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The Unborn - Meister Bankei, Rudolf Steiner und die Ungeborenheit

Bankei

Bestimmt habe ich schon mal über ihn berichtet, den Zen- Meister Bankei, der im 17. Jahrhundert lebte, vollständig aus der Zeit und auch aus den Traditionen des Zen fiel, aber eben deshalb zum Erneuerer und Impulsator des Zen wurde. Um es einfach auszudrücken, war Zen damals in Traditionen, Riten und Gewohnheiten erstickt. Dagegen setzte Bankei den Begriff der Ungeborenheit - ein Zustand unmittelbarer geistiger Selbsterfahrung- einfach indem alles, was „geboren“ - tradiert, angelernt, angemaßt, Denkgewohnheiten, Geschlecht, soziale Schicht, usw - ist, im meditativen Akt abgelegt wird. Bankei forderte also von den Zen- Mönchen (nicht unähnlich den zahlreichen diesbezüglichen Aufforderungen Georg Kühlewinds gegenüber seinen anthroposophischen Zuhörern) inneres, aktives Arbeiten statt sinnentleerter Rituale.

Der Vater Bankeis (mit 8 Geschwistern) war von seinem Amt als Ritter zurück getreten und war jetzt „a masterless samurai or ronin“. Der Junge Bankei fiel als besonders intelligent, aber auch als extrem unruhig, unfügsam und willensstark auf. In früher Jugend führte er Banden an, beruhigte sich aber, als er mit 11 endlich in eine Schule durfte. Fast erwartungsgemäß machte ihm das Schreiben - also das endlose kalligrafische Kopieren von Schriften- Schwierigkeiten. Um nicht jede Anekdote zu wiederholen: Der ganze Junge war eine Schwierigkeit. Er hat z.B. etwa in dem Alter eine Hand voll giftiger Spinnen geschluckt, um sich nach einem Streit umzubringen. Dazu schloss er sich in einem buddhistischen Schrein ein- lag Stunden vielleicht sterbend in einem Sarkophag. Seine Lehrer, die reine Repetitoren waren, nervte er mit endlosen Fragen nach dem Sinn ihrer Gebete: „the awakening of religious doubt in his consciousness“.

Bankei hat diese jugendlichen Jahre damit verbracht, jede Religion, jeden Kult und jede Tradition in seiner weiteren Umgebung „nach Gehalt“ zu erkunden. Er fand leider nichts und „wandered about like a stray mountain lamb, aimlessly and alone“. Endlich fand er in einem Zen- Kloster einen Lehrer - Umpo-, der ihm auf seine Fragen antwortete: „practice zazen“. Bankei wurde augenblicklich Mönch, und lernte drei Jahre bei Umpo. Mit 19 verließ er das Kloster und streifte durch das ganze Land. Es war offenbar ein tiefer Abstieg. Nach den Klöstern und dem Wandern folgte ein Leben als Nichtsesshafter und Bettler, unter Brücken schlafend- und dennoch ständig Zazen praktizierend. Die Zweifel blieben, auch als er mit 23 zu Umpo zurück kehrte. Es folgten Jahre des Hungerns, des Lebens in einer nackten Zelle, des ständigen Meditierens. Bankei wird davon schwer krank, stirbt beinah- und erlebt an der Schwelle des Todes das Einssein aller Dinge in der Ungeborenheit: „I realized what it was that had escaped me until now: All things are perfectly resolved in the Unborn“. Nach Jahren weiteren Studiums bei einem chinesischen Meister wird Bankei der Erbe und Nachfolger Umpos. Er, der zunächst stark umstritten in der Priesterschaft gewesen war, fand nun so viel Anerkennung, dass er eine eigene Schule innerhalb des Zen begründete. Bankei lehrte die nächsten 36 Jahre jeden, der vorbei kam und eine Frage stellte. Diese wunderbaren, geistreichen Gespräche zur Ungeborenheit gehören zum Weltkultur- Erbe. Wenigstens sind sie in einer englischen Übersetzung und mit einer detaillierten Einführung von Norman Waddell - auf die ich mich hier bezogen habe- versehen hier und da erhältlich*

Aber auch Rudolf Steiner hat sich zwar auch zur Ungeborenheit als besonderer Qualität geäußert, wusste aber offensichtlich nicht von Meister Bankei:

Man darf überhaupt nicht unterschätzen die Bedeutung, welche im Worte liegt. In dem Augenblicke, wo sich der Gedanke umprägt zum Worte, selbst wenn das Wort als solches nur gedacht wird, wie in der Wortmeditation, in demselben Moment prägt sich das Wort ein in den Äther der Welt.

Der Gedanke prägt sich als solcher nicht in den Äther der Welt ein, sonst könnten wir niemals im reinen Denken freie Wesen werden. Wir sind ja in dem Augenblicke gebunden, wo sich etwas einprägt. Für die Initiations - Wissenschaft liegt ja heute einfach die Tatsache vor, dass im ganzen Erden- Äther dadurch, dass die zivilisierten Sprachen kein gangbares Wort für
Ungeborenheit haben, dieses für die Menschheit wichtige Ungeborensein überhaupt nicht dem Weltenäther eingeprägt wird.

Alles das aber, was an wichtigen Worten eingeprägt wird in den Welten- Äther vom Entstehen, von alldem was den Menschen betrifft in seiner Kindheit, in seiner Jugend, all das bedeutet einen furchtbaren Schrecken für die ahrimanischen Mächte. Unsterblichkeit im Welten- Äther eingeschrieben, das vertragen die ahrimanischen Mächte eigentlich sehr gut, denn Unsterblichkeit bedeutet, dass sie mit dem Menschen eine neue Schöpfung beginnen und mit dem Menschen hinauswandern wollen. Das irritiert die ahrimanischen Mächte nicht, wenn sie immer wieder den Äther durchsausen, um mit dem Menschen ihr Spiel zu treiben, wenn da so und so viel von den Kanzeln von Unsterblichkeit verkündet wird und in den Weltenäther eingeschrieben wird. Das tut den ahrimanischen Wesen sehr wohl.

Aber ein furchtbarer Schrecken für sie ist es, wenn sie das Wort «
Ungeborenheit» in den Weltenäther eingeschrieben finden. Da löscht für sie überhaupt das Licht aus, in dem sie sich bewegen, da verlieren sie die Richtung, da fühlen sie sich wie in einem Abgrund, wie im Bodenlosen.“ **



*„The Unborn. The Life and Teaching of Zen Master Bankei 1622-1693“. San Francisco 1984
** Rudolf Steiner, GA 203, S. 275f
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Ron Hubbard (Scientology) in der Lehre der Schwarzmagier


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Ron Hubbard, der Begründer der Scientology- Bewegung, hatte zweifellos ein Leben, bevor er „Dianetics“ schrieb. Nicht das, was er beschrieb oder später als Autobiografie ausgab- denn schon früh war dem einfachen Jungen vom Land die Fantasie, ja das Fantastische bis hin zur völligen Erfindung ganzer fiktiver Welten vertraut. Als er 1934 erstmals in den New Yorker Club der Pulp- Autoren (Schundliteratur wie Western, Fantasy, Krimi, Groschenromane) aufgenommen wurde, beeindruckte er einen später ebenfalls berühmten Science- Fiction- Autoren, Robert Heinlein, mit seiner angeblichen Vergangenheit als Kriegsheld: „Heinlein tried to avoid asking Ron to walk down the street as Ron had said that both his feet had been broken when his last ship was bombed. ‘Ron had had a busy war – sunk four times and wounded again and again,’ Heinlein explained sympathetically.“* Daran war so gut wie nichts wahr - außer dass sich Hubbard gerade um eine staatliche Pension als Invalide bemühte- vergeblich.

Aber es ging Hubbard, der bereits eine Familie hatte und keinen Cent verdiente, ja um die Geheimnisse des Lebens. Hubbard sollte in den nächsten Jahren mit seiner überbordenden Fantasie zum erfolgreichen Pulp- Autor werden- einer, der bei seinen Aufschneidereien dennoch unzufrieden blieb, denn, wie er immer wieder äußerte, müsse man einen Kult gründen, um ans ganz große Geld heran zu kommen.

1939 legte Hubbard - vor allem Erfolg- eine Lehrstunde in Pasadena ein- bei Jack Parson, dem Vertreter Aleister Crowleys in Amerika. Crowley selbst war bei seinem Versuch, seinen Erfolg als enfant terrible in den USA fort zu setzen, gescheitert. Parson mietete sich in einer Vorstadtsiedlung an, um mittels ritueller schwarzmagischer Handlungen ein „Moonchild“ auf dem Altar zu zeugen. Da seine eigene Frau, Helen, Parson davon gelaufen war, bot sich die 18jährige Ausreißerin Betty an: „For Jack Parsons led an extraordinary double life: respected scientist by day, dedicated occultist by night. He believed, passionately, in the power of black magic, the existence of Satan, demons and evil spirits, and the efficacy of spells to deal with his enemies. (..) In 1939, Parsons and his young wife, Helen, joined the OTO, Ordo Templi Orientis, an international organization founded by Crowley to practise sexual magic.“

Die Anwesenden waren vor allem von dem glänzenden Hubbard angetan, der einen hervorragenden Stand bei den anwesenden Damen hatte: „He was very sharp and quick, a fascinating story-teller, and he could charm the shit out of anybody. He talked interminably about his war experiences and seemed to have been everywhere. (..) Then Hubbard comes along and starts having affairs with one girl after another in the house and finally fastens on to Betty. I couldn’t believe it was happening.“ Es scheint ein früher Probelauf für einen Kult gewesen zu sein. Auch bei dieser Gelegenheit schwärmte Hubbard, durch die Gründung einer Religion reich werden zu wollen: „Whenever he was talking about being hard up he often used to say that he thought the easiest way to make money would be to start a religion.“

Selbstverständlich stellte sich Hubbard als absoluter Fachmann in Sachen Sex- Magic und Okkultismus vor und wurde auch so akzeptiert: „Although he has no formal training in Magick, he has an extraordinary amount of experience and understanding in the field. From some of his experiences I deduced that he is in direct touch with some higher intelligence, possibly his Guardian Angel. He describes his Angel as a beautiful winged woman with red hair whom he calls the Empress and who has guided him through his life and saved him many times.“- so der naive Parson Die von Hubbard und Parson avisierte Zeugung des „Moonchilds“ - die rituelle Vorbereitung des Antichrists - sollte eine neue Ära im Okkultismus dieser Richtung eröffnen- so hoffte auch Crowley zunächst noch im fernen Europa: „Aleister Crowley professed ‘the great idea of magicians of all times’ was to bring into being an Anti-Christ, a ‘living being in form resembling man, and possessing those qualities of man which distinguish him from beasts, namely intellect and power of speech, but neither begotten in the manner of human generation, nor inhabited by a human soul’“.

Anfang 1946 startet das Projekt- zunächst mit Schwierigkeiten: „Another magician [Hubbard] who had been staying at the house and studying with me, was carrying a candle across the kitchen when he was struck strongly on the right shoulder, and the candle knocked out of his hand. He called me, and we observed a brownish yellow light about seven feet high in the kitchen. I brandished a magical sword and it disappeared. His right arm was paralyzed for the rest of the night.’“ Derlei Wunder - auch das Erscheinen einer Frau mit scharlachroten Haaren - geschahen in diesen Tagen, als Ron und Jack in die Wüste torkelten, um rituelle Texte zu empfangen und aufzuschreiben. Tagsüber eröffneten sie - mit Parsons Geld- ein Geschäft, um mit Jachten zu handeln und diese zu überführen. Parsons, Hubbard und ihre Priesterin Betty führten die „Handlungen“ über mehrere Tage durch. Im fernen Europa war Guru Crowley (heroin- süchtig und pleite) schon lange nicht mehr angetan und schrieb einige Tage später „‘It seems to me on the information of our brethren in California that Parsons has got an illumination in which he has lost all his personal independence. From our brother’s account he has given away both his girl and his money. Apparently it is the ordinary confidence trick.’“

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In der Tat. Der Trickster bei der ganzen Sache war Ron Hubbard. Hubbard war auf und davon, nicht nur mit dem Schiff und damit Parsons Vermögen, sondern auch mit dessen junger Freundin Betty (eigentlich Sara Northrup). Wenige Monate später heirateten Hubbard und Northrup. Das Ziel aber blieb für Ron Hubbard bestehen, trotz der folgenden großen Karriere als Pulp- Autor: „He was really quite a character. I always knew he was exceedingly anxious to hit big money – he used to say he thought the best way to do it would be to start a cult.

Das vorliegende Buch war das erste, das sich bereits 1987 erstmalig mit den Untiefen des Scientology- Gründers beschäftigt hat. In letzter Zeit sind aktuelle und entlarvende Bücher, Dokumentationen und TV- Berichte ("Going Clear - Scientology and the Prison of Belief") erschienen. Mir war es aber wichtig, die geschilderte Episode in dieser Perspektive festzuhalten. Die Darstellung der entsprechenden Crowley- Biografie** ist entscheidend knapper gehalten: „In August of 1945, L. Ron Hubbard appeared on the scene. He had not yet written on Scientology, for which he is best known; at this time he was known simply as a science fiction writer and naval lieutenant. Lafayette Ronald Hubbard (1911–1986) was born in Tilden, Nebraska, to a military family and moved around a lot as a child. He attended George Washington University but, more interested in contributing to the school newspaper and literary journals, he left after two years without taking a degree. During the 1930s he published several novels and dozens of short stories in pulp magazines like Astounding Science Fiction and Unknown Worlds, becoming well-known in the science fiction and fantasy communities.“ Dafür wird genau dargestellt, wie der düpierte Jack das fliehende Pärchen (sie wollten sich nach Südamerika absetzen) verfluchte und durch die Polizei in Florida festsetzen konnte. Es kam zu einem gerichtlichen Vergleich. Parson hätte es wissen müssen. Schließlich hatte er schon zu Beginn des Eklats resigniert an Aleister Crowley geschrieben: „About three months ago I met Ron … a writer and explorer of whom I had known for some time.… He is a gentleman; he has red hair, green eyes, is honest and intelligent, and we have become great friends. He moved in with me about two months ago, and although Betty and I are still friendly, she has transferred her sexual affections to Ron.“

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*Russell Miller: Bare-Faced Messiah: The True Story of L. Ron Hubbard
**Richard Kaczynski: Perdurabo, Revised and Expanded Edition: The Life of Aleister Crowley
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Out-of-body, Meditation und die Forschung des Mind-Life-Instituts


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In der Folge der seit 1987 durch den Dalai Lama voran getriebenen Forschungen des Mind and Life- Institutes in Dharmshala hat es einen dauernden Austausch zwischen buddhistischen Mönchen und Hirnforschern aus aller Welt gegeben- mit Hilfe der neueren bildgebenden Verfahren wurden auch hirnorganische Vorgänge während der Meditation sehr erfahrener Mönche sichtbar. Nebenbei hat der fortlaufende Dialog zwischen Wissenschaftlern und nun ausgerechnet den Vertretern buddhistischer und animistischer Methoden ursprünglich tibetisch- tantrischer Art - also einer sehr alten und traditionsbehafteten spirituellen Richtung- offenbar auch zu dem gewünschten Publicity- Erfolg geführt. Als Zeichen dafür sieht Evan Thompson in „Waking, Dreaming, Being: Self and Consciousness in Neuroscience, Meditation, and Philosophy“, wie schnell -innerhalb von zehn Jahren- sich ein neu geprägter Begriff wie „Mindfulness“ sich in allen gesellschaftlichen Institutionen des Westens durchgesetzt habe- das sei bei Meditationsthemen früher nicht denkbar gewesen: „While it may have taken more than a century for “meditation” to have acquired its current usage, it seems to have taken only ten or fifteen years for the word “mindfulness”“.

Im genannten Buch geht es einerseits um die Geschichte dieser Forschungsrichtung, weiter führend aber generell um die Zusammenhänge zwischen hirnorganisch feststellbaren Prozessen und Bewusstseinszuständen- nicht nur denen in tiefer Mediation, sondern auch beim Tod, im Schlaf, in Träumen- aber auch in „hellen“ Träumen, in denen man weiß, dass man träumt. Die meditierenden Mönche, die jahrelang durchs MRT gejagt wurden, sind durch den Dalai Lama persönlich ausgesucht worden. Sie waren in der Lage, mindestens vier Stunden am Stück im „reinen Licht“ zu verbringen- d.h. in tiefster Meditation, in der keine sensorischen Informationen mehr vermittelt werden. Einer dieser Ausgesuchten ist seit langem der eloquente Autor, Mönch und Forscher Matthieu Ricard, der zum engsten Umkreis des Dalai Lama gehört: „I’m sitting in the audience at the “Investigating the Mind” conference at MIT, listening to the Dalai Lama, neuroscientists, psychologists, and Buddhist scholars talk about mental imagery. Matthieu Ricard, a French Tibetan Buddhist monk, has been talking about the experience of pure awareness, the source from which mental images arise.“

In den Forschungen mit den erfahrenen Mönchen wurde eine Vergleichs- Versuchsgruppe aus lauter Novizen mit untersucht, die die spezifischen Hirnwellen nicht ausbildeten: „Eight long-term Tibetan Buddhist meditators, when they practiced a particular kind of meditation, generated striking EEG brain waves. The same kind of gamma frequency pattern that we’ve seen to be closely associated with reportable conscious experience occurred when the monks practiced their meditation, but didn’t occur in the novice meditators, who served as the experimental control subjects. Most striking, however, the gamma frequency pattern in the monks was especially strong and well organized. Specifically, the size of the gamma brain waves (the amplitudes of the oscillations) was greater than any others previously reported in healthy individuals, and the phases of these fast oscillations were precisely synchronized.

Die wichtigsten Ergebnisse der Forschung sind bekannt; die in tiefer Meditation befindlichen Mönche zeigen typische „tiefe“ Hirnwellenmuster, die synthetisch wirken; d.h. lokale Hirnwellen lösen sich in dem überlagernden Muster auf. Erlebt wird dabei eine „reine Aufmerksamkeit“: „Pure awareness witnesses these changing states of waking, dreaming, and dreamless sleep without identifying with them or with the self that appears in them.“ Eine Methode dabei ist das Bestehen in einer reinen Aufmerksamkeit, die keine Objekte des Denkens duldet: „In open monitoring meditation—or “open awareness” meditation, as I prefer to call it—you cultivate an “objectless” awareness, which doesn’t focus on any explicit object but remains open and attentive to whatever arises in experience from moment to moment. One way to do this is to relax the focus on an explicit object in focused attention meditation and to emphasize instead the watchful awareness that notices thoughts and feelings as they arise from moment to moment. Eventually, you learn to let go of the object of attention and to rest simply in open awareness without any explicit attentional selection.“

Die einmal eingenommene Position der Meta- Aufmerksamkeit beachtet alles, was im mentalen Feld auftreten mag, lässt sich aber nicht davon fesseln: „Open awareness meditation trains awareness of awareness, or what psychologists call meta-awareness. In open awareness meditation, meta-awareness takes the form of witnessing thoughts, emotions, and sensations as they arise from moment to moment, and observing their qualities. This style of practice leads to an acute sensitivity to implicit aspects of experience, such as the degree of vividness in awareness from moment to moment or the way that transitory thoughts and feelings typically capture attention and provoke more thoughts and habitual emotional reactions. One learns to see how habits of identifying with sensations, thoughts, emotions, and memories—in other words, with specific contents of awareness—create the sense of self.

So sehr meditative Praxis und Erfahrungen sich mit der Forschungsarbeit verzahnen - z.B. dass inzwischen erfahrene Mönche ihr Erleben in tiefster Versenkung rückwirkend gliedern und strukturieren, um signifikante Hirnaktivitäten damit identifizieren zu können- so gibt es doch die offene Frage, ob alle Zustände des Bewusstseins immer mit hirnorganischen Aktivitäten gekoppelt sind. Wie ist es mit Erfahrungen außer- körperlicher Art (out-of-body)? Der Dalai Lama hat sich dazu zwiespältig geäußert- in dem Sinne, dass es Rückwirkungen auf das neurologische System gäbe. Nicht aber stimmt er der Ansicht des Autors zu, dass alle Erfahrungen stets hirnorganischen Ursprungs sind, d.h. dass eine eindeutige kausale Beziehung bestehe.

Dennoch sieht auch Thompson, dass meditative Praxis langfristig Hirnstrukturen nachhaltig verändert: „All these findings together suggest that meditation is a unique kind of mental skill and that long-term meditation practice can bring about long-lasting changes in the brain.“ Neu ist, dass man diese Veränderungen messen und "sehen" kann. Tatsächlich hat sich in der Gruppe der erfahrenen Meditierenden gezeigt, dass diese wenig oder gar keine Zeit benötigten, um sich in einen Zustand reiner innerer Hingabe („compassion“) zu versetzen- einem Zustand, der sich im schon Vorhandensein spezifischer Hirnwellen zeigt. Die stets vorhandene „Hyperstruktur“ wird in der eigentlichen Meditation lediglich vertieft und verlängert. Die „Fachleute“ für meditative Praxis haben faktisch das Aktivitätsschema des Hirns dauerhaft verändert: „So there seems to be some relation between meditative expertise—the ability to generate at will certain inner states of consciousness and sustain them over time—and large-scale patterns of gamma frequency activity in the brain.“

Der anhaltende Dialog zwischen Hirnforschung und Meditation hat ein erhebliches Potential. Das vorliegende Buch ist ein Teil davon. Es wäre vielleicht übersichtlicher und interessanter gewesen, wenn sich Thompson auf das meditative Feld beschränkt hätte. Stattdessen versucht er einen General- Überschlag über alle ihm bekannten Bewusstseins- Zustände - "lucid dreaming" besonders prominent - ohne aber auch nur die Grundwidersprüche wie "Erzeugen diverse Hirnströme Bewusstseinszustände oder umgekehrt?" lösen zu können.
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Die Reisen des Christian Rosenkreutz

Nun habe ich Jostein Saethers neues Buch über die Reisen des Christian Rosenkreutz durch die islamische Welt des 14. Jahrhunderts vorliegen. Hier, im Egoistenblog, ein Textausschnitt. Saether bezieht sich im Buch vorrangig auf die Fama Fraternitatis- eine der berühmten Rosenkreuzer- Schriften, in denen der beschriebene Reisende mit dem Kürzel C.R. auftritt. Auch Rudolf Steiner hat in einer Anmerkung bestätigt*, dass „Christian Rosenkreutz“ ein Kunst- Name sei- die damit beschriebene Person bleibe anonym, sei aber gleichwohl authentisch. Saether geht ebenfalls von der Authentizität dieser legendären Person aus- sein Anliegen ist es, im Buch dem Einfluss nach zu gehen, den die kulturellen Einflüsse dieser frühen, einzigartigen Orientreise um das Jahr 1400 auf das Denken von Rosenkreutz gehabt haben mögen.

saether
Rudolf Steiners Betrachtungen nach war CR ein besonders herausragender Repräsentant des esoterischen Christentums, ein Eingeweihter, der in dicht aufeinander folgenden Inkarnationen bis hin zu direkten politischen Interventionen (im Vorfeld der französischen Revolution) erheblichen Einfluss gehabt hatte und hat. Für Rudolf Steiner war der naturwissenschaftliche Ansatz der rosenkreuzerischen Schulung von erheblicher Bedeutung, da dieser seinem eigenen entsprach: „Und so stellte sich für die Rosenkreuzerei das Merkwürdige heraus, dass wie in einem Übergangsstadium diese Rosenkreuzer sich bekannt machten mit allem, was über die Natur in der Zeitepoche erforscht werden konnte. Das nahmen sie in sich auf, verarbeiteten es. Sie hatten wirklich dasjenige, was die anderen nur zur Wissenschaft machten, bis zur Weisheit getrieben. (..)
So dass in der Tat gerade von den Rosenkreuzern eingesehen wurde, dass dasjenige, was man zunächst in der modernen Erkenntnis erhält, erst gewissermaßen den Göttern entgegengetragen werden muss, damit sie es in ihre Sprache umsetzen und es den Menschen wiedergeben. Dass das sein kann, ist ja bis in die Gegenwart geblieben. Studieren Sie heute, indem Sie von dem hier gemeinten rosenkreuzerischen Initiationsprinzip berührt worden sind, den Haeckelismus mit all seinem Materialismus, lernen Sie alles dasjenige darüber, was man durch äußere Naturwissenschaft lernen kann, und tragen Sie das dann den Göttern entgegen, und sie bekommen dasjenige, was in meinem Buche «Geheimwissenschaft» über die Evolution erzählt ist.“**

Dass ein solches naturwissenschaftliches Denken dem jungen Rosenkreutz in Form der Hochblüte islamischer Wissenschaft entgegen kam- ebenso wie die verbreitete Mystik des Orients- erscheint ganz selbstverständlich. Er ist, wie am Ende der Fama zu lesen ist, schon damals mit einer solchen Einstellung und solchen Interessen im Westen - erwähnt ist das christliche Spanien- auf Ignoranz und Ablehnung gestossen.

Saether bezieht aufgrund der dünnen Quellenlage - etwa was die adlige Herkunft Rosenkreutz´, seine kindliche Erziehung in einem Kloster eventuell am Rhein betrifft- einiges mit ein, was einer strengen historischen Betrachtung als etwas gewagt erscheinen muss. Er sammelt Hinweise und breitet ein mögliches Umfeld aus. Saether schildert ein religiöses, politisches, soziales und kulturelles Milieu. Dies unternimmt er quer durch die ganze Reise hindurch- wodurch ein stimmiges Bild des Umfeldes entsteht. Die Details- ob Rosenkreutz ein genuesisches oder anderes Handelsschiff zur Überfahrt benutzt haben mag- bleiben nachrangig. Umstürze, Kriege, Schlachten- das alles waren Szenarien, denen Rosenkreutz nicht selbst ausgesetzt war, die aber gleichwohl während seiner langen Reise im seinem Umkreis stattfanden und die er höchstwahrscheinlich wahrnahm. Saether führt die Details der historischen Umstände daher aus. So entstehen beim Leser Bilder der inneren Spannungen des osmanischen Reiches, das Rosenkreutz in dieser Zeit bereiste. Saether geht dabei bis dahin, die übliche Kleidung, die Mühsale der Seereisen, die Schiffskonstruktionen und das damals verfügbare Karten- Material zu betrachten. Bei der Betrachtung der Handelswege kommt er zu der Vermutung, dass Rosenkreutz bis in die Stadt Petra - die über Handelsposten der Templer verfügt hatte- gekommen ist, und quer durch den heutigen Jemen gereist sein muss. Die in der Fama genannten Orte wie „Damcar“ kann man nicht eindeutig zuordnen. Daher ist die Untersuchung und Verfolgung der damals üblichen Handelsrouten - etwa die Weihrauchstrasse nach Südarabien- stimmig. So bildet Saether den wahrscheinlichen Reiseweg von Rosenkreutz bis über Marokko nach Spanien nach- immer wieder auch unterlegt von Aussagen Rudolf Steiners. Auch der Sufismus und die Mystik des ganzen bereisten Raums sind ein Schwerpunkt- Thema.

Ob seine Betrachtungen zum so genannten Voynich- Manuskript, das er als Hinterlassenschaft von Rosenkreutz interpretiert, stichhaltig sind, kann ich nicht beurteilen. Auch die Frage, ob Rosenkreutz die nach ihm benannte Geheimgesellschaft im Verborgenen hielt, um dem wachsenden Druck der Inquisition zu entgehen, mag etwas spekulativ sein. Dennoch bieten Saethers umfassende Recherchen ein ungemein eindrückliches Stimmungsbild der von Rosenkreutz bereisten Gegenden und seiner Lebensumstände. Es ist ein lesenswertes Buch auch für die, die sich nicht im Speziellen für die Rosenkreuzer interessieren, sondern für eine Epoche in heftiger Bewegung und in zahlreichen Umbrüchen.

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Jostein Saether: Christian Rosenkreutz und die islamische Welt. 400 Jahre Fama Fraternitatis, Hamburg 2015

*R. Steiner, GA 55, S. 176
**R. Steiner, GA 233a. S. 87f
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Der moderne Antichrist. Solowjow und eine aktuelle Erzählung von Ted Chiang

Wladimir Solowjews „Eine kleine Erzählung vom Antichrist“ ist, mehr als hundert Jahre nach ihrem Erscheinen, schon deshalb von einiger Aktualität, weil Solowjew doch in jedem Fall schon dies vorhergesehen hat: „Im einundzwanzigsten Jahrhundert war Europa zu einer Union von mehr oder weniger demokratischen Staaten geworden: den Vereinigten Staaten von Europa.“ Das „mehr oder weniger“ ist vielleicht bedenkenswert. Gemindert wird der Wert des Buchs sicherlich durch die Ressentiments Solowjews gegen das „Mongolische“ - durch die implizierte Annahme, der individuelle Geist würde sich nicht in jedem Winkel der Welt - gegen Widerstände und in Widersprüchen- durchsetzen. Der Unabhängigste aller Geister allerdings ist der, um den es Solowjew eigentlich geht, um den, der das Konzept von Nietzsches Übermenschen nicht nur propagandistisch, elitär, rassistisch oder im Sinne des Nationalsozialismus menschenverachtend realisiert, sondern persönlich: "In jener Zeit trat unter diesen Gläubigen ein bedeutender Mann auf – viele hielten ihn für einen Übermenschen –, der weder einen primitiven Geist besaß, noch auch freilich dem Herzen nach ein Kind war. Obgleich er erst dreiunddreißig Jahre zählte, war er durch seinen Genius schon als Denker, Schriftsteller und Sozialreformer berühmt. Trotzdem er um seine große Begabung wußte, unterwarf er sich aus Überzeugung den Geboten des Geistes. So ließ ihn sein klarer Verstand stets auch die Wahrheit des Glaubens erkennen, des Glaubens an das Gute, an Gottes Dasein und an die Offenbarung des Messias. Er glaubte an dies alles, aber er liebte nur sich selbst. Er glaubte an Gott, doch im Abgrund seines Herzens gab er sich selbst unwillkürlich und ohne sich darüber Rechenschaft zu geben, vor Gott den Vorzug.

Die Selbstbezüglichkeit und Egomanie dieses fiktiven Übermenschen setzt ihn an die Stelle des Sohnes Gottes: "Diese Selbstliebe war aber weder ein instinktiver Drang, noch eine sinnlose Anmaßung. Denn seine außerordentlichen Gaben, seine Schönheit, sein vornehmes Wesen schienen zusammen mit zahlreichen Beweisen von Enthaltsamkeit, Uneigennützigkeit und Wohltätigkeit genügend die ungeheure Selbstliebe zu rechtfertigen, die den Charakter dieses großen Spiritualisten, Asketen und Menschenfreundes bestimmte. Wer hätte ihn anklagen dürfen, dass er in der Fülle dieser Gottesgaben ein sichtbares Zeichen der Auserwählung von oben her erblickte und sich als den Zweiten nach Gott, als den in seiner Art einzigen Sohn Gottes ansah? Mit einem Wort, er hielt sich für Jenen, der in Wahrheit Christus allein ist.“

Der Antichrist, „der große Mann des einundzwanzigsten Jahrhunderts“, der der Menschheit den Frieden bringen will, stürzt mit 30 Jahren in eine innere Krise, in deren Verlauf er in seiner quasi- göttlichen Selbstüberschätzung die Auferstehung Christi leugnen muss. In dieser inneren Auseinandersetzung wird er an einen Abgrund geführt, in den er geistig stürzt, aber aufgefangen wird: „Er fühlt eine Erschütterung wie von einem elektrischen Schlage, und eine geheimnisvolle Kraft wirft ihn zurück. Für einen Augenblick verliert er das Bewusstsein. Als er wieder zu sich kommt, liegt er wenige Schritte vor dem Abgrund auf den Knien. Vor ihm erstrahlt wie durch Nebel in phosphorischem Licht ein Gesicht. Zwei Augen bohren sich mit unerträglichem und schneidendem Glanz in seine Seele. Erstarrt unter diesem hypnotischen Blick hört er eine Stimme, ohne erraten zu können, ob sie aus seinem Innern oder von außen her kommt. Es ist eine seltsame Stimme, dumpf und dennoch klar, aber seelenlos wie schwingendes Metall.“ Man kann von einem Initiationsvorgang sprechen, der hier angesprochen wird, der den kommenden Antichristen auf spezifische Art vergeistigt, und, aus der Phase der Bewusstlosigkeit heraus, ihn das Buch schreiben lässt, was ihn zum globalen Herrscher werden lässt: „Offener Weg zum Weltfrieden und allgemeinen Wohlstand.

Nun mag man über solche Initiationsschilderungen erinnert werden an Hitler, der nach einer Gasvergiftung im ersten Weltkrieg beschlossen hatte, Politiker zu werden. Man kann aber auch ganz aktuelle Bücher ansehen wie Ted Chiangs Erzählungsband "Stories of Your Life and Others“, der gerade auch auf Deutsch erschienen ist- mit dem Titel „Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes“.

In der zweiten Erzählung des Buches geht es um einen erwachsenen Mann, der nach einem Unfall - er war faktisch ertrunken- über eine Woche hirntot im Wachkoma liegt. Er wird durch ein neues Medikament - „Vitamin K“- behandelt, das es möglich macht, bei scheinbar irreversiblen Nervenschäden eine Remission zu erzwingen. Je umfassender die vorliegenden Schäden sind, desto weitreichender und unabsehbarer die Folgen. Dem Hirntod folgt im Fall des Helden eine ins Übermenschliche reichende Hyperintelligenz. Da sich aus militärische Psychologen und Dienste für ihn zu interessieren beginnen, entkommt er, manipuliert durch seine gewonnenen Programmierfähigkeiten die Datenbanken, spekuliert an den Weltbörsen und besorgt sich weitere Dosen des inzwischen konfiszierten Medikaments.

Chiang schildert im Verlauf der Erzählung eine Art intellektueller Initiation, die den Vorgang so von innen beleuchtet, wie Solowjow die Folgen der Karriere seines Antichristen von außen verfolgte. So beginnt der moderne Antichrist Kontrolle über die endogenen Prozesse des Körpers zu entwickeln und entfaltet Fähigkeiten imaginativer Art, indem er Vorgänge und komplexe Zusammenhänge in „gestalts“ wahrnimmt: "Control over my body continues to grow. By now I could walk on hot coals or stick needles in my arm, if I were so inclined. However, my interest in Eastern meditation is limited to its application to physical control; no meditative trance I can attain is nearly as desirable to me as my mental state when I assemble gestalts out of elemental data.“

Der spezifische Weg der ahrimanischen Initiation lässt ihn die inneren menschlichen Bindungen, die sozialen und moralischen Voraussetzungen überwinden, indem er Kontrolle über alle Empfindungen gewinnt: "Of course, I actually experience far fewer emotions than I could; my development is limited by the intelligence of those around me, and the scant intercourse I permit myself with them. I'm reminded of the Confucian concept of ren: inadequately conveyed by “benevolence,” that quality which is quintessentially human, which can only be cultivated through interaction with others, and which a solitary person cannot manifest. It's one of many such qualities. And here am I, with people, people everywhere, yet not a one to interact with. I'm only a fraction of what a complete individual with my intelligence could be.“

Er beginnt eigene sprachliche Systeme zu gestalten und macht sich das Internet als Ganzes zu eigen, indem er in „Ideogrammen“ zu denken beginnt, die jeweils Tausende von Gedanken beinhalten: "My new language is taking shape. It is gestalt oriented, rendering it beautifully suited for thought, but impractical for writing or speech. It wouldn't be transcribed in the form of words arranged linearly, but as a giant ideogram, to be absorbed as a whole. Such an ideogram could convey, more deliberately than a picture, what a thousand words cannot.

So gewinnt der neue Antichrist Gewalt über die gesamte Gestalt seines Denkens, und damit auch über das Bewusstsein von sich selbst, über sein Konstrukt als Person: "I understand the mechanism of my own thinking. I know precisely how I know, and my understanding is recursive. I understand the infinite regress of this self-knowing, not by proceeding step by step endlessly, but by apprehending the limit. The nature of recursive cognition is clear to me. A new meaning of the term “self-aware.““ Eine Initiation findet statt, in der Realität, Kommunikation und Ich Formen mentaler Gestalten für ihn sind: "What I can do is perceive the gestalts; I see the mental structures forming, interacting.“ Das rationale Wirklichkeits- und Selbstkonzept wird für ihn zu einer Ausgeburt seelischer Bedürfnisse aus der frühen Kindheit, die er nun beherrscht: "All that I once knew theoretically about my mind, I now see detailed explicitly. The undercurrents of sex, aggression, and self-preservation, translated by the conditioning of my childhood, clash with and are sometimes disguised as rational thought.“
Die bestimmte „Persönlichkeit“ ist daher nur eine mögliche Form unter vielen, die er anzunehmen nun in der Lage ist: "Much of what is conventionally described as “personality” is at my discretion; the higher-level aspects of my psyche define who I am now. I can send my mind into a variety of mental or emotional states, yet remain ever aware of the state and able to restore my original condition.“

Damit wird es ihm möglich, jede nur denkbare Fähigkeit - ob musikalisch, intellektuell oder handwerklich- in kürzester Zeit zu erwerben, da er die Bindungen an ein bestimmtes Ich- Konzept überwunden und Kontrolle über die Strukturen des Lernens gewonnen hat: "Skills that normally require thousands of repetitions to develop, I can learn in two or three. I find a video with a shot of a pianist's hands playing, and before long I can duplicate his finger movements without a keyboard in front of me.“ Das beruht auch darauf, dass er die biologische Funktionen der Neurotransmitter in seinem Gehirn zu beherrschen gelernt hat: "I have somatic awareness of kidney function, nutrient absorption, glandular secretions. I am even conscious of the role that neurotransmitters play in my thoughts.“ Aber nun wird ihm der Schlüssel zum Zugang der Materie aller Natur und des Kosmos gegeben, der sich aus der Erkenntnis der Prozesse im eigenen Körper ergibt: "I'm closing in on the ultimate gestalt: the context in which all knowledge fits and is illuminated, a mandala, the music of the spheres, kosmos.“ Er erfährt eine Art Erleuchtung: "I seek enlightenment, not spiritual but rational.“

Die völlige Kontrolle über alle seelischen, intellektuellen und somatischen Funktionen lässt den Antichristen, dem seine Mitmenschen lediglich als Marionetten erscheinen, nun auch beliebige Macht über diese gewinnen. Er kann vollkommen manipulieren, bis hin zu dem Punkt, aus ihnen nach seinem Willen „Freunde“ zu machen. Sein ungebremster Wusch nach Macht wird letztlich nur durch einen zweiten „Initiierten“ gestört, der aber im Unterschied zu ihm gewillt ist, zum Herrscher der Welt, zum großen Friedensstifter im Sinne von Solowjow zu werden.

Natürlich sind die beiden Bücher schwer zu vergleichen, doch letztlich verweist Ted Chiang durch die Wendung am Ende der Erzählung selbst auf Solowjow. Chiangs Schilderungen des inneren Werdegangs seines Antichristen sind in der Tat bemerkenswert- vor allem bemerkenswert realistisch. Dass eine solche Erzählung als Science-Fiction bezeichnet wird, ist kaum zu verstehen, aber sicherlich macht es Schwierigkeiten, ein geeignetes Genre dafür zu benennen. Man findet viele Bezüge für den spezifischen inneren Prozess des Helden Chiangs, sowohl in gefährlichen zeitgenössischen Sekten und Organisationen als auch in rosenkreuzerischen, christlichen Schulungen. Der Grat ist schmal, kaum wahrnehmbar, aber die sich entwickelnden Unterschiede könnten größer nicht sein. Auch das macht die Lektüre der Erzählung heute so empfehlenswert.
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Adam Michaelis: Sane lunacy

lucifer
Unemployment. What a shame! We queued up in the line. There, in front of it, who did we recognize from old days? Lucifer, round-shouldered, downtrodden and misused, collecting his social benefit. His wings had been clipped. He looked miserable. And so we got into a chat with him and had a little catching up to do. He had been sacked, finally. He was a craftsman, and an experienced one, but now they had industrial robots. Mass production and marketing. He was no longer necessary or useful. They had picked up the trick from him and could do without him. They still manufactured the old models, he had made all these years, but they were no longer handmade and individually fitted, just made for casual wear and waste, varied a little from series to series, and soon they would be one size and fit all. Smart design. He looked at me with his sorrowful face almost in tears. He was so alone. There were no humans to turn to any more. They all had their own smart Lucifer models and changed them after their own wish and on every occasion. They did not even notice his absence or the change or how the new manufacturers had taken advantage of him, stolen his brand and made him obsolete. What could we say to comfort him? We tried to talk some modern sense into him.

“Today,” we said, “structures of meaning deflate and inflate at the same time. Lucifer, you could not possibly have served so many and so demanding customers at the same time, anyway. The sales are rocketing sky high! With the new products everyone can have absolute and unlimited importance at once, and no one knows the difference. Luckily, there is simply no one who needs old fashioned meaning any more, when they can have so much and so cheap importance! You have to understand people’s situation, Lucifer. They really have no meaning, and so they cannot cope and live without bulks of importance! That is the new spirituality, since only a few have ever heard of one without both meaning and importance. Do you see, Lucifer?”
Lucifer stepped back in horror as if he had seen Christ in our time. “A spirituality without both meaning and importance?” He gasped!
“Yes,” we said, “that is the new spiritual condition if you have to manage on your own and cannot afford even a new Lucifer model, or if you do not like them in the first place.
“But, that is … insane,” faltered Lucifer and went quite pale.

“Well, sane lunacy, we believe. You see, Lucifer, we were sacked too and thrown into unemployment. We worked in retail, in the Anthroposophical department. In the Von Halle Store, but only part time. Just doing measurements and imaging. But then came this hot-headed boss, called us all sorts of names, and threw us out, because we talked about you, the low quality and the general misfit and so on. They had these new smart Lucifer models, too. And the other employees just looked the other way, and some even sneered and crinkled their noses. Perhaps they were also afraid to loose their jobs. Do you know him?”
“No, said Lucifer. Perhaps he is after my time. In a new smart model.”
“Sure, Lucifer. He could not tell the difference either.”
And so we stood there in the line of complete losers, out of job and out of everything, even meaning and importance. Christ!

Adam Michaelis
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Bildausschnitt: Aus einer Pinterest- Sammlung Michael Eggerts zum Thema Luzifer
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Adam Michaelis: It takes one to see one – a commentary

In our latest paper on the Judith von Halle business, Current trends in Anthroposophy, we foresaw the interesting spectacle in Dornach, when the speaking I of Rudolf Steiner, impersonated by an American woman named Teresa Gahard (scheduled to arrive there before 15. December this year), would rendezvous with her spiritual sister, Judith, and distribute the remaining karmic roles and reincarnatory honours between them and their followers.(1) But the naïve and endearingly honest TG really has no idea of the hard personal politics of who is in and out of the Dornach center. It turns out that the warm sisterly shoulder of Judith is in fact a cold and dismissive one. Evidently the threat of competition (or disgrace) has made Judith issue a hard rebuff through her flattered mouthpiece Wolfgang Stadler in a mail which (s)he has made public here on the blog Die Egoisten. (2) It concludes: “Dir, Wolfgang, muss ich dies wohl nicht schreiben. Wenn aber andere Freunde aus unseren Arbeitszusammenhängen sich ernsthaft durch derlei luziferische Lockrufe [wie die von Teresa Garhart, W.S.], die solch gravierende Fehlaussagen vermitteln, irritieren lassen, so kann man sich manchmal fragen, wie dies eigentlich kommen kann, wo doch in vernünftiger Weise in unseren Zusammenhängen so kontinuierlich gearbeitet wird.” [our underlining]

Ouch, is that going to bring down the flying hopes of the ballooned TG and the inflatable Tom Doe (or is it John Toad) even before they board the airship across the Atlantic? Are they going to loose their claims to the new JvH hardliners in Dornach, who are no less dogmatic correct and unapproachable than the former dominator Prokofieff. How are they going to tackle the fact that there is still not room for everyone (or anyone?) in the finer esoteric center circles, and has TG got the clear message here in return for her: “Judith, I look forward to meeting you”?
Hey, Teresa, Judith thinks you are a Luciferic temptress and a pack of … Fehlaussagen! Ach so!

Ok, we leave this US-styled satire here and try not to gloat too much. Because, did we not foresee this development when we commented that like attracts and cures like! And then we also use a little “gesunden Menschenverstand” (healthy judgement) like JvH propagates in her mail and just ask ourselves these simple questions: “Why would a stigmatized saint and a holder of the resurrection body of Christ need to involve herself in a trivial matter like this – to use or sanction an indirect method to get out the message [and doom coming directly from Christ, remember, we stand before Christ in JvH] that TG is a no-go for Dornach? Is JvH perhaps nauseated when confronted with the open Luciferic energies of TG and wants to hold this shadow away from herself? Is she afraid of her own reflection and alter ego? Or is she worried about her reputation and does not want to be seen in company with this American furor and Fury? Or what kind of nasty and petty politics are involved here? And is it possible and credible that “the friends of JvH” are in earnest “irritated” by the claims of TG, and what does that say about that gullible club? Are they embarrassed and made uncertain by the fact, that they cannot discern JvH from TG because of their similarly fantastic claims and likeness of spiritual “open air” demonstration? Could it be … is TG really RS … now that Judith is …you name it?
And we conclude this with our “gesunden Menschenverstand”:
That JvH reacts on TG (even privately, but much more so publically) shows her true ego level and really nothing else. Where TG has honest madness, JvH has shrewd holy politics and manoeuvres. We do not mind this or that in a gaming club where people play spiritual Monopoly. But leave your faith in Christ out of there! How can you possibly see the spiritual power of Christ behind such a miserable ruling instinct and sly defamation? So Judith – what about Lucifer in yourself? Let us hear something about that. It takes one to see one!

Adam Michaelis

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1) TG as RS: “I will then continue mostly working with those pupils closest to me who are highly initiated; their spiritual identities will be held in confidence. I am expecting more reincarnated Anthroposophists, or those not incarnated in the early 1900's but whom I have deep karma with as the 48, to meet me now, mostly, at the Goetheanum. I will not tolerate any gossip about "who is who."
2) It is by now unclear whether JvH has sanctioned this publication of a private mail, which WS has arranged with Michael Eggert from Die Egoisten. Either WS is extremely indiscreet and clumsy in which case we must warn against sending him any private mails in the future, or else JvH is indeed dishonest and calculating, putting down TG in this indirect way using WS as a tool. We opt for the last case because somehow we do not think WS has the nerve to act without sanction (or is it sanctification?).
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Dynamik der Entwicklungen

In einem Beitrag im Egoistenblog habe ich die Betrachtung von Adam Michaelis referiert, „Current trends in Anthroposophy – a conclusion“, in der er vor dem Hintergrund von Jesajah Ben-Aharons Spiritual Science in the 21st Century Entwicklungen innerhalb der Anthroposophischen Bewegung in ihrer spezifischen Dynamik analysiert. Man denke dabei, nebenbei bemerkt, an Rudolf Steiners grundlegende Punkt- Kreis- Meditation, die er im Heilpädagogischer Kurs (S. 154f) darlegte: „Morgens müssen Sie denken: das ist ein Kreis, das ist ein Punkt. Sie müssen verstehen, dass ein Kreis ein Punkt, ein Punkt ein Kreis ist, und müssen das ganz innerlich verstehen. Sehen Sie, damit kommen Sie überhaupt erst an den Menschen heran.“ Aber so wie Steiner dies am Prinzip des Verhältnisses von Stoffwechsel und Bewusstsein darstellte, kann man es z.B. auch in sozialer Dynamik entwickeln, wenn es denn gelingt, dies nicht als starres Konzept zu begreifen.

Das dargestellte Problem mag zunächst darin gesehen werden, dass eine schwache spirituelle - sich vielleicht eher organisatorisch- strukturell verstehende - Mitte der Bewegung in den Randbereichen Phänomene entstehen lassen könnte, die wiederum danach streben, eine „mittige“ Position einzunehmen. Die angestrebte Schwerpunktverlagerung, die im Extrem wie beim Beispiel von Teresa Gahart proklamiert, persönlich die Nachfolge Rudolf Steiners darzustellen und diese Nachfolge auch anzutreten versucht, hat immer etwas mit Deutungshoheit, Macht und behaupteter spiritueller Kompetenz zu tun. Wenn es den Repräsentanten der Mitte nicht gelingen sollte, solche Phänomene auszugleichen, könnten Machtkämpfe und andauernde interne Auseinandersetzungen die Folge sein, die die Bewegung als Ganzes lähmen.

Aber diese zentripetalen und zentrifugalen Dynamiken haben schon sich schon lange überlebt. Die Idee eines „spirituellen Zentrums“ ist spätestens seit der Weihnachtstagung und den zähen Machtkämpfen nach Rudolf Steiners Tod völlig überholt. Heute geht es nicht um Deutungshoheit und spirituelle Kompetenzen, sondern um entstehende, wachsende Netzwerke, die manchmal neben-, manchmal miteinander wachsen- sich womöglich gegenseitig befruchtend. Das gelingt sicherlich nur im Ansatz. Es hat sich auch noch nicht überall herum gesprochen, dass die Vielfalt einer zentralistischen, einheitlichen Struktur bei weitem vorzuziehen ist, dass sie auch der Zeit und den Bedürfnissen einer zugleich globalen wie auch individualistischen Bewegung entspricht. Der Anspruch auf eine Art absolutistischer Deutungshoheit, die Michaelis auch in der Bewegung um Judith von Halle sieht, ist heute anachronistisch und nostalgisch. So schreibt er, auch die Gedanken von Ben-Aharon einbeziehend:

Ben-Aharon’s and our point is that the Michaelic impulse today, plan B, only works in the periphery – in single people and small groups – very close to existence and in personal relations. If anything authentic and forward-looking happens, it happens here, in the fringes. That is why Judith von Halle’s anachronistic and nostalgic attempt to revive and reanimate the dead center is so destructive, because it directs the polarized reaction from the periphery toward the center into Luciferic-Asuric illusions, as exemplified by a Teresa Gahart. This reaction should instead be directed into proper inner work and genuine social and karmic meetings in the periphery, where people start to experience real spiritual events, which must include an existential confrontation with evil. There is today an urgent need to deal with our shadow and double – not least the Asuric anti-I – because of the deep penetration of the evil forces in our outer and inner reality.“

Das „Tote“ des Zentrums muss in meinen Augen nichts Negatives sein- es ist eine notwendige Verwaltungsstruktur, das Knochengerüst eines Organismus. Das Illusionäre liegt allenfalls in fehlgeleiteten Machtansprüchen und im Denken an alte Mysterien mit ihren starren Verortungen und Personalisierungen. Das Macht- und Guru- Schema, dem die Gaharts und von Halles folgen, hat einen - je nach Standpunkt- illusionär- faszinierenden oder eher erheiternd- gestrigen Charakter. Die tatsächliche reale geistige Arbeit hat damit nichts zu tun.

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Download des Aufsatzes „Current trends in Anthroposophy – a conclusion“ von Adam Michaelis, dem diese Gedanken zugrunde liegen
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Wie ein im Frühling aufwachender Planet

In „Die Mysterien des Morgenlandes und des Christentums" (Berlin vom 3. bis 6. Februar 1913, GA 144) geht Rudolf Steiner auf besonders plastische Weise auf Merkmale einer realen geistigen Entwicklung ein - unabhängig, wie er sagt, von der Art und der Kultur: „Zunächst muss jede Seele, die eine gewisse Stufe der Initiation, eine gewisse Stufe des Mysterienwesens erreichen will, das erfahren, was man nennen kann «in Berührung kommen mit dem Erlebnis des Todes». Das zweite, wovon jede Seele etwas erfahren muss, ist der «Durchgang durch die elementarische Welt». Das dritte ist das, was man in den ägyptischen oder sonstigen Mysterien genannt hat das «Schauen der Sonne um Mitternacht», und ein weiteres ist das, was man die «Begegnung mit den oberen und unteren Göttern» nennt."

Grundvoraussetzung, damit im Laufe jeder Initiation das „Denken in der gewöhnlichen Bedeutung des Wortes für den Menschen" aufhören kann, ist das Beenden der eigenen inneren Fixierungen: „Im allgemeinen gehört es zu den aller schwierigsten Dingen des inneren Erlebens, über den Standpunkt des «Meinens», über den Standpunkt der «Standpunkte», des Urteilens hinauszukommen." Aber auch die Konfrontation mit den eigenen Schattenbereichen, ja mit der schier unlösbaren Frage nach dem Gewicht der eigenen Identität, gehört zu den wichtigen Aufgaben: „Der Meditant, der sich hinaufarbeitet zu gewissen Stufen der Initiation, kommt auf einer bestimmten Stufe zu einer sehr merkwürdigen Erkenntnis, zu der Erkenntnis, dass es in gewisser Beziehung recht schlimm steht um das eigene menschliche Innere, um die eigene menschliche Seele. Da ist unter der Schwelle des Bewusstseins etwas, was man wirklich anders haben möchte, wenn man die Urteile des gewöhnlichen Lebens ansieht. In gewisser Beziehung ist etwas Schreckliches, etwas ganz Furchtbares da unter der Schwelle des Bewusstseins." Durch diese Arbeit kommt es zu einer schmerzhaften Umorientierung, in deren Verlauf gerade das, was einem lieb und teuer ist (auch in Bezug auf sich selbst), auf den Kopf gestellt wird: „Was bleibt dann übrig von dem, als was sich der Mensch im gewöhnlichen Leben fühlt ? Nichts bleibt übrig."

Schließlich werden in der meditativen Arbeit aktiv die sensorischen Rückmeldungen als Ganzes unterbrochen - das, was man bislang als So- Sein in einer ununterbrochenen Inanspruchnahme im Wachzustand als Existenzform als essentielle Grundlage der Existenz verstanden hatte: „Also zum Beispiel das Gefühl, mit seinen Füßen auf einem festen Boden zu stehen, was ja nichts anderes ist als ein Ausdruck des Tastsinnes, hört auf, und der Mensch fühlt so ähnlich, als wenn der Boden unter ihm fortgezogen würde, und er auf nichts stünde. Aber er kann auch nicht hinab, und er kann auch nicht hinauf zunächst. Und so ist es mit allen Eindrücken. Kurz, alles, was uns der physische Leib vermittelt - und alles, was der Mensch im normalen Leben durchmacht zwischen dem Aufwachen und Einschlafen, wird durch den physischen Leib vermittelt -, alles das hört auf. Es tritt eben durchaus jener Zustand ein, vor dem der Mensch im gewöhnlichen Leben bewahrt ist, jener Zustand, der eintreten würde, wenn plötzlich einmal jemand, während er schläft, ohne dass er wieder in den physischen Leib hinein aufwacht, bewusst würde." Erst nun wird der „erste Moment im Mysterienwesen" zugänglich, an dem „man bis zu dem Punkt kommt, wo man die Sinnesanschauung und auch das Denken überwindet". Dies ist der erste reale Zustand, der in den Mysterien stets das «Heranschreiten bis an die Pforte des Todes» genannt wurde.

Nur unter Aufbietung von Energie und Willen, von überschüssigen Kräften, ist das Voranschreiten an dieser Schwelle möglich: „Man fühlt: Bis zu einer Grenze ist man gekommen, wo man gegenüber dem Nichts gestanden hat, aber sich selbst hat man eine gewisse Kraft mitgebracht. Die ist vielleicht anfangs recht klein, aber sie wird immer größer und größer, breitet sich nach allen Seiten aus. Man fängt an, in die ganze Welt hineinzukommen, sich mit der ganzen Welt zu durchdringen, und je weiter man die Welt durchdringt mit der eigenen Wesenheit, desto mehr erscheint sie einem als eine immer andere. Man streckt die Kraft, die man mitgebracht hat, nach der einen oder anderen Seite aus: Je nachdem man sie ausstreckt, wird man immer etwas anderes erleben." Hier beginnt das «Erleben der elementarischen Welt»: „Nachdem man also genug Kräfte darauf verwendet hat, um mit der Welt eins zu werden, muss man jetzt noch Kräfte übrig haben, um Kräfte aus sich heraus zu spinnen, wie die Spinne ihr Netz aus sich heraus spinnt." Nun entfalten sich völlig neue Felder der Erfahrung, in denen das Denken als Lebensquell erscheint: „Es handelt sich dabei nicht um ein Konstruieren oder Schaffen einer subjektiven Welt, sondern darum, dass wir gleichsam Seelensubstanz aus uns heraus spinnen. Und die höheren Welten, in die wir uns hineinleben, müssen diesen Umweg wählen, damit wir ihnen gegenübertreten und sie erkennen können. Sie müssen erst durch unsere eigene Seelensubstanz, die wir ihnen zur Verfügung gestellt haben, durchkriechen."

Fassen wir zusammen: Im Fortschreiten der meditativen Arbeit kommt man an Erfahrungsschichten heran, in denen das geschulte Denken in die Lage kommt, in Imaginationen mit zu gehen mit sonst unbewussten, aufbauenden Lebensprozessen. Es ist ganz buchstäblich die Erfahrung lebendigen Denkens- in dieser Sphäre sind Denken und Lebensprozesse nicht mehr geschieden. Selbst in anfänglichen, temporären Erfahrungen dieser Art wird die Parallelität zu Johannes 14,6 deutlich: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich. An dieser Lebenssphäre partizipiert man als Mensch schlechthin; ohne sie wäre Regeneration im Schlaf nicht möglich. Aber in meditativen Ausnahmezuständen ist das Bewusstsein bei entsprechender Schulung auch in der Lage, sich erst im Ansatz, dann in sich vertiefender Hingabe willentlich auf diese Ebene zu begeben. Möglich wird dies durch eine erhöhte Konzentration, durch einen bewussten Verzicht auf Denk- Inhalte im Sinne von kontextualisiertem, isoliertem Wissen, und schließlich durch ein willentliches Abschalten aller sensorischen Rückmeldungen. Man begibt sich in ein energetisches Feld, in dem zunehmend geistige Organe von der Stirn bis herab zur Herzsphäre (und weiter) aktiv werden. Das energetische Feld ist selbst geschaffen- ein empfangender Wille, empfänglich und offen wie ein Resonanzboden. Es ist ein Zustand höchster innerer Aktivität und eines inneren Friedens zugleich, aber auch des Eintauchens in eine natürliche Frömmigkeit und Andacht, die hier entspringen. Auf dieser Ebene beginnen die Lebensprozesse dynamisch aufzutreten- im Sinne scheinbar von Außen imaginativ heran strömender Kräfte. Es ist ein belebendes Element, das willenhaft, transparent aufscheint, aber zugleich ein Gefühl vermittelt, das Rudolf Steiner bezeichnet als ein Gefühl von Frühling:

„Indem wir im Einschlafen den zu einer Welt erweiterten physischen Leib und Ätherleib ansehen, so sehen wir sie gleichsam so, dass wir sie empfinden können, wie einen im Frühling aufwachenden Planeten. Und das geht durch den ganzen Schlafzustand so weiter.
Während wir mit dem physischen Anschauen gewissermaßen unsere Erdoberfläche empfinden und auf ihr das von unten nach oben Sprießende, dasjenige, was wächst und gedeiht, im Bewusstsein haben, ist es so, wenn wir nun von außerhalb dasjenige beobachten, was mit unserem Leibe vorgeht und mit der Pflanzenwelt vergleichen, als wenn seine Wurzeln von oben her dringen und es mit seinen Blüten in unseren Leib hineinwächst. Also eine vollständig umgekehrte Welt empfinden wir, und die Früchte werden hinein versenkt.
Wir lernen dann, dass mit diesem Hinein- Versenken der Früchte wirklich dasjenige zum Ausdruck kommt, was uns dann als die Stärkung des Schlafes zum Bewusstsein kommt. Wir sehen, wie der Kosmos eine ganze Vegetation in unsere Leiblichkeit hineintreibt."
(Rudolf Steiner, GA 159, Seite 156f)
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Adam Michaelis: Existence or spectatorship

In diesem Artikel geht Adam Michaelis auf Aspekte von Judith von Halles Buch „Die Templer“ ein. In diesem ersten von zwei geplanten Bänden zum Thema stehen, wie in diesem Blog gerade an anderer Stelle beschrieben wurde, bestimmte Initiationen im Mittelpunkt, die den esoterischen Kern des Ritterordens ausgemacht haben sollen, von denen es aber keine dokumentarischen Nachweise gibt. Genau diese mehr als problematische Quellenlage ist einer der Kritikpunkte von Michaelis. Selbst wenn man annimmt, dass ihre „Schauungen“ in diesem intimen Punkt korrekt sein sollten, erscheint es ihm doch fraglich, ob das Referieren des Erlebens eines derartig persönlichen Geschehens für Leser Relevanz haben kann, ja ob der bloße Bericht von etwas, was mit Menschsein und Menschwerdung in einer Einweihung zusammen hängt, überhaupt legitim ist- oder mehr sensationelle Effekte bei den Lesern und Hörern hervor rufen mag:

But this is not the most problematic aspect of her course of action – moving from the subjective objectivity of another soul’s individual experience of initiation to her own “objective channel” and then presenting this as a valid and legitimate description in public without having any karmic recollection of it herself. You can certainly raise the question of the legitimacy and appropriateness of this procedure and deliberate if there is any resulting damage from it. Should there be any distortion at all in the description caused by any of the above sources of error, then these questions are immediately answered, since this was after all a secret ritual of initiation reserved for the worthy and prepared in a holy Christian order and not a public matter in the first place. Judith von Halle is by all means an unauthorized intruder if this is not part of her own karma, and her whole procedure verges on voyeurism and sensationalism.“

Anhand der Schilderung einer eigenen früheren geistigen Erfahrung versucht Michaelis zu verdeutlichen, welch eine aufwühlende, existentielle Erfahrung solche Initiationen gerade dann sein müssen, wenn sie Charakteristika - „Wasserzeichen“ - aus der Templer- Tradition besitzen: „Therefore we find ourselves now prompted to comment on what is presented in public as a true description of this spiritual tradition. Because, this was a Christian spiritual discipline and training first and foremost based on existential presence. Spiritual reality here and now in yourself. The collective implications of the present time. It moved from the subjective to the objective to the objectivity of Christ – but always in existential reality and not through spectatorship. This is the spiritual watermark of the Templar tradition.“

Vor allem aber - so Michaelis - haben derartige Erfahrungen tief greifende Einwirkungen auf die darin involvierten Menschen gehabt, sind aber heute nichts als eine leere Hülle, da wir in vieler Hinsicht in anderen Zeiten leben und andere Menschen sind: „Any soul having once been initiated more deeply into the spiritual fabric of the historic Templar order will carry this imprint with it in the layers of progressive karma. The initiation ritual, that was appropriate and useful then for those who participated in it, is today only an empty historic form. The living spiritual tradition and the progressive karma have moved on to our present times.“

Eine heutige Initiation findet im eigenen Inneren - potentiell- jedes Individuums statt, aber erst nach einem klärenden, sich mit sich selbst konfrontierenden Prozess:
„So the modern Templar initiation has nothing to do with historic rituals except for this inner continuity. It is mediated and arranged quite differently – directly, individually and from within. And it works in another way on the confrontation with evil.“

Daher ist Adam Michaelis in Sorge, dass gerade Menschen mit einem tatsächlichen inneren Bezug zu dieser Templer- Tradition von der Darstellung von Halles fasziniert und bezaubert seine könnten: „And the grave problem is, that due to the outer resemblance of some elements in her description with the original ritual and the mutual ideogram, many people with a real and existential meaningful Templar karma could probably be attracted to Judith von Halle as a “specialist” with “esoteric knowledge” on this tradition – and even more so, if they are relatively young and spiritually inexperienced – not realizing, that Judith von Halle and her nostalgic spirituality represents nothing but a spectatorship with no inner authority on the subject.“

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Zum ganzen Aufsatz von Adam Michaelis
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Michaelisches Gestalten und Wirken

Auf den Spuren Michaels gibt es keine gefühlige, sensationelle oder nur intellektuelle Zerrform, keine "Esoterik" im Sinne des zeitgenössischen Verständnisses, sondern stets etwas, was man nur was essentiell und wesenhaft erlebt, im Sinne einer höheren Vernunft, einer Rationalität, die in sich und sich heraus moralisch ist; einer Intelligenz, die praktikabel wird. Der Beginn kann nur im kraftvollen Denken liegen, da an diesem Punkt die höchst entwickelte Autonomie des Individuums vorliegt. Es gibt allerdings in dieser Hinsicht, wenn man tatsächlich den eigenen Denkmeditationen geduldig nachgeht, viele Phasen und Aspekte der eigenen Korruption des Denkens, durch die man durchgeht, da wir es gewöhnt sind, passiv aufzufassen. Man muss die ablenkenden, bedürftigen, aber auch die sich elitär abgrenzenden Elemente, die dem Nur- Seelischen, den Selbstbildern, dem Haftenden, dem Anerzogenen, den genetischen Problemfeldern entspringen, im Sinne einer allmählichen Klärung ablegen, um in absolut reiner Konzentration Sein zu erfahren.

Man ist es nicht gewöhnt, ohne an irgend etwas anzustoßen, ohne Inhalte, ohne Spur, rein aus sich selbst heraus bewusst zu sein. Normalerweise schläft man in einem solchen Zustand ein. Eine der schwierigeren Übung in dieser Willensschulung (und aus dieser besteht natürlich real praktizierte Anthroposophie) ist das Haften (im buddhistischen Sinne) an irgendwelchen sensorischen und körperlichen Rückmeldungen. Wenn man an dem Punkt ankommt, sich davon situativ lösen zu können, ist das Seelisch- Bedürftige bereits zu guten Teilen geklärt, beruhigt, transparent- zumindest in der meditativen Situation. Aber der michaelische Mut besteht dann darin, über die Körperrückmeldungen hinaus weiter zu gehen, den Willen nochmals zu verstärken, um die Absolutheit des willentlichen Aus- Sich- Selbst- heraus- Existierens weiter und weiter zu führen. Es gibt da kein Ende, nur immer weitere überraschende Tiefen, da sich das Bewusstsein immer noch einen Schritt dafür erweitert. In der Tiefe dieser Stille gibt es kein Ende.

Wir gehen in die absolute - zeitlose - Essenz hinein, der sich an diesem Punkt mächtig anbrandende Kräfte und Bilder offenbaren können. Es gibt Neigungen und Schulungselemente in dieser Region, die nicht anders erklärbar sind als aus früheren Mysterien stammend. Man erlebt für sich „Typisches“; man ist hier nicht zum ersten Mal; es ist aus vielen Gründen vertrautes Gebiet. Man hat hier und da Winke und Hinweise bekommen, Angebote zur Schulung und zur Unterweisung. Vieles war nett, manches anregend, aber letztlich blieb immer ein Rest im Inneren unbefriedigt. Das war es nicht. Es ist nicht lehrbar. Man muss seinen eigenen Schlüssel finden, seine eigene Art des Zugangs. Letztlich ist dies, wenn es dann einmal erschlossen ist, die Existenzform, in der wir in viel mächtigerer und umfassenderer Art zwischen den körperlichen Inkarnationen leben- wir alle. Man ist, von Michael nicht gewiesen, aber angenommen, in der Realität des Menschseins angekommen, das sich in vielen Formen und Gestalten offenbart, aber doch einer individuellen, in seiner Essenz gleichen Form- und Zeitlosigkeit entspringt. Die einzelne körperliche Existenz ist eine jeweilige Ausdrucksform dieses reinen Seins- eine Form, in der wir uns "Wort" sind, Geschaffenes, in der das Schaffen, der reine, zeitlose Wille, sich verliert, ja sich sogar selbst vergisst.

Der michaelische Wille ist, dass wir uns nicht nur erinnern, sondern als Wesen realisieren- im Körper, aber tatsächlich erschaffend. Das ist zugleich das Überwinden des "Haftenden" im buddhistischen Sinn. Aber natürlich wollen wir nicht in dieser Sphäre verbleiben, sondern aus ihr heraus wirken. Michael sucht keine individuelle Erlösung von den Lasten, sondern die Freude am Tun, am Mitgestalten. Das ist es, worin Michael das Antlitz Christi darstellt - Christus, der erdzugewandt, erlösend wirken will.

Der reine, erlöste Wille, in der wir aus unserer Essenz schaffend sind, findet sich selbst, aber findet sich selbst auch auch im Willen Michaels und Christi. Der reine Wille des schaffenden Seins, das Individuum, das aus sich selbst heraus, ohne an irgend etwas anzustoßen, lebt, ist in diesem Sinne erfüllt und von den Göttern angeschaut. Daher wird der Wille in dieser Reinheit strahlend, schaffend, wesenhaft:

"Was er aber heute noch nicht hat, das wird ihm die Zukunft bringen: Sein Wille wird immer mächtiger werden, bis er sein großes Ziel erreicht haben wird, welches man in der Geisteswissenschaft das große Opfer nennt. Dieses besteht in jener Macht des Willens, wo das Wesen, das da will, imstande ist, sich ganz hinzugeben, nicht nur das Wenige hinzugeben, was der Mensch mit seinen schwachen Gefühls- und Willensmächten hinzugeben vermag, sondern das ganze Sein hinzugeben, als eine bis ins Stoffliche hineingehende Wesenheit sich ausfließen zu lassen."
(Rudolf Steiner, GA 96, S. 209)
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Michael Eggert: Das ägyptische Ka- Mysterium

Das Rätsel um die Darstellung eines Doppelgängerwesens auf ägyptischen Schöpfungsdarstellungen wie im vorliegenden Bildbeispiel der Verlebendigung von Hatschepsut durch Heket besteht seit langer Zeit. Im Bild reicht Heket das Anch- Zeichen, was das Leben- Spendende bedeutet; d.h. das doppelte Wesen erhält mit diesem Schöpfungsakt erst den Lebensleib. Letzterer kann in der Doppelheit also nicht gemeint sein. Das zweifache Kind steht auf einer Töpferscheibe und wird vom Widder- artigen Chnum in seiner physischen Natur geschaffen; von Chnum heißt es: Er formt den Leib, bevor dieser in den Schoß der Mutter eingeht. Es fällt aber auf, dass in dieser Art von Schöpfungsdarstellungen eine der Gestalten ungeschlechtlich ist.
ka

Daher nimmt Max Hoffmeister in seiner Darstellung* an: Die ungeschlechtlich dargestellte Figur auf der Töpferscheibe „muss nämlich der Ka sein, kann nur der Ka sein, weil er sich als Geistkeim des physischen Leibes bei der Konzeption nur der Mutter zugesellt.“ (S. 163) Um die Darstellung zu ergänzen, sei der Ba genannt, der mit dem seelischen Leib des Menschen zusammen hängt, und, zwischen Ka und Ba, der Ach, den Hoffmeister mit dem Lebensleib verbindet. Letztere tauchen in den Darstellungen des abgebildeten Schöpfungsakts noch nicht auf. Hatschesput regierte als Pharonin von 1504-1483 aC. Sie selbst hat sich mit männlichen Geschlechtsmerkmalen darstellen lassen: „Hence we see on the god´s table two boys, both exactly alike, one being the little queen and the other her Ka, her double, which is indissolubly united to her from the day of her birth. These two human beings are lifeless. When Khnum has finished his work, when the two boys are standing before him, life is given them by his divine consort, the frog- headed Heket, who holds before their nostrils the sign of life“ (E. Naville in Hoffmeister, S. 164)

Der Ka eines Pharaos (oder einer Pharonin) wird den Göttern gleichgestellt, eine Art göttliches Urbild des Menschen, obgleich - auf der Töpferscheibe - gleichwohl eine physische Struktur. In manchen Grabstätten gab es eine eigene (Schein-) Tür für das Ka. Außerdem machte Uehli darauf aufmerksam, dass eine der Folgen der rituellen Mumifizierung war, dass das mit dem irdischen Leib verbundene Ka dadurch mit der „Mumie in der Grabkammer verbunden blieb“. Das göttliche Ka wurde durch diese Praxis faktisch magisch gebannt. Nun gingen diese Mysterien davon aus, dass mitgegebene, beschriebene Binden von dem Verstorbenen auch gelesen werden konnten- ebenso wie rituelle gelesene Texte von ihm gehört werden konnten: Der Tote musste also nicht nur hören, sondern aus lesen können“- ähnlich wie dies auch heute bei manchen Nahtoderlebnissen geschildert wird. Dies ist offenbar möglich, obgleich die Verbindung zu den physischen Sinnesorganen des physischen Leibes - in tiefer Ohnmacht - nicht mehr besteht. In den ägyptischen Mysterien war dies eine Erkenntnismethodik - ursprünglich rein sakralen, später wohl auch magischen Charakters -, die durch die Bannung des strukturell leiblichen, aber nicht physischen Ka ein Schauen jenseits der Schwelle ermöglichte - hörend, sehend „als wenn sie in ihrem Körper steckten“ (Hoffmeister, S. 165), aber nicht sprechend. Das ist nur aus einem Grund möglich: Der Ka ist das, was in der anthroposophischen Geistesforschung das Phantom genannt wird: „Denn nur das Phantom, der Ka also, besitzt physische Sinnesorgane“ (Hoffmeister, dito). Und nur auf diese Weise kommt eine quasi- leibliches Hellsehen -so wie in einer physischen Umgebung- zustande.

In den ägyptischen Mysterien galt: Der Ka blieb an die Erdensphäre gefesselt und empfing von der Erde her die Opfergabe der Hinterbliebenen. Dieser Empfindung wegen, die „nunmehr zwischen dem Ka und der Mumie bestand, wurde in der Grabkammer außer der wirklichen Tür eine Scheintür für den Ka eingerichtet -- Blieb somit der Ka mit der Mumie erdverbunden, so ging der Genius des toten Pharao als Osiris in die Himmelswelt der Götter ein.“ (Hoffmeister nach Uehli, S. 166) Der Ka soll in der Mumie ein- und ausgehen können, auch lange nach dem Tod. Andererseits darf man annehmen, dass eingeweihte Hohepriester an der Mumie über den Ka auch sakrale Einblicke in die geistige Welt nehmen konnten. Um diese Einblicke unverzerrt aufnehmen zu können, wurde das Herz in der Mumie belassen, aber die Mumie selbst musste auch „möglichst lebensnah gestaltet“ (Hoffmeister S. 166) sein-also bestens präpariert, angemalt und hergerichtet. So war das Ka, obwohl übersinnlicher Natur, „das am meisten widerstandsfähige und verdichtete Element des Menschenwesens.. Obwohl immateriell, glich das Ka nach Ansicht der Ägypter, ganz genau dem irdischen Körper des Verstorbenen.“ (Kolpaktchy nach Hoffmeister, S. 166) Daher gab es das geflügelte ägyptische Wort Wenn ich sterbe, wird mein Ka mächtig.

Diese Macht hatte jedoch dadurch im Nachtodlichen enge Grenzen, da der Blick auf das Irdische gebannt ist, aber auch die wesentliche Umwandlung des Phantoms in den kosmischen Geistkeim - der Entfaltungs- und Gestaltungsraum der Entelechie im Zusammenwirken mit den hierarchischen Begleitern- zumindest vorerst unterbleibt. Auch die geistige Schau der Hohepriester hat absolut medialen Charakter. Aber diese Charakteristika hatten einen Mysterienzusammenhang eben in einer vorchristlichen Zeit. Zudem gab es weitere Aspekte des ägyptischen Totenkultes, der seelische Aspekte beinhaltete- wenn etwa der Ba- Vogel (Seelenleib) „sich sogar dem Osiris im Himmel zugesellen“ (Hoffmeister, S. 171) konnte. Der Ba wurde als Storch mit Menschenkopf dargestellt.

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Hoffmeister, Die übersinnliche Vorbereitung der Inkarnation. Verlag Die Pforte, Basel 1979
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Adam Michaelis: Christ as the Lord of Karma - and the nature of the multiplied resurrection body of Christ

..Karma must of course always be absolved, but we believe it can be used freely and actively and arranged by Christ, so that it works to bring all creation closer to Him. This is a reality which is just in its very beginning, and we have only the first vague experiences of its workings. Hence we are hesitant to say too much about it, and nothing can be definitively understood yet, we think. Who are we to judge karma!

But it is clear from the above descriptions that the opening up of the dimensions of collective evil and the releasing of deeper karmic, cast off double structures imply an inner and accellerated karmic work. Now, the compensative and relational aspect of karma requires that karmic structures are absolved in the social dimension, either directly or indirectly, so how can that be compatible with this inner work? If, on the other hand, the collective structure of evil is opened up and this inner work made possible, should there then not be individual freedom to follow Christ on His descent and absolve karma without a need for a linear social recompense? This is where the rearrangement of individual karma by Christ as the Lord of Karma becomes essential. Normally, the karma of a lifetime was more or less prearranged or prepacked by higher spiritual beings before an incarnation, and it was absolved mainly in the social dimension through meetings with other individualities. But now the Christ-being, an aspect of God, is here in the earthly dimension! We really have to understand the implications of this! Things are not as they were before, far from.

If we think about it unbiasedly it becomes clear, that the spiritual process of a lifetime can be rearranged and accellerated in freedom and built into the unfolding Christ-impulse while we are in incarnation. Why would that not be possible if Christ is present everywhere in the etheric, if the collective evil dimensions are opened up, and if Christ is Lord of Karma? Karma can become a more active and free decision, based on inner work – a spiritual and existential aspect of our relation with Christ, where parts of our compensative karma is rearranged and reorganized into a more progressive and collective karma, following a scheme beyond our understanding, which works in total for the higher benefit of the Christ-impulse in every man. ..

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Zum ganzen Aufsatz von Adam Michaelis
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Michael Eggert: Die Wut des Löwen

Hella Wiesberger fasst Rudolf Steiners Darstellung des echten zeitgenössischen Rosenkreuzerweges (abgesehen von den zahllosen Verzerrungen und Verdrehungen, in denen dieser auch noch erscheint) in „Rudolf Steiners esoterische Lehrtätigkeit“* so zusammen: Der heute „maßgebende christlich- rosenkreuzerische Einweihungsweg hat die sieben Stufen: Studium zur wahren Selbsterkenntnis, Imagination, Lernen der okkulten Schrift oder inspirierten Erkenntnis, Rhythmisierung des Lebens (Bereitung des Steins der Weisen), die Entsprechung von Mikrokosmos und Makrokosmos (Erkenntnis des Zusammenhangs von Mensch und Welt), Verweilen oder Sichversenken in den Makrokosmos, Gottseligkeit.“ (S. 92)

Frau Wiesberger sieht vor allem in der fünften Stufe, der Entsprechung von Mikrokosmos und Makrokosmos, die in der „fünften Kulturepoche“ insofern maßgebliche, als es in dieser um das Halten des Gleichgewichts im Erkennen um das „Böse als die Abirrungen davon“ ginge. Sie ignoriert in dieser Schwerpunktsetzung, dass als Voraussetzung jeglicher Imagination, die ja schon ein völlig von allen physischen Einflüssen autonomes geistiges Erkenntnis darstellt, bereits die erste Stufe des Einweihungsweges, die „wahre Selbsterkenntnis“ eine Transparenz bezüglich der inneren und äußeren Einflüsse des Individuums erfordert, die notwendig einen Umgang mit dem eigenen Ego und dessen Schattenwürfen nötig macht - einen Umgang, der zweifellos keine nur intellektuelle Angelegenheit sein kann, sondern eine scharfe und vollkommen ehrliche Konfrontation mit dem Subjekt jeder Erkenntnis- mit sich selbst. Das ist übrigens der Grund, warum diese Website ihren Namen trägt. Die Autonomie des Erkenntnissubjekts muss mit aller Intensität deshalb gewonnen werden, weil es sonst bezüglich jeglicher äußeren (bei Anderen wahrgenommenen) oder inneren geistigen Erfahrung keine Erkenntnisgrundlage geben kann- denn solche Erfahrungen sind nicht abgleichbar mit gegebenen moralisch- ethischen Setzungen, mit dem inneren Kontext, mit der Erwartungshaltung, mit Wahrscheinlichkeit oder anderen aus der sinnlichen Welt gewonnenen Prämissen. Nur die vollkommene Transparenz des Erkenntnissubjektes kann die geistige Erfahrung als das stehen lassen, als was sie sich in ihrer Transparenz ausdrückt. Das erkennende Subjekt muss sich seiner Natur als „Gedanke“ - als Gewordenes, als Konstrukt von Erziehung, Denk- und Reaktionsgewohnheiten, als Verteidigungsbastion gegen Infragestellung der eigenen Selbstbilder, als psychisches Empfindungsbündel, als begehrendes Wesen, das den Selbstverwirklichungs- Maximen seiner Zeit folgt; kurz, als liebgewonnene Projektion gewahr werden. Dagegen - gegen diese Zumutung, situativ- meditativ aus dem Nichts zu leben, als im Sinne des Neuen Testamentes „Armer“ - laufen alle inneren Kräfte Sturm. Die Auseinandersetzung mit dem „Bösen“ ist daher keinesfalls eine Aufgabe, die eine ferne Stufe des Einweihungsweges darstellt, sondern die notwendige existentielle Voraussetzung.

Es geht also nicht um das Sich- Wohlgefallen in Selbstbildern von Ausgewogenheit, sozialer Neigung, Geistesforscher- oder Sinnsuchertum, nicht um moralische Überlegenheit, nicht um das Gefühl intellektueller oder spiritueller Brillanz, um das lebenslange Schmökern in geheimen Schriften und kabbalistischen Spezialkenntnissen, sondern um die zunehmende Bereitschaft, dem ins Auge zu blicken, was „Identität“ ausmacht und was an haftenden und berückenden Kräften aus dem Inneren aufsteigt. Es aushalten zu können, nicht auszuweichen, nichts zu beschönigen und nicht sich selbst zu verdammen. Aber auch Situationen in innerer Mitte zu meistern, in denen man unversehens zur Zielscheibe wird, in denen eine ganze Menge die „Wut des Löwen“ an einem auslässt. Die innere Gelassenheit bewährt sich im Sturm, aber die Würde bewährt sich erst, wenn man verliert, wenn man der Verstossene ist, der, den der eherne Blick der Verachtung trifft.

In Rudolf Steiners Notizbuch (1906, Archiv-Nr B 105) findet sich hierzu: „Die Meister sind nicht ein Schutzwall gegen das Böse, sondern die Führer zur Absorption des Bösen. Wir sollen nicht das Böse aussondern, sondern es gerade aufnehmen und in der Sphäre des Guten verwenden. Die Wut des Löwen ist nur so lange böse, solange sie am Löwen egoistisch verwendet wird; könnte sich ein Herrscher diese Wut des Löwen aneignen und damit Wohlfahrtseinrichtungen machen, so wäre sie gut. Deshalb ist das Böse als Nicht- Wirkliches zu erkennen. Es gibt kein Böses. Das Böse ist nur ein versetztes Gutes. Erst mit dieser Erkenntnis ist geistige Alchemie möglich.“

So steigen wir in Gelassenheit die Treppen hinab in das kochende Grau. Hier sind wir nichts als als aktive Präsenz, die Mitte haltend im Ansturm der Wut des Löwen. Hier findet die Verwandlung statt.

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Dornach 1997
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Adam Michaelis: Love as spiritual nourishment

What we have defended in our last paper, A perverted love ideal, is our own understanding of the meaning of individuality within a Christian belief structure, and we find JvH’s understanding of the human spiritual make-up incompatible with this. We are not involved in Antroposophical dogmatism or apologia. We were only analyzing the argumental structure of JvH, which does takes its point of departure in Rudolf Steiner’s ideas.

We do not think that Christian truth is subjective, or that spiritual development is only a matter of taste, so that every spiritual notion should be held equally valid. This is a false, modern idea belonging to the individualistic and self-important ego, like the uncritical tolerance advocated by many. In reality, these ideas are repressive, restricting thinking and leading to ignorance. Truth is an existential process, yes, but it is not contingent and indifferent.

As to the question of spiritual incorporation. We shall leave out here the mystery of the incarnation of the cosmic Christ-I, which we cannot comprehend fully, though we respect Rudolf Steiner’s understanding of this incarnation as intuitively inspired. We think it is absolutely possible that there do exist impressions of the Christ-permeated etheric and astral bodies of Jesus of Nazareth in the spiritual dimension, and also of an indirect impression of the cosmic Christ-I in the latter body, as explained by Rudolf Steiner. It is not possible for a human spirit to take over, or put on, spiritual bodies of other human individualities as a sort of building blocks in its own spiritual make-up. Nor can a human spirit copy another human I. That goes for the spiritual bodies and the I of Jesus of Nazareth too. These notions are Asuric spiritual materialism and incompatible with creation. They lead to the Luciferic dressing madness of JvH as described in our paper.

We believe, that the human spirit has eternal existence in the spiritual dimension. In this dimension the human spirit can draw near to (attract) the above mentioned entities, which also have permanent existence there, and in this way the spiritual bodies of man can be influenced and infused with the qualities of those entities, like in a special atmosphere surrounding the work of the I on its lower bodies. Let us call it a higher inspiration for this work. This is in no way a process of copying or identification or material incorporation. Creative spirit fertilizes and nourishes novelty. It is not a mechanical reproduction of prefixed clones. The work of every human spirit through the I on its lower bodies is unique and singular, producing spirit man. But in the case of the cosmic Christ-I the relation is a mystery of love. The human spirit receives its identity in freedom from the Christ-I. Without the redemptory act of Christ, the human spirit could not realize spirit man, and a gem of this realization was preserved from the resurrection body of Christ, the restituted phantom of Jesus of Nazareth, taken by the Christ-I through the resurrection, multiplied spiritually and distributed to every human spirit as a reconditioning attraction point for the Christ mystery and a matrix for its own resurrection, but not as an individually restituted phantom, nor as a ready-made spirit man. (Remember, that this particular phantom belonged to the Nathan-soul, which was not affected by the fall of man.)

Since the human spirit exists in the spiritual dimension in a continuum, it is clear, that a bond of affection can develop between human spirits, be they more or less advanced in their development. This friendship and love can indeed affect a human incarnation like in the above described way of creating an inspirational atmosphere, reaching from the spiritual down into the higher astral and even further down in rare cases, which can be traced in the human aura. This is not a material incorporation, but a developing spiritual relationship. In a relationship of love, you are always a spiritual and existential midwife to one another, because that is the very nature of love – to nourish, to kindle. You love the other individual spirit in its unique and essential dissimilarity, as you love your own individuality, because both are loved by God, the Creator. Again, there is no copying or imitation here, just unfolding creation, flourishing. In the garden of God we see only rare, unusual soul flowers, like the untold variety of human friendship, but every flower has its own Christ likeness.

Let us give you an example of this kind of spiritual friendship, reflected into a human consciousness from the soul level. In a lucid dream, awake in the astral dimension, a short sequence of images was shown: In the rural vicinities of France a poor farmer with almost no belongings except for a bell whith a pure heavenly tone in it. An exceedingly rich man, mounted on a horse, who wants to purchase this bell at what ever price. The poor farmer declining this offer gently, because of the priceless friendship with, and his love for the awakener of this bell, a man he once knew, who lifted his spiritual gaze to God through the gift of love.
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Michael Eggert: Das Janus- köpfige Ich. Teil 2

Out of Body

Nicht selten erleben Zeitgenossen in den letzten Jahrzehnten Out-of-Body- Erfahrungen, die einer spontanen Erleuchtung ähneln. Gurus und meditative Techniken führen systematisch an solche inneren Wendepunkte heran. Meist ist das Resultat solcher Erlebnisse in „gelockertem“ Bewusstseinsgefüge, dass die vorhandenen Maximen und Standpunkte sich weiter vertiefen und zementieren. Das Ego erweitert sich um eine Projektion, wird selbst aber höchst selten infrage gestellt, irritiert oder gar brüskiert. Die „spirituelle Erfahrung“ hat dadurch Postkartenformat. Die tatsächliche innere Erschütterung setzt daher meist erst ein bei wie herein brechenden persönlichen, sozialen und gesellschaftlichen Krisen und Katastrophen. Es ist die Frage, in wie weit wir uns dafür bereit gemacht haben, wie wir ihnen begegnen und wie wir damit weiter leben. Crowley selbst, der „Chosen One“, endete verbittert und einsam, mit dem Gefühl, sein Leben verpfuscht zu haben. Die Glorifizierung des eigenen Ichs hat ihre natürlichen Grenzen.

Natürlich gibt es Auswege aus den geschilderten Dilemmata. Zu diesem Zweck hat Rudolf Steiner seine Geisteswissenschaft ja begründet. Selbständige Denker werden sich früh daran stören, wenn sie sich dabei ertappen, Main-Stream-Trends, unwillentlichen Assoziationsketten, Werbebotschaften, Heilsversprechen, in bestimmten Situationen aufflammenden Emotionen und Begierden, aus Geiz und Intrigantentum gespeisten Antrieben zu erfolgen. Es geht nicht um ein angestrebtes Asketen- Klischee, sondern um die unangenehme Entdeckung, das eigene Denken als sich entgleitend, als fremdbestimmt zu erleben. Dies nicht zu beschönigen, sondern bis auf den Grund zu verfolgen, ist eine Grundreinigung des eigenen Hauses - zumindest in meditativen Ausnahmesituationen - und damit der Ansatzpunkt für jede Autonomie des Bewusstseins. Die Wendung des losgelassenen Willens nach Außen - die Beherrschung von Natur und Umgebung zur Unterwerfung unter das Joch des ungeklärten Inneren, die Macht- ist dagegen die Grundbewegung des Magiers.

Die innere Klärung und der Janus- Kopf

Die fortschreitende innere Klärung - im Sinne der fortschreitenden so genannten Bewusstseinsseele- führt aber auch zu sozialen Fähigkeiten, zu einer dialogischen Begegnungsfähigkeit: "Das wird dazu führen, dass durch die Sprache hin- durch die Seele des Menschen gehört wird. Dasjenige, was man sonst nur als Wärme empfindet, wenn man den Menschen anschaut, wird gewissermaßen Farbe, wenn man dem Menschen zuhört. Das dritte ist, dass die Menschen die Gefühlsäußerungen, die Gefühlskonfigurationen der anderen Menschen auch intim in sich erleben werden. (..) Die Menschen werden einander farbig empfinden müssen auf dem Gebiete des Verstehens durch die Sprache. Die Menschen werden sich als Ich kennenlernen, indem sie sich wirklich anschauen lernen." (Rudolf Steiner, GA 185, S. 117ff)

Nach Innen hin setzt sich der Weg über das Anschauen der eigenen seelischen Konfigurationen, Erziehungs- und Reaktionsmuster, Selbstbilder und Konstrukte dahin gehend weiter fort, dass die autonome Entität sich willentlich in langer Übung daran gewöhnt, alle Sinne und Rückkopplungen an den Körper situativ abzuschalten, um ganz in der Stille und "bei sich" zu sein. Die Tiefe der Stille ist unergründlich. Dabei bilden sich nach und nach um die Stirn, den Kehlkopf, die Handinnenflächen und schließlich um die Hautoberfläche als Ganze Energiefelder aus, die zu einem quasi- räumlichen Umfeld führen. In diesen "geistigen" Leib faltet sich die Entität hinein, wobei es sich als Strömendes in Strömendem erlebt, aber auch ohne leibliche Rückmeldung als Person. Das sich entfaltende imaginative Panorama wird in Devotion intensiv in seiner Fülle erlebt, in vollkommener Hingabe und Liebe. Quellendes, unerschöpfliches, sich aus sich selbst gebärendes Leben ist hier erfahrbar. Noch sind die heran brandenden bewegten Farbfelder zwar intuitiv erkennbar als "Wille", aber noch solange nicht verständlich, solange der eigene Wille nicht vollkommen geklärt ist. Das körperliche Eigensein ist etwas, was erkennbar wird als ein möglicher Ausdruck des eigenen Selbst, als etwas wie ein sprachlicher Ausdruck. Es ist völlig klar, dass dieser Bereich der Transparenz, des Bewusstseins, Lebens etwas ist, was der Natur des eigenen Seins entspricht. Es ist aber auch klar, dass die Biografie des Geistes, der man ist, nun einen weiteren Schritt gemacht hat auf einem Weg, der in Autonomie und Hingabe zugleich zu sich selbst führt. Der Eigenwille des magischen „Tu was du willst“ wird so weit zurück genommen, dass sich in der Stille, in der Mitte des Seins ein Quell öffnen kann, als Akt der Gnade und der geistigen Neugeburt. Die Individualität ist hier aufgenommen, im kühlen, klaren lebendigen Strom.

Nun sind wir weder völlig korrumpierte noch jemals wie auch immer befreite Individuen. Wir sind als Zeitgenossen Janus- köpfig. Das ist das Zeichen der Bewusstseinsseele. Wir schauen auf uns selbst, wir sehen manche unserer Antriebe und Handlungen mit Befremden. Manchmal verschwenden wir unsere Energien, um idealisierte Selbstbilder zu erklären. Wir kreisen um uns selbst, um unlösbare Konflikte und Beziehungen, sind aber zugleich frei genug, um eben dieses Kreisen sehr wohl wahr zu nehmen. Letztlich geht es nicht um Positionierungen und Selbstdefinitionen, sondern um die innere Freiheit, in der richtigen Situation initiativ werden zu können. Am eigenen Versagen, am Unlösbaren, am klaren Blick auf das Elend der Zeitgenossenschaft und auf unser eigenes Verstricktsein nichts zu beschönigen, aber auch nicht zu resignieren, lässt das in uns wachsen, was wirkliche innere Autonomie bedeutet, zugleich aber verbunden ist mit der Welt, dem Schicksal, der Natur und den Mitmenschen.
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Michael Eggert: Das Janus- köpfige Ich. Zu spirituellen Erfahrungen des linken und des rechten Pfades, Teil 1

„Philosophischer Satanismus“

Der These folgend, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine allgemeine Öffnung aller spirituellen Richtungen begann, die sich zunächst im Schmelztiegel in der und um die Theosophische Gesellschaft tummelten, um sich dann nach und nach zu entfalten, finde ich Bestätigung im Buch eines nach eigenem Bekenntnis „der linken Hand" folgenden Autors, Stephen E., Ph.D. Flowers in „Lords of the Left-Hand Path: Forbidden Practices and Spiritual Heresies“.

Die „Brüder der linken Hand“ (um einen altertümlichen Begriff zu benutzen) verstehen sich zunächst als Vertreter des freien Willens des Individuums: „The left-hand path considers the position of humanity as it is; it takes into account the manifest and deep-seated desire of each human being to be a free, empowered, independent actor within his or her.“ (Flowers) Im Gegensatz zu Vertretern der „rechten Hand“ sehen sie keine göttliche Orientierung ihres Wirkens: „Where the right-hand path is theocentric (or certainly alleocentric: „other-centered“), the left-hand path is psychecentric, or soul/self-centered.“ Der Magier möchte „die Welt“ seinem Willen unterwerfen und strebt dabei keine Harmonie an: „The magician makes the universe do his bidding so as to harmonize itself with his will, whereas in religion the human community attempts to harmonize its behavior with a universal pattern that is perceived to derive from God or Nature“. (Flowers)

Der „philosophische Satanismus“, der sich seit Mitte des 20. Jahrhunderts entwickelt habe, entstamme dem öffentlichen und allgemeinen Aufbruch in der okkulten Melange zu Beginn des 20. Jahrhunderts: „...no period of history is more important than the occult revival of the late nineteenth and early twentieth century. The original Luciferian/Ophite-Gnostic doctrines of the Theosophy of H. P. Blavatsky (especially as expressed in The Secret Doctrine) form one branch of this tradition, while the Thelemism of Aleister Crowley forms another.“ (Flowers) Dazu möchte ich anmerken, dass sich eine ganze Reihe magisch Tätiger im direkten Umfeld von Blavatsky befunden haben oder sich sogar zu ihren direkten Schülern zählten- wie etwa William Butler Yeats. Ich sehe eher ein sich entwickelndes dreigestaltetes Feld in theosophisch- anthroposophischer Linie, in Richtung eher ritueller magischer Logen wie Golden Dawn und Stella Matutina und der Richtung des O.T.O. eines Reuss oder Crowley. Auch die „graue“ Linie einer Stella Matutina experimentierte zeitweilig mit Sexualmagie, Invokationen, mit Trance und Medien, hatte aber in ihren zeremoniell- freimaurerischen Installationen einen Zugang für ein libertäres ( und zahlendes) Bürgertum- manchmal in einem Ausmaß, dass der Übergang zu theatralischen Darbietungen fließend war. Aber auch Crowley übte sich lebenslang in solchen Auftritten - zeitweilig auch als Maler-; hauptsächlich um seine Sucht nach Öffentlichkeit, Schock und Geld zu befriedigen.

Entgrenzung

Radikale Überwindung aller moralischen Grenzen, die den aktiven Magier und Satanisten umtreiben, um alles „Haftende“, alle soziale Verbindlichkeit zu überwinden, kommt unweigerlich an einen Punkt, der eindeutig ins Unethische führt: „Ultimate spiritual independence is the essential quality of the left-hand path. With the freedom this quality provides comes the possibility for unethical behavior.“ (Flowers) Der radikale Individualismus, der auf diese Weise Anfang des 20. Jahrhunderts in die Öffentlichkeit trat, hat einerseits eine sehr lange Tradition, die (nach Flowers, der zweifellos voreingenommen ist) bis in die Frühzeit hinduistischer Sekten und ägyptischer Gottheiten führt. Andererseits ist er vor allem zu Beginn der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts in satanistischen Gruppierungen aufgegriffen worden, die sich in vieler Hinsicht auf Aleister Crowley beriefen.

In gewisser Hinsicht ist er aber zum (non)ethischen Maßstab der Zeit geworden, etwa in der Doktrin der „Selbstverwirklichung“, des Erfolgs um jeden Preis, des ununterbrochenen wirtschaftliche Wachstumsmotors (auf Kosten der Umwelt, kommender Generationen und Arbeitnehmer), der ständigen Verfügbarkeit der Annehmlichkeiten der Wohlstandsgesellschaften, als Turbokapitalismus ohne alle Grenzen. Das Überwinden der sozialen Verbindlichkeiten, die persönliche Verwirklichung, die Vergiftung der Umwelt durch Kunststoffe und die schnelle Verfügbarkeit jeglicher Ware sind ja heute die Standarderwartung des Ego. Wir kreuzen die Säbel mit Anderen argumentativ und verschieben die Niederlagen und Untergänge ins TV- Programm. Wir delektieren uns an der Lächerlichkeit Anderer. Insofern bedeutet der „Sturz der Geister der Finsternis“ vor allem, dass wir sie in uns selbst auffinden. Sie stellen die ethische Norm für uns dar. Von daher ist es problematisch, explizit „spirituelle“ Ziele zu verfolgen, da fast alle marktgerechten Wege heute vor allem bedeuten, das Ego vor uns selbst und vor Anderen aufzuwerten. Unsere ethische Ausgangslage ist so, dass wir mit dem Illusionären rechnen müssen, egal welchen Anstrich es haben mag. In der umfassenden Waren- und Informationswelt, die das Ego in jeder Hinsicht versorgen soll, ist das „Spirituelle“ das ultimative Produkt, das uns womöglich auch noch eine ethische Fassade geben soll. Daher finden sich unter den „Spirituellen“ so extrem fanatische Personen- sie verteidigen ihr sakrosanktes Selbstbild mit den Mitteln des Kampfs und der argumentativen Unterwerfung oder, notfalls, Gewalt. Dass die ethischen Selbstbemäntelungen mit unethischen Mitteln verteidigt, dass sie dabei vollkommen korrumpiert werden, bleibt unentdeckt und ein inneres Tabu.

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Anmerkung: Das genannte Buch führe ich nicht als Empfehlung auf, sondern als Arbeitsmaterial. Der Text ist - insbesondere in Bezug auf das Christentum- selbstverständlich inakzeptabel, um nicht zu sagen lächerlich. Wer Flowers dennoch in einer befremdlichen Show („WitchTalkShow“) in einem langen Interview kennen lernen möchte, findet dies auf YouTube.
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Adam Michaelis: A perverted love ideal - the stamp collection of Judith von Halle

Adam Michaelis zeigt in einem neuen, sorgfältig gearbeiteten Artikel an Hand von Textstellen aus Judith von Halles Buch Rudolf Steiner, Meister der Weissen Loge auf, wie in deren Arbeit der Begriff der Liebe und der der Individualität auf geschickte Weise in eine Beliebigkeit getrieben werden, der den christlichen Impuls in ein Gegenbild verwandelt. Aus einem erfüllten, sich entwickelnden Individuum werden bei von Halle massenhaft inspirierte Kopien und personale Fragmente- "ein Konglomerat aus verschiedenen Wesensgliederanteilen verschiedener Individualitäten"-, die beliebig ausgetauscht werden.
Michaelis fragt: „It is a hugely spectacular, a gigantically Luciferic masqerade of copies of spiritual bodies, a jigsaw puzzle of combined and exchanged identities – and one must ask a simple question: How can there be any individuality left anywhere? The human I dressing up like this … incorporating, absorbing, conglomerating … bits and pieces of other individualities or even their total being and I … how can this human I have any identity left in it?"

Der christliche Impuls des spirituellen Individuums wird bei von Halle zum fragmentierten Massenprodukt, ein antichristliches Zerrbild. Michaelis charakterisiert von Halle als „spirituellen Technokraten": „The purpose of this thinking is clearly to destroy spiritual significance and creative idea. But what is wrong with this monstrous understanding of human spiritual development, social organization and love? Well, it is constructed in the dreary mind of a technocrat like JvH, piecing fancy esoteric elements together in a total displacement of order, guided by wrong spiritual principles. We see her as a collector of “spiritual” stamps, copies and imprints – the more coveted, the better. The greed here is a low form of sexual desire, a misrepresentation of real spiritual love, describing humans like insects – hoarding and hatching spiritual elements from each other."

Zum Download des Textes
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A.H. Almaas über Kühlewinds Begriff des Logos

„Das menschliche Wesen ist eine rationale Kreatur, weil menschliche Wesen an der Struktur des Logos teilhaben können. Die entwickelte und reife menschliche Seele ist eine rationale Seele, die der harmonischen Struktur des Logos entspricht.
Dies mögen wir ein grundlegendes Denken nennen, im Gegensatz zum Alltagsdenken. Das mag uns verstehen helfen, dass das Alltagsdenken eine Reflexion des Flusses des Logos ist. In anderen Worten, unser Verstand ist eine Spiegelung des Logos, indem neue Gedanken und Konzepte ähnlich dem kreativen Logos entwickelt werden.

Solches Verständnis mag uns zur Wahrnehmung führen, dass unser Denken heranreichen kann an ein objektives Denken, in dem nicht nur der Fluss des Rationalen vorherrscht, sondern ein geordneter Fluss von Einsicht.
Dies stellt eine mögliche Realisation der inneren Reise dar, wobei unser Verstand mit dem essentiellen Grund verbunden wird, und dabei weit über das Rationale hinaus, per Intuition in universelle Konzepte hinein ragt.
Dies ähnelt Gurdjieff’s Konzept des objektiven Denkens, aber auch dem Begriff des reinen Denkens bei Kühlewind, welches er als Annäherung zur Erfahrung spiritueller Realität versteht, aber auch als Realisierung der Präsenz:

"Such pure thinking, if applied to other fields, could create the possibility of thinking with mathematical precision about spiritual realities. Thereby the activity of the Spirit in man would truly begin. Awareness of the Logos could be kindled by pure thinking about the light of consciousness. Perceiving the Logos, the spirit could assume its true function: to investigate the obstacles that stand in the way of realizing consciousness-in-the-present, and to develop methods for removing these.” (George Kuhlewind, Becoming Aware of the Logos, p. 90.)“

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Übersetzung von Michael Eggert aus dem Buch „The Inner Journey Home: Soul's Realization of the Unity of Reality“ von A. H. Almaas
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Adam Michaelis: Inedia as a spiritual principle – the materialized resurrection body of Judith von Halle

In dieser okkulten Untersuchung geht es Adam Michaelis zunächst um die Nahrungslosigkeit - ein Thema, auf das niemand von uns selbst gekommen wäre, würden nicht eine ganze Reihe von Anthroposophen einer Judith von Halle das abnehmen. Michaelis bezieht sich vor allem auf das Buch Und wäre er nicht auferstanden, zusammen mit Peter Tradowsky geschrieben. In diesem Buch wird ja dargelegt, dass die komplette Nahrungslosigkeit - so behaupten die beiden Autoren- ermöglicht würde durch das wie auch immer bei von Halle implantierte esoterische Phänomen der Materialisierung des so genannten Phantomleibes - eines spirituellen Urbildes des physischen Leibes an sich, der durch die Auferstehung Christi wieder in den Urzustand vor dem Sündenfall zurück versetzt worden ist. Dieses Erlösungsgeschehen ist für die christliche Esoterik eines der Grundlegenden in Bezug auf die Gnade und berührt den Kern dessen, was mit der Auferstehung und der Erlösung des Menschen zusammen hängt. Der eine Auferstehungsleib hat die Erlösung der spiritualisierten „Phantomleiber“ für jedes einzelne Individuum, d.h. für jede Entelechie der Menschen erreicht.
Eine erste Profanisierung dieser Mysterien findet man bei von Halle in dem Begriff des „Anziehens“ dieses Erlösungsgeschehens in Hinsicht auf das Phantom. Auf diese Weise - ohne weiteres Zutun oder Bemühen- habe Frau von Halle (so die Darstellung im genannten Buch) dieses Mysterium wie ein Kleidungsstück erhalten. Das habe Effekte auf sie gehabt wie Stigmata, Nahrungslosigkeit, Hellsichtigkeit, und einen Übergang in einen Zustand jenseits von Zeit und Raum, im Sinne ihrer „Zeitreisen“. Natürlich hat sie sich nie wissenschaftlichen Untersuchungen gestellt.

Dies steht im Gegensatz zu vielen anderen Nahrungslosen aus allen möglichen Kulturen, die Michaelis in der Folge vorstellt. Manche atmen „Prana“, manche channeln den Grafen von St. Germain. Bei wissenschaftlichen Überprüfungen halten sie aber meist nicht stand. Eine Dame gibt die Verdopplung ihrer DNS an, möchte aber lieber auf eine Untersuchung verzichten. Die vorgeblichen Wunder, die im übrigen nur bei von Halle einen angeblich christlichen Hintergrund haben, erweisen sich meist als Betrugsversuch.

Aber selbst, wenn man von Halle dieses Wunder zugestehen würde, bleibt doch die Frage, was denn da bei ihr eigentlich geschehen ist. Die Phantome der Menschen insgesamt sind durch Materialisierung und andere Einflüsse der Widersacher korrumpiert und durch die Auferstehung wieder erlöst worden. Bei Frau von Halle bewirkt das bei ihr angeblich „angezogene“ erlöste Phantom des menschlichen Leibes z.B. Nahrungslosigkeit bzw die Unverträglichkeit jeder Nahrung. Selbstverständlich findet sich eine solche wundersame Wirkung nirgendwo im Werk Rudolf Steiners; es handelt sich um eine Spekulation Tradowskys und von Halles. Die jedem Menschen möglichen inneren „Erneuerungskräfte“ bis hin zur allmählichen Stoffverwandlung im Verlaufe der Menschheitsgeschichte werden einfach von von Halle für sich proklamiert, jetzt, sofort und absolut. Auch ihr gesamter vorhandener physischer Körper sei - einfach so- verwandelt worden. Nun muss man doch feststellen, dass Judith von Halles Körper offensichtlich vor uns steht wie eh und je. Ihre Materialität ist wie die jedes anderen Menschen, dies seit Jahren und offensichtlich ohne auch nur Gewicht zu verlieren. Es ist nicht ersichtlich, warum der Auferstehungsleib Christi eine ganz normale Physis (und in diesem Sinne korrumpiert wie jede andere auch) ergriffen haben sollte, um ihr diese Nahrungslosigkeit zuzumuten. Geist und geistiges Erlösungsgeschehen sind Dinge, die nicht der individuellen Inkarnationsebene Einzelner unterliegen. Die geistige Arbeit führt zur geistigen Wiedergeburt des individuellen Menschen, aber nicht auf physischer Ebene, sondern im individuellen Ringen jedes Einzelnen, durch Inkarnationen hindurch. Judith von Halle behauptet mit der Interpretation ihrer scheinbar erlösten Physis, sie unterliege nicht den Gesetzen von Inkarnation und Karma, dem irdischen Eingebundensein in einen Stoffwechsel. Die Absurdität dieser Behauptungen wird durch ein Zitat Steiners belegt, in dem er darlegt, wie sehr die Erde selbst vom physischen Dasein des Menschen abhängt, der ihr beim Ablegen des Körpers immer weiter - „wie ein feiner Regen“- durch ihn vergeistigte Substantialität im Sinne eines geistigen Fruchtbarmachens zuführt. Die esoterisch- christliche Bejahung der irdischen Existenz bedeutet auch eine Erlösung der Erde selbst. Selbst Jesus selbst habe - so Michaelis- Nahrung zu sich genommen. Warum sollte die Auferstehung Christi nun ausgerechnet einen solchen Effekt auf Frau von Halle haben? Schließlich hat die Auferstehung nicht den Zweck, eine magische Inszenierung in Bezug auf diesen ihren physischen Leib zu erreichen. Die Korruption des Leibes kann bei Frau von Halle nicht auf einmal aufgehoben sein - so wenig wie die durch Ahriman und Luzifer bewirkte Materialisierung des Leibes nun durch den auferstandenen Leib Christi einfach fortgeführt würde. Ansonsten würde der Leib Frau von Halles zu Staub zerfallen wie der von Jesus nach der Kreuzigung. Aber Frau von Halle erscheint weiter gesund und munter. Es stellt für Michaelis eine Blasphemie dar, das Auferstehungsgeschehen herunter zu brechen auf eine solche physische Ebene.

Dazu kommt, dass Frau von Halle das von ihr behauptete - und materiell gedachte- Gnadengeschehen nicht durch ein willentliches, beabsichtigtes Mühen des Ich erworben hat. Es gibt in ihrer Biografie keine Spuren eines spezifischen, individuellen spirituellen Weges, keine Entwicklung oder Einweihung. Eine seit Kindestagen vorhandene „Kontinuität des Bewusstseins“ ging nahtlos über in ein „Anziehen“ dieser überwältigenden Erscheinung, die auch sofort alle ihrer Geistleiber sowie den physischen Leib durchdrungen hätte. Die Transformationsarbeit eines normal inkarnierten Individuums blieb ihr zwar so erspart, aber diese ihre Beschreibung des Geschehens hat dafür Charakteristika einer plötzlichen „Besetzung“. Die Frage von Halles, wovon das Phantom als Geistleib lebe, ist so schief wie ihre Vorstellung des Eindringens des Auferstehungsleibes Christi in eine physische Existenz. Sie hat offensichtlich entgegen ihren eigenen Vorstellungen eine Manifestation erlebt, die ihr seelisch- leibliches Wesen auf unbalancierte und unbewusste Weise geöffnet hat. Unter Umgehung des hirngebundenen Denkens erlebt sie von Instinkten geleitete Wahrnehmung, wie dies in auch in bestimmten buddhistischen Schulen gelehrt wird. Es ist dies kein gesundes Hinaufarbeiten eines denkenden menschlichen Ich in den Logos, sondern ein Besetztsein des mentalen Systems von sowohl luziferischen als auch ahrimanischen Einflüssen von unten her, die den gelockerten ätherisch- geistigen Raum ausfüllen. Das erzeugt eine Illusion höheren Bewusstseins („strömendes Licht“) und ermöglicht die sensuell erlebten „Zeitreisen“, die von Halle in vielen ihrer Bücher ausgeführt hat. Vor allem „weiß“ sie durch dieses instinktiv- obsessiv wirkende Geistige stets genau, was in den sie umgebenden Menschen vor sich geht. Ihre schriftstellerischen Produktionen erhalten dadurch ihren vorwiegend mechanischen Charakter, in persönlichem Unbeteiligtsein. Sie schwankt zwischen devotionalem Mitgerissensein und einer Vergiftung durch die Bedeutsamkeit, die sie durch ihre Bewunderer erfährt. Sie selbst ist aber nicht viel mehr als ein Spielzeug, selbst wenn dies nur eine Ebene ihrer Erscheinung betrifft, und sie auf anderen wohlwollend, gütig und einfühlsam sein mag.

(So weit eine Zusammenfassung des ersten Teils des Aufsatzes von Adam Michaelis durch M.E.)

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Aleister Crowley - Porträt des Magiers als junger Mann

Eine neue, differenzierte, ohne Hysterie oder Weichzeichnung gezeichnete Biografie Aleister Crowleys - „Perdurabo, Revised and Expanded Edition: The Life of Aleister Crowley“ von Richard Kaczynski - gibt endlich realistische Einblicke in die Vielschichtigkeit dieses Mannes und in die Abschnitte seines Lebens. Er war ja zweifellos ein erster, weltweiter Medienstar - aber auch ein Opfer der Sensationspresse seiner Zeit, denn er wurde mehrfach eines Landes verwiesen, seine Bücher und Verleger boykottiert, und er wurde als ein Schwarzmagier gebrandmarkt, der er im engeren Sinne bestimmt nicht gewesen ist. In späteren Jahren hat er mit dieser Publizität gespielt, sie bewusst eingesetzt und sich in diesem Sinne als Bösester alles Bösen inszeniert („The Beast 666“). Er war ein erster Popstar. Zudem hat er die Welt mit einer mehr als freizügigen Kommune auf Sizilien schockiert, gegen die die Versuche Fritz Teufels blass erscheinen müssen. Und er hat durch die Verquickung seiner Promiskuität und Bisexualität mit Magie einen Strom in die Welt gesetzt, der im 20. Jahrhundert immer wieder aufgeflackert ist und bis heute einen erheblichen Einfluss auf die Sümpfe der esoterischen Szene besitzt. Schließlich hat er die Sechzigerjahre vorweggenommen durch seine lebenslangen Experimente mit - auch jahrzehntelange Abhängigkeit von - Drogen aller Art. Als magisches Mittel setzte er vor allem eine Art Meskalin ein - Peyotl, ein Halluzinogen wie LSD. Neben diesen zweifelhaften Aspekten seines Ruhms und seiner sexuellen Freizügigkeit war er aber auch ein über Jahrzehnte äußerst charmanter, charismatischer und beliebter Gesprächspartner, der unzählige Prominente aus allen Kreisen und Gesellschaftsschichten kennen lernte. Seine Warmherzigkeit versuchte er meist unter der provokativen Erscheinung zu verbergen, aber sie kam mit den Jahren stärker in den Vordergrund.

Von den Machenschaften des Golden Dawn (GD) hielt er übrigens nicht viel- er hielt das zeremonielle magische Treiben für Mummenschanz von Mittelschichtsspießern: „Expecting to encounter spiritual giants, he discovered a group of nonentities. Crowley was not alone in this opinion. GD member and Irish feminist Maud Gonne (1866–1953) characterized the order as “the very essence of British middle-class dullness. They looked so incongruous in their cloaks and badges at initiation.“ Dennoch trieb er in diesen neu- „rosenkreuzerischen“ Orden seine Spielchen und verbündete sich zeitweise mit dem um die Jahrhundertwende verfemten Samuel Mathers. Später schloss er sich dem O.T.O. an, der schon früh mit Reuss eine Richtung in Sachen Sexualmagie eingeschlagen hatte. Das rein rituelle Treiben im Sinne eines Vertiefens der Freimaurerei befriedigte ihn nicht: „Nevertheless, Crowley confided in him that after searching so long for the truth, he was troubled to find dramatic ritual dissatisfying.“ Dies, obwohl er auch von Maurerseite aufgrund seiner Kenntnisse in den frühen Jahren anerkannt gewesen war: „Crowley’s knowledge of the mysteries so impressed Don Jesus that the Mason conferred upon him the 33°, the highest grade in the Scottish Rite of Freemasonry.

Aber schauen wir in die Kindheit und Jugend Crowleys zurück. Er hatte seinen Vater früh verloren und war, nachdem sich seine Mutter mit anhaltenden Depressionen aus der Erziehung zurück zog, weitgehend einem bigotten Onkel ausgeliefert, gegen den er ebenso opponierte wie gegen das Schulsystem an sich. Trotz deiner privilegierten Stellung und seiner offensichtlichen Hochbegabung fiel er durch kaum verhüllte homosexuelle Eskapaden in der Pubertät negativ auf. Das Skandalöse, Provokative wurde, auch um seine Familie zu schockieren, Teil seiner Identität. Dazu kam aber eine Karriere als geradezu einzigartiger Bergsteiger, der bis in seine späteren Jahre hinein eine Art Freeclimbing betrieb, das die traditionellen Bergsteiger schlichtweg überforderte. Diese Berufung war auch der erste Anlass dafür, viele Jahre lang rund um die Welt zu reisen, um - etwa im Himalaya - ohne nennenswerte Ausrüstung schwierigste Besteigungen zu meistern. Es waren zu seiner Zeit völlig unmögliche Leistungen, bei der es allerdings auch menschliche Opfer gab. Dies brachte ihm später den Ruf eines herzlosen Besessenen ein. Er lernte Kulturen und religiöse Kulte auf der ganzen Welt kennen, hatte aber auch schon derartig viel angesehene Poesie veröffentlicht, dass auch dies für eine Karriere ausgereicht hätte. Zugleich vertiefte er seine Kenntnisse in Magie: „Life looked pretty grim. Crowley was a man who had climbed among the highest mountains in the world, only to have his first leadership snatched from him and his men buried in ice. As a poet, he had published so many books that his collected Works were available, even though the originals never sold. He had traveled around the world, and was now halfway around it again and finding it stale. And he was a master of magic.“ Dennoch blieb er unruhig, unzufrieden, sexuell und emotional obsessiv: „when he loved, he did so with his whole being, but the passion was typically short-lived.“

Seine Sorge bestand darin, dass seine besonderen Begabungen nicht Bestand haben würden, dass er sich nach dem 30. Lebensjahr immer nur weiter wiederholen würde, wie es ja so vielen Künstlern ergeht: „Anyway, I hope I shan’t simply go bad. At least I am certain to avoid the blunder of making a good thing and copying it forever.“ Sein Ehrgeiz reichte weiter als das, was ihm gegeben war. Er wollte einen weit größeren Ruhm, aber auch eine spirituelle Quelle, die nicht versiegen würde: „he concluded his charmed life was being preserved for a greater purpose.“

Daher unternahm er alle Anstrengungen, (vorerst) sämtliche traditionellen Grenzen zu überschreiten, um nicht Irgendwer, sondern der „Auserwählte“, das „Biest“ zu werden: „The one really important thing is the fundamental hypothesis: I am the Chosen One.“ Um dieses Ziel zu erreichen, wollte er alle menschlichen und moralischen Hüllen fallen lassen. Er formulierte (Nietzsche lässt grüßen): „I say today to hell with Christianity, rationalism, Buddhism, all the lumber of the centuries. I bring you a positive and primaeval fact, magic by name; and with this I will build me a new Heaven and a new Earth. I want none of your faint approval or faint dispraise; I want blasphemy, murder, rape, revolution, anything, bad or good, but strong. I want men behind me, or before me if they can surpass me, but men, men not gentlemen. Bring me your personal vigour; all of it, not your spare vigour. Bring me all the money you have or can force from others. If I can get but seven such men, the world is at my feet. If ten, Heaven will fall at the sound of one trumpet to arms.“

Tatsächlich ging er mit seinen magischen Experimenten sehr weit. Er benutzte auch Andere dafür. Er ließ seine him als Medium dienende Frau Rose mit Kleinkind in China zurück. Das Kind starb auf der Rückreise, von der schon alkoholkranken Rose vernachlässigt: „Rose was very annoyed about being cast off in China with their young daughter to return home alone. Crowley reasoned that, being wanted in Calcutta, he couldn’t return there with her. She finally agreed, with the intent of staying with her father when she arrived in Scotland. She needed his help because she was three months pregnant.“ Crowley folgte seiner magischen Suche nach der endgültigen Initiation. Crowleys Ziel zu dieser Zeit war, alles „Haftende“ zu überwinden, gleichgültig, welche Opfer das bei Anderen bewirkte: „In magical terms, he had plumbed the depths of the Ordeal of the Abyss, a magical rite of passage designed to obliterate the magician’s ego by destroying all he held dear: those physical attachments that Buddha blamed for reincarnation; one’s selfishness, or sense of self.“ Den Tod des Kindes verstand er angeblich als Warnung dieser von ihm gesuchten Götter (machte aber auch sonst allen, vor allem Rose, Vorwürfe, allen, außer sich selbst): „The gods had killed Lilith because his attachment to her was impeding his progress in the Great Work. The gods killed her because Rose had failed in her role as Crowley’s magical partner. The gods killed her as a warning. In that moment, Crowley realized the cosmos played by very tough rules.“

Diese „Götter“ waren identisch (auch wenn später konkretere und selbst für Crowley letztlich abstossende Inspiratoren in seinen magischen Handlungen auftauchten) mit denen, die in vielen theosophischen Kreisen, in den magischen „Rosenkreuzer“- Logen und heutzutage bei Judith von Halle („Rudolf Steiner, Meister der Weißen Loge“) auftauchen: „the Secret Chiefs and their Great White Brotherhood“.

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Ewigkeit und Zeitlosigkeit

In „Presence: The Art of Peace and Happiness“, schreibt Rupert Spira wiederum einen kühlen, klaren, gleichwohl imaginativ wirksamen Führer zur zeitgenössischen meditativen Erfahrung. „Imaginativ wirksam“ meint dabei, dass das Studium des Buches selbst in dieser Hinsicht für den Leser wegweisend ist; das Denken über Identität, Denken, Zeitlosigkeit führt in den Bereich, um den es geht. Wir mögen es nennen, wie wir wollen, aber es geht um das leere Denken, das inhaltsfreie, rein vom Willen getragene Denken, das sich als flexibel, beweglich, lebendig erweist. Die Fixierung auf Inhalte, auf Mechanismen und Automatismen, auf suggestive Gewohnheiten und Assoziationen wird dabei überwunden. Der Status Quo unseres Alltagsbewusstseins ist nach Spira doch dieser: „We have forgotten our essential identity of pure aware being and allowed it to become mixed up with the characteristics and qualities that define the body and mind. Most people live almost constantly in this state of amnesia and their lives are a reflection of this simple forgetting.“ An die Dimension unserer „essentiellen Seinserfahrung“ kommen wir aber nur über die Befreiung des Bewusstseinspols heran, d.h. über die Arbeit am Denken selbst.

Erste Erfahrung des Seins bedeuten eine Loslösung vom Subjekt- Objekt- Verhältnis, von der üblichen Art unserer Informationsverwertung: „Only an object, such as a body or a mind, could appear and disappear or be subject to birth, growth, evolution, decay and death. Our self, aware presence, knows these changes but is not itself subject to them.“ Dabei rühren wir an eine Ebene der Ewigkeit und treten schließlich, in vielen kleinen Schritten und kit über Jahre andauernden Anläufen vollends in sie hinein:

Our self did not appear at a particular time and will not disappear at a particular time. There is no time present in our actual experience in which something could appear or disappear. There is just this ever-present now and this now is not a moment in time; it is timeless awareness, our true nature. Our culture has lost this knowledge and therefore equates the eternal with the everlasting. However, these two belong to completely different realms, one real and one imaginary. ‘Everlasting’ is related to time and denotes something that supposedly lasts forever. ‘Eternal’ is related to the timeless and denotes that which is ever-present now. It is not about life everlasting. It is about eternal life.

Diese Erfahrung, die ja deutlich an die Christus- Worte „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ erinnert, ist aber doch insofern eine der „Zeitlosigkeit“, als man im Vergleich zum Alltagsbewusstsein jedes Zeitgefühl verliert; erst an diesem Punkt setzt wirkliche Meditation an. Was bis an diesen Punkt geführt hat, waren Vorbereitungen. Aber der Anklang des Ewigen ist etwas, was weiter und weiter vertieft werden kann; es vollzieht sich von nun an, ohne dass man daran „arbeiten“ würde: Es arbeitet selbst. Man hat dabei keinerlei „mystische“ Empfindung, aber sehr wohl lebhafte Gefühle- im Grunde erlebt man puren Realismus. Dies ist die Ebene, in der das Reale ansetzt, das in sich Transparente, das Ungebrochene jenseits des illusionären Selbstbetrugs. Aber es ist zugleich immer ein Anfang, da sich die Perspektiven weiter verschieben und man immer weiß, dass dies ein Anfang ist. In der unendlich möglichen Vertiefung ist man immer am Anfang.

ich habe ein langes Interview mit Spira zu dem Buch auf meiner Egoistenblog- Site eingestellt.
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Der fabelhafte Mr. Felkin. Judith von Halle und magisch- okkulte Logen zu Judith von Halles „Anna Katharina Emmerick. Eine Rehabilitation“

Auch in ihrem letzten Buch (Von Halle, „Anna Katharina Emmerick. Eine Rehabilitation") versucht Judith von Halle einen innigen Zusammenhang von Rudolf Steiner mit magischen Logen der vorletzten Jahrhundertwende zu konstruieren, indem sie behauptet, Steiner sei "geheimer" (sic!) Großmeister aller Londoner Rosenkreuzer- Logen gewesen, ohne zwischen den anmaßend bis magisch wirkenden bizarren Vereinigungen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts und der spezifischen Steinerschen Intention zu unterscheiden. Den Zusammenhang sieht sie gegeben durch den "in anthroposophischen Kreisen weitgehend unbekannten Neville Meakin“ und bei seinem Arzt (..), dem ebenfalls mit Rudolf Steiner bekannten „Dr. Robert William Felkin, dem Begründer der Unterabteilung des Hermetik Order of the Golden Dawn, der Rosenkreuzer- Loge Stella Matutina.“

Rudolf Steiner sei seit den „ersten Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts geheimer Großmeister aller in London bestehenden Rosenkreuzer- Logen“ gewesen, über deren leitende Mitglieder er überhaupt erst „in nennenswerten Kontakt zu den führenden Mitgliedern der Theosophischen Gesellschaft getreten war." (Zitate: von Halle, S. 303) Meakin, der, ebenso wie von Halle, angeblich stigmatisiert war, sei rechte Hand und Stellvertreter Felkins gewesen, und im übrigen Steiners "Schüler, Freund und Impulsträger der Theosophie (Anthroposophie ) für die Zukunft" (von Halle, S. 303). Meakins Nachfolgerin wiederum sei Edith Maryon gewesen, die stattdessen von Felkin, wie sie selbst in ihren Briefen (GA 263/1) schreibt, nicht nur an Steiner vermittelt wurde, sondern im weiteren Verlauf tatsächlich seine Schülerin und tatkräftige Mitarbeiterin wurde. Ihr erster Brief (GA 263/1, Chiswick London 16.10.1912) an Steiner belegt dies: "Dear Dr. Steiner, Dr. R.W. Felkin (F.R.) hat mir gesagt, daß ich Ihnen schreiben soll und Sie bitten, mir eine Unterredung zu gewähren." Nach Ausbleiben einer Antwort suchte sie weiter im Namen von Felkin den Kontakt und fand ihn schließlich auch. Von Halle behauptet, die durch Meakin, der selbst übrigens bald verstarb, vorgeführte Stigmatisation sei zwischen Steiner und Maryon ein zentrales Thema geblieben, in Hinblick auf "der neuen, höher entwickelten Leiblichkeit des zukünftigen Menschen" (von Halle, S. 306) Damit nutzt sie die Gelegenheit, wieder - in aller Bescheidenheit, selbstverständlich- sich selbst mit ihrer Stigmatisierung in ein en angeblich bedeutenden Zusammenhang zu bringen.

Was waren nun für den Logenleiter Felkin die Motive, sich selbst und vor allem Maryon in Kontakt zu Steiner zu bringen?

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Steiners essentielle Lotosblumen- Übungen

Die in GA 245 in der Esoterischen Schule gegebenen Übungen (ab ca 1906) arbeiten noch direkt an den Lotosblumen und beziehen auch bestimmte Atemübungen ein, die Steiner später nicht mehr einsetzen wollte, die wir daher auch überspringen. Es geht um die Übung des Ich-bin ("..sich zu konzentrieren auf den Punkt an der Nasenwurzel"), Es denkt ("..sich zu konzentrieren auf den Kehlkopf"), Sie fühlt ("..sich dabei zu konzentrieren auf das Herz") und Er will (.."konzentriere sich dabei auf den Nabel, indem man sich dabei in Gedanken Strahlen zieht, die den ganzen Unterleib durchziehen").

Im Anschluss erläutert Steiner die Übung Schritt für Schritt: "Und es ist eben diese Kraft des "Ich-bin", welche sich in einem Zeitraum der fernen Vergangenheit mit jenem Menschenkörper vereinigte, der noch nicht die heutige Stirnbildung hatte, und diese Kraft des "Ich-bin" hat die vorige Gestalt zur gegenwärtigen Stirne aufgetrieben" (S. 41). Diese gestaltbildende ursprüngliche Kraft ist der Einstieg in einen Übungsreigen, der das Bildende selbst zur Erfahrung bringen kann und damit das Erleben einer nicht leiblich gebundenen reinen Kraft: Versenkung in das "Ich-bin" macht es möglich, dass der Meditierende "die Kraft in sich spüren kann, welche ihn in seiner gegenwärtigen Form selbst gebildet hat" (S. 42). Es ist zugleich die Erfahrung einer Freude, "dass ich als selbständiges Wesen mitwirken kann an der Welt" (dito). Nach intensiver, langer Übung wandelt sich das Erleben zu einer inneren Lebendigkeit, "welche in dem Pflanzenkeime ist und ihn zu den Gliedern des Pflanzenkörper auftreibt" (dito). An dieser Stelle schlägt Steiner den Bogen zum Erleben des Ätherischen, wie er sie später auch in "Wie erlangt man.." ausführt. Es ist ein innerliches "Lichtausströmen", eine Freude, die den Willen mit Wärme erfüllt.

Ähnlich greift "Es denkt" auf die Kraft zur Bildung der Sprachorgane zu, wobei "Strahlungen erlebbar werden können, die wie der "Ausgangspunkt einer geistigen musikalischen Harmonie sind" (S. 43) und den Meditierenden mit "einem Gefühl heiliger Frömmigkeit erfüllen".

"Sie fühlt" kann zum Erleben der Kraft führen, die die Arme und Hände ausdifferenzierend gebildet hat und letztlich den aufrechten Gang. "Sie fühlt" führt zu einem intensiven Erleben auf die Arme und Hände: "Man kann dieses Gefühl als das der Liebe im tätigen Dasein bezeichnen" (S. 44).

"Er will" schließlich führt zur Erfahrung der Separation des ganzen Leibes aus der Umgebung heraus. Es bezieht sich auf die ganze Hautoberfläche und kann damit Kräfte erleben, "durch die den sinnlichen Dingen ihre Form und Gestalt gegeben wird" (S. 44) Es kommt zu einem inneren Hinausgehoben- Sein "über alles sinnlich- körperliche Dasein", ein Versetztsein "in die reine Geistigkeit" (S. 45)

Es sind diese essentiellen anthroposophischen Übungen, die offensichtlich auch Edith Maryon gegeben worden sind. Der gesamte Übungskomplex, der mit dem Erwecken der Lotosblumen zusammen hängt, führt schließlich dazu, eine Verbindung "zu fühlen mit den Gliedern des Körpers, welcher ein aus der geistigen Welt heraus entstandenes Gebilde ist" (S. 46).
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Judith von Halle, Edith Maryon und der Golden Dawn

Maryon selbst, die „geschulte Okkultistin“ (Selg, S. 35) schrieb, sie sei bislang dem Meister Abdul Baha, dem Leiter der Bahai- Gemeinde gefolgt, aber das erklärt Rudolf Steiners strenge Betreuung und Auflagen ihr gegenüber nicht. Vielmehr war Maryon seit 1909, mit 37 Jahren, Mitglied des „esoterischen Ordens - der „Hermetic Students of the Golden Dawn“„ (Selg, S. 17), genauer gesagt deren Nachfolge- Orden „Stella Matutina“. Selg nennt diese Mysterienrichtung höflich „eleusinisch“. Genauer ausgedrückt handelte es sich um einen bedeutenden magischen Zirkel: „Der Hermetic Order of the Golden Dawn (hermetischer Orden der goldenen Morgendämmerung, kurz: Golden Dawn) war eine magische diskrete Gesellschaft. Er wurde um 1887/1888 in London von William Robert Woodman, Samuel Liddell MacGregor Mathers und William Wynn Westcott gegründet. Der Orden bestand bis 1903 und zerfiel dann wegen innerer Streitigkeiten in diverse Nachfolgeorganisationen.“

Berühmtestes Mitglied war der Schwarzmagier Aleister Crowley. Maryon wurde offensichtlich nicht direkt Mitglied dieses Kreises, aber des Ablegers Stella Matutina, dem die meisten Gründungsmitglieder des Golden Dawn gefolgt waren. Maryons Interesse an Rudolf Steiner entsprang wohl einer Gruppe innerhalb dieses Ordens, der sich speziell als „Rosenkreuzer- Gruppe“ betrachtete. Allerdings arbeitete diese Splittergruppe auf eine „magische“ Art, nämlich durch Channeling, Beschwörung, Mediumismus und Besessenheit: „Die "Rosenkreuzer"-Gruppe, die von sich behauptete, sie könne durch Geisterbeschwörungen ein Medium in einen Zustand der Besessenheit versetzen, der es ermögliche, als Kontrollgeist niemand geringeren als die fiktive, legendäre Romanfigur des Christian Rosencreutz zu channeln.“ (Wikipedia, dito) Nach dem Weggang Maryon gab es Skandale, Veröffentlichungen und Schließungen dieser Zirkel, weil behauptet wurde, „dass es sich bei dem Orden um eine satanistische Organisation handele und verurteilte als konservativ gewordene Christin öffentlich die Machenschaften, später auch in zwei Büchern, in denen sie ihrem Eindruck Raum gab, dass die Stella Matutina eine satanistisch- kommunistisch-zionistische Konspiration sei, welche mittels sexueller Energien die Weltherrschaft erlangen wolle.“ (Wikipedia, dito) In jedem Fall war der höchst dubiose Orden ein exklusiver Zirkel, der zur Zeit von Maryons Eintritt seinen Höhepunkt hatte: „In seiner Blütezeit zwischen 1904 und 1910 wurden hier allein 72 Männer und Frauen initiiert.“

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Adam Michaelis: Dedication

We dedicate our three papers, (a) Prokofieff versus von Halle – the fight over a (non) protected title, (b) And if Judith von Halle were not stigmatized for all the world to see, and (c) Appendix C, to the philosopher Søren Kierkegaard on his 200th anniversary. In his spirit and way of thinking, following his majeutic method, we tried in these papers to communicate the principles and practise of an existential faith in Christ in a way, that could shed light on the dire conflicts and spiritual stagnation in institutionalized Anthroposophy. We have set up an “existential caleidoscope” or mosaic, mirroring the fixed positions and liberating perspectives in this stalemate, showing how you can individualize and spiritualize out of it.
The first paper (a) represents an aesthetic line of approach, since it is uncommitted, style-conscious, a little blasé and distanced. Is contains an individualistic and sarcastic attitude, which certainly has its advantages and points. When trapped in blind fascination and enthusiasm – like when you are enmeshed in a luciferic magic lure (Bannkreis) – you need a mild (self)-irony and light sarcasm to distance yourself, get an overview, see the trivial roleplay and individualize out of it. Just to look at yourself and the entrapment from the outside without participation. See the folly of the situation.
The second paper (b) represents an ethical line of approach, since it is involved and principled. It deals with problems on a concrete level, but due to a humorous attitude it escapes a fixed position and a deadlock and remains open, which is always vital in a conflict. When trapped in cold, categorical and heartless judging – like when you are enmeshed in an ahrimanic organization (Einrichtung) – you need an empathic humour to reach a deeper level, get an existential insight, see the underlying, common reality and indvidualize yourself from it. Just to look at yourself and others with a broader, living and more human perspective. Do not separate from the wholeness of life.
The last paper (c) represents a religious line of approach in which you individualize yourself in existential faith and deliverance. When you see your own shadow there is more spaciousness and acceptance and no need for projection. You discover the middle – the only possible place for the I. You stand apart in an existential faith that no one can look into without the same kind of faith and surrender, and yet you stand together with the part of every human being, who is before the cross of Christ in truth.

Adam Michaelis,
During Whitsuntide (Pfingsten) 2013
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Adam Michaelis: Appendix C

Als dritter Teil nach „Prokofieff versus von Halle- the fight over a (non-protected) title“ und „And if Judith von Halle were not stigmatized for all the world to see“ folgt nun „Appendix C“:

„Let this be said again, once and for all. Of course, we do not now the truth or reality about that event or Judith von Halle. Only Christ knows that. But that is not the important issue here. The problem is, how existential truth can be aligned with it, and how we should orientate ourselves in such a situation existentially. You see, we are all in a way stigmatized and crucified right now in Christ. Why look to Judith von Halle as somebody special in that regard? This is really an existential illusion. A game you play with yourself in order not to see yourself and reality.“

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Adam Michaelis: And if Judith von Halle were not stigmatized for all the world to see - an exercise in contrapuntal thinking

Adam Michaelis knüpft in der vorliegenden Anschluss- Betrachtung an seine bisherigen Betrachtungen zum internen Konflikt innerhalb der anthroposophischen Gesellschaft - dargestellt an der Auseinandersetzung zwischen Sergej Prokofieff und Judith von Halle - an und führt sie dieser Stelle in einem ausgesprochen „existentielles Arbeitspapier“ weiter. Es ist so geschrieben, und es ist auch so zu lesen, auch wenn zweifellos ein Wechsel der Ebenen der Betrachtung vorliegt. Ein Arbeitspapier, das hypothetisch okkulte Hintergründe der Problematik in einer Art Spiegelung der sichtbaren Phänomene betrachtet und damit zur eigenen Arbeit des Lesers anregen will. Damit soll der schwierige, in mancher Hinsicht für die anthroposophische Gemeinschaft existentielle Dissens nicht weiter vertieft werden. Es ist sicherlich ein Papier, das sich Menschen nur dann erschließt, wenn selbständige Menschen, die mit dem Konflikt vertraut sind, die Bücher sowohl Judith von Halles und Sergej Prokofieffs gelesen und studiert haben. Das Arbeitspapier schliesst in vielen Punkten an die Betrachtungen Sergej Prokofieffs an. Wegen der besonderen Tragweite des Konflikts möchten die Egoisten das Papier an dieser Stelle publizieren, auch wenn insbesondere der mittlere Teil („This is the actual construct“) zwangsläufig Widerspruch, ja vielleicht Empörung bei vielen Lesern hervor rufen wird.
Die Arbeit liegt bislang nur im englischen Original vor.

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Zum Download des Arbeitspapiers.
Gesammelte Arbeiten von und über Adam Michaelis bei den Egoisten
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Adam Michaelis: Prokofieff versus von Halle- deutsche Version

michaelis
Hier die von Ingrid Haselberger und Jostein Saether erstellte Übersetzung (als PDF- Download) des Grundsatz- Artikels von Adam Michaelis zum Konflikt zwischen Sergej Prokofieff und Judith von Halle. Der zur Zeit auf bei Facebook vor allem auf englischsprachigen Seiten diskutierte Aufsatz wurde vor zehn Tagen bereits bei den Egoisten vorgestellt.
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Adam Michaelis: Prokofieff versus von Halle - the fight over a (non-protected) title - a critical philosophical-spiritual review

Adam Michaelis unternimmt in seinem Essay den Versuch, die schweren Konflikte, die sich in der Debatte um Sergej Prokofieff und Judith von Halle entzünden, von einem esoterischen Außen- Standpunkt aus zu erfassen. Er nutzt dabei Stufen der inneren Reife und Entwicklung, die Søren Kierkegaard, der dänische Philosoph, vor nahezu 200 Jahren entwickelt hat. Gleichzeitig kommt Michaelis zu einer Art Diagnostik der inneren Kultur heutiger anthroposophischer Debatten, obwohl er zugleich anthroposophische Kategorien und Begriffe verwendet. Michaelis schreibt aber auch als Kenner der Schriften der Kontrahenten. Die Schlussfolgerungen, die er zieht, führen dazu, die momentane anthroposophische Bewegung als nahezu bewegungsunfähig zu erkennen: „Or put differently: Within the structure of institutionalized Anthroposophy, A and B are necessarily in conflict and no way out of it can be seen. The conflict goes with the territory so to speak. It is a built in feature in the social and intellectual organization of this movement.“ Trotz der scheinbaren „spirituellen“ Inhalte sowohl bei Prokofieff wie bei von Halle vermisst Michaelis neben dem Humor auch reale spirituelle Qualitäten. Daher ziehen die Kontrahenten in einem gegenseitigen Patt scheinbar unaufhaltsam Jünger und Anhänger an sich, die die jeweils diametral gegensätzlichen Positionen besetzen.

Normally we do not name actual persons when discussing the signs of the times, but we can not simply ignore the current quarrel in the heartland of Anthroposophy over esoteric Christianity, the legacy of Rudolf Steiner and the (non-protected) title of being a real “spiritual researcher” (Geistesforscher) between the two prominent anthroposophical authors, Sergej Prokofieff and Judith von Halle. Schismatic eruptions and heretic dismissals are old news in the movement of Anthroposophy – but there are plenty of reasons for taking a closer look at this incident. With the oddly synchronous publication of two recent books, one by Sergej Prokofieff, Zeitreisen – Ein Gegenbild anthroposophischer Geistesforschung, the other by Judith von Halle, Anna Katharina Emmerich – Eine Rehabilitation, the public dispute between the authors has reached a new level since the publication of Prokofieffs polemic supplement or “Anhang” to his book, Das Mysterium der Auferstehung im Lichte der Anthroposophie. The level of polarization and the expected distribution of possible standpoints pro et contra have been enhanced foreseeably, and a deep crack is spreading in Anthroposophy as an institution. This is no trivial dispute! It is an open discord which reveals a fundamental dissonance.“

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Bildekräfte

Bildekräfte sind strukturelle Grundprozesse der Natur wie Aufnahme, Adaption, Zerlegung, Zerstörung, Neuorganisation, Wachstum, Ausscheidung, Fortpflanzung.

Es sind die Grundkräfte des Lebens, die in Organismen je nach deren Komplexität dementsprechend vielfältig und in sich und untereinander systemisch vernetzt sind ("Ätherleib").

Wir finden sie als beendeter Prozess (Gesteine, Minerale), in relativ schlicht organisierten Naturformen (Pflanzen), als Lebensgrundlage für fühlende (Tiere) und denkende (Menschen) Wesen. Eine Besonderheit beim Menschen ist, dass die strukturellen Grundprozesse nicht nur Grundlage seiner natürlichen Ressourcen sind, sondern sich von früh an und lebenslänglich in einer individuellen Prägung emanzipieren, und damit Lernen ermöglichen. Die Bildekräfte liegen beim Menschen somit an das Körperliche gebunden, aber auch als geistige Potentialität vor.

Der Mensch kann sich daher nicht nur seiner selbst bewusst werden, sondern ständig neue Adaptionsprozesse im Sinne lebenslangen Lernens vornehmen. Die doppelseitigen Lebenskräfte in ihm, die ihn als Wesen erhalten, aber geistig auch ständig neu wandeln lassen, erlauben es auch, dass er die Erfahrung der Überwindung des Dualismus zwischen Gewordenem (Natur) und Werdendem (Ich) machen kann, da die Natur seines Denkens als frei gewordene natürliche Kräfte von ihm ergriffen werden und die Verbindung zu dem Gewordenen, der gebundenen Natur, geschaffen und erfahren werden kann. Es gibt in dieser Hinsicht dann keine Trennung zwischen Natur und Bewusstsein.

Das Denken kann sich aufmachen, den immanenten Quell- und Werdeprozess in sich so zu realisieren, dass dieser dem Menschen bewusst wird, ohne dass er das Bewusstsein verlöre. Damit begibt sich der Mensch auf den Weg, selbst Schaffender und Gestaltender zu werden und wieder Frieden zu finden zwischen den gestaltenden Kräften von Natur und Erde und sich selbst.
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Der vollkommene Lehrer in uns selbst

Es ist sicher kein zentrales und auch kein notwendig zu lesendes kleines Buch von A.H. Almaas, aber eben doch eines, in dem die richtigen Fragen gestellt werden. Ich spreche von "Das Elixier der Erleuchtung" (Freiamt o.J.) und die Frage ist die, warum, wenn zahllose Religionen, Gurus, Säulenheilige, Erleuchtete doch Wege gelehrt haben, in irgend einer Weise Erlösung von dem Begehren gelehrt haben, "die Reaktion auf diese Botschaft" so "minimal" ist: "Man bewundert und liebt vielleicht eine Lehre, aber normalerweise reagiert man nicht auf diese Einsicht in das Begehren." Manche versuchen der Lehre zu folgen, manche folgen ihr äußerlich, manche unternehmen "noch nicht einmal den Versuch, (..) wirklich zu folgen."

Das liegt nach Auffassung von Almaas daran, dass der "Glaube an die Lehre über das Begehren" von einer unbewussten Ablehnung unterminiert wird, von einem Mangel an essentieller Berührung, weil die persönliche Erfahrung, "die auf Begehren beruht", auf einer anderen Ebene sagt, dass diese Lehre nicht wahr ist, nicht für den Einzelnen selbst: "In den Tiefen seiner Persönlichkeit glaubt er, dass er bekommt, was immer er will oder braucht, wenn er es nur genug begehrt, und dass er nicht haben kann, was er möchte, wenn er es nicht begehrt. Mit anderen Worten: Wenn man die Wahl hat zwischen Haben und Sein, garniert man zwar sein Haben gern mit einer Lehre vom Sein, entscheidet sich aber letztlich immer für das Haben. Denn existentiell glaubt jeder Mensch, dass er "physisch nicht überleben wird, wenn er seinen Begierden nicht folgt". Erst wenn reale geistige Erfahrungen des Seins vorliegen, kann dieses Verhaftetsein, das letztlich auf der Angst vor dem Tod beruht, bearbeitet werden.

In der Folge untersucht Almaas eine Reihe von "Lehren"- vom Buddhismus über zeitgenössische Lehrer wie Sri Aurobindo, Osho, Krishnamurti- und zeigt auf, dass sie Antworten auf bestimmte Fragestellungen wie ein Produkt anbieten, aber höchst selten den Adepten (um eine gern benutzte Phrase zu benutzen) dort abholen, wo er tatsächlich steht. Es reicht eben nicht aus, "wenn ein Meister zu einem Schüler aus seiner eigenen Perspektive spricht." Die Probleme der Schüler variieren dabei ganz erheblich. Wie sollte man z.B. selbstlose Hingabe erwarten, wenn ein Mensch gerade erst mühsam lernt, sich zu behaupten und nicht ständig unterwürfig zu reagieren? Jemand mit einem Mangel an Selbstgefühl oder Selbstbewusstsein kann sein Selbst nicht aufgeben; jemand, der sich leer, einsam und unverbunden fühlt, kann mit dem Ideal einer Erfahrung der Leere nichts Positives verbinden. "Hingabe" bedeutet für den normalen Menschen erst einmal, das sein existentieller Schutzschild, seine sich selbst behauptende "Abwehr", aufgegeben werden soll. Ein Mensch ohne Schutz ist auf dieser Ebene aber lediglich ein verletzlicher Mensch. Inwieweit sollte - hier spricht Almaas vor allem die Christen an- Selbstlosigkeit zur Freiheit führen? Selbst ein "Christus- Bewusstsein" im Sinne einer selbstlosen Liebe, kann man aus diesem Grund im Munde führen, aber nicht, bevor Vieles in der "Seele entwickelt" worden ist, tatsächlich "verkörpern". Auf dieser existentiellen Ebene möchte niemand wirklich in einen "Abgrund" springen, von dem man nur annehmen kann, dass dieser Abgrund nicht mehr als "Geheimnis und geheimnisvolles Andeuten" bedeutet.

Die Essenz ist kein mystischer fremder Ort jenseits unserer Persönlichkeit: "Unser Wesen, unsere Essenz, das Göttliche in uns, ist mit unserer Persönlichkeit auf eine sehr komplexe und intime Weise verbunden." Gleichzeitig ist aber diese Persönlichkeit "als ganze" auch unsere innere Barriere gegen Essenz. Es gibt z.B. bestimmte Aspekte der Persönlichkeit, die sich permanent ängstlich gegen jede Erfahrung der Leere anstemmen, indem wir konsumieren, uns in bestimmte Glaubensinhalte stürzen, in Beschäftigung, Arbeit und "feste Standpunkte". Insofern hat jeder Mensch - je nachdem, wie er sich entwickelt hat- spezifische Abwehrmechanismen, aber auch spezifische Chancen des Zugangs zur Essenz. Diese ändern sich je nach Lebenssituation. Eine Überwindung dieser inneren Zerrissenheit des Adepten wird nur gelingen im Rahmen einer Entwicklung, in der er nicht nur fühlt, dass er "Willen besitzt", sondern indem er fühlt, dass er Willen ist. Diesen Willen muss man, bevor dieser verwandelt werden kann, erst mal haben. Die speziellen individuellen Persönlichkeitsthemen müssen bearbeitet sein. Bis dahin besteht das grundsätzliche Dilemma fort, dass "Leiden, wie fast immer, einfach fortdauert". Die Erfahrung von essentiellen Aspekten unseres inneren Dramas ist immer eine sehr schmerzhafte Konfrontation "mit Teilen von uns selbst, mit denen wir uns normalerweise nie auseinander setzen würden", mit "Teilen der Persönlichkeit, die wir nie zuvor in Frage gestellt haben". Unsere unbewussten etablierten Muster und Konditionierungen sind so stark, dass wir durch eine schwierige Phase des Konflikts zwischen "Essenz und Persönlichkeit" hindurch müssen. Eine kleine Berührung allerdings kann so wirken, dass die Essenz selbst "als ein perfekter Lehrer" zu wirken beginnt. Die Aspekte in uns, die uns aus dem Gleichgewicht bringen, werden "sanft und auf angemessene Weise" aufgedeckt: "Kein menschlicher Lehrer kann so präzise, so effektiv und so angemessen sein". Die einmal gespürte Nähe der inneren Essenz "lässt uns nicht ruhen", bis sie sich uns mit "intuitivem Verstehen", mit ihrem "Wissen, mit ihrer Lehre und mit ihrem Verstehen" erfüllt. Langsam wird der essentielle Aspekt "unser Sein und unsere Präsenz": "Keine Bewegung von Begehren. Keine Bewegung von Festhalten. Kein Klammern an irgendetwas."

So kommt vielleicht ein Stadium, in dem wir erfahren: "Wir haben den vollkommenen Lehrer in unserem eigenen Sein."
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Parzival 2013

"Die geisteswissenschaftliche Entwickelungslehre wird mitgeteilt; sie soll nicht geglaubt werden, sondern die Menschheit soll durch eigene Urteilskraft dazu kommen, sie zu verstehen. Sie wird verkündet denen, die den Keim der Parzival- Natur in sich tragen.“*

Ein bisschen Lehre ist Anthroposophie ja schon, man muss zumindest die Grundvokabeln und Grundstrukturen ihrer Menschen- und Weltsicht kennen; die, die in Listen feilgeboten werden, Leiber auf Leiber und Welten auf Welten. Und Götter auf Götter. Man muss die Vokabeln kennen, um sich überhaupt eine Vorstellung machen zu können, welche Vorstellungswelt, welches Bild von Wirklichkeit und Identität im tiefsten und umfassendsten Maße einem hier angeboten wird. Übrigens meint Steiner ja im unteren Blogbeitrag, dass selbst diese Grundkenntnisse, und vielleicht ein ganz klein wenig Glauben, eine gute Beuys’sche Wegnahrung (Sie wissen schon, Schlitten mit Kupfer- Spazierstock, totem Hasen und jeder Menge Fett) darstellen für den letzten Weg, den wir alle gehen - einfach weil man einen Begriff davon hat - zumindest schematisch-, wie man sich selbst und Andere als reine Energieform, ohne jede Leiblichkeit, vorstellen könnte.

Man kann, weil man die Begriffe einmal gebildet hat, nun wie mit Augen sehen, die einem aufgehen, man kann den Blick erheben und sich lösen von den Formen und Abläufen der physischen Existenz. Vor allem ist wohl eine sehr andere Art und Weise des Kommunizierens angezeigt- eine ohne Körpergrenzen, ohne Laut und ohne Ton und ohne äußeres Licht. Nun, es wird schon gehen, aber man tut sich leichter, wenn man, wie Beuys über den Mond sagte, "die Gegend schon kennt."
Meditation ist in dieser Hinsicht ein Trainingslauf, und wenn man tatsächlich an die Quellen der Tiefe rührt, den warmen Strom, in dem man im nahrhaften lichten, sich verschenkenden Bewusstsein mitgeht, die äußere Natur in jedem Augenblick zum Zeichen wird, dann ist man wohl dabei, wie Steiner forderte, "durch eigene Urteilskraft dazu kommen, sie zu verstehen", die Entwicklungslehre. Allerdings baut er auch wieder Hürden auf, indem er diejenigen anspricht, die einen Satz wie "Das, was als Ich im Menschen lebt, das ist das Christus-Wesen“* tatsächlich verstehen und damit realisieren können. Es ist etwas, was man in Form von Nektar zumindest gekostet hat.

Was aber ist die "Parzival- Natur"? Ich weiß schon, gemeint sind die, die einen unheilbaren Riss in sich spüren und die von der unentwegten Frage nach Sinn getrieben sind. Aber wie oft wird der Riss in sich durch die Antworten, die man zu erhalten glaubt, lediglich verdeckt? Man stiftet den Sinn, den man sucht, selbst, und befindet sich unversehens in einer "Lehre", mit all den Verteidigungs- und Rechtfertigungsschlachten, die mental und verbal dadurch entspringen. Vor allem erhält man den Service dieser umfassenden Sinnstiftung, einer persönlichen Teleologie, und was, bitte, will man mehr? Der gefundene Sinn beendet jegliche Suchbewegung. Anthroposophie degeneriert dann allerdings zu erstarrten Positionierungen und Verteidigungslinien, weil dieser Parzival, wiederum gescheitert, sie zu einer Krücke für sein Ego hat verkommen lassen.

Das Fragen Parzivals hört nie auf. Er befragt auch seine eigene Anthroposophenschaft. Wo stehe ich darin, wie profitiere ich? Was kann ich bieten? Wo setze ich es wirklich um? Bin ich stolz auf mich, Anthroposoph zu sein? Denke ich, dadurch Besonderes zu sein, ein heraus ragender Zeitgenosse, ein „Zeuge der Zeit“? Wie bescheuert kann ich eigentlich sein? Ich füttere mein Ego mit blutigen Brocken vom Leib der Sophia. Und ich muss mir nichts einbilden, das ist nur ablenkender Unsinn. Man macht sich etwas vor. Geh an den Kern der Probleme. Dort, wo es weh tut. Welche Wunde willst du mit Anthroposophie verdecken oder gar füttern? Warum machst du das mit dir? Was sind die Teile, die in dir auseinander fallen? Fass sie ganz genau ins Auge. Das ist das, warum du dir immer wieder denselben Streich spielst. Und wenn ich mir auch Anthroposophie aus einem Hauch von Eitelkeit und Wunsch nach Bedeutsamkeit im Leben angelacht habe, kann man ja doch etwas daraus machen, oder? Ich kann auch mit meinen privaten und höchst persönlichen Eigenheiten versuchen, einen geklärten, mit sich selbst versöhnten (das ist das Schwerste) Anthroposophen in die Arena der gebildeten Gedanken zu stellen. Oder etwas Konstruktives entwickeln helfen. Oder das, was ich tue, mit ganzer Präsenz tun. Parzival begegnet heute dem "Bösen“, dem Hinderlichen, aber auch stets Aufbauenden in sich. Auftritte und Abgänge der persönlichen Widerstände, das ist ein Leben in suchender Bewegung. Das ist die Frage, die Parzival heute stellen sollte: Wie kann ich mit mir leben?

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* Rudolf Steiner, Das Prinzip der spirituellen Ökonomie im Zusammenhang mit Wiederverkörperungsfragen . Ein Aspekt der geistigen Führung der Menschheit
Dreiundzwanzig Vorträge, gehalten zwischen dem 21. Januar und 15. Juni 1909 in verschiedenen Städten
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Simone Weil: In Christus

Simone Weil saß ja völlig zwischen den Stühlen- sie, die als Jüdin so heftig mit dem Katholizismus rang, so sehnsüchtig, aber sich letztlich das Sakramentale, ja selbst Meditation und Gebet aus Scham und Ehrfurcht versagte, aber auch, weil sie fürchtete, damit etwas von der Reinheit ihres Empfindens zu verfälschen: „“I was afraid of the power of Suggestion that is in prayer..“. Simone Weil ist meist nur in Kompilationen und kurzzeitigen Editionen auf Deutsch erhältlich. Leider kann ich sie nicht im französischen Original lesen und weiche daher manchmal auf englische Übersetzungen aus. So auch ihre „Spiritual Autobiograph“ in „Waiting for God“- Essays und Brieffragmente, die in dieser Zusammenstellung zuerst 1950 in Frankreich erschienen. Auch meine englische Ausgabe ist alt, aus dem Jahr 1969. Ich erlaube mir, ein kleines Fragment selbst frei zu übersetzen (S. 37 ff).

Als ich letzten Sommer mit T. mein Griechisch erprobte, ging ich Wort für Wort durch das Original des „Vaterunsers“. Wir versprachen einander, es komplett auswendig zu lernen. Ich fürchte, er hat sich nicht daran gehalten, aber als ich einige Wochen später im Testament blätterte, sagte ich mir selbst, ich hätte es versprochen, und es war eine gute Sache. Ich sollte es tun. Und ich tat es. Die unglaubliche Süße dieses griechischen Textes nahm mich so sehr gefangen, dass ich eine Reihe von Tagen gar nicht aufhören konnte, es die ganze Zeit zu sprechen. Eine Woche später begann ich das Keltern. Ich rezitierte das „Vaterunser“ täglich vor der Arbeit, und wiederholte es sehr häufig während der Arbeit im Weinberg.

Seitdem ist es zur Gewohnheit geworden, es täglich morgens mit absoluter Aufmerksamkeit zu sprechen. Falls meine Konzentration während des Rezitierens abzuschweifen oder gar zu erlöschen droht, und sei es im allergeringsten Grad, beginne ich von vorn, bis es mir gelungen ist, einmal in vollkommen reiner Konzentration durch den ganzen Text zu kommen. Manchmal sage ich es auch nochmals aus reinem Vergnügen, aber das ich mache nur, wenn ich wirklich den inneren Impuls dazu fühle. Der Effekt dieser Übung ist außerordentlich und überrascht mich selbst jedes Mal, da immer, bei jeder Wiederholung, alle meine Erwartungen übertroffen werden, obwohl ich es doch täglich praktiziere.

An manchen Tagen reißen schon die ersten Worte meine Gedanken aus dem Körper und bringen mich an einen Ort außerhalb des Raums, an dem es weder Perspektiven noch Standpunkte gibt. Das Endgültige der gewöhnlichen Wahrnehmung wird durch eine Endgültigkeit zweiten oder manchmal dritten Grades ersetzt. Gleichzeitig ist da eine Stille, die jedes Teil dieser Endgültigkeit der Endgültigkeit erfüllt- eine Stille, die nicht eine Abwesenheit von Lärm meint, sondern das Ergebnis einer Erfahrung ist, weit realer als es Geräusche zu sein vermögen. Falls doch Geräusche auftauchen sollten, können sie mich nur erreichen, indem sie durch diese Stille hindurch gehen.

Manchmal ist während der Rezitation oder auch bei anderen Gelegenheiten Christus bei mir als Person, aber seine Gegenwart ist unendlich mal konkreter, bewegender und klarer als bei der ersten Gelegenheit, als er von mir Besitz ergriff. Ich hätte es nie auf mich genommen, Dir das alles mitzuteilen, wenn es nicht klar wäre, dass ich dabei bin, wegzugehen. Nur Da ich mehr oder weniger mit meinem Tod rechne, glaube ich, dass ich dies nicht für mich behalten sollte.“
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Östliche und westliche Initiation

Wenn man also die kulturellen Grenzen überwunden und die Realität eines Entfaltungsprozesses wie den von A. H. Almaas, den er in vielen Büchern und über Jahrzehnte beschrieben hat, verfolgt hat - so weit die eigenen Möglichkeiten und das innere Mitvollziehen reichen-, ist man vor allem voller Bewunderung. Seine Grundannahmen, in denen er zwischen mind (Verstand, Alltagsdenken) und nous (geistige Gestaltungskraft, Imagination, Inspiration, Intuition) unterscheidet, ist nachvollziehbar, ebenso wie die ganze innere Bewegung, die Almaas darstellt. In Almaas meint man etwas wieder aufleben zu sehen, was spätes Erbe einer vergangenen spirituellen Hochkultur ist, wenn auch auf ganz eigene Art und Weise aufgefasst. Und dazu noch heiter, gelassen und völlig realistisch:



Man fühlt sich erinnert an die weiten Reisen des Christian Rosenkreutz in den fernen Orient, auf der Suche nach den Quellen der östlichen Initiation im Mittelalters. Jostein Sæther fasst diese historischen Reisen ja auf seiner Website in mehreren Teilen zusammen, so dass man einen Eindruck bekommt. Es gab und gibt eben immer eine Vielfalt islamischer Impulse. Einen simplen Dualismus sucht man bei Almaas vergeblich, ebenso wie eine nur ekstatische Suchbewegung. Was man aber schon konstatieren kann, ist das Unermüdliche des spirituellen Wachsens, eine Art atemlosen sich weiter Hineindrehens in die reine geistige Erfahrung. Man findet schon imaginative Grundmotive, bei denen Almaas längere Zeit verweilt. Aber ein grundsätzliches Innehalten, ein Reflektieren, Bestätigen und Atemholen findet eher nicht statt. Almaas tanzt in einer steilen Kurve in ein Kosmisches Bewusstseinsfeld, das für den Leser, sofern er nicht in einer ähnlich weit entwickelten Lernphase steht, trotz der Konkretheit der geschilderten Erfahrung allmählich außerhalb des Fassbaren gerät. Die Tiefe einer Erfahrungsebene erschließt sich dem Leser eigentlich nur dann, wenn er die angesprochene Phase tatsächlich selbst mit Leben füllen kann- real, nicht nur als gedankliches Konstrukt. Bei den Versuchen der Reflexion bemerkt dann schnell, dass Almaas selbst schon weiter getanzt ist. Natürlich hat Almaas auch - in anderen Büchern- andere Seiten- etwa die des Psychologen und reflektierenden Wissenschaftlers. Er selbst ist ja Physiker. Aber in diesem Buch - „Luminous Night's Journey" (hier ein Ausschnitt) - erscheint er wie jemand, der in den Urlaub fährt, aber nie ganz ankommt, weil er weiter und weiter fährt, eine nicht enden wollende Kette von Erlebnissen und Erfahrungen. Mancher "Reiseeindruck" erscheint dabei eher von Postkartenumfang.

rosenkreutz
Ganz anders der in der Rosenkreuzer- Tradition stehende Steiner, der erstens sehr viel weiter und konkreter ausgestaltet, als es die Mal um Mal tiefere, auch psychologisch reflektierte Selbstbeschau eines Almaas erlaubt. Zweitens stellt sich dieser in seiner autobiografischen "Journey" doch überraschend spät in eine Konfrontation mit dem Tod. Im selben Augenblick kommt die kalifornische Heimat und Natur in den Blick, ja selbst etwas wie Alltag. Das wird dann etwas flach, gerade im Gegensatz zu den extrem innerlich- mystischen Kapiteln zuvor. Man sieht, dass Almaas völlig berechtigt und verständlich vor allem in einer realen mystischen Tradition steht, die er in der Gegenwart nicht etwa referiert, sondern beispielhaft vorlebt. Seine Schilderungen sind staunenswert. Dennoch kann man eben das vermissen- die simple, aber so schwierige Umsetzung in den Alltag. Im Gegensatz dazu ruft Rudolf Steiner in seiner Schulung schon früh zur Vertiefung in die Natur, die Gesteine, die Jahreszeiten auf, durch eine Metamorphose des Denkens in ein reines, inhaltsloses Tun. Steiner ist selbst in einem sehr okkulten und intimen Buch wie "Welche Bedeutung hat die okkulte Entwicklung des Menschen für seine Hüllen und sein Selbst?" darauf aus, die innere Entwicklungsschritte mit der konkreten Umwelt zu verbinden: "Ein anderes Ergebnis wird sein, dass man während der Winterszeit durch die esoterische Entwicklung immer mehr und mehr fühlen wird, dass man sozusagen mit seinem inneren Ätherleib nicht so in sich geschlossen ist wie während der Sommerszeit, sondern dass man mehr in Zusammenhang kommt mit dem unmittelbaren Geist der Erde… man wird verstehen lernen, dass der Geist der Erde wacht im Winter." (S. 76 ff)

Aber das meint kein Besser oder Schlechter, kein Weiter in der Entwicklung, sondern es meint die Freude an der Vielfalt der esoterischen Nuancen, Traditionen, Schwerpunkte. So wie Christian Rosenkreutz im Mittelalter erlebt man die unterschiedlichen Betonungen in der Entwicklung des Individuums in den verschiedenen Kulturen. Das schließt sich nicht gegenseitig aus, sondern ergänzt sich- zumindest dann, wenn eine methodisch saubere, moralisch ausgewogene und geistig klare Wegbeschreibung vorliegt.
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Jiddu Krishnamurtis rückhaltloser Weg zur Selbsterkenntnis

In den zwei langen Lectures aus dem Jahr 1985, den „Washington Talks“, möchte Krishnamurti sicher alles, aber keinen traditionellen Vortrag halten. Er möchte die Zuhörer - mit strengen Worten, Haltung und Worten - anhalten, gefälligst selbst zu denken und nicht ihm einfach zu folgen. Andererseits erinnert er die Zuhörer daran, dass sie in geistigem Sinne jetzt nicht nur als sie selbst da sitzen, sondern als Repräsentanten der Menschheit. Er hält im ersten Teil dieser Menschheit quasi einen Spiegel vor, als einer parasitären Plage auf diesem Planeten. Im zweiten Teil führt er den Zuhörer durch eine Art Ausschlußverfahren all dessen, was an uns dinghaft und vergangen ist, bis zu dem Punkt, an dem er sich als geistiges Selbst (und gleichzeitig Nicht- Selbst) selbst erfahren kann.

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Drei Chakren

pharao
Diese etwas unscharfe Darstellung eines Pharaos aus dem Neuen Museum auf der Berliner Museumsinsel ist auch das Bild einer bestimmten Art der Einweihung. Man sieht die drei Chakren, die dabei betont werden- das schlangenhafte Stirnchakram, das zarte, erdwärts gerichtete Kehlkopf- Chakram, das zugleich mit dem Kopfhintergrund korrespondiert, und das ungemein betonte Scheitelchakram, das sich gänzlich dem kosmischen Strom hingibt, ja das Himmelsrund geradezu abbildet. Die Individualität tritt gänzlich zurück, hat sich hingegeben- wenngleich horchend und in den Lippen fokussiert. Die Betonung des Gleichklangs weist unbedingt nach oben, ins Lauschen in die Sternensphären hinein. Die kosmische Sphäre dringt von oben geradezu überwältigend hinein, der Mensch ist ganz empfangend und lauschend geworden.

Übrigens hat Steiner in frühen Jahren auch Übungen in Bezug auf die Chakren gegeben (wer interessiert ist, konnte meinen Artikel „Spiegel putzen“ im Juli- August- Heft von Die Drei nachlesen- inzwischen nicht mehr online erhältlich ). Dazu ergänzend möchte ich eine Übung schildern, in der Rudolf Steiner anregt, den vor der Stirn meditativ gebildeten geistig- ätherischen "Raum" in den Stirnpunkt hinein zu ziehen, ihn sich ins den hinteren Schädel ergiessen zu lassen, um ihn das Rückgrat hinunter bis auf den Grund laufen zu lassen. Die dort - am Kundalini- Punkt- gesammelte Kraft sollte wieder bis auf Herzhöhe hinauf geleitet werden, um dann kraftvoll nach vorne zu strahlen.

Diese komplexe Übung, die ich jetzt auch nur wiedergebe, weist auf die heute angemessene Struktur der aktiven Chakren hin: Heute bilden Stirn, Kehlkopf und Herzhöhe den Dreiklang des Einweihungsgeschehens. Es ist ein sich ergänzendes Trio, das wesentlich mehr dem individuellen Charakter, den wir besitzen, entspricht als das alte, das im Pharao- Bild erscheint. Wir sind weniger nach oben gewandt als nach vorne. Der Kehlkopf ist ein gestaltendes Moment, das das Raumbildende der Stirn moduliert und kraftvoll entfaltet. Die Herzkräfte ergießen sich bis in die Mitte der Hände und sind erdhaft- willenhaft. Insgesamt ist das ganze Geschehen plastisch, aber auch ganz persönlich, und zugleich durchzogen von Kräften, die darüber hinaus gehen. Wir sind individuelle soziale Wesen, die sich in einen waagerechten Strom stellen. In diesem Strom, in dem die Kraft der drei Chakren einen geistigen Raum bildet, fliessen zugleich Lebenskräfte hinein, die das Individuelle in sich aufnehmen und mit der Kraft des Logos erfüllen.

Es hat so eine Verschiebung nicht nur der wesentlichen Kraftbereiche, sondern auch der Richtung statt gefunden, wie es nach der Neubegründung aller Mysterien durch die Auferstehung Christi nicht anders sein kann.

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Inzwischen sind durch einen aufmerksamen Leser Zweifel laut geworden, ob das beschriebene Geschehen in Bezug auf die Chakras als sich „ergänzendes Trio“ zu verstehen ist. Vielmehr spielt eine weitere Ebene eine nicht zu unterschätzende Rolle, die mit einem Chakra verbunden ist, das mit der Zirbeldrüse in Zusammenhang steht: „Die Wiedergabe der Übung (aus GA 264 oder 267) in deinem Aufsatz ‘Drei Chakren‘ scheint mir nicht richtig zu sein. Das heißt nicht am Stirnpunkt, sondern „an die Stelle im Innern des Kopfes …, wo etwa die Z (Zirbeldrüse) sitzt.“, „was man die Mitte des Gehirns nennen könnte, …, in der Zirbeldrüse.“ (GA 227) oder der “vorläufige Mittelpunkt” im Kopfe (GA 10 und 13).“ (Ton Majoor) Ich bitte meine simplifizierende Darstellung zu entschuldigen.
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Uranus, Frequenzen, Männlein & Weiblein usw.

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Beingness


Wenn man bei Rudolf Steiner nachliest, was Ich, Selbst, Ich-Leib, "Höheres Ich" und dergleichen in diesem Kontext bedeuten sollen, muss man zugestehen, dass diese Begriffe nicht den Charakter einer Definition haben. Sie sind bei Steiner meist sogar nur aus dem Zusammenhang der jeweiligen Situation verständlich, da er sie durchaus widersprüchlich verwendet. Diese scheinbare Ungenauigkeit bzw. Uneindeutigkeit erklärt er gelegentlich sogar zum Prinzip, um die innere Aktivität und Aufmerksamkeit seiner Leser und Zuhörer wach zu halten. Nicht selten erscheint es so, als konstruiere er zwischen Ich und Höherem Ich eine Dualität. So zumindest könnte man auch die folgende Textstelle interpretieren:

"Nun kann aber die Seele gar nicht anders, als dieses «Ich» für ihre eigentliche Wesenheit halten, bevor sie die übersinnliche Welt betritt. Sie muss in ihr die wahre menschliche Wesenheit sehen. Sie muss sich sagen: durch dieses mein Ich muss ich mir Vorstellungen über die Welt machen; dieses mein Ich darf ich nicht verlieren, wenn ich mich nicht als Wesenheit selbst verloren geben will. Der stärkste Trieb ist in ihr, das Ich sich überall zu wahren, um nicht allen Boden unter den Füßen zu verlieren. Was so die Seele im gewöhnlichen Leben berechtigt empfinden muss, das darf sie nicht mehr empfinden, sobald sie in die übersinnliche Außenwelt eintritt. Sie muss da eine Schwelle überschreiten, an der sie nicht den einen oder anderen wertvollen Besitz nur, an welcher sie das zurücklassen muss, was sie sich bisher selbst war. Sie muss sich sagen können, was dir bisher als deine stärkste Wahrheit zu gelten hatte, das muss nun jenseits der Schwelle zur übersinnlichen Welt dir als der stärkste Irrtum erscheinen können."*

Steiner spricht das Verhaftetsein in das an, was wir als unser biografisches Ich erleben, das vom Selbstgefühl determiniert ist, vor allem aber von den permanenten nervösen Rückmeldungen, dem Anstoßen an unsere Leiblichkeit. Dieses Ich erlebt sich im Widerspruch zur umgebenden Welt, im Ich-Es-Konstrukt, das ebenfalls als Anstoß zur Konstitution des Selbst zu erleben ist. Dieses Konstrukt des Ich konstituiert die gegenständliche Welt als Gegenpol zur erlebten Subjektivität. Der "wertvolle Besitz", der als stärkster Trieb mit allen Mitteln verteidigt wird, wird in seinem illusionären Charakter an der "Schwelle zur geistigen Welt", d.h., in der realen meditativen Erfahrung erkannt. Aber was erlebt dann da? Gibt es ein anders verortetes, aber ebenso funktionales "höheres Ich", das dann die Beobachtersituation analog zum leiblich gebundenen Ich einnimmt? Sind wir, mit anderen Worten, geistig ein Anderer als im physischen Erleben? Dann würde in der Tat ein Dualismus herrschen, eine beängstigende Diskontinuität unseres Seins.

Meditativ ist eine solche Diskontinuität nicht erfahrbar, auch wenn es ungewohnt ist und zunächst ungewohnte Anstrengung zu kosten scheint, von der Welt der Geformtheit in ein fließendes Bewusstsein zu wechseln. Der Übergang bedarf vieler Anläufe, wird aber, wenn er gelingt, ganz natürlich wahrgenommen, als ein helles, freies und spontanes Einschlafen mit erhaltenem, aber nicht fokussiertem Bewusstsein. Wenn man damit eine Weile lebt, ist das Potential immer im Hintergrund, in jeder Situation des Tages. Die Anstrengung fällt weg, man wechselt die Ebene jederzeit, ohne gesonderte und exponierte meditative Situation. Wenn diese Stille als Potential zur Verfügung steht, wächst sich etwas von selbst aus- bestimmte Ruhezonen aus dem Untergrund klingen durch die Leiblichkeit herauf, wodurch ein Wachstum vor sich geht, das das Ungestüme des Seelenleibes allmählich besänftigt- zumindest zu wesentlichen Teilen. Dann klingt das Nonduale doch so stark, dass die Erfahrung aufscheint, dass die Trennung zwischen geistigem und gespiegeltem Ich eben nicht besteht:

"..das ist ja gerade das Bedeutungsvolle, dass wir eine gemeinsame Welt haben, wenn wir im außerirdischen Dasein sind, dass dieselbe Welt, die der eine Mensch hat, die ist, die auch der andere Mensch hat, und dass die Menschen, die sich hier im Erdendasein räumlich auseinander halten dadurch, dass jeder in seiner Haut eingeschlossen ist, sich dann auseinander halten durch die innere Kraft der Seele. Auch im außerirdischen Dasein ist jeder eine Individualität; aber er ist nicht von den anderen Individualitäten getrennt durch den Raum, sondern durch die innere Kraft der Seele, durch die zusammen haltenden Kräfte in seinem Inneren."**

Es gibt also kein Hier und Da des Individuellen, keine Trennung, sondern nur Spezifikationen der Wahrnehmung durch das gespiegelte Leib- Bewusstsein. Wenn wir die leiblich- nervös bedingten Rückmeldungen meditativ abstellen können, gehen wir in das nonduale Flow- Bewusstsein ein, in dem wir uns als geistige Wesen erleben lernen.

Der kluge zeitgenössische Mystiker A.H. Almaas drückt diese Erfahrung so aus***: "As the restricted self — what we call the ego — lets go, its very substance unfolds like a flower. The ego doesn’t die, it transforms. The ego is nothing but the perspective of the surface of the soul, which is the true being. Many spiritual traditions go on about slaying the ego. But you can’t kill the ego. There is no separate thing that is ego. The ego is action, simply an activity that fastens your being, your soul, your psyche, and your self in a particular way."

Die eigentliche Anstrengung ist es, dieses abgegrenzte, abgrenzende Spiegel-Ich aufrecht zu halten. Es macht uns müde, verbraucht uns, läßt uns altern. In der Erfahrung des Seinsgrunds, in dem unsere "Substanz sich wie eine Blüte entfaltet" (Almaas) leben wir in den reinen Lebenskräften- ohne die Anstrengungen der Selbstbehauptung und des Selbsterhalts. Wir erleben uns dann auf der atmenden, pulsierenden Lebensebene dieser Welt***: "To engage the work is to participate in this world, in this magical universe. We don’t work to solve emotional problems. We don’t work to have religious experiences. We work to participate in the real world. The world as it really exists, not the world that we have been conditioned to see. It is mind-blowing to realize the nature and extent of our conditioned beliefs about the world. If you look at the universe objectively, it lives, pulses, and breathes. Everything is alive. The world is one living, huge, infinite, eternal kind of beingness."


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*Steiner, Ein Weg zur Selbsterkenntnis des Menschen in acht Meditationen
**Steiner, GA 218, 14.10.1922
***A.H. Almaas, Diamond Heart: Book Five: Inexhaustible Mystery
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Rude Boy Guru Cohen vor Imagewechsel?

Ich bin freundlicherweise von einem kritischen Anhänger Cohens auf einen Artikel aufmerksam bei Whatenlightenment (einem ebenso kritischen Blog) gemacht worden - „From Rude Boy to Nice Guy?“. Man muss vorher bemerken, dass Viele, die sich in diesen kritischen Blogs äußern, auch in dem unten besprochenen Buch von Yenner („Ein amerikanischer Guru“) nicht nur erwähnt, sondern breit zitiert werden. Außerdem gibt es seit langem das Aussteigerbuch von van der Braak, das ich bereits vor fünf Jahren besprochen habe, vor allem, weil dort auch eine komplette Biografie von Andrew Cohen ausgebreitet wird.
Im genannten Blog Whatenligthenment wird bemerkt, dass eine Reihe von kritischen Artikeln - auch bei Wikipedia - Anfang dieses Jahres verschwunden bzw. aktiv entfernt worden sind. Es ist also zu vermuten, dass das überaus schlechte Image des Gurus in seinen Umgangsformen mit seinen Schülern überarbeitet werden soll: „So what is going on here, folks? Dare we infer that there is a slippery and concerted effort on the part of Cohen and his students to remake the "rude boy" guru’s online image?

Nun erwähnt schon Yenner in seinem Buch, dass von Cohens ursprünglich etwa 130 Schülern gerade einmal eine kleine Handvoll übrig geblieben sind. Zwar kommen immer wieder Andere nach - das Ausgrenzen im Internen scheint ja bei Cohen zur Methode zu gehören -, aber Yenner weiß, dass das zentrale Ashram Foxhollow über weite Teile des Jahres ziemlich verwaist ist, wenn nicht gerade Events statt finden. Cohen scheint finanziell allmählich die Luft auszugehen, was einem Image- Wandel einigen Schub geben mag: „Stas Mavrides’ recent article, I Love Him, I Hate Him, I Love Him Again suggested that Andrew did a pubic about-face on his critical, angry stance toward his former teacher, in part per his PR consultant’s advice that he needed to make some specific image changes in order to help his fundraising efforts. (There are indications that Cohen’s group is in difficult financial straits – In 2011 it officially ended publication of its magazine “EnlightenNext”, and listed its Foxhollow property for sale, selling off a portion of the estate to a development company.)“ Das Prinzip des permanenten Wandels und damit einer notwendigen ständigen Expansion scheint bei den autoritären frauenfeindlichen und aggressiven Umgangsformen Cohens zunehmend zum Problem zu werden.

Ein sanftes Auftreten würde es ermöglichen, die „integralen“ Kreise besser anzusprechen, um im Dialog mit unterschiedlichen spirituellen Richtungen - auch den Anthroposophen - die eigenen Interessen zu wahren: „These days Andrew speaks to large Integral audiences like the “Integral Spiritual Experience” convocation held in California earlier in January.“ Die Betreiber von Whatenlightenment warnen allerdings, dass auch ein scheinbar eher dialogisch orientierter Cohen nichts anderes als ein Wolf im Schafspelz sein mag: „ Given that, it would seem by removing earlier internet testaments from himself and fawning students it might help him forge his new image as a likable ‘Integral-friendly’ leader; an image that belies the character of an abrasive, even abusively autocratic guru, a man to whom his inner circle of students have surrendered control of their lives, yet secretly fear displeasing. And so we say, “Beware the wolf in sheep’s clothing!”“

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Andrew Cohen & EnlightenNext- ein amerikanischer Guru

Bildschirmfoto 2012-04-29 um 19.01.43aus Cohen Website

Yes, ich lese gerade per Kindle- Lesegerät "American Guru: A Story of Love, Betrayal and Healing- former students of Andrew Cohen speak out" von William Yenner, der über weit über ein Jahrzehnt eine Art Manager für die EnlightenNext- Bewegung (so der heutige Name der Zeitschrift) war. Yenner ist auch nicht gerade freiwillig aus dem Bannkreis des auch in anthroposophischen Kreisen bekannten Gurus Cohen geworden. Er fiel vielmehr den regelmäßig stattfindenden Säuberungsaktionen innerhalb der Organisation zum Opfer, den immanenten und permanenten Ausgrenzungsmechanismen eines strikt autoritären Systems, an deren Spitze mit Cohen ein geld- und machtversessener, aber offensichtlich charismatischer Führer steht.

Die Methoden, deren sich Cohen in den internen Kreisen bedient, ist ein umfassender Spitzelapparat, dem sich Hunderte von aktiven Anhängern bereitwillig unterwerfen, um dann - angeblich um ihr "Ego" zu brechen- zunehmend gedemütigt, teilweise geschlagen und ihrer sämtlichen Ersparnisse (oder mehr) beraubt zu werden. "Beraubt" ist vielleicht der falsche Ausdruck- sie überschreiben das Geld, nehmen Kredite auf, um ihren auf sie scheinbar wütenden Guru zu besänftigen, der sich mit Kleingeld nicht zufrieden gibt, auch nicht mit buchstäblichen Unterwerfungen, Bädern in eiskaltem Wasser, stundenlangem Beten vor seinem Abbild. Die "Schuld", um die es sich handelt, ist meist sexueller Natur. Cohen kontrolliert alle (sexuellen) Beziehungen der ihm Hörigen und ahndet einen nicht von ihm genehmigten Kontakt (oder auch nur einen Akt der Masturbation)- eben alles, was die Spitzel ihm bereitwillig zutragen- so lange, bis es sie selbst erwischt. Es ist ein totalitäres System, das mit blumigen Implikationen und einem weltoffenen Erscheinungsbild verschleiert wird.

Das System funktioniert - nicht nur nach der Darstellung Yenners- aber stets so, dass nach Übertragung der teils erheblichen Geldbeträge (teils Millionen) die ausgegrenzte und gedemütigte Person durch anhaltende Isolation, Schläge oder anderes Brechen der Persönlichkeit zum Austritt veranlasst wird. Cohen hält seine Organisation dadurch lebendig, braucht aber auch ständig neue Märkte- eine quasi anhaltende Expansion, um immer wieder neue Geldquellen zu akquirieren.

Yenner liefert nicht nur einen Insiderbericht von der Spitze her (er hat das System selbst maßgeblich aufgebaut und organisiert), sondern reflektiert auch die totalitären Strukturen recht gründlich. Yenner hat alles für Cohen aufgegeben, selbst seine Ehe. Er trauert, wie man dem Buch anmerkt, bis heute um diese Beziehung zum verehrten Guru amerikanischen Zuschnitts, der allerdings nicht nur zynische, sondern auch unberechenbare, ja sadistische Züge zeigt und völlig korrumpiert zu sein scheint von der ihm zugewachsenen totalen Macht über Andere.

Das Grundprinzip von Cohens Apparat ist folgendes: "As strange as it sounds, my former teacher takes pride in (among other things) his ability to lie to and manipulate others. His community consists of concentric circles, each knowing only so much and not privy to what goes on in the ones above."

Yenner grübelt nach wie vor, was Cohen im Kern antreiben mag: Ist es "pleasure in deceit or lust for domination in himself? Is this the pathological template underlying Cohen’s pervasive demonization and abuse of those students who dare to disobey, contradict or leave him?"

Im Endeffekt sieht er in Cohen einen charismatischen Manipulator: "It is the shock of coming face to face with a monster that destroys because it can, that derives an experience of euphoria, arousal or pleasure from the recognition of what it can get away with, believing that no one will stand in its way."
Aber dämonisieren sollte man ihn nach Yenners Meinung nicht- Cohen selbst in seinem Machtwahn innerhalb seines Erleuchtungs- Zirkus zeigt eigentlich im Grunde infantile Züge: "..less as diabolical than as childish and at times even infantile."

"Karmische Schuld" bei kleinen Vergehen abzutragen, hat in Cohens System einen festen Wert, nämlich mindestens 20000 Dollar: "You actually even said to me and a few others at one time that when a ‘committed’ or a ‘senior’ student “blows it,” it’ll cost them $20,000 in karmic retribution." Nun gut. Eine möglicherweise teure Erfahrung, die einige Jahre des Lebens kosten mag und einen desillusioniert und mit Sicherheit ohne die versprochene Erleuchtung zurück lässt. Manche Aussteiger - vor allem die, die nicht gezahlt haben- werden in Cohens Auftrag auch verfolgt, um sie zu "überreden", zurück zu kehren. Wer diesen Preis für leere Versprechungen zu zahlen bereit ist, mag ja bei EnlightenNext eine Art esoterisches Abenteuer finden. Es ist natürlich ein abgenagter Knochen, den man eigentlich schon bei Osho ausreichend kennen lernen durfte. Aber offenbar braucht jede Generation ihre eigenen surrealen Gurus, egal wie soziopathisch sie daher kommen mögen. Anfänger - auch in anthroposophischen Kreisen- preisen die Härte und „Konsequenz“ in Cohens System. Das Ganze hat natürlich mit den freilassenden und menschenfreundlichen, ewig diskutierenden und streitenden Anthro- Kreisen gar nichts zu tun. Aber die Möhre, die in diesem Fall „Erleuchtung“ heißt, baumelt den Newbies vor der Nase und wirkt bezaubernd, egal wie hart sie Cohen oder seine Leute herannehmen, kritisieren und demütigen sollten. Dass die totale Kontrolle in den inneren Zirkeln letztlich überall hin führt, nur nicht zur Erleuchtung, wird aber meist erst nach dem kruden Erwachen bei systematischer Ausgrenzung und Ausbeutung deutlich.

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Michael Eggert: Kiffen ist gesünder. Zu Powells „Christus und der Mayakalender"

Es gibt so allerlei, über das man schreiben könnte, bei dem sich aber zwar nicht gerade die Tastatur verklemmt, aber reichlich innere Widerstände aufbauen. So geht mir das mit offensichtlich verschwörungstheoretischen, okkult- suggestiven und anderweitig im Trüben fischenden Büchern. Es ist schwierig, mit Texten umzugehen, die sensationelle Offenbarungen verheißen, wie nun im heutigen Fall mit Robert Powells „Christus und der Mayakalender. 2012 und das Erscheinen des Antichristen“ (Basel 2009).

Der Name des Buches, das im „Informationslücke-Verlag“ erschienen ist, ist Programm und verdeutlicht hinreichend den gesamten Inhalt. Interessant sind die Quellen und die Methodik, mit der das angebliche apokalyptische Geschehen produziert wird. Powell benutzt Textstellen der Apokalypse (selbstredend), Rudolf Steiners, Valentin Tombergs, Daniil Andrejews, Jeane Dixons, Judith von Halles und seiner selbst, je nach Bedarf, je nachdem, ob es passt. Ab und zu wird auch schon mal eine Marienerscheinung o.ä. eingestreut, etwas ägyptische Mystik oder das eine oder andere Buch zum rudimentären, aber zur Zeit top modischen Mayakalender. Gelegentlich betont Powell auch seine eigenen „Forschungsergebnisse“: „Durch meine eigene Forschung war ich in der Lage, Daniil Andrejews Ankündigungen bzgl. der bevorstehenden (..) Offenbarung Christi im Ätherischen und das Kommen des Antichrist „in nicht zu ferner Zukunft“ zu bestätigen.“ Holla.

Nähere oder auch nur ungefähre Angaben zu seinen Arbeitsmethoden macht Powell nicht, aber es klingt gut. Im ersten Teil benutzt er allerlei Zahlenmystik, um zu den gewünschten Jahresangaben zu kommen, die er allen möglichen Quellen entnimmt (auch Rudolf Steiner, natürlich), aber nach vorne oder hinten ausdehnt, variiert und kombiniert. Das Meiste wird aus anderen Texten über den Mayakalender abgeschrieben. Zwischen Templern, Echnaton, Dämonen und Sophienkult streut Powell auch noch Bilder der Milchstrasse hinein. Die sich daraus ergebenden Bezüge sind natürlich beliebig und passen sich notgedrungen in das behauptete apokalyptische Geschehen hinein. Bei dieser Methode könnte man auch einige Micky-Maus-Hefte als Quelle heran ziehen und einbauen- es würde passen, wenn man nur das Nichtpassende passend ausblendet.

Zweifel räumt Powell durch immer weiter addierte beliebige Textfragmente aus - etwa in folgendem Zitat:
Bezüglich des Datums vom 21. Dezember 2012 mag der skeptische Leser einfach sagen, „Warum soll ich den Apokalypse Code für gültig erachten?“ Aber es ist nicht nur der Apokalypse Code, der uns dazu führt, den langjährigen Mayakalender als eine prophetische Voraussage für das Ende der 3 1/2 jährigen Regierungszeit des Antichrist anzusehen, sondern auch das Lesen der Bilder der Offenbarung, die uns deutlich ankündigt, wo wir in der Entfaltung der Weltgeschichte stehen. (..)“ (S. 112). Und wer es an diesem Punkt immer noch begriffen hat, dem wird das Werk des (mir unbekannten) russischen Mystikers Andrejew „als sehr hilfreich“ empfohlen.

„Hilfreich“ im Sinne der sinnfreien Argumentationskette von Powell ist alles mögliche, wenn nur das Ziel erreicht wird, „die metahistorische Offenbarung der Apokalypse in eine verständliche Reichweite der Zeit, in der wir leben, zu bringen“ (S. 113). Das haben nun allerdings seit dem Mittelalter Viele versucht. Auch Powell bezieht die apokalyptischen Bilder auf tatsächliche zeitgenössische Katastrophen: „Wie „erfüllen“ die Ereignisse des 11. September 2001 auf der historischen Ebene die sich öffnende Szene des 13. Kapitels der Offenbarung auf der metahistorischen Ebene? Kehren wir zurück zu den Worten, die die Öffnung der Szene des Kapitels beschreiben: „Und ich sah ein Tier aus dem Meer steigen, das hatte zehn Hörner und sieben Häupter.. Und ich sah eines seiner Häupter, als wäre es tödlich verwundet“ (Offenbarung 13:1-3). Die „tödliche Wunde“, die Johannes vor etwas über neunzehnhundert Jahren sah, kann als die „Wunde“ gesehen werden, die mit der Zerstörung der beiden Türme des World Trade Center, dem Computer beladenen „Haupt“ des Welthandels zugefügt wurde. So kündigte dieses dramatische Ereignis am 11. September 2011 der Welt das Aufstehen des „Tieres“, Satan/ Ahriman, an, auf seinem Weg zur Inkarnation, mit einem seiner Häupter verwundet. Der darauf folgende Krieg gegen den Terror, der beabsichtigt, die Menschheit in einem Zustand ständiger Angst zu halten, ist genau das, was die Atmosphäre schafft, die das Tier für seine Inkarnation als Antichrist braucht.“ (S. 116) Diese merkwürdigen apokalyptischen Kurzschlüsse folgen dabei - ohne das zu be- oder vermerken- einer Dämonisierung, die auch Bin Laden in seiner Dschihad- Ideologie betrieb. Powell muss sich in seinen hektischen Argumentationsmanövern offenbar doch an den Duktus des in seiner Zielgruppe beliebten Anti- Amerikanismusses halten. Die beigefügte Bemerkung, das „Haupt“ des World Trade Centers sei „Computer beladen“ (was für ein schreckliches Deutsch!), mixt noch eine Prise Technikphobie mit hinein.

Die „Qualität“ der beliebigen assoziativen Querbezüge, die Powell herstellt, zeigt sich an allen Ecken und Enden. Auf Seite 124 springt er von dem „großen roten Drachen“ nahtlos herüber zum Kommunismus, wie überraschend: „Der Name für die Bolschewisten - die Roten - deutet auf das Bild aus der Vision des Johannes.“ Ja, aber wenn ich „die Roten“ bei Google eingebe, erhalte ich auch noch 25 Millionen andere Bezüge, von Rosen über Fußballvereine bis hin zu roten Zahlen. Mithin könnten wir spontan ein Buch schreiben über den Bezug der Finanzkrise zur Apokalypse. Und auch wir könnten mit geschwellter Brust hinein schreiben: „Die Visionen der Offenbarung sind wahr.“ (S. 125). Alles wird wahr, wenn man es nur passend zurecht strickt. Nur wer diese Strickmuster dann in seinen Weltkosmos übernimmt, hat zwar ein unanfechtbares Erklärungsmodell für Alles, aber auch ein echtes Problem.

Unser Ratschlag zum besprochenen Buch: Kaufen Sie es nicht, wenn Sie einen assoziativen Rausch suchen. Kiffen ist gesünder. Folgt man diesem Buch aber doch, muss man mehr Sorge um die eigene geistige Integrität als Angst vor dem kommenden Antichristen haben.
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