecker, den in dumpfer Jagd Verfangenen. Er folgt bedingungslos dem eigenen Kalkül, verliert sich im Theoretisieren oder folgt der Spur des kurzfristigen Erfolgs. Er darf nicht erlauben, dass sein energisches Binnensystem in Frage gestellt wird. Das würde seine Schlagkraft unterminieren. Alles, was dieses empfindliche intellektuelle (oder auch sentimentale) Wesen stören könnte, wird unter dem Diktat der Selbsterhaltung, der Authentizität, aus dem Bewusstsein gebannt.

Der moderne selbstbewusste Zeitgenosse weiß um seine Gefährdung, durch innere oder äußere Umstände gezwungen, auf eine archaische Ebene wie die der bloßen Selbstbehauptung oder die der bodenlosen Empfindungen zurück gestoßen werden zu können. Der Mensch hat die soziale Aufgabe, seine unterschiedlichen Rollen auszugleichen, aber nicht um den Preis des Rückfalls in die Naivität des "Ich bin ich". Niemand hat behauptet, dass das Selbstmanagement leicht werden würde- es ist aber doch zugleich die einzig mögliche Positionierung, da es ohne Bewertung der eigenen Filter in der Wahrnehmung keine Spur von Freiheit geben kann. Wir würden sonst bedingungslos selbstsüchtigen Impulsen und Ideologien hinterher laufen.

Jede moderne Initiation bedarf dieser permanenten Selbstkorrektur- etwa der selbständigen Gewichtung unserer Rollen- auch der Rolle des zu Initiierenden. Das Selbstbildnis, das irgendwann einmal vielleicht ohne Risse erschienen war, wird zu einem Zerrspiegel, in dem sich da situative Wesen entfaltet. Gerade im Angesicht der brüchigen Identität, jenseits der Sicherheiten, im kalten Blick der Sterne, in den eigenen Widersprüchen und unter der Figur, als die wir uns geben, erwacht das Selbstempfinden- ein Selbsterleben, das in die Persönlichkeitsstrukturen eingeht, sich darin ausdrückt, aber nicht damit identisch ist. Das Meer bleibt Meer, auch wenn es Land formt.

Was bleibt von uns, wenn wir das „Maschinelle“ abziehen, von dem Rudolf Steiner meinte: "Derjenige, der die ersten Schritte der Initiation schon durchgemacht hat, merkt, dass alles das, was an Maschinellem das moderne Leben durchdringt, so in die geistig-seelische Menschlichkeit eindringt, dass es vieles in ihr ertötet, zerstört." (GA 275.25) Wie viel „ertötet“ in uns selbst, weil wir nicht zur rechten Zeit an unsere eigenen Ressourcen heran kommen? Das „Maschinelle“ ist zunächst alles, was ein Computer simulieren kann, aber auch unser Aufgehen in Rollen, unsere Selbstreduktion: Das Würdelose an uns selbst.

Viele spirituelle Richtung erscheinen als Mind- Traps, weil sie geistige Autorität vorspiegeln und dem Suchenden die Rolle des Novizen zuweisen. Dabei gibt es in der individuellen Reife spirituelle Schülerschaft so wenig wie die Kategorien von Meister und Schüler. Es gibt keinen Anfang und kein Ende des inneren Weges, auch wenn vielleicht Hindernisse wie die eigenen Verhaftungen, der chronische Selbstbetrug, die inflationär betriebenen Selbstinszenierungen, als Filter vor dem Auge stehen. Im klaren Blick erwacht die Selbsterfahrung als geistige Präsenz.
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Der Tausendblättrige

tausend1Standort: Museumsinsel Hombroich/ Rhein-Kreis-Neuss. Foto: Michael Eggert

Unterhalb des zum Stammhirn gehörenden Sehhügels liegt das Zwischenhirn, das als die höchste Instanz des Lebensnervs gilt. Wärmegleichgewicht, Zell- Stoffwechselprozesse, Pulsschlag etc. werden von ihm reguliert. Wie Ausstülpungen nehmen sich die zum Befehls- Lotos gehörige Hypophyse (nach unten) und die Epiphyse oder Zirbeldrüse (nach oben) aus. Beide stehen in polarem Spannungsverhältnis zueinander. Die Zirbeldrüse gehört zur Region des „1000blättrigen“, der nach seiner Lage im Haupt auch Scheitel- Lotos genannt wird. Die Yogalehre sagt, dass Sahasrara am Ende des mittleren Rückenmarkstromes (Sushumna) liegt. Der Strom war von „Feuernatur“; er ist saturnisch und führt auch zu dessen Zentrum unter dem Scheitel im Hinterhaupt. Im Gegensatz zu den anderen Chakras haben die Blätter, auch wenn Bewusstsein in die Zentren geschickt wird, die Tendenz nach unten. Die Tonsur der Mönche hat wahrscheinlich mit dem äußeren Ansatzpunkt des Zentrums zu tun.“
Werner Bohm, Die Wurzeln der Kraft. Chakras- die Kraft der Lotosblumen, Bern München 1982
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Die Entfaltung der Lotosblumen

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...Diese Befreiung gelingt schrittweise und ist spürbar in der Aktivierung der wesentlichen Chakren, vom Stirnbereich über den Kehlkopf, vom Herz bis hin zum Nabel. Mit der Aktivierung des Herzchakras beginnt das Erleben ungeteilter Aufmerksamkeit und existentiell strömender Energien. Die Loslösung von den Rückmeldungen der Körpergrenzen gelingt wohl erst ganz auf der Ebene der Nabelkraft. Erst dann kommen wir zur Erfahrung des "unberührbaren Wesens" oder der Reinheit des „Spiegels“: „Die Selbst- Natur ist wie ein klarer, glänzender Spiegel, der Bilder widerspiegelt. Wenn der Spiegel dies tut, leidet dadurch in irgendeiner Weise seine Klarheit? Nein, keineswegs. Leidet sie dann vielleicht, wenn keine Bilder widergespiegelt werden? Nein, keineswegs. Weshalb nicht? Weil die Verwendung des klaren Spiegels keinen Einwirkungen ausgesetzt ist und seine Spiegelfläche dadurch nie verdunkelt wird. Ob Bilder widergespiegelt werden oder nicht, ändert nichts an seiner Klarheit. Weshalb nicht? Weil dasjenige, das keinen Einwirkungen ausgesetzt ist, inmitten der Bedingtheiten keinen Wechsel kennt.“

Der Prozess der damit angedeuteten spirituellen Metamorphose vollzieht sich in mehreren um der Systematik willen einzeln dargestellten Schritten zur Entfaltung der Chakren, der in der Praxis aber durchaus diskontinuierlich verlaufen mag – manchmal auch chaotisch- und mit schmerzlichen Selbsteinsichten verbunden sein muss, wie später noch dargestellt werden soll.

Viele – vor allem junge Menschen- empfinden eine gewisse Loslösung im Bereich des Kopfes, sind sich aber nicht bewusst, dass es sich um eine beginnende innere Bewegung im Bereich des Stirnchakras handelt. Meist fließen die gewonnenen Möglichkeiten in soziale Tätigkeiten, in das Wahrnehmen und Entfalten kommunikativer und systemischer Prozesse. Es wird leichter, intuitiv festzustellen, in welche Richtung sich soziale Dynamiken entwickeln, ihnen zu folgen und sie formulierbar zu machen. Das Internet mit seinen Möglichkeiten zur permanenten Abstimmung, aber auch die wachsende Evaluationskultur in Wirtschaft, Politik und Bildung sind mögliche technische Grundlagen für das sich entwickelnde lebendige Denken im Rahmen sozialer Verantwortung. Nicht zuletzt beginnt an diesem Punkt auch eine Kultur der Selbst-Evaluation im Sinne von Supervision- einer Betrachtung persönlicher, intimer Entwicklungsschritte- im Spiegel des Teams, in dem sich der Einzelne befindet.

Wenn die Ausweitung auf das Kehlkopfchakra gelingt, wird diese frei schweifende Potentialität allmählich weiter konzentriert und fokussiert. An diesem Punkt kommt ein deutliches Willenselement in die Entwicklung hinein. Das meditative Leben vertieft sich, da nun auch eine Gerichtetheit der freien Kräfte möglich wird. Die erste echte Loslösung von Rückmeldungen der Körperlichkeit wird erlebbar, indem man sich in einem meditativen Strom mitgenommen fühlt; die bislang eher punktuelle Konzentration wird zuerst im Rahmen der meditativen Arbeit dauerhaft. Allmählich wird die Empfindung, am Rande dieses Kraftstroms zu leben, zunehmend den ganzen Alltag durchziehen und ständig als Hintergrund- Strömen bemerkbar sein. In schwierigen Situationen, in Konflikten oder in scheinbar ausweglosen Konstellationen lässt man etwas los, so dass ein Agieren aus der geistigen Präsenz heraus möglich wird. Die eigenen Intentionen stehen hinter der intuitiven Wahrnehmung des Willens aller Beteiligten zurück. Man kann aus „moralischer Phantasie“ heraus handeln- in konzentrierter Improvisation. ..

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Das Erwecken des inneren Lichtorgans

E
chakra
ines der älteren Bücher (1966), die sich vor anthroposophischem Hintergrund mit Chakras beschäftigen- Werner Bohms „Die Wurzeln der Kraft“- hat mich zeitweilig etwas ratlos zurück gelassen. Hans-Hasso von Veltheim-Ostrau schreibt im Vorwort, dass dieses Buch in einer Sprache abgefasst sei, die nicht Berufenen unverständlich bleiben müsse- dies ergebe sich von selbst. Das sei der „diesen Dingen eigene Selbstschutz vor Unberufenen“. Zudem wendet sich Veltheim-Ostrau heftig gegen die „Geheimnis- und Wichtigtuerei westlicher Pseudo-Okkultisten“, bringt aber der sorgfältigen Arbeit vieler indologischer und sinologischer Übersetzer Sympathie entgegen. Meine Ratlosigkeit entspringt der überquellenden Fülle von Bohms Mixtur aus allen möglichen Kulturbausteinen- vor allem solchen der indischen und asiatischen Welt. Konkret bezieht er sich stark auf tantrische Literatur und orientiert sich am Yogasutra des Patanjali- eine Yogi- Schulung, die immerhin zwischen 400 vor bis 400 nach Christus entstand und aufgrund ihrer Sprachform starker Interpretation bedarf. Bohm nimmt eine Strukturierung der Schulung vor, ohne diese als seine Interpretation kenntlich zu machen, bedient sich aber zugleich der darin (und anderswo) vorherrschenden Bilderwelt. Seine Zusammenschau z.B. zwischen Stufen dieses Yoga und Phasen des christlichen Einweihungsweges erscheint mir z.T. doch etwas erzwungen. Zudem interpretiert Bohm immer wieder anthroposophisch- problematisch, Tausende von Jahren alte okkulte Bilderfolgen ohne Übergang auf die Seelenwelt des modernen Menschen zu beziehen. Zudem leitet Bohm Anweisungen ab, die stimmen mögen - oder auch nicht; sie haben für mich dennoch dogmatischen Charakter. So dürfe man auf keinen Fall im Liegen meditieren, da dies die Haltung des Tieres sei. Andererseits solle die Sitzhaltung nicht nur artistisch im Sinne des artifiziell aufgefassten Yoga sein. Der westliche Mensch habe eine andere „Konstitution“ als der östliche. Zeitgebunden sind auch Bohms ständige Abgrenzungen gegenüber einer technisierten Zivilisation, die vor der Katastrophe stehe und sich in völligem moralischem Verfall befinde. Im Vergleich dazu bekommt die östliche Zivilisation bei Bohm einen schwärmerisch vorgetragenen, idealisierenden Anstrich. Im Nachwort der Buchauflage aus dem Jahre 1974 stellt Bohm allerdings resignierend fest, dass selbst in Indien die junge Generation Tradition und Bhagavad Gita beiseite gelegt und sich den Aufgaben „dieser Welt“ zugewandt habe.

Sei´s drum. Bohm ist sicherlich kein esoterischer Theoretiker, und man kann vor allem in der zweiten Hälfte des Buches einige konkrete Entdeckungen machen. Es geht immer mehr im engeren Sinne um die Chakren- ihre Lage, Entwicklung, Beziehung zu physischen Organen, Zusammenhänge mit dem natürlichen und kosmischen Umfeld. Bohm ordnet jedes Chakra planetarischen Sphären (im antiken Sinne) zu. So sieht er den 4blättrigen Lotos „innermenschlich“ im Zusammenhang mit dem Mond, den 6blättrigen mit Merkur, den 10blättrigen mit Venus, den 12blättrigen mit der Sonne, den 16blättrigen mit dem Mars, den 2blättrigen mit Jupiter und schließlich den 1000blättrigen mit Saturn. Das ist meditativ nachvollziehbar. Im letzten - umfangreichsten- Teil des Buches stellt er jedes einzelne Chakra in seinen Charakteristika vor, wobei ein Schwergewicht auf symbolisch- vedischen, kulturhistorischen, sakralen und lautlich- mantrischen Bezügen liegt. An anderen Stellen fließen zweifellos eigene meditative Erfahrungen des Autors ein. Bohm geht auch auf einige Neben- Chakren ein- so etwa auf das für das Herzdenken so elementare 8blättrige: „Unter dem 12blättrigen ist auch noch ein kleiner 8blättriger roter Lotos, der zur Herzregion gehört und auch innerhalb derselben erschaut werden kann. Er ist ein Nebenorgan. In ihm ist der juwelengeschmückte Altar mit dem Schutzdach, einem Baldachin, darüber. Hier stehen die „heiligen Bäume“ des heiligen Hains. Es ist der innere Ort einer geistigen Gottesverehrung. Im Herzen soll sie erfolgen.“ Im Vergleich dazu erscheint in der 12blättrigen Blüte einerseits die seelische Wärme, andererseits die „Stimme der Stille“; eine Region, „wo die Sonnen- und Sphärenharmonie erlebt wird“. Das Beispiel mag zeigen, wie konkret, persönlich und imaginativ Bohm an einigen Punkten auch wird. Daraus kann man viel Gewinn ziehen. Einen Satz wie „Das Herzorgan ist jener Ort, wo der Mensch von außen das geistige Lichtorgan entfacht“ kann man tatsächlich in sich bewegen. Es wird durchaus auch noch konkreter, worauf ich in weiteren Beiträgen noch eingehen werde.

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Werner Bohm, Die Wurzeln der Kraft. Chakras- die Kraft der Lotosblumen. Wilhelm Barth 1982
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Die Welle, die bricht

Wenn hier im Blog die Rede von Chakra- Arbeit ist, dann verstehe ich darunter eine Kontinuität in gedanklicher Arbeit, in Fokussierungsübungen und in immer wieder - über Jahrzehnte - verfolgter Teilnahme an der Menschenweihehandlung. Persönlich war für mich die konzentrierte Arbeitshaltung etwas, was praktisch von Kinderzeit an in Fleisch und Blut übergegangen war, weil ich durch eine Aufmerksamkeitsstörung im Sinne eines ADS behindert war. Das forderte den Willen früh heraus, als faktisch existentielle Herausforderung. Das innere emotionale Chaos, die blank liegende Gefühlsebene, aber auch die Zeitumstände führten früh zu einer spirituellen Suche, die mit Zen und Sri Aurobindo, aber auch mit Timothy Leary begann. Das Erleben der Aktivität des Stirn- Chakras war eine Selbstverständlichkeit, aber es blieb das Problem, dies zu einer kontinuierlichen Erfahrung zu machen, trotz der andauernden, vor allem anthroposophischen Arbeitspraxis. Dagegen sprachen emotionale Auf und Abs, familiäre und berufliche Herausforderungen und eine im Laufe der Jahre kränkelnde Konstitution. Hinderlich waren auch Ernährungsgewohnheiten - vor allem der Konsum von Alkohol und Zucker -, die übliche Ego- Fixierung gerade als „spiritueller Mensch“ und die Subsumierung aller Kräfte durch die Anforderungen, den Alltag zu bestehen. Die Vertiefung konnte nur durch eine umfassende Krise gelingen, durch den Nullpunkt, in dem die Spiegelbilder zerschellen. Das ist einfach der Fels, an dem die selbstbezogene Welle bricht. Vorher sind die noch so spirituellen Bemühungen nicht frei von Selbstliebe.

Danach erst, nach dem sich selbst Aufrichten, gewinnt das seelische Meer zumindest überwiegend die Stille, die bis zum existentiellen Grund vordringt. Nun erst kann der Stier sich in seiner Reinheit erheben, die Marskräfte des reinen Wortes im Kehlkopf erweckend. Nun erst dringt die Reinheit des Willens in die Sonnenregion des Brustraums. Die großen Empfindungen, jenseits aller Selbstfühligkeit, klingen in der Seele auf. Die spirituelle Arbeit hat nichts Aufgesetztes, sondern erscheint als Kraft, die eine Kontinuität des klaren Denkens darstellt. Es beginnt ein tiefes Vertrauen darin, dass die weitere Entwicklung einem inneren Curriculum folgt und folgen wird. Wer einmal die Lebenskraft des Geistes gespürt hat, dem wird sie sich entfalten, auch über dieses Leben hinweg. „Rudolf Steiner betonte in Hinblick auf das Michael- Fest die Notwendigkeit, dass ein tragendes Vertrauen zu den Gedanken des Geistigen in erster Linie entwickelt werden müsse- ein wirkliches Erleben des Geistigen an Ideen, an „bloßen Gedanken“. Die klaren Ideen des Menschen- und nicht eine diffuse, übersinnliche Wahrnehmungswelt im Sinne verzerrter Esoterik- müssen verstärkt und als solche in ihrer Lebenskraft erfahren werden; der Mensch müsse die Fähigkeit entwickeln, von den Gedanken über das Geistige so erfasst zu werden wie durch physische Gegebenheiten; Ideelles muss in seiner Geistrealität, Lebens- und Wirkungskraft in den Bereich der menschlichen Erfahrung treten.“

Peter Selg, Der Wille zur Zukunft, Arlesheim 2011, S. 70
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Das Buddha- Bewusstsein

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Die abgebildete Figur, die ich auf der Kunstinsel Hombroich in einem Pavillon fotografiert habe, hat eine außergewöhnliche Kraft. Das ist einer der Buddhas, die man verstehen möchte - d.h. ihr sich so annähern, dass man die dargestellte innere Gesamt- Gebärde wenigstens im Ansatz mit vollziehen kann. Ein ähnliches Bedürfnis, wie es, auf andere Art, in der Begegnung mit vielen Mariendarstellungen aufkommen kann- oder auch mit Darstellungen des Letzten Abendmahls.
Allerdings ist die Visualisierung der Kundalini- Kraft im Rücken des Buddha etwas, der man sich nicht unmittelbar aussetzen möchte; es ist ein korrumpierter Bereich. Magier und fragwürdige Meister wie Baghwan- Osho wirkten darüber, indem sie Einfluss auf den Schüler nahmen; daher die ursprüngliche Verbindung mit sexuellen Energien, die Osho später allerdings zurück gedrängt hat - spätestens nachdem er mit seinem Expansionsdrang in den Westen innerlich und äußerlich gescheitert war. Dass er nicht einmal davor zurück geschreckt ist, mit biologischen Kampfstoffen zu operieren, ist in einem Artikel in The Atlantic nach zu lesen.

Auf selbstbestimmte, transparente Art und Weise gehen wir, das Denken meditativ belebend, vom Stirn- Chakra aus. Im Laufe von Jahren der Übung werden Kehlkopf- und Herz- Bereich angeregt, so dass eine Kraftsammlung im Zusammenwirken dieser drei Bereiche erreicht wird. dadurch wird eine neue Qualität der Versenkung erreicht- offenbar indem die achtblättrige Lotosblume in der Nähe des Herzens ihre Aktivierung erlangt. Möglicherweise beginnt auch ein zartes Regen der Kräfte aus der Region der Zirbeldrüse. Es ist schwer zu sagen, da eine generelle Kraft mit einer Fülle von Erfahrungen erweckt wird. Schließlich sind sowohl imaginative als auch energetische und wesenhafte Erfahrungen berührt, ohne im geringsten irrational zu wirken. Es ist alles voll bewusst- eine willenhaft, wesenhaft durchzogenes Denken, das aber losgelöst von der nur physisch vermittelten, gespiegelten Hirntätigkeit erscheint. Schließlich erweitern sich die energetisch erlebten Felder des empfangenden hellen Willens, indem sie in die Hände und schließlich in die Füße fliessen. Man tritt in die Ungeborenheit, in das Buddha- Bewusstsein ein. Nun ist es möglich, eine innere Linie durch die Leiblichkeit zu erleben, an deren Spitze die tausendblättrige Lotosblüte spürbar wird. Man kann sie mitunter tatsächlich im Hirnstamm festmachen. Dadurch wird ein anfängliches Miterleben und Verstehen dessen möglich, was der abgebildete Buddha aussagt. Allerdings ist für den Menschen des 21. Jahrhunderts ein bewusster Weg unabdingbar, der seine Autonomie sichert, und der daher in der Linie der Chakras von oben nach unten - in stetiger Transparenz - vor geht. Die überwältigende Wucht der Kundalini- Energien wird dabei nicht berührt; diese bleiben im Hintergrund.
Der Denkpol kann sich gleichwohl, auf moderne Art, der Buddha- Sphäre öffnen.
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Das Pfingsterleben in der Belebung des Geistselbst

Man kann sich der anthroposophischen Begrifflichkeit leider nur mit Mühen, einigem Studium und dem Versuch der aktiven inneren Nachvollziehbarkeit annähern. Im Zentrum mancher langwieriger Überlegungen steht vermutlich der Fachbegriff Bewusstseinsseele, der eben das typische und reife Bewusstsein der Menschheit heute über alle Grenzen hinweg beschreiben will. Er charakterisiert einen Zustand der Möglichkeit, von sich selbst weitgehend abzusehen und das eigene Leben sehr weitgehend analytisch anzusehen- alles, was an einem selbst Vergangenheitscharakter hat oder mechanisiert ist.
Dazu gehören biografische Abläufe, emotionale Gestimmtheiten, Bedürftigkeit, Anhaftungen, Neigungen, suchtartige Mechanismen, gedankliche Reflexe, typische Reaktionsmuster, Ängste usw. Die Verästelungen eines gesamten Ich- Konstruktes können einerseits nahezu objektiv mit psychologischem Rüstzeug betrachtet werden, ohne sie allerdings im Einzelnen auch beeinflussen und ändern zu können. Denn dieses Ich wird korrumpiert nicht nur durch die Wucht der emotionalen Reflexe, sondern auch durch die Mechanik der - ein weiterer Fachbegriff - Verstandesseele, die, in ihrer rationalen Ausprägung, stets den Vorteil in den Gegebenheiten sucht, stets im Dienst der Egoität einen Weg aus den ungelösten Dilemmata anstrebt. Daran muss nichts Falsches sein. Nur zu häufig führen die Leitung durch den Egoismus in einer globalisierten und vernetzten Gesellschaft zu allenfalls kurzfristigen Lösungen.

Gleichzeitig ist in der Qualität des Zeugen- des aktiven Betrachters der Bewusstseinsseele, der das Da- Seiende aktiv anschaut - eine Instanz vorhanden, die auch die raffiniertesten Winkelzüge der Egoität (die sich so häufig in Gutmenschentum kleidet) anschauen kann, die, wenn sie sich ihrer selbst gewahr wird, eine Position innehaben kann, die von einem rein menschlichen, über- individuellen Standpunkt aus auf das innere und äußere Drama zu schauen in der Lage ist. Wird diese Präsenz meditativ gestärkt - über das bloße Moralisieren, Besserwisser oder die Selbstverurteilung hinaus- entstehen zumindest zeitweilig innere Freiräume. Die gedankliche Vertiefung - etwa über die Arbeit an den Chakras- führt zu einer inneren Beweglichkeit, die durch die ausgehaltene Leere hindurch zur geistigen Empfänglichkeit führt, zu einer vollkommen befreiten Offenheit. An dieser Stelle kann das Geistselbst als eine Kraft im Menschen erwachen als geistige Präsenz ohne Verwicklung in die Mechanismen und Scheingefechte der Egoität. Es wird erfahren als reiner Wille - oder als eine gedankliche und emotionale Klarheit, die sich als Kraft auslebt- eine Präsenz, die zugleich über dieses eine irdische Leben hinaus verweist, ein Verstehen, das sich nicht als kurze gedankliche Intuition präsentiert, sondern bestehen bleibt.
In diesem Zusammenhang ist eine sonst rätselhaft bleibende Bemerkung Rudolf Steiners verständlich wie "Die Bewusstseinsseele ist mit der Verstandesseele selbstverständlich innerlich immer vermischt, aber das Geistselbst ist mit der Bewusstseinsseele verbunden nicht vermischt.“*

Das Geistselbst ist als aus sich selbst bestehende geistige Entität nicht korrumpiert, nicht mit den Winkelzügen der Egoität „vermischt“.

An diesem Punkt kann man verschiedene Wege der Betrachtung anschließen. Eine Spur der Betrachtung verfolgt die zunehmende Verselbstständigung und Veräusserlichung alles dessen, was mechanisch am menschlichen Intellekt und an der Emotionalität geworden ist und weiter wird- denn all dies ist zum digitalisierten Inhalt geworden. Das Wissen, Erinnerungen, emotionale Reflexe wandern in einer elektronischen Spiegelwelt aus dem menschlichen Inneren heraus in ein Netz und in Medien, die sich seinerseits verselbständigen und immer weiter entwickeln. Die Auswirkungen des digitalen Doppelgängers ziehen in jeden Winkel des Alltags hinein. Entscheidungen, die wie gedankliche Intuitionen, wie Verstehen aussehen, werden durch pure elektronische Rechenkraft simuliert. Der von sich selbst entkleidete Mensch wird immer mehr auf die Frage geworfen, was an ihm originär menschlich ist. Er, der noch immer im eigenen Drama gefangen ist, kann nur sein Verstehen vertiefen, muss sich seiner selbst als nicht- mechanisiertes Geistselbst bewusst werden, um nicht in den elektronischen Spiegelwelten als passiv bespaßtes Reaktionswesen unter zu gehen.

Eine andere Spur führt nach Rudolf Steiner auf die Entwicklung, die mit dem Pfingstgeschehen zusammen hängt. Denn es gibt in dem Drama, das zugleich die Geburt des autonomen Geistselbst hervor bringen kann, eine Parallelität zum Geschehen auf Golgatha. Die Verleiblichung des Christus in Jesus hatte eine Art kosmischer Vorbildfunktion für das heute im Menschen stattfindende Drama- das Christus- Wesen war ein kosmisches Geistselbst: "Es ist die Voraussetzung , daß man weiß, wie in der allgemeinen Menschheit das Geistselbst, Manas in die Bewusstseinsseele hineinkommt, um zu verstehen wie die Christus-Natur als ein besonderes kosmisches Geistselbst, Manas in die Bewusstseinsseelennatur des Jesus von Nazareth hineinkam. (..) Man kann das, was er sich als einen Begriff ausbildete, so fassen, wie wenn man heute sagte: Es findet keine Vermischung statt (..) zwischen dem Christus, entsprechend dem Manas, und dem Jesus, entsprechend der Bewußtseinsseele und allem, was an niederen Wesensgliedern dazugehört, keine Vermischung, sondern nur eine Verbindung.“* Diese Reinheit der Einweihung ist das Urbild für das, was heute auf menschlicher Ebene in der Erlangung der wirklich menschlichen Würde in der Selbstgewahrwerdung als Geistselbst möglich ist.
Das Christusgeschehen seinerseits hatte Ähnlichkeit mit dem menschlichen Drama, ohnmächtig auf sich als Egoität zu schauen, denn das göttliche Ich ging durch eben dieses Drama selbst hindurch im "Augenblick der höchsten göttlichen Ohnmacht, um jenen Impuls zu gebären, den wir dann als den Christus-Impuls in der weiteren Evolution der Menschheit kennen.“**

Die Erfahrung des Geistselbst heute hat aber noch eine andere, bislang nicht genannte Dimension. Das innere meditative Leben, das auch mit der Imagination des menschlichen Ideals einher geht, erlaubt ja nicht nur den nüchternen und befreiten Blick auf die eigene Gebrochenheit, sondern auch den auf das Mühen und Ringen der Mitmenschen. Die eigenen Rechtfertigungswälle, der andauernde Reflex, das Ego zu stabilisieren und zu verteidigen, bestehen nicht mehr. So ist man in der Lage der Jünger Christi zu Pfingsten: "Dennoch trat der Zeitpunkt ein, wo es den Aposteln so vorkam, als ob sie eine lange, tagelang dauernde Zeit verlebt hätten wie in einem traumerfüllten Schlafe, aus dem sie nun mit diesem Pfingstereignis erwachten. Schon dieses Erwachen fühlten sie, wie wenn aus dem Weltenall niedergestiegen wäre auf sie etwas, was man nur nennen könnte die Substanz der allwaltenden Liebe. Und den anderen Menschen, die sie beobachten konnten, wie sie nun sprachen, kamen sie ganz fremdartig vor. Jetzt kamen sie den Leuten wie verwandelt vor: wie Menschen, die in der Tat erlangt hatten eine ganz neue Verfassung, eine ganz neue Stimmung der Seele, wie Menschen, die alle Engigkeit des Lebens, alle Eigensüchtigkeit des Lebens verloren hatten, die ein unendlich weites Herz, eine umfassende Toleranz im Inneren gewonnen hatten, ein tiefes Herzensverständnis für alles, was menschlich auf der Erde ist, die sich so ausdrücken konnten, daß jeder, der da war, sie verstand. Man empfand gleichsam, daß sie in eines jeden Herz und Seele schauen konnten und aus dem tiefsten Inneren heraus Geheimnisse der Seele errieten, so daß sie einen jeden trösten konnten, dasjenige sagen konnten, was er gerade brauchte.“***



*Rudolf Steiner, 165, Seite 212f
**Rudolf Steiner, 148, Seite 54
***Rudolf Steiner, 148, Seite 23ff
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Die Reiche der Himmel

Der Weg bringt es mit sich, dass in einer glücklichen Phase des Lebens, in der wie in einem vom Schicksal vorgenommenen Arrangement alles stimmt, vernehmbar wird, worauf es - abseits der kollektiven Vorstellungen - bei innerem Wachstum ankommt; keine nur persönliche Erfahrung, sondern etwas, was das Menschsein an sich unvermittelt berührt. Solche Arrangements sind nichts, was wir selbst aus eigener Kraft anstellen könnten, und sie finden eher in der ersten Hälfte des Lebens statt; wenn überhaupt. So wird man dabei zum Beispiel an einen bestimmten, inspirierenden Ort geführt, an dem einen etwas anweht- vielleicht geschwächt von einer leichten Grippe, etwas irritiert, aber zugleich aufmerksam und sehnsüchtig. Und plötzlich entrollt sich der Schleier, und man findet sich in einem innigen Dialog mit einem inneren Gegenüber, der in dieser typischen Nüchternheit der geistigen Erfahrung die kühle Mystik der Gegenwärtigkeit enthüllt.

Es gehört dazu, dass man um den Moment weiß, aber zugleich die Inhalte der Erfahrung nur in den äußeren Umrissen ins Gegenwartsbewusstsein mitnehmen kann; das Vergessen ist nicht zu verhindern. Und es gehört dazu, dass die Führung in solche Erfahrungen sich nicht in derselben Form wiederholt. Das Bemühen darum mag Jahre und Jahrzehnte dauern, aber nie wird die mystische Erfahrung in dieser Form wieder auffindbar sein. Der geheime Garten entzieht sich schon deshalb, damit man die innere Aktivität aufs Äußerste anspannt, die Bemühung forciert- vielleicht nur um zu bemerken, dass eben dieses Wollen verhindert, dass es geschehen kann. Der Wille ist nicht rein- er ist durchsetzt von bloßem Begehren. Das Wollen muss transparent werden, immer mehr und mehr, und es wird nichts mehr geschenkt.

Aber selbst, wenn die Taufe schließlich Tatsache wird, wenn der stille Dialog zu etwas wird, was seelisch Fuß fasst, wird man konfrontiert mit allen Aspekten des eigenen „Schwachmenschlichen“:

Nun sind die Reiche der Himmel wirklich nahe herbeigekommen, von der anderen Seite her, in der sie früher nicht aufgesucht werden konnten. Im Schwachmenschlichen sind sie anwesend, unter der Asche des Alltags, der Gewohnheiten lebt eine kleine Glut des Anfanges. Sie auflodern zu lassen heißt, mit dem neuen Heiligen Geist begnadet zu werden.“ (Georg Kühlewind, Die Erneuerung des Heiligen Geistes, S. 13)

Der versteckte „Lebenskeim“, der nun nicht nur in der arrangierten Einzelerfahrung, sondern in einem zarten, aber kontinuierlichen Strom im Inneren präsent wird, hat nichts Ausgedachtes, Gewolltes oder Gefühliges. Es ist ganz buchstäblich die Erfahrung des inneren keimenden Lebens, und hat somit Charakteristika einer Auferstehung des geistigen Lebens- ein reales österliches Geschehen. Auch dieses Fußfassen geistiger Präsenz geht durch Verschattungen und Krisen; es ist kein Eigentum, kein Anrecht, kein Teil des Ego; deshalb sind schmerzhafte Erfahrungen damit unausweichlich. Die Präsenz wird nicht mehr geschenkt, tritt auch nicht mehr unvermittelt, vereinzelt und blitzartig auf, sondern wird nach und nach innerer Kern des seelischen Gefüges - inmitten der Individualität mit ihren Eigenheiten. Die Präsenz hat dadurch immer ein persönliches Gepräge, ist aber selbst nicht aus der Persönlichkeit geboren, ist kein „Geschöpf“, sondern wird als das Leben selbst erfahren, als sich selbst schöpfender Quell.

Es gelingt immer nur mehr oder weniger, ganz in diese Lebendigkeit hinein zu gehen. Es ist stets ein kreativer Akt, dem man immer nur in Aspekten genügt. Zugleich ist es - ohne im geringsten konventionell zu sein- ein moralisches Erleben, ein Empfinden, das in der völligen Hingabe zugleich von einer Vernunft und Reinheit, und von einer essentiellen Nicht- Selbstbezüglichkeit getragen wird.

Der „Logosfunken“ entzündet sich in immer neuen Anläufen, und durchglimmt das Nur- Persönliche immer wieder in einem Anfang. Dieser bedarf keines bestimmten Ortes, keiner bestimmten Stunde mehr - er leuchtet im Alltag auf und enthüllt dessen unerschöpfliche Schönheiten. Auch die Natur beginnt zu sprechen. Die „Reiche der Himmel“ sind nichts Fernes, sondern entfalten sich in den Details der Wahrnehmung. Die Kluft zwischen äußerem Dasein und innerem Leben schrumpft, und in jedem Sprung über den Abgrund wird das Glück dieses Anfangens erfahren.
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Simone Weil: Über Aufmerksamkeit

Simone_Weil_1922
Regine Kather schreibt in Aufmerksamkeit. Ein Bindeglied zwischen der Welt und Gott bei Simone Weil (Schriftenreihe der katholischen Akademie Köln 2001) über die von mir überaus geschätzte Mystikerin im modernen Sinn, ja sogar in radikalem politischen Aktivismus, geschlagen durch eine lebenslange Migräne, eine rationale Gläubige im besten und konkretesten Sinn. Jemand, der auch radikal mit sich selbst umging. Jemand, für die es tragisch war, von ihrem engen katholischen Priester- Freund doch nicht verstanden zu werden - er instrumentalisierte sie auch post mortem, und in ihren Briefen an ihn erkennt man, dass sie es erkannt hat. So schrieb -ja meditierte - Simone Weil über die Aufmerksamkeit:

"Die Aufmerksamkeit erwächst weder allein aus einer bewussten Absicht noch aus einer bloß emotionalen Reaktion, aus Angst oder Begierde. Sie entsteht aus einem Bedürfnis und aus innerer Anteilnahme. Sie dient nicht nur der Befriedigung der eigenen Wünsche, sondern richtet sich auf etwas, das das eigene Ich transzendiert. Als unmittelbarer Ausdruck des menschlichen Geistes kann sie dessen vielfältige Funktionen zu einer Wirkeinheit zusammenschließen, sie einen."

Aber sie möchte doch auf den Kern der Sache zu sprechen kommen- nämlich dass in der Aufmerksamkeit verschiedene Ebenen und geistige Aktivitäten zusammen fliessen:

"Die Aufmerksamkeit ist durch eine polare Struktur gekennzeichnet, die auf allen Ebenen, bei der Lösung einer Mathematikaufgabe, in der Begegnung mit Menschen und in der religiösen Erfahrung auftaucht: In der Aufmerksamkeit koinzidieren Aktion und Passion, intentionale Gerichtetheit und Phänomenbezogenheit, konzentrierte, entschlossene Zielgerichtetheit und geduldig wartende Empfänglichkeit. Es handelt sich, so schreibt Simone Weil prononciert, um ein ‘nicht-handelndes Handeln’, ein Handeln also, das ohne die Fixierung auf ein bestimmtes Ziel oder einen Plan und doch mit voller Sammlung und Präsenz erfolgt."

Die Autorin weist auch darauf hin, dass sie in Weils Darstellungen der Aufmerksamkeit auch Bezüge zum antiken Griechenland sieht:

"Simone Weils Beschreibung der Aufmerksamkeit erinnert vermutlich nicht zufällig an die Erkenntnishaltung, die für die griechische Philosophie, vor allem für Platon und Aristoteles, kennzeichnend war. Die ‘Theoria’ war noch keine theoretische, intellektuelle Erkenntnis im modernen Sinne des Wortes; als eine kontemplative Einstellung galt sie als Ausdruck höchster geistiger Aktivität. Sie vollzog noch keine Konstruktion theoretischer Zusammenhänge, sondern war auf das Erfassen des Seins, des Wesens der Dinge, gerichtet."

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Foto Wikipedia. Artikel über Simone Weil.
Artikel bei den Egoisten über Simone Weil:
Nichts und niemand
In Christus
Die Kraft des Lebens
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Souverän

star
Ich denke, eigentlich gibt es die meditative Leere gar nicht. Es ist nur ein Moment gemeint, in dem das Gefülltsein (mit Inhalten, Vorstellungen, Gefühlen, Erinnerungen..) aussetzt und die Zeitlosigkeit (der Flow) einsetzt. Von da an ist das Gefühl des Glücks da. Man sieht dann auch die Natur anders- als drücke sich in ihr jeden Augenblick etwas anderes aus, sie spricht.. das macht glücklich. Ja, es ist ein sehr freundlicher Zustand, wenn man nicht mehr in sich gefangen ist und sich nur in Anderen und in der Umgebung spiegelt. Man wird ja offener und neugieriger, man ist interessiert am Wesenhaften- einfach weil man nicht mehr in dem bisherigen Maß von sich selbst absorbiert ist.

"‘A garden borrows from the earth, the sky, and everything around it, but you borrow from time,’ I said slowly." Ja, wir sind in diesem Zeiterleben gefangen, und sicherlich kommt es durch reine Fokussierung und Willen dazu, mit vollem, wachen Bewusstsein in die Zeitlosigkeit einzugehen und darin zu bestehen. Eine Zu- Mutung ist es, aber auch ein Teil des menschlichen Seins, der durchaus vertrauten Charakter hat. Wir sind ja immer Übergangswesen. Die Illusion von Zeit ist ein Teil der Struktur, mit der uns als geistige Wesen in einer zunächst zerrissenen Art (in einer wenn auch im Alter in immer schnellerem, ruckartig laufendem Springen), vollkommen definieren. Aber das nimmt je nach dem, mit dem man es zu tun hat, die Konsistenz eines trockenen Schwamms an, wenn der Mensch in diesen inneren und äußeren Rastern gefangen bleibt. Er bemerkt nicht, dass er auch seelisch die Struktur von totem Holz annimmt. Daher ist es ein unfassbares Glück, in der Ungewissheit des Lauschenden, in der puren Aktivität, verweilen zu können.

Und schließlich lauscht man ja nun auch in der Stille- bislang ist es nur Ahnung oder eine zarte Berührung- aber es ist alles Wesen. Man ist nicht allein. In bestimmten Augenblicken hat man unvermittelt einen klaren Blick auf Menschen, die schon gestorben sind- ganz Bestimmte, nicht unbedingt die Nahestehenden. Und man fühlt sich auch wahrgenommen. Insofern taucht man in die Welt der Freundlichkeit - um Deine Frage zu beantworten- mit der meditativen Erfahrung ein. Sie ist freundlich, weil sie Freund ist, weil sie sprechend wird.

Das Sich- Selbst- Verurteilen, streng mit sich zu sein ist auch eine Geste des unreifen Ich - man zersplittert sich selbst und beurteilt sich und Andere vehement „moralisch“, bis hin zu einem erstarrten Verhaltenskodex, Ritualen, Normen, Ausgrenzungen. Das führt nicht weiter. Wir haben alle das Problem, zersplittert zu sein in Impulse des Denken, Fühlen und Wollens. In der Meditation beurteilen wir uns nicht, sondern sind so fokussiert, dass alles zusammen fällt, in eine starke Kraft, die zugleich vor allem voller Friede ist. Man kommt ja auch wieder da heraus, sieht durchaus die inneren Widersprüche, weiß aber, dass es den Frieden gibt. Es lebt dann erst allmählich in alle Lebensbereiche hinein, und in manche vielleicht auch nicht. Und es geht auch nicht immer, wieder in den Frieden hinein zu kommen. Wir sind halt Naturen, die mit sich ringen, und der Friede ist auch ein Geschenk. Er ist nicht einfach abrufbar, denn wir können nicht immer "ganz" sein. Ich finde es manchmal hilfreich, längere Zeit nur über Frieden nachzudenken, konkret, sexuell, politisch, im Dialog, im Beruf, in meiner Beziehung, abstrakt, spirituell. Vielleicht gelingt es dann auch manchmal, den Begriff mit der Person etwas zu füllen und Friede zu sein.

Im Alter hat man keine spezielle Übung mehr. Das Gefühl kommt von selbst, wenn die innere Balance da ist- es ist ein Ausdruck der Lebensfreude, der Freude des Seins selbst. Das Ich erscheint dann in Erfahrung als sich schenkende Sonne, in jedem Moment sich neu schöpfend. Allerdings, genau betrachtet, erscheint die Sonne als kein in sich statisches Gebilde, sondern in Union mit dem Umkreis, astronomisch der Oortschen Wolke. Man kann das Eine nicht ohne das Andere denken. Das führt uns dann zu Steiners Punkt- Kreis- Mediation. Letztlich geht es darum, dass man sich selbst wesenhaft- existentiell erlebt, und dann eben auch als zutiefst verbunden. Man ist einfach real; kein Mensch ist ein isoliertes Kopfwesen, kein seine Ziele erreichendes Willenswesen, kein schmachtender Emotionserhitzer. Der Mensch pendelt die widersprüchlichen Impulse - wenn es gut geht (und auch nicht immer) aus - womöglich in der radikal dialogischen Haltung des Meditierenden, der die lastenden Selbstbilder, Fixierungen und inneren Bannungen zwar nicht überwunden hat, aber doch souveräner damit umgeht.
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Mysterienkapitel

In Zeymans van Emmichovens „Wer war Ita Wegman 1925 bis 1943. Band 2“ - ohne hin eine Fundgrube nicht nur für die schmerzhaften Entwicklungsprozesse innerhalb der Anthroposophischen Bewegung -, wird Rudolf Steiner im Zusammenhang mit Mysterienkulten aller Zeiten zitiert (S. 113), wobei es in diesem Zusammenhang vor allem um den Artemiskult von Ephesos geht. Aber ich finde, in diesem Zitat wird ein interessanter Zusammenhang bezüglich der Stufen innerer Entwicklung deutlich, der die heutigen, zeitgenössischen Mysterien der Emanzipation des bislang passiven Denkens beleuchtet:

„In dem Vortrag Die Lehren des Auferstandenen vom 13. April 1922 (GA 211) nennt Steiner diese Stufen „Mysterienkapitel“. Die Grundform aller Liturgie besteht aus den vier Teilen: Verkündigung, Opferung, Transsubstantiation (oder Kanon) und Kommunion. Diese Vierteilung entspricht den vier Bewusstseinszuständen, welche in der anthroposophischen Esoterik gewöhnliches Tagesbewusstsein, imaginatives Bewusstsein, inspiratives Bewusstsein und intuitives Bewusstsein genannt werden“.

Beim Studium der Vorträge fiel van Emmichoven noch auf, dass es bei Steiners Darstellung selbst auch eine Zuordnung zu den Jahresfesten gibt- „Man kann in seinen vielfältigen Schilderungen tatsächlich jeweils eine der vier liturgischen Stufen erkennen, und es ist überraschend zu bemerken, dass er zu Weihnachten 1923 mehr das imaginative Element (also die zweite Stufe, mit Übergängen zur dritten Stufe) hervor hebt, zu Ostern 1924 deutlich den inspirativen Charakter betont und im August vornehmlich das vierte, intuitive Element von Ephesos anschaut.“ (S. 114)

Für uns ist an dieser Stelle hervor zu heben, dass die erste, wesentliche Wandlung des Denkens in der Meditation, die Überwindung des Tagesbewusstseins im Sinne des strategischen und kontextualisierenden Intellekts in die pure Präsenz der Imagination der liturgischen Stufe der Opferung entspricht. Auch bei Massimo Scaligero wird diese Grenze (in: Traktat über das lebende Denken. Ein Weg zur Überwindung der abendländischen Philosophien, des Yoga und des Zen, 1993) charakterisiert. Für ihn ist es vor allem die Überwindung zwischen „Denken“ und „Leben“. Das bislang schwache Ich, das sich nicht aus seiner Identifikation mit dem Denken lösen kann - einem Denken, das vom Körper konditioniert wird-, erlebt im erkrafteten reinen (d.h. gegenstandslosen) Denken ein neues Authentisch- Metaphysisches. Damit wird ein unabhängiges Denken erfahrbar, das dann aus seiner Unabhängigkeit etwas zu machen weiß, wenn sie „auf der ihr eigenen Ebene ihr Wesen - die metaphysische Zeitlosigkeit - verwirklicht“ (S. 20).

Das „Opfer“ im Sinne der Liturgie entspricht also einem Übergang in größtmögliche Aktivität - ein aktives Erhalten des Bewusstseins in einen meditativen Denk- Zustand, der zeit- und raumlos zugleich ist, aber eben auch insofern metaphysisch, dass er transparent für das Wesenhafte wird: „Die Logik des Denkens, das denkt, führt - in vollständiger Erfahrung- zur Intuition der Zeitlosigkeit und Körperlosigkeit des Denkens, d.h. zum lebenden Denken: eine Intuition, die jedoch nur ein Aufblitzen des lebenden Denkens ist, noch nicht sein Sein. Denn sein wirkliches Sein ist der Logos selbst. Von ihm geht es aus, ihm ist es im Verborgenen zugewandt: der immer bereit ist, sich dem Denken zu übergeben und in ihm - mit seiner Kraft, seiner Einheit, seiner ewigen Gegenwart- anwesend zu sein.“ (S. 20)

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Wie ein im Frühling aufwachender Planet

In „Die Mysterien des Morgenlandes und des Christentums" (Berlin vom 3. bis 6. Februar 1913, GA 144) geht Rudolf Steiner auf besonders plastische Weise auf Merkmale einer realen geistigen Entwicklung ein - unabhängig, wie er sagt, von der Art und der Kultur: „Zunächst muss jede Seele, die eine gewisse Stufe der Initiation, eine gewisse Stufe des Mysterienwesens erreichen will, das erfahren, was man nennen kann «in Berührung kommen mit dem Erlebnis des Todes». Das zweite, wovon jede Seele etwas erfahren muss, ist der «Durchgang durch die elementarische Welt». Das dritte ist das, was man in den ägyptischen oder sonstigen Mysterien genannt hat das «Schauen der Sonne um Mitternacht», und ein weiteres ist das, was man die «Begegnung mit den oberen und unteren Göttern» nennt."

Grundvoraussetzung, damit im Laufe jeder Initiation das „Denken in der gewöhnlichen Bedeutung des Wortes für den Menschen" aufhören kann, ist das Beenden der eigenen inneren Fixierungen: „Im allgemeinen gehört es zu den aller schwierigsten Dingen des inneren Erlebens, über den Standpunkt des «Meinens», über den Standpunkt der «Standpunkte», des Urteilens hinauszukommen." Aber auch die Konfrontation mit den eigenen Schattenbereichen, ja mit der schier unlösbaren Frage nach dem Gewicht der eigenen Identität, gehört zu den wichtigen Aufgaben: „Der Meditant, der sich hinaufarbeitet zu gewissen Stufen der Initiation, kommt auf einer bestimmten Stufe zu einer sehr merkwürdigen Erkenntnis, zu der Erkenntnis, dass es in gewisser Beziehung recht schlimm steht um das eigene menschliche Innere, um die eigene menschliche Seele. Da ist unter der Schwelle des Bewusstseins etwas, was man wirklich anders haben möchte, wenn man die Urteile des gewöhnlichen Lebens ansieht. In gewisser Beziehung ist etwas Schreckliches, etwas ganz Furchtbares da unter der Schwelle des Bewusstseins." Durch diese Arbeit kommt es zu einer schmerzhaften Umorientierung, in deren Verlauf gerade das, was einem lieb und teuer ist (auch in Bezug auf sich selbst), auf den Kopf gestellt wird: „Was bleibt dann übrig von dem, als was sich der Mensch im gewöhnlichen Leben fühlt ? Nichts bleibt übrig."

Schließlich werden in der meditativen Arbeit aktiv die sensorischen Rückmeldungen als Ganzes unterbrochen - das, was man bislang als So- Sein in einer ununterbrochenen Inanspruchnahme im Wachzustand als Existenzform als essentielle Grundlage der Existenz verstanden hatte: „Also zum Beispiel das Gefühl, mit seinen Füßen auf einem festen Boden zu stehen, was ja nichts anderes ist als ein Ausdruck des Tastsinnes, hört auf, und der Mensch fühlt so ähnlich, als wenn der Boden unter ihm fortgezogen würde, und er auf nichts stünde. Aber er kann auch nicht hinab, und er kann auch nicht hinauf zunächst. Und so ist es mit allen Eindrücken. Kurz, alles, was uns der physische Leib vermittelt - und alles, was der Mensch im normalen Leben durchmacht zwischen dem Aufwachen und Einschlafen, wird durch den physischen Leib vermittelt -, alles das hört auf. Es tritt eben durchaus jener Zustand ein, vor dem der Mensch im gewöhnlichen Leben bewahrt ist, jener Zustand, der eintreten würde, wenn plötzlich einmal jemand, während er schläft, ohne dass er wieder in den physischen Leib hinein aufwacht, bewusst würde." Erst nun wird der „erste Moment im Mysterienwesen" zugänglich, an dem „man bis zu dem Punkt kommt, wo man die Sinnesanschauung und auch das Denken überwindet". Dies ist der erste reale Zustand, der in den Mysterien stets das «Heranschreiten bis an die Pforte des Todes» genannt wurde.

Nur unter Aufbietung von Energie und Willen, von überschüssigen Kräften, ist das Voranschreiten an dieser Schwelle möglich: „Man fühlt: Bis zu einer Grenze ist man gekommen, wo man gegenüber dem Nichts gestanden hat, aber sich selbst hat man eine gewisse Kraft mitgebracht. Die ist vielleicht anfangs recht klein, aber sie wird immer größer und größer, breitet sich nach allen Seiten aus. Man fängt an, in die ganze Welt hineinzukommen, sich mit der ganzen Welt zu durchdringen, und je weiter man die Welt durchdringt mit der eigenen Wesenheit, desto mehr erscheint sie einem als eine immer andere. Man streckt die Kraft, die man mitgebracht hat, nach der einen oder anderen Seite aus: Je nachdem man sie ausstreckt, wird man immer etwas anderes erleben." Hier beginnt das «Erleben der elementarischen Welt»: „Nachdem man also genug Kräfte darauf verwendet hat, um mit der Welt eins zu werden, muss man jetzt noch Kräfte übrig haben, um Kräfte aus sich heraus zu spinnen, wie die Spinne ihr Netz aus sich heraus spinnt." Nun entfalten sich völlig neue Felder der Erfahrung, in denen das Denken als Lebensquell erscheint: „Es handelt sich dabei nicht um ein Konstruieren oder Schaffen einer subjektiven Welt, sondern darum, dass wir gleichsam Seelensubstanz aus uns heraus spinnen. Und die höheren Welten, in die wir uns hineinleben, müssen diesen Umweg wählen, damit wir ihnen gegenübertreten und sie erkennen können. Sie müssen erst durch unsere eigene Seelensubstanz, die wir ihnen zur Verfügung gestellt haben, durchkriechen."

Fassen wir zusammen: Im Fortschreiten der meditativen Arbeit kommt man an Erfahrungsschichten heran, in denen das geschulte Denken in die Lage kommt, in Imaginationen mit zu gehen mit sonst unbewussten, aufbauenden Lebensprozessen. Es ist ganz buchstäblich die Erfahrung lebendigen Denkens- in dieser Sphäre sind Denken und Lebensprozesse nicht mehr geschieden. Selbst in anfänglichen, temporären Erfahrungen dieser Art wird die Parallelität zu Johannes 14,6 deutlich: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich. An dieser Lebenssphäre partizipiert man als Mensch schlechthin; ohne sie wäre Regeneration im Schlaf nicht möglich. Aber in meditativen Ausnahmezuständen ist das Bewusstsein bei entsprechender Schulung auch in der Lage, sich erst im Ansatz, dann in sich vertiefender Hingabe willentlich auf diese Ebene zu begeben. Möglich wird dies durch eine erhöhte Konzentration, durch einen bewussten Verzicht auf Denk- Inhalte im Sinne von kontextualisiertem, isoliertem Wissen, und schließlich durch ein willentliches Abschalten aller sensorischen Rückmeldungen. Man begibt sich in ein energetisches Feld, in dem zunehmend geistige Organe von der Stirn bis herab zur Herzsphäre (und weiter) aktiv werden. Das energetische Feld ist selbst geschaffen- ein empfangender Wille, empfänglich und offen wie ein Resonanzboden. Es ist ein Zustand höchster innerer Aktivität und eines inneren Friedens zugleich, aber auch des Eintauchens in eine natürliche Frömmigkeit und Andacht, die hier entspringen. Auf dieser Ebene beginnen die Lebensprozesse dynamisch aufzutreten- im Sinne scheinbar von Außen imaginativ heran strömender Kräfte. Es ist ein belebendes Element, das willenhaft, transparent aufscheint, aber zugleich ein Gefühl vermittelt, das Rudolf Steiner bezeichnet als ein Gefühl von Frühling:

„Indem wir im Einschlafen den zu einer Welt erweiterten physischen Leib und Ätherleib ansehen, so sehen wir sie gleichsam so, dass wir sie empfinden können, wie einen im Frühling aufwachenden Planeten. Und das geht durch den ganzen Schlafzustand so weiter.
Während wir mit dem physischen Anschauen gewissermaßen unsere Erdoberfläche empfinden und auf ihr das von unten nach oben Sprießende, dasjenige, was wächst und gedeiht, im Bewusstsein haben, ist es so, wenn wir nun von außerhalb dasjenige beobachten, was mit unserem Leibe vorgeht und mit der Pflanzenwelt vergleichen, als wenn seine Wurzeln von oben her dringen und es mit seinen Blüten in unseren Leib hineinwächst. Also eine vollständig umgekehrte Welt empfinden wir, und die Früchte werden hinein versenkt.
Wir lernen dann, dass mit diesem Hinein- Versenken der Früchte wirklich dasjenige zum Ausdruck kommt, was uns dann als die Stärkung des Schlafes zum Bewusstsein kommt. Wir sehen, wie der Kosmos eine ganze Vegetation in unsere Leiblichkeit hineintreibt."
(Rudolf Steiner, GA 159, Seite 156f)
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Ewigkeit und Zeitlosigkeit

In „Presence: The Art of Peace and Happiness“, schreibt Rupert Spira wiederum einen kühlen, klaren, gleichwohl imaginativ wirksamen Führer zur zeitgenössischen meditativen Erfahrung. „Imaginativ wirksam“ meint dabei, dass das Studium des Buches selbst in dieser Hinsicht für den Leser wegweisend ist; das Denken über Identität, Denken, Zeitlosigkeit führt in den Bereich, um den es geht. Wir mögen es nennen, wie wir wollen, aber es geht um das leere Denken, das inhaltsfreie, rein vom Willen getragene Denken, das sich als flexibel, beweglich, lebendig erweist. Die Fixierung auf Inhalte, auf Mechanismen und Automatismen, auf suggestive Gewohnheiten und Assoziationen wird dabei überwunden. Der Status Quo unseres Alltagsbewusstseins ist nach Spira doch dieser: „We have forgotten our essential identity of pure aware being and allowed it to become mixed up with the characteristics and qualities that define the body and mind. Most people live almost constantly in this state of amnesia and their lives are a reflection of this simple forgetting.“ An die Dimension unserer „essentiellen Seinserfahrung“ kommen wir aber nur über die Befreiung des Bewusstseinspols heran, d.h. über die Arbeit am Denken selbst.

Erste Erfahrung des Seins bedeuten eine Loslösung vom Subjekt- Objekt- Verhältnis, von der üblichen Art unserer Informationsverwertung: „Only an object, such as a body or a mind, could appear and disappear or be subject to birth, growth, evolution, decay and death. Our self, aware presence, knows these changes but is not itself subject to them.“ Dabei rühren wir an eine Ebene der Ewigkeit und treten schließlich, in vielen kleinen Schritten und kit über Jahre andauernden Anläufen vollends in sie hinein:

Our self did not appear at a particular time and will not disappear at a particular time. There is no time present in our actual experience in which something could appear or disappear. There is just this ever-present now and this now is not a moment in time; it is timeless awareness, our true nature. Our culture has lost this knowledge and therefore equates the eternal with the everlasting. However, these two belong to completely different realms, one real and one imaginary. ‘Everlasting’ is related to time and denotes something that supposedly lasts forever. ‘Eternal’ is related to the timeless and denotes that which is ever-present now. It is not about life everlasting. It is about eternal life.

Diese Erfahrung, die ja deutlich an die Christus- Worte „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ erinnert, ist aber doch insofern eine der „Zeitlosigkeit“, als man im Vergleich zum Alltagsbewusstsein jedes Zeitgefühl verliert; erst an diesem Punkt setzt wirkliche Meditation an. Was bis an diesen Punkt geführt hat, waren Vorbereitungen. Aber der Anklang des Ewigen ist etwas, was weiter und weiter vertieft werden kann; es vollzieht sich von nun an, ohne dass man daran „arbeiten“ würde: Es arbeitet selbst. Man hat dabei keinerlei „mystische“ Empfindung, aber sehr wohl lebhafte Gefühle- im Grunde erlebt man puren Realismus. Dies ist die Ebene, in der das Reale ansetzt, das in sich Transparente, das Ungebrochene jenseits des illusionären Selbstbetrugs. Aber es ist zugleich immer ein Anfang, da sich die Perspektiven weiter verschieben und man immer weiß, dass dies ein Anfang ist. In der unendlich möglichen Vertiefung ist man immer am Anfang.

ich habe ein langes Interview mit Spira zu dem Buch auf meiner Egoistenblog- Site eingestellt.
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Steiners essentielle Lotosblumen- Übungen

Die in GA 245 in der Esoterischen Schule gegebenen Übungen (ab ca 1906) arbeiten noch direkt an den Lotosblumen und beziehen auch bestimmte Atemübungen ein, die Steiner später nicht mehr einsetzen wollte, die wir daher auch überspringen. Es geht um die Übung des Ich-bin ("..sich zu konzentrieren auf den Punkt an der Nasenwurzel"), Es denkt ("..sich zu konzentrieren auf den Kehlkopf"), Sie fühlt ("..sich dabei zu konzentrieren auf das Herz") und Er will (.."konzentriere sich dabei auf den Nabel, indem man sich dabei in Gedanken Strahlen zieht, die den ganzen Unterleib durchziehen").

Im Anschluss erläutert Steiner die Übung Schritt für Schritt: "Und es ist eben diese Kraft des "Ich-bin", welche sich in einem Zeitraum der fernen Vergangenheit mit jenem Menschenkörper vereinigte, der noch nicht die heutige Stirnbildung hatte, und diese Kraft des "Ich-bin" hat die vorige Gestalt zur gegenwärtigen Stirne aufgetrieben" (S. 41). Diese gestaltbildende ursprüngliche Kraft ist der Einstieg in einen Übungsreigen, der das Bildende selbst zur Erfahrung bringen kann und damit das Erleben einer nicht leiblich gebundenen reinen Kraft: Versenkung in das "Ich-bin" macht es möglich, dass der Meditierende "die Kraft in sich spüren kann, welche ihn in seiner gegenwärtigen Form selbst gebildet hat" (S. 42). Es ist zugleich die Erfahrung einer Freude, "dass ich als selbständiges Wesen mitwirken kann an der Welt" (dito). Nach intensiver, langer Übung wandelt sich das Erleben zu einer inneren Lebendigkeit, "welche in dem Pflanzenkeime ist und ihn zu den Gliedern des Pflanzenkörper auftreibt" (dito). An dieser Stelle schlägt Steiner den Bogen zum Erleben des Ätherischen, wie er sie später auch in "Wie erlangt man.." ausführt. Es ist ein innerliches "Lichtausströmen", eine Freude, die den Willen mit Wärme erfüllt.

Ähnlich greift "Es denkt" auf die Kraft zur Bildung der Sprachorgane zu, wobei "Strahlungen erlebbar werden können, die wie der "Ausgangspunkt einer geistigen musikalischen Harmonie sind" (S. 43) und den Meditierenden mit "einem Gefühl heiliger Frömmigkeit erfüllen".

"Sie fühlt" kann zum Erleben der Kraft führen, die die Arme und Hände ausdifferenzierend gebildet hat und letztlich den aufrechten Gang. "Sie fühlt" führt zu einem intensiven Erleben auf die Arme und Hände: "Man kann dieses Gefühl als das der Liebe im tätigen Dasein bezeichnen" (S. 44).

"Er will" schließlich führt zur Erfahrung der Separation des ganzen Leibes aus der Umgebung heraus. Es bezieht sich auf die ganze Hautoberfläche und kann damit Kräfte erleben, "durch die den sinnlichen Dingen ihre Form und Gestalt gegeben wird" (S. 44) Es kommt zu einem inneren Hinausgehoben- Sein "über alles sinnlich- körperliche Dasein", ein Versetztsein "in die reine Geistigkeit" (S. 45)

Es sind diese essentiellen anthroposophischen Übungen, die offensichtlich auch Edith Maryon gegeben worden sind. Der gesamte Übungskomplex, der mit dem Erwecken der Lotosblumen zusammen hängt, führt schließlich dazu, eine Verbindung "zu fühlen mit den Gliedern des Körpers, welcher ein aus der geistigen Welt heraus entstandenes Gebilde ist" (S. 46).
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Michael Eggert: Die "Tröstung"

Worin nun die Tröstung eigentlich besteht, hatte ich mich gefragt, es ist doch nichts Sentimentales gemeint. Es war merkwürdig, sogleich zu bemerken, dass die Tröstung im Verstehen selbst besteht. Es sind keine vereinzelten Informationshäppchen, mit denen man umgeht, sondern die unmittelbare, direkte Erfahrung der Kraft des Verstehens, des verständigen Wollens, ein Verstehen, das sich selbst in reinem, strömenden Schaffen erkennt.

Die Tröstung besteht in der Erkenntnis, dass dieses Verstehen universell ist- nichts Geschaffenes ist ohne dieses Verstehen entstanden. Alles Geschaffene ist daher zu verstehen. Die gebildeten Formen und Körper sind wie Borken aus dem Verstehen heraus gewachsen. Beim Formwerden endet das aktive Verstehen, auch wenn die Gestalt ein Ausdruck des aktiven Geistes ist.

Ähnlich bilden sich Gedanken wie Krusten des schaffenden Geistes, kristalline Spuren auf einem nicht abzuschätzenden Strom.

Die Tröstung besteht in der Erkenntnis, dass das Verstehen keinen Lehrplan hat, keine lineare Entwicklung kennt. Im Mutterreich des Parakleten ist das Verstehen bodenlos. Es eröffnen sich aus einer winzigen Frage Weiten des Blickes. Die Perspektive hängt nur davon ab, was wir aushalten. Es ist nämlich auch bewegend, ja manchmal ergreifend. Wie wenn man als kleiner Junge zum ersten Mal vor dem Kölner Dom gestanden hat, oder gar vor dem Altar, und dann den Blick hob. Es ist eine Frage der Perspektive, nicht die eines Lehrplans. Der Trost besteht darin, zu wissen, dass wir hier zu Hause sind.

Die hier gemeinte Tröstung ist eine Antwort auf Buddhas Leiden. Auch dieser Begriff ist viel zu groß, um auch nur eine Spur von Sentimentalität aufzuweisen. Gemeint ist die Erfahrung des sartreschen "Geworfenheit ins Sein", wobei auch die Tatsache dieses Geworfenseins nur von dem bemerkt werden kann, der sich daraus zumindest so weit befreit hat, um das konstatieren zu können. Aus der Perspektive des Geistes ist das Leben so lange Leid, solange sich der Geist in ihm vergessen hat. Das Gewahrwerden ist der Beginn der Tröstung, und der Beginn zur Überwindung des existentiellen Leidens, das nur in der Selbstvergessenheit besteht.
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A.H. Almaas, ein moderner Mystiker

Eine eigene Seite mit gesammelten, bislang bei den Egoisten erschienen Hinweisen, Links und Aufsätzen zu A. H. Almaas ist nun frisch eingerichtet worden, um den eventuell interessierten die Suche zu erleichtern, denn die Aufsätze und Blogbeiträge sind von beiden Seiten der „Egoisten“ zusammen gezogen und aufgelistet worden.
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Der vollkommene Lehrer in uns selbst

Es ist sicher kein zentrales und auch kein notwendig zu lesendes kleines Buch von A.H. Almaas, aber eben doch eines, in dem die richtigen Fragen gestellt werden. Ich spreche von "Das Elixier der Erleuchtung" (Freiamt o.J.) und die Frage ist die, warum, wenn zahllose Religionen, Gurus, Säulenheilige, Erleuchtete doch Wege gelehrt haben, in irgend einer Weise Erlösung von dem Begehren gelehrt haben, "die Reaktion auf diese Botschaft" so "minimal" ist: "Man bewundert und liebt vielleicht eine Lehre, aber normalerweise reagiert man nicht auf diese Einsicht in das Begehren." Manche versuchen der Lehre zu folgen, manche folgen ihr äußerlich, manche unternehmen "noch nicht einmal den Versuch, (..) wirklich zu folgen."

Das liegt nach Auffassung von Almaas daran, dass der "Glaube an die Lehre über das Begehren" von einer unbewussten Ablehnung unterminiert wird, von einem Mangel an essentieller Berührung, weil die persönliche Erfahrung, "die auf Begehren beruht", auf einer anderen Ebene sagt, dass diese Lehre nicht wahr ist, nicht für den Einzelnen selbst: "In den Tiefen seiner Persönlichkeit glaubt er, dass er bekommt, was immer er will oder braucht, wenn er es nur genug begehrt, und dass er nicht haben kann, was er möchte, wenn er es nicht begehrt. Mit anderen Worten: Wenn man die Wahl hat zwischen Haben und Sein, garniert man zwar sein Haben gern mit einer Lehre vom Sein, entscheidet sich aber letztlich immer für das Haben. Denn existentiell glaubt jeder Mensch, dass er "physisch nicht überleben wird, wenn er seinen Begierden nicht folgt". Erst wenn reale geistige Erfahrungen des Seins vorliegen, kann dieses Verhaftetsein, das letztlich auf der Angst vor dem Tod beruht, bearbeitet werden.

In der Folge untersucht Almaas eine Reihe von "Lehren"- vom Buddhismus über zeitgenössische Lehrer wie Sri Aurobindo, Osho, Krishnamurti- und zeigt auf, dass sie Antworten auf bestimmte Fragestellungen wie ein Produkt anbieten, aber höchst selten den Adepten (um eine gern benutzte Phrase zu benutzen) dort abholen, wo er tatsächlich steht. Es reicht eben nicht aus, "wenn ein Meister zu einem Schüler aus seiner eigenen Perspektive spricht." Die Probleme der Schüler variieren dabei ganz erheblich. Wie sollte man z.B. selbstlose Hingabe erwarten, wenn ein Mensch gerade erst mühsam lernt, sich zu behaupten und nicht ständig unterwürfig zu reagieren? Jemand mit einem Mangel an Selbstgefühl oder Selbstbewusstsein kann sein Selbst nicht aufgeben; jemand, der sich leer, einsam und unverbunden fühlt, kann mit dem Ideal einer Erfahrung der Leere nichts Positives verbinden. "Hingabe" bedeutet für den normalen Menschen erst einmal, das sein existentieller Schutzschild, seine sich selbst behauptende "Abwehr", aufgegeben werden soll. Ein Mensch ohne Schutz ist auf dieser Ebene aber lediglich ein verletzlicher Mensch. Inwieweit sollte - hier spricht Almaas vor allem die Christen an- Selbstlosigkeit zur Freiheit führen? Selbst ein "Christus- Bewusstsein" im Sinne einer selbstlosen Liebe, kann man aus diesem Grund im Munde führen, aber nicht, bevor Vieles in der "Seele entwickelt" worden ist, tatsächlich "verkörpern". Auf dieser existentiellen Ebene möchte niemand wirklich in einen "Abgrund" springen, von dem man nur annehmen kann, dass dieser Abgrund nicht mehr als "Geheimnis und geheimnisvolles Andeuten" bedeutet.

Die Essenz ist kein mystischer fremder Ort jenseits unserer Persönlichkeit: "Unser Wesen, unsere Essenz, das Göttliche in uns, ist mit unserer Persönlichkeit auf eine sehr komplexe und intime Weise verbunden." Gleichzeitig ist aber diese Persönlichkeit "als ganze" auch unsere innere Barriere gegen Essenz. Es gibt z.B. bestimmte Aspekte der Persönlichkeit, die sich permanent ängstlich gegen jede Erfahrung der Leere anstemmen, indem wir konsumieren, uns in bestimmte Glaubensinhalte stürzen, in Beschäftigung, Arbeit und "feste Standpunkte". Insofern hat jeder Mensch - je nachdem, wie er sich entwickelt hat- spezifische Abwehrmechanismen, aber auch spezifische Chancen des Zugangs zur Essenz. Diese ändern sich je nach Lebenssituation. Eine Überwindung dieser inneren Zerrissenheit des Adepten wird nur gelingen im Rahmen einer Entwicklung, in der er nicht nur fühlt, dass er "Willen besitzt", sondern indem er fühlt, dass er Willen ist. Diesen Willen muss man, bevor dieser verwandelt werden kann, erst mal haben. Die speziellen individuellen Persönlichkeitsthemen müssen bearbeitet sein. Bis dahin besteht das grundsätzliche Dilemma fort, dass "Leiden, wie fast immer, einfach fortdauert". Die Erfahrung von essentiellen Aspekten unseres inneren Dramas ist immer eine sehr schmerzhafte Konfrontation "mit Teilen von uns selbst, mit denen wir uns normalerweise nie auseinander setzen würden", mit "Teilen der Persönlichkeit, die wir nie zuvor in Frage gestellt haben". Unsere unbewussten etablierten Muster und Konditionierungen sind so stark, dass wir durch eine schwierige Phase des Konflikts zwischen "Essenz und Persönlichkeit" hindurch müssen. Eine kleine Berührung allerdings kann so wirken, dass die Essenz selbst "als ein perfekter Lehrer" zu wirken beginnt. Die Aspekte in uns, die uns aus dem Gleichgewicht bringen, werden "sanft und auf angemessene Weise" aufgedeckt: "Kein menschlicher Lehrer kann so präzise, so effektiv und so angemessen sein". Die einmal gespürte Nähe der inneren Essenz "lässt uns nicht ruhen", bis sie sich uns mit "intuitivem Verstehen", mit ihrem "Wissen, mit ihrer Lehre und mit ihrem Verstehen" erfüllt. Langsam wird der essentielle Aspekt "unser Sein und unsere Präsenz": "Keine Bewegung von Begehren. Keine Bewegung von Festhalten. Kein Klammern an irgendetwas."

So kommt vielleicht ein Stadium, in dem wir erfahren: "Wir haben den vollkommenen Lehrer in unserem eigenen Sein."
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Tauchen unter dem Eis

Es gibt - jedenfalls in einer Existenz- Situationen, in denen sich der Körper seiner Benutzung weitgehend entzieht, vor allem, was die sensorische Verarbeitung betrifft, trotz aller Einschränkungen die Möglichkeit geistiger Präsenz. Das ist zum Beispiel bei einem Migräne- Anfall oder anderen chronischen Schmerzen der Fall. Stoffwechsel, Verdauung, Möglichkeiten, überhaupt motorisch, intellektuell oder sozial tätig zu sein, entfallen dann oder erscheinen doch sehr gestört. Tag und Nacht gehen ineinander über wie Schemen. Ein solches temporäres Schattendasein betreibt man in einer Nische der Welt, in der Rumpelkammer der Biografie. Medizinische Mittel gibt es gegen diese Art von Schmerz nicht; im Gegenteil, eine Reihe von Schmerzmitteln bewirken durch Anreicherung von Histamin den gegenteiligen Effekt und verlängern den extraterritorialen Zustand immer weiter. Mit anderen Worten: Man kann es nur ertragen.

Trotz des Mangels an geistiger Fokussierung ist es aber möglich, unter dem Eis zu tauchen. Zumindest in gewissen Ausnahmezuständen kann man eine geistige Kraft nutzen, die unter der intellektuellen Verarbeitungsaktivität gelegen ist- bemerkbar an einer Energie, die merklich mit der Aktivität der Chakren zusammen hängt. Man muss lauschen, ohne zu suchen, man muss die Welle nutzen und sich mit ihr auf offene Meer bewegen. Es ist offenkundig ein Bewusstsein möglich, das aus reiner Kraft besteht und das das momentan nicht nutzbare Instrument des Gehirns buchstäblich unterläuft.
Denn es gibt eine zweite (und dritte? und vierte?) Ebene des Bewusstseins, in der man aber wesentlich willenhafter, aktiver tätig ist als beim eher passiv- hinnehmenden intellektuellen Betrachten. Wenn der Intellekt durch ein schmerzhaftes Einfrieren praktisch unbrauchbar geworden ist, wenn der Körper ein toxisch zeitweilig überspülter fremder Mikrokosmos ist, dann bleibt gar nichts anderes übrig, als rein aus innerer Aktivität zu schöpfen. Es geht, tatsächlich, zumindest, wenn man in guten Tagen etwas Übung gefunden hat. Und man bewegt sich dann in einem nicht vom allgegenwärtigen Schmerz berührten Bereich.

Die reine Präsenz, die man aufbaut, leuchtet einen inneren Raum aus, der von jeder denkbaren und unvorstellbaren Tiefe sein kann. Es ist immer offen, was bei einem solchen Besuch geschehen kann, wobei doch bestimmte Regeln gelten. Die reine, sich selbst bewusste Geistesgegenwart kann z.B. an etwas rühren. Das gelingt nicht immer, hängt von dem Grad der Befreiung und der Stille ab. Wenn alles stimmt, dann kann dieser innere Raum, den man rein geistig schafft, an seiner Innenseite erhellt und belebt werden. Plötzlich werden imaginativ dynamische Kräfte erlebbar- manchmal farbig, in jedem Fall auf ganz typische Art und Weise belebt, ähnlich intensiven, dichten Wellen- und Wolkenformen, die aus ihrer eigenen Mitte entspringen und die Tendenz haben, sich von vorne spiralig auf das eigene Zentrum zuzubewegen.

An diesem Punkt der Erfahrung solcher Dynamik bin ich im Leben verschiedentlich gewesen. Früher war es so gewesen, wie auf eine Lichtung im tiefen Wald zu treten, in der plötzlich Licht und Himmel in den Blick treten. Man hat keine Ahnung, wie man da hin geraten ist und wüsste beim nächsten Mal den Weg dorthin nicht zu finden. Aber mit den Jahren wird diese Lichtung unter dem Eis eine Art Konstante, ein Orientierungspunkt. Und es vertieft sich.

Diese reine und unerschöpfliche Energie ist etwas, was man selbst nicht einfach hervor bringt. Es ist keine Vision. Diese Dynamik ist ein Teil der Lebenskräfte selbst, ein universelles ununterbrochenes Schaffen, dem man in diesem Augenblicke nahe kommt. Und man hat deutlich die Empfindung, dass diese Kraft mit dem Denken selbst zu tun hat - es ist die Lebens- Bewusstseinskraft schlechthin. Die auf einen selbst zielende Kraft begreift man in den heiligen, kostbaren Momenten auch als Wesensberührung, denn diese Dynamik ist Willen, in dem man etwas Wesenhaftes ahnen kann. Die Berührung ist zart.

In dem Augenblick, in dem man an Berührung denken kann, verwandelt man sich aber auch selbst. Es geschieht etwas wie das Aufkommen einer tiefen Frömmigkeit, einer hingebenden Aktivität, die es überhaupt erst möglich macht, die sich ständig wandelnden Kräfte in sich hinein zu nehmen. Und noch viel kostbarer kann etwas erlebt werden wie eine Antwort auf die Berührung, die dem Inneren des Innenraums zu entspringen scheint und die Charakteristika einer Naturkraft hat. Es erscheint ähnlich dem Vorgang in der Natur, wenn die Frühlingssonne die ersten Spitzen der Frühblüher aus dem Boden lockt. Man wird berührt, und dann erwacht eine Wachstumskraft, die persönlich ist, aber von einer solchen ursprünglichen Kraft, die wir sonst nie erleben, weil wir "zerstreut" sind in einer komplexen leiblichen Wahrnehmung und Steuerung. Jetzt ist jede "Zerstreutheit" aufgehoben. Die Kraft, die als Antwort aus dem Innersten erwacht, ist zweifellos ein Aspekt des Ich, aber so wesenhaft und ursprünglich, so ungeteilt, unmittelbar und rein, dass sie kaum vergleichbar ist mit der uns bekannten, dreimal gebrochenen, indirekten Art des Selbsterlebens. Wir erleben uns als das ungebrochene, ursprüngliche Selbst, eine geistige Aktivität ohne jede Brechung.

Das ist der Punkt, hier, unter dem Eis, an dem die geistige Arbeit beginnt. Nicht dass man Schmerzen und Krankheit dazu bräuchte. Aber es geht auch trotz des widerständigen körperlichen Systems.

Rudolf Steiner geht auf diese Konstellation von Erfahrungen im rein geistigen Raum ein in „Welche Bedeutung hat die okkulte Entwicklung des Menschen für seine Hüllen und sein Selbst? (S. 94): „ Wenn man nun beginnt, so aus sich selber gleichsam herausströmend zu fühlen Gegengefühle gegenüber der Weisheit, Schamgefühle, Dankbarkeitsgefühle, wenn einem das gleichsam aus dem eigenen Organismus heraus aufstößt, dann macht man dadurch wiederum die erste elementare Bekanntschaft mit etwas, das dann weiter kennengelernt werden muss in der fortschreitenden okkulten Entwicklung. (..) Durch das, was da zurück sich staut, was da aus uns selber heraus dringt in dem Gefühl von Dankbarkeit und Scham, das einen Persönlichkeitscharakter hat, weil es aus uns herauskommt, durch das bekommen wir den ersten elementaren Begriff von dem, was man Archai oder Urkräfte nennt (..).“
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Durch das Jahr

In eigenen Übersetzungen von Textstellen des Neuen Testamentes und sich angliedernden erläuternden Betrachtungen führt Elsbeth Weymann in einem neuen Projekt auf dieser Seite durch das ganze Jahr. Wir beginnen mit dem Prolog aus dem Johannes- Evangelium, wobei es thematisch in der Betrachtung um das „Zelt Aufschlagen“ im Inneren geht.
Dem geneigten Leser wird sich der meditative Charakter der Neuübersetzungen erschließen, wenn er sich auf die Texte einlassen möchte.
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Simone Weil: In Christus

Simone Weil saß ja völlig zwischen den Stühlen- sie, die als Jüdin so heftig mit dem Katholizismus rang, so sehnsüchtig, aber sich letztlich das Sakramentale, ja selbst Meditation und Gebet aus Scham und Ehrfurcht versagte, aber auch, weil sie fürchtete, damit etwas von der Reinheit ihres Empfindens zu verfälschen: „“I was afraid of the power of Suggestion that is in prayer..“. Simone Weil ist meist nur in Kompilationen und kurzzeitigen Editionen auf Deutsch erhältlich. Leider kann ich sie nicht im französischen Original lesen und weiche daher manchmal auf englische Übersetzungen aus. So auch ihre „Spiritual Autobiograph“ in „Waiting for God“- Essays und Brieffragmente, die in dieser Zusammenstellung zuerst 1950 in Frankreich erschienen. Auch meine englische Ausgabe ist alt, aus dem Jahr 1969. Ich erlaube mir, ein kleines Fragment selbst frei zu übersetzen (S. 37 ff).

Als ich letzten Sommer mit T. mein Griechisch erprobte, ging ich Wort für Wort durch das Original des „Vaterunsers“. Wir versprachen einander, es komplett auswendig zu lernen. Ich fürchte, er hat sich nicht daran gehalten, aber als ich einige Wochen später im Testament blätterte, sagte ich mir selbst, ich hätte es versprochen, und es war eine gute Sache. Ich sollte es tun. Und ich tat es. Die unglaubliche Süße dieses griechischen Textes nahm mich so sehr gefangen, dass ich eine Reihe von Tagen gar nicht aufhören konnte, es die ganze Zeit zu sprechen. Eine Woche später begann ich das Keltern. Ich rezitierte das „Vaterunser“ täglich vor der Arbeit, und wiederholte es sehr häufig während der Arbeit im Weinberg.

Seitdem ist es zur Gewohnheit geworden, es täglich morgens mit absoluter Aufmerksamkeit zu sprechen. Falls meine Konzentration während des Rezitierens abzuschweifen oder gar zu erlöschen droht, und sei es im allergeringsten Grad, beginne ich von vorn, bis es mir gelungen ist, einmal in vollkommen reiner Konzentration durch den ganzen Text zu kommen. Manchmal sage ich es auch nochmals aus reinem Vergnügen, aber das ich mache nur, wenn ich wirklich den inneren Impuls dazu fühle. Der Effekt dieser Übung ist außerordentlich und überrascht mich selbst jedes Mal, da immer, bei jeder Wiederholung, alle meine Erwartungen übertroffen werden, obwohl ich es doch täglich praktiziere.

An manchen Tagen reißen schon die ersten Worte meine Gedanken aus dem Körper und bringen mich an einen Ort außerhalb des Raums, an dem es weder Perspektiven noch Standpunkte gibt. Das Endgültige der gewöhnlichen Wahrnehmung wird durch eine Endgültigkeit zweiten oder manchmal dritten Grades ersetzt. Gleichzeitig ist da eine Stille, die jedes Teil dieser Endgültigkeit der Endgültigkeit erfüllt- eine Stille, die nicht eine Abwesenheit von Lärm meint, sondern das Ergebnis einer Erfahrung ist, weit realer als es Geräusche zu sein vermögen. Falls doch Geräusche auftauchen sollten, können sie mich nur erreichen, indem sie durch diese Stille hindurch gehen.

Manchmal ist während der Rezitation oder auch bei anderen Gelegenheiten Christus bei mir als Person, aber seine Gegenwart ist unendlich mal konkreter, bewegender und klarer als bei der ersten Gelegenheit, als er von mir Besitz ergriff. Ich hätte es nie auf mich genommen, Dir das alles mitzuteilen, wenn es nicht klar wäre, dass ich dabei bin, wegzugehen. Nur Da ich mehr oder weniger mit meinem Tod rechne, glaube ich, dass ich dies nicht für mich behalten sollte.“
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Östliche und westliche Initiation

Wenn man also die kulturellen Grenzen überwunden und die Realität eines Entfaltungsprozesses wie den von A. H. Almaas, den er in vielen Büchern und über Jahrzehnte beschrieben hat, verfolgt hat - so weit die eigenen Möglichkeiten und das innere Mitvollziehen reichen-, ist man vor allem voller Bewunderung. Seine Grundannahmen, in denen er zwischen mind (Verstand, Alltagsdenken) und nous (geistige Gestaltungskraft, Imagination, Inspiration, Intuition) unterscheidet, ist nachvollziehbar, ebenso wie die ganze innere Bewegung, die Almaas darstellt. In Almaas meint man etwas wieder aufleben zu sehen, was spätes Erbe einer vergangenen spirituellen Hochkultur ist, wenn auch auf ganz eigene Art und Weise aufgefasst. Und dazu noch heiter, gelassen und völlig realistisch:



Man fühlt sich erinnert an die weiten Reisen des Christian Rosenkreutz in den fernen Orient, auf der Suche nach den Quellen der östlichen Initiation im Mittelalters. Jostein Sæther fasst diese historischen Reisen ja auf seiner Website in mehreren Teilen zusammen, so dass man einen Eindruck bekommt. Es gab und gibt eben immer eine Vielfalt islamischer Impulse. Einen simplen Dualismus sucht man bei Almaas vergeblich, ebenso wie eine nur ekstatische Suchbewegung. Was man aber schon konstatieren kann, ist das Unermüdliche des spirituellen Wachsens, eine Art atemlosen sich weiter Hineindrehens in die reine geistige Erfahrung. Man findet schon imaginative Grundmotive, bei denen Almaas längere Zeit verweilt. Aber ein grundsätzliches Innehalten, ein Reflektieren, Bestätigen und Atemholen findet eher nicht statt. Almaas tanzt in einer steilen Kurve in ein Kosmisches Bewusstseinsfeld, das für den Leser, sofern er nicht in einer ähnlich weit entwickelten Lernphase steht, trotz der Konkretheit der geschilderten Erfahrung allmählich außerhalb des Fassbaren gerät. Die Tiefe einer Erfahrungsebene erschließt sich dem Leser eigentlich nur dann, wenn er die angesprochene Phase tatsächlich selbst mit Leben füllen kann- real, nicht nur als gedankliches Konstrukt. Bei den Versuchen der Reflexion bemerkt dann schnell, dass Almaas selbst schon weiter getanzt ist. Natürlich hat Almaas auch - in anderen Büchern- andere Seiten- etwa die des Psychologen und reflektierenden Wissenschaftlers. Er selbst ist ja Physiker. Aber in diesem Buch - „Luminous Night's Journey" (hier ein Ausschnitt) - erscheint er wie jemand, der in den Urlaub fährt, aber nie ganz ankommt, weil er weiter und weiter fährt, eine nicht enden wollende Kette von Erlebnissen und Erfahrungen. Mancher "Reiseeindruck" erscheint dabei eher von Postkartenumfang.

rosenkreutz
Ganz anders der in der Rosenkreuzer- Tradition stehende Steiner, der erstens sehr viel weiter und konkreter ausgestaltet, als es die Mal um Mal tiefere, auch psychologisch reflektierte Selbstbeschau eines Almaas erlaubt. Zweitens stellt sich dieser in seiner autobiografischen "Journey" doch überraschend spät in eine Konfrontation mit dem Tod. Im selben Augenblick kommt die kalifornische Heimat und Natur in den Blick, ja selbst etwas wie Alltag. Das wird dann etwas flach, gerade im Gegensatz zu den extrem innerlich- mystischen Kapiteln zuvor. Man sieht, dass Almaas völlig berechtigt und verständlich vor allem in einer realen mystischen Tradition steht, die er in der Gegenwart nicht etwa referiert, sondern beispielhaft vorlebt. Seine Schilderungen sind staunenswert. Dennoch kann man eben das vermissen- die simple, aber so schwierige Umsetzung in den Alltag. Im Gegensatz dazu ruft Rudolf Steiner in seiner Schulung schon früh zur Vertiefung in die Natur, die Gesteine, die Jahreszeiten auf, durch eine Metamorphose des Denkens in ein reines, inhaltsloses Tun. Steiner ist selbst in einem sehr okkulten und intimen Buch wie "Welche Bedeutung hat die okkulte Entwicklung des Menschen für seine Hüllen und sein Selbst?" darauf aus, die innere Entwicklungsschritte mit der konkreten Umwelt zu verbinden: "Ein anderes Ergebnis wird sein, dass man während der Winterszeit durch die esoterische Entwicklung immer mehr und mehr fühlen wird, dass man sozusagen mit seinem inneren Ätherleib nicht so in sich geschlossen ist wie während der Sommerszeit, sondern dass man mehr in Zusammenhang kommt mit dem unmittelbaren Geist der Erde… man wird verstehen lernen, dass der Geist der Erde wacht im Winter." (S. 76 ff)

Aber das meint kein Besser oder Schlechter, kein Weiter in der Entwicklung, sondern es meint die Freude an der Vielfalt der esoterischen Nuancen, Traditionen, Schwerpunkte. So wie Christian Rosenkreutz im Mittelalter erlebt man die unterschiedlichen Betonungen in der Entwicklung des Individuums in den verschiedenen Kulturen. Das schließt sich nicht gegenseitig aus, sondern ergänzt sich- zumindest dann, wenn eine methodisch saubere, moralisch ausgewogene und geistig klare Wegbeschreibung vorliegt.
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Medien unserer Präsenz

Die Präsenz, die wir zeigen:

In elektronischen Medien sozialer Art wie Flickr, Facebook und Twitter, in denen wir Präsenz zeigen, fällt besonders auf, dass wir präsent im Medium sind, solange wir aktiv sind. Auch in Bezug auf Blogs und deren Timeline ist das deutlich zu beobachten: Man generiert Kontakte, weniger Zeilen oder Daten. Man generiert im Netz eine Art virtueller Verleiblichung: Das ist das Ich im Netz. Es ist reine Aktivität, es lebt aus der Aktualität der Präsenz. Es kommen zudem ständig neue Medien hinzu, die soziale Strukturen ermöglichen- wie etwa der Musik- Streaming- Dienst Spotify. Die Signatur, die man als Ganzes hinterlässt - wenn man die Produkte, die man online gekauft hat, hinzu rechnet-, wird zu Werbezwecken ausgelesen und en gros weiter verkauft- unsere Profile, die Spuren, die das Online- Ich hinterließ, sind auch eine Ware.

Dieses Spuren hinterlassen durch eine direkte, unvermittelte und doch mediale Präsenz auch andere Gegebenheiten des Lebens. Vielleicht können wir auch in einem Berufsleben aufgehen, uns später einrichten und uns für unersetzlich halten. Wir werden aber immer erfahren, dass unsere zeitliche Präsenz viel begrenzter ist, als wir glauben. Wir werden zwangsläufig erfahren, dass das Schiff ganz gut weiter rollt ohne uns. Und die Mannschaft an Bord ist mit der Aufgabe beschäftigt, denn sie alle gehen ja darin auf- genau wie wir selbst gearbeitet haben. Wir werden daher fast augenblicklich ersetzt und vergessen.

So denke ich auch an meinen sehr alten Vater, der zäh an Gewohnheiten, seinen Regeln und Gebräuchen hing. Aber in einer Situation, in der die Lebensfreude daran zerbricht, dass die eigene Lebensgestaltung illusorisch wird, verfällt der Körper schnell durch eine innere Verweigerung. Die Gewohnheiten spielen im Detail plötzlich keine Rolle mehr. Der Geist verweigert die Erfüllung existentieller Bedürfnisse. Auch dieser Körper lebt von unserer ununterbrochenen Präsenz. Wenden wir uns ab, zerbricht er. Wir sind auch in dieser Hinsicht immer nur Aktivität, Spuren hinterlassend, die schnell verwehen.

Wir sollten die Präsenz nicht mit dem Medium verwechseln.
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Jiddu Krishnamurtis rückhaltloser Weg zur Selbsterkenntnis

In den zwei langen Lectures aus dem Jahr 1985, den „Washington Talks“, möchte Krishnamurti sicher alles, aber keinen traditionellen Vortrag halten. Er möchte die Zuhörer - mit strengen Worten, Haltung und Worten - anhalten, gefälligst selbst zu denken und nicht ihm einfach zu folgen. Andererseits erinnert er die Zuhörer daran, dass sie in geistigem Sinne jetzt nicht nur als sie selbst da sitzen, sondern als Repräsentanten der Menschheit. Er hält im ersten Teil dieser Menschheit quasi einen Spiegel vor, als einer parasitären Plage auf diesem Planeten. Im zweiten Teil führt er den Zuhörer durch eine Art Ausschlußverfahren all dessen, was an uns dinghaft und vergangen ist, bis zu dem Punkt, an dem er sich als geistiges Selbst (und gleichzeitig Nicht- Selbst) selbst erfahren kann.

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Der anthroposophische Eselskarren

Natürlich findet man auch in Büchern und bei Autoren, bei denen sich die Nackenhaare sträuben, nicht selten Fundstücke aus der esoterischen Kiste, die ganz dem eigenen seelischen Geschmack und der Art der geistigen Aktivität entsprechen, d.h. man fühlt sich durch Fundstücke, Bruchstücke, Metaphern innerlich beflügelt und inspiriert. Wohl dem, der trotz der rigorosen Eigenständigkeit seines Denkens dennoch eine Anmutung erfahren kann, wo er so etwas wie eine Spur von geistiger Heimat finden kann. Nicht eine simple Selbstbeschränkung, sondern ein Gefühl für die innere Orientierung, die der eigenen Objektivität nichts nimmt, aber doch das Empfinden für ein inneres Lot.

Ich selbst habe dergleichen nicht an einem bestimmten Ort gefunden - auch nicht in Dornach - aber seit bald vierzig Jahren in kleinen Texten über die Person des Christian Rosenkreutz. Solche Texte und Zitate Rudolf Steiners findet man z. B. auch im unten angesprochenen Buch von Sergej O. Prokofieff, auch wenn seine Kontextualisierung mir im einzelnen nicht gefallen mag. Aber die Textstücke alleine bewirken, dass mir warm ums Herz wird - sie sprechen manchmal etwas an, was zu einer spezifischen Intimität gehört, die nur der kennt, der wirkliches inneres Gespräch, Meditation oder tatsächliches rückhaltloses Beten aus der Erfahrung kennt. Umgekehrt sind Menschen, die dergleichen kennen, ohne Umschweife dazu in der Lage, solche Intimität anzusprechen, egal, aus welcher ideologischen oder mystischen Lage, aus welcher Weltgegend oder Kultur sie entstammen.

So geht es mir, wie schon öfter erwähnt, mit dem aus Saudi- Arabien stammenden, in der Mystik der Sufis aufgewachsenen A.H. Almaas, etwa in "Luminous Night' s Journey", auch wenn seine imaginative Bildwelt einem Westeuropäer nicht immer nahe steht. Almaas' Imaginationen wurzeln im genannten Buch z.B. stark in Materialien wie Metallen, Perlen oder bestimmten Gesteinsarten. Darauf kommt man so nicht, wenn man aus dem verregneten feuchten Klima der gemäßigten Nordhalbkugel stammt. Die Imaginationen sind offensichtlich gesättigt von kulturellen Einflüssen und spezifischen Einflüssen aus Kindheit und Umgebung. Manches klingt bei Almaas auch seiner Wahlheimat Kalifornien verwandt - kein Wunder, da er seit etwa vierzig Jahren dort lehrt, arbeitet und mit engen Freunden ein Studienseminar aufgebaut hat. Es ist eher die intuitive Ebene, auf der ich seine rationale Mystik als real und verlässlich empfinde, etwa wenn er über ein tiefes Stadium der Versenkung schreibt (S. 61): "The peace is itself the presence, which is complete stillness of mind and consciousness. Total transparancy, complete purity, and absolute absence of obstruction. The feeling is an indescribable intimacy."

Ja, wer diese spezifische unbeschreibliche Intimität kennt, weiß eben, dass dieser Mann wahrhaftig spricht. Diese Intimität, dieses einzigartige Empfinden ist eben ein notwendiger Teil des Herzdenkens. Es ist die tiefe Freude, ein geradezu sprudelndes Inneres Glück, jenseits des Nur- Persönlichen in einen inneren Strom einzutauchen, der mit dem Innersten zusammen hängt, und also dennoch immer persönliche Züge annimmt. Das Glück des Sich- Verschenkens, das zugleich ein Sich- Finden bedeutet, aber auch eine aktive, präsente, ungebrochene Zuwendungsfähigkeit. In dieser Phase des Erlebens ist die Unmittelbarkeit und Intimität so groß, dass man weiß, an den Wurzeln der Existenz zu stehen, zu atmen und zu schauen.

Es gibt die innere Orientierung wie zu Christian Rosenkreutz, aber auch die zu Denkern wie Almaas, trotz aller kulturellen und religiösen Differenzen, ja trotz seiner ganz anderen inneren Dynamik und der Art seiner Metaphern und Imaginationen.

Man muss sich das, "woher der Wind weht" heute aus aller Herren Länder zusammen suchen. Der anthroposophische Zusammenhang hat, solange er die Intimität des Erlebens nicht kennt (wie etwa bei Prokofieff), etwas von einem Eselskarren, der treu und mit Scheuklappen behaftet, seiner Wege geht. Wer aber hinten auf den Karren aufspringt und tatsächlich mitfährt, ist eine andere Frage. Das ist eine ganz bunte Gesellschaft.
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Das gereinigte adventliche Denken

Georg Kühlewind schreibt in "Die Belehrung der Sinne", Stuttgart 1990, S. 53:
"Rein wird das Denken durch dreifache Reinigung: Rein von Emotionen, rein von Wahrnehmungselementen und rein von Vergangenheitselementen."

Der erste Punkt, die Reinheit von Emotionen, bedeutet keinesfalls das Ausbleiben von Gefühlen. Aber das Selbstgefühl, das Gefühlige, das, was sich in eingebildeter Devotion badet, muss in einem meditativen Setting insofern ruhen, als sich der Praktizierende daraus befreit. Der innere Abschied von rastloser Alltagsbezogenheit in einer inneren Freiheitserklärung gelingt nur allmählich und ist als Reinigungsphase zu verstehen. Kühlewind nennt das auch explizit so.

Die "Reinheit von Wahrnehmungselementen" meint nicht nur das willentliche Ausschalten äußerer Eindrücke, sondern auch den Wust der neuronalen Rückmeldungen durch das körpereigene Kommunikationssystem, in das wir mit erheblichem energetischen Aufwand verstrickt sind.
Schweigen der inneren und äußeren Wahrnehmung ermöglicht das Erwachen der damit gebundenen Kräfte, die nun frei sind und dem fokussierten Denken wie kräftige Flügelschläge in die Kühle Luft des Geistes heben. In Bezug auf meditative Methoden wie Wortmantren wird in dieser Phase die inhaltliche Bindung der Gedanken zugunsten einer rein dynamischen überschritten ("wobei mehr der Gedankengang als der informative Inhalt verfolgt wird", Kühlewind).

Der dritte Schritt der Reinigung ist gegenüber all dem bislang Erreichten fundamental grundsätzlicher. Denn nun wird die schon ausgebaute selbständige geistige Potentialität tatsächlich realisiert- tatsächlich gelebt, mit - was vielleicht abgedroschen klingt- mit jeder lebendigen Faser. Denn das Reine Denken entdeckt sich selbst - Alchemist seiner eigenen Identität-, indem es "frei wird von Vergangenheitselementen" (Kühlewind). Das Gedachte ist immer schon das, was gedacht ist. Man hat es schon gedacht. Was aber, wenn ich mich orientiere an dem, was keine Orthaftigkeit mehr kennt, was unter dem winterlichen Auge des Himmelsherrschers Jupiter steht, aber in steter Bewegung? Was selbst Bewegung ist, bewegt auch in sich entfaltender, entfachender Empfindung?

In der Weite der weißen Landschaft verschwimmen alle Konturen des Das-da, aber auch meine eigenen. Leere allein ist kein Wert an sich, solange sie sich nicht füllt mit der essentiellen, alles überstehenden Wärme meines eigenen Seins, das die Nacht erfüllt.

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Michael Eggert: Die determinierenden Schattenwürfe des Karma

Den Exoten und exzentrischen Querdenkern, die sich mit Fragen beschäftigen, wo eigentlich diese spirituell Hochbegabten und auch die reinkarnierten Steinerschüler stecken? Wir torkeln hier von Krise zu Krise, und was tragt ihr bitte zu neuen Impulsen bei? Die totale politische Nichtgestaltung und Ideenlosigkeit ist ja heute geradezu Programm. Schatz, wir haben die Ideen geschrumpft, aber dafür auch den Extremisten, Fanatikern und Ideologen das verwaiste Feld überlassen.

Ich denke, dass es heute so viele Formen gibt, in denen man steckt und wirkt. Ich denke auch daran, dass es ja auch - um etwas heraus zu greifen- eine Krise der menschlichen Körper gibt, selbst wenn gewisse gesellschaftliche Schichten statistisch gesehen heute älter werden denn je. Reiche sind auch weit weniger bedroht durch aktuelle Einflüsse wie die von Umweltgiften, Radioaktivität, dem aggressiven Destabilisieren der sinnlich- existentiellen Ebene durch Geruchs- und Geschmacksstoffe (und eine verzuckerte Ernährungsindustrie ohne jede Moral auch den Tieren gegenüber).

Es gibt auch eine genetische Querebene. Einerseits die Geschichten, die man hört, wenn einer der Freunde die Familienchronik bis 1500 liest und voll sentimentalen Entsetzens berichtet. Was für entsetzlichen Personen man da entstammt, wenn man es denn weiß. Aber auch die jüngst Vorangegangenen können hier und da und bei Leuten, die eben damit geschlagen sind, einen soziopathischen Einschlag nicht verhehlen. Und ja, dem, der in sich selbst schaut, kann nicht wirklich verborgen bleiben, was man da potentiell mit sich herum trägt. Das Blut hat vielleicht kein Gedächtnis, aber die Genetik schon.

Mit diesen Dingen schlägt man sich herum, und das eigene Karma ist zunächst der Schutz davor, das tatsächlich wahrzunehmen. Das eigene Karma ist die Brille, die Blindheit, mit der wir geschlagen sind, vielleicht auch die innere Unaufrichtigkeit, in der wir mit uns umgehen und die auch unsere Wahrnehmung Anderer beeinflusst. Die partielle Amnesie, der Wucht der ungesteuerten Antriebe in sich zu begegnen. Unser Schicksal ist ja auch, die wüste Inkarnationsbude, in der wir uns eventuell wieder finden, aufzuräumen. An der Zimmertür hängt ein Schild, Heute leider geschlossen. Mieter und Besitzer sind reichlich beschäftigt.

Aber natürlich ist der Mensch immer findig gewesen. Er findet Mittel und Wege, technische Medien, Begegnungsstätten, Suchbewegungen. Er lebt eher auf, wenn die Lebensläufe, Biografien, inneren Befindlichkeiten Risse, Dellen und Auswüchse aufweisen. Wenn die Ehen Ruinen gleichen und die beruflichen Werdegänge ständig ins Prekäre driften. Wir müssen uns heute immer neu erfinden. Die Rollen, in denen wir auf verschiedenen Ebenen jonglieren, können widersprüchlich, die Projekte, in denen wir aufleben, terminiert sein. Wir selbst können im Lärm unserer biografischen und zeitgeschichtlichen Kalamitäten auf all das schauen, innehalten und uns unserer selbst - als dem etwas ratlosen Macher der Inszenierung- bewusst werden. Der reine, ungetrübte Blick, kann sich umkehren auf das Blickende. Das Schaffende in uns. Dann weitet sich der Blick und macht sich auf zu den Müttern.

So lautet das karmische Paradox: Je mehr wir spirituell erwachen, uns emanzipieren, das Denken ins Leben führen, die Stille kennen und im inneren Frieden ruhen, das reine Sein erfahren, in den Herzkräften mitgehen- desto mehr erkennen wir die Konturen der sich auftürmenden Hindernisse, Widerspenstigkeiten, Vergangenheitselemente, seelischen Geformtheiten, die in sich eben nichts sind als „Karma“. Karma ist unsere persönliche Säuglingsstation. Damit bleiben wir brav in unserer Spur, aber als passive, uninspirierte Reaktions- Denkmaschinen. Als Gefühlsmuster- Aussender. Als Impuls- Infantile. Auf den Händen des Karma werden wir getragen und dürfen uns in Selbstgefühlen wiegen.

Übrigens ist die Art, Karma so zu begreifen, als gäbe es da lediglich trans- personale Verbindungen, eine Art sinnloses Name-dropping. Man macht sich damit nur interessant, kommt aber an die eigentliche Problematik nicht heran. Es mag ein Nebeneffekt sein, solche Verbindungen irgendwann - in der fortschreitenden Befreiung des Geistes- zu erkennen. Wichtig ist aber doch, die Determinierung als solche nicht nur zu erkennen, sondern sich wirksam zu emanzipieren und so in der Welt zu stehen, dass man Thomas von Aquins Erkenntnis- Anforderung „Das Wirklichsein der Dinge ist selbst ihr Licht“ (Kommentar zu Liber de causis 1,6) realisieren kann. Das Wirklichsein der Dinge erkennt man erst, wenn man selbst „wirklich“ geworden ist- und damit die determinierenden Schattenwürfe des Karma überwunden hat.
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Michael Eggert: Der Weg zu den Müttern

zeichnung
Manchmal belässt man es einfach dabei, dass man es erwähnt, beim einen oder anderen Namen nennt oder dies zumindest versucht.
Denn es ist schwer, Worte für das zu finden, was ein unterirdischer Strom ist, ein scheinbar weit entferntes emotionales Leben, das vielleicht durch ein zauberisches Naturreich huschen möge, aber nicht durch mein eigenes Empfinden. Etwas, was weit jenseits dessen beheimatet zu sein scheint, was man willentlich einfach veranlassen könnte. Katholisch geprägte Gemüter mögen es kennen, und es irgendwie jenseitig umkleiden. Die Verzückten und die Bußprediger folgten dieser Spur auf ihre Art, simplifizierten und kolorierten es. Die ersten Hippies in Goa beriefen sich darauf. Die meisten Menschen waren ihm sicher schon ein paar Mal im Leben, in besonderen Situationen, nah. Mancher bucht es ab unter den besonderen Momenten, geht aber der Spur nicht weiter nach. Dort, wo das fokussierte Selbst diesem Strom von warmer, vorfrühlingshafter emotionaler Kraft begegnet, geht er in ihm auf und mit. Es liegt nichts Fremdes darin.

Substantiell besteht es aus derselben Kraft, der unser Leib und Denken, ja alles Geschaffene entspringt. Eine Art schaffende Lebensfreude. Wenn wir darin einsteigen, wenn wir uns davon tragen lassen, gehen wir darin auf und finden uns zugleich selbst. Es gibt dort keine Differenz, nichts, was heraus fällt: Hier hält alles unentwegt zusammen und fällt zugleich doch in dem Sinne auseinander- ein wirbelnder warmer, lieblicher, ja frommer Strom, dass es immer transparent und bewusst bleibt. Es ist nährend und erhellend zugleich; vielleicht der Weg zu den Müttern:

"Versinke denn! Ich könnt' auch sagen: steige!
's einerlei. Entfliehe dem Entstandnen
In der Gebilde losgebundne Reiche!"
(Goethe, Faust)

Freilich, die Spur verweht leicht, wir finden uns schnell wieder auf den Gestaden der abgetrennten Einzelobjekte, der Begriffszuordnungen, der Pest der wild wuchernden assoziativen Verbindungen, der Selbstfühligkeit des separierten Individuums. Das Kasperletheater des normativ Irrealen.

Kein Danach und davor.
Kein Hier und Dort.
Kein Ich und Es.

Auf dem Weg zu den Müttern spielt die Musik auf, und wir klingen mit: „..so ist das erkennende Fühlen eine Gelegenheit der Welt, der inneren und äußeren, in der eben der Dualismus, auch der von Außen und Innen, aufgehoben ist. Das , das die sichtbare Welt als eine Offenbarung der unsichtbaren ausstrahlt, wird durch mein Fühlen erfasst. Wie im Gespräch beim Zuhören der Rede des anderen mein Denken ausgelöscht und an seine Stelle das Denken des anderen gesetzt werden muss -sein Denken wird mein Denken-, damit ich es verstehe, so wird im (Hinaus-) Fühlen das mir entgegen kommende mein Fühlen. (…) Die ganze Welt offenbart sich vollständig." (Kühlewind, Die Belehrung der Sinne, Stuttgart 1990, S. 28)

Der Weg zu den Müttern, zu den schaffenden Kräften, der reinen, hellen Kraft, führt über das "erkennende Fühlen", das so oft und so oft falsch beschworene "Herzdenken". Man kann es nicht einfach anstreben, wollen, beschwören. Man kann in der konzentrierten Absichtslosigkeit warten, ob es entspringen möge. Beim ersten Wind, der das Boot zu den Müttern führen kann, gilt es, die Segel zu setzen und dem Wind zu folgen. Trage mich, mein Boot, trage mich!

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M. Eggert: Die Wahrnehmung der Landschaft in der Meditation

landschaft

Natürlich habe ich es mit Goethe versucht- jahrelang. Das Nachleben der Dynamik von Pflanzen, das Wurzelnde, Blattartig- Wässrige, die Zerfaserung und Reduktion bis hin zu einem Nullpunkt, den man am besten am Blütenboden fest macht- die Metamorphose ins Blütenhaft, in einer Welt von Luft, Licht, Wiegen, Bestäuben und auch einem Ausdruck, der ein Gefühl vermittelt- das sind selbstverständliche Arten, durch die Natur zu gehen. Man ist, wenn man diese Instrumente im Konkreten anwendet, auf der Spur des Lebendigen.

Gleichzeitig vertieft sich das Mitempfinden im Erleben des Jahreslaufs. Man erlebt das Murmeln und Regen im ersten Vorfrühling, tief in der Erde, das lockende Licht, das ein ganz spezielles Element in sich trägt. Man erlebt den Übergang in wässrige Wachstumsphasen, das sich Ausbreiten in der erwärmten Luft. Im hohen Sommer zergliedern sich die Formen und nehmen eine bestimmte Gestalt an, die sich zugleich im Blühenden, Duftenden, Öligen übersteigt. Dann zerfallen die Formen schließlich, entwerden, bis die Ernte eingefahren ist. Im tiefen Winter vernimmt man das Schweigen, das kein Nichts ist, sondern ins Lauschen führen will.

Aber das Alles gibt noch keinen Schlüssel zur Landschaft. Man hat es ja dabei ja nicht mit einer konkreten Form oder Gestalt zu tun, mit der man sich im oberen Sinne meditativ auseinander setzen kann, indem man die Wandel in den Erscheinungen innerlich nachvollzieht. Man hat es auch nicht mit einer Zeit- Gestalt zu tun, mit einem Zusammenspiel von Licht, Elementen und sich wandelnden Gestaltungen. In der Landschaft haben wir eine Totalität, eine Ganzheit der Gestaltung vor uns, die wir nicht einmal mehr tastend erfahren können, solange wir von dieser Ganzheit separiert sind. Ähnlich wie es sich im Jahreslauf- Erleben verhält, weit umfänglicher als wir es es einzelnen Naturphänomenen gegenüber vollziehen können, müssen wir unseren Standpunkt aufgeben, um Teil dieser Landschaft zu werden, uns in sie hinein träumen zu können.

Denn, wie Rupert Spira in "Presence: The Art of Peace and Happiness" schreibt: "The total field of seeing is one seamless whole, without separate parts, just as the screen is one seamless whole. It is only thought that divides the screen into a multiplicity and diversity of objects— people, flowers, trees, fields, hills, the sky, birds etc."

Der Bewusstseinszustand muss sich im Naturerleben diesem komplexen "totalen Feld" der Wahrnehmung anpassen: "The sense that our body is one seamless whole comes from our own intimate and direct experience of the seamlessness and intimacy of our own essential being. The reality and wholeness of the body is, in fact, a reflection of the true and only reality of awareness, upon which the various sensations and perceptions that constitute the body have been superimposed. In other words, the body borrows its wholeness and reality from awareness."

Der Prozess der Annäherung an die Landschaft ist, wie Spira darstellt, zugleich und als Bedingung auch eine Befreiung von der Bindung an die ständige Körperwahrnehmung. Die Selbstwahrnehmung deckt das Erleben des "Ganzen" zu- die geistige Präsenz ist in diese Selbstwahrnehmung zersplittert und gebannt. Die Aufmerksamkeit, gebrochen wie sie ist, kann sich in der Folge nur einzelnen, aus dem Ganzen gefallenen Objekten gegenüber stellen. Der Körper "leiht sich" - wie Spira schreibt- seine Existenz, die ständige Vergegenwärtigung aus dieser Kraft der Präsenz und korrumpiert sie damit. In dem Augenblick, in dem diese Fixierung meditativ gelöst werden kann, erlebt man sich als Teil einer dynamischen Landschaft- sei es eine innere oder die "natürliche" unserer Umgebung. Das ist nicht zu vergleichen mit dem beklommenen atavistischen Schamanismus früherer Jahrtausende, sondern ist ein klarer und nüchterner Bewusstseinszustand, der uns in Ansätzen in emotionaler Hinsicht nicht unvertraut ist. Es gab und gibt diese gewissen Momente, die wir mit der Schönheit bestimmter Orte verbinden. Nun aber ist es, manchmal, als sei dies - diese Landschaft- mein Leib- oder als sei ich in dieser Landschaft geborgen, zuhause, aufgehoben. Manchmal scheint es, als gäbe es ein Zeichen, als entstünde etwas, was vielleicht einem Gespräch ähnlich sein könnte. Vor allem aber herrscht die Freude, die Gewissheit, das Lebensvolle.

Auch Georg Kühlewind, der individuellste und originellste Interpret zeitgenössischer Anthroposophie, der in all diesen Prozessen darinnen stand und über sie schrieb, hat sich zu Wahrnehmungsmeditationen z.B. in "Die Belehrung der Sinne. Wege zur fühlenden Wahrnehmung" geäußert. Die ungeteilte Welt haben wir, so schreibt er, als Kind ja erlebt: "Ganz am Anfang steht ein riesiges, die ganze Gefühlswelt ausfüllendes Das: Die Kinder bezeichnen es mit einer einzigen Silbe: "Ta", "Da" oder "A", d.h. mit dieser Silbe wird alles, jeder Gegenstand, jede Situation, jedes "Gefühl" bezeichnet - alles, was für den Erwachsenen ein "Das" ist. Nun bedeutet auch das früheste Erscheinen eines noch so unscharfen "Das", dass das Mitleben, Mitgehen, die Identität mit der Welt keine vollständige oder ununterbrochene mehr ist, sondern es gibt ein "Zurückbleiben", eine leise Entfernung des Bewusstseins von dem, was eben als "Das" erlebt wird." (S. 26)

Diese "Entfernung des Bewusstseins" wird in der Meditation der Landschaft teilweise und situativ wieder aufgehoben.
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Michael Eggert: Der gebannte Blick

Rainer schrieb in einem Kommentar:

"Bei der Betrachtung dieser und ähnlichen Debatten zu dem Thema, frage ich mich manchmal, was die sog. "Karmaforschung" wirklich für einen Sinn hat. Wir haben doch sowieso schon eher ein Zuviel an Identitäten, an Ego, an Anhaftungen - warum denn noch zusätzlich eine "König Arthur, Mordred, Maria Magdalena" Identität uns aufbürden? Damit wird m.E. primär das Ego aufgebläht, bzw. man begibt sich häufig in eine leicht wichtigtuerische esoterische Spielerei.

Natürlich kann man, wie Michael in seinem anderen Beitrag schreibt, auf bestimmte wiederkehrende Muster im eigenen Lebenslauf aufmerksam werden, das geht mir auch so, ebenso kann ich in meinem Leben einer bestimmten Qualität von Konflikten gewahr werden - dann habe ich aber ganz einfach die Aufgabe, in diesen Konflikt, in dieses Muster einzutauchen, indem ich mir meine unbewussten Anteile und die jeweilige Dynamik der Beziehung mehr und mehr bewusst mache. Das ist schon schwer genug und hat, wenn man genau hinschaut, ein unendliches Potential zur Vertiefung.
"

Das, was Du beschreibst, und was auch mir ein ganz wesentlicher Teil der Schulung ist, nämlich die "Ebene" zu erfahren, von der aus wir uns selbst anschauen können. Es geht darum, das Verstehende in uns zu erleben, ins Verstehen als Akt und Wille einzutauchen. Auf dem Weg dorthin werfen wir einen Blick wie Andere, wie Fremde auf das, was wir selbst auftürmen, was uns einzumotten droht, geistig zu definieren und kastrieren. Die meditative Ebene ist mit dem klaren Blick auf das in uns "Gewordene" synchron- Entwicklung ist Vertiefung des Blicks- in beide Richtungen.

Der Sinn der Beschäftigung mit dem Karma ist auch in meinen Augen keinesfalls, irgendwelche Bezüge zu historischen Figuren her zu stellen, sondern die geistige Ebene zu erreichen, auf der wir - im Augenblick der meditativen Versenkung zunächst- auf das Vergangene, Gewordene, Karmische hinschauen können und damit so weit davon frei sind. Das ist die Ebene der Selbsterfahrung als Entität, als Sonnenhaftes.

Natürlich hat Steiner diese Ebenen vor allem gemeint, als er die "Nebenübungen" empfahl. In unseren sozialen Katastrophen erfahren wir unsere Beschränkungen, aber auch unsere Kräfte. Es geht um eine Willensschulung, die mit dem gebannten Blick umgehen lehrt- mit dem all dem, was wir biografisch, persönlich, widersprüchlich mit uns herum schleppen. Man kommt wirklich nicht drum herum, sonst kann man die "Nebenübungen" nie wirklich machen. Der Weg ist so dornig, weil er auch eine Selbst- Offenbarung ist, nicht zu unserem Vorteil und vor dem unbestechlichen Blick von uns selbst. Aber die Willensübungen heben natürlich auch auf die Ebene, in der man nicht "verstrickt" ist; auch das ist ein wirklicher Kern der Übungen. Es geht nicht um Kontrolle. Es geht darum, uns im Du zu finden.
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Burghard Schildt: Die Heimatlosen

Gerade im Bezug auf die Generationen begreife ich R. Steiner so, dass in der „Anthroposophischen Bewegung“ diejenigen Menschen sich bewegen, die nicht durch Generationsfolgen bewegt werden wollen. Steiner nennt sie die Heimatlosen. Das zu Steiner.

Von mir das: Als Heimatloser bin ich auf Wanderschaft. Eine bereits vorgegebene Ausrichtung zu wandernder Wege ist mir zuwider. Ich will nicht auf ausgetretenen Wegen in die Fußstapfen anderer treten. Ich will ins Unbetretene. Ich will in die Zukunft. In die Zukunft wollen heißt, ich will in den Willen. Der Wille selbst ist mir diejenige geistige Welt, die, als das Gedankenlebewesen Weltgeschehen, zugleich die Natur des Menschen ist. R. Steiner hat, mit seiner Geisteswissenschaft, in seiner Art und Weise, dazu beigetragen, dass solche Heimatlosen, wie auch ich es einer bin, im Leben „jenseits“der Generationen, sich darin betätigen können, dass „wie“ die Generationskraft tätig ist.

Generation bedeutet: Erzeugen. Indem ich, als ein Heimatloser, Rudolf Steiners Schriften studiere, kann ich anhand von deren Gedankengängen solche Fragen erzeugen, auf die dieselben Gedanken- gänge zugleich auch die Antwort beinhalten. Ob so eine Zeugung gelingt, das kann allein die Geburt eines „Kindes“ bezeugen. Nicht von ungefähr wird so mancher Heimatlose gefragt, wessen Geistes Kind er sei.

Wer Geisteskindschaft „erlangt“, der ist, geistig gesehen, zugleich ein Fragen erzeugender Vatergeist wie ein in der Antwort lebendes Geisteskind. Die jedem geistigen Kinde zugehörige Mutter des Geistes, das ist der gute Wille. Dessen Wollen ist, sich von den Gedankengängen desjenigen geistigen Geschehens, das sich, organisch wie schöpferisch, im Erkennen des Gedankenlebewesen Weltgeschehen, Erkenntnis bildend betätigt, befruchten zu lassen. Durch solche gutwilligen, wie Erkenntnis bildenden Taten, erkennt sich das Erkennen selbst. Daher stammt das Wort Selbsterkenntnis.

Jegliche Selbsterkenntnis ereignet sich mithin dadurch, dass das Erkennen, erkennend durch Gegenüberstellung, sich selbst erkennt. Dasjenige Geschehen des Erkennens, das sich selbst, erkennend wie Erkenntnis bildend, bewegt, das bezeichnet, meiner bisherigen Kenntnis nach, R. Steiner als die Anthroposophische Bewegung. Menschen, die sich anfänglich dieser Bewegung zuwenden, die tun das aus einem keimhaften Ahnen heraus. Sie erahnen, dass in dem Maße, wie es ihnen gelingt, sich in die Mutterbewegung versetzen zu können, sie sich in ihrer wahren Heimat wie Herkunft bewegen.
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Die verloren gegangene Perspektive

Natürlich tun wir es alle. Wir geben etwas mündlich weiter, was uns hintertragen wurde, wir formulieren etwas strategisch, wir lassen - scheinbar aus Höflichkeit oder Konvention - etwas aus, was man vielleicht hätte sagen müssen, wir sind uns nicht einmal klar, welche Interessen in einem bestimmten Augenblick gerade aus uns sprechen. Die vielen kleinen und großen Ungenauigkeiten, die wir nur auf der Goldwaage als verlogen bezeichnen würden, durchziehen unseren Alltag. Es kommt einem so über- moralisierend vor, wenn Rudolf Steiner vor jedem ungeprüften Wort warnt, wenn er unsere Lässlichkeiten quasi dämonisiert oder gar davon spricht, dass diese Lebenslügen, einmal gesät, buchstäblich Sturm ernten werden:
Unsere Seelenerlebnisse sind noch mehr, als wir gewöhnlich von ihnen denken. Da steht zum Beispiel ein Mensch vor uns, in seiner Seele leben Irrtum und Lüge, er steht vielleicht ganz unschuldig vor uns. Aber in dem Augenblick, wo der astralische Blick sich auf ihn richtet, toben Stürme, die sonst nur in den furchtbarsten Entladungen der Elemente der Erde im Bilde sich darstellen." (GA 125, S. 149)

Aber etwas deutlicher werden diese "Stürme", wenn wir mit einem Menschen sprechen, der - z.B.- etwas "entrückt" wirkt durch ein großes Maß von aktueller Trauer um den Verlust eines geliebten Menschen, der gerade und deutlich formuliert, dass jede kleine Ungenauigkeit wie eine schmerzende Faust im Sonnengeflecht zu spüren ist. Oder wenn wir tatsächlich an der Schwelle stehend auf unser Leben schauen, und die kleinen und großen Lügen, Irrtümer, Verletzungen und Unterlassungen schmerzhaft peinlich heraus ragen- ohne je vergessen werden zu können, ohne je vergessen worden zu sein. Diese Punkte unseres Lebensfilms schimmern wie eiternde Wunden, unübersehbar. Aber es wird noch schlimmer.

Die Summe unserer Lässlichkeiten und Einseitigkeiten bestimmt die Wirklichkeit, so wie wir sie wahrnehmen und dann auch so, wie sie auf uns zurück wirkt: „Es hängt vom menschlichen Inneren ab, wie der Mensch die Außenwelt an sich herantreten lässt. Und gerade so, wie Sie mit einem Auge, in welchem etwas zerstört ist, wegen des inneren Fehlers die Außenwelt nicht richtig sehen, so bekommt der Mensch die Außenwelt durch den luziferischen Einfluss überhaupt nicht so zu sehen, wie sie ist." (GA 120, S.136)
Es gibt, darf man daraus schließen, ein gewisses Organ für bodenständige Wirklichkeitsauffassung, so wie es Organe gibt für soziale Verantwortung und die Bedürfnisse Anderer. Diese Organe sind allesamt korrumpierbar, zumindest auf lange Sicht. Im Alter, wenn die Systeme nicht mehr regelmäßig arbeiten, zeigt sich, wie wir in der Welt stehen, ebenso - auch eine Art, an die Schwelle zu gehen- in der meditativen Arbeit. Wer sich um eines kurzfristigen Vorteils willen hat korrumpieren lassen, verliert die Vorzüge einer tief gehenden, realitätsnahen Orientierung. Stattdessen kommen Einzelbedürfnisse hoch, rechthaberisch verteidigte Standpunkte, moralisierende Einengungen, Beklemmungen und Schuldzuweisungen. Der starrsinnige Geizhals hat keinerlei Sinn für seine innere Entstellung. Er hat den Verlust des Sinnes nicht einmal bemerkt. Aber wenn der Horizont enger wird, fokussiert sich der Mensch mehr und mehr auf irrelevante Details, an die er sich gewissermaßen verliert. Das menschliche Maß geht ihm verloren. Diese Hände werden niemals segnen, diesen Rat wird niemand einholen, und Partner werden an dieser Seite ein schweres Leben haben.

Aber diese Reduktion des lebendigen Geistes auf ein immer bizarrer erscheinendes, enges, Dickenssches inneres und äußeres Leben, dem die Weiten und Großzügigkeit, aber auch das Verständnis für den Anderen fehlen, wird noch einmal gesteigert, wenn doch- auf welche Weise auch immer- ein Zugang zur geistigen Welt gefunden wird: „Wenn des Menschen Wünsche, wenn des Menschen Leidenschaften schlimme Wege gehen und er sich gleichzeitig irgendwie an okkulte Kräfte hingibt, dann drängen sich die okkulten Kräfte, die dadurch herauskommen, in den Ätherleib hinein, und es erscheinen unter den Trugbildern, die manchmal ganz ehrwürdige Gestalten sein können, die verderblichsten, die schlimmsten Mächte.“ (GA 107, S.174). Es ist darunter nur eine weitere Eskalation des inneren Sturms zu verstehen, den die verloren innere gegangene Perspektive mit sich bringt.
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Michael Eggert: Bloggen als geistige Übung. Ein Manifest

Mein kleines Manifest „Bloggen als geistige Übung“ erscheint nun doch nicht als Printversion. Daher stelle ich es hier ins Netz. Eine Textprobe, worum es u.a. geht:

„Es gibt ein typisches Kennzeichen - bei mir und vielen Zeitgenossen-, das darauf hindeutet, dass frei werdende Kräfte im ätherischen Kopfbereich ein Breitenphänomen sind, aber als solche nicht unbedingt erkannt werden: Es ist die Fähigkeit, Gesprächsverläufen in Gruppen zu folgen, die spezifische Verlaufsart eines Gesprächs um ein Thema zu erkennen und damit eventuell intuitiv aussprechen zu können, worum es der Gruppe eigentlich geht, ohne dass es den Beteiligten bisher bewusst geworden ist.
Ebenso kann man auf die mäandernden oder scheinbar gegenläufigen Verläufe im eigenen Lebenslauf schauen oder die komplexe Dynamik psychischer Abläufe, deren Hemmnisse und emotionale Abgründe in sich oder anderen erkennen. Das Denken ist potentiell prozessual geworden; man kann Entwicklungen, Trends und Irrwege erkennen. Das kann nur durch eine Instanz im Inneren entstehen, die nicht restlos in die Vorgänge verwickelt ist, der so genannte „Zeuge“. In einer Weltgesellschaft, in der die Teamarbeit (und nicht mehr der omnipräsente, alles bestimmende Generalist) essentiell wird, ist das eine grundlegende Ich- Kompetenz.

Auch beim Bloggen ist diese Kompetenz gefragt; einmal, um Kommentar- Threads und Diskussion offen laufen lassen zu können, um nur hier und da an den Stellschrauben zu drehen, aber die Lebendigkeit und Widersprüchlichkeit gelten zu lassen. Zum zweiten ist diese Kompetenz notwendig, um eben wirklich die volle Zeitgenossenschaft zu erlangen, d.h. relevant und aktuell das anzusprechen, „was in der Luft liegt“. Man kommt auf diese Weise weg von den alten "senkrechten" Strukturen, in denen Leser eigentlich Konsumenten eines kunstvoll komponierten Aufsatzes oder Vortrages sind. In den "waagerechten" neuen Strukturen ist ein Beitrag des Bloggers nur der Anstoß für einen gleichwertigen Diskurs, der Fragen aufwirft, Aspekte beleuchtet, die im Glücksfall im virtuellen Gespräch zu einem befriedigenden Schluss geführt werden. Viele solcher Threads sind in den letzten Jahren in meinen Blogs geführt worden, häufig mit weit mehr als 100 Beiträgen von Lesern. Genau diese Diskurse haben sich als das Attraktivste an den Blogs erwiesen. Es besteht meist eine deutliche Korrelation zwischen Dichte der Diskussion und Zugriffszahlen von Lesern; die Leute wollen Gesprächsverläufe und offene Diskurse verfolgen, nicht vor sie hingesetzte Meinungsbekundungen eines Autors. Die Meinungsbildung findet heute im Prozess statt- daher ist das Blog auch ein geeignetes Medium. Wenn es gelingt, werden neue Beiträge im Blog aus den laufenden Diskussionen gewonnen; manchmal finden auch Rollenwechsel statt, indem einzelne Leser selbständige Beiträge als Teil des Blogs publizieren.

Anzumerken ist an dieser Stelle, dass der Blogger natürlich kein Ideal darstellt; zwar stimmt die tolerante Grundeinstellung, aber es gibt Schwachpunkte in Bezug auf Temperament und Verletzlichkeit. Es ist erstaunlich, wie stark diese Gegebenheiten, Stärken und Schwächen von Teilnehmern der Diskurse im Internet untereinander erkannt werden, auch ohne den ganzen Ausdrucksapparat wie Mimik und Gestik, Stimmlage und Körperhaltung. Offensichtlich übertragen wir Gedanken- und Ich-Sinn auf den Duktus, den Stil und die Art von schriftlichen Beiträgen Anderer. Die Technik behindert die ungeteilte Wahrnehmung des Anderen nicht wirklich.“

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Download hier
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Michael Eggert: Den eigenen Spiegel putzen. Über Chakren oder Lotosblumen

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„Wenn das Bedürfnis lebendig geworden ist, die verdünnte Aufmerksamkeit – das Alltagsbewusstsein - und die zwanghafte „fortwährende Kommentierung von Denkergebnissen durch die fühlende Seele“ durch konzentriertes Üben zu überwinden, entwickelt sich mit der Zeit das Denken „zu einem Wahrnehmungsorgan für das Lebendige, für Ätherkräfte“ . Es gibt zahlreiche spirituelle Bewegungen und Organisationen, die die Dekonstruktion des Alltags- Ichs propagieren, aber an dieser Stelle statt weiterer Forschungsarbeit eine ansonsten positivistische Erleuchtungsmetaphorik anhängen. Offenbar gibt es eine Reihe von technisch funktionellen Selbstbeglückungsmechanismen, die an diesem Punkt ansetzen können, aber sich in diesem Selbstgenuss auch erschöpfen.

Das Erleben ist aber auch bei denen, die an diesem Punkt erst den Beginn einer ernsthaften geistigen Arbeit sehen, sehr unterschiedlich ausgeprägt. Meist ist ein visuelles Empfinden prägnant, etwa in Form von Wahrnehmung des Ätherischen „als leuchtende, strahlende, innerlich sich bewegende Bilder oder Folgen von Bildern.“ Eine weniger visuell ausgeprägte Wahrnehmung fasst Gedanken als komprimierte, sich entfaltende Denkbezüge auf, in Kontexten, die in sich bereits stimmig sind- ein flüssigeres, lebendigeres Denken. Aber es gibt auch eine Neigung zu einer Wahrnehmungsart, die mehr die unteren Sinne aktiviert, vor allem Lebens-, Eigenbewegungs- und Tastsinn. Dann werden innere Kraftstrukturen, innere Räume, dynamische Energien erfahren, die etwas wie ein quasi- leibliches Empfinden bedingen, das aber nicht mehr mit den eigentlichen Körpergrenzen kongruent ist…

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So weit einige Zeilen aus meinem Artikel, der in einer gestrafften Version im Meditations- Schwerpunkt- Heft der Kulturzeitschrift Die Drei (Juli/ August 2012) erschienen ist. Hier zum Download für Interessierte eine zwar schon von mir gekürzte Variante, die aber noch nicht im Lektorat von Anna- Katharina Dehmelt bearbeitet worden ist. Es gibt daher die für mich typischen Einschübe und Querbezüge- auch einige Verweise auf Originalquellen-, die letztlich für eine Printversion zu üppig waren, aber in der Linie der Darstellung auch nicht immer relevant. Hier im Netz darf auch die XXL- Variante (keine Sorge, es ufert nicht völlig aus) einmal zum Zuge kommen. Vielleicht wird Die Drei die dort erschienene letzte Ausgabe des Aufsatzes demnächst auch noch zum Download anbieten.
Insgesamt handelt es sich um einen meditativen Zugang, der auf frühe Anregungen von Rudolf Steiner zurück geht, durchaus praktikabel, aber in der anthroposophischen Szene weitgehend undiskutiert ist, aber einen Zugang im handelnden Umgang auch für nicht- anthroposophische Leser bietet. Während in der hier vorliegenden Fassung Bezüge zum Zen- Buddhismus vorhanden sind, fehlt der Bezug zum - von den persönlichen Wurzeln her- islamischen Mystiker A.S. Almaas, der in knapper Form in der Printversion zu finden ist.

Der Download- Link ist inzwischen nicht mehr erreichbar.
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Die persönliche Melodie

Die DNS - die biologisch- systemische Codierung- als die Sprache der menschlichen Entität.

Hier, im biologischen "Wort" spricht sie sich aus, modulierend auf den Wellen der genetischen Vergangenheit, des Pools an Möglichkeiten, Spezialisierungen und möglicher, bereits angelegter Krankheiten.

Aber auch die persönliche Linie, die Entwicklung der Entität, ihre physische Reife modulieren die angeschlagene genetische Melodie, vor allem in der Hinsicht, dass sich manches einfach unbemerkt einschleicht, dass es gewisse Störungen der Aufmerksamkeit in der Formulierung des Codes geben kann. Es bleiben da immer Schwachstellen.

Die Schwachstellen können auch darin bestehen, dass die rhythmischen Ausreifungszeiten in der Entwicklung bis zum erwachsenen Organismus nicht wirklich erfolgreich zur Individualisierung genutzt werden können.

Wir sprechen uns auf biologischer Ebene aus und werden das, was wir sind, reifen aber gleichzeitig bis zu einer Emanzipation heran, in der wir unser selbst gewahr werden. Wir haben nicht nur Selbstbewusstsein, sondern auch eine Wahrnehmung unserer Präsenz, unserer aktuellen Dynamik.

Wenn das geschieht, beginnt die Entität zu sich selbst zu erwachen.
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Fundament

Dem Denken, Fühlen und Wollen, so weit es impulshaft erfahrbar wird,
eine Dimension hinzufügen; ein Element, das als solches -
von seiner Struktur her-
bewusst, logisch und in sich stimmig ist;
das Fundament des Logos.

Es ragt bis in die Lebenssphäre hinein.
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Drei Chakren

pharao
Diese etwas unscharfe Darstellung eines Pharaos aus dem Neuen Museum auf der Berliner Museumsinsel ist auch das Bild einer bestimmten Art der Einweihung. Man sieht die drei Chakren, die dabei betont werden- das schlangenhafte Stirnchakram, das zarte, erdwärts gerichtete Kehlkopf- Chakram, das zugleich mit dem Kopfhintergrund korrespondiert, und das ungemein betonte Scheitelchakram, das sich gänzlich dem kosmischen Strom hingibt, ja das Himmelsrund geradezu abbildet. Die Individualität tritt gänzlich zurück, hat sich hingegeben- wenngleich horchend und in den Lippen fokussiert. Die Betonung des Gleichklangs weist unbedingt nach oben, ins Lauschen in die Sternensphären hinein. Die kosmische Sphäre dringt von oben geradezu überwältigend hinein, der Mensch ist ganz empfangend und lauschend geworden.

Übrigens hat Steiner in frühen Jahren auch Übungen in Bezug auf die Chakren gegeben (wer interessiert ist, konnte meinen Artikel „Spiegel putzen“ im Juli- August- Heft von Die Drei nachlesen- inzwischen nicht mehr online erhältlich ). Dazu ergänzend möchte ich eine Übung schildern, in der Rudolf Steiner anregt, den vor der Stirn meditativ gebildeten geistig- ätherischen "Raum" in den Stirnpunkt hinein zu ziehen, ihn sich ins den hinteren Schädel ergiessen zu lassen, um ihn das Rückgrat hinunter bis auf den Grund laufen zu lassen. Die dort - am Kundalini- Punkt- gesammelte Kraft sollte wieder bis auf Herzhöhe hinauf geleitet werden, um dann kraftvoll nach vorne zu strahlen.

Diese komplexe Übung, die ich jetzt auch nur wiedergebe, weist auf die heute angemessene Struktur der aktiven Chakren hin: Heute bilden Stirn, Kehlkopf und Herzhöhe den Dreiklang des Einweihungsgeschehens. Es ist ein sich ergänzendes Trio, das wesentlich mehr dem individuellen Charakter, den wir besitzen, entspricht als das alte, das im Pharao- Bild erscheint. Wir sind weniger nach oben gewandt als nach vorne. Der Kehlkopf ist ein gestaltendes Moment, das das Raumbildende der Stirn moduliert und kraftvoll entfaltet. Die Herzkräfte ergießen sich bis in die Mitte der Hände und sind erdhaft- willenhaft. Insgesamt ist das ganze Geschehen plastisch, aber auch ganz persönlich, und zugleich durchzogen von Kräften, die darüber hinaus gehen. Wir sind individuelle soziale Wesen, die sich in einen waagerechten Strom stellen. In diesem Strom, in dem die Kraft der drei Chakren einen geistigen Raum bildet, fliessen zugleich Lebenskräfte hinein, die das Individuelle in sich aufnehmen und mit der Kraft des Logos erfüllen.

Es hat so eine Verschiebung nicht nur der wesentlichen Kraftbereiche, sondern auch der Richtung statt gefunden, wie es nach der Neubegründung aller Mysterien durch die Auferstehung Christi nicht anders sein kann.

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Inzwischen sind durch einen aufmerksamen Leser Zweifel laut geworden, ob das beschriebene Geschehen in Bezug auf die Chakras als sich „ergänzendes Trio“ zu verstehen ist. Vielmehr spielt eine weitere Ebene eine nicht zu unterschätzende Rolle, die mit einem Chakra verbunden ist, das mit der Zirbeldrüse in Zusammenhang steht: „Die Wiedergabe der Übung (aus GA 264 oder 267) in deinem Aufsatz ‘Drei Chakren‘ scheint mir nicht richtig zu sein. Das heißt nicht am Stirnpunkt, sondern „an die Stelle im Innern des Kopfes …, wo etwa die Z (Zirbeldrüse) sitzt.“, „was man die Mitte des Gehirns nennen könnte, …, in der Zirbeldrüse.“ (GA 227) oder der “vorläufige Mittelpunkt” im Kopfe (GA 10 und 13).“ (Ton Majoor) Ich bitte meine simplifizierende Darstellung zu entschuldigen.
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Alpha & Omega

Wenn man - zumindest zu bestimmten Zeiten- über die Selbstbezüglichkeit hinaus gekommen ist, den Strom kennt und von ihm gekannt wird, nicht mehr langer Anläufe bedarf, aber doch von den Untiefen und gefährlichen Strömungen weiß, wenn man den Köcher bereit hält, um die silbern huschenden Fische zu fangen, dann teilen sich Imaginationen mit.

Sie finden statt, und sie sind in vielfältiger Weise sprechend, mehrdimensional und, wenn man daran arbeitet, entfaltbar. Ihre Präzision erhalten sie erst, wenn man sie auseinander legt und womöglich gedanklich und sprachlich Stück für Stück enthüllt. Man weiß an dieser Stelle bereits von der Regel des Alpha und des Omega. Die Tiefe einer Imagination kann derartig sein, dass sie in Erkenntnisse führt, die einen Menschen begleiten können, durch ein ganzes Leben hindurch, womöglich darüber hinaus. Eine einzige Imagination kann dorthin führen, dorthin weisen, wohin weder Vermögen noch Reife der meditierenden Person allein hätten führen können. Man kann durch die Imaginationen hindurch auf den Urgrund schauen und sich selbst darin erblicken. Es gibt auf dieser Ebene keine Anfänger und Fortgeschrittenen, keine Schritte der Entwicklung.

Echte, tiefere Imaginationen leuchten Lebenswege und kosmische Entwicklungen aus- auch wenn sie vereinzelt auftreten, unvermittelt und ungeahnt. Umgekehrt sind solche Imaginationen weit mehr als nur Bilder und Gedankengeflechte- sie sind eine Quelle der Energie und des Lebens. Man wird immer aus ihnen schöpfen können, selbst in ausweglosen und endgültigen Augenblicken. Sie sind eine seelen- lebendige Quelle, die man gewonnen hat und die immer Teil des eigenen Wesens sein wird.

Nein, billiger Trost oder Glaube ist das nicht, ebenso wenig wie ein irrationales Trugbild. Es liegen auch Zumutungen darin, schwer auslotbare Aufgaben, weit ausholende Perspektiven, die mehr als nur einen einfachen persönlichen Wandel erfordern. Solche Imaginationen stellen eine moralische Dimension dar, die frisch gepflückt ist, auf keiner Tradition beruht, ihr aber auch nicht widersprechen muß. Sie stellen das Ich in ein Verhältnis zur Existenz schlechthin. Schildern kann man sie nicht, aber vielleicht in einigen Büchern ungefähr erklären. Aber wozu? Es kommt einem so buchhalterisch vor. In der Erfahrung dieser Evidenz hat man mehr als nur Worte und Erklärungen; man hat einen Begleiter gewonnen.
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Wenn man es nicht so mit der Devotion hat


Man findet - unabhängig von der spirituellen, kulturellen oder weltanschaulichen Richtung, in der man sich zu befinden meint, häufig wie bei Sogyal Rinpoche (der inzwischen nicht mehr hoch angesehen ist ) meditative Anweisungen, gerade zu Beginn von Übungen in eine bestimmte devotionale Haltung hinein zu gehen:

"Rufen Sie im Raum vor sich die Verkörperung der Wahrheit an, so, wie Sie sie sich vorstellen, in Form von strahlendem Licht. Wählen Sie als Gestalt ein erleuchtetes Wesen oder einen Heiligen, zu dem Sie eine enge Verbindung spüren. Wenn Sie ein praktizierender Christ sind, spüren Sie von ganzem Herzen die lebendige, unmittelbare Gegenwart Christi, des Heiligen Geistes oder der Jungfrau Maria. Wenn Sie sich von keiner bestimmten spirituellen Gestalt angezogen fühlen, stellen Sie sich einfach reines goldenes Licht im Raum vor Ihnen vor. Wesentlich ist, dass Sie in das Wesen, das Sie visualisieren oder dessen Präsenz Sie spüren, die Verkörperung der Wahrheit, der Weisheit und des Mitgefühls aller Buddhas, Heiligen Meister und erleuchteten Wesen erkennen. Machen Sie sich keine Sorgen, wenn Ihre Visualisierung nicht besonders klar ist. Lassen Sie einfach Ihr Herz sich mit dieser Präsenz füllen und vertrauen Sie darauf, dass sie da ist." (Sogyal Rinpoche, Das tibetische Buch vom Leben und vom Sterben, Bern/München/Wien 1994/8. Auflage, S. 258)

Offenbar ist damit beabsichtigt, der Seele eine gewisse "Hochstimmung" und "Fokussierung-auf-das-Wesentliche" durch die Art visuellen Vergegenwärtigens zu geben. Lange Jahre des Umgangs mit Übenden aller möglichen Ausrichtungen haben mich gelehrt, dass die Meisten damit aber nicht unbedingt aus der Ebene der Selbstbespiegelung heraus kommen. Auf den Hochgefühlsebenen der herbei gesehnten Bilder lauern die spezifischen Gefahren der Gefühligkeit- bis dahin, dass diese Übenden unvermittelt das zu "sehen" vermeinen, was man aus der Literatur eben so kennt- sagen wir mal Lichterscheinungen, Devas, Visionäres aller Art, barttragende Männer mit heiliger Ausstrahlung, Elementarwesen, usw. Die Illusion kann das alles produzieren, was man sich aus der Stimmung heraus wünscht- es sind aber immer noch Projektionen, aus der Wunschnatur heraus, oder, um es härter zu sagen, vielleicht auch aus dem spirituellen Ehrgeiz oder der Sehnsucht heraus.

Vielleicht liegt es auch daran, dass ich einer Generation entstamme, die zu viel emotionale Korruption erlebt und erfahren hat, und in dieser Hinsicht auch eine grundsätzliche Skepsis sich selbst gegenüber hegt. Das ist ja auch die Generation, die nicht nur mit der medialen Expansion aufgewachsen ist, sondern auch mit ganz konkretem Umgang mit Psychoanalyse, Encountergruppen, gruppendynamischen Prozessen, sektiererischen Entgleisungen und Supervision. Ich würde nicht auf Devotion und Visualisierungen am Anfang eines meditativen Prozesses setzen, um der Gefahr der Selbstsuggestion nicht zu unterliegen. Am Anfang steht für mich die intensive Schulung intellektueller und seelischer Fokussierung, bis hin zu dem Punkt, verlässlich und unabhängig von der Situation Nicht-Inhaltlich, aber bewusst bestehen zu können, gelassen der Leere zu begegnen, ohne dabei einzuschlafen, zu träumen, zu assoziieren oder eben Gefühle oder Bilder zu produzieren. Mit der Zeit und bei geeigneter Situation gelingt es, den Willen "weich" und geschmeidig zu machen und in der Leere in einen Strom einzugehen, dessen Quelle zunächst nicht bekannt, der aber in sich völlig transparent und wach ist; man ist sich im Strömenden seiner selbst bewusst, man erlebt sich als bewusstes, aber nicht im Dualismus zersplitterter, einiges Strömen, das sich in den vor einem liegenden geistigen Raum ergießt.

Man kann der Quelle im zweiten Schritt nachgehen und bemerken, dass dazu ein Ebenenwechsel nötig ist. Der "kühle Wind" des reinen Bewusstseins ist nicht alles- er wird getragen von Quellen, die vor allem warm sind. Die konstruktive Mitte aller geistigen Aktivität ist eine Quelle, die sich unentwegt selbst verschenken möchte. In dieser Geste ist etwas Naturhaftes- etwas, was mit dem Schöpferischen an sich zu tun hat, vor jeder Form, vor jeder Gestaltung. Erfährt man davon auch nur eine Spur, hat man zugleich den Grund der wirklichen Devotion erfasst. Es ist der Quell des Bewusstseins (des Denkens im weiteren Sinne), des Gefühls (nicht der ich-haften Selbstgefühligkeit), des Lebens und Erschaffens zugleich. Die Devotion ist auf dieser Ebene ein unmittelbares, naturhaftes Erleben, das zutiefst mit der eigenen Wesenheit zu tun hat: Daraus sind wir gestrickt, hier liegt der Ursprungspunkt dessen, was wir wirklich sind. Aber begründet und verifiziert wird dieses Erleben doch durch die bewusste Schulung des Denkens und Wollens, durch das Überwinden des Assoziativen und Gefühligen, der Nebel, mit denen wir unsere Bedürftigkeiten, Sehnsüchte und Projektionen kaschieren. Hier wird die Devotion so konkret und unmittelbar wie ein glasklarer Bach, nur dass dieser unserem eigenen Innersten entspringt und uns darin mit allem Lebenden verbindet.

Die Heiligen, die großen Gefühle können warten. Rationale Spiritualität kann warten, bis die Devotion in der Mitte erwacht.
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Der aufgerissene Himmel


Es gibt natürlich alle möglichen Typen, die rücksichtsvollen, die im Notfall begangenen, die leidenschaftlichen Lügen. Die der Lust am Tratsch Entsprungenen, der unheilvollen Lust am Drama. Die, die ohne Worte auskommen, die, die etwas verschwiegen halten, was hätte gesagt werden sollen und müssen. Die, die einen schützen und bewahren, die einen in der Deckung halten. Die Lebenslügen, die wir uns selbst gegenüber begehen. Der Mechanismus der glanzvollen Persönlichkeit, mit wir uns selbst und Andere betrügen. Die Lügen, die wie Gift das Seelenleben durchwabern und unseren Hormonen entspringen, ein Träufeln und Säuseln. Die, mit denen wir, ohne es zu merken, etwas darstellen, was uns begehrenswert macht- exakt kalkulierend, was der Andere erwartet, braucht, erhofft. Der Deckel, den wir aus uns schmieden, damit er auf den Topf des Anderen passt. Die Fata Morgana, die wir selber sind. Das gleißende Kalkül unserer Attraktivität.

Fast bewundernd habe ich stets die unleidlichen professionellen Blender betrachtet, die sich selbst gegenüber so naiv und unvoreingenommen sind, dass sie die eigenen Lügen, kaum von ihnen ausgesprochen, auch schon glauben. Allein die Tatsache,dass sie die Lüge ausgesprochen hatten, machte den falschen Sachverhalt für sie zu einer Realität. Sie sind völlig unerschütterlich, ja empört, wenn man ihnen die Sache auseinander legt. Sie sind entrüstet, werfen sich in die Brust und geben sich als Opfer einer infamen Beschuldigung. Sie sehen sich so sehr im Recht, sind derartig gepolt auf die Nutzung ihres jeweiligen Vorteils, dass sie nie zu überzeugen sein werden, auch wenn der bloße Augenschein sie widerlegt. Es macht kaum Sinn, zu argumentieren- sie leben in der von ihnen selbst geschaffenen Welt. Das ist ein Debakel für den Lügner selbst, auch wenn er es nicht merkt. Andere und sich selbst zu blenden treibt in eine seelische Korrumpierung, die das ganze Gebäude dieser Persönlichkeiten zu untergraben droht, auch wenn sie vordergründig damit Erfolg haben sollten.

Es gibt ganz exquisite Exemplare, die durchaus nicht nur furchtbar erscheinen, sondern ganz und gar als Gutmenschen. Die Verstellung ist zugleich Selbsttäuschung; die Intentionen aber sind nicht nur selbstsüchtig, sondern erodierend, kompromittierend, affektiv giftig wie die Nesseln einer gefährlichen Quallenart. Man merkt es erst später, dass das Gift sich ausbreitet, und es ist zersetzend für jede menschliche Gemeinschaft. Aber das ist, zweifellos, etwas, was nicht bewusst geschieht- oder nur ein wenig. Die Giftstachel sitzen im Dunkel und werden überdeckt von einem glimmerndem Charme, einer gütigen Attitüde oder einer betörenden Direktheit. Es hält nur selten lange vor- es gibt viele Anhänger, aber auf lange Sicht nicht einen einzigen Freund. Die vordergründige Beliebtheit weicht über kurz oder lang. Nicht selten können die großen Blender viel bewirken und finden sich an Schaltstellen der Macht wieder- gehen sie doch raffiniert mit den Schwächen ihrer Mitmenschen um. Sie wittern Schwachstellen Anderer mit unsichtbaren, empfindlichen Sensoren.

In gewissen dunklen Augenblicken schauen wir uns selber an und bemerken diesen Abgrund in uns- manchmal mit aller Härte und Konsequenz. Wir sind nicht darin verloren, und wir geben den Schwächen vielleicht nur in erträglicher Weise nach. Es gibt da alle Nuancen. In diesen Augenblicken steht man dennoch vor dem Scherbenhaufen seines Lebens. Es ist ja gerade immer das, was man so gerne hoch hielt, was einen beflügelte, das zugleich die grösste Betäubung darstellt. Die sakrosankten, elementaren, Leitlinien gebenden Elemente der eigenen Persönlichkeit entpuppen sich als das, was elementar verlogen ist. Man hat es wie eine Monstranz vor sich hergetragen, herauf und herunter gebetet, und jetzt sieht man, dass es eine Leere verdeckt, einen lumpigen Haufen von Schwächen oder gar ein stetig ausströmendes Gift. Es war mehr ein aufgestauter Schutz als ein wirklich menschlicher Zug. Man steht einen Augenblick lang nackt vor dem weiten Nachthimmel, in vollkommener Ratlosigkeit. Einen winzigen Augenblick lang reißt der Himmel auf, einen Augenblick lang spürt man die Güte, die in der nackten Wirklichkeit liegt. Dann kann man weiter machen.
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"Innerlich trägt man die Nacht in sich"- Anfänge des Initiatenbewusstseins

Am Ende seines wichtigen Vortragsbandes "Das Initiatenbewusstsein" (1924, GA 243) äußert sich Rudolf Steiner im 10. Vortrag ziemlich kryptisch über „Das lebendige Erfassen der Mondensphäre als Ausgangspunkt eines Initiatenweges“. Es ist merkwürdig, dass gerade nach dem ungemein weitgehenden, hoch geistigen Inhalt des Buches erst am Ende etwas - und dann noch recht knapp gehalten- über den Einstieg in den tatsächlichen Meditationsweg zu finden ist, denn Anfänger waren seine Zuhörer doch in den überwiegenden Fällen; Anfänger sind wir auch noch heute.

Jedenfalls besteht dieser Beginn in den Augen Steiners darin, „das sonst träumende Bewusstsein zu einem Werkzeug der Auffassung der Realität zu machen.“ Er meint dabei nicht den Traum der Nacht, sondern „das sonst chaotische Traumbewusstsein“, das wir unter dem Tagesbewusstsein in uns tragen, das mit dem mittleren Menschen und dem Atmen zu tun hat und in das alle möglichen Empfindungen und Impulse hinein schwappen. Es ist das halbbewusste Assoziative, das knapp unter dem klaren Gedankenablauf des Alltags liegt, aber auch immer wieder Anstösse und bildhafte Verbindungen ins Bewusstsein hinein trägt. Erst durch eine geeignete Schulung kommt dieses einem Meer gleichende schwappende Traumbewusstsein zu einer gewissen Ordnung- wenn es gelungen ist, die Fokussierung so weit zu treiben (und gleichzeitig wieder etwas loszulassen), dass eine willentliche Regelung in das Branden und Schwappen hinein gekommen ist- zumindest in Zeiten der aktiven meditativen Arbeit und sicherlich auch nicht nur im Sinne des „harten Willens“, sondern weich, sich zurück nehmend, anschmiegsam, warm.

Dann aber geschieht etwas, was wie die Schaffung eines freien inneren Raums erscheint, eines inneren Raums, an dessen Rändern und in dessen Mitte bei weiterem Fortschreiten Bild- und Gestalthaftes aufleuchten kann. Diesen inneren Raum, den man erst in meditativen Ausnahmesituationen und mit der Zeit als etwas stetig Begleitendes wahrnehmen kann, benennt Steiner als etwas, bei man sich fühle „wie von einem zweiten Menschen durchdrungen." Das ist das erste Bild, das Steiner dafür benutzt. Das zweite ist, dass man gewahr werde, „wie der im Wachzustande in seinem Ich bewahrte Mond dadrinnen ist". Dieser meditativ erschaffene innere Raum oder „zweite Mensch" ist etwas, was man im „beginnenden Initiatenbewusstsein" wie „in einer Hülle in mir trage". Diese Hülle ist in der Tat deutlich spürbar. Die Ursprünge ihrer Entfaltung liegen in den drei Chakrenpunkten von Stirn, Kehlkopf und Brust bzw. den Innenflächen der Hände. Die Chakren sind die Knoten, die Wurzeln des Entspringens dieser mondenhaften inneren Hüllenkraft.

Steiner macht in diesem Zusammenhang sehr deutlich, dass diese hell gewordene Traumebene bei zu geringer seelischer Haltung entgleiten kann. Es ist Disziplin und Übung nötig, „innere Festigkeit und Haltung, damit dasjenige, was heraus will, in einem drinnenbleibt und man es verbunden erhält mit dem ganz gewöhnlichen, nüchternen Bewusstsein, das man in seinem physischen Leibe hat." Ansonsten wären ekstatische Entgleitungen oder somnabules Abgleiten in „Stoffwechselwirkungen" möglich. Worum es geht, ist der feste Halt im Strömenden, d.h. ein bewusster und vom Ich kontrollierter Weg „durch die Ausgestaltung der Traumeswelt, durch die Realisierung, durch die Verwirklichung der Traumeswelt". Das ist die michaelische Komponente, im Natürlichen, Lebendigen, Traumhaften ein „intellektuelles“ - hellwaches- Moment weiter zu entfalten. Dann wird Denken (im Sinne von Bewusstsein) und Leben eins- oder, wie Steiner es ausdrückt: „es erwacht mitten im Tag etwas wie eine innerliche Nacht."
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A.H. Almaas und das esoterische Christentum

Es mag doch auf den ersten Blick etwas verblüffen, dass der in Kuwait geborene und in einer traditionell islamischen Familie aufgewachsene A.H. Almaas (mit echtem Namen A. Hameed Ali) trotz seiner tiefgründigen Darstellungen zu geistiger Schulung am Ende der Darstellung seines „Diamond-Heart“- Weges zu einer umfassenden Darstellung des esoterischen Christentums kommt. In einer autobiografischen Skizze schreibt er über sich : „A. Hameed Ali was born in Kuwait in 1944. At the age of eighteen, he moved to the USA to study at the University of California in Berkeley. Hameed was working on his Ph.D. in physics when he reached a turning point in his life and destiny that led him more and more into inquiring into the psychological and spiritual aspects of human nature.“

In einem Interview auf seiner Website stellt er seine wissenschaftliche Bildung und seine Erziehung noch etwas deutlicher dar: „My mother is religious and comes from a religious family that functioned as leadership for a particular Muslim congregation in the Middle East. Her father and uncle were in this line of religious leadership but had very obvious spiritual orientations and inclinations. Some of their ancestors were intimately linked to some well-known Sufis. They were not Sufis but had developed some true spiritual qualities.“
So erscheint der Sprung ins esoterische Christentum vordergründig erheblich zu sein, wobei wahrscheinlich auch meinerseits mangelnde Kenntnisse bzgl. des Sufismus zu diesem Erstaunen beitragen mögen.

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Beingness


Wenn man bei Rudolf Steiner nachliest, was Ich, Selbst, Ich-Leib, "Höheres Ich" und dergleichen in diesem Kontext bedeuten sollen, muss man zugestehen, dass diese Begriffe nicht den Charakter einer Definition haben. Sie sind bei Steiner meist sogar nur aus dem Zusammenhang der jeweiligen Situation verständlich, da er sie durchaus widersprüchlich verwendet. Diese scheinbare Ungenauigkeit bzw. Uneindeutigkeit erklärt er gelegentlich sogar zum Prinzip, um die innere Aktivität und Aufmerksamkeit seiner Leser und Zuhörer wach zu halten. Nicht selten erscheint es so, als konstruiere er zwischen Ich und Höherem Ich eine Dualität. So zumindest könnte man auch die folgende Textstelle interpretieren:

"Nun kann aber die Seele gar nicht anders, als dieses «Ich» für ihre eigentliche Wesenheit halten, bevor sie die übersinnliche Welt betritt. Sie muss in ihr die wahre menschliche Wesenheit sehen. Sie muss sich sagen: durch dieses mein Ich muss ich mir Vorstellungen über die Welt machen; dieses mein Ich darf ich nicht verlieren, wenn ich mich nicht als Wesenheit selbst verloren geben will. Der stärkste Trieb ist in ihr, das Ich sich überall zu wahren, um nicht allen Boden unter den Füßen zu verlieren. Was so die Seele im gewöhnlichen Leben berechtigt empfinden muss, das darf sie nicht mehr empfinden, sobald sie in die übersinnliche Außenwelt eintritt. Sie muss da eine Schwelle überschreiten, an der sie nicht den einen oder anderen wertvollen Besitz nur, an welcher sie das zurücklassen muss, was sie sich bisher selbst war. Sie muss sich sagen können, was dir bisher als deine stärkste Wahrheit zu gelten hatte, das muss nun jenseits der Schwelle zur übersinnlichen Welt dir als der stärkste Irrtum erscheinen können."*

Steiner spricht das Verhaftetsein in das an, was wir als unser biografisches Ich erleben, das vom Selbstgefühl determiniert ist, vor allem aber von den permanenten nervösen Rückmeldungen, dem Anstoßen an unsere Leiblichkeit. Dieses Ich erlebt sich im Widerspruch zur umgebenden Welt, im Ich-Es-Konstrukt, das ebenfalls als Anstoß zur Konstitution des Selbst zu erleben ist. Dieses Konstrukt des Ich konstituiert die gegenständliche Welt als Gegenpol zur erlebten Subjektivität. Der "wertvolle Besitz", der als stärkster Trieb mit allen Mitteln verteidigt wird, wird in seinem illusionären Charakter an der "Schwelle zur geistigen Welt", d.h., in der realen meditativen Erfahrung erkannt. Aber was erlebt dann da? Gibt es ein anders verortetes, aber ebenso funktionales "höheres Ich", das dann die Beobachtersituation analog zum leiblich gebundenen Ich einnimmt? Sind wir, mit anderen Worten, geistig ein Anderer als im physischen Erleben? Dann würde in der Tat ein Dualismus herrschen, eine beängstigende Diskontinuität unseres Seins.

Meditativ ist eine solche Diskontinuität nicht erfahrbar, auch wenn es ungewohnt ist und zunächst ungewohnte Anstrengung zu kosten scheint, von der Welt der Geformtheit in ein fließendes Bewusstsein zu wechseln. Der Übergang bedarf vieler Anläufe, wird aber, wenn er gelingt, ganz natürlich wahrgenommen, als ein helles, freies und spontanes Einschlafen mit erhaltenem, aber nicht fokussiertem Bewusstsein. Wenn man damit eine Weile lebt, ist das Potential immer im Hintergrund, in jeder Situation des Tages. Die Anstrengung fällt weg, man wechselt die Ebene jederzeit, ohne gesonderte und exponierte meditative Situation. Wenn diese Stille als Potential zur Verfügung steht, wächst sich etwas von selbst aus- bestimmte Ruhezonen aus dem Untergrund klingen durch die Leiblichkeit herauf, wodurch ein Wachstum vor sich geht, das das Ungestüme des Seelenleibes allmählich besänftigt- zumindest zu wesentlichen Teilen. Dann klingt das Nonduale doch so stark, dass die Erfahrung aufscheint, dass die Trennung zwischen geistigem und gespiegeltem Ich eben nicht besteht:

"..das ist ja gerade das Bedeutungsvolle, dass wir eine gemeinsame Welt haben, wenn wir im außerirdischen Dasein sind, dass dieselbe Welt, die der eine Mensch hat, die ist, die auch der andere Mensch hat, und dass die Menschen, die sich hier im Erdendasein räumlich auseinander halten dadurch, dass jeder in seiner Haut eingeschlossen ist, sich dann auseinander halten durch die innere Kraft der Seele. Auch im außerirdischen Dasein ist jeder eine Individualität; aber er ist nicht von den anderen Individualitäten getrennt durch den Raum, sondern durch die innere Kraft der Seele, durch die zusammen haltenden Kräfte in seinem Inneren."**

Es gibt also kein Hier und Da des Individuellen, keine Trennung, sondern nur Spezifikationen der Wahrnehmung durch das gespiegelte Leib- Bewusstsein. Wenn wir die leiblich- nervös bedingten Rückmeldungen meditativ abstellen können, gehen wir in das nonduale Flow- Bewusstsein ein, in dem wir uns als geistige Wesen erleben lernen.

Der kluge zeitgenössische Mystiker A.H. Almaas drückt diese Erfahrung so aus***: "As the restricted self — what we call the ego — lets go, its very substance unfolds like a flower. The ego doesn’t die, it transforms. The ego is nothing but the perspective of the surface of the soul, which is the true being. Many spiritual traditions go on about slaying the ego. But you can’t kill the ego. There is no separate thing that is ego. The ego is action, simply an activity that fastens your being, your soul, your psyche, and your self in a particular way."

Die eigentliche Anstrengung ist es, dieses abgegrenzte, abgrenzende Spiegel-Ich aufrecht zu halten. Es macht uns müde, verbraucht uns, läßt uns altern. In der Erfahrung des Seinsgrunds, in dem unsere "Substanz sich wie eine Blüte entfaltet" (Almaas) leben wir in den reinen Lebenskräften- ohne die Anstrengungen der Selbstbehauptung und des Selbsterhalts. Wir erleben uns dann auf der atmenden, pulsierenden Lebensebene dieser Welt***: "To engage the work is to participate in this world, in this magical universe. We don’t work to solve emotional problems. We don’t work to have religious experiences. We work to participate in the real world. The world as it really exists, not the world that we have been conditioned to see. It is mind-blowing to realize the nature and extent of our conditioned beliefs about the world. If you look at the universe objectively, it lives, pulses, and breathes. Everything is alive. The world is one living, huge, infinite, eternal kind of beingness."


________________
*Steiner, Ein Weg zur Selbsterkenntnis des Menschen in acht Meditationen
**Steiner, GA 218, 14.10.1922
***A.H. Almaas, Diamond Heart: Book Five: Inexhaustible Mystery
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Spirituelle Raubzüge oder organisches Wachstum


A.H. Almaas ist in vieler Hinsicht ein interessanter Mittler zwischen den geistigen Welten und Kulturen. Er beweist das - z.B. in „Essenz", Arbor Verlag 1997-, nicht nur durch den Einbezug islamischer, hinduistischer und buddhistischer Literatur, nicht nur durch die Einbettung in Entwicklungspsychologie und Psychoanalyse, sondern auch durch eine profunde praktische Kenntnis meditativer Richtungen.

Sein zentraler Begriff der Essenz ist, nicht nur durch dieses Buch belegt, ein Hinweis auf eine menschliche Grunderfahrung, die zum Kernpunkt transzendenter Selbsterfahrung führen möchte. Die Realisierung dieser Entelechie- Erfahrung ist ein fortdauernder Prozess, der, wie er in einem öffentlichen Gespräch äußerte, möglicherweise nicht in einem einzelnen Leben abzuhandeln sein kann. In „Essenz" warnt er vor kurz gegriffenen Freisetzungen von Energien auf der Chakren- und Kundalini- Ebene, wie sie durch manche fernöstliche Methoden offenbar möglich sind, da dies eine „süchtig machende Qualität der Chakren-Dimension" (S. 42) hervor ruft, die sich für Leute eignen mag, die eben schlechthin „nach hohen Erregungsniveaus süchtig sind". Menschen, die den Kick suchen, übertragen diese Haltung auch auf spirituelle Suche, weil sie sich andere Erfahrungen nicht vorstellen können.
Diese Erleuchtungs- Erfahrungen - kaum vorstellbar ohne Anlehnung an einen abhängig machenden Guru - öffnen zwar die Tore des Herz- Chakras, wenn es gut geht, aber eben auf eine sensationelle Art, in der es „schön, bunt und faszinierend" zugeht. Der „Wächter" der Kundalini-Schlange wird gleichsam überwältigt, „überwunden und beseitigt", der Hüter der Schwelle ausgetrickst.

Aber das hat den Preis (neben den damit verbundenen inneren und äußeren Abhängigkeiten), dass der auf hohem energetischen Niveau voran Getriebene gebannt wird und bleibt von der Intensität der Erfahrungen „am Tor zum Universum":
"Das Tor ist zwar offen, aber das Tor ist nicht das essentielle Universum."

Der andere Weg sieht eine allmähliche Entwicklung fern von jeder treibenden Dynamik vor. Auch auf diesem Weg kann man, aber eher als Nebeneffekt, "in die tiefere und feinstofflichere Präsenz im Herzen" (S. 43) schauen. Die Chakra- Ebene ist aber nicht das Ziel, sondern ein Ergebnis zunehmender Reife. Fokussierung und kontrollierte, eigenständige Entwicklung führen zu einer allmählichen Enthüllung der existentiellen Essenz im Menschen, so dass „die Erfahrung des sich öffnenden Herzens Wirkung eines Kontaktes mit Essenz im Herzen ist."
Nur so kann man den "essentiellen Bereich in seiner Reinheit" erfahren, ohne die „verdünnende Gegenwart von Emotionen".
Nur auf diese Art erfährt man das Herz- Zentrum ohne „Erregung, Glanz und Drama“ in seiner wirklichen Natur, die zutiefst „mit der Erfahrung des Mitgefühls verbunden" (S. 44) ist. Man ist inmitten einer „sehr klaren, friedlichen und stillen Leere", jenseits gedanklicher oder emotionaler Inhalte. Dann kann inmitten der Leere die Gegenwart „einer sehr feinen und feinstofflichen Präsenz“ aufscheinen, verbunden mit der Qualität einer "liebevollen Güte". Hier lebt etwas, was verglichen werden kann mit einem „Gefühl von Wärme, Zartheit und jungfräulicher Frische", mit einem „Leuchten". Diese Art des Erwachens in der zurückhaltenden, gereiften Stille ist diametral verschieden von den mit hoher Frequenz erzeugten Erleuchtungs- Raubzügen, die Almaas als "Entladungsprozess“ bezeichnet, der letztlich illusionär bleibt und Wege eher verstellt als notwendige Reifung vermittelt.

Letztlich bleibt die Frage, ob man sich blenden lässt von herbei gerufenen illusionären und fragmentarischen Methoden, die allerdings sensationelle Effekte zeitigen.
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Die Nutzlosigkeit der Gegenwärtigkeit

Unter "Nutzlosigkeit" zitiert Kühlewind in unserem Meditationsbuch "Licht und Leere" (Verlag Freies Geistesleben) Zoketsu Norman Fisher:

"Zazen ist grundsätzlich eine nutzlose und witzlose Betätigung. Man widmet sich dem Zazen nicht, weil es irgendwie hilft oder friedvoll ist oder interessant, oder weil Buddha einem sagt, man solle es tun - wiewohl wir uns vorstellen mögen, es sei hilfreich, friedvoll oder interessant-, sondern einfach weil man sich ihm widmet. Du tust es eben, weil du es tust… Auch ist es keine Frage des Wollens oder Nicht- Wollens. Zazen geschieht um des Zazen willen. Vögel singen, Fische schwimmen, und wer sich dem Zazen widmet, übt Zazen jederzeit mit Hingabe, obwohl es keinerlei Notwendigkeit dafür gibt."

Das ist eine Haltung, die ich schon beim bloßen Lesen erholsam finde. Ich kann mir z.B. keine andere Haltung vorstellen, mit der man unbefangen, unangestrengt, durch die Natur gehen könnte, um auf sanfte Art und Weise den Dualismus im Wahrnehmen zu überwinden. Man kann sich ihr gar nicht anders annähern. "Konzentration" und "Fokussierung" müssen quasi in Fleisch und Blut übergegangen sein- durchsichtig geworden. Man konzentriert sich und fokussiert sich nicht mehr im Sinne eines Willensakts, sondern der Wille ist einfach da, ist bereit, ist ein Teil des schwingenden, unsichtbaren Leibes, der einen durchdringt. Irgendwann ist eine Spur des lichten Leibes stetig im Rücken da, schwingt mit, geht auf und zieht sich wieder zusammen. Man kann präzise sein, ohne sich dabei zu verkrampfen.
Natürlich ist das auch eine Denk- Kraft, jedoch in einem transzendierten Sinn: Der Lichtkörper ist auch der Willensleib, und man lebt darin. Nur so ist es möglich, das Gesamte der Erscheinung eines Augenblicks in der Natur mit zu leben, mit zu erleben. Nur so - aus meiner Perspektive- gelingt es gelegentlich, dass der Augenblick sprechend wird. Dann quellen aus den Erscheinungen heraus Empfindungen und Einsichten. Die Blüten, die Wolkenformen, der Wind tragen immanente Empfindungen an das innere Ohr. Das ist in der Tat sinnlos und witzlos, weil es einfach ein Mitgehen mit dem ist, was ist. Es ist voller Freude, das gewiss. Und es ist voller Hingabe, das auch.

Aber es ist meilenweit entfernt von dem, was z.B. die Erleuchtungssucher erwarten. Ich habe wirklich keine Ahnung, ob was und wann was "erleuchtet" sein mag, und es ist mir auch völlig egal. Das Wichtigste ist, real zu sein, präsent und wach. Es mag da Fortschritte oder ein Weiterkommen geben, aber der Gedanke daran würde den Willen korrumpieren und schon die Präsenz zerstören. Diese Erleuchtungs- Kategorien haben mehr etwas mit amerikanischen und asiatischen Werbestrategien zu tun als mit dem, was jetzt ist. Es ist für mich mehr das RTL- Programm als Realität.

Anders bei den wenigen Anthroposophen - etwa Mieke Mosmuller-, die offensichtlich tatsächlich Erfahrungen solcher Art macht, aber ihnen immer schwindelerregende Zuordnungsbegrifflichkeiten (Erzengel, Sophienerscheinung..) hinterher schiebt, die das Ganze anthroposophieren, glorifizieren, kontextualisieren, kategorisieren. Es schnappt dann bei ihr zu, wird reich an Begrifflichkeit und Großartigkeit, aber zugleich arm an Erfahrung, Konsequenz, Genauigkeit.

Ob Erleuchtungssucher oder Sich-Selbst-Heiligende, es schnappt fast immer die Falle zu, dass es gewaltig, wichtig, einzigartig sein muss. Verloren wird der Augenblick, die Präzision, die Tatsächlichkeit, die Unangestrengtheit. Deshalb noch einmal ein Loblied auf Fisher: "Vögel singen, Fische schwimmen, und wer sich dem Zazen widmet, übt Zazen jederzeit mit Hingabe, obwohl es keinerlei Notwendigkeit dafür gibt."
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Den schwarzen Hund besuchen. Meditationen über den Doppelgänger

In der neu angelegten Kategorie „Moderne Mystik“ ein neues Textfragment über das rätselhafte Phänomen des Doppelgängers, mit einigen Zitaten von Rudolf Steiner.

doppelgaenger
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Zwei & Zwei


Du bist sicher, ich bin es nicht. Ich habe keine Antworten, ja nicht einmal Fragen. Ich stehe auf dem Feld, mit dem weiten Blick übers Land und versuche Zwei und Zwei zusammen zu zählen. Die sich ballenden Wolken, das sich spreizende Licht, das Meer von Grün, die Halme des Weizens. Ich versuche den Augenblick zu kosten. Ich ziehe mit den Wolkenflocken über das Land, ich schmecke die aufgebrochene Erde. Gestern war das Licht noch lockend, umwühlend, saugend und ziehend. Heute drängt es ins Wässrige, staut und ballt. Als ich jung war, versuchte ich oft zu stehen, als wäre ich Teil des weiten Landes. Wenn man mit ihm verwächst, wird man unsichtbar darin; die Tiere nehmen einen nicht mehr wahr. Die Spur des Vogelflugs schreibt unversehens ein Gedicht. Das weite Land beginnt sich in dir zu denken.

Wenn man unsichtbar wird, beginnen die Dinge zu sprechen. Am späten März-Abend legte sich die Sichel des wachsenden Mondes noch unter die Frühlingsplaneten- die Stimmung von Empfängnis und Erwartung. Nun hat sich die Hoffnung erfüllt, das weite Land ist ganz befruchtet und gedeiht. Die Knospen sind gebrochen und befreit. An den Kastanien stehen die jungen Blätter wie tausend ungelenke kleine Störche im noch scharfen Wind aus Norden. Ein wenig Salz hängt in der Luft, die Nordsee ist nicht weit.

Ich bin nicht sicher, denn die Windstösse treiben mich um. Ich wiege mit den jungen Halmen, ich ziehe mit den Wolken und sie ziehen durch mich durch. Das Feld steht in mir und zählt Zwei und Zwei in mir zusammen.
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gleichgewicht

man steht nie
fest man
pendelt nur.
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Ostern - an der Kehre des Flusses


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Erinnerungen, abgelegt in Borken, in organischem Material, in den Uferverläufen eines mäandernden Flusses. Da gibt es Ablagerungen, Verkrustungen -von jedem Tag, jedem Monat, jedem Jahr. Die Zeit bildet Schichten - Flöze in der Großhirnrinde.

Eine ganze Szenerie vor Augen, wenn man erinnert. Personen spielen hinein, ein Hintergrund, eine Musik. Eigentlich kann man sich an Gesichter nicht erinnern- eigentlich vergegenwärtigt man sie im wortwörtlichen Sinn; die Person steht einem vor Augen; man hat sie nicht nachgebildet, nur ihre Erscheinung erfahren. Diese Person steht in einem kausalen und zeitlichen Zusammenhang, in einem Set, einem Arrangement. Sie übersteigt das Denkbare und wird zur einzigartigen Person jenseits dessen, was sie als Objekt, als Naturhaftes, als Gewordenes darstellen mag.

Manchmal verlieren sich vor allem alte Menschen in so einer Schicht, in einer Ära ihrer selbst. Manchmal gelingt es Menschen schwer, aus dem Mutterkuchen frühen Glücks jemals wirklich auszubrechen. Sie werden von einer vergangenen Ära gestützt und zugleich gefangen gehalten, weil sie sich aus ihr definieren. Sie gestatten, dass sich ein Gepräge, eine Erfahrung, ein Charakter aus einer Schicht von Reminiszenzen bildet. Das, sagen sie, bin ich. Ich lebe aus der Gnade meiner Krusten und Geformtheit, ich bin der Herr der Borken und meines vergangenen Lebens. Daraus bin ich gebaut.

Aber wer ist es, der dieses Geformtsein als solches erkennen kann? Ich mäanderte fragend, leer und erschöpft in einer Landschaft reiner Gegenwärtigkeit. Ich schöpfte Wasser aus einem Fluss, der keine Ufer hat. Ich wurde, als ich nackt war, eingekleidet. Ich wurde an der Kehre des Flusses, unter den blühenden Apfelbäumen, mit Brot gesättigt, als ich hungrig war. Ich weiss, in dieser Landschaft ist er zuhause, der alle Hungrigen speist und alle bekleidet.

Ich kam voller Scham; die Scham hat mich hierher geführt. Es ist also wahr: Wenn die Krusten und Borken abgelegt sind, das Auge ins Blaue gewendet und die Zunge zum Kiesel geworden, lebe ich doch fort. In der Luft sein Atem, auf spurlosem Grund. An der Kehre des Flusses lebt man aus seiner Gnade fort.
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Stein im Weg

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Eigentlich ist es doch merkwürdig, wie viele Steine wir uns selbst in den Weg legen- angesichts der Erkenntnis, dass wir ein jeder für sich Ausdruck seiner selbst ist. Wir sind in eine Form geprägt- aber keineswegs erstarrt und in toter Endgültigkeit, sondern eigentlich unentwegt sich aktiv ausdrückend. So wie wir in Form - in einem biologischen Rahmen- uns als wir selbst artikulieren, sind wir auch noch fähig, sprachlich zum Ausdruck kommen zu können. Es ist eine paradoxe Situation, denn die sich selbst wahrnehmende Form unserer selbst hat sich verselbständigt und sich in der ununterbrochenen Wahrnehmung einer umgebenden Erscheinungswelt, in Selbstgefühl und nackter Reflexion verloren- sie hat ihre eigene Lebendigkeit nicht mehr im Blick, obwohl sie sich daraus speist.

Noch merkwürdiger wird es, wenn die Form, die wir sind, sich immer weiter in gefühligen Manien verliert - etwa durch Ehrgeiz gespeist - oder sich in intellektuellen und ideologischen Gedankenkaskaden abschottet- gebannt in eine Attitüde ständiger Selbstrechtfertigung und -verteidigung.

Vollends bizarr wird die Selbstvergessenheit in religiösen oder spirituellen Exzessen, in denen eine Selbstvergottung zelebriert wird, die Einsetzung einer omnipotenten, aber egomanischen Entität, der es von Anfang bis Ende an jeder Wirklichkeit mangelt. Das Hängen an dem, was wir als unsere "Persönlichkeit" empfinden, hat suchtartigen Charakter. Im Kern ist das der Stein, der uns vor allem im Weg liegt.
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Sister Sue und das verzweigte Ich

Natürlich kann es an einen Punkt kommen, an dem das alles zu einem Ende kommt. Es fühlt sich an wie ein Scherbenhaufen, und es handelt sich unverkennbar um Steinchen aus der eigenen Biografie. Es kann bis zu einem Punkt kommen, an dem man das alles, was man da aufgefahren, was man geleistet, aber auch in idealisierter Art und Weise vor das eigene Auge gestellt hat, auf einmal klar und unverkennbar im Raum steht. Man hat sich so weit entfaltet, so weit ausgebreitet:

"Sister Sue she's short and stout
She didn't grow up, she grew out
" (1)

Manchmal sehe ich einen vielleicht erfolgreichen Menschen an und kann nicht anders denken, als wie anstrengend es sein muss, dauernd Derjenige zu sein- nicht nur im Laufe der Entfaltung bis zum Stadium dieses Menschen, sondern aktuell und in jedem wachen Augenblick. Es kostet uns alle unendliche Energien, dieses Stadium, diese Persona aufrecht zu erhalten, über Jahre, Jahrzehnte, ein Leben hindurch. Es ist de facto aufzehrend. Wenn es nur gelänge, einen Augenblick lang all diese verschwendeten Energien zu bündeln und ohne Absichten und Wünsche, ohne Inhalte und Vorstellungen einfach im Raum stehen zu lassen, wüssten wir, was Meditation bedeuten kann. Wir sind einfach zu absorbiert vom Anspruch, Derjenige zu sein, um zu bemerken, über welches Potential wir eigentlich verfügen: Ganz direkt, ohne ein vermittelndes leibliches Medium präsent zu sein.

Am Ende ist es vielleicht so, dass einem nichts bleibt, was man so Bleibendes zu nennen gewohnt war: "Du bist sehr verzweigt, und nur die grössten Drohungen können dich zusammen fassen.“ (2)

Dieses ist es, das besteht: Der klare Blick, die aufrechte Gestalt (selbst wenn es eng wird), die Haltung und mit alledem: die geistige Authentizität, die keinerlei Spiegelung, Brechung oder gar gedankliche Fassung benötigt. Es ist dieser Blick, in dem man sich offenbart, nicht nur nach Außen, sondern auch dann, wenn man nach Innen, auf sich selbst schaut.

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1) Randy Newman in "My old Kentucky Home".
2) Elias Canetti, Die Fliegenpein. Aufzeichnungen, S. 49
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Rudolf Steiner: Die Kraft der Meditation und das Alltagsleben

Dazu ist eigentlich noch etwas notwendig, was berücksichtigt werden muss. Der Meditierende wird ja oft wiederum in den Schlendrian des gewöhnlichen Lebens zurück fallen; er muss das ja auch, da er zwischen Geburt und Tod ein Erdenmensch ist. Das gewöhnliche Bewusstsein muss sich immer wieder finden. Aber wir können ja so sein im Leben, so zum Beispiel: wenn wir - ich meine jetzt, im negativen Sinne können wir es -, wenn wir irgendeinen Schmerz, der habituell bleibt, der chronisch wird, wenn wir den haben, wir empfinden ihn immer; wir können manchmal ihn übersehen, aber wir empfinden ihn. So sollten wir auch erleben, wenn wir einmal erfasst worden sind von der Kraft der Meditation. Wir sollten uns eigentlich immer so fühlen, dass wir uns sagen: dieses gewöhnliche Bewusstsein hat ja einmal meditiert, es ist ja einmal erfasst worden von der es durchsetzenden Kraft der Meditation.

Wir sollen fühlen, dass die Meditation da war, dass wir einmal in ihr waren. Wir sollen ein anderer Mensch geworden sein dadurch, dass wir fühlen, die Meditation macht uns zu etwas anderem. Dadurch, dass wir einmal mit ihr begonnen haben, können wir gar nicht mehr im Leben vergessen - auch nicht für Augenblicke vergessen, meine lieben Schwestern und Brüder -, dass wir Meditierende sind. Dann ist dies die rechte Stimmung des Meditierenden.

Wir sollen so uns hineinleben in das Meditieren - wenn wir natürlich auch selbstverständlich das Meditieren nur kurz treiben, ohne dass es uns das übrige Leben stört -, dass wir eigentlich immer uns fühlen als Meditierende und dass wir, wenn wir einmal vergessen, dass wir Meditanten sind, und nachher darauf kommen, wir haben das vergessen, es hat Momente im Leben gegeben, wo wir das vergessen haben: da sollten wir uns das Gefühl aneignen, uns so zu schämen, wie wir uns schämen würden, wenn es uns passierte, dass wir ohne Kleider nackt durch eine ganz mit Menschen besetzte Straße liefen. Das sollten wir uns aneignen. So sollten wir den Übergang vom Nichtmeditieren zum Meditieren auffassen, dass es keinen Moment gibt, der so ist, dass, wenn wir ihn ohne das Bewusstsein, dass wir Meditanten sind, hinterher entdecken, wir uns seiner nicht schämen würden. Das ist dasjenige, worauf viel ankommt.

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Rudolf Steiner, GA 270b
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Das Glück des Verstehens

Das Glück des Verstehens kann man erinnern- im Gegensatz zum frühen Spracherwerb. Letzterer geschieht noch unter dem Mantel der Nacht, indem wir im Schoß der Dinge ruhen und sie träumend bewegen. Die Namen der Dinge sind relativ irrelevant, wir lernen sie in unserem Sprachkorpus, aber vor allem erträumen wir uns die Funktionen der Dinge. Nur im Vergegenwärtigen der Funktion können wir die Erscheinungen, denen wir als Kind begegnen, generalisieren und auf alle möglichen und denkbaren Formen übertragen; ja wir können ganz neuartige Formen erfinden. Stellvertretend für diese Funktion, die nicht zu erklären ist (schon gar nicht einem Kind, das Sprache erst erwirbt), bilden wir zur Vereinfachung Vorstellungen, d.h. bildliche, dingliche Repräsentanzen. Ganz wesentliche Koordinaten unseres sprachlichen Verständnisses sind ja auch nicht mit Vorstellungen belegt; "Das ist ein Tisch": Das Wichtigste an diesem Satz ist nicht das gemeinte Objekt, sondern der Verweis darauf hin: "Das". Es bedeutet Dort, von dir aus gesehen, es bedeutet Ausblenden aller anderen Dinge, es konstituiert ein Ich-Es-Verhältnis, eine Beziehung, eine Relation. Man kann "Das" nicht erklären.

Das Glück des Verstehens aber schimmert später auf und ist bis zum Vorabend der Pubertät ein erinnerbares Glück. Wie sich die Funktionen von Erscheinungen plötzlich erschließen und zusammen fügen! Tatsachen, die lose beieinander lagen, enthüllen sich auf einmal in ihrem Zusammenhang. Wir fühlen uns geradewegs von Glück erfüllt, wenn wir erkennen, dass dieser Prozess weiter und weiter geht und gehen kann und soll- es ist eine Art, sich die Welt der Erscheinungen zu erschließen.

Diese Entdeckungen werden im Erwachsenenalter spärlicher- oder zumindest weniger bemerkt. In der Jugend wurden wir getragen vom Verstehen und Erschließen, waren sicher, dass diese Welt unser ist und dass wir sie verändern werden. Unser In-der-Welt-Sein gründet ja darauf, unsere seelische Integrität ist auf Verstehen und Verstandenwerden gerichtet.

Mit dem Älterwerden schleicht sich eine Routine im Erklären der Welt ein, eine Patina, manchmal sogar eine müde Mechanik und Automatismen, die womöglich auch dort Verbindungen entdecken wollen, wo bloßer Zufall vorliegt. In das Verstehen schleicht sich hier und da das Gift des Spekulativen ein, vielleicht auch der Hang zum Verabsolutieren und zur ideologischen Verhärtung. Aus der Entdeckerfreude wird womöglich ein fester Standpunkt- auch da, wo es ganz und gar auf genaues Beobachten und zurückhaltendes Urteilen ankäme. Es ist, als würde sich eine Borke bilden, eine schrundige Masse- häufig gerade bei früher glühenden Idealisten, die mit der Zeit müde geworden sind.

Die Bedeutung oder das Verstehen bleiben aber unsere täglichen, dauernden Begleiter, pragmatisch und prinzipiell. In ihnen rühren wir immer wieder an die Nachtseite unseres Seins:
"
In jeder Bewegung, in der wir an Bedeutung rühren, wechseln wir von der einen auf die andere Seite der Stille. Und in der Gegenrichtung, wenn wir eine Bedeutung zum Ausdruck bringen."
(Kühlewind, Licht und Leere, S. 79)
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Vernünftige Unvernunft

Der Schritt vom Konstruktivismus zur spirituellen Fragestellung ist nicht so weit, wie er manchmal dargestellt wird. Zunächst wird im Radikalen Konstruktivismus von einer "Kritik des naiven Realismus" ausgegangen: "Er setzt jenem einen Relativismus entgegen, der Objektivität zur Unmöglichkeit erklärt. Vor allem subjektive Beobachterpositionen erscheinen ihm wesentlich." (Quelle Wikipedia).

Der Begriff des Konstrukts kann aber auch auf die Identität des Aussagenden selbst erweitert werden. Das an der eigenen Person zu Beobachtende, selbst die Erinnerungen, Gefühle, Impulse sind keine objektiven Tatsachen; der Schritt zur spirituellen Positionierung gelingt mit der Frage an den Zeugen- an diejenige Instanz, die in der Lage ist, die Relativität und den Kontext des personalen Konstrukts, das wir „Ich“ nennen, zu erkennen. Es ist eine Instanz, die offensichtlich die gegebenen Subjekt- Objekt- Bezüge übersteigt, da sie sonst nicht das eigene Subjekt mit seinen Objektbezügen zum Objekt machen könnte.

Bei Fragestellungen dieser Art bewegen wir uns schon weit im Feld der Paradoxien. Paul Watzlawick, der verstorbene konstruktivistische Philosoph und Therapeut, sprach von einem Gefängnis, von einer Illusion der Alternativen, solange "die Lösung nämlich innerhalb der Dichotomie von z und nicht-z gesucht wird" (1): "Was nämlich sein Dilemma verewigt und es ihm unmöglich macht, die der Vernunft scheinbar widersprechende Lösung zweiter Ordnung zu sehen, ist eben gerade die blinde Annahme, dass man zwischen z und nicht-z zu wählen habe und dass kein anderer Weg aus dem Dilemma führe." (1)

Lösungen zweiter Ordnung entziehen sich dem, was aus dem Kontext der Person und ihrer sozialen Bezüge heraus als "vernünftig" gelten könnte. Watzlawick war ja ein Meister darin, Situationen auch aus dem Alltagsleben zu finden, die nur durch eine paradoxe Reaktion aus dem Teufelskreis ihrer Selbstbezüglichkeit, ihrer Zirkularität (2) in Reaktion und Gegenreaktion, zu lösen sind. Er setzte das auch als therapeutische Methode ein. Den inneren Bezug solchen Handelns sah er in Zen und im Taoismus:
"Dies ist ein uraltes, besonders in der Mystik und den ihr verwandten Geistesströmungen in verschiedenster Form immer wiederkehrendes Motiv. Im Taoismus klingt es im Begriff des wu-wei, der "absichtlichen Absichtslosigkeit" an"; oder ab in einem "Zen koan, dessen Zweck es ist, das menschliche Erleben der Wirklichkeit aus dem Käfig des Denkens in Gegensatzpaaren heraus zu jenem Quantensprung auf die nächsthöhere logische Stufe, dem satori, zu verhelfen. Zum Ausdruck des Verschwindens der Gegensatzpaare stehen unserer Sprache nur paradoxe Formulierungen offen." (1)

Watzlawick bringt ein Beispiel aus dem Zen: "Als Graf Dürckheim im Gespräch mit Altmeister Suzuki diesen "mit Bezug auf das vom Menschen immer wieder gesuchte und ihn doch ja stetig um- und durchflutende Sein fragte, ob es etwa so sei, wie der Fisch, der nach dem Wasser sucht, antwortete er mit leisem Lächeln: "Es ist noch mehr. Es ist so, wie wenn das Wasser nach dem Wasser sucht.""

Der meditative Schulungsweg verschärft die Positionierung auch in Bezug aus existentielle Fragestellungen, da in der Suchbewegung nach einem Selbst ein dualistisches Ich- Konzept nicht mehr funktionieren kann. Das bringt den Suchenden ganz ohne Zweifel an einen existentiellen Nullpunkt, an einen Punkt, an dem man vor dem Nichts steht. Dazu Kühlewind: "Jede Erhöhung der Erfahrungsebene stellt die Seele vor ein Nichts oder einen Abgrund, weil sie im nächst höheren Gebiet zunächst nicht strukturieren, das heißt unterscheiden kann." (3) Das ist das Grundproblem, an dem die meditative Bemühung ohne Zweifel häufig scheitern muss: Hier werden auch die Axiome unseres Selbstkonzepts in Frage gestellt. Wir müssen lernen, uns in der Paradoxie einzurichten.

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1) Watzlawick, Weakland, Fisch: Lösungen. Zur Theorie und Praxis menschlichen Wandels, Bern 1974, S. 113f
2) „In der Kybernetik bezeichnet man das Resultat von Rückkopplungsprozessen mit dem Begriff der Zirkularität.[1] Zirkularität beschreibt das zentrale Prinzip kybernetischen Denkens[2] oder kybernetischer Prozesse.[3]
Darin wird ein Verhalten einer systemischen Einheit beschrieben, indem die Wirkungen des eigenen Verhaltens (Outputs) rückgekoppelt werden, um das zukünftige Verhalten des Systems direkt und unmittelbar beeinflussen zu können. Zirkularität bildet hier die Grundlage für selbstorganisierende Systeme.“ Wir beziehen diesen Begriff aus der Kybernetik auf soziale Rückkopplungsprozesse, aus denen wir uns als Person konstituieren.
3) Georg Kühlewind, Meditationen über Zen-Buddhismus, Thomas von Aquin und Anthroposophie, Stuttgart 1999, S. 71
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Der Flug einer Schwalbe

Vor dem "reinen" oder meditativen Denken, das mehr einer Kraftentfaltung als einem definierten Begriff ähnelt, kommt das multiperspektivische Denken. Auf der untersten Stufe dieser Hierarchie steht der "feste Standpunkt" oder sonstige ideologische Geschwulste.

Das ideologisch- binäre Denken benötigt, um sich zu erhalten, auch notwendigerweise einen Gegenstandpunkt. Die simplen Schemen und aufgebauschten Gegensätze hatten ihre grosse Zeit in der Ära des Kalten Krieges. Die binäre Struktur in der Politik erzeugt eine von innen her zitternde labile Ordnung- vielleicht sogar hysterisch aufgeheizt. In der Hitze des ideologischen Gefechts erlebt sich das binäre, aber selbstbezügliche Denken selbst. Es ist hier so sehr auf seinem Höhepunkt wie es auf der anderen Seite gelegentlich in den Abgrund des Selbstzweifels kippt.

Das multiperspektivische Denken, um das es hier geht, ist einen Schritt weiter, da es sich den dualistischen Spannungen entzieht. Es kann jederzeit unterschiedliche Standpunkte einnehmen, ohne sich dabei zu verrenken oder selbst untreu zu werden. Daher hat es auch für diverse Standpunkte Anderer Verständnis, weil sein Ziel empathisches Miterleben ist, ein Garant für immer weiter führendes Lernen. Natürlich kommt man irgend wo her, aber ist das relevant? Lebendiger ist das Auffassen von intellektuellen Subsystemen, Landschaften, Planetensystem Anderer allemal. Umgekehrt lässt sich am Grad der Freude am Diskurs ganz gut erkennen, wo einer steht in Bezug auf seine "spirituelle Kompetenz". Dort, wo einer beharrt, klebt und verkündet, lässt sich wenig gewinnen. Dort, wo einer freudlos im Loch verharrt, das er sich selbst gegraben hat, wird man wenig lernen.

Die Selbst- Übersteigung, die im multiperspektivischen Denken erreicht wird, ist die beste Vorraussetzung für das meditative Denken. Denn letzteres übersteigt sich unentwegt und findet sich im Flug einer Schwalbe.

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P.S. Dass das multiperspektivische Denken nicht nur ein demokratisches, sondern im Zweifelsfall auch ein ökologisches ist, lässt sich hier nachlesen:

"Der mehrdimensionale Ansatz wird insbesondere durch die Erkenntnisse der Ökologie gestützt. Das ökologische Denken ist grundsätzlich mehrdimensionales Vernetzungsdenken. Es stellt in Rechnung, dass alle Ökosysteme ihr Gleichgewicht nur durch beständiges Balancieren zwischen vielen Faktoren finden können. Strukturbildung lässt sich nicht auf Paarbildung und -trennung reduzieren."
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Ich bin

Wir hatten hier im Blog eine kleine Diskussion- eine Leserin und ich - bezüglich der Bedeutung von Gegenstands- Meditationen. Ich schätze sie sehr und finde sie ausgesprochen tief gehend und weit tragend, aber sie klingen nicht danach. Was soll eine Denkübung, die einen Stuhl oder Bleistift im Fokus hat, schon bringen? Auch wenn es zunächst belanglos klingt, entdeckt man überraschend viele Aspekte- materiell und substantiell zunächst. Welche Materialien sind möglich? Welche Vorstellungen mag man bzgl. des Gegenstands bilden, was das Design und das Verhältnis der Teile betrifft? Welche benachbarten oder gegensätzlichen Begriffe gibt es in Bezug auf den Gegenstand? Was genau macht den Unterschied aus? Welche Geschichte hat der Gegenstand, welche historische Bedeutung, usw.?

Man kommt über den Thron fast unweigerlich in den sakralen Bereich hinein. Es führt einen bis in die Jungsteinzeit, in der in den Höhlen erste Spuren eines Ich-bin-Empfindens dadurch manifest wurden, dass Handabdrücke an die Wand gesprüht wurden- erste Zeichen des Selbstgefühls (weit vor der meisterhaften Ära der Höhlenmaler von Lascaux) und Zeichen des Einen, der aus der Gruppe heraus trat, weil er Repräsentant für das sakrale Geschehen war.

An dem Punkt, an dem man diese Repräsentanz, dieses Orthaftwerden, diese Fokussierung und Gerichtetheit des Blicks als solche - leer, ohne Vorstellung und Gedanken - erfasst, spürt man die Dynamik einer Geistesgeschichte, die uns zu dem machte, was wir sind. Die Gegenstände, die sich Menschen schufen, legen Zeugnis davon ab. Sie sind sprechend. Heute sind diese Gegenstände - wie etwa ein Stuhl- so alltäglich wie das Selbstempfinden, die immer weiter zunehmende Individualisierung.
An diesem Punkt des Erlebens fühlen wir, wie wir selbst geistig, seelisch und körperlich in dieser Entwicklung stehen. Wir denken, fühlen und wollen in einer konzentrierten Leere, die immer neue innere Dynamik in Gang setzt. In dieser reinen, kreativen Kraftentfaltung entdecken wir uns neu: Als Wesen jenseits der Form. Die Meditation über einen Alltagsgegenstand führt uns, konsequent fortgeführt, in die reine menschliche Potentialität.

Georg Kühlewind notiert dazu in seinem Buch "Licht und Leere" unter "Erkennendes Fühlen" (S. 68 f):

Sich selbst in das vorgestellte innere Bild vergessen - Identität mit ihm (Qualitäten, Form) oder mit der Idee des menschengemachten Gegenstands = kreativer Wille. Ich bin."
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Das- Fühlen


Dieser irritierende Begriff - Das- Fühlen- tritt in den hinterlassenen Tagebüchern Georg Kühlewinds immer wieder auf, und zwar als ein Begriff mit positiver Konnotation- so weit ich verstehe. Dieser Begriff steht bei ihm offenbar im Gegensatz zum Mich- Fühlen. Sich fühlend auf ein Anderes einzulassen, und dabei selbst emotional schweigen zu können, keine Resonanzen der Zustimmung oder Ablehnung, des ästhetischen Wohl- oder Missbehagens zu haben, ist allerdings ohne weiteres nicht möglich. In einer Wahrnehmungsmeditation - etwa gegenüber einem Naturgegenstand- wird das auf jeden Fall zum inneren Thema.

Aber es ist ein Problem des Schulungsweges insgesamt. Denn der Antrieb, so ein Unternehmen überhaupt zu starten, entspringt ja einem Gefühl, einer Sehnsucht- etwa nach Vollkommenheit. Vielleicht spielt auch ein Stich Dünkel mit hinein. Die Selbstbezüglichkeit wird einen in jedem Fall beschäftigen, denn ohne Klärung dieser emotionalen Untiefen wird man seiner Eitelkeit folgen, nicht aber objektiveren "geisteswissenschaftlichen" Motiven. Falls man die Spur aus Gründen einer weit verbreiteten Selbstverachtung folgt, der Empfindung, unvollkommen oder gar "sündig" zu sein, macht das die Sache keineswegs besser: Das Motiv bleibt im Bereich des "Mich-Fühlens". Man muss ganz sicher durch diese Phasen hindurch, in einem Gleichgewicht, das durch gute Erdung und Verankerung im Alltag und in der Verantwortung leichter zu finden oder zu halten ist.

Aber es gibt den Punkt, an dem tatsächlich eine innere Sicherheit, ein Ruhen notwendig wird; die innere Objektivität alleine macht es möglich, dass das Fühlen im Sinne des Das-Fühlens aufscheint. Es ist verblüffend, mit welcher Macht es wahrnehmbar wird. Es ist verbunden mit den Lebens- und Erkenntniskräften einer erweiterten Ebene unserer Wahrnehmung. Es erscheint, wenn wir das Mich- Fühlen eben für einen Augenblick zum Verstummen bringen können, das ständige verkrampfte Sich-Empfinden-Müssen. Der mächtige Strom nackter, klarer Gefühle ist ein Glück, in dem man sich auch fühlt, aber nicht in Selbstvergewisserung, sondern in Hingabe und Konzentration.

Kühlewind schreibt in "Licht und Leere" (S. 68):

"Ich suche nicht(s) - Suchen: Dualität. Führt zum Ort der Heilung. Man sieht von da das eigene Leben, wo man die Mission verlassen hat; ohne dass man das Nichts verliert. Aus Liebe geistige Forschung: die leere Aufmerksamkeit in die Richtung des Das-Fühlens (nicht formulierte Frage) zu bringen. Man erlebt am Anfang des Meditierens die Objekt-Sucht oder -Gier."
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Kamaloka

Kamaloka ist die Hölle, die wir uns selbst bereiten. Wir haben Gefühle, Meinungen, Auffassungen, Maximen, Standpunkte und Lebenserfahrungen einschließlich unserer kleinkindlich- neurotischen Grundstellationen zu einer virtuellen "Cloud" verbacken, die uns ununterbrochen umschwirrt- Luftschiffe in unserem privaten Kosmos, Argumentationslinien, Kampflinien, kriegerische Fronten. Wir haben diesen Panzer um unseren Lebenskern errichtet.

Wir haben selbst unsere simplen Gewohnheiten und unser Essen so ausgewählt, dass sie uns selbst bestätigen, das Selbstgefühl verstärken, uns in uns verankern sollen, denn wir sind nur ein wackliges Gerüst, ein Windhauch- wir müssen uns Stabilität verleihen. Neues und Unerwartetes, das nicht in unseren Erwartungshorizont, in unseren Erfahrungskontext passt, wird meist ausgeblendet und verdrängt. Es sind Korsette, Beinschienen und Gerüste, die uns stützen, aber nichts, was den Winden wirklich widersteht. Wir stapfen wie ein Storch, mit spitzen Füßen durch die Wirklichkeit, die uns begegnet und hungern ewig nach Bestätigung. Aber der Wind ist rau und unstet, er dreht sich fortwährend, und irgendwann wird er uns erreichen.

Das, was uns fehlt, ist unsere eigene Wirklichkeit. Irgendwann wird uns der harte Wind einholen, und wir werden nackt da stehen, unbehütet. Die Illusionen, in die wir uns wie in Pralinenpapier eingehüllt haben, werden zerstieben. Das, behauptet das Christentum, sei die Hölle. Aber es ist eine Hölle, die wir selbst errichtet haben, verteidigt und begründet.

Das, was uns selbst in unseren besseren Zeiten fehlte und nur selten aufschimmerte, wird zur einzigen Quelle, zum Einzigen, was bleibt: Die Originalität. Das in uns Quellende und im Augenblick Aufscheinende, das lebendige Licht der Erkenntnis: Das sind wir. Wir verpassen und vergeuden es, wenn wir nur auf die scheinbaren Gewissheiten bauen. Plötzlich tut sich der Boden unter den Füßen auf, und wir stehen vor der nackten Existenz: Kamaloka. Dabei gibt es jeden Tag Gelegenheiten, in jedem Augenblick eine Chance, in jeder Begegnung eine Perspektive.

In seinem nach dem Tod erschienenen Meditations- Tagebuch "Licht und Leere" notierte Georg Kühlewind:

"Reine Aufmerksamkeit = frei von jeder Formbildung. Reinigung bedeutet Reinigung der Aufmerksamkeit von Formen. Kamaloka." (S. 65)

Unsere Angst besteht darin, dass wir in der Leere nicht mehr bestehen würden, da hier nichts besteht, an dem wir festhalten können. Aber das Nicht-Festhalten läßt gerade die Quelle entspringen, den ureigenen Willen vor jeder Form. Wir sind in der Formlosigkeit zu Hause, im quellenden Strom der hingebenden, vollkommenen Aufmerksamkeit, der Hingabe. Uns hingebend entspringen wir neu und unerschöpflich.
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Spiegelwesen & der Abgrund

Unsere Identität entspringt - so absurd es zunächst erscheinen mag- der Tatsache "gespiegelt zu werden" (Alice Miller, Das Drama des begabten Kindes) - im Dialog, im Erwachsenenalter, aber auch, auf sehr viel existentiellerer Ebene, als Kleinstkind:
"Die Mutter schaut das Baby an, das sie im Arm hält, das Baby schaut in das Antlitz der Mutter und findet sich selbst darin. vorausgesetzt, dass die Mutter tatsächlich das kleine einmalige, hilflose Wesen anschaut und nicht ihre eigenen Introjekte, auch nicht ihre Erwartungen, Ängste, Pläne, die sie für das Kind schmiedet, auf das Kind projiziert. Im letzteren Fall findet das Kind im Antlitz der Mutter nicht sich selbst, sondern die Not der Mutter. Es selbst bleibt ohne Spiegel und wird in seinem ganzen späteren Leben vergeblich diesen Spiegel suchen." (S. 59f)

Alice Miller meint damit auch, dass diese Art von frühkindlichem Mangel im Angeschautwerden später dazu führt, dass aus diesen Kindern Meister im Verstehen werden, insbesondere Psychoanalytiker, aber natürlich auch Psychologen oder Profi- Versteher in sozialen Berufen. Manchmal sind die individuellen Bedürfnisse in sozialen Berufen tatsächlich enorm- eine Anspannung, ein innerer Drive, der die Professionalität teilweise wieder zunichte macht oder zumindest unterläuft (ich kenne das, ich war selbst betroffen). Dass die innere Intention auch einem existentiellen Bedürfnis entspringen kann, bleibt meist im Unbewussten. Menschen mit einer "inneren Mission" können viel bewirken, aber auch viel blockieren, da immer dieser innere Stachel hinein spielt.

Aber natürlich existieren wir auch sonst als Erwachsene dadurch, dass wir von Anderen gespiegelt werden. Das zeigt sich bei Untersuchungen (ich werde noch in einem Post darauf eingehen) von Schlaganfallpatienten, deren Gesichtszüge teilweise gelähmt bleiben. Nicht selten setzt danach eine soziale Isolation ein, da Emotionen sich nicht mehr im Gesicht darstellen lassen- es bleibt maskenhaft für den Gesprächspartner. Die Patienten können das spiegelnde emotionale Feedback nicht mehr oder nur bedingt leisten. Das ist für Gesprächspartner häufig kaum zu ertragen; wir hängen einfach zu sehr davon ab, bestätigt zu werden. Diese ununterbrochene Feedback- Schleife, mit der wir durchs Leben gehen, bleibt weitgehend unbemerkt. Man malt sich kaum aus, in welche prekäre Lage Schlaganfallpatienten oder Unfallopfer dadurch kommen. Wenn jemand auf unser Erscheinen oder unsere Äußerungen und Reaktionen nicht reagiert, sondern einfach wie eine Ding vor uns steht, verunsichert uns das, selbst wenn wir wissen, dass der Patient nicht reagieren kann. Wir baden in einem Meer von emotionalen Feedbacks, denn daraus konstituieren wir uns, dadurch fühlen wir uns, dadurch sind wir angenommen und angekommen.

Ich denke an den Opern- Regisseur Peter Sellars, von der Figur her ein Gnom, aber von unglaublicher Energie, ein geradezu berstender Energetiker. Ich sah in einer Dokumentation in einer langen Einstellung sein Gesicht. Er hörte Passagen aus einer Aufführung, und die Musik spiegelte sich in seinem nackten Gesicht in Vollkommenheit. Ich habe noch nie ein so nacktes und wesentliches Gesicht gesehen, in dem nichts "nur- Eigenes" mehr zu sehen war, sondern der Ausdruck dieser Musik in allen Nuancen, wie Wolken, die über das blanke Blau ziehen.

Ja, es ist schon auch ein Akt der Emanzipation, nicht restlos in das Geflecht unserer Spiegelungen verwoben zu sein. Einen freien Blick und etwas Entzug zu bekommen von dieser Sucht. Den emotionalen Erwartungen selbst nicht immer zu entsprechen, nicht immer diese Bedürfnisse unserer Umgebung zu befriedigen, kann nichts sein, was man sich vornimmt. Man könnte sich dann auch selbst entsorgen. Es spricht nun rein gar nichts gegen Grundformen der Höflichkeit und der sozialen Verbindlichkeit. Vielleicht ist es klüger, seine Emanzipation auf anderer Ebene zu erproben. Im meditativen Arbeiten z.B. findet man keine Belobigungen. In gewisser Weise steht man einfach nackt vor etwas, was wir darum als Leere empfinden, weil dies ein Reich ohne Spiegel ist. Es gibt nicht einmal mehr körperliche und biologische Rückmeldungen. Der Gedankenfluss steht still. Niemand bestätigt uns, niemand schaut uns an. Wir sind konzentriert, aber ohne Inhalte, ohne Ziel, ohne "Das". Da wir Spiegelwesen sind, ist das ein Moment am Abgrund. Ohne ein "Das" sind wir, so wie wir sind, einfach nicht mehr existent. Aber dort, am Abgründigen, entspringt zugleich das, was an uns Kraft ist. Wir bemerken unsere tiefen Unterströmungen einfach nicht, weil wir in dieser Maya der Spiegelungen so verstrickt sind.

Das, was dieses Schweigen übersteht, was uns trägt, was uns mit Wärme, Leben und Klarheit hier entspringt, ist das, was keine Bestätigung benötigt, sondern sich selber trägt. Wir sind "die geistige Welt". Wir müssen durch diesen Nullpunkt hindurch, um dessen gewahr zu werden.

Hier Peter Sellars „erste Lektion“:


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Hans-Peter Dieckmann: Anmerkungen zur meditativen Praxis

Man hört oft, dass manche Menschen im meditativen Prozess seelisch verändern, aber nicht unbedingt zu ihrem Vorteil. Manchmal scheinen problematische seelische Reflexe erst richtig frei zu werden.

HP: Trotzdem sage ich mir: ob mein Meditieren das zähe Seelische nachhaltig verwandelt, hängt nur von meiner Ausdauer sowie der Intensivierung meines Meditierens ab. Und verschlimmert das Meditieren seelische Verfassungen wirklich? Ich meine, es macht sie “nur“ deutlicher bewusst und provoziert die Auseinandersetzung.

Man hört auch gelegentlich, dass erst eine Schwächung des physischen Apparates auch im Sinne einer Erkrankung manche Menschen zu „Fortschritten“ in ihrer meditativen Praxis bringen soll.

HP: Ein “Knacks“ der Physis mag Kräfte frei setzen. Ich kenne diese Freisetzung in Richtung Geist aber nur durch das Älterwerden und damit unter anderem als Meditationserleichterung. Mein Krebs jedoch fordert viele Kräfte, die ich sonst für meine okkulte Entwicklung zur Verfügung hätte. Denn es sind schließlich umgewandelte Heilungskräfte, die wir nach Rudolf Steiner für den Aufbau übersinnlicher Wahrnehmungsorgane und jedes höhere Erkennen verwenden. Ich verzichte deshalb lieber – und doch entgegen meinem Wunsch – auf das meditativen Training an der Natur. Andererseits behinderte ich ohne die Krebsbewältigung meinen okkulten Weg.

Dass wir unterschiedliche Arten des Erlebens in der meditativen Praxis haben, ist ja in unseren Gesprächen klar geworden. Wie würdest Du Deinen Zugang beschreiben?

HP: Die Art unseres geistigen Erlebens und was wir erkennen hängt zunächst bestimmt von Vorlieben und Prägungen mit ab und dabei gut möglich von früheren Einweihungen, neben den gegenwärtigen Schulungsbedingungen. So liegt mir das Imaginative einfach und zwar sowohl in Form von symbolischen Bildern, die sich aus Sinneselementen zusammensetzen und auf das Übersinnliche nur hinweisen, als auch in Form von Energiewahrnehmungen und Wahrnehmungen von Eigenschaften als Licht, die dann oft von Wärme- und Kälteeindrücken und seltener von einem geistigen Schmecken begleitet sind. Man kann zum Beispiel Reinheit schmecken, faszinierend!

Und wie vielfältig sind die übersinnlichen Licht-, Wärme- und Kälte-Eindrücke! So sah ich etwa eine in mich einströmende Liebe als warmes Licht, während sich mir eine mein Ich stärkende Kraft als klares Licht zeigte. Die Herkunft der Liebe blieb mir verborgen, doch die mein Ich stärkende Kraft enthüllte zugleich ihre Sternenherkunft, in der aber auch Hoheitliches lebte, das mir als Wesensausdruck evident wurde. Das Dämonische – je nach Grad und sofern ich es kenne - kann sich grell überspitzt oder auch düster und als eiskaltes Licht zeigen, wobei für mich gleich Leidenschaften, Bosheiten und gegebenenfalls Intelligenz und Absichten mit offenbar werden. Je bewusster ich Eigenschaften und Fähigkeiten erfasse, desto näher bin ich ihrer Wesensquelle, die mir dann mit den Imaginationen in Erfahrung treten kann. Bei meiner letzten Begegnung hieß mich ein freundliches Ich symbolisch mit ausgebreiteten Armen an der Schwelle zur geistigen Welt willkommen und schickte mir den Gedanken: „Was hinter der Grenze liegt, steht dir offen.“ Ich freute mich über diese Aussicht und so herzlich angenommen zu sein - und schreckte doch zurück: sterben will ich ja noch nicht! Aber vielleicht waren ja auch nur Einblicke ins Übersinnliche gemeint.

Ich habe Dir ja erzählt, dass es bei mir weniger imaginativ geschieht, sondern mehr im Sinne eines Plastischen- sowohl was die Selbsterfahrung anbelangt als auch das, was mir dabei an Erfahrung entgegen kommt, in aus sich selbst gespeisten wolkigen Massen, die einen Schaffens- Charakter haben, ein unentwegt produktiv Wirkendes.

HP: Ja, dieses Quellen von innen heraus, über das eine Ich-Präsenz ihr Kleid schafft und sei es als Wolke. Plastizieren ist für diese Tätigkeit ein gutes Wort, das aber doch bereits über die bloße geistige Leiblichkeit hinausweist.
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Michael Eggert: Epiphanie

Ich war befremdet, als ein mir bekannter Anthroposoph von seiner Begegnung mit dem Hüter der Schwelle schrieb, und, ja, was dabei heraus kam, irgend so ein imaginiertes Männlein. Das kann es doch nicht sein, dachte ich schon damals, das ist nicht der Punkt. Die Bildlein kann er sich für sein Poesiealbum aufheben, für das Drehbuch für einen Horrorfilm, für ein jesuitisches Fürbittegebet. Weg von diesen Bildereien & Kindereien. Zum Hüter der Schwelle kommt man in einem Zustand der Selbstoffenbarung, in einem Zustand, in dem man seine eigenen Reflexe überschaut, die herrschende Wetterlage mit allen meteorologischen Gegebenheiten. Man überschaut die großen Linien, in denen man sich bewegt. Das Monströse an diesem Zustand ist, dass man die eigene Konstruktion erkennt, das was man ausgelebt hat und noch immer tut, wenn auch vielleicht nicht mehr so enthusiastisch. Das zieht einem den Boden unter den Füssen weg, zumindest für eine Zeit der Unsicherheit. Wir gehen zwischenzeitlich in unserer Biografie schon mal über in einen Zustand des Pralaya, leben in einem Zwischenreich, mit einem Blick, der sich bricht an den Gegebenheiten. Denn man weiß ja zugleich, dass man nicht identisch ist mit dem, was man nun überschauen kann.

Ich bin der Zeuge meiner selbst.
Ich bin nicht identisch mit mir, nicht in jeder Hinsicht.
Ich sehe meine Einseitigkeiten, ich sehe meine Konstellationen.

Es hätte durchaus besser laufen können. Es hätte auch ganz schief gehen können. Es ist so, wie es ist. Ich bin in diesem Augenblick nicht in die Gegebenheiten verwickelt (ich bin ja im Pralaya), aber es ist und bleibt so, wie ich es geschaffen habe. Man kann natürlich die Zeit nicht zurück drehen, es gibt in diesem Sinn keine zweite Chance. Aber zugleich, in diesem losen Zwischenzustand, überwiegt doch die Hoffnung, mitsamt der Blessuren hier Gnade zu finden, eine Gnade, die einfach darin besteht, warm und lebendig auch dort zu bestehen, wo die Eierschalen des Ego abgefallen sind.

Aber nun verweigert sich mir die Nacht. Ich war mir doch sicher, diesmal würde ich ihren großen Strom finden und teilen. Ich warte schon so lange. Aber die Nacht verweigert sich. Ich kann ihren Puls spüren, ihr Strömen und Wellen, ihr unaufhörliches Schaffen. Ihre Wellen schlagen auch in meine Nacht hinein, sie füllen mich aus, ich bilde einen großen Kreis zwischen Kopf und den Handinnenflächen, ich bin ganz angefüllt von ihr. Ich spüre in mir die Quellen sprudeln, für einen Augenblick. Aber dennoch, da bleibt eine Wand. Als könnte ich das Geschehen wie durch eine Membran hören und spüren, aber selbst nicht eintreten. Hier stehe ich, ein wieder Zurückgewiesener. Ich fühle mich wie einer dieser christlichen Mystiker, obwohl ansonsten nichts dafür spricht, einer zu sein. Ich fühle mich so, weil ich mich frage, ob ich nicht genüge. Es ist die moralische Frage an sich selbst, und sofort kochen die Schwächen und Jämmerlichkeiten aus dem sonst gut behüteten Gedächtnistopf auf. Ach je, da ist sie ja, die existentielle Frage, das implementierte Kirchenchristentum. Womöglich suche ich auch nur Gründe, weil man das eben so macht. Man will zumindest einen Zusammenhang, auch wenn man sich selbst dafür auseinander nehmen muss. Ja, es ist eine Reifeprüfung. Man steht vor dem Tor, aber man kennt den Schlüssel nicht, es zu öffnen. Hinter dem Tor rauscht die Nacht, und du fühlst dich mit ihr verbunden. Du hast keine Ahnung, wie es weiter gehen könnte. Womöglich weißt du die richtige Frage nicht, du dämlicher Steinzeitparzival.

Aber wahrscheinlich geht es an diesem Punkt nicht um das Fragen, sondern um das Haften an eine Erwartung, es müsse „weiter gehen“. Es gibt hier kein „Weiter“, es gibt kein „Gehen“. Es gibt kein Davor und Danach, kein Hier und Da. Das alles sind Vorstellungen aus der Welt der Erscheinungen. Hier geht es nur darum, aus der „Verborgenheit in die Unverborgenheit“ (Georg Kühlewind) zu treten:

Das Verborgenste auf der Welt ist das menschliche Ich selbst, weil es alles andere vernimmt. Die Erfahrung des Ich-bin ist der Inbegriff der Paradoxie, sie ist eine freie Tat des Menschen. Sie entspricht der Logos- Epiphanias in Jesus oder der Epiphanias der paradiesischen Urkraft als Gral. Sie wird von Rudolf Steiner in einem entsprechend paradoxen Text beschrieben: „In der Bewusstseinsseele enthüllt sich erst die wirkliche Natur des „Ich“. Denn während sich die Seele in Empfindung und Verstand an anderes verliert, ergreift sie als Bewusstseinsseele ihre eigene Wesenheit. Daher kann dieses „Ich“ durch die Bewusstseinsseele auch nicht anders als durch eine gewisse innere Tätigkeit wahrgenommen werden. Die Vorstellungen von äußeren Gegenständen werden gebildet, so wie diese Gegenstände kommen und gehen; und diese Vorstellungen arbeiten im Verstande weiter durch ihre eigene Kraft. Soll aber das „Ich“ sich selbst wahrnehmen, so kann es nicht bloß sich hingeben; es muss durch innere Tätigkeit seine eigene Wesenheit aus den eigenen Tiefen erst herauf holen, um ein Bewusstsein davon zu haben. Mit der Wahrnehmung des „Ich“ - mit der Selbstbesinnung- beginnt eine innere Tätigkeit des „Ich“. Durch diese Tätigkeit hat die Wahrnehmung des Ich in der Bewusstseinsseele für den Menschen eine ganz andere Bedeutung als die Beobachtung alles dessen, was durch die drei Leibesglieder und durch die beiden anderen Glieder der Seele an ihn heran dringt.“

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Zitate: Georg Kühlewind, Der Gral oder was die Liebe vermag
Rudolf Steiner, die Geheimwissenschaft im Umriss
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Dorian Schmidt: Lebenskräfte- Bildekräfte

An dieser Stelle noch ein Hinweis auf Dorian Schmidts neues Buch „Lebenskräfte- Bildkräfte. Methodische Grundlagen zur Erforschung des Lebendigen“. Hier müssen die Sonntagsanthroposophen, denen es auf warme Gefühle und ebensolche Worte ankommt, einmal weghören, denn es geht um ein Übungsbuch, dem Gefühligkeiten, Spekulatives & Mystisches völlig fremd sind. Schmidt legt Wert darauf, seine Arbeit als „religionsneutral“ zu bezeichnen. Das ist ja auch völlig richtig und sachlich. Wem ein Übungsweg in Bezug auf die Annäherung an das Lebendige fremd geblieben ist, wird mit diesem Buch nicht warm werden. Schmidt entwirft eine Methodik des Übens, geizt auch nicht mit Tabellen und Schemata, allerdings stets im Dienst der Sache, nicht um gegenüber Teilhabern einer Powerpoint- Generation gegenüber zu punkten. An manchen Stellen - gerade zu Beginn des Übungsweges- gehören auch mathematische Aufgaben zum Standard. Im Kern geht es darum, dass „die Wahrnehmung sich in Richtung eines Miterlebend der Lebenskräfte (oder Ätherkräfte oder Bildekräfte) vertieft.“ (S. 22) Die „lahme Ente“ des alltagstauglichen Standarddenkens soll gekräftigt werden, um Beweglichkeit, Flüssigkeit, Kraft, Eindringlichkeit, Weite und Geschwindigkeit zu verbessern. Aber auch Qualitäten wie das Erlernen des „hingebungsvollen Warten(s)“ (S. 24) werden gepflegt. Schmidt verbringt viel Zeit damit, in diesen Prozessen denken, Fühlen und Wollen zu differenzieren und jeweils konkrete Erfahrungen, die sich einstellen können, darzustellen. Er geht dabei sehr angenehm vor; d.h. er hat selbst genügend Übung, um ganz unterschiedliche mögliche Erfahrungen zu umreißen. So ist die „Bandbreite von Möglichkeiten“ in der ersten „Wahrnehmung der Ätherkräfte“ (S. 46) denkbar weit gestreut, je nachdem, welche Sinnesqualitäten beim jeweiligen Übenden dominieren: „Die Ätherkräfte können als reine Kraftimpulse erlebt werden; das entspräche der Sinneswahrnehmung durch den Tastsinn, oder aber als leuchtende, strahlende, innerlich sich bewegende Bilder oder Folgen von Bildern.“ (S. 46) Das erschwert die Verständigung, zumal auch andere Sinnesqualitäten im Vordergrund stehen können. Typisch ist, dass solche Erfahrungen in ihren jeweiligen Spezialitäten gemeinsam haben, dass „das Bild einer wahrgenommenen Ätherkraft Kraft abstrahlt, Kraft spendet, eine Art über- oder ausquellenden Charakter hat.“ (S. 47)

Schmidt verwendet auch viel Energie dafür, denkbare Schwierigkeiten anzusprechen, spezifische und doch typische Hindernisse wie etwa „die fortwährende Kommentierung von Denkergebnissen durch die fühlende Seele“ (S. 52) - alles Aspekte des Alltagsdenkens mit seinen „eindeutig autistische(n) Züge(n)“ (S. 51), die andernorts (etwa bei Carlos Castaneda) als „innerer Monolog“ qualifiziert werden. Die „Verdünnung“ der Ich- Kräfte in die „vielfältigen Seelentätigkeiten“ (S. 54) soll überwunden werden, um sich dann, im folgenden Teil des Buches, konkret auf die Lebensqualitäten der umgebenden Natur einlassen zu können. Dies geschieht nun nicht in einer bloß seelischen Öffnung, sondern in einer qualifizierten Konzentration, einer erhöhten Präsenz. Ausgangspunkte sind zunächst Erscheinungen in einer weitläufigen Landschaft, dann zunehmend konkrete Pflanzen. Für den Naturwissenschaftler wird es befremdlich wirken, dass dabei auch Empfindungen wie die eines „tiefen, offenen Staunens“ auftreten können, die eine Begleitung des Prozesses oder einen Grundakkord anschlagen. Typisch für die einsetzenden ersten Wahrnehmungen des Ätherischen sind „Bewegungen wie Strömen, Strahlen, Verdichten, Spreiten, Einhüllen und vieles andere mehr, insgesamt alles Formbewegungen.“ (S. 59) Schmidt bemüht sich in der Folge, diese Formbewegungen zu spezifizieren.

Etwas bedauerlich an dem sonst ausgesprochen konkreten und hilfreichen Buches ist allenfalls, dass es nicht stringent durch geschrieben ist, sondern mehr eine überarbeitete Kombination von schon bekannten Aufsätzen darstellt; es wiederholt sich Manches. Es wird auch manche Übung nicht in aller Konsequenz ausgearbeitet; Vieles bleibt angedeutet und daher für den, der nicht in konkreter Meditationsarbeit steht, nicht immer ganz nachvollziehbar. Das liegt aber in der Sache selbst; hier liegt ein Werkstattbuch vor, mit vielen Forschungsansätzen und noch mehr Andeutungen, in welcher Richtung es weiter gehen kann. Die Schwerpunkte legt ohnehin jeder selber für sich fest; nicht zuletzt hängt man auch an spezifischen Fragestellungen und Problemen fest. Es kann in dieser Hinsicht nicht das eine, stringente Übungsbuch geben. Dieses hier ist jedenfalls von hohem qualitativem Standard. Es behauptet nichts, sondern gibt Anregungen und weist Wege für den, der tatsächlich praktisch tätig ist. Eine umfangreiche Besprechung (inklusive der üblichen schrecklichen Fragestellung, wie anthroposophisch das denn sei) gibt es bei Die Drei (Wolfgang Kilthau).

Im letzten Teil des Buches (der aber vom Umfang und von der Bedeutung her einiges Gewicht hat, stellt Schmidt den von ihm vertretenen Übungsweg mit dem der Philosophie der Freiheit nebeneinander, untersucht die Querbezüge und die Unterschiede. Das ist wirklich gut und anschaulich gemacht, aber in seiner Nuanciertheit hier, an dieser Stelle, kaum darstellbar.
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Elektronische Dienstboten & wuselige Kommunionen

(Man muss ja immer zugeben, Informationstand, Bildungsstand, Stand der Kompetenzen, das sind immer relativ zu vernachlässigende Größen- wir sind ja keine Universalgenies mehr, nicht einmal Bildungsbürger, denn dafür haben wir ja das Internet. Bildung ist doch etwas fürs Internet; die haben wir dorthin delegiert. Früher haben (nach einem Ausspruch von W. B. Yeats) wir gelebt, dann ließen wir unsere Dienstboten für uns leben- heute gilt das analog in Bezug auf unser Denken. Nur die Dienstboten sind nicht mehr da; dafür haben wir das Web. Oder sprechen wir, um eine Ehrenrettung zu betreiben, nicht vom so seltenen und exquisiten originären Denken, sprechen wir in Bezug auf die Datenwüsten lieber von unverdauten und nicht selten wenig kontextualisierten Datenbrocken- oder sprechen wir von einer öffentlichen Meinung, die aufschnattert und abebbt, im Web und in den angeschlossenen Fernseh- und Rundfunkanstalten. Denn heute gibt das Netz den Takt vor.)

Aber darüber wollte ich gar nicht sprechen. Ich bin nicht so sicher, wann Weihnachten beginnt. Die Fixierung der Bürgerlichkeit auf die gewissen drei Tage und die der Oberbürgerlichkeit, den Anthroposophen, auf die 12 oder 13 Heiligen Nächte, kann man ja teilen, empfinden kann man es anders. Denn die Winde, die auffrischen, die sich ballen in der Kühle winterlicher Nächte, die zwischen die von Blättern leergefegten Bäume fahren, deren hölzernes Klappern der Äste wie ein mittelalterlicher Totentanz klingt, bringen uns ins Grübeln. Wenn Knöchel auf Knöchel schlagen, entbeint: So liegt der Wald jetzt da. Jemand hat ihn zum Schlachter geführt, und das da ist jetzt, was von ihm übrig bleibt. Der Wald, das Umland, die Felder sind leer.

Du musst nicht auf die Nächte um Christi Geburt warten, wenn du das Ohr auf den Waldboden legst und in die Eingeweide der Erde horchst. Du hörst es von ferne gurgeln, aber wenn es näher rückt, ist es ein Strom von sanfter Willenskraft, der aus den kalten Eingeweiden drängt. Du bist ein Fiedler im Wind, in diesem Starkwind hört man dich nicht, aber du bist ein Teil der ganzen Melodie.

Das Pilzgeflecht, das fast die ganze Erde umspannt, das duftige Polster der Erde ist verstummt, der vielsprachige Mund, der Säfte saugt und gibt, der säugt und verschlingt, die tausendfältigen Mäuler der Erde, denen die schönsten Düfte entströmen; Düfte von Verfall und Wiederbelebung. Und es sind nicht die steigenden und fallenden Wasser, die ihre Wege unter den Dörfern und Städten suchen, nun, da man sie verwiesen hat in fest gelegte Betten. Sie spiegeln die Mondkraft, auch wenn sie nur an ganz bestimmten Punkten an die Oberfläche kommen, sie sind das fliessende Silber der Erde. Und es sind nicht die drückenden Schollen und Steine, die auf dem Feuer, das sie und alles unentwegt bewegt, gleiten, pressen und Gebirge formen. Sie, die auf den rollenden Eisen- Feuer- Bahnen gleiten, sie haben eine andere Zeit. Sie atmen im Ab- und Aufbau des Magnetfelds, der empfindlichen Membrane, deren Fackeln, Halten und Geformtwerden uns alle beschirmt.

In den kleinen Fluss deiner wuseligen Kommunion mit dem, was dich umgibt, stösst jetzt der Strom, der mit dem Winter kommt. Es ist eine Kraft, die in der natürlichen Umgebung aufflammt und entbrennt, gerade deshalb, weil hier das Klappern der Knöchlein klingt. Die Gespenster der Formen und Erscheinungen, die sich das ganze Jahr über ausgefaltet haben, ruhen jetzt in vollkommener Tiefe. Aber nun flackert in der Leere eine andere Kraft auf- etwas wie eine neue Natur. Aber die liegt nicht in der Illusion der Technikwelt (diesem untermeerischen Spiegelreich des Lebens), diesem Substitut des Natürlichen, die liegt auch nicht in der Illusion der Vielfalt der natürlichen Erscheinungen. Es ist die Realität, die entbrennt, wenn das Drängen und Verfallen, an Endpunkte kommt und sich metamorphosiert, wenn das alles schweigt. Das alles ist Vergangenheitskraft- etwas, was nach seinen Mustern und genetischen Dispositionen abspult, so schön und reichhaltig es auch ist.

Nun, da das Drängen schweigt, erscheint das, was gedrängt hat. Es beginnen die Tage und Nächte, in denen die geistig- lebendigen, schöpferischen und von unhörbaren Schwingen getragenen Kräfte sehr nahe sind. Man kann ihre Nähe fühlen. Die Frage ist nur, ob man sie aushalten kann.
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Michael Eggert: Von der Frucht gekostet

Sprechen wir nicht über diese Aura, denn in ihr entrollen sich im embryonalen Zustand die kommenden Schicksale. Vorsicht vor dieser Aura, wenn dir der Mund trocken wird, wenn du sie siehst. Wenn zwei Schultern sich unversehens berühren und du fühlst, dass der Boden unter dir dabei fester wird. Wenn du baden könntest in ihrem Duft und dich hinter dem Wehen ihrer Haare wie hinter einem Nebelschwaden verstecken könntest. Ihr seid Kinder, ihr spielt Hide and Seek, und findet euch dabei immer wieder und mehr.

Wenn ihr Körper dieselbe Sprache spricht wie deiner, wenn dein Körper die geheimen Worte kennt, die goldenen Schlüssel, die nicht nur im Begehren liegen, sondern im Sich- Wiedergefunden- Haben.
Wenn dein Körper dieselbe Sprache spricht wie ihrer, wenn ihr Körper die geheimen Worte kennt, die silbernen Schlüssel, die nicht nur im Begehren liegen, sondern im Sich- Wiedergefunden - Haben.

Hast du am Nektar der gemeinsamen Aura gekostet, sprechen nachts die Vögel im Baum mit dir, wenn du schläfst. Du bist nachts zwischen riesigen warmen Bäuchen gewärmt und schläfst so tief wie nie. Du dehnst und weitest dich im traumlosen Schlaf und ruhst unter dem Auge des Polarsterns. Am Morgen träumst du Namen, aber du vergisst sie, wenn du aufwachst und dich bewegst. Wenn du aber still liegst und den Atem der Nacht bei dir behältst, kannst du den Nachklang der Wärme und der Worte in dir nachklingen fühlen. Oh ja, du hast von der Frucht gekostet. Du kreist im Traum, ein Satellit, im belebten Licht des Mondes. Du stehst am Firmament und siehst unter dir die Meteore wie eine endlose Schar von Speise, von der hungrigen Atmosphäre verschlungen.

Plötzlich, an einem Tag im späten Jahr (du kannst es nicht verstehen und stürzt dich auf jede Erklärung, auch auf die abstrusesten), ist da ein Riss in der Aura, du ragst mit dem Kopf heraus und die Geräusche der Straße treffen dich. Du schaust mit dem Kopf heraus und weisst, dass eine Entscheidung getroffen werden muss. Du musst dich entscheiden, wie es weiter geht mit dir und ihr. Du musst dich entscheiden, ob du ihr würdig bist, der Schutzmutter der Liebenden, der hüllenden, heilenden, gedankenklaren Kraft, die nur Zwei gemeinsam schaffen können, da es sie nirgends gibt als zwischen Liebenden. Die Schutzmutter all dessen, was zukünftig ist.

(Es gibt diese schlechten Tage, an denen du dich fühlst wie die konditionierten Tauben, denen Forscher beigebracht haben, dass sie Futter bekommen, wenn sie mit den Flügeln schlagen. Nach einer Zeit sind sie sicher - so sicher, als wäre es eine fest gefügte Weltanschauung-, dass sie durch Flügelschlag die Fütterung hervor rufen. Aber diese Hoffnung wird bitter enttäuscht werden, wenn die Forscher mit dem zweiten Teil der Experimente fortfahren.)

Es gibt aber auch die anderen Tage, die, in denen du und sie etwas Fragloses sind. Ihr seid sogar jetzt fraglos, wo ihr frei von dieser Aura seid. Es ist ja möglich, dass ihr euch jetzt entscheidet: Wir versuchen es.
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Georg Kühlewind: Das ist das Fest

Natürlich, die Tradition gehört dazu. Und natürlich ist dies das Fest, das die Familie zusammen halten könnte - wenn es denn so klappt wie erhofft. Die Erwartungen sind erheblich, und so mancher verdrückt sich lieber in die Partymeile in der Altstadt, sobald die Gans herunter geschlungen ist. Verständlich, wenn das Ominöse dieses Fests tatsächlich erstarrt von Traditionen und Erwartungen war. Alles, was in diesem Jahr ungesagt blieb, steckt jetzt schwer in der Festtagskehle. Womöglich drückt die schwarze Hose, die man nur an diesem Tag im Jahr heraus holt, und zu eventuellen Beerdigungen. Womöglich ertappt man sich am Heiligen Abend bei dem Gedanken, dass eine letztere angenehmer wäre als das Gänsegemetzel. Aber wer weiß? Vielleicht holt Papa dieses Mal nicht wieder das Familienalbum heraus, womöglich bleibt Oma friedlich und die Schwester ist nicht wieder beleidigt, weil sie - wie immer- denkt, sie sei in Bezug auf die Geschenke benachteiligt worden. Es wäre das erste Mal, aber wer weiß?
Nun denn. Es gibt immer Hoffnung. Wenn der Baum steht und leise Rauchfahnen von sich gibt, sind doch alle zumindest für anderthalb Stunden ganz friedlich. Der Jüngste ist heimlich in sein Zimmer gegangen und guckt „Terminator“, wie jedes Jahr. Und endlich, wenn man vor dem abgegrasten Tisch und den weggeworfenen Verpackungsbergen steht, fragt man sich doch zwischendurch, ob das das Fest war, das gemeint war.

Georg Kühlewind machte in seinem Buch „Weihnachten“ (Stuttgart 1989) immerhin darauf aufmerksam, dass man auch in unseren Gegend vor dem 4. Jahrhundert die Epiphanie (6. Januar) feierte als den „Tag der Jordantaufe“. Die ausschließliche Feier der physischen Geburt Jesu kennzeichnet er mit „Die Logosidee ging verloren“. Das andere, innere Weihnachten charakterisiert er als Möglichkeit so:

Das Aufleuchten einer neuen Idee kann auf analoge Weise durch ein zweifaches Geschehen oder durch ein Verschmelzen zweier Bewegungen charakterisiert werden. Je mächtiger die Idee ist, um so mehr ist ihr Gegebeneren, ihr Nich-von-mir-Sein fühlbar, als ob sie als Gnadengeschenk „von oben“ gereicht wäre.

Sie kann uns nur erreichen, wenn eine sehr konzentrierte, aber „leere“ Aufmerksamkeit ihr entgegenkommt, die sie aufnimmt. Diese ist die meditative Aufmerksamkeit, die sich aus den Übungen der intentionalen - auf Themen gerichteten- Aufmerksamkeit metamorphosiert. Der Erwachsene muss sie sich erarbeiten; dem kleinen Kind ist sie vor dem und während des Spracherwerbs gegeben.

Daher ist die Geburt des Kindes ein Bild für die empfangende Aufmerksamkeit, die dem Wort entgegen wächst. Diese wird von der Seele des Meditierenden - Maria - geboren. Eine neue Idee erscheint:
Das ist das Fest. Und ein Fest kann es nicht geben, wenn nicht eine neue Idee erscheint.“

Und dies ist der denkbar grösste Kontrast zu dem traditionsversessenen Heiligen Abend unserer Tage. Vielleicht sollten wir es dieses Jahr einmal anders machen.
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Fliegende Fische

Der Mensch zieht sich vor dem, was an ihn heran kommt, zurück, greift nicht zu, lernt, aktiv zu warten. Das ist die größte Aktivität, das Zurückhalten. Dieses Warten ist eigenes Reifen, ist Fallenlassen der erwähnten tief eingewurzelten „Voraussetzung“, dass ich so, wie ich bin, fähig und würdig sei, alles zu verstehen, die Wirklichkeit zu erkennen.
Das „Zurückziehen“ hat zwei Folgen: Einerseits zieht sich das (zukünftige) wahre Ich oder Selbst aus der Vermischung mit den Seelenfunktionen heraus, wird ihr „Zuschauer“, der sie von innen her Erfahrende; von „außen“ kann man die Seelenfunktionen nicht erfahren, nur benutzen, denn man ist in ihnen, ohne Abstand.
Andererseits wird die intelligente fühlende Aufmerksamkeit, mit der die vier Seelenzustände zu tun haben, Schritt für Schritt „leerer“, anders gesagt: objektlos und doch aktiv.
Das ist der allgemeine Verlauf der Entwicklung: Eine Fähigkeit entwickelt sich an Objekten, Inhalten, um dann, frei von ihnen, alle Objekte erfassen und solche auch schaffen zu können. Fähigkeiten sind frei von den Formen, mit denen sie empfangend oder produzierend zu tun haben.


(Georg Kühlewind, Der sanfte Wille, S. 53ff)

Improvisation 1:
Die Hybris der fraglosen Selbstgewissheit. Die enzyklopädische Ansammlungen sinnloser Informationsbrocken. Packeisschollen von in sich stimmigen, aber miteinander unverbundenen Weltbildern. Zettels Traum, der immer bei sich getragene Auskunftgeber, ein smartes Phone. Der schnelle Griff ins sichere, aber flache argumentative Wasser. Wie kann man, wenn doch alles verfügbar ist - selbst Antworten auf Fragen, die niemand je gestellt hat - ausgerechnet warten?

Jenseits der Wasserscheide ist das Warten kein quälender, unbequemer Zwischenzustand mehr, sondern etwas, was man genießt. Mit einem Bein in der Zeitlosigkeit wartet es sich ganz komfortabel. Es gibt ja auch nichts, worauf man warten würde- das Warten ist kein Unruhezustand, sondern gerade das Gegenteil geworden. Die flatternden Schmetterlinge der schnellen, billigen Informationen sind verschwunden, die Unverbundenheit, der alltägliche Schwebezustand. Jenseits der Wasserscheide ist man nicht mehr ein Ding unter Dingen, sondern steht im gemeinsamen Atem.

Improvisation 2:
Jenseits der fraglosen Selbstgewissheit steht der Kompass in Richtung Improvisation. Dieses Land kann man erkunden, es ist immer neu und doch vertraut. Es ist das Wasser, in dem wir uns bewegen- außer in den kurzen Momenten, in denen wir denken, leben, vorstellen wie ein fliegender Fisch. Es ist ein Fisch, der in der Zeit des Fluges das Element vergisst, aus dem er stammt. Geisterfahrung ist das Erinnern unseres Ursprungs.

Hier, im wässrigen Element, führt uns das Sehen nicht sehr tief. Wir werden lernen müssen, Druckwellen zu empfinden. Hier, in der Tiefe, wo das Licht uns nicht mehr erreicht, werden wir selbst hell werden müssen, eine Quelle, eine Präsenz. Hier, wo wir unsere Grenzen nicht mehr fühlen, erfüllen wir uns in reiner Daseinskraft. Wir denken nicht mehr in Konturen, sondern in Bedeutung; die Dinge haben eine Sprache, die wir lernen können, denn hier bleibt nichts unvertraut, dem wir uns zuwenden.
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Michael Eggert: Verdautwerden

Es ist nicht so, dass wir schwer würden mit den Jahren- vielleicht an Gewicht, vielleicht an Schuld, das ja. Ich denke nicht, dass wir wirklich schwerer werden, aber etwas ändert sich doch.
Ich denke, das ist das Gewicht derer, mit denen wir verbunden waren und die nun schon vor uns verstorben sind- eine Kette, die länger und länger wird. Manche blitzen manchmal, in bestimmten Situationen, vor dem inneren Auge auf, einen Wimpernschlag lang, dann aber, als wären sie direkt bei uns. Es ist nicht eine bestimmte Situation, nicht eine bstimmte Gebärde oder ein mimischer Zug, nicht der Blick, dieser spezifische und einzigartige, nicht das Lächeln und nicht die Falten, nicht das Seelenvolle in allem- nein, es ist die Essenz von all dem, die unmittelbare Nähe, das entspringende Bild, das so frisch ist, dass es nicht aus den Erinnerungen stammt. Es ist eine situative Vergegenwärtigung.

Vielleicht haben sie nicht Gewicht, so wenig wie ich, aber sie bilden etwas wie einen Schweif, der auf meiner Kometenbahn länger und leuchtender wird. Am Ende wird er den halben Himmel bedecken. Am Ende werden wir von der Sonne verschluckt und gehen ein in das Reich devachanischer Verdauungsvorgänge.

Es ist nicht so, dass wir schwer würden mit den Jahren, aber wir sehen zunehmend dem Verdautwerden entgegen.
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Einen Tempel in sich errichten

„Sich richtig hineinversetzen in ein solches ideelles Geschehen, die Meditation zu etwas machen, was man nicht bloß denkt, fühlt oder will, sondern was einen

umwebt und
umschwebt und
umschwirrt und
umströmt und
umstrahlt

und was aus dem

Umschwirren und
Umschweben und
Umströmen und
Umstrahlen

wiederum zurücktritt in das Leben des Herzens und im Herzen

strömend,
webend,
strebend,
strahlend


vibriert, so dass wir uns fühlen hinein verwoben in das Weben und Leben der Welt, dass unser Meditieren ist etwas, was für unsere Empfindung nicht bloß in uns lebt, sondern was lebt in uns und in der Welt, auslöscht die Welt, auslöscht uns, eins macht im Auslöschen uns und die Welt, dass wir ebenso gut sagen können: «Es spricht die Welt», wie wir sagen: «Wir sprechen in uns». Das erweitert allmählich den Charakter des Meditierens.

Das Meditieren so geübt, gibt allmählich dem Menschen die Möglichkeit - mit der im Innern erlebten Auflösung desjenigen, als das ihm sein gewöhnliches Selbst immer erscheint -, Geist zu werden für seine eigene Auffassung.

Damit aber, dass wir eintreten in solche Erkenntniswege, dass wir ehrlich uns nähern solchen Erkenntniswegen, dass wir wissen lernen: wir sind im Meditieren nicht allein in der Welt, sondern wir sind im Zwiegespräch mit der geistigen Welt, dadurch nähern wir uns immer mehr und mehr dem, was eine Erneuerung des Mysterienwesens ist. Denn gewiss, äußere Tempel standen da, standen da vielleicht gerade an denjenigen Lokalitäten der Erde, von denen man heute sagt, dass sie in den unzivilisiertesten Gegenden sind. Äußere Tempel standen da, und die früheren Menschen brauchten äußere Tempel. Aber diese äußeren Tempel waren ja nicht die einzigen, sie waren ja nicht die wichtigsten; denn die wichtigsten, die wesentlichsten Tempel haben nicht Ort, haben nicht Zeit. Aber man kommt doch nur mit Überwindung von sechzig Meilen zu ihnen.

Man kommt zu ihnen, wenn man in der Weise seine Seele übt, wie es hier und wie es zu allen Zeiten in den Mysterien angedeutet worden ist.“
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Rudolf Steiner, „Klassenstunden“, GA 270b
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Goldglanz

Ab und zu blättere ich in alten und ältesten anthroposophischen Büchern, auch in denen, deren Autoren nicht gerade zu meinen Lieblingen gehören. Die liebsten Bücher erkennt man daran, dass sie wild übersaht sind mit Anmerkungen, Unterstreichungen aus verschiedenen Zeiten, Eselsohren und allerlei Kaffeeflecken. Mit so etwas lebt man eben. Womit man lebt, muss etwas sein, das wieder und wieder, zu verschiedenen Zeiten und in beliebigen Abständen, jedes Mal wieder etwas gibt. Ein Buch, mit dem man lebt, ist selbst so lebendig, dass man nicht nur immer neue Entdeckungen darin macht, sondern dass es jedes Mal, bei jedem neuen Lesen, neue Perspektiven eröffnet. Es geht also nicht nur um Inhalte, die man ja nun ausreichend bei einmaligem Lesen erfasst hätte. Informationen erinnert man zwar nicht im Detail, aber das bloße Neufassen würde keine Perspektiven eröffnen; nein, wirklich anregende Bücher stossen eigene Erkenntnisse an, stellen Fragen, machen einen innerlich lebendig und warm. Das wird nur dann der Fall sein, wenn der Autor selbst aus innerer lebendiger Anschauung spricht und nicht nur auf informeller Ebene Fakten zusammen stellt. So schrecklich viele Autoren, die das bei mir vermögen, habe ich nun nicht gefunden; sagen wir: eine Hand voll. Bernhard Lievegoed gehört eigentlich nicht dazu. Immerhin ist seine kleine „Mysterienströmungen in Europa und die neuen Mysterien“ ein zwar orthodox geschriebenes Kompendium Steinerscher Aussagen, aber glücklicherweise so kenntnisreich und knapp zusammen gestellt, dass sich immerhin immer wieder einige Fragen stellen- auch 30 Jahre nach dem ersten Lesen.

In den Vorträgen über die „Ätherisation des Blutes“ schildert Rudolf Steiner, wie durch göttliche Gnade bei den Menschen ein Ätherstrom vom Herzen zur Epiphyse ausgeht, aufsteigt, und wie er von da aus das Gehirn als geistig- ätherisches Licht durchstrahlt. Nur dadurch kommen wir in die Lage, spirituelle Gedanken denken zu können. Anders könnten wir nur Gedanken denken, die von sinnlichen Eindrücken Herrühren und an sie gebunden bleiben. Das weist auf den mikrokosmischen Gral im Menschen. Das goldene Licht des ätherischen Blutes, welches das Haupt durchstrahlt, wurde hellseherisch als Goldglanz um das Haupt herum wahrgenommen, wenn sich dieser Ätherstrom mit den Christus- Ätherkräften verbinden konnte. Er erscheint als der Heiligenschein bei den mittelalterlichen Malern und wird dann zum traditionellen „Zeichen“ der Heiligkeit. Der Heiligenschein ist damit eine letzte Erinnerung an die Wirkung des Gral.“ (S. 29)

Ich denke, die Bemerkung Rudolf Steiners, gegen Ende des 20. Jahrhunderts würde die Menschheit über eine innere „Schwelle“ gehen, darf man heute wohl als gegeben ansehen. Das bedeutet, die Entfaltung des „Ätherkopfes“ - eine aus ursprünglich körperlichen Bezügen gelöste geistige Energie- darf man heute bei sehr vielen Menschen als gegeben ansehen. Sie verbinden nur keine spirituellen Gedanken und Impulse damit, werden sich dieser Fähigkeit auch nicht unbedingt bewusst. Aber sie trägt zu einer inneren Spaltung bei, die heute normal und verbreitet ist und zu einer allgemeinen Psychologisierung des Ichs beigetragen hat: Man schaut heute auf die eigenen willentlichen, seelischen und intellektuellen Impulse, bewertet sie und ordnet sie ein. Man schaut aus einer Beobachter- Position auf die eigenen seelischen Mechanismen und Reflexe, eventuell sogar kopfschüttelnd oder belustigt: „Wieder einmal so oder so reagiert“. Dass die Position des innerseelischen Beobachters bereits eine ist, die frei von diesen individuellen Mustern und Reflexen ist, bemerkt man nicht unbedingt. Es ist dies eine Positionierung, die das (anthroposophisch so bezeichnete) Bewusstseinseelenzeitalter charakterisiert. Mit dieser Fähigkeit sind aber auch sozial intuitive Akte möglich- etwa, Gesprächs- und Handlungsverläufe, biografische Entwicklungen und Zusammenhänge und soziale Prozesse in Gruppen zu begleiten, Trends zu entdecken und wahrscheinliche Weiterentwicklungen zu erahnen. Der Ätherkopf ermöglicht es, Prozesse mit zu verfolgen, ohne komplett in sie involviert zu sein. Damit nähert man sich „Wirklichkeit“ in der Hinsicht an, dass Gewahrsein möglich wird, ohne selbst völlig verstrickt zu sein. Man kann dann auch nicht emotional reagieren, nicht aus den nahe liegenden seelischen Reflexen heraus. Es ist dies eine erheblich vertiefte Fähigkeit, systematisch zu denken, mit voller Konzentration und Hingabe, aber nicht im Sinne eines emotionalen Resonanzkörpers, sondern mit einer gewissen inneren Freiheit und Würde. Man ist an diesem Punkt - auch ohne das mystische Vokabular, das Steiner und Lievegoed verwenden, zu benutzen- nahe am Gewahrsein der geistigen Entität, die im Begriff der Bewusstseinsseele auch angesprochen ist.

In großen Teams- fern jeden spirituellen Themas- bemerkt man oft, wie Menschen aufmerken, sich vielleicht sogar anlächeln, wenn in einem Prozess entweder wirklich ein tragender Kompromiss gefunden ist oder wenn er gerade in Beiträgen gründlich verhindert wird; die Menschen stehen fast kollektiv in den Prozessen von gemeinsamem Diskurs und Lösungsfindung zusammen. Es ist für den Einzelnen nicht immer fassbar, worin dieser Lösungsansatz bestehen könnte, es bleibt im Vagen und Unbestimmten. Wenn aber der erlösende Satz von einem Einzelnen gefunden ist, bemerkt das das Kollektiv sehr wohl. Dies gilt zumindest dann, wenn eine produktive und konzentrierte Haltung in der Gruppe verbreitet ist. Dass das systematische Denken eigentlich bereits eine Fähigkeit ist, die bereits über die intellektuell- konsumierende Haltung hinaus geht, muss nicht bemerkt werden. Ähnliches könnte als Beispiel auch über die Fähigkeit zur Biografiearbeit gesagt werden, sofern diese über bloße seelische Betroffenheit hinaus gehen kann und ebenfalls in ein nüchtern- waches Anschauen der Fäden des Lebens mündet. Selbst persönliche Traumata können in ihrer Konsequenz und Entwicklung, auch in ihren negativen Auswirkungen auf die eigene Entfaltung angeschaut werden. Es geht nicht um „Goldglanz“ und „Heiligenschein“, sondern um die nüchterne Intensität prozessualen Denkens.

Welche sind nun die Bücher, die sich immer wieder neu beim wiederholten Lesen entfalten? Die mit einem Goldglanz. Es geht nicht darum, Antworten zu geben (und „Inhalte“ zu vermitteln), sondern dem, was ohnehin in den Menschen da ist, zur weiteren Entfaltung und Bewusstwerdung mit zu verhelfen.
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Michael Eggert: Die Ich-bin- Erfahrung

Die Ich-bin- Erfahrung strahlt, wenn man sie denn hat, in den Alltag hinein. Es gibt vielleicht nicht einen bestimmten Punkt, an dem sie einsetzte- es ist mehr etwas wie schleichende Gewissheit. Es ist eine Erfahrung in der Innenseite des Meditativen, in einer gewissen Mitternachtsstunde, wenn alle nervösen Rückmeldungen des Körpers erloschen sind. Wenn man strömend in der Ruhe steht, wird man - ein Perspektivenwechsel - sich seiner selbst gewahr. Wenn man Ich-bin zu sich selbst sagt, ist es auch eine Erfahrung der Freiheit: Die Begründung der Autonomie. Das Ich-bin ist das Formgebende, das sich manchmal auch in der Form verliert und vergisst. Die Selbst- Erfahrung ist aber unabhängig von allen möglichen Formen, es gibt die Gewissheit der Entität. Hier, in diesem einen Punkt, kann man nicht irren, denn hier kreuzt das innere Wesen die Wahrheit. Es ist aus demselben Stoff gemacht.

Die Erfahrung des Ich-bin strahlt in den Alltag, aber niemand weiß, wie tief. Es gibt die eine Seite und die andere. Dabei nimmt man doch mehr mit in sein Leben als sonst, weil man doch das Meiste vergisst. Es ist einfach zu lebendig, zu wenig greifbar für den Verstand. Es passt nicht. So hat man meist nur einen Schattenwurf der Erfahrung.

Rudolf Steiner beschreibt diese Schwierigkeiten so: "Die Seele nimmt aus ihrem Erleben in der physischen Welt einen Nachklang der Erinnerungsfähigkeit mit, und dadurch vermag sie im übersinnlichen Erleben zu wissen: ich bin hier im Geistigen dieselbe, die ich dort im Sinnlichen bin. Diese Erinnerungsfähigkeit ist ihr notwendig, weil ihr sonst der Zusammenhang im Selbstbewusstsein verloren ginge. Außerdem aber erlangt das in die übersinnliche Welt hinauf gehobene Selbstbewusstsein auch noch die Fähigkeit, die in dieser Welt erlebten Eindrücke so umzuwandeln, dass sie im Leibe Eindrücke machen von der gleichen Art wie die sinnlichen Eindrücke der physischen Welt. Und dadurch ist es möglich, dass die Seele sich eine Art Erinnerung an das im Übersinnlichen Erlebte bewahrt. Sonst würde dieses Erlebte stets vergessen werden. Immerhin hat der Geistesforscher Schwierigkeit mit dem erinnerungsmäßigen Behalten seiner im Übersinnlichen gemachten Erfahrungen. Er kann nicht leicht anderen Menschen «bloß aus dem Gedächtnisse» erzählen, was er weiß; er ist oft genötigt, wenn dies von ihm verlangt wird, in seiner Seele die Bedingungen wiederherzustellen, unter denen er die zu schildernde Erfahrung gemacht hat." (GA 17, Seite 98ff)

Natürlich strahlt die Erfahrung des Ich-bin in den Alltag hinein, schon weil das Ich-bin eine Kontinuität des Bewusstseins nach dem Tod verspricht- zumindest in den Umrissen: "In der Zukunft muss der Mensch über die Erde schreiten, indem er sich sagt: Gewiss, ich ziehe ein mit meiner Geburt in einen physischen Leib, aber das ist ein Durchgangsstadium. Ich bleibe eigentlich in der geistigen Welt, ich bin mir bewusst, dass nur ein Teil meines Wesens an die Erde gebunden ist, dass ich mit meinem ganzen Wesen nicht heraustrete aus der Welt, in der ich zwischen Tod und neuer Geburt bin. – Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl mit der geistigen Welt, das muss sich entwickeln. In früheren Jahrhunderten hat das nur einen falschen Schatten vorausgeworfen, indem man das physische Leben nicht verstehen wollte und eine falsche Askese getrieben hat, geglaubt hat, durch allerlei Abtötungsmaßregeln des physischen Leibes könnte man das erlangen. (GA 177, Seite 211)

Aber die andere, ganz und gar irdische Seite in uns nörgelt und zweifelt und ärgert sich dennoch, trotz aller zeitweiligen Autonomie, über das Älterwerden. He, dem entkommst du nicht. Niemand entkommt dem Schmerz, das zu sein- ein Das, ein Dort, ein Dann.

Eine andere Determinante in unserem Leben, die genetische Komponente, das nicht- individualisierte Erbe, das auf dem Einzelnen mehr oder weniger, aber meist weitgehend unbemerkt einwirkt, ist auch einer der Faktoren, der in der Erfahrung des Ich-bin zumindest für diese Situation aufgelöst wird: "Scharf nun betont das Christentum: Alles solches Fühlen des Göttlichen, auch wenn es von sich spricht als «Ejeh asher ejeh» – «Ich bin der Ich-bin» ist noch nicht das, was den Menschen in seiner vollsten Gestalt zeigt, sondern erst, wenn man et- was fühlt, was im Geistigen jenseits aller Generationen ist, dann hat man erfasst, was als Göttliches in den Menschen herein wirkt. Deshalb muss man in richtiger Übersetzung des Satzes sagen: Ehe denn Abraham war, war das Ich-bin! – Das heißt in seinem Ich erlebt der Mensch ein Ewiges, das ursprünglicher ist als dasjenige Göttliche, das von Abraham sich durch die Generationen hindurch ausgelebt hat." (GA 61, Seite 305ff)

Aber natürlich ist man sich bei der Erfahrung des Ich-bin zugleich bewusst, dass dies nur der Anfang von allem sein kann. Es ist ein embryonaler Zustand, kein "Erreichtes", sondern die Eröffnung dessen, was Entwicklung eigentlich erst bedeutet: "So bildete der Schüler der Mysterienweisheit die Fähigkeit aus, in die früheren Zeiten hineinzublicken; dann kommt die Zeit, wo er die okkulte Pilgerschaft unternehmen kann. Er erreicht dies auf dem Wege einer bestimmten Übung, durch die er sein persönliches Selbst überwindet und dadurch aufhört, das kleine gebundene Ich zu sein. Erst dann kann er den Aufstieg in das Universum vollziehen.

Noch einmal steigt er hinunter, indem er die Weltkraft so mitnimmt, in das Meer der Vergangenheit. In aufsteigender Linie kann er allmählich hinaufkommend dann im einzelnen den Weg verfolgen, den er so zurückgelegt hat. Langsam und allmählich lernt der Mensch hinunter schreiten in das Meer seiner Bildekräfte, und zuletzt kommt er an einen Punkt, der in der Nähe des Ursprungs liegt. So muss es den Menschen ergangen sein, denen zuerst das Auge erstand, um den Blick ins Weltenall zu lenken. Dann geht dem Schüler auf der Zusammenfluss des Ich mit dem großen Welten-Ich. Und nun muss er lernen, zu sagen zu dem kleinen Ich: Ich bin nicht du. Das ist ein Moment, wo man anfängt zu begreifen, dass es höhere Kräfte in der Natur gibt als das Denken.“ (GA 93, Seite 212)
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Michael Eggert: Narziss

Wenn ich mir Narziss vorstelle, dann als ein zartes Wesen mit feinen Hörnern, die in der Verlängerung nach innen gedreht sind; er ist auf sich bezogen, immer. Zarte, zum Ende fast verschnörkelt wirkende Augenbrauen, eine feine Nase und ein voller Mund; Narziss ist schön. Er ist der, der mit dem Füllhorn durch den Garten geht und Anstösse gibt, dem Dichter den Reim, dem Maler das passende Farbpendant, dem Bildhauer die eine Kurve in der Silhouette, die den Unterschied ausmacht. Narziss- Lucifer ist großzügig und freigiebig, er ist der Herr der Talente und der kleinen und großen Emporen, auf denen sich Künstler, Politiker, Erfolgsmenschen verwirklichen. Oh ja, Narziss ist die Selbstverwirklichung in dem Sinne, wie er es versteht. Er versteht sie stets als schönes Selbstgefühl, als individuelle Brillanz.

Er ist schön, weil wir unser Selbstbild idealisiert nach außen werfen und Menschen begehren, die wie dieses Ideal wirken. Wir suchen - zunächst- nicht das Ideal der Anderen, sondern unser Bild in ihnen. Das, was immer wir dort, im Anderen, zu sehen glauben, trägt die Natur von Narziss- Lucifer - es ist das, was wir als das Schöne begehren, was aber eigentlich ein Abziehbild unseres Selbstbildes ist. Das sind die Hörner, die nach innen gedreht sind.

Auf Narziss- Lucifer ist Verlass. An unseren Träumen halten wir fest bis zum Schluss. Unsere Illusionen sind das Festeste, was wir kennen, unsere Erinnerungen münden an dieser Küste, hier haben wir ein Heim gebaut, das wir „Ich“ nennen.

Die Abkehr vom schönen Selbstbild ist der Bruch mit allem, was wir haben. Und von ihm, der doch schon bei uns war, als die erste Erinnerung erwachte und blieb und als wir erstmals uns selber Ich nannten. Die blitzende Intelligenz, die sich am eigenen Spiegelbild ergötzt. Das schöne, satte Gefühl, unendlich recht zu haben. Alles, was uns stark macht: Illusionen. Auf ihn ist Verlass, aber eben die Sicherheiten, an die wir nur angelehnt sind, erweisen sich an irgend einem Brennpunkt als schöne Seifenblasen. Das Gewicht, das er gibt, unterliegt nicht der Schwerkraft; es zerstiebt wie Antimon, es ist ein Luftkörper, ein Ariel, der nächtens seine Spuren zieht, mit leichtem Federstrich vor dem Indigo der Nacht. Verschnörkelte Augenbrauen, in die Nacht geschrieben: Das ist er.

Wenn Steiner nun vom luziferischen Denken und vom ahrimanischen Wahrnehmen spricht, was meint er? Im Wahrnehmen erfassende wir den Gegenstand unserer Betrachtung wir nicht kontextuell, nicht prozesshaft und nicht systemisch. Der Baum, den wir sehen, wird von uns katalogisiert, diagnostiziert, identifiziert. Wir gleichen ihn mit unserem Erfahrungs- und Wissenskontext ab, und wir stellen fest: er ist DAS. Aber er lebt in Wahrheit nicht allein, sondern als Glied und Produkt einer konkreten Umgebung und eines Mikrokosmos. Er kann sich z.B. gar nicht ernähren, gar nicht Wurzeln fassen ohne ein komplexes symbiotisches Reich der Pilze, die im Stoffwechsel mit dem Baum und seinen Wurzeln unentwirrbar verwachsen sind. Er zeigt dieses Bild, jetzt, ist aber aus was entstanden, wandelt seine Gestalt und wird zu was werden? Der Baum ist nicht dieses eine, gerade momentan Sichtbare, er hat eine Art Biografie, und die ist er. Er wächst auch nur in dieser Wärmezone, in dieser einmaligen Zusammensetzung der Erde, unter diesem Himmel, mit dieser Sonneneinstrahlung. Ja, in den Wurzeln hat er eine Art Empfinden und Wahrnehmung, er kostet im Bauch des Grundes, er schlürft die Erden und Minerale. Und träumt im Wiegen der Blätter im Wind. Nein, der Baum ist nicht nur das DAS dieses Augenblickes, er ist ein komplexes Lebewesen. Und natürlich ist er ein Heim für bestimmte Tierarten, in diesem Augenblick ein eigener Kosmos. Obwohl wir das und noch mehr wissen, sehen wir aber in unserer Wahrnehmung nur eine platte Oberfläche mit einem Begriff darauf: Eine Rekonstruktion, ein Rudiment.

Der narziss- luciferische Gedanke aber hat ellenlange Augenbrauen, die ihn ans Wünschen fesseln. Im Idealfall ist er brillant formuliert, er trifft den Nerv der Sache und ist gut gesagt, aber nicht unbedingt neu. Weißt du, du spricht, aber du siehst den Prozess dabei nicht, das, was in der Gruppe anstossen wird, die Widerstände, die dieser Gedanke, so vorgetragen, hervor locken wird. Dein Gedanke ist eine Totgeburt. Gedanken sind nicht allein, das scheint nur so zu sein, sie sind in einem inneren Kontext und sie stossen in soziale Prozesse vor. Wenn man systemisch denken könnte, würde man fühlen, wohin die Gruppe will, worin der Prozess sich fruchtbar entfalten könnte, hier, an diesem Ort, heute und morgen. Der Gedanke sollte dem Prozess entspringen, nicht umgekehrt. Um ihn zu fassen, musst du frei von Kalkül, Berechnung und Eigennutz sein. Hier beginnt der Freiheitsbereich, jenseits des Narzissmus.
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Michael Eggert: Die falschen Gottheiten

Nein, hier geht es nicht um Religion, um Rechthaberei oder ideologische Abgrenzungen, es geht mir nur um mich selbst. Und um mich selbst auch nur in dem Maß, in dem dies in gewisser Weise „typisch“ ist, in dem Maß, wie Andere sich eventuell darin wieder finden könnten. Die falschen Gottheiten sind die Ziele, denen wir folgen, die nicht infrage zu stellen sind, die wir als unsere persönlichen Maximen verstehen. Sie sind damit unmittelbar mit unserem Selbstkonzept verbunden. Sie in Frage zu stellen, hieße, uns selbst zur Disposition zu stellen. Was bliebe dann von uns übrig? Mein Traum vom Leben, meine Ideale haben sich etwa mit acht Jahren heraus gebildet, ganz unter der Glocke des Elternhauses. Ich glaube, es kostete mich Mühe, meine Eltern zu verstehen, ihnen emotional zu folgen, und ich habe daher die Antennen weiter und weiter ausgebaut, Andere generell „zu verstehen“.

Alice Miller schrieb von diesen frühen Selbstkonzepten in „Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst“: Das Kind, das sich „gebraucht“ fühlt von seinen emotional unsicheren Eltern und damit unter einer „narzisstischen Besetzung“ durch die Eltern leidet, bildet dieses emotionale Sensorium weiter und weiter aus: „Diese Fähigkeit wird ausgebaut und perfektioniert, und diese Kinder werden nicht nur zu Müttern (Vertrauten, Tröstern, Ratgebern, Stützen) ihrer Mütter, sondern übernehmen auch Verantwortung für ihre Geschwister und bilden schließlich ein ganz besonderes Sensorium für unbewusste Signale der Bedürfnisse des Anderen aus. Kein Wunder, wenn sie später oft den Beruf des Psychoanalytikers wählen.“ Nun, Analytiker muss es nicht sein, es gibt ja im familiären Rahmen oder in den zahlreichen sozialen Berufen genügend andere Positionierungen ähnlicher Art. Man kann diese Art von erworbenem Narzissmus auch in Erfolgsstrategien jeglicher Art ummünzen. Man kann es - um zu unserem Thema zu kommen- auch in spiritueller Entwicklung zu verwirklichen suchen. Man muss nur bedenken, dass alle diese emotional- narzisstischen Antriebe absolut sakrosankt sind; es gibt eine ausgebaute Phalanx von Verteidigungsstrategien, die dieses Eine, diese unseren inneren Antriebe, unantastbar machen. Der Spiritualist wird z.B. bestimmte innere Erfahrungen machen, die diese Grundtendenz immer nur bestätigen und weiter überhöhen; womöglich wird sich die ersehnte Bestätigung in Christus- Erfahrungen oder Erleuchtungen einstellen - Erlebnisse, die sich jeder Kritik entziehen und das Sakrosankte auf die Ebene der Unendlichkeit verschieben, gestützt von Evidenz- Erfahrungen.

All das, was auf der körperlichen Ebene, den Emotionen oder in den sozialen Begegnungen dieser Grundlinie, dieser privaten Teleologie widerspricht, wird damit relativiert, dass wir selbst oder (meistens) Andere und „die Verhältnisse“ eben "noch nicht so weit" sind. Womöglich hetzen wir die, denen wir angeblich hilfreich sein wollen, in eine Abhängigkeit von uns hinein, womöglich muten wir uns selbst und Anderen viel zu viel zu, womöglich leben wir an unseren eigenen Bedürfnissen vorbei, womöglich landen wir in Isolation oder massiven inneren Widersprüchen. Es kann zum Drama kommen, wenn wir aufgrund der inneren traumatischen Zwangslage, die wir idealisieren, auf einem dauernden Crash- Kurs gegen uns selbst fahren, der unweigerlich irgendwann zum Zusammenbruch führen muss.

Das „innere Drama“, das uns fast alle in der einen oder anderen Form beherrscht, inszeniert die Persona, die unter der striktesten Selbstkontrolle steht und deren Infragestellung das ganze Kartenhaus des Ego ins Wanken bringt:
„In der Tat können wir die spirituelle Psychologie als Psychologie der Selbsttäuschung bezeichnen, weil das, was wir oft als Funktionen unserer Psyche bezeichnen, in Wirklichkeit eine Lüge ist. Die Frage ist, welche Geschichten wir uns erzählen und aus welchen Lügen wir leben.“ Es sind natürlich weniger aktive „Lügen“, sondern meist selektive Erinnerungen: Die Dinge, die nicht in unser Selbstkonzept passen, werden nicht wahrgenommen oder sofort „vergessen“. Was nicht passt, wird passend gemacht. Die Illusion, die trotz allem, was schief gehen mag, was an uns unangenehm ist und was letztendlich auch karmisch Last auf Last anhäuft, ist die, dass „wir immer noch das Steuer in der Hand haben“ (Ezry Bayda, Zen Herz, S. 44).

Der Praktizierende kommt an den Punkt der Selbstbegegnung. Unser intimster „Hüter der Schwelle“ ist nun einmal das illusorische, zwanghafte Gefühlsleben mitsamt dem, was wir als heilig und unantastbar ansehen. Dabei hilft es keinesfalls, sich einzubilden, dass wir aus der Lage heraus kämen, „wenn wir mit großer Anstrengung praktizieren“ (Bayda). Je größer die Anstrengungen, je verbissener das Streben, je triumphaler die Erkenntnisse, desto mehr entfernen wir uns möglicherweise von der Stille. Die Dinge, die zählen und bestehen, benötigen keine Anstrengung. Im Gegenteil: Jenseits aller Anstrengung kann erst das entspringen, was lebendig ist und nicht aus uns heraus gepresst. Der „Abgrund“ sind unsere neurotischen Verkrampfungen, unsere Verteidigungs- und Angriffsmechanismen. Das „Nichts“, das wir lernen müssen auszuhalten, liegt jenseits unserer emotionalen und intellektuellen Reflexe. Es beginnt dort, wo unser aufgeregtes Hantieren und Geschnatter schweigt. Dort, wo unsere Selbstgewissheiten und Selbstbeschwichtigungen, ja auch die dauernden Selbstvorwürfe an ein erstes Ende kommen.

Bis dahin wird aber einiges an Munition aufgefahren: Erzengel, Christus, Erleuchtung, sagenhafte Erfolge, weltweite Konspirationen- alles, was wir projizieren können, um uns nur nicht dort zu rühren, wo es wirklich weh tut. Auf unseren Illusionen bauen wir ganze Welten auf und scheuen keine Anstrengung. So lange halten uns die falschen Gottheiten fest in ihrem Griff.
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Michael Eggert: Grenzland. Kryptische Notizen

Mit dem Weltenbau verwachsen fühlen“- formulierte Rudolf Steiner in seiner „Geheimwissenschaft im Umriss“, was andernorts vielleicht als „Einweihung“ oder „über die Schwelle gehen“ bezeichnet würde. Aber was ist dieser Bau? Er ist gewiss nichts Fertiges, Gewordenes, sonst könnte der innere Mensch damit nicht verwachsen. Er ist kein Gebautes, sondern etwas, was sich dauernd selber schöpft; die kreatürliche Kraft schlechthin. Ihr Wirken ist das, was „Natur“ zur Erscheinung bringt, Kruste von ihrem Saft. Es ist auch „Bewusstsein“ in diesem Bau, sonst könnte er nicht von sich wissen.

Die Schönheit des planetarischen Baus ist unübertroffen und von unserem Verstand nicht zu greifen- wir hecheln da berechnend und kalkulierend hinterher und murmeln etwas von „dunkler Materie“, wenn unser Verständnis erkennbar an Grenzen stößt. Die Erde in ihrer wunderbaren Gleichgewichtslage, beschirmt von Kreisläufen der Winde, der Atmosphäre, des magnetischen Kleides, das so lebendig im Sonnenwind tanzt. Auftrieb und Schwerkraft, Sommer- und Winterseite, der Atmungsprozess des Wassers in all seinen Aggregatzuständen: Das Alles ist dieser „Bau“. Und selbst das sind nur die Außenwände.

Du, der du den Puls der Erde fühlen willst, gehst auf in der Dynamik deines eigenen Lebens. Luftströme, Wasserkreisläufe, Wolken und Licht: Du lebst auf im Elementaren des eigenen biologischen Selbst, in voller Gedankenklarheit. Man kann hier nur selten bestehen. Meist verliert man sich bei dem Versuch, sich schwimmend zu erhalten, an den freundschaftlichen Schlaf. Nein, hier ertrinkt man nicht, man hisst die Segel und folgt den Strömen des Elementaren, man folgt einem Thema, einer Spur, einer Melodie und übt sich im dauernden Improvisieren. Wusstest du, dass das dein Lebenselement ist? Man lebt darin wie in Musik.

Nun aber haben wir die Segel eingezogen und sind an Land gegangen. Der Wetterbericht kündigt schweren Sturm an. Und wirklich, nun rollen ungeheure Wolkenmassen heran, es drückt auf unsere luftige Existenz, es ist ein Wollen auf Wollen; wir spüren, wir sind an der Grenze zur kreatürlichen Kraft. Vielleicht wird ein Gewitter rollen, vielleicht folgen Meteore. Man kann es nicht wissen.

Aber ich weiss, hier ist alles wohl geordnet, gut und klug. Selbst die unvorhersehbarsten Elemente, die Kometen, nähren doch nur, dem Mutterkuchen dieses planetarischen Raums (der Oortschen Wolke) entspringend, ihren Mittelpunkt, die Sonne. Die Sonne ist ein saugendes Geschöpf, das gleichzeitig seine ganze Substanz aus sich heraus gibt und schenkt. Ihr nährender Umkreis liegt außerhalb der Bahnen aller Planeten- selbst der zugezogenen. Sie ist auch nicht dieses Gestirn, sie ist ein Kreislauf, ein lebender Rhythmus.

(So werden sie Mystiker und Adepten früherer Kulte und Kulturen wahrgenommen haben: Nehmend und gebend, zersetzend und aufbauend, ein Wille, der Innen wie Außen sich darlebend sich so lange verschenkt, bis die Zeit erfriert und der weite kosmische Raum mit einer weiteren Umkreisbildung aus Staub und Gasen in ein träumendes Pralaya übergeht- die Stille. Dann wird sich aus dem Sternenstaub, der wir sind, ein neuer Tierkreis bilden. Und es wird sich Neues regen.. es entspringt- eine neue Ordnung. Ein neuer Teig wird in den Ofen geschoben und lange, lange gebacken.)

Bau an Bau, dieselbe Ordnung im Kleinen wie im Großen. Wir stehen an der Tür und bitten nicht um Einlass. Der Tag war lang, wir waren hier zu Besuch, an der Grenze.

Man muss wirklich kein Hellseher sein, um die Reife, Größe, Weisheit dieses Baus zu bewundern. Das Wundern ist der Königsweg der Erkenntnis. Man findet keine Perlen, sondern sich selbst, je weiter der Blick schweifend wird, wenn er denn bestehen kann, im Grenzland, wo der große und der kleine Bau aufeinander stoßen.
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"Mit dem Weltenbau verwachsen fühlen"

Georg Kühlewind zitierte in seinem raren Büchlein „Der Gral oder Was die Liebe vermag“, als eine „hohe Stufe des Einweihungsweges“ aus Rudolf Steiners „Die Geheimwissenschaft im Umriß“:

„Er (der Adept) fängt an, sich wie mit dem ganzen Weltenbau verwachsen zu fühlen, trotzdem er sich in seiner vollen Selbständigkeit empfindet. Es ist diese Empfindung ein Aufgehen in die ganze Welt, ein Einswerden mit derselben, aber ohne die eigene Wesenheit zu verlieren. Man kann diese Entwicklungsstufe als „Einswerden mit dem Makrokosmos“ bezeichnen. Es ist bedeutsam, dass man dieses Einswerden nicht so zu denken hat, als wenn durch dasselbe das Sonderbewusstsein aufhören und die menschliche Wesenheit in das All ausfließen würde. Es wäre ein solcher Gedanke nur der Ausdruck einer aus ungeschulter Urteilskraft fließenden Meinung.“

Eben diese „ungeschulte Urteilskraft“ ist aber so häufig verbreitet. Das Gebrabbel vom „Überwinden des Ego“ in einer Art Salto mortale ins Nirvana- Glück pflegt eine spezielle Art von Dualismus, in der streng zwischen einem Jetzt und Dann unterschieden wird; die Vorstellung, dass „Weltwerdung“ auch „Selbstwerdung“ sein kann und umgekehrt, erfordert dagegen eine langwierige innere Umkehr, die nur schrittweise und mit einer einhergehenden moralischen Reife erreicht werden kann. Ein ekstatisches „Aus-Sich-Herauskommen“ kann allenfalls ein Zwischenstadium für den Novizen in dieser Disziplin sein; in der rechten, weiten Perspektive kein besonders relevantes Erlebnis, auf das man gar nicht weiter einzugehen braucht. Natürlich ist das Überwinden der inneren Enge der selbstbezüglichen Intelligenz eine glückliche Erfahrung, die an den Rändern gelegentlich aufleuchtet- es ist dies aber kein Ziel einer Entwicklung. Wenn man sich darauf versteift, projiziert man nur sein Selbstgefühl auf eine andere Ebene; Selbstbeglückung hat aber eine zutiefst korrumpierte Innenseite. Von daher wird in diesem Fall das ganze Erleben verzerrt. „Als das Wünschen noch geholfen hat“, gibt es nur im Märchen; real züchtet man das innere Wünschen auf eine geistige Projektionsfläche und erlebt dann eben das im Bilde, was man sich eben ersehnt hat. Ob Engel, Buddhas oder Lichtblitze, bleibt dem Einzelfall überlassen, aber auch der eigenen Tradition und Kultur. Real ist in diesem Fall gar nichts.
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Michael Eggert: Die Zeit anhalten

Voraussetzungen im engeren Sinne gibt es keine, um ins nonduale Erleben zu wechseln, oder, um in unserem Sprachstil zu bleiben, die Zeit anzuhalten. Ich persönlich mag dabei keine überkreuzten Gliedmaßen und andere Verrenkungen; ansonsten gilt nur: Bequem sitzen. Natürlich ist es nicht ganz leicht, das willentlich abzustellen, was uns immer im Zeitstrom hält: Das was ich gleich machen wollte und will, dass ich noch diesen Arzttermin habe und im Keller staubsaugen wollte. Das, was gerade passiert ist und noch nicht geklärt: Der Brief mit dem amtlichen Siegel, der gerade im Briefkasten lag, meine berufliche Stellung, die gerade durch eine neue personelle Konstellation fraglich geworden ist. Aus all dem, in das ich eingespannt bin, möchte ich nun heraus treten und frische Luft dabei schöpfen.

Womöglich hilft ein mantrischer Spruch, ein Koan, ein in sich Widersprüchliches, das nur auf einer höheren Ebene vernünftig wird, indem ich auf einer höheren Ebene in diese Vernunft eintrete. Natürlich ist ein Steinersches Koan wie „Denkend empfinde ich mich eins mit dem Weltgeschehen“* auf der dualen Ebenen unsinnig, denn denkend empfindet man gar nichts, schon gar nicht sich selbst, und erst recht nicht sich „eines“ mit irgend etwas, und überhaupt nicht mit einem „Weltgeschehen“. Diese Art von Selbsterfahrung befindet sich schon *dort*, im Nondualen, auf der Ebene des Seins.

Die Worte des Koans werden, sobald ich an eine konzentrierte, aber leichte, nicht verkrampfte Vertiefung des Spruchs komme, an der die einzelnen Worte und Bezüge sich auflösen, flüssig werden und zum sinnvollen Erleben kommen, zum Anstoss für eine Art „Flow“- Erfahrung. Das Lastende der Nacht, die konkreten Sorgen, die kommenden Probleme und gleich notwendigen Telefonate und Gespräche lösen sich zwar nicht auf, treten aber in den Hintergrund einer erlebten reinen Gegenwärtigkeit. Es gibt ein tieferes und weniger intensives Eintreten. Mir persönlich fällt es morgens schwerer. Es ist dann eher ein kurzes Ins-Wasser-Steigen - etwas, um es anzuregen, um eine Melodie für den Tag anstimmen zu lassen. Im Tagesverlauf erweist es sich als günstig, Wartesituationen oder Pausen zu benutzen, sich kurz an das fliessende Wasser zu erinnern, sich seiner Existenz zu vergegenwärtigen. Im Islam würde man so etwas vielleicht mit einer kurzen „Waschung“ bezeichnen. Es nimmt den untergründigen Faden auf und spinnt ihn weiter, taucht das Gegenwartsbewusstsein kurz ein ins Strömende. Am Abend wird es Gelegenheiten geben, diese innere Melodie zu vertiefen und mit größerer Gänze zuzulassen, was inzwischen kraftvoll geworden ist. Vorhersagbar ist da nichts, planbar auch nicht- und manche Tage geben aus inneren oder äußeren Umständen keine Möglichkeit her, die innere Verbindung zu vertiefen.

Das ist aber nicht tragisch, da die Möglichkeit zur Gegenwärtigkeit inzwischen einfach besteht. Sie ist mit Händen zu greifen und manifestiert sich auch in einem veränderten Körper- und Selbstgefühl. Man könnte auch sagen, man habe die Chakren bewegt und spüre nun ihre Eigendynamik. Es bedarf nun keines Anlaufs mehr, keiner Übung, um die innere Präsenz zu erfahren- man wechselt - um es ungeschickt auszudrücken- zwischen den Ebenen oder wird, präziser, der Ebene des „Flow“, der Ebene des „reinen Denkens“ dauerhaft gewahr, auch wenn man sich immer wieder aus ihr heraus zieht, um vielleicht die Steuererklärung fertig zu machen oder Auto zu fahren.

Die Möglichkeit, in die Zeitlosigkeit einzutreten, hängt von einigen Faktoren ab; ich denke, dass es heute eine kulturunabhängige Fähigkeit ist, die mit der modernen Art der Inkarnation zusammen hängt. Es ist keine individuelle Fähigkeit, denn sie rückt von Generation zu Generation näher; sie ist aber auch ein Luxus, da sie davon abhängt, inwieweit man ausschließlich für den Broterwerb tätig sein muss - oder inwieweit man aus dem Hamsterrad zumindest zwischendurch auch aussteigen kann. Es ist keine individuelle Fähigkeit, auch nichts, womit man aufs Neue ein Selbstgefühl verbinden kann. Man kann zweifellos einen Kult daraus machen. Es gibt aber so wenig einen Grund, darauf stolz zu sein wie auf die Tatsache, frische Luft zu atmen: Man hat die Luft nicht geschaffen. Die Präsenz in der einen oder anderen Form zu erfahren, ist eine natürliche Gabe wie das rationale Denken; es ist ein Rationales, das näher am „Leben“ ist, mehr nicht. Es gibt also auch etwas wie spirituelle Hysterie oder aber (was wir hier propagieren möchten) Rationalität. Die diversen hysterischen Ausbrüche bevölkern die entsprechende Szene und deren Literatur und Retreats. Das Erleben des Flow aber bedarf, wenn es einmal gefestigt ist, keiner äußeren, ja nicht einmal mehr innerer Anstösse- eigentlich widerstrebt es einem ja sogar, Begriffe wie „Meditation“ darauf anzuwenden, da es sich nicht um einen Ausnahmezustand handelt, sondern um eine ganz natürliche Gestimmtheit. Rudolf Steiner nannte das sogar zuweilen den „gesunden Menschenverstand“.

Zu dieser Natürlichkeit gehört auch, dass man sich eigentlich immer als Beginner versteht- es sind bis auf nicht absehbare Zukunft lauter Anfänge von etwas. Ich denke schon, dass die anstehende Transformation eine natürliche kulturelle Strömung ist, an der man teilhat: „Von den Geistern der Form zu den Geistern der Bewegung.“ Das Gewordene, Geformte ist ja so wenig weg wie der Alltag und das so und so sich darlebende Individuum. Es ist absolut notwendig, bis zu diesem ausgeformten Individualismus vorgedrungen zu sein. Nun aber darf auch frischer Wind hinein, der Atem darf weiter werden, und die Dinge können auch mit dem Herzen gesehen werden.

Was man vielleicht noch anmerken darf, ist, dass mit dem „Anhalten der Zeit“, dem Erleben des Flow noch keine moralische Reife mitgeliefert wird. Das hier ist kein All- Inclusive, kein Baumarktregal, aus dem man eine Fertiglösung entnehmen kann. Es gibt womöglich noch nicht einmal Beurteilungsmaßstäbe, auf die man sich verlassen könnte. Daher erscheinen an allen Ecken - auch in den anthroposophischen - Autoren, die ein Alleinvertretungsrecht beanspruchen- womöglich aus Verkennung der Lage. Der behauptete exklusive Zugang produziert meist Anhänger, die an dieses Alleinvertretungsrecht glauben. Das schafft völlig verquere Positionierungen beider Seiten, nämlich archaische Schüler- Lehrer- Verhältnisse. Wenn die Machtspiele beginnen, kommen Mechanismen in Gang, die eine eigene Dynamik haben, vor allem aber restlos von dem, worauf es ankommt, ablenken.

Man muss vielmehr heute davon ausgehen, dass die Fähigkeiten, von denen die Rede ist, universell sind und nur eines Anstosses bedürfen, um geweckt und entfaltet zu werden. Moderne spirituelle Rationalität versteigt sich auch nicht in Visionärem und ertrinkt nicht in Bilderfluten. Es wird kein „Ego“ überwunden, sondern es tritt - zart- ein konzentriertes Loslassen auf, das sich in die Verhältnisse - auch die persönlichen Schicksale - einfügt, sie akzeptiert und sie ganz allmählich von innen und von außen durchleuchtet, durchglänzt und befruchtet. So entstehen z.B. neue soziale Kompetenzen, neue Teamfähigkeiten, in denen es vor allem darauf ankommt, so stark zu sein, Anderen Raum und Entfaltungsmöglichkeiten bieten zu können. Das innere und äußere Zurück- Treten-Können, um in reiner Gegenwärtigkeit situationsangemessene Lösungsmöglichkeiten zu finden, ohne Anderen etwas aufzuoktroyieren, sind Teilaspekte der neuen Fähigkeiten.

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*Eine umfassende Darstellung anthroposophischer Meditationstechnik von Hans-Peter Dieckmann: http://www.anthroposophie-dieckmann.com/Meditation.html
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Michael Eggert: Nach der Erleuchtung Wäsche waschen

Jack Kornfields Buch „Nach der Erleuchtung Wäsche waschen und Kartoffeln schälen“ (hier das englischsprachige Original) ist schon deshalb so sympathisch, weil es ehrlich ist. Es bringt den ganzen elenden Erleuchtungs- Hype auf den Boden zurück und fragt quer durch alle möglichen Bewegungen - von Sufis über Himalaya-Gurus bis hin zu christlichen Nonnen- diese danach ab, wie es den Menschen nach und mit etwas wie „Erleuchtung“ (die meisten würden sich schämen, es so zu nennen) denn erging. Zahllose Anekdoten aus all diesen Milieus erheitern manchmal, kommen manchmal besinnlich daher und beleuchten das Buch jedenfalls so sehr, dass es auch mit 350 Seiten sehr gut zu lesen ist. Wenn Kornfeld selbst einer „Richtung“ zuzuordnen ist, dann jeweils einer, die es konkret und alltäglich meint- so etwa wie in folgender Anekdote:
„Als ein Zen- Schüler zu seinem Meister sagte: „Nun fehlen mir nur noch ein paar Details“, rief der Meister aus: „Aber es gibt nur Details.“ (S. 231)

Kornfeld geht es um Achtsamkeit, um „Gegenwärtigkeit“, aber eben auch um die Wahrnehmung und Akzeptanz der eigenen Schattenseiten: „Ja, ein reifes Herz weiß um die Dimension des Egoismus und der Sünde. Aber es ist sich auch der umfassenderen Wirklichkeit des Menschseins bewusst, der ursprünglichen Einheit und grundlegenden Güte, die unsere göttliche Natur, unsere Buddha- Natur ist.“ (S. 206). Illusionärer Perfektionismus oder vorgetäuschte Vollkommenheit werden hier nicht gesucht, denn „das Bewusstsein, das man auf einem Gebiet entwickelt hat, überträgt sich nicht auf andere Lebensbereiche.“ (S. 199) Das führt zu den Widersprüchen, die man überall - auch an spirituellen Orten- erleben muss: „Meditationsmeister, die sich mit außergewöhnlichen Bewußtseinszuständen auskennen, können auf emotionalem, zwischenmenschlichem Gebiet Schwierigkeiten haben. Fromme, sich für Gott aufopfernde Nonnen oder Mönche können eine problematische, ja selbst Kaputte Beziehung zu ihrer Familie- oder zu ihrem eigenen Körper haben. Und Yogis und Gurus, die über eine unglaubliche Körperbeherrschung verfügen und ihre Atmung und Gedanken unter Kontrolle haben, können blind übernommene Überzeugungen und Meinungen vertreten, die sich negativ auf ihre Anhänger auswirken. Die meisten Mönche, Nonnen, Meditationsmeister und spirituellen Schüler entdecken nach einiger Zeit Lebensbereiche, denen sie bisher keine Aufmerksamkeit geschenkt haben. Für viele Lehrer hat die spirituelle Ausbildung selbst zur Vernachlässigung oder Verdrängung ihrer grundlegenden menschlichen Bedürfnisse geführt.“ (S. 199)

Kornfeld hat keinerlei Hemmungen, über die Alltagsprobleme hoch angesehener Yogis zu berichten, wenn auch häufig anonym, die plötzlich trotz aller Erfahrungen in eine existentielle Krise geraten und sich selbst völlig in Frage stellen. Vielen geht es offenbar gerade nach lang anhaltenden und weit gehenden Retreats so. Kaum zurück gekehrt, brechen alte Wunden mit Wucht wieder auf oder es besteht völlige Verwirrung darüber, „wie man seine Spiritualität mit dem beruflichen Alltag verbinden soll.“ (S. 158) Er verbindet das mit netten Geschichten wie das von dem Kloster auf einem Berggipfel, das den „schönsten Buddha in ganz Korea“ anpreist, aber nur einen leeren Altar mit weitem Blick in die Umgebung bietet: „Als er näher herantrat, entdeckte er eine Inschrift auf dem Altar: „Wenn du hier keinen Buddha siehst, geh hinunter und übe noch ein wenig.“

Aber neben diesen eher amüsanten Exkursen bearbeitet Kornfeld auch unangenehme Züge wie den spirituellen Ehrgeiz. Dazu die Geschichte von dem Mönch, der den Meister fragte, wie lange er bis zur Erleuchtung denn bräuchte: Zehn Jahre, ist die antwortet. Und wenn er sich besonders bemühen würde? Dann würde es zwanzig Jahre dauern. Der Adept murrt und beklagt die mangelnde Fairenss. „Wieso doppelt so lang?“. In seinem Fall, antwortet der Meister, würde es dann wohl eher dreissig Jahre dauern.

Wenig glanzvoll erscheinen auch die zahlreichen Geschichten, in denen gerade in Schüler- Lehrer- Verhältnissen Zustände eintreten können und eingetreten sind, in denen es um sexuelle und finanzielle Ausbeutung ging. Das eine oder andere Mal plaudert Kornfield aus dem Nähkästchen und verrät Namen. Bei vielen tibetischen Lamas hat der Missbrauch auch von Kindern sogar Tradition. Kornfield geht aber nicht so weit, das System von Klosterleben, Guruismus, jahrelangem Rückzug in Frage zu stellen. Die Abhängigkeitsverhältnisse in vielen klassischen spirituellen Bewegungen führen offensichtlich häufig zu schwer wiegendem Missbrauch. Kornfield sieht diese Probleme und meldet durchaus Reformbedarf an. Die Systemfrage stellt er aber nicht.
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Michael Eggert: Paradoxien an der Schwelle oder: Der Gral kommt, wenn man ihn nicht will

Nicht nur in Zen- Geschichten drücken sich die Paradoxien an der Schwelle zur geistigen Welt aus, sondern auch in dem biografischen Umständen, die Joseph Beuys in dem Interview weiter unten drastisch schildert: Wie er mehrfach und in steigendem Maß in seinem Leben an einen Nullpunkt heran geführt worden war, an einen Punkt des reinen Nichts, an dem ihn nichts mehr an Leben kettete. Aber gerade aus diesen Nullpunkten heraus entwickelt sich geistige Kompetenz, die eben weniger in dem besteht, was man vermag, als darin, wie viel Raum man zu geben vermag. Der Geist realisiert sich nicht in der Fülle des Könnens, Wollens und Habens, sondern in der Leere des Nullpunkts, an den man sich nicht nur heran arbeiten muss, sondern den man auch halten und vor allem aushalten muss. Niemand könnte das besser schildern als Beuys selbst.

Was er nicht - oder nicht so deutlich- erwähnt, ist, dass dieses Prinzip des paradoxen „wollenden Nichtwollens“ nicht nur in biografischem Sinne gilt, sondern für jede echte meditative Situation. Man kann für eine gelingende Meditation immer nur übend den Boden bereiten. Es gibt einen Punkt, an dem man eine Art innerer Bühne errichtet hat, dort, im Schwellenland, und wartet. Wenn der kühle Wind *dort* entspringt, ist man gut beraten, den Auftrieb zu nutzen und aktiv zu navigieren: Man ergreift den sich umstülpenden Willen, eine Art Kraft, die man nicht selbst erschafft, sondern die man zulässt. Wir kennen das Prinzip, auch wenn die gewählten Begriffe vielleicht befremdlich wirken sollten, tatsächlich sehr gut. Denn nur so gelingt und entspringt ein Gespräch zwischen Menschen: Indem man einander Raum gibt. Wer das nicht vermag und stets nur sich selbst aus-drückt, ist einsam zwischen Menschen, aber auch in Bezug auf das meditative Geschehen.

Wer mag, muss nicht nach Japan schauen, um Zen- Philosophie zu entdecken. Es reicht ein Blick ins neue Testament (Matthäus 19, 24, Markus 10, 25), wo sich der berühmte, aber falsche Satz vom Kamel findet, das eher durch das Nadelöhr passt als dass der Reiche ins Reich Gottes käme. Übrigens soll es sich um einen Übersetzungsfehler* handeln. Es geht wohl in Wahrheit um ein Schiffstau, das eher durch ein Nadelöhr passt. „Zen“ ist die Textstelle dennoch auch in prosaischer, aber korrekter Übersetzung, denn es handelt sich in all den Bildern um eine Zustandsbeschreibung des inneren Lebens an der Schwelle: Unsere „Reichtümer“ sind alles das, was wir mitgebracht haben, Begabungen, Formungen, individuelle Fähigkeiten. Das Nadelöhr ist der oben beschriebene Nullpunkt. Erst das, dem wir Raum geben, damit es entspringen möge, passt durch das Nadelöhr.

Aber wir können natürlich auch ins Mittelalter schauen- etwa zur Parzival- Legende, um diese Paradoxie der Schwelle wieder zu finden. Dazu zitieren wir aus einem Buch von Georg Kühlewind**:
Festlich gestimmt, von Freude und Liebe erfüllt sind alle - außer Parzifal. Er empfindet Doppelte Trauer, die ihm die Freude verwehrt und ihn in dem Entschluss bestärkt, erst den Gral wieder finden und dann Amfortas heilen zu wollen. So zeiht er sich von Freunden und Feiernden zurück, denkt über seine Lage nach und fasst den weiteren Entschluss, seine Suche, sein Streben nach dem Gral aufzugeben. Er resigniert, was ihn aber nicht dazu bringt, nach Hause, zu seiner Frau, in seine Königreiche zurückzukehren- das hätte ihm jederzeit offen gestanden.

„Da ich entbehre, was die Glücklichen besitzen - ich meine die Liebe, die die manches traurige Herz wieder froh macht-, da ich also keinen Anteil an diesem Glück habe, kümmert mich nicht, was mir geschieht. Gott will nicht, dass ich glücklich bin. Könnte ich oder die Frau, nach der ich heiss verlange, unsere Liebe durch Wankelmut zerstören, dann könnte ich vielleicht eine andre lieben. Doch die Liebe zu ihr hat jeden Gedanken an andre Liebe und das Glück, das diese schenken könnte, in mir ausgelöscht, ohne mir Trost und Glück zu schenken. Ich bin tief in Trauer versunken. Möge das Glück allen Freude schenken, die nach wahrer Freude verlangen! Gott gebe allen hier nur Freude! Ich aber will den Kreis der Glücklichen verlassen.***“
Die gezielte Suche nach dem Gral wird aufgegeben, Parzifal stellt sich dem Schicksal anheim. Das ist der entscheidende Augenblick, die entscheidende Wendung auf seinem Weg.
Denn nun kommt der Gral zu ihm.
__________

*http://www.uebersetzerportal.de/nachrichten/n-archiv/2003/2003-08/2003-08-18.htm
**Georg Kühlend, Der Gral oder Was die Liebe vermag, Stuttgart 1997, S. 35 ff
***Wolfram von Eschenbach, Parifal, Stuttgart 1981
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Michael Eggert: Die Suche nach dem heiligen Dingsbums oder: Die Perle

Ich erinnere mich an einer dieser Geschichten von Tschuang-Tse, in der ein Herrscher mit allen Mitteln nach einer Perle sucht, die ihm persönlich viel bedeutet und die nun in einen See gefallen ist. Er beschäftigt verschiedene Helfer mit der Suche- vergebens. Erst als er endgültig aufgegeben hat und beiläufig -absichtslos- nach ihr greift, hält er sie unversehens die Perle in der Hand:

„Der Gelbe Kaiser reiste nordwärts vom Roten See, bestieg den Berg Khun-Lun
und schaute gegen Süden.
Auf der Heimfahrt verlor er seine Zauberperle.
Er sandte Erkenntnis aus, sie zu suchen, aber sie fand sie nicht.
Er sandte Klarsicht aus, sie zu suchen, aber sie fand sie nicht.
Er sandte Denkgewalt aus, sie zu suchen, aber sie fand sie nicht.
Endlich sandte er Absichtslos aus, und es fand sie.
"Seltsam fürwahr", sprach der Kaiser, "dass Absichtslos die Perle zu finden vermocht hat."


In ein ähnliches Horn- das der Absichtslosigkeit- bläst auch Rupert Spira („Bewusstsein ist alles“, S. 152):
Wenn die konventionellen Möglichkeiten, sich Glück zu verschaffen, erschöpft sind, dann beginnt „Bewusstsein-das-vorgibt-ein-getrenntes-Wesen-zu-sein“ auf anderen, ihm weniger vertrauten Gebieten zu suchen. Eine Version ist die spirituelle Suche. Früher oder später, allmählich oder spontan erkennt Bewusstsein dann jedoch, dass es bereits genau das ist, was es sucht, und dass die Suche selbst diese Einsicht verhindert.“

Suchen kann man nur etwas, was nicht präsent ist, ein Objekt oder einen Zustand, den man vielleicht unter bestimmten Bedingungen irgendwann irgendwo entdecken wird. Das, was man sucht, ist aber nicht dinglich, nicht abwesend oder ein zeitlich in die Ferne verrücktes Versprechen. Es geht gerade um die Präsenz, um das Gegenwärtigsein, nicht um die Vorstellung eines irgendwie gearteten Zustands. Die Suche verschiebt das Gesuchte in ein irreales Außen und folgt damit den materiellen Bedingungen unseres Verständnisses von Wahrnehmung. Die Suche spaltet uns gewissermaßen auf. Nun gibt es eine ganze Industrie, die von solchen irrealen Heilsversprechungen profitiert und sie folgerichtig mit immer neuen Ausschmückungen belebt; die Heilsversprechungen werden damit zu einer Ware wie jede andere auch. Ein gutes Konsumgut schafft aber immer mehr Appetit, vergibt nur Häppchen des Glücks. Schließlich geht es Erlösung, Heil, um Erleuchtung und Frieden- ein endgültiges Konsumgut, ein absolutes.

Der Suchende erwartet durch die Tatsache seiner Suche aber nicht nur einen Zustand der Erlösung, er fühlt sich schon auf dem Weg dorthin als bedeutsam und wichtig. Wegen dieser impliziten Bedeutsamkeit erhalten bereits kleine Hinweise auf den ersehnten Zustand den Charakter von Offenbarungen, die womöglich nur der Suchende selbst als solche erkennen kann. Womöglich führt ein höheres Wesen bereits seine Hand, wenn er vor der Bücherwand stehend ins Regal greift und dann nach Dies oder Das greift, nach irgendeinem heiligen Dingsbums. Auch Offenbarungen Anderer, die vielleicht *weiter* sind als er selbst, bekommen erhebliche Bedeutung, solange nur die Sehnsucht mit Bildern und Inhalten lebendig gehalten wird. Visionäre, Propheten und Scharlatane kennen das Geschäft mit dem unstillbaren Hunger nach - ja, nach was?

Die Gegenwärtigkeit ist kein Etwas, kein Zustand, keine Vision. Sie ist nicht jenseitig und nicht irgendwo. Sie ist das beiläufige Greifen nach der Perle, nachdem man aufgehört hat, sie zu suchen.

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Wanderschaft

Ich glaube nicht, dass der Unterschied zum Gebet in der Innigkeit liegt. Die kann hier sowohl als auch da innig sein, von einer hymnischen Innigkeit, ja. Ich glaube nicht, dass der Unterschied zum Gebet im Denken und Fühlen liegt.
Weißt du, wenn es darauf ankommt, dass ist es hier wie da ein Einklang, eine Einfallt ohne Einfältigkeit, ein Denk-Fühl-Wollen. Vielleicht liegt der Unterschied darin, dass man bei dem Einen mehr das Augenmerk auf den personifizierten Geist legt, beim Anderen mehr auf die vergeistigte Person. Aber dort, wo die geistige Neugeburt stattfindet, sind das Eine wie das Andere nur zwei Seiten desselben Buches.

Nach dem anhaltenden Regen ist die Luft still geworden. Sie ist von der Stille wie gesättigt. Das Gewitter grollt am Rand des Horizonts. Nun kannst du das Herz in die Hand nehmen und damit auf Wanderschaft gehen.
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Die entspringende Welt

Relikt & Imagination

Imaginationen hat man in Form von Knospen. Sollte man lieber von Gedankenpaketen oder von einem keimhaft Brütenden sprechen? Das kommt wie alles jenseits der Hügel ganz auf den Standpunkt an. Ich für meinen Teil fand das Wirbeln der Wolken über mir anschaulich, konzentrierte mich aber auf eines dieser Pakete. Ich kannte es, es war ein Fetzen gewesen, eine Anregung, eine Denkbewegung, etwas Recherche. Das Thema war damit angeschnitten. Dann wurde es im Inneren bewegt- es wurde mitgenommen in die Gegend jenseits der Hügel. Nun nahm ich es wieder entgegen als ein belebtes Paket. Man konnte es darin pulsieren fühlen.


Entblätterung

Ich nahm Keimblatt für Keimblatt ab und schrieb auf, was darauf geschrieben stand, weil ich es las. Es entblätterte sich, ich schrieb so schnell ich konnte, aber ich weiß, ich vergaß viel im Schreibprozess. Es ist zu groß für meine Zeit und meine beschränkten Möglichkeiten.
Das Wenige aber soll bestehen bleiben.

Auf die Gefühlslage soll es nicht ankommen. Sehr wohl aber auf das Erleben des Gedankens in Status Nascendi, auf das Keimhafte in ihm. Man hat den Ton angeschlagen, nun entfaltet sich eine Melodie. Rhythmisch bannt man es auf Papier.


Wenn Fassaden wie Blätter fallen

Es ist ohnehin wenig, was besteht. Nehmen wir die Selbstbilder, die wie alte Fassaden von uns abfallen, sobald die Zeit gekommen ist. Die Arroganz der Jugend muss zerfallen, oder sie wird zu einer manieristischen Marotte, die immer absurdere Anstrengungen erfordert. Die Magie der Schönheit wird uns genommen, der Zauber des Geschlechts wird schal. Um unsere Kompetenzen, auf die wir stolz waren, müssen wir kämpfen; die Nachfolgenden haben alles, in das wir mühsam an Kraft hinein gesteckt haben, schon in ihrem Einführungssemester abgehandelt. Alles, worauf wir stolz sind, auf das wir bauen, was wir als unser Recht, unser Eigentum, unseren Anspruch ansehen, hat eine gewisse Halbwertzeit. Am Ende müssen wir es einlagern und verbuchen unter “Erfahrung”. Es hat so viel Bestand wie römische Statuen; man muss es archäologisch betrachten, man muss ein Museum darum bauen, es vor Wind und Wetter bewahren.


Die entspringende Welt

Am Ende fallen die Selbstbilder wie Blätter im Herbst. Auf die Gefühlslage soll es nicht ankommen. Was aber ist an uns tatsächlich “keimhaft”? Was nur ein archäologisches Relikt? Was verflattert im aufkommenden Wind, was verpuppt sich und wird tatsächlich, sich entfaltend, durch die Zeit getragen? Letztlich sind unsere Relikte gespenstisch.

Jenseits der Hügel helfen weder Selbstbilder noch Fähigkeiten weiter, sondern letztlich nur konkrete Improvisation. Man muss den Wind nehmen, wie er kommt, denn man kann ihn nicht aus dem Vergangenen, aus dem Eigenen, aus dem Archäologischen heraus pressen. Man kann ihn nicht wollen, aber man muss die Segel setzen, wenn man ihn spürt. Der Wind, den man hier erlebt, entspringt aus der Dynamik des Keimhaften. Es ist erstaunlich, was Knospen und Keime vermögen. Aus ihnen entspringt die Welt.
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Woher der Wind weht

Kontur 1

Das Denken, wenn es denn meditativ in seiner Innenseite in den Blick gerät, bekommt eine quasi- räumliche Form- ein elliptisches, bewegtes Gebilde, das die gewohnten Körpergrenzen durchfährt und überragt. Es ist möglich, wenn man sich mit dem wandernden Blick dort hinwendet, eine innere Dynamik des lebendigen Terrains zu bemerken; an der Körpergrenze finden sich inmitten des Gebildes Knotenpunkte. Am leichtesten und frühesten erschliesst sich der Knotenpunkt vor der Stirn. Hier dreht sich das umgebende Terrain ins Innere hinein. Ein Adler erhebt sich vor einem weiten Panorama.
Ein weiterer Knotenpunkt wird bemerkbar vor dem Kehlkopf. Stierähnlich wölbt sich ein dynamisches Inneres vor den Sprechorganen.
Der dritte Knoten erscheint weniger punktförmig- er ergießt sich eher strahlenartig in den Oberkörper bis in die Mitte der Hände hinein. Die Energie, die dabei entsteht, strahlt weiter nach außen und erfüllt das Terrain, das man erschaffen hat. Der sonnenhafte, ruhig atmende Duktus hat etwas Löwenartiges.

Kontur 2

An dieser Stelle gibt es ein Geheimnis. Hier, an dieser Stelle gibt es ein Ritual. Ich halte eigentlich nicht viel vom Rituellen, aber an dieser Stelle hat es seinen Ort. Es ist die Suche nach der Quelle. Es ist nicht so, als würde man durch die Landschaft streifen und suchen. Es ist mehr so, dass man die Suche beginnt, aber es nimmt wie ein Warten. Wenn, dann wird die Quelle vor den Augen entspringen. Wo denn sonst? Es gibt hier keine „Orte“. Tatsächlich ist sie plötzlich einfach da. Sie ist klein, unbedeutend, aber sie sprudelt sanft. Es ist ganz klar, dass das ein wunderbares Geschehen ist. Denn diese Quelle haben wir nicht aus eigener Kraft geschaffen. Diese Quelle ist etwas, was aus eigener Kraft bewegt wird. Es ist, als ob ein lieblicher Schimmer ihrem Kern entspringt und diese innere Landschaft - belebt, beseelt.

(Es ist ein bewegtes und bewegendes Geschehen. In dieser Bewegung zu stehen, wirkt auch zurück in die biologischen Funktionen; es ist, als brächte die Ruhe und Harmonie dieser Kraft auch Stille in das biologische Selbst. Die Stille hat keinen Boden und ist nicht ergründbar. Sie ist nur immer tiefer und tiefer zu begehen.)

Kontur 3

Die dynamische Innenseite des Denkens ergründet seine eigenen Organe. Es sind Formschaffende und Auflösende darunter, Gestaltende und Bewegliche.

Kontur 4

Die innere Natur der Herzkräfte wird zum sonnenhaften Scheinen in die Welt; hier erscheint der innere Mensch und wird real. Er lebt sich aus in reiner Lauterkeit, in einer aufmerksamen Hinwendung, in einem Willen, der einfach ist. Der Wille ohne Eigenschaften strahlt. Das Gefühl wird zum Tastorgan für das Denken; es kostet und schmeckt. Die dynamische Innenseite des Denkens wird zu einem zweiten Leib. Man begibt sich sicher wieder und wieder dort hinein, denn hier ist man zuhause. Es ist ein zeitloser Raum, ein Raum des reinen Seins.
Seine Natur ist das Licht, denn dieser Leib beleuchtet alles, was ihm begegnet. Seine Natur ist das Erhellende selbst. Dort, wo er ist, werden die Dinge klar. Seine innere Natur ist daher die des Logos selbst.

Kontur 5

Dem nachgehen, „woher der Wind weht“. Es gibt immer ein „im Grunde“. Gehe dem Grund nach, den Untergründen, dem Grundsätzlichen.
Am Grunde des Grundsätzlichen steht ein Freund und wartet.
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Logos & individuelles Denken

Das Denken gehört nicht dem Menschen, sondern dem Logos an:
und doch wird es im Menschen individuell, damit der Mensch durch das Denken zum Logos gelangen kann
.“

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Massimo Scaligero, Traktat über das lebende Denken, Stuttgart 1993, S. 48
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Kreisläufe

„Der Kreislauf der Liebe ist: es werde, damit es sei.
Der Kreislauf des Lichtes ist: dass es sich selbst erfahre.
Der Kreislauf der Vergangenheit ist: es ist, weil es ist.“

(Georg Kühlewind, Das Gewahrwerden des Logos, 1979, S. 120)

Liebe Schriftgelehrten, Besserwisser, Gelehrten und Angsthasen: Das etwas ist, weil es ist, bleibt eben auf der Ebene der Vergangenheit verhaftet. Da hat es sein gutes Recht. Darauf kann es bestehen. Da ist es sicher.
Alles weitere führt in ein tastendes Bemühen, was einem ein Ringen um Worte abverlangt, was einen als ganze Person involviert, was einen „Positionen“ und Sicherheiten kostet statt sie zu geben.
Aber von da ab rührt man - vielleicht- an das, was ist und was werden will. Es hat keine Gestalt außer der, die wir in der Bemühung erringen. Manches wird flüchtig bleiben.
Und dennoch: Es ist schön, am Lebendigen zu rühren und sich in ihm wieder zu finden.
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Verlust, Verdauung und sprachliche Überlagerung

Die einstige Erfahrung ist keine Erfahrung mehr, nachdem sie es einmal gewesen ist. Sie ist kontextualisiert, tausendmal durchdacht, an einen Ort in meinem privaten Kosmos abgestellt, sprachlich durchdrungen und „verarbeitet“. Das betrifft natürlich alle Erinnerungen. Vielleicht stechen einige besonders tragische oder freudige Elemente heraus. Es kann ja ein Trauma sein, eine bestimmte Erfahrung wieder und wieder machen zu müssen, so wie sie war. Ja, es sind gerade die traumatischen Erlebnisse, die so da stehen blieben, unverdaut, unverdaulich. Es steht einem vor Augen. Bei anderen Erfahrungen bin ich nicht so sicher, schon weil ich öfter daran gedacht habe. Jedes Mal habe ich sprachlich daran gedacht, ich habe es in Worte gefasst. Ich habe es so oft gedreht und gewendet, bis ich nicht mehr wusste, wie viel davon ist meine Kontextualisierung, wie viel davon sind meine Worte, wie viel davon ist so, wie es war. Das Verdaulichmachen bedeutet auch, es zu interpretieren. In der Erinnerung bleibt ein Konstrukt, ein Produkt der Bemühungen, das so weit weg ist von der Erfahrung, wie - sagen wir - ein Apfel von dem, was im Darm davon übrig geblieben ist.

Dies gilt um so mehr für frühe „geistige“ Erfahrungen, die sich mit etwas Glück gerade in der ersten Lebenshälfte einstellen, wie Geschenke- etwas Unverdientes. Kann Bemühung auf „Verdiensten“ beruhen, die Bemühung, durch ein Nadelöhr zu klettern? Ja, weil immer ganz persönliche Wandlungen damit verbunden sind. Wir befinden uns hier als moralische Wesen auf einem moralischen Feld.

Aber erinnern kann man diese Erfahrungen kaum, sie bleiben an sich nebelhaft, und dazu hat man sie so oft durchdacht, dass sie sich untrennbar mit dem Denken über sie verbunden haben. Sie sind teils Konstrukt, vielleicht sogar eine Legende im inneren Kontext, aber teils bleiben sie auch schlechthin ungreifbar, vage. Man kommt mit dem eigenen Gegenwartsdenken nicht richtig an die Unmittelbarkeit der Erfahrung heran. Man müsste sich erst wieder auf das Niveau geistiger Intimität heben können, um dem frühen Erlebnis zu entsprechen. Das aber ist oft gar nicht möglich. Die frühen Geschenke sind Wegmarken, die unsere Fähigkeiten übersteigen. Sie weisen auf eine Möglichkeit der Erfahrung und des Denkens hin. Das Gefühl dagegen ist sich ganz sicher. Es gibt ein helles Fühlen, das nicht selbstbezüglich ist, sondern wie ein moralisches Schneckenhorn fungiert: Man tastet den moralischen Geschmack einer Erfahrung. Das Gefühl sagt: Ja, das ist wahr. Aber erinnern kann ich es nicht.
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Unauslotbar

Du schaust in die Sonne, das Licht tut dir weh.
Du bist Ikarus ohne Flügel. Bei dir ist schon lange geschmolzen, was dich zusammen hielt, du bist flugunfähig.

Du bist wie ein zusammen gebackenes Zimtmännlein, da ein Kopf,
da ein Rumpf, und da die ausladenden Apparate.
Du bist ein zusammen gepapptes Seelenmännchen, eine Sirene:
Du fühlst so, du denkst so, und du tust etwas anderes. Zumindest manchmal, in den helleren und den dunkleren Momenten.

Keine Kreatur auf diesem Planeten als diese kann zu sich sagen: Ich verstehe mich selbst nicht. Wir können das.
Keine kann, im kleinen oder großen Schwunge, von sich sagen: Ich missbillige, was ich tue.

Wie aber kann die Kreatur, die am wenigsten von allen von sich weiss, sagen: Du empfindest nicht tief genug?
Man kann es von sich nur sagen, wenn man weiss, dass es Tiefe gibt und dass sie unauslotbar ist.
Der Tiefe des Empfindens folgt stets eine weitere, und am Ende von allen Tiefen wartet Er, der dich liebt.
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Reifeprüfung

Und dieses heilig haltende Schweigen, das hängt mit etwas anderem zusammen, ohne das die Esoterik den Menschen nicht fördern kann. Es hängt zusammen mit dem, was wir zunächst für die Esoterik gar sehr brauchen. Es hängt zusammen mit der innersten menschlichen Bescheidenheit. Und ohne innerste menschliche Bescheidenheit ist zunächst nicht an Esoterik heranzukommen.

Warum? Ja, wenn wir ermahnt werden, hinter die Worte zu hören, dann ist an das innerste Wesen unserer Seele appelliert; nicht an unser Gedächtnis, sondern an das innerste Wesen unserer Seele ist appelliert. Da kommt unsere Fähigkeit in Betracht, da kommt in Betracht, wie weit wir fähig sind, hinter die Worte zu hören. Und wir tun gut, für uns, für unsere eigene Seele, möglichst viel zu hören.

Aber wir tun gut, nicht gleich dasjenige, was in unserer Seele aufdämmert, als maßgebend so weit zu betrachten, dass wir es nun selber in die Welt hineintragen können als etwas unbedingt Gültiges. Wir werden lange brauchen - gerade wenn wir hinter die Worte hören -, wir werden lange brauchen, bis wir mit uns selber zurechtkommen. Und wir sollen diese Stimmung entwickeln, dass Esoterik im wortlosen Weben der Seele sich erst ausleben muss, bevor sie innerlich in uns als gereift angesehen werden kann
.“ (Rudolf Steiner, GA 270a, Seite 68)

Diese schöne Schilderung der grundlegenden Voraussetzungen von sich entfaltender Esoterik gelten wahrscheinlich nicht für jede Form von Esoterik, aber sehr wohl für die, die wir meinen und schätzen. Das Label „Anthroposophie“ muss nicht unbedingt darauf stehen, da es sich um eine innere Haltung handelt, die sich an der Beschäftigung mit Esoterik eben entwickeln kann. Hier wird nicht Marketing betrieben für eine voraussetzungslos herein brechende „Erleuchtung“, hier ist die Rede von geduldiger Reife und Entfaltung. Das seelische Wesen soll nicht durch aufbrechende Erfahrungen überrumpelt und gebannt werden, sondern sich harmonisch einleben in das „innerste Wesen“, an das es heran reicht, das es berührt. Es ist der zarte Prozess einer inneren Metamorphose, der mehr „aufdämmert“ als dass er fertig und schick wie auf einem Gabentisch liegen würde. Mit so etwas, was das Innerste aufkeimend bemerkt und pflegt, geht man ungern hausieren. Das mag ein Grund dafür sein, dass es Anthroposophie wohl in den kulturellen Auswirkungen, aber weniger auf dem Jahrmarkt der esoterischen Schreihälse nicht so weit gebracht hat. Hier schwimmen die Verpackungskünstler oben auf.

Das Zitat stammt aus „Esoterische Unterweisungen für die erste Klasse der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft am Goetheanum 1924“

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Berge versetzen

Wir tragen ja nicht nur die sichtbaren Päckchen; die Falten, die Schuld, die Unfähigkeiten. Wir tragen auch unsichtbar ein Paket, das nicht einmal ausgepackt, das ganz und gar zukünftig ist. Es ist nicht berührt von dem Gelebten, Gedachten, Gefühlten. Es ist ein Quell des Immer-Neuen, der Gegenwart, der Präsenz. Es ist nicht nur so, dass man manchmal, aus verschiedenen Anlässen, daran heran rührt, es ist auch ein Teil unseres inneren Wesens, auch wenn wir es übersehen, verleugnen und missachten sollten.

Wenn wir es wollen, zulassen und uns etwas darum bemühen, nimmt es in uns Raum ein und erlöst uns von der Schwere des Gelebten, Gefühlten, Gedachten, auch wenn es sie nicht aufhebt. Es ist das Kind, das marienhaft im Seelenraum getragen wird, ein offenbares Geheimnis. Es ist ein Teil der Lebenskräfte selbst. Aber es kann auch aufleuchten in uns, ein steter Begleiter durch die Tage und Nächte. Am Ende besteht die Kunst darin, die Kräfte auszupendeln. Wir müssen uns zwischen Leichte und Schwere halten, ständig, immer, unentwegt, nie bequem und nie fertig.

Manchmal wird es schwerer, weil eine Last uns betrübt oder weil eine Krankheit nach uns greift. Wenn wir seelisch wanken, verdüstert sich die Quelle.

Manchmal ist es auch anders herum; eine Krankheit erweist sich manchmal auch als Segen- als ein neuer Gleichgewichtszustand. Jedes neue Gleichgewicht in uns verändert auch das Zusammenspiel zwischen Schwere und Leichte. Das „Krankheit“ zu nennen kann als eine gewisse Betrachtungsweise gelten. In anderer Sicht handelt es sich zugleich auch um eine Gesundung.

Bei dieser Gesund- Werdung geht es ums Wesentliche. Es geht bei so vielen Dingen, die wir lernen und die wir entwickeln, um alles mögliche, aber nicht darum. Man kann alles mögliche lernen, sich auch daran entwickeln, aber das kann nebeneinander laufen, es ist nicht unbedingt so, dass es uns bis in die Moralität oder in unsere tieferen Reflexe hinein verändern würde. Die Gesundung ist anders. Sie schreitet auch deshalb so langsam voran, weil wir eben nicht weit genug reichen, nicht bis in die Konsequenzen des Alltags oder bis in unsere Kindheits- Seelen- Konstellationen hinein. Wenn wir denken, wir könnten uns um irgend etwas herum schleichen, vor irgend etwas wegdrücken, müssen wir erkennen, dass das ein Irrtum ist. Man muss das mit aller Konsequenz tun - oder es bleibt etwas Vages, Unreifes- etwas in Status nascendi. Das Wesentliche hat bestimmte Eigenschaften, es ist lebendig, freundlich, neugierig, offen, tolerant. Man sollte sich nichts anderes einreden lassen. Es ist ausgerichtet wie eine magnetische Nadel nach diesem Pol. Es pendelt sich ein- nach dem inneren Kompass, der ein ganz allgemein menschlicher ist- der des Individuums, das sich in sozialer Kompetenz entwickeln möchte.

Das unsichtbare Paket, das sich entfalten möchte, ist unscheinbar. Aber selbst in seiner nicht in Sprache zu fassenden Winzigkeit ist es voller Keimkräfte, die man im Neuen Testament die Kräfte des „Glaubens“ genannt hat. Es ist nicht der blinde, sondern der erwachsen und bewusst werdende Glauben. Keine gefühlige religiöse Innerlichkeit, sondern die Kraft, von der man bildlich meinte, sie könnte Berge versetzen: Die Berge des Gewordenen, des Festen, des Abgeschlossenen.
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Kein Herz zu suchen

„Im Eigentlichen „gibt es kein Herz zu suchen“. Wir müssen, wenn von „kein“ und „nichts“ die Rede ist, mit aller Sorgfalt darauf achten, dass es Nichts gibt. Auch wenn einer das eigene Herz und das anfängliche Wesen des Menschen suchen wollte, könnte er Nichts finden. Er muss lernen, dass es Nichts zu suchen gibt.

Welche Zauberei! Etwas, was eigentlich Nichts ist, wird hier in zehn Stufen gegliedert und durch viele Worte erläutert. Am Ende dieser Zauberei wird sogar „Das Hereinkommen auf den Markt“ bemüht. Törichter Unsinn! Völlig vergebens die Mühe! Es ist eine Arbeit für Nichts und wieder Nichts.“

Tsi-Yüan, Vorrede von „der ochs und sein hirte“, Pfullingen 1976
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Schulungsweg, Kunst und "Psychotherapie"

Der Schulungsweg ist zweifellos eine spezifische Art von „Psychotherapie“. Denn dass wir *bedürftig* im Sinne von „unfertig“ sind - alle - wird schnell offensichtlich, wenn man sich damit beschäftigt. Man muss sich seine Zwiebelschalen einfach deshalb vor Augen führen, weil man sonst nicht frei wird. Aber die Perspektive ist doch eine besondere, denn eigentlich betrachtet man die Schalen von sich als der, der davon schon ein Stück weit frei ist. Die Perspektive ist nicht der des Wühlens in seelischen Katakomben, sondern die eines Beleuchtens von außen- ein Außen, zu dem ich als *Zeuge* seelischer Prozesse geworden bin. Es ergibt sich, wenn man tatsächlich zu radikaler Ehrlichkeit bereit ist, eine anarchische Energie, sich dem zu stellen, was man eigentlich nicht zu wissen wünschte. Man kann auf diese Weise von den eigenen Manierismen frei werden, aber es gibt auch die Möglichkeit des Scheiterns. Dass der Zeuge korrumpiert wird, dass er unterliegt, dass ein seelisch- geistiger Sog sich durchsetzt. Man fährt auf dem Floss des Seelengewässers und hört die eigenen Sirenentöne, die Schalmeien des Ego. Und man sollte nicht glauben, dass man mit einer Überfahrt jemals fertig wäre. Es gibt viele Meere zu befahren.

Der Schulungsweg als spezifische Variante einer „Psychotherapie“ ist dies - das Befahren des Seelenmeeres- in einem rudimentären Sinne des Sich-Stellens. Man weiss, man braucht diese Ehrlichkeit, diese Klarheit sich selbst gegenüber, um sich an die Schwelle des Nur-Persönlichen schieben zu können. Hier, wenn man den letzten Grenzposten überwunden hat, weht der harte Bergwind die Dinge fort, die wir an Schalen abgeworfen haben. Erst an diesem Punkt ist die Gegenwärtigkeit so greifbar, dass das Nur-Persönliche abfällt. Man überwindet es nicht, sondern es wird irrelevant. Es erweist sich als die Maske einer Selbstinszenierung, die man in der Not und aus Not geschaffen hat.

Man kann also den Schulungsweg als „Wiederherstellungsversuch“, als Versuch, eine zerbrochene Ganzheit wieder her zu stellen, sehen. Aber es gibt zahlreiche andere mögliche Metaphern. Nehmen wir Schulungsweg und künstlerische Entwicklung- der Versuch, einen Stil zu entwickeln, eine Handschrift, eine eigene Grammatik der Darstellung, ohne in Manierismen, auf zu vertraute eigene Muster zu verfallen. Es besteht immer die Gefahr, in Vertrautem zu versacken. Man muss sich als Künstler neu erfinden können, ohne sich in Beliebigkeit zu verlieren. Man benötigt Präzision und Technik, darf sie aber nicht gewähren lassen. Insgesamt geht es auch um einen Reifeprozess, ohne wie ein Fallobst in dem zu versacken, um das man kreist. Es gibt in der Kunst Neigungen, denen man nicht wirklich entkommen kann. Aber man muss gegen sie angehen, weil sie einen zu früh festlegen. Es ist mehr als nur „Geschmack“; es hat eine physische Komponente. Aber es schafft auch einen Ausgangs-, einen Fixpunkt.
Will man öffentlich werden, kommen andere Zwänge hinzu; der Markt möchte den Künstler, der „wiedererkennbar“ ist. Das verstärkt die Neigung, im gegebenen Rahmen eine Modalität des Ausdrucks zu finden. Aber man kommt damit schnell in ein Muster hinein, das man nicht mehr los wird.

All das gilt auch für den Schulungsweg, der zweifellos vor allem ein kreativer Entwicklungsprozess ist. Der Schulungsweg beginnt ebenso wie der künstlerische Prozess dann, wenn man die reine Übungsphase überwunden hat, in der auch Vorbilder eine zentrale Rolle spielen. Vorbilder, Gegenbilder, Nachbilder. Gehversuche auf unsicherem Terrain. Muster, die sich heraus bilden, die fördern und zugleich bannen. Scheinbar unentrinnbare Fallen, in die man immer wieder hinein läuft. Dann Augenblicke des freien, reinen Schaffens. Augenblicke des beliebigen Versuchens, des trost- und nutzlosen Ringens nach Neuorientierung. Dann wieder Phasen, in denen man produktiv ist und sich getragen fühlt. In denen man aus dem Meer der Möglichkeiten zielsicher und stark heraus greift, was sich entwickeln will. Im Umgang mit diesen kreativen Wachstumsprozessen muss man zulassen, dass man immer wieder neu anfängt, immer wieder auch Anfänger ist- auch nach Jahrzehnten. Dies gilt jedenfalls für das innere Gefühl. Technisch gesehen, von der Erfahrung und vom Auftreten her gewinnt man aber hinzu. Professionalisierung entwickelt sich, ohne gewollt zu sein- ein Nebenprodukt des Übenden.

Die „Kunst“ ist weniger ein „Sich-Stellen“ als ein ständiger Perspektivewechsel in einem Prozess der Professionalisierung; eine dauernde Neuerfindung in der Art des Aus- und Eindrucks, ohne beliebig zu werden. Man wird damit nicht fertig. Die Grenzposten, an denen man stagniert, schafft man sich aber auch immer wieder neu. Der kreative Prozess bleibt ein Rudimentäres, dem man immer wieder etwas entringt, aber das nie einen Abschluss finden kann. Es bleiben Wegmarken, die man geschaffen hat. Künstlerische Arbeiten so wie Augenblicke reiner Präsenz.
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Paul Valéry: Das Denken jenseits der Sprachkonvention

„Aber schauen wir ein bisschen näher zu; schauen wir in uns selber. Sobald unser Denken dazu neigt, in die Tiefe zu gehen, das heißt seinem Gegenstand näher zu kommen, in dem Bestreben, auf die Dinge selber einzuwirken (sofern es sich auf Dinge richtet) und nicht mehr bloß auf irgendwelche Zeichen, die nur eine oberflächliche Vorstellung von Sachen vermitteln, sobald wir dieses Denken leben, spüren wir, wie es sich von jeder Sprachkonvention ablöst. Wie dicht auch die Sprache mit unserer lebenden Anwesenheit verwoben sein mag, wie dicht beieinander ihre Treffchancen liegen mögen, wie geschult unser sprachliches Vermögen sein mag, wie fertig in der Bedienung dieses vorliegenden Systems und wie rasch zur Stelle: so können wir es doch durch einen Willensakt, durch eine Art Vergrößerung oder eine Art Beschleunigung der Dauer von unserem in Bereitschaft liegenden geistigen Leben abhalten. Wir fühlen, dass uns die Worte mangeln, und wir sind uns bewusst, dass kein Grund dafür spricht, dass welche da sind, um uns zu antworten... das heißt: um für uns einzutreten, denn die Macht der Worte (und daraus entspringt ihr Nutzen) besteht darin, dass sie uns wieder in die Nachbarschaft schon erlebter Zustände bringen, dass sie die Wiederholung regulieren oder stiften - wie aber, wenn wir auf einmal in jenes geistige Leben einmünden, das sich nie wiederholt? Vielleicht heißt eben dies tief denken, was nicht soviel heißt wie: nützlicher, exakter, vollständiger denken als gewöhnlich; sondern was heißt: ins Weite denken, so weitab wie möglich vom Automatismus des Wortes denken. Dann erleben wir, dass Wortschatz und Grammatik fremdartige Gaben sind: res inter alios actas ([Dinge inmitten anderer Handlungen, Anm.]). Wir werden auf unmittelbare Weise gewahr, dass die Sprache, wie organisch und unentbehrlich sie auch sein mag, in der Welt des Denkens nichts ausrichten kann, wo nichts seine transitive Natur gefangen nimmt. Unser Bewusstsein erkennt in ihr etwas, das von uns unterschieden ist. Unsere Strenge und unsere Leidenschaft stellen uns zu ihr in Gegensatz.

Und doch haben die Philosophen den Versuch unternommen, ihre Sprache auf ihr tiefinneres Leben zu beziehen, - sie neu einzuteilen, sie je nach den Erfordernissen ihrer einsamen Erfahrung leidlich zu vervollständigen, um aus ihr ein noch subtileres, noch sichereres Mittel sowohl des Erkennens als auch des Wiedererkennens ihrer Erkenntnis zu machen. Man könnte sich unter der Philosophie die Haltung, die Erwartung, die Nötigung vorstellen, vermittels derer ein Mensch manchmal in die Lage kommt, sein Leben zu denken oder sein Denken zu leben, in einer Art Gleichwertigkeit, oder einem reversiblen Zustand, zwischen dem Sein und dem Erkennen, sodass bei dem Bestreben, jeden konventionellen Ausdruck fern zu halten, sich ein Vorgefühl einstellt, wie etwas sich ordnet und zu erhellen beginnt: eine Zusammenfügung, um vieles kostbarer als alle anderen, aus jenem Wirklichen, das dieser Mensch in sich selber aufsteigen fühlt, und jenem, dessen bereiter Empfänger er ist.“

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Paul Valéry, „Leonardo da Vinci“
(Mit Dank an Ingrid)
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Die Zone seelischer Reflexe

Die Zone der seelischen Reflexe meint in diesem Zusammenhang ein Dilemma des Praktizierenden, des Meditanten, der sich tatsächlich und willentlich auf den Weg gemacht hat, das „reine Denken“ als Erfahrung zu suchen. An einem gewissen Punkt stellen sich meist auch „Erfahrungen“ ein, bei denen aber kein Korrektiv mehr in der Außenwelt besteht, im Kontext bisher gemachter Erfahrungen. Es fehlt zunächst ein Koordinatensystem für das Urteil und für das seelische Empfinden.

Rudolf Steiner stellte das Dilemma einmal auf folgende Weise dar („Welche Bedeutung hat die okkulte Entwicklung des Menschen für seine Hüllen und sein Selbst?“, S. 164): „Eine richtige Entwicklung schließt aber ein Hinlenken der Egoität des astralischen Leibes zu allgemeinen Menschheits- und Weltinteressen ein. Und wie Gift wirkt es, wenn der Mensch in diejenigen Regionen seiner hellseherischen Beobachtung, wo er nur imprägniert mit allgemeinen Menschheits- und Weltinteressen beobachten sollte, hinaufträgt persönliche Interessen und persönliche Aspirationen. Dann kommt für die hellseherische Beobachtung nicht die Wahrheit zustande, sondern es kommen Imaginationen zustande, welche unwahr, unrichtig sind, welche nur die Widerspiegelung sind der persönlichen Interessen und der persönlichen Aspirationen.

Man fragt sich, woher diese innere Reife denn kommen soll. Oder anders gefragt: wer ist dann schon frei von Irrtümern in der Wahrnehmung der „geistigen Welt“? Verbreitet ist z.B. die Neigung, solche Erfahrungen so weit unkritisch hoch zu schätzen, dass man sie in ihrer Unmittelbarkeit per se für „Wahrheit“ hält. Dass man diese erstmaligen Erfahrungen in ihrer Unmittelbarkeit, mit der sie ans innere Augen drängen, als unleugbares Evidenzerlebnis nimmt, liegt aber im Kern vielleicht auch daran, dass man sich selbst zu ernst nimmt, zu sehr als Mittelpunkt der Welt, zu eitel, zu wichtig. Der erfahrene „Stalker“ weiß, dass am Anfang das Drängende, Glänzende, Unmittelbare lauert, das die Aufmerksamkeit in Beschlag nimmt und möglicherweise lediglich ablenkt vom Wesentlichen, das ganz still und unscheinbar daher kommt. Es gibt viele Wohnungen in diesem Haus, im Eingang aber lenken Lüster und goldene Klinken derartig ab, dass Mancher hier verweilen möchte. Er formuliert hier vielleicht eine spirituelle Grunderfahrung, er gründet eine Religion oder findet etwas, was er für Erleuchtung hält. Jeder bekommt hier, was er erwartet hat. Rechthaber bekommen Recht, Sensationssüchtige bekommen Wunder, Katholiken bekommen Marienerscheinungen, Reinheitssüchtige sehen Engel oder was immer. Man spiegelt seine eigenen Erwartungen, man ist geblendet von ihnen. Man selber verstellt sich den klaren Blick, hält das illusionäre Spiegeln aber für „Wahrheit“.

Man hat einen langen Weg durch viele Zimmer vor sich. Manche sind abgewrackt und wirken wie zerbombt. Das Zimmer, das keine Spiegel hat, ist sicherlich eines der letzten. Wenn man sich selbst betrachtet, ist es, als halte man ein Häufchen Staub in der Hand. Es ist sehr viel schwerer, frei zu werden von den eigenen seelischen Reflexen als vom „linearen Denken“. Letzteres erlebt man bereits im Entree, aber es nützt einem nicht viel. Man ist nicht frei, wenn man keine Orientierung hat. Letztere ist eine eher moralische Kategorie, eine Verwandte des Gewissens. Sie ist wirklich unscheinbar. Es ist das, was Rudolf Steiner als die Kraft bezeichnet, sich seelisch den „allgemeinen Menschheits- und Weltinteressen“ zuzuwenden. Das können wir nur, wenn wir von unseren Reflexen frei kommen.
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Der verpackte Zorn

brotwein

Wenn man dem Klopfen der Herztöne zu folgen beginnt, dem Wimpernschlag der Pappeln an einem schönen Frühlingstag wie heute, wenn man den Quellen nötigen Respekt erweist und ein Lufthauch vom Meer einen gastfreundlichen Nachmittag bereitet, dann überblickt man erstmals das Ausmaß der eigenen Kollateralschäden. („Der militärische Fachbegriff Begleitschaden oder Kollateralschaden (von englisch collateral damage; aus dem Lateinischen collateralis für seitlich oder benachbart) bezeichnet in der räumlichen Umgebung eines Ziels entstehende Schäden aller Art durch ungenauen oder überdimensionierten Waffeneinsatz bei nicht-zivilen Aktionen.“)

Das und das und das, man riecht förmlich an den sich stapelnden Paketen um einen herum, wie sich in ihnen der Schmerz sammelt. Man ist im untersten Stockwerk angekommen, beim zurück gelassenen Gepäck, in Haus des Schmerzes.

Der Schmerz ist lebendig, er bebt von innen, aus sich heraus, wir haben ihn mit Leben gefüllt, ein Berg von Abbildern, Zerrbildern unserer selbst, als wären es Voodoo- Püppchen. Zweifellos geht von diesem bebenden, bewegten und vielfältigen Schmerz ein Zauber aus.

Hier bin ich gebannt und gefangen, fühlt man. Hier endet vorerst meine Kraft. Ich bin das nicht, das sind die abgelegten Bilder meines Lebens, Schuppen, Häute, Panzer. Aber wirksam sind sie doch.

Den besten und einzigen Ausblick auf den abgelegten Zorn hat man, wenn man im Haus der Liebe steht. Vielleicht steht man da, für einen Augenblick. Man isst das Brot, man trinkt den Wein. Man weiß, der Wind, der weht, er ist größer als ich, aber er ist mit mir verwandt.
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Wesentlich

Auch wenn Beuys gesagt haben soll, er kenne die Gegend, kann ich das nicht behaupten. Ich war allerdings früher dort zu Besuch, gar nicht so selten, aber es waren immer Besuche in der Zonengrenze, mit wenig Gepäck und ohne Proviant. Du bist dort, wie Du weißt, wohin der Mensch gehört, hast aber schon wieder vergessen, wo in der ganzen Ortlosigkeit das wohl war.

Du hast Anläufe genommen, später, viele Anläufe. Du hattest Motten im Kopf und Ameisen unter der Haut.

Aber du hattest auch Bleiplatten unter den Füßen, Tonnen voller Teer ums Herz gestellt, du hattest den Kehlkopf voll von ungesagten Worten.

Es gibt hier keine Orientierung, die man kennen könnte, keinen Lageplan, keinen Kompass. Aber es gibt den Wind, der aus der Zone strömt. Neulich, nach einer Zeit wie mit dem Kopf unter einem Sauerstoffzelt, hast du den Strom wieder gefunden. Du spürtest ihn unter den Füßen.

Sein Strömen, seine Kraft, seine Lieblichkeit. Du warst bemüht, ganz in ihn einzutauchen. Das Geheimnis ist, ihn nicht zu suchen. Man muss ihn nicht suchen, sondern ihn zulassen. Man glaubt, er sei unter den Füßen, außerhalb des Blickfeldes, aber er fliesst nicht irgendwo anders, sondern mitten durch dich hindurch.

Der Goldene, der Strom des Menschseins. Er entspringt unserer Mitte. In ihm sind wir „wesentlich“. Es ist der Strom, der einst in der Sonne verehrt wurde- in Form sakraler Erwartung. In den alten Mysterien wurde er verortet, war noch „dort“ und „das“ und „dann“. Heute ist er der Geist der Erde. Die Mysterien finden dann statt, wenn wir uns entscheiden, sie zu betreten. Es gibt kein Irgendwas, Irgendwo oder Irgendwann. Es gibt nicht einmal die Zone.
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Die Macht und der Zweifel

„Selbstbewusstseinsseele“ nannte Georg Kühlewind den dominanten Aspekt menschlicher Binnenkultur- eine janusköpfige innere Struktur. Der Zwiespalt entsteht dadurch, dass der bewusste Zeitgenosse ohne weiteres auf sich selbst- auf das „Gewordene“ in ihm- seine Gestimmtheiten, seine Determinationen, seine seelischen Strukturen schauen kann. Psychologie, Soziologie, Hirnforschung und Medizin tragen dazu bei, dass der Blick schärfer und unbestechlicher wird. Was aber nicht immer bemerkt wird, ist, dass sich dabei eine unabhängige Instanz, der „innere Zeuge“ heraus bildet - eben der, der der Schauende ist. Die objektive Instanz in uns besteht nur in der Gegenwärtigkeit, im Akt des Schauens. Es ist ein nicht greifbares Ich, das nur in Tätigkeit, in Aktivität, in innerer Souveränität präsent ist- man kann es nicht umreissen, nicht beschreiben, nicht definieren. Genau diese Gegenwärtigkeit, die Zeugenschaft, ist das Tor zum spirituellen Erleben. Der Zeuge ist das sich selbst vergegenwärtigende Geistige im Menschen.

Gleichzeitig bestehen archaische seelische Strukturen im Menschen fort. Die von Rudolf Steiner so genannte Empfindungsseele ist noch gänzlich ungebrochen. Hier erlebt sich der Mensch noch in einer Naivität des Nicht- Hinterfragbaren. Der Despot, der in seinen Augen das natürliche Recht darauf hat, sich auszuleben und keinen Widerspruch duldet, ist so ein Typus. Er sieht sich als Mittelpunkt der Welt- zumindest als der Mittelpunkt seiner eigenen kleinen Umwelt. Ob er nun lediglich Familien oder ganze Landstriche terrorisiert, bleibt sekundär. Sein Recht auf die Rolle wird nicht hinterfragt und schon gar nicht in Zweifel gezogen. Dieser Despot wird eher seine kleine Welt in den Abgrund reissen als zulassen, dass seine Rolle unterminiert wird.

Die Verstandesseele ist eine weitere archaische Positionierung. Diese Struktur macht sich aus Vernunftgründen das untertan, was ihr zur Verfügung steht. Sie wird getrieben vom Machbaren. Andererseits braucht diese Struktur den Erfolg, den Fortschritt, die Überwindung als Lebenselixier. Sie lebt nicht fraglos aus sich selbst heraus, sondern lehnt sich stets an etwas an. Dass dabei ganze Lebensräume zerstört werden, interessiert die Anhänger des Machbaren nicht. Natürlich entspringen dieser seelischen Struktur auch andere Aspekte; sie fühlt sich auch in kulturellen Erzeugnissen, sie geht im Sprachklang auf und kann sich an der eigenen Intelligenz delektieren. Sie braucht etwas, an das sie anstösst; sie erlebt sich daran. Die von ihr verfolgte Struktur hat daher eine existentielle Dimension; sie ist getrieben von der Selbstverwirklichung. Unter diesen Maximen lauert ein unbestimmtes Grauen, ein Nichts, das nicht hinnehmbar ist.

Die Selbstbewusstseinsseele dagegen hat, nach all den Zweifeln, der Selbsthinterfragung, der Fragmentierung, der existentialistischen Krise, der Hinterfragung der sozialen, gesellschaftlichen und geschlechtlichen Rollen, das Zeug dazu, ohne an etwas anzulehnen, ohne Zweckdienlichkeit und Despotie, aus sich heraus zu bestehen. Denn der „Zeuge“ ist der Beginn geistiger Autonomie- eine Chance und Möglichkeit. Er kann aus der Rolle des Betrachters heraus treten und lebendig, flexibel und ohne Ängste vor Neuem, frei von Rollen und Definitionen sozial und gesellschaftlich gestalten. Er tut dies in Gelassenheit und mit Umsicht. Er kann die Intentionen Anderer wahrnehmen und berücksichtigen, denn sein Lebenselixier ist die empathische Grundhaltung. Daher ist die Zeit der Selbstbewusstseinsseele eine Zeit des Umbruchs. Alte Werte verdämmern und verschwinden- aber zugleich beginnt die Möglichkeit der Gestaltung aus innerer Verantwortung heraus.

Alle genannten Strukturen existieren nebeneinander im zeitgenössischen Individuum, in der globalisierten und medienorientierten Weltkultur zunehmend unabhängig von Status, Geschlecht und nationaler Zugehörigkeit. Zugleich entstehen dabei Ängste und Gegenbewegungen, die völlig archaische Strukturen wieder an die Oberfläche spülen. Die Despoten greifen weltweit wieder nach den Rudern- aber auch in uns selbst. Autonomie ist nichts Gegebenes, weder im individuellen noch im gesellschaftlichen Rahmen.
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Sichtbarkeit vor dem Engel

Im Hintergrund singen „The Killers“ schmachtend von der Frage, ob wir eigentlich menschlich sind („Human“):


Are we human, or are we dancer
My sign is vital, my hands are cold
And I'm on my knees, looking for the answer
Are we human, or are we dancer


Ich glaube, dass wir diese Frage immer und unter allen Umständen bejahen würden, jedenfalls was uns selbst betrifft. Bei Anderen dagegen sind wir nicht immer so sicher. Allerdings folgen wir, wenn wir ehrlich sind, allerlei simplen Reflexen- nicht nur, wenn wir einfach gierig und unverschämt werden, sondern gerade dann, wenn wir uns als selbstlos empfinden. In vieler Hinsicht unterliegen wir einem Rechtfertigungs- Reflex. Was wir uns aneignen, darauf haben wir in unseren Augen ein Recht. Wenn uns aber etwas genommen oder verweigert wird, fühlen wir uns ungerecht behandelt. Sind diese ritualisierten emotionalen Reflexmuster (und viele andere ließen sich aufzählen), alles, wohin wir es gebracht haben? Sind sie in ihrer Summe das „Individuelle“, das „eigentlich“ Menschliche?

Ja und nein. Auf der Ebene der emotionalen Selbstbezüglichkeit, der individualisierten Reflexe, sind diese Muster – ebenso wie die beschönigenden Erklärungen – absolut allzu- menschlich. Die Freiheitsmomente beginnen dort, wo wir uns davon frei machen können. Es wäre niederschmetternd, wenn es zu dieser inneren Unabhängigkeit gar nicht mehr kommen könnte. Wer sich nur auf der Ebene seelischer Reflexe bewegt, kann auch Andere auch nur auf dieser absehbaren Ebene erkennen. Vielleicht spürt man noch Intentionen Anderer, aber nur im Rahmen des zu Erwartenden und stets nur in Bezug auf sich selbst: Was habe ich davon, was bringt mir das, wozu kann das nützlich sein. Mit der Reduzierung auf das Nützliche für mich wird der Andere in einen Rahmen gespannt, in dem er nicht mehr als Mensch sichtbar ist, wenn man unter „menschlich“ die Autonomie und innere Freiheit verstehen möchte.

„Menschlich“ im modernen spirituellen Sinne hieße die Intentionen des Anderen zu respektieren, anzunehmen, im Idealfall zu fördern. Wir wissen sehr gut, dass wir immer jemanden brauchen, der nicht unser So- Sein, nicht das Gewordene, sondern unser Potential sieht. Wer an uns glaubt, bringt das Beste in uns hervor – vielleicht sogar etwas in uns, an das wir nicht einmal selbst mehr geglaubt haben.

Nun geht es Leuten, die üben und praktizieren, nicht anders. Auch sie stecken tief in der Glocke ihrer Selbstbezüglichkeit. Sie wollen vielleicht ihre Reinheit, ihren Edelmut, ihre Kultiviertheit zelebrieren und beschäftigen sich mit Meditation. Sie erleben eine Steigerung ihrer Einmaligkeit, ihrer Selbstlosigkeit, ihrer Nähe zum Geist. Der Geist sollte ihnen das, finden sie, mit gleicher Münze zurück zahlen- etwa in Form imaginativer Bilder, Erleuchtungserlebnisse und Visionen. Schließlich investiert man Zeit und Mühe. Manchen gelingt es, eine Art Projektion ihrer Selbstgefühle zu erreichen; sie werden dann von genau der Erleuchtung geadelt, die sie erwartet haben. Strukturell- in der inneren Gefühligkeit, in der Fesselung an die emotionalen Reflexe- hat sich bei ihnen nichts verändert, außer dass das Problem nun potenziert erscheint.

Der „Geist“ hat bei ihnen gar keine Chance. Solange sie in ihrem Kokon verharren – egal wie aufgeblasen, edelmütig und "okkult" dieser erscheinen mag- sind solche Menschen vollständig unsichtbar. Es kommt nicht darauf an, was man sieht- es kommt darauf an, überhaupt sichtbar zu werden. Bis dahin schwebt der Engel einsam an ihnen vorbei- ihm sind die Augen verbunden.
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Michael Eggert: Ein Lob der Zeitverschwendung

In letzter Zeit habe ich mich gern auf den satanischen Facebook (auch satanisch!) -Seiten der Marx- Brothers der Anthroposophischen Bewegung (Felix, Ansgar, Christoph, Christian) herum getrieben und auch ungefragt Tipps zur anstehenden Publikation von deren Buch „Endstation Dornach“ gegeben; Motto: Wenn schon satanisch, dann richtig - denn zu revolutionären Inhalten gehört ein revolutionäres Layout. Bei dieser Gelegenheit habe ich auch den Cartoon „Kamaloka“ hoch geladen und wurde darob von dritter Seite schwer gerügt. Denn erstens gehöre sich Sarkasmus nicht und zweitens sei das „Zeitverschwendung“. Ich antwortete, ich fände Zeitverschwendung geil, worauf sich der (offensichtlich anthroposophische) Kritiker mit verächtlichem Schulterzucken von mir abwandte.

Luxus und Zeitverschwendung- geht das nicht Hand in Hand? Der wahre Luxus ist natürlich ein meditatives Leben, ein kontemplativer Lebensstil. Man fällt dadurch nicht nur aus nahezu allen Ideologien der Gegenwart hinaus, die stets das Mehr und Besser propagieren. Man frönt eben auch dem Luxus Zeit schlechthin. Wie viele Menschen unter den Milliarden Erdbewohnern können sich einen solchen Luxus leisten, sind sie doch gebeutelt von prekären Geld- und Arbeitsverhältnissen? Diese Website heisst auch deshalb „Egoisten“, weil hier der Luxus der Zeitverschwendung propagiert wird- sofern man es sich leisten kann und will.

In die Fluten des reinen Denkens einzutauchen, ist ja immer auch eine Übung in Absichtslosigkeit. Zwar lässt man sich - hoch konzentriert- ganz und gar nicht treiben, taucht aber so tief, dass man in der Situation zwar jederzeit voll bewusst und wach ist. Aber im Strom der Absichtslosigkeit und reinen Gegenwärtigkeit zu stehen bedeutet auch, dass man sich auf einer Ebene bewegt, die dem Tiefschlaf ähnelt- man kann sich hinterher kaum an etwas Konkretes erinnern. Man fühlt sich zwar erfrischt, als hätte man einen Jungbrunnen aufgesucht, weiss aber nicht genau, was man da gemacht hat. Allerdings kommt man an den Rändern der meditativen Versenkung in einen Zwischenbereich, der dem Träumen ähnelt. Wie im Traum kommen auch die konkreten Alltagsprobleme auf einen zu. Man umkreist sie, schaut sie von allen Seiten an. Anders als im Traum ist man Herr des Geschehens- es entwickeln sich keine unwillkürlichen Bilderfolgen. Vielmehr wird einem in dieser imaginativen Situation klar, wie man dem Problem begegnen kann. Es ist ein Missverständnis, zu glauben, Imaginationen müssten bildhafter Natur im engeren Sinne sein. Die Konzentration der gedanklichen Lösungsansätze ist aber ganz anders; man hat Gedanken nicht nacheinander, sondern „in einem“, als wäre es ein Paket, das man erst später aufschnüren kann.

Hinterher, im diskursiven Alltagsbewusstsein, entfaltet man das „Paket“ in eine logische und zeitliche Folge. Oft sieht man, dass das, was eben noch so kompakt erschien, sich in eine Fülle von Ideen entblättert. In dieser Hinsicht ist Imagination ein Denken in dreidimensionaler Art und Weise, nicht in linearer. Am besten schreibt man das alles auf. Es erweist sich meist als relevant und fruchtbar.

Die „Zeitverschwendung“, die praktizierte Absichtslosigkeit kürzt in Wirklichkeit die Wege ab. Vielleicht wäre man auch anders auf die Lösungswege gekommen, aber es hätte viel Zeit gekostet. In der Zeitlosigkeit dagegen wachsen die Ideen wie eine Wiese voller Blumen. Man kommt mit einer leeren Vase zu Besuch, und kehrt mit einem überreichen Strauß zurück.
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Echsen

Am Ende lässt man es vielleicht nur deshalb sein, dieser Eine zu sein, zu dem man neigte, weil es so anstrengend ist. Es ist eine Mischung zwischen Schwäche und Begabung, dann treibt einen etwas, so wie bei dem, den ich jetzt meine- ein Genuss an sich, eine tiefe Selbstzufriedenheit, es so weit gebracht zu haben. Natürlich zieht man ab und zu Bilanz, und das sind selten die angenehmsten Momente.

Bei diesem, den ich meine, aber schon. Er war jetzt ein angesehner Heilpraktiker mit einem einzigen Präparat, das er erfolgreich gegen alles Mögliche einsetzte. Er half manchen gebeutelten Patienten wirklich und war beinahe überlaufen. Ich glaube, er war auch ein wenig überrascht über sich selbst. Gediegene Praxis in bester Villenlage, eine jüngere Frau, die eindeutige Signale sendete, sich zur örtlichen Schickeria hinzuzählen zu dürfen. Ich denke, früher, am Anfang, hat nicht einmal er selbst sich etwas zugetraut. Aber er wuchs quasi mit den Jahren und durch glückliche Fügung (Beziehungen, väterliches Erbe) in sein selbst zufriedenes Lächeln hinein, das irgendwann mal unangebracht war, jetzt aber in Ordnung. Er ließ es sich gut gehen und drehte immer geschickter an den Schrauben und Rädchen, die es brauchte, um so eine Position auszubauen. Er war immer auf dem Sprung. Er war nicht dumm.
Aber auch nicht ganz frei in seinem Blick auf die Klienten. Natürlich lag es in seinem Interesse, Anzeichen in Krankheitsbildern zu entdecken, die zum langfristigen Gebrauch seines Präparates geradezu verpflichteten. Er fand ununterbrochen dafür gute Gründe. Er war auch so teuer und ausgebucht, dass eine Verbesserung der Symptome der Klienten sich schon allein deshalb einstellte. Er war, mit einem Wort, sehr erfolgreich.

Wie kommt es, dass man manchmal mitten im Lauf, wenn sich Eins ans Andere reiht, dennoch und gegen jede Vernunft, die Lust verspürt, daraus auszubrechen? Es hängt so vieles daran, nicht nur die eigene Existenz, auch Ehe und Familie und der ganze soziale Kontext. Manchen greift es kalt ans Herz, wenn alles so läuft, wie es läuft. Man greift wenigstens zu Fantasien. Ein anderes Leben. Man romantisiert die Zeit, als die Bindungen noch nicht so zwingend waren, als die Wahl noch offen stand. Man ist nicht identisch mit dem, was man lebt. In sich bewegt man andere mögliche Existenzformen. Es ist nicht immer leicht, sich in das zu fügen, was man hat, und darin das zu entdecken, was sich entwickeln kann. Es ist schwierig, die Entdeckungslust lebendig zu halten, wenn man einmal eine Form gefunden hat.

Manche wirft es auch einfach aus der Bahn. Unversehens, und ohne bemerkbare Vorzeichen. Man war gewissermaßen geblendet von der scheinbaren Sicherheit des eingeschlagenen Weges. Es war nicht damit zu rechnen, und es war auch nicht besonders fair, dass etwas einem plötzlich einfach den Teppich unter den Füßen wegzog. Natürlich ist es blöd, zu hadern, aber es ist auch schwierig, es nicht zu tun. Auch das Hadern kann zu einer festen Persona werden, in die man erst hinein wächst, und die sich dann um einen verschliesst wie eine Dornenhecke aus dem Märchen. Am Ende sitzt man fest wie dieser, den ich vorhin meinte. Vielleicht nicht selbstzufrieden, sondern das Gegenteil davon. Vielleicht auch, heimlich, zufrieden in der Unzufriedenheit.

Es ist schwer, zwischen den Formen die innere Freiheit - wenigstens in Momenten - zu wahren und zu pflegen. Man wächst immer in die Formen hinein. Wir sind wie Echsen, denen stets ein Panzer wächst.
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Anthroposophische Fallgruben und Wege hinaus

Unter dem oben genannten Titel erscheint hier ein kleiner Band von mir als PDF- Download.
Es sind darin im Blog verstreute Besprechungen und Betrachtungen zum Thema Gegenwärtigkeit und meditative Erfahrung gesammelt. So etwas liest sich doch anders im Zusammenhang als in den portionierten Kurztexten im laufenden Blogbetrieb.
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Verstandensein



Einstweilen verborgen hinter den Plagen der Existenz, die buddhistische Denker wie Thich Nhat Hanh so häufig ausmalen und die Christen manchmal als Sünden apostrophierten, spannt sich die Größte aller Begehrlichkeiten - verschwistert mit der Angst vor dem Tod -, die Sehnsucht, verstanden zu werden. Natur, Glauben, Erfolg können nichts daran ändern, dass das Verlangen danach, wirklich angeschaut zu sein, meist unerfüllt bleibt. Vielleicht dehnt sich die Liebe manchmal bis zu diesem Horizont aus, wenn wir Glück haben. Was wir meistens erreichen, sind, selbst im grössten Triumph, unzureichende und wenig nachhaltige Surrogate.

Unzureichend schon deshalb, weil es gar nicht gelingen kann. Denn sichtbar, erkennbar werden wir nur in geronnenen Abbildern unserer selbst. Die Aufmerksamkeit, in der wir ganz bei uns sind, verliert sich in den Inhalten des Gedachten und Erlebten, in dem stets schon Vergangenen, auch in dem zu Erwartenden. Wie kann jemand verstanden werden, der sich nur in Medien - indirekt- ausdrückt? Der im Moment nicht wahrnehmbar ist?

Zugleich bleibt unbemerkt, dass alle unsere Wünsche bereits erfüllt sind. Wir verstehen nämlich die Intentionen des Anderen sehr wohl- im Augenblick des Verstehens ist es kein Anderer mehr, denn wir erfühlen Person nur mit Person. Das Verstehen von Intentionen Anderer ist ein situatives Verschmelzen, eine geistige Symbiose. Bemerkt wird aber nicht das, sondern nachrangig aufwallende Emotionen zwischen Sympathie und Antipathie und der Abgleich mit unserem persönlichen Erfahrungskontext.

Wer diese Symbiose nicht beherrscht, gleitet orientierungslos durchs Leben. Unsere Mitmenschen zu verstehen und ihre Intentionen einzuschätzen und darauf zu reagieren, ist eine Grundkompetenz. Wer in dieser Hinsicht begabt ist, kann heiter und gelassen durchs Leben gehen. Vor allem wird der, der sich auf das Verstehen versteht, keinen Mangel an Verstandensein empfinden.
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Der Brunnen des lebendigen Wassers

In der meditativen Praxis sieht man zahlreiche individuelle Bemühungen, sofern man mit Praktizierenden darüber in ein Gespräch und in einen tatsächlichen Austausch gelangen kann. Letzteres ist schon deshalb nur selten der Fall, weil tatsächlich praktisch Tätige selten darüber sprechen- oft in der irrigen Annahme, durch das Sprechen darüber ginge etwas verloren. Hauptproblem bleibt aber, dass Kompetenz im meditativen Leben noch keine Fähigkeiten zum sprachlichen Ausdruck mit sich bringt- das Wortlose zur Sprache zu bringen, kann nur im Nachhinein gelingen und wirkt sehr leicht formelhaft und blutleer, da man ansonsten sprachschöpferisch tätig werden müsste. Lehnt man sich an die Wortgebilde Anderer an, gerät man leicht in ein Dozieren aus der Systematik eines Anderen und verfehlt das eigene Erleben. Ein Austausch ist dann kaum möglich.

Ein weiteres Problem entsteht dadurch, dass viele Praktizierende so in Anspruch genommen werden von den Inhalten des Erlebten – etwa schwer ausdrückbare Empfindungen oder eine Bilderflut-, dass sie kaum in der Lage sind, ihre eigenen methodischen Schritte zu reflektieren. Im Sinne der Übung wäre es sicherlich produktiv, auch den eigenen, mühsam gefundenen Zugang in seiner Methodik zu betrachten. Häufig wird dieser Zugang aber nicht infrage gestellt, sondern verabsolutiert- es ist ein sakrosankter Bereich, der zum Intimsten des eigenen Inneren gezählt wird. So etwas diskutiert man nicht.

Oder eben doch. Denn im 21. Jahrhundert schießen spirituelle Strömungen an allen möglichen Orten aus dem Boden. Es ist schon günstig, auch darauf ein gewisses Maß von Aufmerksamkeit richten zu können, um einen gewissen Grad von Beurteilungsbefähigung zu entwickeln. Häufig sieht man durchaus Parallelen und entwickelt Verständnis für eine Methodik oder auch für eine gewisse manipulative Technik. Man kann nur einschätzen, was man aus eigener Anschauung und Praxis kennt. Häufig bemerkt man dann ernüchtert, dass die mit Emphase vorgebrachte neue Erkenntnismethodik lediglich einen ausgebauten Nebenweg darstellt- im Grunde ein irrelevanter Trampelpfad, der lediglich mit Irrlichtern beleuchtet zum Königsweg erklärt wurde. In der Öffentlichkeit stark beachtete und beworbene Erleuchtungspfade führen nicht selten in sumpfiges Gelände, in ein Niemandsland.
Seriöse Praxis – so weit lässt sich eine Richtschnur formulieren- ist sich ihrer eigenen Methoden bewusst, kann sie abwägen und reflektieren. Die „Wissenschaftlichkeit“ von Anthroposophie besteht vor allem in genau dieser Haltung. Die moderne geistige Entwicklung verlangt nach Transparenz und Nachvollziehbarkeit, sonst ist es keine. Wir werden nun einmal von und an unserem Zeitgeist gemessen.

Worum es nun geht? In einem Mitgliederbrief 1925 formulierte Rudolf Steiner: „Der Mensch denkt in denselben Kräften, durch die er wächst und lebt. Nur müssen diese Kräfte, damit der Mensch zum Denker wird, ersterben.“ Das ist der natürliche Weg. Es werden leibgebundene Kräfte frei, um geistige Fähigkeit werden zu können- in der Kindheit und auch – wenn auch nicht immer bemerkt- im fortschreitenden Alter. Wolf-Ulrich Klünker („Anthroposophie als Ich- Berührung“, S. 83) akzentuiert diese Aussage anders: „Der Mensch wächst und lebt in denselben Kräften, durch die er denkt. Nur müssen diese Kräfte aus dem toten Denken wieder erstehen- damit eine gesunde leibliche und seelische Existenz möglich wird.“

Ich möchte diese Aussage noch fortführen: In den frei gewordenen, ehemals leibgebundenen Lebenskräften richten wir uns meditativ ein. Unser Denken ersteht neu als reine Gegenwärtigkeit- als lebendige Kraft. Wir wissen, dass die Tatsache, dass wir voll und ganz als Mensch in diesen Kräften bewusst sein können, darauf beruht, dass diese lebendigen Kräfte durchlichtet sind- denn in ihnen lebt die Auferstehungskraft, die in diesem Sinne heute universell und individuell zugleich auftritt. In früheren Kulturen konnte man diese Kraft bewusstseinmäßig noch nicht fassen und ertragen und fiel in eine Art geistige Ohnmacht. Heute ist diese, vom Logos durchlichtete Lebensenergie Allgemeingut.

Dieser meditativen Erfahrung gehen bestimmte Lernphasen voran- eine Zeit der Sammlung und Fokussierung, aber auch eine Phase der Gestaltung. Erstere hat Übungscharakter, letztere ist eine Art Vertiefung und Ausgestaltung. Um im Bild zu sprechen, weben wir eine Art Kleid, eine mystische Leiblichkeit. Es ist dies das biblische *Hochzeitskleid*. Anthroposophisch gesprochen arbeiten wir – oder besser es arbeitet an uns- die Wesensglieder um, befrieden und sortieren uns, bis Augenblicke vollkommener Hingabe und tiefer Versenkung möglich sind. Dazu bedarf es eines Einklangs aller inneren Impulse.

Wenn es gelingt, erleben wir das Denken im status nascendi- als reine Anfänglichkeit, als bewegliche, wache Energie, als sonnenhafte, aus dem tiefsten Inneren entspringende Quelle.
Die Quelle, die aus sich selbst gespeist wird, die reiner Anfang ist, die nicht versiegt: Das ist der Beginn moderner Einweihung. Es gibt dafür keine Voraussetzungen, keine Tradition, keine Hierarchie. Siehe, ich mache alles neu: „Und der auf dem Stuhl saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht zu mir: Schreibe; denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss! Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will den Durstigen geben von dem Brunnen des lebendigen Wassers umsonst.“ (Offenbarung 21)

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Der günstige Wind

„Worte schützen das Denken vor dem Verfliessen“, schreibt Georg Kühlewind („Gesunden im Licht“, S. 88), Worte konstituieren aber auch die Persönlichkeit, da immer noch gilt, dass die Worte, die wir über ein Thema bilden, dieses erst zu unserem Eigentum machen. Man merkt das natürlich, wenn man jungen Schülern das sachliche Verfassen von Aufsätzen zum Thema Naturkunde nahebringt. Funktionieren kann das am Anfang nur, wenn man die zu behandelnde Thematik begeisternd und mit nachvollziehbaren Bezügen aufzieht. In der dritten Klasse verhandelt man noch die Anzahl der Sätze. In der vierten kommt es darauf nicht mehr an. Zu Recht haben die Schüler das Gefühl, dass sie sich eine Thematik aneignen, wenn sie treffende Sätze mit eigenen Formulierungen dazu finden. Wenn es klappt, ist es eine begeisternde Entdeckung: „Wenn ich schreibe“, sagte mir eine Schülerin emphatisch, „dann sehe ich, was ich schaffe. Das macht mich glücklich.“ Das optimistische Selbstgefühl, sich die Welt sprachlich zu eigen machen zu können, ist in der Tat eine Kernkompetenz- vor allem, wenn es auch noch gelingt, dies sprachlich treffend in Vorträge umsetzen zu können. Ich als Lehrer fühle mich vor allem dann beschwingt, wenn dieser Funke bei Migranten überspringt. Es macht dann auch nichts, wenn es an der einen oder anderen Stelle grammatisch noch hakt.

Es ist ein weiter Weg bis dahin, wenn man auf das Kleinkind schaut, das sich in einen Sprachkörper integriert- keinesfalls nur nachahmend. Denn mit den Begriffen für die Objekte der Wahrnehmung erwirbt das kleine Kind die grundlegende, nicht nur an den wahrnehmbaren Phänomenen klebende Bedeutung eines Objekts. Sonst könnte es diesen Begriff nicht auf zahllose mögliche sinnliche Varianten übertragen. Auch ein Baumstamm kann ein „Stuhl“ sein. Das Kind erlebt noch die grundlegende Sprachintention mit- etwas, was dem Erwachsenen gar nicht mehr bewusst ist, da er die Phänomene gern mit einer einzigen bequemen Vorstellung, einem Bild, verknüpft. Beim Erwachsenen gerinnen die Phänomene zu einem bildhaften Symbol. Noch schwerer sind Beziehungen zu erfassen, die sich nicht an konkreten Sachverhalten festmachen, sondern variable und relative Bedeutungen haben wie „nach“, „neben“, „dahinter“ und „und“. „Und“ kann Dinge verknüpfen oder gegeneinander stellen, sie aufreihen oder trennen. Solche Begriffe sind vom Kontext abhängig, man kann sie daher nicht erklären- die möglichen Varianten denkbarer Verknüpfungen sind endlos. Was uns solche Schwierigkeiten zu erklären bereiten kann, beherrscht ein Fünfjähriger ganz selbstverständlich, eigenständig und häufig sogar sprachschöpferisch.

Im Idealfall finden wir nicht nur zur Sprache und durch die Sprache zur Innensicht der Wirklichkeit, sondern in ihr auch uns selbst. Ich bin heute über eine Formulierung in einer Buchkritik von Daniel Haas („Auf der Fährte des Helden, FAZ, 27.11.2010, Seite L 3) gestolpert. Darin ist davon die Rede, dass die Protagonistin in einem stummen Partner „jenen Mann erkennen“ wird, „der ihre Sprache spricht, jenes besondere Idiom, das sich aus den feinsten Partikeln unseres Innersten bildet und das sich im entscheidenden Moment lautlos ausdrückt.“ Es ist nun einmal so, dass wir selten die gleiche Sprache sprechen, zumindest wenn es um das Lautlose geht. In manchen Beziehungen braucht es endlose Anläufe, um zu einer grundlegenden Verständigung zu kommen. Und manchmal - selten- geschieht es uns, dass es fast ohne Laut zwischen zwei Menschen funktioniert. Es bedarf keiner umständlichen Erklärungen. Das Glück, im gleichen Duktus zu schwingen, muss keine romantische Gelegenheit sein; man erlebt es auch in nüchternen Arbeitsbeziehungen, über alle äußeren Grenzen und Beschränkungen hinweg. Man sollte immer etwas daraus machen, so wie Segler den günstigen Wind nutzen.
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"Befreundet mit der Wirklichkeit"

Es ist eine zu simple Vorstellung, zu denken, *irgendwann* sei es Zeit, das individuelle spirituelle Üben *anwenden* zu wollen- es also in der *Wirklichkeit* zu erproben. Denn wir sind ja nicht nur innig verwoben mit dem, was uns umgibt, sondern ein untrennbarer Teil, ja zum Teil ein Produkt eben dieser *Umgebung*. Immer und überall stossen wir an Partnerschaften, Freundschaften, berufliche Felder, Pflichten und Vergnügungen an. Dies allerdings meist nicht nur und nicht durchgängig in harmonischer Art und Weise. Auch im Widerstand, im inszenierten Konflikt konstituieren wir uns an dieser Umgebung. Das Selbstgefühl intensiviert sich in schmerzhaften Prozessen, in die wir verwickelt sind. Meist fühlen wir uns dabei als Opfer, als Jemand, dem etwas zugemutet wird. Die Attitüde der Empörung - „Was hat man mir angetan!“- ist ein starkes Ich- Gefühl, viel stärker als harmonisches Einvernehmen.

Die Sicht auf die Umgebung, der Blickwinkel, mit dem wir die uns umgebende Wirklichkeit betrachten, ist in wesentlichen Aspekten ein Teil unseres Ego- Konstrukts. Die gestaltende, häufig aggressive, manchmal sogar selbstzerstörerische Energie, mit der wir dieses Konstrukt der Umgebung überstülpen, bleibt aber im Wesentlichen außerhalb unserer Wahrnehmung. Unsere Neurosen determinieren nicht nur uns selbst, sondern auch die uns nahe Stehenden. Wir stehen überall und in alle Richtungen in systemischen Prozessen, deren Wirkungsmechanismen wir so lange nicht kennen, solange wir restlos darin verwickelt sind.

Der (nicht nur anthroposophische) Schulungsweg ist daher nie nur privat. Er ist eine hygienische Maßnahme, um unsere kommunikativen Sackgassen, in die wir uns wieder und wieder verheddern, zu durchschauen. Möglich wird das dadurch, dass die regelmäßige Auszeit aus unseren assoziativen Denkmustern, in die wir in einem inneren Monolog verwickelt sind, in der konzentrierten meditativen Arbeit einen Freiraum schafft. In dem Maß, in dem es möglich wird, in die Formlosigkeit einzutauchen, werden unsere Geformtheiten, unsere Deformationen erst sichtbar. Voraussetzung dafür ist, dass es sich tatsächlich um einen transparenten Prozess handelt, um einen Freiraum. Man kann zweifellos auch allerlei Erfahrungen machen, in denen wir unsere Reaktionsmuster transzendieren und auf illusionäre Weise so vor uns selbst sanktionieren. Eine Erleuchtung, die nichts erhellt, macht noch keinen Frühling. Wenn wir uns mit einer Wolke von Weihrauch umnebeln, sehen wir keinesfalls klarer.

An diesem Punkt möchte ich wieder Wolf- Ulrich Klünker zitieren („Anthroposophie als Ich- Berührung“), der auf dieses Problem ebenfalls eingeht: „Mit anderen Worten: Wenn ich anthroposophisch arbeite, stehe ich anders in der Welt,. und zwar in einem umfassenden Sinne. Die Frage nach einer mehr äußeren „Anwendung“ der Anthroposophie stellt sich dann in neuer Weise. Im Allgemeinen ist zunächst klar, dass der Mensch, der sich selbst durch Anthroposophie verändert, der bis in seine elementaren Leibprozesse hinein eine neue Beziehung zur Welt findet, auf berufliche und andere Anforderungen allmählich sich verändernd reagiert. Es entsteht eine neue Beziehung zu den Dingen und damit eine neue Sachgemäßheit. Diese ist naturgemäß nicht immer in anthroposophischen Begriffen allein zu fassen, sondern bemisst sich an dem jeweiligen Aufgabenbereich. Dann ist es auch nicht wichtig, genau zu wissen, was „anthroposophisch“ daran ist; als „anthroposophisch“ kann dann gelten, dass ein Mensch, der anthroposophisch arbeitet, allmählich immer mehr befreundet mit der Wirklichkeit werden kann.“ (S. 35)
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Hans-Peter Dieckmann: Lasse tragen deine Seele von meiner starken Kraft

Wenn ich Achtsamkeit zu meinem Meditationsthema mache, weiß ich eigenständig vorweg, was Achtsamkeit bedeutet. Ich verstehe Achtsamkeit ja als Idee, um von dieser Idee ausgehend, Achtsamkeit als meine Bewusstseinshaltung zu erzeugen. Immer wieder erschließen sich mir allerdings neue Grade von Achtsamkeit, manchmal (bildhaft ausgedrückt) mit “an ihren Rändern“ erspürten Bewusstseinsgrenzen, die ich dann aber deutlich als vorläufig erfahre. Vor den “Rändern stehend“ erscheinen sie wie Schwellen, die es zu überschreiten gilt: jedoch als mein Aufklaren für sie, womit sie einfach fortfallen; nicht als das Zurücklegen einer räumlichen Strecke. Bei voller Einstiegskonzentration vergesse ich meinen Körper in diesem Prozess und werde zu meinem jeweiligen Achtsamkeitslevel, aber wenn ich darin gefestigt bin, kann ich gut zugleich meinen Körper und genauso gut auch eventuell auftretende Gedanken und Gefühle ins Bewusstsein nehmen. Dank meiner Achtsamkeitswarte beobachte ich sie nun weniger verflochten und Lösungen und Entspannungen entstehen wohltuend aus jedem Durchschauen bis über die Meditationszeiten hinaus.


weiter zur Meditation..
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