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Michael Eggert: Die Krebserkrankung als ein Doppelgänger des Menschen

Zum Buch „Der König aller Krankheiten: Krebs – eine Biografie“ von Siddhartha Mukherjee
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Schließlich ist dieses Buch wohl auch deshalb nicht ganz leicht zu lesen, weil jeder mehr oder weniger betroffen ist - wenn nicht selbst, so doch im Familien und Freundeskreis. Niemand bleibt unberührt von den vielen, teilweise anrührenden, teilweise schwer zu ertragenden Fallgeschichten, die in das Buch eingeflochten sind. Es gibt auch noch eine spezielle Komponente, die an das rührt, was man das Mythische dieser Krankheit nennen mag - es ist und bleibt ein rätselhafter Doppelgänger der menschlichen Existenz, auch im Licht der neuesten Forschung. Es ist unheimlich, wie diese Krankheit sich der Schalt- und Signalstellen unseres Körpers bemächtigt, wie sie unsere scheinbar ureigene DNS manipuliert, sich ihr bemächtigt und sie um-instrumentalisiert. Wie sie, schließlich, wenn es bis in den Zellkern hinein nach vielen Jahrzehnten intensivster Forschung doch Methoden gibt, die Buchstaben, aus denen unsere Erbsubstanz, unsere Zellkerne bestehen, im Sinne einer Gesundung umzuprogrammieren, gleichsam intelligent, im Vorübergehen, eben diesen komplizierten und ausgefeilten Umbau durch einen gezielten einzigen Gegenschritt zunichte macht.

Dies ist ein genaues, wissenschaftlich exaktes, aber zugleich gut lesbar geschriebenes Buch. Wenn ich im Folgenden einige Puzzleteile daraus zitiere, sind das Fragmente aus einem komplexen Zusammenhang- sie entsprechen nicht annähernd den wirklichen Inhalten, sondern enthalten nur einige Impressionen.
Die Geschichte des Krebses ist nicht zu schreiben ohne die Tatsache zu erwähnen, dass ein erheblicher Anteil an seiner Bedeutung der Tatsache geschuldet ist, dass wir immer älter werden: „Binnen eines halben Jahrhunderts stieg die Lebenserwartung der Amerikaner von siebenundvierzig auf achtundsechzig Jahre – ein größerer Sprung, als in mehreren Jahrhunderten zuvor erreicht worden war.“ Übrigens hängt die gestiegene Lebenserwartung, die nicht linear, sondern schubweise erfolgte, an einzelnen Entdeckungen wie z.B. der des Penicillins.
Gerade in diesem Zusammenhang kommt Mukherjee immer wieder zu bedenkenswerten, phänomenologischen Betrachtungen: „Während die Schwindsucht ihre Opfer einst durch Auszehrung umbrachte (das Tuberkulosebakterium höhlt die Lunge nach und nach aus), drückt uns der Krebs den Lebensatem ab, indem er unseren Körper mit zu vielen Zellen füllt; er ist Schwindsucht in deren entgegengesetzter Bedeutung – Pathologie des Übermaßes. Krebs ist eine expansionistische Krankheit; er dringt in Gewebe ein, gründet Kolonien in feindlichen Landschaften, sucht »Zuflucht« in einem Organ und wandert dann in einem anderen ein. Er lebt verzweifelt, erfindungsreich, erbittert, territorialbewusst, schlau und abwehrbereit – zuzeiten so, als erteilte er uns eine Lektion im Überleben.“

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zur ganzen Buchbesprechung
(auch als Print erschienen in Die Drei November 2012
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Der autonome Zeitgenosse im Spannungsfeld von Initiative, Konflikt und Ausgebranntsein

Die grassierende Diagnose von Burnout und Depressionen wirft die Frage auf, ob die westlichen Kulturen viele ihrer Bürger in einer permanenten Überforderungssituation an innere Grenzen treibt oder welche Umstände sich eventuell grundlegend geändert haben könnten. Alain Ehrenberg, ein französischer Soziologe, ruft in seinem Buch „Das erschöpfte Selbst “(1) u.a. auch diese Frage auf: „Die Depression ist eine Krankheit, die sich außerordentlich für das Verständnis der zeitgenössischen Individualität eignet, das heißt der neuen Dilemmata, in denen sie steckt. In der Psychiatrie hat die Depression die Rolle eines vagen Sammelbegriffs, und das aus gutem Grund: Die Psychiater können sie nach wie vor nicht definieren. Daher kann der Begriff sehr flexibel verwendet werden.“ (2)

Die Krankheit erweist sich zu weiten Teilen daher auch als so schwer greifbar, weil sie die Schattenseite spezifischer neuer Anforderungen an das Individuum darstellt - eines Individuums, dessen gelungene Individuation heute in allen möglichen Rollen - beruflich, medial, privat- vorausgesetzt wird und dessen neue Norm vor allem darin besteht, sich flexibel an sich ständig und schnell wandelnde Umstände anzupassen. Diese Anpassung wird nicht nur in passivem Sinne verstanden, sondern so, dass diese einer persönlichen Initiative entspringen soll; neue Rollen, Aufgaben, Definitionen müssen erkannt und ausgefüllt werden, nicht nur erfüllt: „Die Karriere der Depression beginnt in dem Augenblick, in dem das disziplinarische Modell der Verhaltenssteuerung, das autoritär und verbietend den sozialen Klassen und den beiden Geschlechtern ihre Rolle zuwies, zugunsten einer Norm aufgegeben wird, die jeden zu persönlicher Initiative auffordert: ihn dazu verpflichtet, er selbst zu werden. Die Konsequenz dieser neuen Norm ist, dass die Verantwortung für unser Leben nicht nur in uns selbst liegt, sondern auch im kollektiven Zwischenmenschlichen.“ Die Depression wird so zu einer „Krankheit der Verantwortlichkeit“. (3) Der Depressive kann mit dem Tempo und dem Druck ständiger Wandelbarkeit, Verantwortlichkeit und Initiative nicht mehr mithalten, „er ist erschöpft von der Anstrengung, er selbst werden zu müssen.“ (4)

Dieses „Selbst-Sein“ hat aber wenig mit dem zu tun, was man noch im letzten Jahrhundert als „Persönlichkeit“ verstanden hat- eine in sich „gefestigte“ seelisch- geistige Formation. Aus der Sicht des den alten autoritären Normen folgenden Individuums ergibt sich heute ein nicht unerheblicher möglicher „Orientierungsverlust“, eine galoppierende „Privatisierung der Existenz“, ein „Niedergang des öffentlichen Lebens“ und nicht selten auch berufliche und soziale Isolation. In den Zeiten des „Massenindividualismus“ (sic!), in der Grenzen der persönlichen und nationalen Identität zerbrechen (oder überwunden werden), setzt auch, frei geworden aus dem „disziplinierenden Kerker der alten Gesellschaftsordnung“, eine neue Suchbewegung des Individuums ein, ein allgemeiner Hunger nach Sinnstiftung, der weniger religiös- normativ, sondern mehr aktiv- spirituell erfüllt werden soll- passend zu den allgemein geltenden neuen Normen, die in einer Individuation durch permanente Initiative bestehen: „Das Recht, sich sein Leben zu wählen, und der Auftrag, man selbst zu werden, verorten das Individuum in einer ständigen Bewegung. Damit stellt sich das Problem der regulierenden Grenzen zur Aufrechterhaltung der inneren Ordnung anders: Die Grenze zwischen dem Erlaubten und dem Verbotenen schwindet zugunsten der Spannung zwischen dem Möglichen und dem Unmöglichen.“ (5)

Der starre Kanon dessen, was man als „moralisch“, als integer und „reif“ ansieht, hat sich zugunsten der Entscheidungsfreude und Anpassungsfähigkeit in sozialen Kontexten gewandelt: „Die Person wird nicht länger durch eine äußere Ordnung (..) bewegt, sie muss sich auf ihre inneren Antriebe stützen, auf ihre geistigen Fähigkeiten zurückgreifen. (..) Das ideale Individuum wird nicht mehr an seiner Gefügigkeit gemessen, sondern an seiner Initiative.“ (6)

Depression oder - als eine Sonderform- Burnout sind in diesem Sinne nicht mehr „schuldhaft“ im Sinne der Verletzung von Konformismen im Denken und Handeln, sondern sie sind eher eine „Krankheit der Unzulänglichkeit“: Die Person ist in ihren eigenen Konformismen gefangen. Sie kann sich in dem Spannungsfeld zwischen den Anforderungen einer globalisierten Massengesellschaft und der Zumutung, auch im Älterwerden permanent initiativer Souverän zu sein, nicht mehr flexibel und anpassungsfähig zeigen; sie verholzt in einer abgegrenzten Selbstbezüglichkeit. In diesem Spannungsfeld zwischen Individualismus und Gesellschaftswesen gibt es keinen gegebenen Sinn mehr - diesen muss der moderne Souverän inmitten der Widersprüche selbst erschaffen-; wir „werden weder von einer Religion geführt, noch unterstehen wir einem Souverän, der für alle entscheidet.“ Es bleibt nicht aus, dass die Widersprüche, in denen wir uns bewegen, dass die Vielzahl von Rollen, die wir übernehmen müssen und die Selbstinszenierungen, die von uns abverlangt werden, nicht nur nicht ohne Konflikte, sondern eben gerade durch die Bewältigung von Konflikten erst aufgelöst werden können. Auf ein wie auch immer geartetes „Inneres“ im Sinne einer Seelenlandschaft kommt es weniger an, sondern auf die Konfliktfähigkeit, die Belastbarkeit und Lernfähigkeit, um jeweils „akzeptable Kompromisse“ (S. 21) aushandeln zu können. In diesem Sinne ist der „psychische Konflikt“ nicht mehr ein Tabu, sondern im Gegenteil „die Bedingung der Selbstbegründung, die die moderne Individualität auszeichnet“ (ebenda).

Der „Verstandessseelenmensch“, der sich durch Lebensklugheit, Persönlichkeit und gesunden rationalen Egoismus auszeichnet, hat schon im 20. Jahrhundert ein Waterloo nach dem anderen erlebt- die tatsächlichen politischen, wirtschaftlichen und moralischen Exzesse haben ihm den Boden unter den Füßen entzogen. Die Vernunft bestand zuletzt zumindest auch in einem Gleichgewicht des Schreckens, in einer atomaren erstarrten Dauerbedrohung, in Systemen der Massenvernichtung und in einer Krise der Ideologien, die sich selbst durch Extreme des Inhumanismus jede Legitimation entzogen. Die großen traditionellen Religionen konnten durch moralisierende Normen die Krise des Individuums, das sein eigener Souverän sein muss, nicht mehr erreichen- außer als Rückzugsort. Die „innere Unsicherheit“ dieses von eben diesen Normen befreiten Individuums erfordert neue Antworten, denn starre Normen behindern eher ein Individuum, bei dem „die persönliche Initiative zum Maß der Person“ (S. 24) geworden ist.

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1 Alain Ehrenberg, Das erschöpfte Selbst. Depression und Gesellschaft in der Gegenwart. Frankfurt 2008
2 Ehrenberg, S. 14
3 Ehrenberg, S. 14 ff
4 Ehrenberg, S. 15
5 Ehrenberg, S. 19
6 Ehrenberg, S. 19

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Wunderbarer Frühling

Das wird offenbar kein gutes Jahr für Allergiker. Wenn man durch die heimatliche Natur schweift - gleichgültig ob in eher gebirgigen Gegenden oder dem platten Land-, hat man den Eindruck, als würde die Natur dieses Jahr geradezu bersten vor Kraft. Die Schösslinge jeder Art schiessen empor und entfalten sich breit im Blatt, satt vor Kraft. Bei uns spielt auch das Wetter mit. Es entfaltet sich in einer Ideallinie zwischen kalten, feuchten Nächten und einer klaren, intensiven Sonne am Tag- überraschend warm für die Jahreszeit. Was man neu ansetzt, gedeiht auf ungekannte Art, es gibt keinen Ausschuss, keine Kümmerlinge. Selbst die gestreuten Samen entfalten sich, als hätten sie es eilig. Das gibt ein Gefühl der Dankbarkeit und des Trostes- ist es doch, als sei die Natur bemüht, die schweren Verletzungen alles dessen, was lebt, die wir in der letzten Zeit erlebt haben, wenigstens im Vegetativen auszugleichen- ein Körper, der an einer Entzündung erkrankt ist und die Selbstheilungskräfte mobilisiert. Das macht niemanden lebendig, der gestorben ist und repariert nicht die für Jahrhunderte verseuchten Zonen. Es tut, was es kann. Es macht einen wunderbaren Frühling. Ein Frühling, gesättigt von österlichem Geist.
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