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Where the heart beats- über John Cage

john cage
Wer gern über Musik - moderne Musik-, Kunst, Kultur des 20. Jahrhunderts und insbesondere über den Komponisten John Cage informiert sein möchte, sollte vielleicht „Where the Heart Beats: John Cage, Zen Buddhism, and the Inner Life of Artists“ von Kay Larson lesen. Es handelt sich tatsächlich um eine minutiöse Biografie dieses Hyper- Musikers, der in der zweiten Hälfte seines Lebens zu seinem persönlichen Glück das meditative Leben entdeckte. Dieses gewann er im Rahmen des Zen - oder zumindest im Rahmen dessen, was er aus Zen, Buddhismus im weiteren Sinne, und der persönlichen Bekanntschaft mit D.T. Suzuki und anderen.

Auf diese innere Wandlung war Cage sicherlich vorbereitet. Sein schon früh geschriebenes, vollkommen lautloses Stück 4´33 ist, wie er kurz vor seinem Tod gestand, sein liebstes- da er täglich, ja dauernd mit ihm lebe und tief in diese Stille eindringen würde: „CAGE SAID THAT he regarded 4′33″—his “silent piece”—with utmost seriousness. For him it was a statement of essence. Three years before he died, he told an interviewer: “No day goes by without my making use of that piece in my life and in my work. I listen to it every day.…I don’t sit down to do it; I turn my attention toward it. I realize that it’s going on continuously. So, more and more, my attention, as now, is on it. More than anything else, it’s the source of my enjoyment of life.

Die Stille als Quelle der Lebensfreude - gepaart mit einem sehr kontaktfreudigen, in alle möglichen Künstler- und Schwulenszenen integrierten Komponisten. Vielleicht spielt auch eine Rolle, dass Cage mit Freunden wie Allan Ginsberg herum gezogen war, dessen erleuchteter Zustand auf Cage gewirkt haben muss: „He felt “a sudden awakening into a totally deeper real universe” where an immense cosmic consciousness was at work. He saw it everywhere: in the gargoyles on the Harlem cornices, the workmen who made them, the sky that framed them. He walked into the Columbia University bookstore and saw in everyone’s faces that they knew they all had the consciousness—“it was like a great unconsciousness that was running between all of us that everybody was completely conscious….” Everyone was in the ridiculous position of denying it so they could sell books, wrap them in paper, and collect money. They were hiding this knowledge of the shining self from each other, Ginsberg felt, even though they “knew completely everything.” They were hiding it because of self-hatred and rejection—the twistedness born of the suffering self.“

Künstlerisch war mit den Wandlungen ebenfalls eine Neu- Fokussierung nötig, die vielen Künstlern begegnet: Die Zeit der Selbst- Zentrierheit ist vorbei. Das ganze bunte Allerlei kommt an ein Ende. Cage erlebte das so: „Cage’s deliberate turning away from self-expression begins here. The seed of a new idea was being watered by suffering.“ Ich denke, Cage´s Methoden - z.B. das I Ging als Zufallsgenerator für Musik zu nutzen- mögen nicht jedem Komponisten gefallen. Zu seiner Zeit, in dieser Szene war es sensationell.

Insgesamt: Eine Biografie für Liebhaber. Sehr detailliert, auch was den Werdegang einzelner kleiner Kompositionen betrifft, dass es für den normalen Leser langatmig wirkt. Man wird entschädigt durch entwaffnende Krisen wie diese: „Caught in the roar of his emotions, Cage was forced to confront a question totally new to him: What is the “self” that is being expressed? The self that hurts so badly it nearly kills you? The self that isn’t seen until it aches?“

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Zu schön, um nicht wahr zu sein - wie man zu Intuitionen, Ideen und Erfindungen kommt

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Nein, wir sprechen nicht von Esoterik, Mystik oder Magie, sondern von Wissenschaft im umfassenden Sinn - und beziehen uns dabei auf Gary Kleins Buch „Seeing What Others Don't: The remarkable ways we gain INSIGHTS“. Klein hat über hundert Wissenschafts-, Finanzmarkt-, Militär- und historische verbriefte Geschichten gesammelt- von der Entdeckung des AIDS- Virus bis hin zur Enttarnung des Finanzmarkt- Betrügers Bernie Madoff. Es geht um die Voraussetzungen für plötzliche Einsichten, die Einzelne trotz massiver Widerstände, konkurrierender Forscher, widersprüchlicher Faktenlage, und/ oder scheinbar widersprechender Dogmen haben. Ein seltenes Beispiel für eine solche Intuition (hier im Titel zitiert) stammt von den Erforschern der Struktur der menschlichen DNS, Watson und Crick, die ästhetisch von deren Schönheit berührt waren: „We may even have an aesthetic reaction to the beauty of the insight. Watson and Crick felt that their double helix model was too beautiful not to be true.“

Viele aber, wie Marshall und Warren, mussten über ein Jahrzehnt lang nicht nur Ignoranz, sondern auch Häme der gesamten wissenschaftlichen Welt ertragen, als sie entdeckten, dass die chronische Entzündung der Magenschleimhaut - und in Folge Magenkrebs - auf einen bakteriellen Infekt zurück geht und einfach durch ein Antibiotikum gestoppt werden kann. Dass diese Art von Erkrankung Stress- bedingt und durch schwer wiegende Operationen, spezielle Medikamente und Antidepressiva zu behandeln war, galt nicht nur als Dogma, sondern hatte auch milliardenschwere wirtschaftliche Interessen bedient. Letztlich kamen den Forschern glückliche Umstände als auch ein damals verzweifelter, aber sensationeller Selbstversuch entgegen.

Diese Betrachtungen führen zu der Schlussfolgerung des Historikers Daniel Boorstin „The greatest obstacle to knowledge is not ignorance; it is the illusion of knowledge“- wir kontextualisieren zu viel. Wir bewegen uns im Status Quo des vertrauten Denkens, betten Beobachtungen und Erfahrungen in die bekannten Bezüge ein und verhindern so tatsächlich neue Erkenntnisse- sei es in der Wissenschaft, im privaten Leben oder auch - so dürfen wir folgern- in der meditativen Arbeit.

Andererseits hat es schon seinen Grund, dass wir denkend vorsichtig taktieren. Schließlich ist die Welt voll von Spinnern und Ideologen, und wir alle neigen zu assoziativen Verbindungen, um Zusammenhänge zu verstehen und Verständnismodelle zur eigenen Orientierung zu entwickeln: „We are all attuned to coincidences. We are sensitive to associations. Sometimes we are too sensitive and see connections that aren’t real.“ Der fatale Hang, Zusammenhänge sehen zu wollen, korrumpiert das Denken also ebenso wie die Neigung, an einmal gefundenen Kontextualisierungen fest zu halten.

Trotz allem gibt es ihn- den Blitz einer Erkenntnis, die Erfahrung einer Idee, das Schauen eines tatsächlichen, aber bisher nie gesehenen Zusammenhangs, „the flash of illumination“. Der Einschlag des Gedankens wird nicht selten von einer Empfindung der Evidenz begleitet- „a feeling of certainty“. Georg Kühlewind, der anthroposophische Forscher, der übrigens auch Wissenschaftler war, hielt dieses Evidenz- Empfinden übrigens für eine innere spirituelle Orientierung. Überhaupt meinte er, dass aktive meditative Arbeit eine Art Verlängerung im Sinne von Andauern des „Flash of illumination“ ist, ein inneres Einleben in das kreativ intuitive geistige Arbeiten als Ich- Erfahrung.

So weit geht Klein nicht. Aber auch er denkt, dass einmal gewonnene reale Ideen auf uns als Person zurück wirken- eine einmal gefundene tatsächliche Einsicht befreit und flügelt uns und ändert unsere Art, Phänomenen zu begegnen, auf nachhaltige Art und Weise: „Our insights transform us in several ways. They change how we understand, act, see, feel, and desire. They change how we understand.“ Dabei sind eine fundierte Grundkenntnis, ein systematisches Arbeiten an einem Problem, zwar häufig Voraussetzung im Sinne einer begründeten Fokussierung auf ein Thema oder eine Fragestellung, führen aber nicht zwangsläufig zur gedanklichen Intuition: „So I don’t think deliberate preparation is necessary or even practical for many insights.“ Er folgt dabei teilweise einem Denk- Modell von Helmholtz, der verschiedene Phasen zur Entstehung von echten Einsichten propagierte. Ihm zufolge kommt der „Blitz“ der Einsicht häufig in einer zweiten Phase zustande, in der der Forschende nicht mehr eigentlich fokussiert ist, sondern losgelassen hat - sich entspannt und eigentlich eher „weich“ in seinem Bewusstsein („in fringe consciousness“) agiert - im Sinne eines „sanften Willens“: „After working hard on a project, Helmholtz explained that “happy ideas come unexpectedly without effort, like an inspiration. So far as I am concerned, they have never come to me when my mind was fatigued, or when I was at my working table. They came particularly readily during the slow ascent of wooded hills on a sunny day.““

Dem war aber der Aufbau des gedanklichen Netzes im Sinne einer Vorbereitung voraus gegangen: „During the preparation stage we investigate a problem, applying ourselves to an analysis that is hard, conscious, systematic, but fruitless. Then we shift to the incubation stage, in which we stop consciously thinking about the problem and let our unconscious mind take over.“ Wie anders als „meditativ“ könnte man diesen Zustand der „Inkubations- Phase“ bezeichnen? In allen meditativen Schulen kennt man diese Phase, die man dort die Erfahrung der Leere nennt- frei vom fokussierten Inhalt, frei vom eigentlichen Thema, offen und bewusst im Sinne eines „weichen“, empfangenden Bewusstseins. Wissenschaftliche Einsichten kommen, so sehen wir, nicht anders zustande als spirituelle. Erst nach der Erkenntnis- Phase („when insight bursts forth with conciseness, suddenness, and immediate certainty.“) folgt die nächste Ebene der Vergewisserung und Verifikation, in der die gewonnene Einsicht wieder und wieder geprüft wird: „Finally, during the verification stage we test whether the idea is valid.“

Klein wendet gegen das Modell von Wallace ein, dass es keine Gewähr geben kann, dass eine Einsicht im Sinne von gedanklicher Intuition tatsächlich erfolgt. Es gibt in dieser Hinsicht keinen Mechanismus, kein Rezept, keine Gewähr, sonst wären wir alle Genies. Auch die vage Theorie von Wallace, dass sich in der Inkubations- Phase im Unterbewussten irgendwie etwas formt und dann aufsteigt, erscheint ihm konstruiert. Dies gilt, wenn wir das wieder übertragen wollen, auch für die meditative Arbeit: Auch das systematische Arbeiten, das gelungene Loslassen, der fokussierte und der weiche Wille, garantieren nicht im geringsten, dass der Flow der aktiv- imaginativen Meditation gelingt. Die Geduld, ja sogar eine gewisse Demut - also emotionale Tugenden - sind zusätzlich erforderlich. Aber letztlich lässt sich auf diesem Gebiet so wenig wie im wissenschaftlichen Feld erzwingen.
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Flötentöne & Sehnsucht

Das ist immer dieselbe Sehnsucht, lebenslänglich, unerklärlich für den, der sie nicht kennt.

Es ist die Sehnsucht des Seglers nach offenem Meer, nach Wind und Gischt,dem Rollen des Bootes. Aber die Sehnsucht, die ich meine, verbirgt sich nicht in Wasser, unter Steinen, in Höhlen oder im weiten gebirgigem Blick. Die Sehnsucht weht uns an, wie anderen etwas zustößt. Sie spielt Flötentöne auf unseren Knochen. Sie erhebt uns, aber lässt uns zugleich Blicke werfen ins eigene Unauslotbare, das tiefer ist als die See und an manchen Stellen so dunkel und kalt, dass der Atem gefrieren kann.
Nun, rüste Dein Boot, setz die Segel und befestige die offene Takelage. Wir brechen ständig auf, schauen ins Nichts und lassen vom Boden der Stille die erste Brise aufkommen. Unser Blick, der in die Weite schaut, ohne zu schauen, unser Denken, das bis zu einem einzigen Punkt fokussiert, sich von Innen öffnet wie die Romantische Blume- exakt und offen, flüssig geworden wie das Wasser unter dem Kiel: Aufbruch.

Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes, // Welcher so weit geirrt, nach der heiligen Troja Zerstörung, // Vieler Menschen Städte gesehn, und Sitte gelernt hat, // Und auf dem Meere so viel' unnennbare Leiden erduldet, // Seine Seele zu retten, und seiner Freunde Zurückkunft.”


Odyssee
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Die Welt ist der Makroanthropos. Über den Denkweg Friedrich von Hardenbergs

novalis3Über den so schönen, zarten und im besten Sinn kultivierten Friedrich von Hardenberg, der, vermutlich wegen Mukoviszidose, viel zu früh verstorben ist, hat sich auch Rudolf Steiner verschiedentlich geäußert. Dies weniger in Bezug auf den klassischen Frühromantiker, sondern geradezu im Gegenteil auf den mathematischen Denker Novalis: „Der gegenwärtige Mensch nimmt durch innere Erleuchtung ja nichts anderes wahr als Mathematisch-Mechanisches. Und nur auserlesene Geister, wie etwa Novalis, schwingen sich dazu auf, das Gedichthafte, das tief Phantasievolle von so etwas zu empfinden und auch dichterisch darzustellen, wie es eben das mathematisch-mechanische Innere ist, das Novalis in so schöner Weise, harmonisch geradezu, besungen hat.“ (GA 202.252f) An anderer Stelle deutet Rudolf Steiner an, dass dieses „Fühlen der mathematischen Harmonien“ eine besondere Erkenntnismethodik war, die Friedrich von Hardenberg das Wirken der gestaltbildenden Kräfte der Welt erfahren ließ: „Da mischt sich in das mathematische Erleben, das sonst rein intellektualistisch ist, bildlich gesprochen bloß unseren Kopf interessiert, da mischt sich etwas hinein, was nun den ganzen Menschen in Anspruch nimmt und was im Grunde genommen bei solch jugendlich gebliebenen Geistern wie Novalis nichts anderes ist als ein Fühlen der Tatsache: Was du da als mathematische Harmonien erschaust, womit du die Phänomene des Weltenalls durchwebst, das ist ja im Grunde genommen nichts anderes, als was dich gewoben hat während der ersten Zeit deiner kindlichen Entwickelung hier auf der Erde.“ (GA 322, 42).

Dass Novalis tatsächlich intensiv mit den Fragen der Erkenntnis beschäftigt war, kann man in seinen „Fragmenten und Studien“ (hier IX, Das allgemeine Bouillon,1798/99) entdecken. Das Verhältnis von Seele zu Körper, von Geist und Mensch zur Welt interessierte ihn immer wieder. Seine Quintessenz ist vielleicht „Die Welt ist der Makroanthropos. Es ist ein Weltgeist, wie es eine Weltseele gibt.“ Im Menschen erkennt er Seele im Verhältnis zum Geist: „Der Geist wird durch die Seele gebildet - denn die Seele ist nichts als gebundener, gehemmter, konsonierter (d.h. mitschwingender, ME) Geist.“ Auch das Verhältnis zwischen Schlafen und Wachen interessierte ihn: „Der Schlaf muss die Folgen der übermäßigen Reizung der Sinne für den übrigen Körper wieder gut machen. (..) Einst wird der Mensch beständig zugleich schlafen und wachen. Der grösseste Teil unsers Körpers, unserer Menschheit selbst schlägt noch tiefen Schlummer.

Er konnte solche Aussagen machen, weil ihm die „Geisterwelt“ beständig offen stand: „Die Geisterwelt ist uns in der Tat schon aufgeschlossen - Sie ist immer offenbar.“ Das Weghafte der Erkenntnis formuliert er als ein ununterbrochenes, fortschreitendes Begreifen des Menschen: „Was sich nicht begreifen lässt, ist im unvollkommnen Zustande (Natur) - es soll allmählich begreiflich gemacht werden.“ Dazu ist es nötig, sich geistig unabhängig zu machen, durch ein von sich selbst absehendes (heute sagt man: sinnlichkeitsfreies) Denken, indem die Gedanken zum „selbständigen, sich von euch absondernden - und nun von euch fremd (..)“ erscheinenden Prozess werden.

Grundlegendes Prinzip für eine solche geistige Arbeit ist die Bildung - die „Affizierung“ des eigenen Denkens durch offene Adaption der Gedanken Anderer: „Man studiert fremde Systeme, um sein eigenes System zu finden. Ein fremdes System ist der Reiz zu einem eignen. Ich werde mir meiner eignen Philosophie, Physik etc. bewusst - indem ich von einer fremden affiziert werde versteht sich, wenn ich selbsttätig genug bin. Meine Philosophie oder Physik kann mit dem fremden übereinstimmen oder nicht.“ Novalis nennt dieses bewegliche Denken auch eine „Ehe der heterogenen Systeme“.

Dieses offene Mitdenken des immer Neuen und Widersprüchlichen, diese jugendliche Lernfreude nennt Novalis auch „absolute Elastizität“ oder „echte Unschuld“. Dies sieht er als eine Kraft an, die „nicht zu überwältigen“ ist.
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Die Mysterien von Stier, Löwe und Adler

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In alten Mysterien sind die genannten Tiere als Symbole für Lebenskräfte, schaffende Lebensmächte verehrt worden, von Ishtar über die Isis- Kulte bis hin zu Zeus, wie Maria Röschl-Lehrs* ausführte: „Wir sehen, wie da in den ältesten Kulturperioden der Stier, die Kuh, als Leben tragende Macht besonders verehrungswürdig war. An vielen Mythen und einzelnen Zügen uralter Menschheitsdokumente, auch der altpersischen Zeit, könnte man dies nachweisen. Noch in der 3. Periode wird die Isis mit Kuhhörnern abgebildet. Und in etwas späterer Zeit sehen wir am babylonischen Ischtar- Tor und auch in der übrigen assyrisch- babylonischen Kunst den Löwen vorherrschen. Der Löwen- bespannte Wagen der Göttermutter spielt bis nach Kleinasien herein im Kulte eine große Rolle. Und diese asiatische Priesterkultur wird abgelöst von den denkenden, listengewandten Königen der kriegerischen Griechen,die Zeus als König der Götter und Menschen verehrten. Des Zeus Vogel ist der Adler, das Symbolum des neuen Weltregenten, der selber Repräsentant ist der plastizierenden Weisheit der Haupteskräfte in ihrer kosmischen Wirkensgröße.“ (S. 110)

Es fand also eine gewisse Entwicklung statt von vegetativ- natürlich und kosmischen Kräften des Stiers über die Sonnen- verehrenden Löwenkulte bis hin zur Kultivierung von Kräften, die auch mit dem selbständigen Denken zusammen hingen. Die in den frühen Kulten verehrten kosmisch- göttlichen Kräfte haben aber, wie uns heute bewusst ist, auch ihre Entsprechung im Menschen. Die Stierkräfte im Menschen hängen vor allem mit dem Stoffwechsel, Verdauung, Fortpflanzung zusammen und sind in den Aspekten des Wirkens völlig unbewusst. Die Komplexität des Verdauungsvorgangs wird erst heute, durch die Forschung der letzten Jahre, mehr und mehr bewusst. Es ist ein „intelligenter“ Prozess, der Wahrnehmungsanteile unter der Schwelle des Bewusstseins hat, aber derartig umfänglich in Kommunikation mit den Stoffen der Außenwelt interagiert, dass man z.B. in Bezug auf den Darm auch von einem „zweiten Hirn“** spricht. Auf dieser Ebene agiert ein biologisch- vegetatives Selbst, das unabhängig von unseren bewussten Gedanken ist, etwa eine eigene bakterielle Welt umfangreichster Art unterhält, und das einen Großteil unseres existentiellen „Willens“ ausmacht. Die Löwe- Sonne- Kräfte schaute Rudolf Steiner im Menschen mit auch zum großen Teil unbewusst aufflammenden Empfindungen zusammen- vegetativ mit Herz- und Lungenbereich. Auch hier findet eine ständige Kommunikation mit der umgebenden Welt durch die Atmung und die Aufnahme des Sauerstoffs statt. Die „Löwenkräfte unserer Physis“ (R-L, S. 37) sind die mittleren und vermittelnden „Kräfte des Physisch- Ätherischen“. Im Bild des Adlers schließlich werden die Kräfte erfasst, die an der Bildung des gesamten nervösen Systems beteiligt sind, wodurch im Spiegelprozess am Gehirn das physische Bewusstsein erwachen kann - der erste Schritt der Selbstgewahrwerdung des Menschen.

In den alten Mysterien schwangen sich auserwählte Menschen in besonderen Situationen, geführt und behütet durch Priester, in diese Kraftwirkungen hinein, die sowohl im menschlichen Körper, als auch in der gesamten umgebenden Natur tätig sind. Askese, völliger sozialer Rückzug, Vorbereitung von Kindesbeinen an, Hilfestellung durch ekstatische Erlebnisse und spezifische Drogen, mögen mit zu diesem Ausnahmezustand geführt haben.

Heute ist der Pol des Adlers in uns potentiell so weit verselbständigt, dass die früher nur in der ekstatischen Vereinigung mit Naturkräften mögliche Bewusstwerdung auch im Alltag möglich wird. Das Denken kann sich so weit verselbständigen und kräftigen, dass es in reiner Improvisation, aber zugleich im hohen Grad fokussiert das geistige Pendant der Stier-, Löwen- und Adlerkräfte erfahren kann. Es wird dies auch nicht zu einem Rückzug, zu exotischen Haltungen oder esoterischer Sonderbehandlung führen- ganz im Gegenteil, die zunehmende existentielle Verletzung des Menschen in seiner tiefen inneren Widersprüchlichkeit in seinem Denken, Fühlen und Wollen kann nur durch ein solches Bewusstwerden harmonisert werden. Sich verhärtende Gefühle, Seltsamwerden im Denken und Willensimpulse, die der Mensch an sich beobachtet und selbst nicht versteht- das ist heute die Lage. Zunehmend ist kaum jemand nicht merkwürdig- und die Entgleisungen werden selbstzerstörerisch, suchtartig und antisozial. „In den Menschen, der sich geistig geschult und sein Wesen auf eine bestimmte höhere Stufe der Vollendung gebracht hat, wird - wie Rudolf Steiner es im Jugendkurs ausdrückt - reines Denken zu reinem Wollen. Die zerstörenden Gegensätze werden eben da aufgehoben.“ (S. 119)

Der Prozess der fortschreitenden Selbstgewahrwerdung ist in erster Linie heute ein Loslösen, ein Selbständigwerden von den physischen Prozessen: „Durch richtig fortgeschrittene Schulung kann die Fähigkeit erlangt werden, dass der Mensch sich - nicht im Schlafe, sondern aus dem wachen Tagesbewusstsein heraus- willentlich in eine innere Haltung versetzt, durch die der Ätherleib sich löst.“ (R-L, S. 51) Das „Bestehen“, ohne assoziativ, erinnernd oder grübelnd an etwas Vergangenes anzustossen, führt auch zu einem „leibfreien Miterleben mit dem Seelischen der ganzen Umgebung“ (R-L, S. 50)- sowohl, was das komplexe Innenerleben anderer Menschen, als auch, was natürliche Prozesse in Jahreszeiten, Pflanzenwachstum und Auswirkungen kosmischer Prozesse auf die Lebenskräfte betrifft. Nicht selten kommt es dabei zu einer biografischen Krise, zu einer Neuorientierung, ja, zu einer moralischen Wiedergeburt. An dieser „Schwelle“ kann es zu einer Wahrnehmung der Kräfte kommen, die die Leiblichkeit tragen - eben von Stier-, Löwen- und Adlerkräften. Aber der „zweite“, sich rein geistig erfahrende Mensch kann sich nach und nach auch in der Dynamik seiner selbständigen Existenz erleben. Dabei senkt sich sein bewusster Pol (Adler) in die existentiell- natürlichen Stierkräfte hinein, während seine Willenskräfte (Stier) das Denken entfachen und verlebendigen. Während die Chakren von der Lotosblüte an der Stirn nach unten hin in eine erste Bewegung geraten, dabei innere freie Räume gestalten, beginnt sich der geistige Mensch - die Entität - in derselben Richtung zu formen - aber in umgekehrter Gestalt im Vergleich zum physischen Menschen. Die transformierten, freien, nicht mehr körperlich gebundenen Lebenskräfte entfalten sich, als Stier den Adler belebend (reines Denken), als Adler die unbewussten Stierkräfte verständig gestaltend (reiner, empfangender Wille). Was aber geschieht, wenn mittlere Löwenkräfte auf den physisch gebundenen Löwen stoßen- wenn das „Herzdenken“ erwacht?

Röschl- Lehrs zieht zur Illustration eine Legende der mittelalterlichen Rosenkreuzer heran: „In alten Darstellungen namentlich der rosenkreuzerischen Alchemisten sehen wir daher den Leu - als den Repräsentanten des mittleren Menschen- auch in zweifacher Gestalt auftreten, oft in zwei Farben; es wird vom roten und vom grünen Leu gesprochen. Auch finden beide sich so dargestellt, dass der eine Löwe den anderen verschlingt. Das will sagen: so muss die irdische Kraft der Mitte sich verschlingen lassen von der anderen, der des zweiten Menschen. Dann wird menschliches Fühlen zu kosmischem Fühlen, es wird vom Weltenfühlen abgelöst: es weitet sich über die Grenzen der egoistisch engen Persönlichkeit. (…) Nicht Polarität, sondern Steigerung wirkt auf einem solchen Wege.“ (S. 120)

Das ist die Alchemie des Ich; das Aufflammen der alten Mysterienweisheit im zeitgenössischen Individuum.


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*Maria Röschl-Lehrs: Vom zweiten Menschen in uns, Dornach 1972
** „Wer bestimmt, ob ein Mensch gute oder schlechte Laune hat und wie er sich verhält? Sein Bewusstsein oder Milliarden von Bakterien in seinem Bauch? Was weiß die Forschung über den Magen-Darm-Trakt, der voller Neuronen ist und ein eigenständiges Nervensystem bildet? Vor einigen Jahren entdeckten die Forscher, dass Magen und Darm des Menschen rund 200 Millionen Nervenzellen enthalten. Nur allmählich gelingt es, den ständigen Dialog zwischen den beiden Steuerzentralen Bauch und Kopf zu entziffern.“ Link ARTE
Foto Michael Eggert; Museumsinsel Berlin
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Von der Fruchtbarkeitsgöttin bis zur Sophia

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Natürlich denkt man, wenn man in der Ritman- Bibliothek* über die Rosenkreuzer liest, nicht an die mittelalterliche Verehrung der Göttin Natura, sondern auch an Artemis, Demeter, aber auch an die in einem anderen Beitrag** ausgeführte alteuropäische Kultur ab 6000 bC, die eine durch zahlreiche Figurinen dokumentierte Natur- Göttin verehrte. Die in der Donau- Region verortbare grundlegende Kultur, in der der sesshaft werdende Mensch die Natur (vor allem Getreide und Nutzvieh) ja auch kultivierte und damit die Grundlagen für die späteren Hochkulturen schuf, stand, wie die weltweit auftretenden Figurinen zeigen, keineswegs isoliert da. Das Phänomen tauchte als kultureller, religiöser und technologischer Fortschritt - einschließlich erster symbolischer Grapheme und Schriftsysteme- rund um den Globus verteilt auf, wenn auch stets gefährdet, zeitlich versetzt, und immer wieder überrollt durch archaische Impulse, wie sie etwa von wandernden Reitervölkern ausgingen: "Einerseits entdeckt man in den Zeiträumen zwischen 6000 und 3000 bC herausragende Kunsterzeugnisse, die vielfach an noch wesentlich ältere (oft in Höhlen hinterbliebene) künstlerische Traditionen anknüpfen, andererseits ist die Parallelität der Ausdrucksformen in weit entfernten Kulturkreisen verblüffend.“***

Ein besonderer Entwicklungsschritt der alteuropäischen Kultur lag auch in dem Übergang von einer atavistisch-schamanistische Naturverehrung zu einem symbolisch- religiösen Kult, bei dem in der Gestalt der weiblichen Gottheit die Sonne, die sich in Fruchtbarkeit, Korn und Erde widerspiegelte, verehrt wurde. Die Megalith- Kultur mit ihrer astronomischen Orientierung und der direkten Verehrung der Sonne folgte erst einige Tausend Jahre später.

Auswirkungen hatte die Verehrung der Natura bis hin zu den Rosenkreuzern*: „..many readers, like the authors of the Rosicrucian Manifestoes, were disappointed in the Lutheran and Calvinist reformations, the Catholic Counter-reformation, being deeply convinced that Christianity should be about living a true Christian life, in daily practice. The Rosicrucian Manifestoes also advocated actual practice and innovative research into nature as part of an authentic exploration of nature as the work of God – the Fama fraternitatis explicitly referred for that reason to the ‘Vocabulario’ of Theophrastus Paracelsus of Hohenheim. Physicians who valued experimental experience above the authority of Aristotle or Galen, were also among the enthusiastic readers of the Rosicrucian Manifestoes.“

Aber natürlich gab es bis dieser christlich- rosenkreuzerischen Naturbeziehung Übergänge- etwa in den klassischen Mysterien Griechenlands. Rudolf Steiner hat die Göttin Artemis, in der sich das Vorbild der mittelalterlichen Natura zeigt, sprechen**** lassen:

..Ich bin der Keim und der Quell deiner sichtbaren Welt,
Ich bin die Summe des Lichtes, in dem du seelisch lebest,
Ich bin des Raumes Beherrscherin,
Ich bin der Zeitenzyklen Erzeugerin,
Mir gehorchen Feuer, Luft, Licht, Wasser und Erde.
Empfinde mich als alles Stoffes unstofflichen Ursprung…


Denn, wie Rudolf Steiner betonte, es reicht nicht, wieder und wieder von „Geist“ zu sprechen, sondern „es ist da nötig, dass wir uns der wahrhaftig geistigen Beziehungen bewusst werden, die wir zu den Dingen um uns herum haben.“ (GA 223, S. 111) Diese „Beziehungen“ zu den Naturreichen wurden, wie er an anderer Stelle sagt (GA 126, S. 60, „Okkulte Geschichte“), so vordringlich in den griechischen Mysterien gepflegt. Nur dadurch war es möglich, „jene Empfindungen, jene Impulse“ zu erregen, die „geeignet waren, von Grund auf allen Egoismus auszurotten aus der Seele.“ Damit ist kein moralistischer Standpunkt gepredigt, sondern die Möglichkeit gemeint, sich geistig- seelisch das „Allgemein- Menschliche und Kosmische“ anzueignen- also aus dem Verhaftetsein an das Ego heraus zu finden. Nur so konnte und kann „aus den höheren Welten das wahrhafte Mitgefühl für alles Lebendige und alles Seiende“ (dito) herunter getragen werden.

Die Verbindung besteht heute in einer solchen Vertiefung des Denkens, dass das Bewusstsein sich in den Strukturen des Lebendigen - im inneren Lebensquell- erhalten kann, ohne einzuschlafen oder herab gedämmt zu werden. Denn im Quellenden entspringt das Leben und das Bewusstsein- das eine Mal geronnen in Gestalt und Natur, das andere Mal als Bewusstsein frei, sich selbst zu erkennen. Aber Selbsterkenntnis ist in dieser Hinsicht Naturerkenntnis zugleich. So wie in den Mysterien von Ephesos gelehrt wurde, „ist damit ein Schulungsweg gemeint, welcher das verborgene Wirken des schaffenden Gottes, des Logos auf Erden zu ergründen versuchte.“ *****

Der Name und die Gestalt des Logos, der Natur und Geist gemein ist, wechselte - von der archaischen Fruchtbarkeitgöttin bis hin zur Natura- Sophia, hat aber die Kultur- und Mysteriengeschichte der Menschheit von Anfang bis heute begleitet.
______________



*http://www.ritmanlibrary.com/collection/rosicrucians/
**http://www.egoisten.de/files/goettinnen.html
***http://egoistenblog.blogspot.de/2013/09/unbekannte-kulturen-herausragende-kunst.html
****Rudolf Steiner, GA 264, S. 227
*****Zeylmans van Emmichoven, wer war Ita Wegmann Band 2, S. 103
Bildquelle: Pinterest, aus Malta, ca 3200 bC
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Wolken. Die Töchter von Erde, Wind und Wasser

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"‘I am the daughter of Earth and Water, And the nursling of the Sky; I pass through the pores of the ocean and shores; I change, but I cannot die“, heißt es von den Wolken, und tatsächlich sind sie das formbare Element, das Medium zwischen Schwere und Licht, das in jedem Augenblick an jedem Ort auf der Erde neue Gestalt annimmt. In der japanischen Gartenbaukunst spielen die Wolken - so erfährt man in Tan Twan Engs großartigem Roman "The Garden of Evening Mists“ - eine wichtige Rolle, da der Garten nicht nur die umgebende Landschaft, sondern - durch Wasseroberflächen- auch das Geschehen vor dem Blau des Himmels spiegelt: "Water flooded into the pond, gathering up the puddles already waiting there. As the swirls and ripples died away, a fragment of the sky was slowly recreated on earth, the clouds captured in water.“ In dieser Hinsicht ist der Garten auch ein Sinnbild des Menschen selbst, denn so wie dieser sich in seinem Leben ein wenig Zeit „leiht“, so „leiht“ sich der Garten von Himmel, Erde und Umgebung: "‘A garden borrows from the earth, the sky, and everything around it, but you borrow from time,’ I said slowly“.

Die Töchter von Erde, Wind und Wasser entspringen einem irdischen Drama, das Walther Bühler in „Nordlicht Blitz und Regenbogen“ so beschrieb: „Bald ist das blaue Lichtgewölbe ganz verschwunden und uns bedrängen an seiner Stelle dunkle, graue, wogende Wolkenmassen. Mächtig stemmen sich die Zentralkräfte der Erde dem Kosmos entgegen und bringen ihre zentripetalen Eigenschaften in dem zur Wolke kondensierten Wasserdunst und in dem fallenden, der Schwere folgenden Tropfenstrom zum Ausdruck.“ Die Strukturkräfte können dabei bis zum Hagelkorn verdichten - als bis zu einem kristallinen Festen. Daher sieht Bühler im Spiel der Wolken strukturelle Prinzipien der Erdgeschichte gespiegelt: „Die dabei zutage tretenden Verdichtungsstufen im meteorologischen Bereich wiederholen zugleich in abgekürzter Form den Werdegang der Erde durch die Jahrmillionen.“

Das Zusammenspiel zwischen Formendem, entstehender Gestalt und Entgrenzung kann aber auch auf den Menschen übertragen werden, der einerseits verbunden ist „mit dem schöpferischen Prinzip der Welt“ (Georg Kühlewind, Die Erneuerung des Heiligen Geistes, Stuttgart 1992, S. 55), andererseits selbst aber auch Gestalt (in physischer, seelischer, intellektueller Form), ist- sowohl auf Vergangenheit wie auf Zukunft ausgerichtet, auf Gewordenes wie Werdendes: „Dem entspricht eine Wandlung im Menschen, in der die Lenkung, die Orientierung seines Lebens von dem natürlichen Menschen - seinen Leibern, vom physischen bis zum Seelenleib- auf den oberen, geistigen Menschen übergeht, der aus freien Kräften um das wahre Ichzentrum besteht. Diese Kräfte haben in dem natürlichen Menschen Formen angenommen, das Geformtsein erlitten; nun wird der nous pathetikos des Aristoteles vom nous poietikos, dem poetischen, schaffenden Menschen beherrscht und aus den Händen der Schöpfermächte übernommen.“ (Kühlewind S 55f)

In der Himmelfahrt wird Christus durch eine Wolke aufgenommen, die sicherlich ebenso wenig natürlich ist wie die Wolke, mit der Jesus in der Verklärungsszene verhüllt wird. Und am Jüngsten Tag wird der Herr „auf Wolken des Himmels, mit großer Kraft und Herrlichkeit“ erwartet. Diese „Wolke“ hat also Charakteristika des Vatergottes, in die Christus sowohl eingeht, der er aber auch entspringt. Es ist, wie Kühlewind betont, kein „Aufgehen im Vater“ (Joh 1,1- 2), sondern ein Hingehen in ein Einssein und ein Erscheinen aus dem Einssein: „Die Erscheinung und das Hinschwinden des menschlich gestalteten Logoswesens in die mehr gestaltlose, ungegliederte Wolke, die den Hintergrund der Gestalt bildet, sich von ihr abhebt und sie doch wieder aufnimmt oder gebiert, ist das imaginative Bild für das Verhältnis und den Zusammenhang des Vaters und Sohnes.“ (Kühlewind, S. 36) Aus diesem Eingehen-in-das-Gestaltlose wird dann zu Pfingsten das „Brausen des Himmels wie eines gewaltigen Windes“.
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Das Zeitalter der Göttinnen

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Angesichts der vielen Figurinen wie Muttergottheiten, die man in der Vorzeit vor der Zeitenwende bis weit ins Neolithische hinein findet, gab es doch offenbar Kulturen, die einen besonderen Wert auf dieses weibliche Element legten, obwohl es zeitversetzt über die ganze Welt hinweg auftrat und ursprünglich sicherlich etwas mit dem Sesshaft- Werden schlechthin zu tun hatte- mit dem Element, was später als Demeter verehrt wurde, und wovon sich möglicherweise, in verwandelter Form, Elemente in die Muttergottes und in die Sophia entwickelten. Die Kultur, von der hier vorrangig die Rede sein soll, war im gesamten Gebiet der Donau ansässig, ab etwa 6500 vor Christus. Einige der Figurinen sind in einer Bildersammlung „BC“ bei Pinterest einsehbar.

In „Das Rätsel der Donauzivilisation: Die Entdeckung der ältesten Hochkultur Europas“ schreibt Harald Haarmann über den Ursprung dieser kulturellen Strömung, in der anatolische Hirtenvölker mit thessalischen Ackerbauern zusammen fanden und nach Norden weiter zogen: „Die Besiedlung Thessaliens durch sesshafte Ackerbauern markiert den Beginn einer Ära, die man als Inkubationszeit der Donauzivilisation bezeichnen kann. Hier manifestieren sich die Kontakte zwischen mesolithischen Jägern und Sammlern und neolithischen Ackerbauern in Familienbindungen und Kohabitaten. Als einige Generationen später Nachkommen der Erstsiedler die Region weiter nördlich (bis an die mittlere Donau) erkundeten, waren dies keine reinen Anatolier mehr, ihre Gene waren gemischt.“ Hier wurde das Töpferhandwerk entwickelt und entfaltet, Tiere wurden domestiziert, Saaten verfeinert, Niederlassungen gebaut. Das war auch deshalb nötig, weil um 6200 bC eine „kleine Eiszeit“ eingesetzt hatte, die eine ungewohnte Versorgung (und Vorratshaltung) erforderlich machte: „Offenbar war die Kunde von Pflanzenkultivation und Viehhaltung bereits im 7. Jahrtausend v. Chr. zu den Alteuropäern gedrungen, und zwar als Ideentransfer. Denn als die Thessalier mit den Einheimischen weiter im Norden Kontakt aufnahmen, hatten diese bereits den Hund domestiziert, sie hatten außerdem begonnen, Haselnusssträucher anzubauen und Wildschweine an bestimmten Plätzen als Fleischreserve zu halten.“

Sicher ist die Verehrung der Muttergöttin, da in jedem Haus neben dem obligatorischen Backofen eine Figurine zu finden war. Offenbar wurde das Backen des Brotes auch als ritueller Akt gesehen. Aber sonst ist trotz vieler archäologischer Funde in den letzten Jahren wenig über diese Donauzivilisation bekannt, obwohl sie zweifellos den Ursprung einer solchen Hochkultur wie der griechischen darstellte: „Wie sich die Alteuropäer nannten, wissen wir ebenso wenig wie den Namen ihrer Sprache oder Sprachen. Soweit die Strukturen des Alteuropäischen aus dem Lehnwortschatz des Altgriechischen aus vorgriechischer Zeit rekonstruiert werden können, war diese Sprachform nicht indoeuropäisch und auch nicht semitisch. Außer dieser negativen Identifizierung gibt es keine Anhaltspunkte für eine positive Zuordnung zu irgendeiner der bekannten Sprachfamilien.“

Viele zentrale kultische Symbole- wie der Zentaur- waren bereits in Alteuropa verbreitet und Teil der Kultur: „Denn die Gestalt des Zentauren ist kein griechisches Original – Darstellungen von Zentauren gibt es bereits in der Kunst Alteuropas.“ Das immer wieder auftauchende sakrale Zeichen („Gott“) aber war ein Rhombus mit Punkt darin: „Wie die Alteuropäer ihre Gottheiten nannten, ist nicht bekannt. Bestimmte logographische Zeichen der Donauschrift sind als Identifikatoren von Gottheiten interpretiert worden. Hierzu gehört unter anderem das rhombische Zeichen mit zentralem Punkt.“ Logografische Schriftzeichen waren in dieser Kultur weit vor den ersten Spuren von Zeichen im ägyptischen oder griechischen Raum verbreitet. Der Unterschied zu den späteren Hochkulturen bestand vor allem darin, dass es eine Verehrung des Weiblichen, keine hierarchische gesellschaftliche Ordnung, und auch keine zentralistische Struktur der Gesellschaft gab. Die gesellschaftliche Ordnung bestand eher in Netzwerken im engeren wie im weiteren Umkreis. Kulturellen und technologischen Austausch gab es, aber kein Dominanzstreben. Innergesellschaftlich gab es keine privilegierte Kaste: „In keiner der Siedlungen der Donauzivilisation sind Privathäuser gefunden worden, die reicher ausgestattet wären als andere Gebäude oder die sich durch eine auffällige Hortung wertvoller Güter von anderen abheben.“

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Die Figurinen und der damit verbundene Kult geht auf sehr alte Motive und auf Mysterien der Venus zurück: „Im Norden vermittelt die Erzähltradition uralischer, insbesondere finnisch-ugrischer Völker alte, im wahrsten Sinn des Wortes «vorsintflutliche» Vorstellungen über das Verhältnis der Menschen zur belebten Natur. Forscher sind sich einig darüber, dass elementare Motive und Stoffe der Mythologie uralischer Völker auf Relikte uralter religiöser Weltanschauung weisen, deren Entstehung auf die Ära gegen Ende der Eiszeit zurückgeht (Hultkrantz 2001). Dazu gehören insbesondere Vorstellungen von weiblichen Schutzgeistern und vom Fruchtbarkeitskult, die sich mit den «Venusstatuetten» der Eiszeit assoziieren.“ Ganz offensichtlich hat es einen Jahrtausende andauernden Übergang von animistisch- schamanistischen Naturgöttinnen und Schutzgeistern zur Kultivierung der Göttin gegeben. Dieser Übergang ist anhand der archäologischen Funde datierbar: „Vom 8. bis zum frühen 6. Jahrtausend v. Chr. wandeln sich die religiösen Vorstellungen bei den Ackerbauern des Südens vom Glauben an weibliche Schutzgeister der Natur zum Kult der Großen Göttin.“
Die Personifikation der Natur, des Wachstums und der Fruchtbarkeit war ein kulturschöpferisches Element, das seine Wege auch in den Islam fand: „Die Erinnerung an Kybele, die Ahnfrau der Artemis, hat sich in Anatolien über die Antike hinaus bis in die islamische Ära erhalten. Die arabischen Muslime blicken in Richtung Mecca, wenn sie beten, und diese Ausrichtung wird im Arabischen qiblah genannt (Glassé 1989: 323f.). Wenn man weiß, dass Kybele eine der drei Großen Göttinnen war, die in Mekka verehrt wurden, bis Mohammed den Polytheismus dort im 7. Jahrhundert v. Chr. abschaffte, dann könnte der Ausdruck qiblah durchaus eine Umdeutung ihres Namens sein. Das türkische Äquivalent von arab. qiblah ist kible.“

Die Figurinen dienten bei Reisen in andere Kreise des Umfelds , beim Handel und zur Begrüßung aber auch als Geschenke, die häufig durch Schriftzeichen verziert oder bezeichnet waren. Dadurch verbreitete sich die Schrift insgesamt, aber auch die spezifische Art der Logogramme: „Die Figurinen spielten nicht nur eine zentrale Rolle im Geschenketausch zwischen den Bewohnern der Siedlungen in der Donauregion (s. Kap. 3), diese Artefakte waren auch das kommunikative Medium, über das sich die Kenntnis von Kultursymbolen und Schriftzeichen verbreitete und überregionale Geltung erhielt. Ohne die unzähligen Figurinen wäre die relativ weite Ausstrahlung des Schriftgebrauchs in den Kulturprovinzen Südosteuropas kaum verständlich.“ Die Schrift hatte aber noch keinen praktischen Charakter (wie etwa bei den Sumerern und Ägyptern)- sie verwies noch ganz auf den rituell- religiösen Zusammenhang: „Der rituelle Charakter des Schriftgebrauchs liefert auch eine Erklärung dafür, dass die alteuropäischen Inschriften überwiegend kurz und formelhaft sind. Ihr Zweck war es, die Kommunikation mit dem Übersinnlichen sozusagen auf den Punkt zu bringen, also zu intensivieren und magisch zu verstärken. In ihrer Kürze sind sich die Inschriften Alteuropas und der Indus-Zivilisation ähnlich (...), und aus dieser Ähnlichkeit darf man in beiden Fällen auch auf Ähnlichkeiten der religiösen Funktionen schließen.“ Das „finstere Zeitalter“, das etwa um das Jahr 3000 bC angesetzt wird, bedeutet also keinesfalls die Entdeckung der Schrift, sondern die Säkularisierung der bislang rein kultisch verstandenen Zeichen. Es gab lange Perioden zwischen dem Ausklingen der alteuropäischen Kultur und dem Beginn neuer Hochkulturen, in denen sich gar keine Verwendung von Schrift nachweisen ließ- die kulturelle Entwicklung machte offenbar große Pausen. Etwa um 4000 bC schwand der Einfluss und die Struktur der Donaukultur unter dem dauernden Einfall von Steppen- Reiter- Clans dahin- Ursache waren erneute Verschlechterungen der klimatischen Umstände. So verschwand auch der Gebrauch der Figurinen für ganze Zeiträume, bis sie z.B. in minoischer Form wieder auftauchten: „Als Zeichen für den Umschwung, den die Gesellschaft Alteuropas durchmachte, wird auf das Fehlen eines der charakteristischen Marker der alteuropäischen Kunst und Religion hingewiesen: der Figurinen. Mit dem Beginn der Bronzezeit ist das Vorkommen von Figurinen in den Fundschichten drastisch reduziert und setzt schon bald ganz aus. Diese Tradition muss aber irgendwie im kulturellen Gedächtnis der Alteuropäer bewahrt worden sein, denn wenig später wurden wieder Figurinen hergestellt, erst auf den Kykladeninseln und bald auch im minoischen Kreta.“

Die alteuropäische Kultur ist nicht nur in den Schulbüchern, sondern auch in unserem kulturellen Bewusstsein noch nicht recht angekommen. Sie ist das Bindeglied zwischen einer animistischen Vergangenheit und einer Kulturwelt, die kultivierte Pflanzen, domestizierte Tiere, Schrift und Religion kennt. Die ältesten Symbole, aber auch Techniken und Fertigkeiten, die wir eher den „Hochkulturen“ zuzuordnen geneigt sind, finden sich bereits ein paar Jahrtausende früher in diesem europäischen Mutterboden der Kultur.



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Hic habitat Minotaurus

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Dieses Graffiti, das einer Hauswand in Pompeji entstammen soll, habe ich bei Pinterest gefunden und entstammt einer Internet- Seite, die sich ausschließlich mit Labyrinthen („The mystery of the Labyrinth“) beschäftigt. In dieser visuellen Sammlung zeigt sich eindrucksvoll, wie alt das Motiv des Labyrinths doch ist- manche Funde wie Felszeichnungen und -ritzungen sind ja mehr als 6000 Jahre alt. Das Urmotiv, geradezu eines der Jungschen Archetypen, wird sogar in noch älteren Quellen gefunden, etwa in den Felsbildern des Valcamonica in der Lombardei. Beispiele dafür wie für viele andere Labyrinthe der Vergangenheit und Gegenwart finden sich auf einer weiteren Pinterest- Seite zum Thema.
Erklärungsversuche gibt es zuhauf- die oben genannte erste Quelle vermutet vage Dorf- und Hafenanlagen des sagenhaften Atlantis hätten als Vorbild gedient. Wahrscheinlicher ist die simple Assoziation, die sich beim Durchschauen unzähliger Labyrinth- Darstellungen einstellt, es handle sich um das Symbol des menschlichen Gehirns. Dafür sprechen der strukturelle Aufbau, aber auch die symbolische Problematik; das Sich- Verlieren im Inneren. Auch das Bild des Minotaurus ist ja das einer Korruption: „Hic Habitat Minotaurus“ in der oberen Darstellung ist ja offenbar eine Beleidigung, gleich bedeutend mit: „Hier wird jemand von Leidenschaften in seinem Denken beherrscht“.

Der Ariadnefaden ist primär ein stringentes, zielgeführtes Denken, das zur Beherrschung der korrumpierenden Instinkte führen kann. In der Kultur der Minoer, die den rituellen Tanz mit den Stieren als Mysterieninhalt und Initiationsritus pflegte - eine Kultur des Mutes-, war die Entwicklung des Rationalen ein Entwicklungsziel. Heute kann man, wie Beatrice Grimm, den wachen Umgang mit Labyrinth und Ariadnefaden auch als eine Übung im Körpergebet verstehen: „Ein spirituelles Werkzeug? Dem Wollknäuel der Ariadne folgen, heißt hineinzugehen ins Labyrinth. Immer wieder neu dem Weg des Lebens folgen. AnfängerIn sein, den Weg suchen auf engstem Raum. Offensein für andere, und gleichzeitig den eigenen Weg fortsetzen Schritt für Schritt. Jeden Schritt wahrnehmen wie ein erster Schritt... Sich hinwenden, kehrtwenden, abwenden, annähern. Manchmal gehts nicht weiter. Manchmal voller Sehnsucht von der Mitte hingezogen. Die Mitte wird erahnt, auf die es schnell zuzugehen scheint. Dann aber führt der Umweg durch viele reinigende Windungen. Wer ausharrt und auf dem Weg bleibt, den findet das Ziel, die Mitte, die gleichsam Anfang ist zu neuem Leben.“

Das Thema ist nicht annähernd erschöpfend zu behandeln. Es ist ein existentielles Motiv, schon weil wir uns immer wieder - selbst verursacht oder schicksalhaft - in labyrinthischen Lebenssituationen weder finden. Der alte Ariadnefaden - die Verstandesseele - hat sich verselbständigt und in Technik veräußerlicht. Aber selbst die besten GPS- Navigationssysteme helfen uns aus existentiellen Krisen nicht heraus- vor allem dann nicht, wenn es nicht nur Rechts und Links, nicht nur Richtig oder Falsch gibt. Vielfach hilft nur die volle konzentrierte menschliche Zuwendung, das offene, sich seiner eigenen Beschränkungen bewusste Handeln, das Agieren in Gespräch und in Bereitschaft, eigene Positionen ständig anzupassen dabei, gemeinsam halbwegs gangbare Wege zu gehen. Es geht manchmal nicht, ohne sich in der einen oder anderen Form schuldig zu machen, etwas vernachlässigen zu müssen, etwas auch ungetan zu lassen. Es geht nicht unbedingt aus alten Vorstellungen heraus, was „moralisch“ sein mag. Der Weg aus labyrinthischen Situationen bedarf einer inneren Vertiefung, einer geistigen Präsenz, die im besten Fall eine überraschende Neuinterpretation der Situation zulässt, eine tatsächlich neue und originelle Lösung. Dann zumindest kann man sicher sein, dass nicht der Makel auf dem Handeln liegt, der da sagt: Hic Habitat Minotaurus.
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Nogaret und die Vernichtung der Templer

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Krück von Poturzyn hatte schon in einem 1963 im Verlag Freies Geistesleben erschienen Buches („Der Prozess gegen die Templer“), auf die Persönlichkeit Nogarets aufmerksam gemacht, der hoch gebildete, als Vorgriff auf spätere Jahrhunderte gefürchtete Jurist Philipps IV. („des Schönen“), der selbst ermordeten Katharereltern entstammte, und in seinem durchdringenden Hass auch gern persönlich folterte, mordete und intrigierte. Man darf vermuten, dass diese hoch gebildeten Mitarbeiter Philipps, mit denen er dem französischen Staat, seinen Finanzen, juristischen und bildungspolitischen Institutionen Formen gab, die als Modell für „Staatsapparate“ schlechthin bis in die neueste Zeitgeschichte erhielten blieben, eine ähnliche Verfrühung in die kulturelle Entwicklung brachten wie 700 Jahre zuvor die Akademie von Gondishapur. Nogaret war bereits vor der damals einmaligen konzertierten Aktion zur Vernichtung des Templerordens von Anfang an für Philipps Machenschaften prädestiniert:

Zu Papst Bonifaz wurde schließlich der ehemalige Professor der Rechtskunde, Wilhelm Nogaret, geschickt, weil der Papst in demselben Dom zu Anagni, wo einst Friedrich Barbarossa und der Zweite Friedrich gebannt worden waren, den französischen König absetzen und den Franzosen einen Deutschen zum König geben wollte. Nogaret war ein seltsamer Mensch, der Sohn von Katharer- Eltern, ein hagerer Mann mit kühnem, furchterregendem Gesicht; dem fanatischen Eifer um seinen König schien ein abgrundtiefer Kirchenhass zugrunde zu liegen. Nogaret drang in des Papstes Schlafzimmer ein, misshandelte den alten Mann, setzte ihn gefangen, soll ihn außerdem beraubt haben und nannte die Tat höhnisch „die Erledigung eines Geschäftes Christi“. Es blieb kein Geheimnis, dass der 84jährige Bonifaz an den Folgen dieses Attentats starb, auch hieß es, dass seinem wesentlich milderen Nachfolger, der nach siebenmonatiger Amtszeit erlag, auf Nogarets Anstiften vergiftete Feigen serviert worden seien. Trotz allem prozessierte Philipp noch acht weitere Jahre gegen den toten Bonifaz.“ (Poturzyn, S. 16)

Philipp war neben seinen staatsmännischen Fähigkeiten, seinen mörderischen Intentionen, seiner Goldgier und seinem visionären Weitblick im privaten Umfeld aus seinem „Gottesgnadentum“ (sein Selbstbild) heraus auch magisch tätig; so heilte er „kranke Drüsen durch Auflegen der Hand.“ (dito) Philipp und sein Staatsapparat waren auch als erste in der Lage, Kampagnen (etwa um Gerüchte gegen die Templer in die Welt zu setzen) im Sinne eines Pressebüros zu unterhalten und damit gezielt Interessen durch Manipulation der Meinungsbildung durchzusetzen: „Philipp begünstigte lediglich die Pamphletisten, die das schreiben mussten, was unters Volk kommen sollte.“ (Poturzyn, S. 17). Philipp unterhielt einen Public- Relations- Manager, Dubois, der zum richtigen Zeitpunkte zu seinen Einsätzen kam: „Pierre Dubois und wer immer von den Schreibern zu Gebote stand- die meisten allerdings hielten zu den Templern-, mussten durch Flugblätter Gerüchte verbreiten, im Laufe der Zeit würden sich Gläubige finden. Im königstreuen Kloster Saint-Denis hieß es bereits, die Templer, kraft ihrer Gelübde zur Keuschheit verpflichtet, würden Kinder verbrennen, die zu ihrer Schande geboren waren und danach die Asche in ihre Getränke mischen. Mochten sie schwätzen, was immer ihnen einfiel, man würde alles sammeln, aufschreiben und verbreiten lassen, denn Philipp war der König, der etwas wie ein Pressebüro erfand, bevor es eine Presse gab, und dessen rüstigste Feder führte Pierre Dubois, der Advokat.“ (Poturzyn, S. 35f)
Da die Päpste Philipps weit gesteckten Zielen, einen Nationalstaat, ja einen „übernationalen Staatenbund katholischer Fürsten unter dem Vorsitz des Königs von Frankreich“ (Poturzyn, S. 18) zu begründen, widerstanden, setzte er einfach selbst einen, der ihm genehm war, ein: Den schwachen, aber ehrgeizigen Bertrand de Got. Unter den Bedingungen, die Philipp diesem vor Amtseinsetzung abverlangte, war eine sechste, die zunächst nicht formuliert war: Dies war die von Anfang an bestehende Absicht Philipps, den Templerorden zu zerstören.

Hier kam nun wieder Nogaret zum Einsatz, von dem es „hieß, er hege persönlichen Groll gegen den Orden, weil sein Vater einst von ihm abgewiesen worden sei.“ (Poturzyn, S. 36) Nogaret fand einen von den Templern verjagten Mörder (an einem Ordensoberen) und Denunzianten, der von Philipp begnadigt werden würde, wenn er angebliche Gräuel der Templer gestand. Es war ein Insider nötig, um bestimmte Aspekte der Einweihungsrituale der Templer so zu deformieren, dass nicht nur Anklagepunkte daraus gemacht werden konnten, sondern auch die Absicht Philipps, die Initiation selbst zu missbrauchen, möglich wurde. Philipp instruierte den Inquisitor von Paris, Wilhelm von Paris, verschwiegen weitere solcher Denunziationen zu sammeln. Die eigentliche siebenwöchige Verhaftungswelle rollte am 24. August 1307 an. Am 13. September wehrte sich der Erzbischof von Narbonne, Gilles Aicelin, den Befehl umzusetzen, und wurde prompt abgesetzt und durch Nogaret ersetzt. „Nogaret selbst, der bei Fackelschein im Namen des Königs mit einem starken Kontingent Fußsoldaten im Pimple begehrte, verhaftete Molay.“ (Poturzyn, S. 54) Die ganze konzertierte Aktion mit ihren propagandistischen Begleitumständen, den Schauprozessen, der elenden Folter, usw. zeigt auch, dass Philipp nicht nur als weitsichtiger, geradezu inspirierter Staatsmann handelte, sondern den Staatsterror stalinistischer und nationalsozialistischer Machart 700 Jahre vorher in großem Maßstab vorwegnahm. Der gelernte Jurist Nogaret war eine dieser dunklen Gestalten, die den Diktatoren stets bereit stehen.

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Die Spur von Nogaret kann durch eine online verfügbare Biografie vertieft werden, auch wenn diese aus dem Jahr 1897 stammt und eindeutig Stellung gegen die Templer bezieht. Ansonsten habe ich begonnen, historische Dokumente und Bilder von den Templern, aber auch Schriftstücke Philipps auf einer Pinterest- Seite zu sammeln, die bei Bedarf und Gelegenheit erweitert werden wird.

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Michael Eggert: Das ägyptische Ka- Mysterium

Das Rätsel um die Darstellung eines Doppelgängerwesens auf ägyptischen Schöpfungsdarstellungen wie im vorliegenden Bildbeispiel der Verlebendigung von Hatschepsut durch Heket besteht seit langer Zeit. Im Bild reicht Heket das Anch- Zeichen, was das Leben- Spendende bedeutet; d.h. das doppelte Wesen erhält mit diesem Schöpfungsakt erst den Lebensleib. Letzterer kann in der Doppelheit also nicht gemeint sein. Das zweifache Kind steht auf einer Töpferscheibe und wird vom Widder- artigen Chnum in seiner physischen Natur geschaffen; von Chnum heißt es: Er formt den Leib, bevor dieser in den Schoß der Mutter eingeht. Es fällt aber auf, dass in dieser Art von Schöpfungsdarstellungen eine der Gestalten ungeschlechtlich ist.
ka

Daher nimmt Max Hoffmeister in seiner Darstellung* an: Die ungeschlechtlich dargestellte Figur auf der Töpferscheibe „muss nämlich der Ka sein, kann nur der Ka sein, weil er sich als Geistkeim des physischen Leibes bei der Konzeption nur der Mutter zugesellt.“ (S. 163) Um die Darstellung zu ergänzen, sei der Ba genannt, der mit dem seelischen Leib des Menschen zusammen hängt, und, zwischen Ka und Ba, der Ach, den Hoffmeister mit dem Lebensleib verbindet. Letztere tauchen in den Darstellungen des abgebildeten Schöpfungsakts noch nicht auf. Hatschesput regierte als Pharonin von 1504-1483 aC. Sie selbst hat sich mit männlichen Geschlechtsmerkmalen darstellen lassen: „Hence we see on the god´s table two boys, both exactly alike, one being the little queen and the other her Ka, her double, which is indissolubly united to her from the day of her birth. These two human beings are lifeless. When Khnum has finished his work, when the two boys are standing before him, life is given them by his divine consort, the frog- headed Heket, who holds before their nostrils the sign of life“ (E. Naville in Hoffmeister, S. 164)

Der Ka eines Pharaos (oder einer Pharonin) wird den Göttern gleichgestellt, eine Art göttliches Urbild des Menschen, obgleich - auf der Töpferscheibe - gleichwohl eine physische Struktur. In manchen Grabstätten gab es eine eigene (Schein-) Tür für das Ka. Außerdem machte Uehli darauf aufmerksam, dass eine der Folgen der rituellen Mumifizierung war, dass das mit dem irdischen Leib verbundene Ka dadurch mit der „Mumie in der Grabkammer verbunden blieb“. Das göttliche Ka wurde durch diese Praxis faktisch magisch gebannt. Nun gingen diese Mysterien davon aus, dass mitgegebene, beschriebene Binden von dem Verstorbenen auch gelesen werden konnten- ebenso wie rituelle gelesene Texte von ihm gehört werden konnten: Der Tote musste also nicht nur hören, sondern aus lesen können“- ähnlich wie dies auch heute bei manchen Nahtoderlebnissen geschildert wird. Dies ist offenbar möglich, obgleich die Verbindung zu den physischen Sinnesorganen des physischen Leibes - in tiefer Ohnmacht - nicht mehr besteht. In den ägyptischen Mysterien war dies eine Erkenntnismethodik - ursprünglich rein sakralen, später wohl auch magischen Charakters -, die durch die Bannung des strukturell leiblichen, aber nicht physischen Ka ein Schauen jenseits der Schwelle ermöglichte - hörend, sehend „als wenn sie in ihrem Körper steckten“ (Hoffmeister, S. 165), aber nicht sprechend. Das ist nur aus einem Grund möglich: Der Ka ist das, was in der anthroposophischen Geistesforschung das Phantom genannt wird: „Denn nur das Phantom, der Ka also, besitzt physische Sinnesorgane“ (Hoffmeister, dito). Und nur auf diese Weise kommt eine quasi- leibliches Hellsehen -so wie in einer physischen Umgebung- zustande.

In den ägyptischen Mysterien galt: Der Ka blieb an die Erdensphäre gefesselt und empfing von der Erde her die Opfergabe der Hinterbliebenen. Dieser Empfindung wegen, die „nunmehr zwischen dem Ka und der Mumie bestand, wurde in der Grabkammer außer der wirklichen Tür eine Scheintür für den Ka eingerichtet -- Blieb somit der Ka mit der Mumie erdverbunden, so ging der Genius des toten Pharao als Osiris in die Himmelswelt der Götter ein.“ (Hoffmeister nach Uehli, S. 166) Der Ka soll in der Mumie ein- und ausgehen können, auch lange nach dem Tod. Andererseits darf man annehmen, dass eingeweihte Hohepriester an der Mumie über den Ka auch sakrale Einblicke in die geistige Welt nehmen konnten. Um diese Einblicke unverzerrt aufnehmen zu können, wurde das Herz in der Mumie belassen, aber die Mumie selbst musste auch „möglichst lebensnah gestaltet“ (Hoffmeister S. 166) sein-also bestens präpariert, angemalt und hergerichtet. So war das Ka, obwohl übersinnlicher Natur, „das am meisten widerstandsfähige und verdichtete Element des Menschenwesens.. Obwohl immateriell, glich das Ka nach Ansicht der Ägypter, ganz genau dem irdischen Körper des Verstorbenen.“ (Kolpaktchy nach Hoffmeister, S. 166) Daher gab es das geflügelte ägyptische Wort Wenn ich sterbe, wird mein Ka mächtig.

Diese Macht hatte jedoch dadurch im Nachtodlichen enge Grenzen, da der Blick auf das Irdische gebannt ist, aber auch die wesentliche Umwandlung des Phantoms in den kosmischen Geistkeim - der Entfaltungs- und Gestaltungsraum der Entelechie im Zusammenwirken mit den hierarchischen Begleitern- zumindest vorerst unterbleibt. Auch die geistige Schau der Hohepriester hat absolut medialen Charakter. Aber diese Charakteristika hatten einen Mysterienzusammenhang eben in einer vorchristlichen Zeit. Zudem gab es weitere Aspekte des ägyptischen Totenkultes, der seelische Aspekte beinhaltete- wenn etwa der Ba- Vogel (Seelenleib) „sich sogar dem Osiris im Himmel zugesellen“ (Hoffmeister, S. 171) konnte. Der Ba wurde als Storch mit Menschenkopf dargestellt.

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Hoffmeister, Die übersinnliche Vorbereitung der Inkarnation. Verlag Die Pforte, Basel 1979
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