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Flötentöne & Sehnsucht

Das ist immer dieselbe Sehnsucht, lebenslänglich, unerklärlich für den, der sie nicht kennt.

Es ist die Sehnsucht des Seglers nach offenem Meer, nach Wind und Gischt,dem Rollen des Bootes. Aber die Sehnsucht, die ich meine, verbirgt sich nicht in Wasser, unter Steinen, in Höhlen oder im weiten gebirgigem Blick. Die Sehnsucht weht uns an, wie anderen etwas zustößt. Sie spielt Flötentöne auf unseren Knochen. Sie erhebt uns, aber lässt uns zugleich Blicke werfen ins eigene Unauslotbare, das tiefer ist als die See und an manchen Stellen so dunkel und kalt, dass der Atem gefrieren kann.
Nun, rüste Dein Boot, setz die Segel und befestige die offene Takelage. Wir brechen ständig auf, schauen ins Nichts und lassen vom Boden der Stille die erste Brise aufkommen. Unser Blick, der in die Weite schaut, ohne zu schauen, unser Denken, das bis zu einem einzigen Punkt fokussiert, sich von Innen öffnet wie die Romantische Blume- exakt und offen, flüssig geworden wie das Wasser unter dem Kiel: Aufbruch.

Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes, // Welcher so weit geirrt, nach der heiligen Troja Zerstörung, // Vieler Menschen Städte gesehn, und Sitte gelernt hat, // Und auf dem Meere so viel' unnennbare Leiden erduldet, // Seine Seele zu retten, und seiner Freunde Zurückkunft.”


Odyssee
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Music for the end of time

Über Richard Powers „Orfeo"

Ja, das mag sein, vielleicht trägt Richard Powers in seinem neuesten Roman „Orfeo“ zu dick auf. Und ja- es ist dieselbe alte Geschichte - ein genialer moderner Komponist -Peter Els- trifft auf die amerikanische Wirklichkeit nach dem 9/11, geht beinahe daran zugrunde und schreibt am Ende die beste Musik seines Lebens. Und ja, er hat einen guten Freund - einen genial- getriebenen Regisseur - und eine beste Frau, die ihn mitsamt gemeinsamer Tochter verlässt, weil das Künstlerleben nicht ihren Vorstellungen entspricht. Und ja, sie sprechen sich am Ende, nach Jahrzehnten, wenigstens aus, nachdem dieses Leben von Richard Powers auserzählt worden ist.
Bildschirmfoto 2014-11-18 um 17.32.09

Aber dennoch- wenn auch kaum ein Klischee ausgelassen wird - Richard Powers ist eben ein kraftvoller Schriftsteller, der mit dem Quast arbeitet, nicht mit der kalligraphischen Feder. Seine Personen werden in 3d und in Farbe ausgemalt. Bei einem, der Musik liebt wie die Protagonisten dieses Buches, liegt der Friede schon im Hören von Musik: „Wordless peace fills him at the sight of his own crumpled, listening body. And pity for anyone who mistakes this blinkered life for the real deal. (..) Lines echo and overlap, revealing where the music has been heading from the opening Do. They plait together too tightly for Peter’s ear to make out everything that happens inside the five-way weave. The sound surrounds him, and Peter is immanent, inside it all, a small but crucial part of everywhere.

Musik öffnet hier - in zahllosen intimen Schilderungen - ein inneres Auge, um in ihr in einer bewussten Transzendenz aufzugehen: "Only keep still, wait, and hear, and the world will open.“ Dies ist der Punkt, das innere Anliegen, das den Komponisten umtreibt, das aber sprachlich - etwa gegenüber seiner Frau - nicht vermittelbar ist: "Music, he’ll tell anyone who asks over the next fifty years, doesn’t mean things. It is things.“ So kommt es zur Erfahrung eines unsterblich- Existentiellen: "Perhaps we all know deep down . . . that we are immortal.

Die Unsterblichkeit schützt unseren Helden allerdings nicht vor unfassbaren Dummheiten. In seiner Suche nach dem Immanenten verwirklicht er sich nicht nur in der Komposition, sondern überträgt seinen Wissensdurst auf die Chemie. Nicht im alchemistischen Sinn, sondern ganz handgreiflich in Versuchen der Manipulation von DNA. Das Labor weckt das Misstrauen von Mitbürgern und Institutionen wie dem amerikanischen Heimatschutz; es kommt durch eine Medien- Kampagne sogar zur öffentlichen Hexenjagd, da der verrückte Künstler, der den Klang und die Komposition in den Stammbaum von Bakterien bringen will, als Terrorist verdächtigt wird. Er versteckt sich im Ferienhaus seiner Therapeutin, mit der er einmal eine Affäre gehabt hat, und pflegt seine einsamen Obsessionen: "His whole history, recorded in a few haphazard splashes of water: the idea was mad. But music itself—the pointless power of it—was mad, too. A six-chord sequence could chill a soul or make it see God.“ Während wir doch alle umgeben sind von einem Schwall sinnlosen, entrückten Wall von Geräuschen und Informationsbits ("The air fills with trivial ecstasies.“) findet der verfolgte, verlassene und von der menschlichen Gemeinschaft ausgestossene Komponist Kraft für einen musikalischen Durchbruch: "music for the end of time."
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„Anthroposophische Spiritualität“. Zu einem Buch Jens Heisterkamps

Ganz in dunklem Blau, mit kräftigen Spuren eines komplementären Orange, das den Rahmen einer sich öffnenden Tür umrandet- so präsentiert Jens Heisterkamp sein Büchlein mit dem Titel „Anthroposophische Spiritualität“*. Nicht nur die Untertitel, sondern vor allem der Autor selbst geben die Gewähr, dass es sich keinesfalls um eines der zahllosen anthroposophischen Schriften mit großem Anspruch und wenig Originalität handelt, sondern vielmehr um eine Positionsbestimmung, in die Erfahrung, Umsicht, Zeitgenossenschaft, ein selbständiger sprachlicher Duktus und Mut zum persönlichen Statement einfliessen.

Heisterkamps Betrachtung umfasst fünf Abschnitte, die durchaus auch in sich abgeschlossen bestehen könnten. Zunächst widmet er sich einer prägnanten Betrachtung von Rudolf Steiners Denkentwicklung, die Heisterkamp auf knappe Art und Weise in ihren Umbrüchen charakterisiert. Er verzichtet dabei fast vollständig auf das typische anthroposophische Vokabular, sondern beschränkt sich auf knappe Zitate mit einer modernen Interpretation: „Im Bemerken der Tatsache, dass die Geistigkeit der Welt in das menschliche Innere nicht nur hineinragt, sondern in ihm sogar neu zu Bewusstsein kommt, geht Steiner der Sinn des Menschseins auf. Dabei meint er mit seiner platonisch anmutenden Rede von der „Ideenwelt“ nicht das intellektuelle Denken des Verstandes, dessen kombinatorisches Vor-sich-hin-Laufen ja jede spirituelle Entwicklung hemmt, sondern die bewusst gemachte Anwesenheit des Einen spirituellen Urgrundes, der in Form einer Denk-Spur durch unser Bewusstsein zieht - mit den Merkmalen tiefer Verbundenheit ausgestattet und jederzeit dazu in der Lage, uns denkend über unsere Begrenztheit in ein tieferes Verstehen hinauszuführen.“ (S.19) In Vergleichen zu Denkern wie Heidegger und der Zen- Philosophie versucht Heisterkamp, den Logosbegriff Steiners („der Welt und Mensch übergreift“) ebenso zu charakterisieren wie dessen Vorstellung von Freiheit („Die Erfahrung an der All- Einheit im Bewusstsein ist ja eine Erfahrung von Freiheit: Freiheit im Sinne einer prinzipiellen Unbegrenztheit und Ungetrenntheit, der „Aufgehobenheit“ des Individuellen im All- Einen…“). Besonderes Gewicht in der Darstellung - im Sinne einer inneren Metamorphose- erhält Steiners zeitweiliges Aufgehen im mystischen Rahmen der Theosophie, aber auch seine Emanzipation gegenüber der „östlichen Weisheit“ durch Steiners Begründung der Anthroposophischen Gesellschaft. Der eigentliche spezifische spirituelle Schulungsweg Steiners findet sich fragmentiert in seinem gesamten Vortragswerk verteilt. Um eine „rezeptartige Übernahme“ der vielen vorgetragenen „Forschungsergebnisse“ Steiners kann es für den modernen Leser nicht gehen, zumal manches „inzwischen zeitlich überholt“ (S. 37) erscheint- manchmal auch in dem Sinne, dass die „Aussagen Steiners“ z.B. über Menschen mit anderer Hautfarbe „diskriminierenden Charakter“ haben.

Im zweiten Teil versucht Heisterkamp, Steiners Grundansatz, eine „Spiritualität vom Denken her“ zu entwickeln, seine „Mystik des Denkens“ sprachlich zu fassen und damit Motive für eine „moderne, aufgeklärte Spiritualität“ (S.39) heraus zu arbeiten. Das Nachdenken über das Denken im Sinne Steiners führt eben nicht nur zur postmodernen Position, im Denken „lediglich ein subjektives Konzept“ zu sehen, sondern auch zur „zentralen Eigenschaft des Denkens: Seine Universalität und seine Allgemeingültigkeit.“ (S. 45) Die „mystische“ Erfahrung des Denkens führt in den Worten Heisterkamps zu der Erfahrung: „Nicht ich denke die Gedanken, sondern ich bewege mich denkend in einem in sich selbst begründeten (organischen) Weben des Denkens..“. (S. 47) Die „Schlüsselerfahrung“ moderner Spiritualität mündet schließlich in der Fähigkeit, „Bewusstsein als Bewusstsein selbst“ zu erfassen - in der Leere eines fokussierten Denkens, das sich aber nicht mehr in seinen Inhalten verliert. Damit ist auch die Erfahrung verbunden, dass das Denken uns erst als Subjekt konstituiert. Der anthroposophische Weg führt zur Ursprünglichkeit eines reinen Bewusstseins, ohne sich dabei in einer „Selbstauslöschung“ aufzugeben. Die dualistische Weltsicht wird in dieser meditativen Denkaktivität nach und nach überwunden, indem die „Denktätigkeit“ (S. 57) selbst erfahrbar wird. Dies ermöglicht es, etwas „zuvor nicht Vorhandenes in die Welt zu bringen“ (S. 60) und somit unabhängig, kreativ, auch sozial schöpferisch tätig zu werden. Die Evolution der Dinge und Wesen bis hin zur Selbstgewahrwerdung wird in dieser Sicht durch eine „Involution“ des Geistes in die Materie ergänzt. Heisterkamp ist an diesem Punkt der Betrachtung bemüht, die widersprüchlichen Signale zwischen Individualismus, Kultur, reaktionären Tendenzen und ungehemmter Freizügigkeit als zeitgenössische Wegmarken verständlich zu machen und zugleich existentielle Grundbedingungen des Menschen zu erfassen: Menschen sind „grundsätzlich unfertig und unbestimmt“ (S. 69). Das schließt Probleme, Hemmnisse, Schmerzen und die „vielleicht auch dunklen Seiten“ (S. 73) des Individuums mit ein. Das „Evolutionäre“ bedeutet für Heisterkamp an diesem Punkt weniger, individuell nach „Erleuchtung und höherer Erkenntnis“ zu verlangen, als im Sinne Steiners „das Erwachen am anderen Menschen“ zu suchen- und damit praktisch und konkret tätig zu werden. Das „Interesse am anderen“, an einer „Zukunft dieses Menschen“ ist das Credo dieser Spiritualität, die ihr Potential in einer „neuen Achtsamkeit für Gemeinschaftsbildungen“ gewinnt. Hier sieht Heisterkamp auch die gemeinsame Schnittmenge mit anderen spirituellen Richtungen, die er im dritten Teil des Buches („Stufen der Entwicklung“) weiter ausführt.

Die Vertiefung der Grundmotive einer so angedeuteten evolutionären Bewusstseinsentwicklung führt Heisterkamp zur Darstellung kosmischer und menschlicher Entwicklung im Sinne von Bewusstseinsstufen, die sich zwar entfalten, aber zugleich in den „transformativen (freien) Möglichkeiten, Bewusstsein zu entwickeln“ (S. 89) auch, da es sich keinesfalls um einen linearen Prozess handelt, „Brüche und Abstürze“ frei legen- das 20. Jahrhundert war von diesen Abgründen geprägt. Totalitarismus und Terror sind die Schattenseiten dieser Evolution des Bewusstseins, das, in anthroposophischer Terminologie zum „Berührt- Werden vom Geist“ im Sinne der Entfaltung des Geistselbstes führen kann. Heisterkamp spricht an dieser Stelle von einer Einverleibung des Geistes, oder, in Worten Andrew Cohens, vom „Authentischen Selbst“.

Die eigentliche meditative Arbeit daran stellt Heisterkamp im vierten Teil („„Schulungsweg“: Spirituelle Transformation durch Weltbegegnung“) - wiederum in einer spezifischer werdenden Darstellung- vor. Auf der einen Seite steht eine Umwandlung des „intellektuell- emotionalen Apparat(es)“ (S. 101), auf der anderen eine zunehmende Verankerung im Sinne einer zu entdeckenden Ruhe („sein Lebensschiff einen sicheren, festen Gang zu führen“- nach Steiner). Die Darstellung der meditativen Schritte führen Heisterkamp auch zu einer Darstellung der Entfaltung der Chakren.

Im letzten, recht kurzen Abschnitt wagt Heisterkamp einen Ausblick auf die weitere Entfaltung der Anthroposophie im 21. Jahrhundert. Die „exklusiven Lehrinhalte“, die ritualisierten Arbeitsformen und die relative Abgeschiedenheit der anthroposophischen Bewegung sollten in seinen Augen überwunden werden zugunsten einer umfassenden Dialogbereitschaft auch mit anderen spirituellen Strömungen. Dabei geht es nicht um Vermischung und Verwässerung der Impulse, sondern um ein „Sondieren und Fruchtbar- Machen von geistigen Schnittmengen“ (S. 123). Die Zeiten haben sich natürlich seit Steiners Lebens- und Wirkenszeit verändert - heute findet sich die anthroposophische Bewegung wieder in einer Ära der „globalisierten Spiritualität und Religiosität“ (S. 125). Dazu gehört für Heisterkamp einerseits das Besinnen auf die „philosophisch- gedanklichen Grundlagen der Anthroposophie“ (S. 127), andererseits das Überdenken mancher (häufig lediglich als Phrase benutzten) anthroposophischen Maximen wie z.B. dem viel beschworenen „Christus- Impuls“.

Das zentrale Anliegen Heisterkamps, was die Anthroposophische Gesellschaft im 21. Jahrhundert betrifft, ist aber die Notwendigkeit eines fortlaufenden und sich vertiefenden Dialoges - eben das, was er auch als zentrales spirituelles Motiv für das Individuum heraus gearbeitet hat. Das Büchlein ist dafür selbst ein Beispiel, da es - ohne den Ballast anthroposophischer Nomenklatur - zentrale anthroposophische Anliegen und Bestrebungen darstellt und damit „Einsteigern“, aber auch Anhängern anderer spiritueller Bewegungen näher bringen kann.

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*Jens Heisterkamp, „Anthroposophische Spiritualität. Denken, Meditation und geistige Erfahrung bei Rudolf Steiner. Eine Einführung“, Frankfurt/ Main 2014
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The Circle- die apokalyptische Social- Media- Vision

circleDies ist kein ausgedachter, ideologisierter oder erneuter Weltuntergangs- Plot, sondern ein die heutige Social-Media- Wirklichkeit klug ausspinnender Roman (Dave Eggers, The Circle, Pinguin 2013)- eine Art Essay in gut lesbarer, spannender Entwicklung. Klug auch deshalb, da wir die Provinznudel Mae mitsamt ihrem schlichten Holzfällerhemd- Freund und ihren etwas Eltern auf ihrer Karriere in das neue Medienunternehmen The Circle begleiten. Wir sind als Leser quasi dabei.

Mae hat durch Protektion ihrer ältesten Freundin zu ihrer Freude und Überraschung einen Job in der Kundenbetreuung - einem durch rigide Feedbacks und permanente enge Kontrolle gekennzeichneten Callcenter- des Weltunternehmens in einer fiktiven Stadt in Kalifornien erhalten: „There were over ten thousand employees on this, the main campus, but the Circle had offices all over the globe, and was hiring hundreds of gifted young minds every week.“ Die Kundenbetreuung ist das Standard- Karriere- Sprungbrett für jeden der über 10000 Mitarbeiter in dieser Start-Up-Firma, deren Gründer Ty in fast jeder Hinsicht (auch was das Alter und die Umtriebigkeit betrifft) dem Facebook- CEO Mark Zuckerberg gleicht. Zuckerberg hat Facebook 2004 entwickelt und besitzt heute ein Vermögen von etwas unter 20 Milliarden Dollar. Tys Neuerung besteht darin, dass The Circle einerseits Email, Social Media und Kommerz in einem System integriert hat - andererseits scheint das Unternehmen in seiner Marktmacht, mit der es Facebook, Twitter, Amazon, Google geschluckt hat, extrem engagiert zu sein- es fördert durch seine digitale Präsenz Transparenz in Politik und Gesellschaft und engagiert sich in vielen konkreten kleinen NGOs weltweit- seien es Frauenfragen im Sudan, Kindesmissbrauch oder das Wohlergehen der Wale. Die ständigen Petitionen erhalten durch die wirtschaftliche und kommerzielle globale Präsenz erhebliche Durchschlagskraft, ziehen engagierte junge Leute ins Unternehmen und fördern permanente technologische Innovationen. Die globale Marktmacht der Gutmenschen hat hier ihr Medium gefunden.

Ty selbst, der aufgrund seiner Genialität und seines Outputs von Ideen den Beinamen „Niagara“ erhalten hat, ist innerhalb des ständig wachsenden Campus des Unternehmens unsichtbar geworden: „Watchers of the Circle wondered, Where is Ty and what is he planning? These plans were kept unknown until they were revealed, and with each successive innovation brought forth by the Circle, it became less clear which had originated from Ty himself and which were the products of the increasingly vast group of inventors, the best in the world, who were now in the company fold. Most observers assumed he was still involved, and some insisted that his fingerprints, his knack for solutions global and elegant and infinitely scalable, were on every major Circle innovation. He had founded the company after a year in college, with no particular business acumen or measurable goals. “We used to call him Niagara,” his roommate said in one of the first articles about him. “The ideas just come like that, a million flowing out of his head, every second of every day, never-ending and overwhelming.“"

Eines seiner wichtigsten Innovationen war die Einführung einer eindeutigen Identifikation jedes Users des umfassenden Systems, dem inzwischen nahezu 80% der Bevölkerung angehörten: "Instead, he put all of it, all of every user’s needs and tools, into one pot and invented TruYou—one account, one identity, one password, one payment system, per person. There were no more passwords, no multiple identities.“ Zudem entwickelt sich auf dem Campus eine permanente Unterhaltung- Bands, Politiker, Stars, Parties, Meetings füllen auch das, was man früher einmal „Freizeit“ nannte. Es entsteht auf dem Campus eine „Insel der Gelehrten“, wobei diese Idealisten, Geeks und Technokraten meist jünger als 25 Jahre alt sind. Die vom Virus des Unternehmens infizierte Mae, die ständig, rund um die Uhr mit mindestens 3 Displays kommuniziert, sieht sich immer weniger in der Lage, sich auf ihr zäh erscheinende analoge Gespräche einzulassen: "“But now you’re hyperventilating.” “I guess I’m just so easily bored by this.” “By talking.” “By talking in slow motion.”" Die medizinische Versorgung der Mitarbeiter ist mehr als umfassend- mittels implantierter Chips wird der gesamte körperliche Zustand für den User auf mitgeführten Displays transparent- allerdings auch für die Firma, die diese Daten in ihrer Cloud analysiert. Eine weitere Innovation besteht darin, ähnliche Chips in die Knochen Neugeborener zu implantieren, um sie vor Entführung, Missbrauch und Mord zu schützen. Ein Bruch entsteht aber erst in der Einführung von Mini- Cams, die per Satellit kommunizieren und in allen Krisenregionen der Welt massenhaft platziert werden. Damit können politische, militärische und polizeiliche Übergriffe jederzeit in Echtzeit dokumentiert werden. Um Korruption und Lobbyismus zu verhindern, erlauben erst einzelne und dann immer mehr Politiker, mittels einer Mini- Cam selbst permanent präsent zu sein- wer nicht mitzieht, sieht sich dem Verdacht ausgesetzt, er hätte etwas zu verbergen.

Auch Mae selbst geht zwar auf diese totale Art online („And along the way, I intend to show how democracy can and should be: entirely open, entirely transparent. Starting today, I will be wearing the same device that Stewart wears. My every meeting, movement, my every word, will be available to all my constituents and to the world.“), hat aber doch einige Geheimnisse wie nächtliche Kayak- Fahrten oder heimliche sexuelle Begegnungen auf der Damentoilette. Aber sonst folgt sie der Devise des neuen Zeitalters, das da lautet „ALL THAT HAPPENS MUST BE KNOWN.“, und wird mit ihrer Dauerberichterstattung vom Campus zum medialen Aushängeschild des Konzerns, der sich nach und nach zur Staatsmacht entwickelt. Denn durch die eindeutige Identifikation entwickelt sich eine Möglichkeit der Neuorganisation der politischen Wahlen - ja, sogar eine Wahlpflicht. Missliebige Kritiker werden durch inszenierte Skandale aus dem Verkehr gezogen. Nach und nach knickt das gesamte politische System vor dem schönen neuen Totalitarismus ein. Die totale Transparenz wird zur humanitären Pflicht: "If you care about your fellow human beings, you share what you know with them.“ Die letzten vereinzelten Kritiker, die in dem so entstandenen Überwachungssystem etwas sehen wie "the world’s first tyrannical monopoly“, werden gejagt oder auf dem Campus isoliert- darunter auch der Gründer Ty selbst. Die schöne neue Welt bewegt sich Richtung totaler Gemeinschaft und Einheit ("a world moving toward communion and unity“)- wer könnte sich gegen diese Segnungen noch wehren? Notfalls wird er als Soziopath von Drohnen selbst in der Wildnis gejagt. Das vergebliche Aufbegehren Typ - auch gegen die Hardlinerin Mae - fasst er, vor seinem endgültigen Verschwinden in die Worte "But I didn’t picture a world where Circle membership was mandatory, where all government and all life was channeled through one Network.

„The Circle“ ist natürlich Science Fiction- aber nicht sehr. Die Sorgen, die sowohl durch die heute existierenden sozialen Netzwerke, aber auch durch die Nachrichtendienst- Affäre des NSA virulent sind, werden in diesem Roman aufgegriffen und gekonnt fortgesponnen- in systematisch ausgebreiteten Was-wäre-wenn- Szenarien. Der Punkt, an dem das Netz totalitär wird, ist nicht aus der Luft gegriffen, sondern aus den bestehenden Potenzialen heraus weiter entwickelt. Wie wollen wir in Zukunft Humanismus als vernetzte Weltgemeinschaft definieren? „The Circle“ zeigt den Irrweg und wird damit zu George Orwells „1984“ für das 21. Jahrhundert.


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Grafik Michael Eggert
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Hans Büchenbacher- Wo der Hammer hängt

buechenbacher
Ansgar Martins zeigt in „Hans Büchenbacher. Erinnerungen 1933- 1949“*, wo der Hammer hängt, nämlich wie man heute ein anthroposophisches Sachbuch schreibt. Es geht um methodische Vielfalt, um Kontextualisierung, vor allem gelungen durch einen die historischen Erinnerungen begleitenden Text in Form von Anmerkungen, in denen nicht nur Textvarianten, Erklärungen von Orten, Worten, Umständen einfließen, sondern auch biografische Kurzabrisse aller im Text auftretenden Personen- und das sind eine Menge, das Who is Who der Anthroposophischen Gesellschaft. Martins schafft so einen Hypertext, der, gut lesbar, die eigentlichen Erinnerungen Büchenbachers, des esoterischen Schülers von Rudolf Steiners, führenden professionellen Vortragsredner in Sachen Anthroposophie, der in den Vorständen von Stuttgart und Dornach ein und aus ging, des Netzwerkers und Organisators, begleitet. Diesem Text folgt eine umfängliche Biografie Büchenbachers von Ansgar Martins, Anmerkungen zur politischen Orientierung der frühen Anthroposophie und Ausführungen zu den „politischen Sünden“ der Dornacher in Bezug auf den Nationalsozialismus. Weitere Anmerkungen und Dokumente ergänzen den umfangreichen Band.

Man muss dazu wissen, dass der prominente Hans Büchenbacher aus nationalsozialistischer Sicht als „Halbjude“ einzustufen war und bereits 1933 erfahren musste, dass seine und die Positionierung des damaligen deutschen Vorstands, „keine unanthroposophischen Kompromisse“ mit dem Nationalsozialismus einzugehen, ja, die Gesellschaft lieber „freiwillig“ zu schließen, vom Dornacher Vorstand nicht im geringsten geteilt wurde. Ganz im Gegenteil. Günther Wachsmuth und Marie Steiner galten als pronazistisch, Albert Steffen hielt sich in der Öffentlichkeit (nicht in seinen Tagebüchern) heraus. Marie Steiner protegierte den psychisch kranken, absolut nationalsozialistisch positionierten Roman Boos, und bezeichnete die Vorgänge in Deutschland mit „es ist offenbar dort alles in bester Ruhe und Ordnung.“

Es ging dabei nicht nur um politische Bewertungen- es ging auch die Sorge vor einem Wegbruch der Gelder der mitgliederstarken deutschen Anthroposophenschaft im Falle eines Verbotes. So sollte es ja auch kommen. Statt in irgend einer Weise Flagge zu zeigen gegenüber der immer mächtiger werdenden Gewaltherrschaft entfernte die Anthroposophische Gesellschaft lieber in vorauseilendem Gehorsam die jüdischen und „halbjüdischen“ Mitglieder aus ihren Reihen und Gremien. Bereits 1934 erfuhr auch Büchenbacher von diesem Ansinnen- man verlangte selbstverständlich von ihm, „ganz freiwillig“ aus dem deutschen Vorstand auszutreten. Marie Steiner beeilte sich, Büchenbacher umgehend schnellstens seine Wohnung im Zweighaus zu kündigen. Wachsmuth hatte sich ja bereits 1933 öffentlich zu seiner Sympathie gegenüber allem, „was z Zt. in Deutschland geschieht“ bekannt und versuchte zu verhindern, dass sich jüdische Mitglieder in Dornach einzuschreiben gedachten: „er könne doch nicht am Goetheanum einen Judenstall haben“. Trotz dieser Umstände blieb Hand Büchenbacher als Vortragsredner sehr aktiv. Von der international, dezentral orientierten Ita Wegman hielt Büchenbacher übrigens gar nichts- er unterstützte trotz aller Fragwürdigkeit Marie Steiner darin, Wegman endgültig kalt zu stellen.

Nach dem Verbot der Anthroposophischen Gesellschaft 1935 zog Hans Büchenbacher nach Arlesheim bei Dornach, was ihm den, wie er später sagte, „Verrat der anthroposophischen Sache an den Nazismus“ so nahe vor Augen führte, dass er das Angebot, 1946 in den Dornacher Vorstand einzutreten, ablehnte.

Ansgar Martins umfassende Untersuchung, auf die noch an vielen Stellen eingegangen werden kann und wird, stellt einen wesentlichen Baustein, ja einen Meilenstein zur Aufarbeitung der anthroposophischen Historie dar. Die fundierten Materialien ermöglichen eine weiter gehende Forschung. Selbst die schweren internen Konflikte - etwa zwischen den Fraktionen, für die Marie Steiner und Ita Wegmann standen, erhalten eine ganz andere, nämlich politische und wirtschaftliche Dimension. Man stelle sich eine engagierte, mutige Gesellschaft vor, die sich 1933 für ihre jüdischen Mitglieder eingesetzt und sich gegen Faschismus positioniert hätte, um sich strukturell dezentral und global aufzustellen! Man stelle sich vor, die Impulse seien von Dunlop, Büchenbacher und Wegman ausgegangen! Die Anthroposophische Gesellschaft hat diese Chance leider restlos verpasst, hat Zweifel an ihrer humanitären, esoterischen und politischen Integrität genährt, und sich der vielen initiativen Menschen durch Ausschluss entledigt, um weiter im eigenen trüben Saft zu schmoren.

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*Ansgar Martins: Hans Büchenbacher. Erinnerungen 1933-1949. Zugleich eine Studie zur Geschichte der Anthroposophie im Nationalsozialismus, Mayer Info3, Frankfurt 2014
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Der moderne Antichrist. Solowjow und eine aktuelle Erzählung von Ted Chiang

Wladimir Solowjews „Eine kleine Erzählung vom Antichrist“ ist, mehr als hundert Jahre nach ihrem Erscheinen, schon deshalb von einiger Aktualität, weil Solowjew doch in jedem Fall schon dies vorhergesehen hat: „Im einundzwanzigsten Jahrhundert war Europa zu einer Union von mehr oder weniger demokratischen Staaten geworden: den Vereinigten Staaten von Europa.“ Das „mehr oder weniger“ ist vielleicht bedenkenswert. Gemindert wird der Wert des Buchs sicherlich durch die Ressentiments Solowjews gegen das „Mongolische“ - durch die implizierte Annahme, der individuelle Geist würde sich nicht in jedem Winkel der Welt - gegen Widerstände und in Widersprüchen- durchsetzen. Der Unabhängigste aller Geister allerdings ist der, um den es Solowjew eigentlich geht, um den, der das Konzept von Nietzsches Übermenschen nicht nur propagandistisch, elitär, rassistisch oder im Sinne des Nationalsozialismus menschenverachtend realisiert, sondern persönlich: "In jener Zeit trat unter diesen Gläubigen ein bedeutender Mann auf – viele hielten ihn für einen Übermenschen –, der weder einen primitiven Geist besaß, noch auch freilich dem Herzen nach ein Kind war. Obgleich er erst dreiunddreißig Jahre zählte, war er durch seinen Genius schon als Denker, Schriftsteller und Sozialreformer berühmt. Trotzdem er um seine große Begabung wußte, unterwarf er sich aus Überzeugung den Geboten des Geistes. So ließ ihn sein klarer Verstand stets auch die Wahrheit des Glaubens erkennen, des Glaubens an das Gute, an Gottes Dasein und an die Offenbarung des Messias. Er glaubte an dies alles, aber er liebte nur sich selbst. Er glaubte an Gott, doch im Abgrund seines Herzens gab er sich selbst unwillkürlich und ohne sich darüber Rechenschaft zu geben, vor Gott den Vorzug.

Die Selbstbezüglichkeit und Egomanie dieses fiktiven Übermenschen setzt ihn an die Stelle des Sohnes Gottes: "Diese Selbstliebe war aber weder ein instinktiver Drang, noch eine sinnlose Anmaßung. Denn seine außerordentlichen Gaben, seine Schönheit, sein vornehmes Wesen schienen zusammen mit zahlreichen Beweisen von Enthaltsamkeit, Uneigennützigkeit und Wohltätigkeit genügend die ungeheure Selbstliebe zu rechtfertigen, die den Charakter dieses großen Spiritualisten, Asketen und Menschenfreundes bestimmte. Wer hätte ihn anklagen dürfen, dass er in der Fülle dieser Gottesgaben ein sichtbares Zeichen der Auserwählung von oben her erblickte und sich als den Zweiten nach Gott, als den in seiner Art einzigen Sohn Gottes ansah? Mit einem Wort, er hielt sich für Jenen, der in Wahrheit Christus allein ist.“

Der Antichrist, „der große Mann des einundzwanzigsten Jahrhunderts“, der der Menschheit den Frieden bringen will, stürzt mit 30 Jahren in eine innere Krise, in deren Verlauf er in seiner quasi- göttlichen Selbstüberschätzung die Auferstehung Christi leugnen muss. In dieser inneren Auseinandersetzung wird er an einen Abgrund geführt, in den er geistig stürzt, aber aufgefangen wird: „Er fühlt eine Erschütterung wie von einem elektrischen Schlage, und eine geheimnisvolle Kraft wirft ihn zurück. Für einen Augenblick verliert er das Bewusstsein. Als er wieder zu sich kommt, liegt er wenige Schritte vor dem Abgrund auf den Knien. Vor ihm erstrahlt wie durch Nebel in phosphorischem Licht ein Gesicht. Zwei Augen bohren sich mit unerträglichem und schneidendem Glanz in seine Seele. Erstarrt unter diesem hypnotischen Blick hört er eine Stimme, ohne erraten zu können, ob sie aus seinem Innern oder von außen her kommt. Es ist eine seltsame Stimme, dumpf und dennoch klar, aber seelenlos wie schwingendes Metall.“ Man kann von einem Initiationsvorgang sprechen, der hier angesprochen wird, der den kommenden Antichristen auf spezifische Art vergeistigt, und, aus der Phase der Bewusstlosigkeit heraus, ihn das Buch schreiben lässt, was ihn zum globalen Herrscher werden lässt: „Offener Weg zum Weltfrieden und allgemeinen Wohlstand.

Nun mag man über solche Initiationsschilderungen erinnert werden an Hitler, der nach einer Gasvergiftung im ersten Weltkrieg beschlossen hatte, Politiker zu werden. Man kann aber auch ganz aktuelle Bücher ansehen wie Ted Chiangs Erzählungsband "Stories of Your Life and Others“, der gerade auch auf Deutsch erschienen ist- mit dem Titel „Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes“.

In der zweiten Erzählung des Buches geht es um einen erwachsenen Mann, der nach einem Unfall - er war faktisch ertrunken- über eine Woche hirntot im Wachkoma liegt. Er wird durch ein neues Medikament - „Vitamin K“- behandelt, das es möglich macht, bei scheinbar irreversiblen Nervenschäden eine Remission zu erzwingen. Je umfassender die vorliegenden Schäden sind, desto weitreichender und unabsehbarer die Folgen. Dem Hirntod folgt im Fall des Helden eine ins Übermenschliche reichende Hyperintelligenz. Da sich aus militärische Psychologen und Dienste für ihn zu interessieren beginnen, entkommt er, manipuliert durch seine gewonnenen Programmierfähigkeiten die Datenbanken, spekuliert an den Weltbörsen und besorgt sich weitere Dosen des inzwischen konfiszierten Medikaments.

Chiang schildert im Verlauf der Erzählung eine Art intellektueller Initiation, die den Vorgang so von innen beleuchtet, wie Solowjow die Folgen der Karriere seines Antichristen von außen verfolgte. So beginnt der moderne Antichrist Kontrolle über die endogenen Prozesse des Körpers zu entwickeln und entfaltet Fähigkeiten imaginativer Art, indem er Vorgänge und komplexe Zusammenhänge in „gestalts“ wahrnimmt: "Control over my body continues to grow. By now I could walk on hot coals or stick needles in my arm, if I were so inclined. However, my interest in Eastern meditation is limited to its application to physical control; no meditative trance I can attain is nearly as desirable to me as my mental state when I assemble gestalts out of elemental data.“

Der spezifische Weg der ahrimanischen Initiation lässt ihn die inneren menschlichen Bindungen, die sozialen und moralischen Voraussetzungen überwinden, indem er Kontrolle über alle Empfindungen gewinnt: "Of course, I actually experience far fewer emotions than I could; my development is limited by the intelligence of those around me, and the scant intercourse I permit myself with them. I'm reminded of the Confucian concept of ren: inadequately conveyed by “benevolence,” that quality which is quintessentially human, which can only be cultivated through interaction with others, and which a solitary person cannot manifest. It's one of many such qualities. And here am I, with people, people everywhere, yet not a one to interact with. I'm only a fraction of what a complete individual with my intelligence could be.“

Er beginnt eigene sprachliche Systeme zu gestalten und macht sich das Internet als Ganzes zu eigen, indem er in „Ideogrammen“ zu denken beginnt, die jeweils Tausende von Gedanken beinhalten: "My new language is taking shape. It is gestalt oriented, rendering it beautifully suited for thought, but impractical for writing or speech. It wouldn't be transcribed in the form of words arranged linearly, but as a giant ideogram, to be absorbed as a whole. Such an ideogram could convey, more deliberately than a picture, what a thousand words cannot.

So gewinnt der neue Antichrist Gewalt über die gesamte Gestalt seines Denkens, und damit auch über das Bewusstsein von sich selbst, über sein Konstrukt als Person: "I understand the mechanism of my own thinking. I know precisely how I know, and my understanding is recursive. I understand the infinite regress of this self-knowing, not by proceeding step by step endlessly, but by apprehending the limit. The nature of recursive cognition is clear to me. A new meaning of the term “self-aware.““ Eine Initiation findet statt, in der Realität, Kommunikation und Ich Formen mentaler Gestalten für ihn sind: "What I can do is perceive the gestalts; I see the mental structures forming, interacting.“ Das rationale Wirklichkeits- und Selbstkonzept wird für ihn zu einer Ausgeburt seelischer Bedürfnisse aus der frühen Kindheit, die er nun beherrscht: "All that I once knew theoretically about my mind, I now see detailed explicitly. The undercurrents of sex, aggression, and self-preservation, translated by the conditioning of my childhood, clash with and are sometimes disguised as rational thought.“
Die bestimmte „Persönlichkeit“ ist daher nur eine mögliche Form unter vielen, die er anzunehmen nun in der Lage ist: "Much of what is conventionally described as “personality” is at my discretion; the higher-level aspects of my psyche define who I am now. I can send my mind into a variety of mental or emotional states, yet remain ever aware of the state and able to restore my original condition.“

Damit wird es ihm möglich, jede nur denkbare Fähigkeit - ob musikalisch, intellektuell oder handwerklich- in kürzester Zeit zu erwerben, da er die Bindungen an ein bestimmtes Ich- Konzept überwunden und Kontrolle über die Strukturen des Lernens gewonnen hat: "Skills that normally require thousands of repetitions to develop, I can learn in two or three. I find a video with a shot of a pianist's hands playing, and before long I can duplicate his finger movements without a keyboard in front of me.“ Das beruht auch darauf, dass er die biologische Funktionen der Neurotransmitter in seinem Gehirn zu beherrschen gelernt hat: "I have somatic awareness of kidney function, nutrient absorption, glandular secretions. I am even conscious of the role that neurotransmitters play in my thoughts.“ Aber nun wird ihm der Schlüssel zum Zugang der Materie aller Natur und des Kosmos gegeben, der sich aus der Erkenntnis der Prozesse im eigenen Körper ergibt: "I'm closing in on the ultimate gestalt: the context in which all knowledge fits and is illuminated, a mandala, the music of the spheres, kosmos.“ Er erfährt eine Art Erleuchtung: "I seek enlightenment, not spiritual but rational.“

Die völlige Kontrolle über alle seelischen, intellektuellen und somatischen Funktionen lässt den Antichristen, dem seine Mitmenschen lediglich als Marionetten erscheinen, nun auch beliebige Macht über diese gewinnen. Er kann vollkommen manipulieren, bis hin zu dem Punkt, aus ihnen nach seinem Willen „Freunde“ zu machen. Sein ungebremster Wusch nach Macht wird letztlich nur durch einen zweiten „Initiierten“ gestört, der aber im Unterschied zu ihm gewillt ist, zum Herrscher der Welt, zum großen Friedensstifter im Sinne von Solowjow zu werden.

Natürlich sind die beiden Bücher schwer zu vergleichen, doch letztlich verweist Ted Chiang durch die Wendung am Ende der Erzählung selbst auf Solowjow. Chiangs Schilderungen des inneren Werdegangs seines Antichristen sind in der Tat bemerkenswert- vor allem bemerkenswert realistisch. Dass eine solche Erzählung als Science-Fiction bezeichnet wird, ist kaum zu verstehen, aber sicherlich macht es Schwierigkeiten, ein geeignetes Genre dafür zu benennen. Man findet viele Bezüge für den spezifischen inneren Prozess des Helden Chiangs, sowohl in gefährlichen zeitgenössischen Sekten und Organisationen als auch in rosenkreuzerischen, christlichen Schulungen. Der Grat ist schmal, kaum wahrnehmbar, aber die sich entwickelnden Unterschiede könnten größer nicht sein. Auch das macht die Lektüre der Erzählung heute so empfehlenswert.
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Michael Eggert: Die Krebserkrankung als ein Doppelgänger des Menschen

Zum Buch „Der König aller Krankheiten: Krebs – eine Biografie“ von Siddhartha Mukherjee
(..)

Schließlich ist dieses Buch wohl auch deshalb nicht ganz leicht zu lesen, weil jeder mehr oder weniger betroffen ist - wenn nicht selbst, so doch im Familien und Freundeskreis. Niemand bleibt unberührt von den vielen, teilweise anrührenden, teilweise schwer zu ertragenden Fallgeschichten, die in das Buch eingeflochten sind. Es gibt auch noch eine spezielle Komponente, die an das rührt, was man das Mythische dieser Krankheit nennen mag - es ist und bleibt ein rätselhafter Doppelgänger der menschlichen Existenz, auch im Licht der neuesten Forschung. Es ist unheimlich, wie diese Krankheit sich der Schalt- und Signalstellen unseres Körpers bemächtigt, wie sie unsere scheinbar ureigene DNS manipuliert, sich ihr bemächtigt und sie um-instrumentalisiert. Wie sie, schließlich, wenn es bis in den Zellkern hinein nach vielen Jahrzehnten intensivster Forschung doch Methoden gibt, die Buchstaben, aus denen unsere Erbsubstanz, unsere Zellkerne bestehen, im Sinne einer Gesundung umzuprogrammieren, gleichsam intelligent, im Vorübergehen, eben diesen komplizierten und ausgefeilten Umbau durch einen gezielten einzigen Gegenschritt zunichte macht.

Dies ist ein genaues, wissenschaftlich exaktes, aber zugleich gut lesbar geschriebenes Buch. Wenn ich im Folgenden einige Puzzleteile daraus zitiere, sind das Fragmente aus einem komplexen Zusammenhang- sie entsprechen nicht annähernd den wirklichen Inhalten, sondern enthalten nur einige Impressionen.
Die Geschichte des Krebses ist nicht zu schreiben ohne die Tatsache zu erwähnen, dass ein erheblicher Anteil an seiner Bedeutung der Tatsache geschuldet ist, dass wir immer älter werden: „Binnen eines halben Jahrhunderts stieg die Lebenserwartung der Amerikaner von siebenundvierzig auf achtundsechzig Jahre – ein größerer Sprung, als in mehreren Jahrhunderten zuvor erreicht worden war.“ Übrigens hängt die gestiegene Lebenserwartung, die nicht linear, sondern schubweise erfolgte, an einzelnen Entdeckungen wie z.B. der des Penicillins.
Gerade in diesem Zusammenhang kommt Mukherjee immer wieder zu bedenkenswerten, phänomenologischen Betrachtungen: „Während die Schwindsucht ihre Opfer einst durch Auszehrung umbrachte (das Tuberkulosebakterium höhlt die Lunge nach und nach aus), drückt uns der Krebs den Lebensatem ab, indem er unseren Körper mit zu vielen Zellen füllt; er ist Schwindsucht in deren entgegengesetzter Bedeutung – Pathologie des Übermaßes. Krebs ist eine expansionistische Krankheit; er dringt in Gewebe ein, gründet Kolonien in feindlichen Landschaften, sucht »Zuflucht« in einem Organ und wandert dann in einem anderen ein. Er lebt verzweifelt, erfindungsreich, erbittert, territorialbewusst, schlau und abwehrbereit – zuzeiten so, als erteilte er uns eine Lektion im Überleben.“

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(auch als Print erschienen in Die Drei November 2012
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Abschied von Kreuzfahrtschiff Anthroposophie zu Ansgar Martins "Rassismus und Geschichtsmetaphysik. Esoterischer Darwinismus und Freiheitsphilosophie bei Rudolf Steiner"

Der viel zu früh verstorbene amerikanische Romancier David Foster Wallace hat in "Schrecklich amüsant- aber in Zukunft ohne mich" seine persönlichen Schrecken auf einer eine Woche währenden Luxuskreuzfahrt in der Karibik beschrieben. Er ist als Stranger in a strange land inmitten einer Gesellschaft auf hoher See gelandet, der er nicht entfliehen, deren Verhaltenskodex er aus Unkenntnis, Verweigerung und Verstörtheit er aber auch nicht entsprechen kann. Das beginnt beim Ententanz-Kurs für 500 erwachsene Männer und endet keinesfalls bei eleganten Dinners. Eigentlich ist schon die Grundfrage, warum er sich freiwillig auf eine solche Unternehmung einlassen hat, nicht einsichtig, wenn jeder ihm erklärt, diese Zeit an Bord werde benötigt als "wohlverdiente und längst überfällige Belohnung für irgendwelche Belastungen der vergangenen Wochen/Monate/Jahre oder aber als letzte Chance zum Aufladen irgendwelcher psychovegetativer Batterien oder gar beides zusammen." (S. 45)

Während Wallaces Buch zu einem urkomischen Bericht zwischen inkompatiblen Lebensentwürfen wird, positioniert sich Ansgar Martins - durchaus ernsthaft und ironiefrei, aber auch als Stranger in a strange land - als Betrachter einer Anthroposophischen Gesellschaft, die ihren Kapitän Rudolf Steiner auch 100 Jahre nach dessen Wirken als sakrosankt und unfehlbar ansehen möchte, ungeachtet der zahllosen, Jahrzehnte andauernden Diskussionen etwa über dessen rassistische Bemerkungen. Martins geht das Kreuzfahrtschiff einmal der Länge nach ab - entlang der Entwicklungs- und Deutungsphasen ihres Kapitäns- und entfaltet dabei seine These, dass die "gewissen Stellen" im Werk Steiners keine einzelnen populistischen Entgleisungen gewesen sein können, sondern mit einer sich wandelnden, aber doch zentralen Teleologie im Werk Steiners zusammen hängen- der Weiter- und Höherentwicklung des Individuums im Sinne eines "esoterischen Darwinismus".

Martins berichtet zunächst den Forschungsstand in Bezug auf rassentheoretische Aussagen Rudolf Steiners, d.h. Rassismus „aufgrund der Abwertung von Rassen und Völkern und der Überhöhung der weißen Rasse, namentlich der Deutschen". Dabei spielen der hier zitierte Zander und der amerikanische Historiker Staudenmaier eine zentrale Rolle. Auch Staudenmaier vereinfacht die Rolle der Rezeption Steiners im Nationalsozialismus nicht- es habe sowohl „folgenschwere Feindschaft", „Distanz und Resonanz" gegeben „und eine vereinfachende Deutung verkennt leicht die Spannungen zwischen beiden Polen".
Ähnlich differenziert geht Martins in seinem Buch vor.

So greift er auf die Biografie Steiners zurück, vor allem auf „seine intellektuelle Sozialisation im Vielvölkerstaat Habsburg" (S. 22). Während des Studiums bezeichnete sich Steiner in seinem Selbstbild selbst als Teil „der deutsch- nationalen Bewegung" und sah für die Deutschen eine „“geistige" Aufgabe und „Kulturmission"" (GA 30, 1884, Martins S. 24).
Als Redakteur der Deutschen Wochenschrift (1888) häufte Steiner „offenherzig Stereotyp um Stereotyp" (S. 25) an und schrieb vom Deutschen als „von sittlichem Hochsinn" durchtränkt, während er den Franzosen mit ihrer „Frivolität" und „Liberalität" nichts als „klügelnde(n) Verstand" unterstellte. In einer Rezension entglitten Steiner trotz seiner Ablehnung des Antisemitismus und jedes „Rassenkampfes" dennoch Äußerungen wie die, „Das Judentum als solches" habe „keine Berechtigung innerhalb des modernen Völkerlebens". (S. 28) Die peinlichen Belehrungen des jüdischen Hausherrn Ladislaus Spechts durch den jungen Steiner, der im Haus ein und aus ging, hat Steiner in seiner Autobiografie ganz unbefangen wiedergegeben: „Aber es war bei dem Hausherrn, dem ich sehr zugetan war, eine gewisse Empfindlichkeit vorhanden gegen alle Äußerungen, die von einem Nicht-Juden über Juden getan wurden (S. 29)“. Was nur zu verständlich war.


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Das Tibetanische Totenbuch in Romanform

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Eines meiner ersten Bücher auf dem elektronischen Kindle- Lesegerät, dessen Nutzen und Nachteile ich bereits angesprochen habe, war „This Flawless Place Between“ von Bruno Portier. Ich wäre wohl nicht darauf gekommen, wenn es nicht im Kindle- Blog besprochen worden und an einem Tag zu einem Preis von etwa einem Euro angeboten worden wäre. Es gibt das Buch aber auch, in digitaler wie in konventioneller Form, in deutscher Übersetzung. Die Beschreibung für den Kunden lautet ziemlich euphorisch (ebenso wie auch der Titel in deutscher Übersetzung merkwürdig daher kommt): „Evan und Anne sind mit ihrem Motorrad in Tibet unterwegs. Beim Versuch, einem plötzlich auftauchenden Bauern auszuweichen, kommt es zum Unfall, Anne kommt ums Leben. Der tibetische Bauer kümmert sich um das Paar und praktiziert Übergangsrituale für die sterbende Anne. Getragen von ihrem Karma durchlebt sie einzelne Stationen ihres Lebens noch einmal. Beim „Bardo“, dem in der tibetischen Tradition so bezeichneten Zustand zwischen Leben und Tod, entscheidet sich Anne dafür, wiedergeboren zu werden. Dem Autor gelingt es meisterhaft, die Thematik des tibetischen Totenbuchs in Romanform zum Leben zu erwecken.“

„Meisterhaft“ ist wirklich stark übertrieben. Man sollte keine große Literatur erwarten. Aber das Thema ist mutig gegriffen, und die Art der Darstellung berührt wirklich sehr. Das junge Paar auf seiner Tour durch abgelegene Wege im Himalaya verunglückt schwer, stürzt in einen Abgrund. Es hat ein Kind bei den Eltern der Frau zurück gelassen. Der Mann ist schwer verletzt und nicht in der Lage, Hilfe zu holen. Ein obskurer tibetischer Heiler vollzieht die Rituale des Tibetanischen Totenbuchs an der toten Frau, die als Verstorbene am Ort des Unfalls herum irrt und nicht realisiert, dass sie tot ist. Sie beginnt erst zu verstehen, was geschehen ist, als sie ihren eigenen Leichnam entdeckt. Sie ist in einem Zwischenreich gefangen. Alle Bemühungen des Heilers gehen darum, ihr den Übergang zu erleichtern. Dazu muss sie die verworrenen, ungeklärten Tatsachen ihrer Liebesbeziehungen aufarbeiten. Mit der Zeit, den Stunden der Durchführung des Rituals, wird sie losgelöst vom direkten Umkreis und gelangt innerlich zu ihrem Kind daheim. Auch die Beziehung zu ihrem jetzigen, verletzten Partner steht ihr vor Augen. Sie entscheidet sich nach meinem Verständnis nicht dafür, wieder geboren zu werden, sondern diesen Zwischenzustand zwischen Leben und Tod mit den direkten intensiven quasi-leiblichen Verbindungen zu den Liebsten aufzugeben. Es handelt sich darum, die Tatsache des Verstorbenseins anzunehmen, zu akzeptieren und in eine Verwandlung hinein zu gehen. Der Heiler sieht dabei Eile geboten. Er befürchtet eindringlich, es sei nur eine begrenzte Zeit für den Schritt vorhanden, da sonst Gefahren des dauerhaften Klammerns und Haftens bestünden. Das Ganze ist von ihrer Sicht aus geschildert und daher sehr bewegend und nachvollziehbar. Es gibt dabei keine seltsame „spirituelle“ Sprache, sondern ein nüchternes, sachliches, kühles Umgehen mit einer sehr verständlichen Problematik.

Der Autor schildert seine Intentionen auch ganz unprätentiös: „This Flawless Place Between was born of a desire to make The Tibetan Book of the Dead accessible to a wider readership, and, to inspire readers to turn to translations and studies of the original text. The novel follows, as scrupulously as possible, the different stages of the book and transcribes the key moments into a narrative rooted in a world more familiar to Western readers.“ Den ominösen Heiler gibt es übrigens nicht, wie sich am Ende des Buches heraus stellt- man kann ihn sich vielleicht als Projektion oder als übersinnlichen Helfer beim Übergang vorstellen. Aber das bleibt offen. Evan, der verletzte Mann, kehrt nach Hause zurück, kümmert sich um das Kind und um die Probleme, die Anne zurück gelassen hat. Es ist, wie gesagt, nichts Mystisches dabei. Es ist ein pragmatisches Buch aus der Sicht einer Sterbenden, ja, einer Toten- eine zweifellos merkwürdige Perspektive. Aber es ist doch ein Buch, das man nicht schnell vergisst.




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Mondknoten im Lebenslauf


Mit der in anthroposophischen Kreisen so beliebten "Biografiearbeit" hatte ich es nie so recht, sondern hielt es lieber mit Georg Kühlewind, der dem Sinne nach mal äußerte "Irgend eine Krise ist schließlich immer", und dabei wölfisch grinste. Das Ganze hatte auch für mich einen Beigeschmack der Mit-Sich-Selbstbeschäftigung, mit so einem Wellness-Touch. Man kann, wenn man nur gründlich gräbt, alles Mögliche finden und Bezüge ohne Ende herstellen, wenn man nur will.

Daher ging ich auch an dem Buch von Florian Roder, "Die Mondknoten im Lebenslauf", zunächst achtlos vorbei. Ja, das ist ein richtig anthroposophisches Buch, im klassischen Sinne. Da reiht sich manche "Menschenkundliche Betrachtung" (wortwörtlich) an die andere, da herrscht eine umfassende Bildung, da wird manches Zitat aus Gedichten aneinander gereiht, da findet sich ein eingestreutes Essay über Goethe in Marienbad. Denn die vier Mondknoten mit etwa 19, 37, 56 und 74 Jahren werden mit Biografien bekannter Persönlichkeiten wie Goethe, Harrer, von Kues, von Humboldt, Scholl, Handke, Hammarskjöld, Dante u.v.a.m. gegeneinander gehalten. Astronomische Hintergründe werden sorgfältig eingebunden, ebenso wie Mythologien aus allen möglichen Kulturkreisen.

Tatsächlich ergeben sich in den sorgfältig dargestellten Lebensläufen etwas wie Rhythmen und wiederkehrende Spuren, bei den Einen mehr im Verstärken eines inneren Impulses, bei den Anderen in einem "kathartischen Charakter der Knotenauslösungen". Bei den Einen kommen mit dem 19. Jahr idealistische Motive auf, die sich vertiefen, realisieren und schließlich ganz neu gegriffen - oder bis hin zu einer sich selbst aufopfernden Hingabe gesteigert werden. Krisenhaft kann auch das auftreten. Bei den Anderen - so auch bei Goethe- kulminieren in manchen Mondknoten schwere gesundheitliche Krisen oder biografische Einschnitte wie eine Amour fou. Man kann es auch so betrachten, dass die Ideale und Vorstellungen, die bis zum 19. Lebensjahr vermittelt wurden, am folgenden Knotenpunkt selbst ergriffen sein sollten- gewissermaßen biografisch belegt und belebt. Mancher- so etwa Rossini- hat zwischen dem 18. und dem 37. Lebensjahr auch seine eigentliche Schaffensperiode, ist unglaublich produktiv, und verliert in der Folge seine Ausdruckskraft oder verlagert sie. Offensichtlich herrschen bis zum zweiten Mondknoten nicht selten Kräfte, die wie mitgebracht erscheinen- naturhaft gegeben. In den folgenden Lebensabschnitten müssen sie neu gegriffen werden, das übersprudelnde kreative Potential erscheint erschöpft. So wird die Krise um das 37. Jahr nicht selten als etwas erlebt, bei dem man auf seine Umgebung plötzlich wie durch eine Glaswand schaut, manchmal wie betäubt, manchmal ängstlich, manchmal sinnentleert gegenüber Allem, dem man bislang nachgelaufen ist. Manchmal bricht eine schwere Krankheit aus. Rudolf Steiner sagte dazu: "Im fünfunddreissigsten Jahr beginnt der Mensch segensreich die Kräfte in sich zu verarbeiten. An seiner Seele arbeitet bis dahin an dem Zeitlichen dasjenige, was er mitgebracht hatte aus früheren Verkörperungen; für das Ewige fängt der Mensch nun an, nach innen zu arbeiten. Deshalb wird alles, was wir gelernt haben, erst vom fünfunddreissigsten Jahr an reif, etwas zu werden, um es der Welt zu geben. Es ist die Zeit, wo er in sich selbst fest wird, in sich selbst Gewicht erhält." (Steinerzitat in Roder, S. 67)
Gefordert ist der Tätigkeitsquell des Ich selbst, da das Tragende, was aus der Vergangenheit stammt, nun verglommen ist. Andersherum formuliert: "Indem wir 35 Jahre alt werden, kommen wir überhaupt in der Gegenwart erst an!" (Roder, S. 67)

Während im Vergangenen das Thema häufig im inner-familiären Kreis bleibt, in der Frage nach der Umwandlung mitgebrachter und erworbener Ideale und Vorstellungen, greift die Krise um das 56. Jahr manchmal universeller- und wirft die Frage auf, was am realisierten Leben wesentlich ist. Daher finden sich in dieser Zeit häufig jähe Karriereabbrüche und Infragestellungen dessen, welche Stellung man im Leben und in der Gesellschaft eingenommen hat. Natürlich können schwere gesundheitliche Krisen hinzu kommen. Es ist, als ob der scheinbar feste Boden einer in bestimmten Bahnen verlaufenen Biografie plötzlich aufgerissen wird, und man hat als Person dem Nichts gegenüber zu bestehen. Bei Peter Handke war es ab 1996 seine ostentative, tatsächlich problematische Hinwendung zu Serbien, die ihn in der Öffentlichkeit am Pranger stehen ließ. In direkter Folge gab er erworbene Auszeichnungen zurück und trat aus der Kirche aus. Den biografischen Umschwung hatte Handke bereits zuvor in einem Roman vorher gesehen und daran seine Philosophie der Langsamkeit entwickelt- eine spirituelle Qualität des kontemplativen Schauens, der allerdings seine haarsträubenden politischen Stellungnahmen in meinen Augen diametral entgegen stehen, ungebrochen bis heute.

Nur Wenigen gelingt es, mit dem vierten Mondknoten im 74. Jahr eine neue Schaffensperiode einzuläuten. Manchen - so Roder- wird an diesem Punkt die Maske endgültig abgerissen, die sie womöglich lebenslang getragen haben, Krankheit, Depression oder Verwirrung drohen. Bei Goethe waren es schwerste Herzbeschwerden, "Massen von Krankheitsstoff (..) seit dreitausend Jahren" (S. 133) fühlte er aus sich heraus quellen. In der Erholungsphase in Marienbad verliebte er sich in eine sehr junge Frau und läutete im Gefühlsaufruhr eine neue höchst kreative Phase ein, begründete in der und durch die Krise das Entstehen seines Alterswerks. Goethe selbst sprach von "wiederholten Pubertäten" (Gespräche mit Eckermann), die er durchgemacht habe. Auch so können die Mondknoten- Krisen gedeutet werden- Wachstumsprozesse mit entsprechenden Schmerzen sind sie auf jeden Fall- oder, wie Roder sie nennt, "Tore der Selbsterkenntnis".

Auf die weiteren mythische, kosmischen und spirituellen Betrachtungen im zweiten Teil des Buches möchte ich bei anderer Gelegenheit zurück kommen.
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Das Gesicht

Wie schon im Beitrag „Spiegelwesen“ angesprochen, geht es mir beim Thema Gesicht primär um unsere gespiegelte Existenz, um die emotionale Bestätigung durch den Anderen.

Jonathan Cole, der an der Universität Southampton lehrt, hat seinem nun auch schon etwas älteren Buch „Über das Gesicht. Naturgeschichte des Gesichts und unnatürliche Geschichte derer, die es verloren haben“, ein Zitat des Philosophen Maurice Merleau-Ponty voran gestellt, das das ganze Thema und Dilemma beleuchtet:

„Ich lebe im Gesichtsausdruck des anderen und fühle, wie er in meinem lebt.“

Diese ständige Feedback- Schleife konstituiert uns nicht nur ganz wesentlich; sie ist auch nicht selten - durch verschiedenste Behinderungen, Krankheiten und Unfallfolgen - unterbrochen. Die Reaktionen derer, die empfinden, dass das ihnen zustehende Feedback ausbleibt, sind selten selbst affektiv; meist wird beim „Verweigerer“ unwillkürlich eine Form von Demenz oder anderer geistiger Beeinträchtigung angenommen. Das geht, wie Cole bestätigt, auch Fachleuten und Ärzten so: „Die Ärzte hatten sie nicht deshalb für schwachsinnig gehalten, weil sie nicht reagieren konnte- sie hatte ja Körpersprache eingesetzt und angeboten, ihre Antworten aufzuschreiben-, sondern weil wir erwartet hatten, einen Großteil der Antwort in ihrem Gesicht zu finden. Ohne seine Mimik hatten wir durch dieses einfach hindurchgesehen und das Fehlen als Demenz gedeutet. Ohne Gesicht war ihre Person so gut wie nicht vorhanden. Ihre Krankheit hatte eine Naht zwischen Gesicht und Selbst aufgetrennt, deren Existenz ich nicht geahnt hatte.“

Die Dame, die in dieser Fallbesprechung thematisiert wurde, hatte einen leichten Schlaganfall gehabt, den sie eigentlich nicht bemerkt hatte. Auffällig war auch nicht ihre zunehmende, verstörende soziale Isolation, sondern ihr rapider Gewichtsverlust, da auch der Schluckreflex in Mitleidenschaft gezogen worden war. Die Dame war bald nur noch von ihrer Familie umgeben. Sie konnte auch nicht mehr sprechen und tippte eventuell notwendige Antworten auf ein technisches Hilfsmittel. Sie tippte: „Ich kann keine Miene verziehen“. Da sie kaum noch Reaktionen anderer Menschen erlebte, hatte sie das Gefühl, „ihres Charakters und ihrer Persönlichkeit beraubt“ zu sein; sie wünschte sich zu sterben. Sie erhielt kaum noch emotionales Feedback aus der Interaktion mit Anderen und hatte zunehmend das Empfinden, nicht mehr zu existieren. „Das Gespräch war zwar nicht unmöglich geworden, aber nur wenige Menschen nahmen sich Zeit dafür. Ohne das Feedback und die Bestätigung durch die Mimik gab es kaum noch Nähe und Anteilnahme. Der Verlust der mimischen Reaktionsfähigkeit hatte sie im Kern ihres Wesens beschädigt.“ Sie machte sich Sorgen, wie sie nach dem Tod aussehen würde. Sie wünschte sich nun dringlich, sterben zu können, und wog immer weniger. Nach einem weiteren Schlaganfall starb sie tatsächlich.

Wir können ein Gesicht nicht ohne Reaktion nehmen, „wie es ist“- starr oder bizarr, schön oder entstellt. Wir können uns auf Eigenheiten der Mimik einstellen oder auch auf tatsächliche emotionale Störungen. Einem Gesicht, das einer Maske gleicht, können wir nur schwer ohne innere Abwehr begegnen- wir nehmen ein Gesicht immer als einen Spiegel, hinter dem man glaubt, „Stimmung und Persönlichkeit ausfindig zu machen.“

Das „Schweigen“ eines Gesichts ist für uns, die wir Spiegelwesen sind, fast unerträglich.
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Michael Eggert: Die wilde Waldorf- Puppenstube, Ein-Mann-Sekten & hermetische Weltbilder

Zu Christian Grauers Buch Es gibt keinen Gott, und das bin ich! Anthroposophie im Nadelöhr, Basel 2011

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Natürlich hatte ich schon von dem Buch gehört, und zwar in dem Sinne, dass da einer mit seinem anthroposophischen Elternhaus abrechnet. Der Rezensent bekennt, dass er beruflich mit allen möglichen familiären Traumata befasst war und war daher einigermaßen gespannt. Mir ist, glaube ich, wirklich jeder vorstellbare Abgrund bekannt, jedenfalls in dieser Hinsicht. Aber schon in dieser Hinsicht ist Grauers Buch eine Enttäuschung. Die geschilderten Traumata bestehen vor allem darin, dass es keine gab. Zwar litt der junge Grauer unter einem „extrem dogmatische(n), christlich- pietistische(n) anthroposophische(n)“ Elternhaus, bekennt aber selbst, dass er es im Jünglingsalter versäumt hatte, ordentlich dagegen zu opponieren, also z.B. nach Goa zu ziehen oder sich die Gespenster des Elternhaus in nächtelangen Partys in Ibiza aus dem Kopf zu tanzen. Vielmehr pflegte er dieses enge Weltbild „als junger Anthroposoph selbst“. Ich habe in Studentenzeiten staunend auf Tagungen der Christengemeinschaft und anderswo wilde Mädchen erlebt, die lieber auf Sex und Drogen setzten und nach Findhorn abhauten, als „diese bigotte Waldorf- Puppenstube“ noch länger zu ertragen. Grauer dagegen las im „christengemeinschaftlichen Religionsunterricht“ Bücher über das Leben nach dem Tod, formte sich die Welt „zu einer kompakten, geschlossenen Veranstaltung“ und erklärte für sich Steiner zu einem großen Boddhisattwa, einem „Propheten und Eingeweihten“. Die „geistige Welt“, die den Vorträgen Steiners als scheinbar geschlossenes Weltbild entsprang, wurde so für Grauer zu einem „Offenbarungsglauben“.

(…)

Im folgenden Philosophie- Studium stellte Grauer fest, dass er „durchaus positiv voreingenommen gegen Publikationen aus anthroposophischen Verlagen“ war. Aber allmählich - endlich!- dämmerte auch die Erkenntnis, dass „der übermenschliche Anspruch, den ich selber an die Anthroposophie stellte, nicht haltbar war.“
Er erkannte, dass er sein hermetisches Weltbild durch Abschirmung „von allen Einflüssen der Wirklichkeit“ künstlich am Leben hielt, auch wenn er bemerkte, dass es vor allem eines, nämlich „langweilig" war. Sich aus der selbst geschaffenen Hermetik heraus zu manövrieren, kostete Grauer einige Jahre. Die Desillusionierung wurde dann so radikal, wie der naive Glaube vorher gewesen war- was einen nicht sehr überraschenden Reflex darstellt. Bei Grauer waren es dann der Nihilismus Nietzsches, der sich als „beste Medizin gegen dogmatische metaphysische Wahnvorstellungen“ erwies und (ausgerechnet!) die wachsende Freude an dem Komiker Helge Schneider. Aber auch heute noch grollt der Autor Grauer, seine „ästhetische Bewertungsneurose“ und der „Zwang, meine Mitmenschen zu beurteilen“, sei „anerzogen“. Die harten Schemata seiner Urteile bezeichnet er tief bis ins Erwachsenenalter hinein als „meine anthroposophischen Raster“. Das klingt allerdings in den Ohren des kritischen Lesers selbstbeschönigend- eine sehr verbreitete Art und Weise, Schuldzuschreibungen zu vergeben. Grauer beklagt an mehreren Stellen das Pathos und den mangelnden Raum für „Humor und Gelassenheit.“ Das Befolgen seiner virtuellen anthroposophischen „Mission“ bezeichnet er als „besonders gesteigerte Form von Egozentrik und Intoleranz.“ Dabei kommt dieses anklagende, sich über viele Seiten erstreckende Lamento selbst reichlich egozentrisch und pathetisch daher. Es ist halt das Klagelied des Klosterschülers, der seinen Glauben verloren hat und jetzt über die verpassten Jahre jammert.

(...)

Zum ganzen Text als PDF-Download
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Michael Eggert: Buchbesprechung von "Endstation Dornach"


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Nach den furiosen Diskussionen, die vor einem Jahr bei der ersten Ankündigung von „Endstation Dornach“ aufkamen, war zu erwarten, dass es, zum tatsächlichen Erscheinungstermin, abermals hitzig werden würde. So war es denn auch. Die Autoren, Felix Hau, Ansgar Martins, Christian Grauer und Christoph Kühn, wird das nicht gewundert haben. Es ist sogar ein wenig Teil des Kalküls. Wie so oft, kommen die heftigsten Anwürfe von denen, die das Buch gar nicht gelesen haben. Ich habe versucht, in einer neutral gehaltenen Besprechung (allerdings doch auch mit einer gewissen Lust am Mitfabulieren), die Haltung der Autoren, ihre erzählerische Positionierung, heraus zu arbeiten, um gewissermaßen einen freien Blick auf die Inhalte zu bekommen. Jenseits des provokativen Auftritts finden sich nämlich grundsätzliche Auseinandersetzungen mit dem Thema Anthroposophie und Rudolf Steiner, mit neuen, ungewohnten Perspektiven und genau der kräftigen Portion inhaltlicher Substanz, die die Kritiker für sich zu beanspruchen vorgeben. Ein vielgliedriges, multiperspektivisches Buch tritt zutage, wenn man den Lärm der Schützengefechte beiseite schiebt und sich darauf einlässt. Hier meine Rezension als PDF- Download.
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Dorian Schmidt: Lebenskräfte- Bildekräfte

An dieser Stelle noch ein Hinweis auf Dorian Schmidts neues Buch „Lebenskräfte- Bildkräfte. Methodische Grundlagen zur Erforschung des Lebendigen“. Hier müssen die Sonntagsanthroposophen, denen es auf warme Gefühle und ebensolche Worte ankommt, einmal weghören, denn es geht um ein Übungsbuch, dem Gefühligkeiten, Spekulatives & Mystisches völlig fremd sind. Schmidt legt Wert darauf, seine Arbeit als „religionsneutral“ zu bezeichnen. Das ist ja auch völlig richtig und sachlich. Wem ein Übungsweg in Bezug auf die Annäherung an das Lebendige fremd geblieben ist, wird mit diesem Buch nicht warm werden. Schmidt entwirft eine Methodik des Übens, geizt auch nicht mit Tabellen und Schemata, allerdings stets im Dienst der Sache, nicht um gegenüber Teilhabern einer Powerpoint- Generation gegenüber zu punkten. An manchen Stellen - gerade zu Beginn des Übungsweges- gehören auch mathematische Aufgaben zum Standard. Im Kern geht es darum, dass „die Wahrnehmung sich in Richtung eines Miterlebend der Lebenskräfte (oder Ätherkräfte oder Bildekräfte) vertieft.“ (S. 22) Die „lahme Ente“ des alltagstauglichen Standarddenkens soll gekräftigt werden, um Beweglichkeit, Flüssigkeit, Kraft, Eindringlichkeit, Weite und Geschwindigkeit zu verbessern. Aber auch Qualitäten wie das Erlernen des „hingebungsvollen Warten(s)“ (S. 24) werden gepflegt. Schmidt verbringt viel Zeit damit, in diesen Prozessen denken, Fühlen und Wollen zu differenzieren und jeweils konkrete Erfahrungen, die sich einstellen können, darzustellen. Er geht dabei sehr angenehm vor; d.h. er hat selbst genügend Übung, um ganz unterschiedliche mögliche Erfahrungen zu umreißen. So ist die „Bandbreite von Möglichkeiten“ in der ersten „Wahrnehmung der Ätherkräfte“ (S. 46) denkbar weit gestreut, je nachdem, welche Sinnesqualitäten beim jeweiligen Übenden dominieren: „Die Ätherkräfte können als reine Kraftimpulse erlebt werden; das entspräche der Sinneswahrnehmung durch den Tastsinn, oder aber als leuchtende, strahlende, innerlich sich bewegende Bilder oder Folgen von Bildern.“ (S. 46) Das erschwert die Verständigung, zumal auch andere Sinnesqualitäten im Vordergrund stehen können. Typisch ist, dass solche Erfahrungen in ihren jeweiligen Spezialitäten gemeinsam haben, dass „das Bild einer wahrgenommenen Ätherkraft Kraft abstrahlt, Kraft spendet, eine Art über- oder ausquellenden Charakter hat.“ (S. 47)

Schmidt verwendet auch viel Energie dafür, denkbare Schwierigkeiten anzusprechen, spezifische und doch typische Hindernisse wie etwa „die fortwährende Kommentierung von Denkergebnissen durch die fühlende Seele“ (S. 52) - alles Aspekte des Alltagsdenkens mit seinen „eindeutig autistische(n) Züge(n)“ (S. 51), die andernorts (etwa bei Carlos Castaneda) als „innerer Monolog“ qualifiziert werden. Die „Verdünnung“ der Ich- Kräfte in die „vielfältigen Seelentätigkeiten“ (S. 54) soll überwunden werden, um sich dann, im folgenden Teil des Buches, konkret auf die Lebensqualitäten der umgebenden Natur einlassen zu können. Dies geschieht nun nicht in einer bloß seelischen Öffnung, sondern in einer qualifizierten Konzentration, einer erhöhten Präsenz. Ausgangspunkte sind zunächst Erscheinungen in einer weitläufigen Landschaft, dann zunehmend konkrete Pflanzen. Für den Naturwissenschaftler wird es befremdlich wirken, dass dabei auch Empfindungen wie die eines „tiefen, offenen Staunens“ auftreten können, die eine Begleitung des Prozesses oder einen Grundakkord anschlagen. Typisch für die einsetzenden ersten Wahrnehmungen des Ätherischen sind „Bewegungen wie Strömen, Strahlen, Verdichten, Spreiten, Einhüllen und vieles andere mehr, insgesamt alles Formbewegungen.“ (S. 59) Schmidt bemüht sich in der Folge, diese Formbewegungen zu spezifizieren.

Etwas bedauerlich an dem sonst ausgesprochen konkreten und hilfreichen Buches ist allenfalls, dass es nicht stringent durch geschrieben ist, sondern mehr eine überarbeitete Kombination von schon bekannten Aufsätzen darstellt; es wiederholt sich Manches. Es wird auch manche Übung nicht in aller Konsequenz ausgearbeitet; Vieles bleibt angedeutet und daher für den, der nicht in konkreter Meditationsarbeit steht, nicht immer ganz nachvollziehbar. Das liegt aber in der Sache selbst; hier liegt ein Werkstattbuch vor, mit vielen Forschungsansätzen und noch mehr Andeutungen, in welcher Richtung es weiter gehen kann. Die Schwerpunkte legt ohnehin jeder selber für sich fest; nicht zuletzt hängt man auch an spezifischen Fragestellungen und Problemen fest. Es kann in dieser Hinsicht nicht das eine, stringente Übungsbuch geben. Dieses hier ist jedenfalls von hohem qualitativem Standard. Es behauptet nichts, sondern gibt Anregungen und weist Wege für den, der tatsächlich praktisch tätig ist. Eine umfangreiche Besprechung (inklusive der üblichen schrecklichen Fragestellung, wie anthroposophisch das denn sei) gibt es bei Die Drei (Wolfgang Kilthau).

Im letzten Teil des Buches (der aber vom Umfang und von der Bedeutung her einiges Gewicht hat, stellt Schmidt den von ihm vertretenen Übungsweg mit dem der Philosophie der Freiheit nebeneinander, untersucht die Querbezüge und die Unterschiede. Das ist wirklich gut und anschaulich gemacht, aber in seiner Nuanciertheit hier, an dieser Stelle, kaum darstellbar.
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Michael Eggert: Hochstapelei

Sünden, sagte mir der Philosoph mit der glatten Haut im inzwischen vorgerückten Alter (so alt wie ich jetzt, in etwa), seien die verpassten Gelegenheiten. Die Situationen, meinte er, in denen man nicht gegenwärtig war und es doch, wie eigentlich immer, hätte sein sollen. Wir träumen uns durchs Leben.

Sünden, dachte ich (der auch in jungen Jahren keine faltenfreie Haut gehabt hatte), meine Sünden sind die guten Ratschläge. Neulich habe ich X zum Beispiel geraten, sich nicht in seinem Roman und in der Aufarbeitung seiner näheren Vergangenheit zu verfangen. Was habe ich da nur gesagt? Es war nicht nur ein blöder Spruch ins Leere, es war noch viel dümmer: Ich selbst schlug mich schließlich gerade extensiv mit meinen spezifischen Vergangenheiten herum und war darin verwickelt wie ein junger Hund in einem übergroßen Wollknäuel. Weich, nein, dergleichen fühlt sich nie angenehm an.

Sünden, dachte ich, sind es, die eigenen Kübel von Unrat über Andere auszuschütten und das mit dem Zahnpastalächeln des Besserwissenden zu garnieren.

Sünde ist unser ewiges Jungsein, und diese chronische Hochstapelei.

Martin Amis schreibt: „Ich duckte mich innerlich davor weg - so wenig begriff ich. Ich war fast fünfundzwanzig, aber wie jung war ich da noch, wie furchtbar jung. Und wie lange das dauert, die Jugend, diese Zeit ständiger Hochstapelei, wenn man so tun muß, als verstehe man alles, während man in Wahrheit überhaupt nichts versteht. Man hat überhaupt keinen Begriff von Zeit.“

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(Amis, Die Hauptsachen, München Wien 2005, S. 67)
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Michael Eggert: Nach der Erleuchtung Wäsche waschen

Jack Kornfields Buch „Nach der Erleuchtung Wäsche waschen und Kartoffeln schälen“ (hier das englischsprachige Original) ist schon deshalb so sympathisch, weil es ehrlich ist. Es bringt den ganzen elenden Erleuchtungs- Hype auf den Boden zurück und fragt quer durch alle möglichen Bewegungen - von Sufis über Himalaya-Gurus bis hin zu christlichen Nonnen- diese danach ab, wie es den Menschen nach und mit etwas wie „Erleuchtung“ (die meisten würden sich schämen, es so zu nennen) denn erging. Zahllose Anekdoten aus all diesen Milieus erheitern manchmal, kommen manchmal besinnlich daher und beleuchten das Buch jedenfalls so sehr, dass es auch mit 350 Seiten sehr gut zu lesen ist. Wenn Kornfeld selbst einer „Richtung“ zuzuordnen ist, dann jeweils einer, die es konkret und alltäglich meint- so etwa wie in folgender Anekdote:
„Als ein Zen- Schüler zu seinem Meister sagte: „Nun fehlen mir nur noch ein paar Details“, rief der Meister aus: „Aber es gibt nur Details.“ (S. 231)

Kornfeld geht es um Achtsamkeit, um „Gegenwärtigkeit“, aber eben auch um die Wahrnehmung und Akzeptanz der eigenen Schattenseiten: „Ja, ein reifes Herz weiß um die Dimension des Egoismus und der Sünde. Aber es ist sich auch der umfassenderen Wirklichkeit des Menschseins bewusst, der ursprünglichen Einheit und grundlegenden Güte, die unsere göttliche Natur, unsere Buddha- Natur ist.“ (S. 206). Illusionärer Perfektionismus oder vorgetäuschte Vollkommenheit werden hier nicht gesucht, denn „das Bewusstsein, das man auf einem Gebiet entwickelt hat, überträgt sich nicht auf andere Lebensbereiche.“ (S. 199) Das führt zu den Widersprüchen, die man überall - auch an spirituellen Orten- erleben muss: „Meditationsmeister, die sich mit außergewöhnlichen Bewußtseinszuständen auskennen, können auf emotionalem, zwischenmenschlichem Gebiet Schwierigkeiten haben. Fromme, sich für Gott aufopfernde Nonnen oder Mönche können eine problematische, ja selbst Kaputte Beziehung zu ihrer Familie- oder zu ihrem eigenen Körper haben. Und Yogis und Gurus, die über eine unglaubliche Körperbeherrschung verfügen und ihre Atmung und Gedanken unter Kontrolle haben, können blind übernommene Überzeugungen und Meinungen vertreten, die sich negativ auf ihre Anhänger auswirken. Die meisten Mönche, Nonnen, Meditationsmeister und spirituellen Schüler entdecken nach einiger Zeit Lebensbereiche, denen sie bisher keine Aufmerksamkeit geschenkt haben. Für viele Lehrer hat die spirituelle Ausbildung selbst zur Vernachlässigung oder Verdrängung ihrer grundlegenden menschlichen Bedürfnisse geführt.“ (S. 199)

Kornfeld hat keinerlei Hemmungen, über die Alltagsprobleme hoch angesehener Yogis zu berichten, wenn auch häufig anonym, die plötzlich trotz aller Erfahrungen in eine existentielle Krise geraten und sich selbst völlig in Frage stellen. Vielen geht es offenbar gerade nach lang anhaltenden und weit gehenden Retreats so. Kaum zurück gekehrt, brechen alte Wunden mit Wucht wieder auf oder es besteht völlige Verwirrung darüber, „wie man seine Spiritualität mit dem beruflichen Alltag verbinden soll.“ (S. 158) Er verbindet das mit netten Geschichten wie das von dem Kloster auf einem Berggipfel, das den „schönsten Buddha in ganz Korea“ anpreist, aber nur einen leeren Altar mit weitem Blick in die Umgebung bietet: „Als er näher herantrat, entdeckte er eine Inschrift auf dem Altar: „Wenn du hier keinen Buddha siehst, geh hinunter und übe noch ein wenig.“

Aber neben diesen eher amüsanten Exkursen bearbeitet Kornfeld auch unangenehme Züge wie den spirituellen Ehrgeiz. Dazu die Geschichte von dem Mönch, der den Meister fragte, wie lange er bis zur Erleuchtung denn bräuchte: Zehn Jahre, ist die antwortet. Und wenn er sich besonders bemühen würde? Dann würde es zwanzig Jahre dauern. Der Adept murrt und beklagt die mangelnde Fairenss. „Wieso doppelt so lang?“. In seinem Fall, antwortet der Meister, würde es dann wohl eher dreissig Jahre dauern.

Wenig glanzvoll erscheinen auch die zahlreichen Geschichten, in denen gerade in Schüler- Lehrer- Verhältnissen Zustände eintreten können und eingetreten sind, in denen es um sexuelle und finanzielle Ausbeutung ging. Das eine oder andere Mal plaudert Kornfield aus dem Nähkästchen und verrät Namen. Bei vielen tibetischen Lamas hat der Missbrauch auch von Kindern sogar Tradition. Kornfield geht aber nicht so weit, das System von Klosterleben, Guruismus, jahrelangem Rückzug in Frage zu stellen. Die Abhängigkeitsverhältnisse in vielen klassischen spirituellen Bewegungen führen offensichtlich häufig zu schwer wiegendem Missbrauch. Kornfield sieht diese Probleme und meldet durchaus Reformbedarf an. Die Systemfrage stellt er aber nicht.
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Michael Eggert: Kiffen ist gesünder. Zu Powells „Christus und der Mayakalender"

Es gibt so allerlei, über das man schreiben könnte, bei dem sich aber zwar nicht gerade die Tastatur verklemmt, aber reichlich innere Widerstände aufbauen. So geht mir das mit offensichtlich verschwörungstheoretischen, okkult- suggestiven und anderweitig im Trüben fischenden Büchern. Es ist schwierig, mit Texten umzugehen, die sensationelle Offenbarungen verheißen, wie nun im heutigen Fall mit Robert Powells „Christus und der Mayakalender. 2012 und das Erscheinen des Antichristen“ (Basel 2009).

Der Name des Buches, das im „Informationslücke-Verlag“ erschienen ist, ist Programm und verdeutlicht hinreichend den gesamten Inhalt. Interessant sind die Quellen und die Methodik, mit der das angebliche apokalyptische Geschehen produziert wird. Powell benutzt Textstellen der Apokalypse (selbstredend), Rudolf Steiners, Valentin Tombergs, Daniil Andrejews, Jeane Dixons, Judith von Halles und seiner selbst, je nach Bedarf, je nachdem, ob es passt. Ab und zu wird auch schon mal eine Marienerscheinung o.ä. eingestreut, etwas ägyptische Mystik oder das eine oder andere Buch zum rudimentären, aber zur Zeit top modischen Mayakalender. Gelegentlich betont Powell auch seine eigenen „Forschungsergebnisse“: „Durch meine eigene Forschung war ich in der Lage, Daniil Andrejews Ankündigungen bzgl. der bevorstehenden (..) Offenbarung Christi im Ätherischen und das Kommen des Antichrist „in nicht zu ferner Zukunft“ zu bestätigen.“ Holla.

Nähere oder auch nur ungefähre Angaben zu seinen Arbeitsmethoden macht Powell nicht, aber es klingt gut. Im ersten Teil benutzt er allerlei Zahlenmystik, um zu den gewünschten Jahresangaben zu kommen, die er allen möglichen Quellen entnimmt (auch Rudolf Steiner, natürlich), aber nach vorne oder hinten ausdehnt, variiert und kombiniert. Das Meiste wird aus anderen Texten über den Mayakalender abgeschrieben. Zwischen Templern, Echnaton, Dämonen und Sophienkult streut Powell auch noch Bilder der Milchstrasse hinein. Die sich daraus ergebenden Bezüge sind natürlich beliebig und passen sich notgedrungen in das behauptete apokalyptische Geschehen hinein. Bei dieser Methode könnte man auch einige Micky-Maus-Hefte als Quelle heran ziehen und einbauen- es würde passen, wenn man nur das Nichtpassende passend ausblendet.

Zweifel räumt Powell durch immer weiter addierte beliebige Textfragmente aus - etwa in folgendem Zitat:
Bezüglich des Datums vom 21. Dezember 2012 mag der skeptische Leser einfach sagen, „Warum soll ich den Apokalypse Code für gültig erachten?“ Aber es ist nicht nur der Apokalypse Code, der uns dazu führt, den langjährigen Mayakalender als eine prophetische Voraussage für das Ende der 3 1/2 jährigen Regierungszeit des Antichrist anzusehen, sondern auch das Lesen der Bilder der Offenbarung, die uns deutlich ankündigt, wo wir in der Entfaltung der Weltgeschichte stehen. (..)“ (S. 112). Und wer es an diesem Punkt immer noch begriffen hat, dem wird das Werk des (mir unbekannten) russischen Mystikers Andrejew „als sehr hilfreich“ empfohlen.

„Hilfreich“ im Sinne der sinnfreien Argumentationskette von Powell ist alles mögliche, wenn nur das Ziel erreicht wird, „die metahistorische Offenbarung der Apokalypse in eine verständliche Reichweite der Zeit, in der wir leben, zu bringen“ (S. 113). Das haben nun allerdings seit dem Mittelalter Viele versucht. Auch Powell bezieht die apokalyptischen Bilder auf tatsächliche zeitgenössische Katastrophen: „Wie „erfüllen“ die Ereignisse des 11. September 2001 auf der historischen Ebene die sich öffnende Szene des 13. Kapitels der Offenbarung auf der metahistorischen Ebene? Kehren wir zurück zu den Worten, die die Öffnung der Szene des Kapitels beschreiben: „Und ich sah ein Tier aus dem Meer steigen, das hatte zehn Hörner und sieben Häupter.. Und ich sah eines seiner Häupter, als wäre es tödlich verwundet“ (Offenbarung 13:1-3). Die „tödliche Wunde“, die Johannes vor etwas über neunzehnhundert Jahren sah, kann als die „Wunde“ gesehen werden, die mit der Zerstörung der beiden Türme des World Trade Center, dem Computer beladenen „Haupt“ des Welthandels zugefügt wurde. So kündigte dieses dramatische Ereignis am 11. September 2011 der Welt das Aufstehen des „Tieres“, Satan/ Ahriman, an, auf seinem Weg zur Inkarnation, mit einem seiner Häupter verwundet. Der darauf folgende Krieg gegen den Terror, der beabsichtigt, die Menschheit in einem Zustand ständiger Angst zu halten, ist genau das, was die Atmosphäre schafft, die das Tier für seine Inkarnation als Antichrist braucht.“ (S. 116) Diese merkwürdigen apokalyptischen Kurzschlüsse folgen dabei - ohne das zu be- oder vermerken- einer Dämonisierung, die auch Bin Laden in seiner Dschihad- Ideologie betrieb. Powell muss sich in seinen hektischen Argumentationsmanövern offenbar doch an den Duktus des in seiner Zielgruppe beliebten Anti- Amerikanismusses halten. Die beigefügte Bemerkung, das „Haupt“ des World Trade Centers sei „Computer beladen“ (was für ein schreckliches Deutsch!), mixt noch eine Prise Technikphobie mit hinein.

Die „Qualität“ der beliebigen assoziativen Querbezüge, die Powell herstellt, zeigt sich an allen Ecken und Enden. Auf Seite 124 springt er von dem „großen roten Drachen“ nahtlos herüber zum Kommunismus, wie überraschend: „Der Name für die Bolschewisten - die Roten - deutet auf das Bild aus der Vision des Johannes.“ Ja, aber wenn ich „die Roten“ bei Google eingebe, erhalte ich auch noch 25 Millionen andere Bezüge, von Rosen über Fußballvereine bis hin zu roten Zahlen. Mithin könnten wir spontan ein Buch schreiben über den Bezug der Finanzkrise zur Apokalypse. Und auch wir könnten mit geschwellter Brust hinein schreiben: „Die Visionen der Offenbarung sind wahr.“ (S. 125). Alles wird wahr, wenn man es nur passend zurecht strickt. Nur wer diese Strickmuster dann in seinen Weltkosmos übernimmt, hat zwar ein unanfechtbares Erklärungsmodell für Alles, aber auch ein echtes Problem.

Unser Ratschlag zum besprochenen Buch: Kaufen Sie es nicht, wenn Sie einen assoziativen Rausch suchen. Kiffen ist gesünder. Folgt man diesem Buch aber doch, muss man mehr Sorge um die eigene geistige Integrität als Angst vor dem kommenden Antichristen haben.
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Dieses Leben das wir haben

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Lionel Shrivers Buch „Dieses Leben, das wir haben“ ist eine Zumutung für den Leser- eine Zumutung der bestmöglichen Art.

Shep, der Ehemann in diesem Buch, ist ein moderner Hiob. Seine Frau Glynis, mit ihrer unausstehlichen, allzu offenen Art, hat die Diagnose Krebs gerade dann erhalten, als Shep, auf die Fünfzig zugehend, sich endlich entschieden hat, sein bisheriges Leben aufzugeben und auszuwandern. Shep wollte nun seinen lang gehegten Traum verwirklichen. Aber- so zeigt sich- ein Träumer ist er nicht. Er stellt sich dem, was nötig ist. Das ist keinesfalls nur die letztlich tödliche Krankheit seiner Frau, die angesichts der Diagnose auf Rache an allen sinnt, die sie überleben werden. Sheps Vater wird zugleich pflegebedürftig, ein Freundin ist schwer erkrankt, die Schwester erweist sich als extrem egozentrisch, der beste Freund ist ein Bankrotteur, der die merkwürdigsten Dinge unternimmt, um sich und seine Ehe zu ruinieren. Und auch die Freunde, das ganze soziale Netzwerk und Umfeld schrumpft:

„“Eine Zeitlang“, sagte Shep, als die Besuche immer weniger wurden, hat sie noch relativ viele E-Mails bekommen. Wir drücken dir die Daumen, wir denken an dich, solche Sachen. Ich persönlich halte das Internet für ein Medium für Feiglinge. Aber diese Zweizeiler waren immer noch besser als gar nichts.“

Shep wächst angesichts der niederschmetternden Umstände. Er begleitet all diese Menschen, die da mit ihm verbunden sind- selbst als es ihn finanziell ruiniert, als die hoch bezahlten Therapeuten sich als Scharlatane erweisen, die nicht nur um Geld, sondern auch um Lebensqualität betrügen. Trotz des nahenden Todes, der Unausweichlichkeiten und Nackenschläge gelingt es Shep am Ende, dem Leben ein radikale Wende zu geben.

In diesem Buch wird sicher nichts beschönigt. Für Jeden, der Ehrlichkeit zu schätzen weiss und den Fragen des Lebens und Sterbens nicht ausweichen mag, wird dieses Buch ein Gewinn sein.
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Wer mehr davon erfahren möchte, sollte die Rezension von Felicitas von Lovenberg lesen.
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Arno Geigers Buch "Der alte König in seinem Exil"

Arno Geigers Buch „Der alte König in seinem Exil“ ist schon deshalb ein Phänomen, weil sonst kaum je ein Buch mit dem Thema Alzheimer bis in die Top Ten des deutschen Buchhandels vorgerückt ist. Da es das Schicksal des Vaters von Arno Geiger betrifft, handelt es sich auch um biografischer Material, vielleicht aber auch um ein Sachbuch? Einigen Kritikern macht die Einteilung Schwierigkeiten, andere sind berührt und überaus angetan, die Leser aber kaufen.

Arno Geiger bringt es fertig, liebevoll, aber kühl betrachtend, warmherzig und analysierend zugleich zu schreiben. Er blendet sich nie aus, auch nicht in seinem (allzu verständlichen) Versagen, jahrelang die Demenz nicht erkannt zu haben. Zu dieser Zeit wurde der Vater zu einem Sonderling, vor allem nachdem seine Frau ihn verlassen hatte. Dass er litt und sich zunehmend verwirrte, wurde erst nach und nach deutlich. Die Alzheimererkrankung schritt dann langsam weit über ein Jahrzehnt voran, bis hin zu Zuständen, in denen der Vater selbst einen Baum nicht mehr als solchen erkannte. Er sah ihn, aber hatte dafür keinen Begriff, keinerlei Vorstellung, was für ein Ding das war. Zwischendurch gab es immer wieder helle Augenblicke, in denen der Vater sich nicht nur in Selbstkenntnis seines Zustandes äußerte, sondern dies auch in ungewollt poetischer, ja imaginativer Art äußerte. Diese Momente berührten den Dichter Arno Geiger, und er protokollierte sie mit. Mit der Entdeckung dieser Poesie hat Geiger die Alzheimer- Erkrankung gewissermaßen geadelt, hat ihr und seinem Vater die Würde zurück gegeben. Inmitten dieser Verwüstung gedeihen die schönen und weisen Worte- manchmal gerade aus der Not geboren, auf den „richtigen“ Begriff zu kommen. Der Vater begründet eine Art Bildsprache, in der er seinen Zustand auch umschreibt und definiert.

An diesem Buch stimmt einfach alles- es ist mitfühlend und beglückend, nie larmoyant, nie „klinisch“, nie bloß tröstlich. Dennoch erlebt man den Zerfall sehr deutlich mit. Aber, so lehrt das Buch, es ist eben nicht nur Zerfall. Es ist, selbst in den späten Aufenthalten im Pflegeheim, nie so, dass die Person, die da die Kontinuität ihres Bewusstseins verliert, doch ganz verloren wäre. Inmitten des Zerbröckelns der Person besteht ein Charakter fort, der sich nur noch ab und zu aus dem Dickicht der Demenz erheben und sich äußern kann. Es ist nicht nur die Geschichte eines Untergangs, sondern auch eine des Bestehens.

Deshalb und weil es so un-ambitioniert, so scheinbar anstrengungslos geschrieben ist, muss man das Buch mögen. Auch dann, wenn es gegen Ende etwas verflacht. Die Stringenz des Erzählens dieser Biografie und dieser Beziehung verebbt etwas- es wird fragmentarischer, stichwortartiger- so, wie das Leben des Vaters auch monotoner zu werden scheint.

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Als Gegenpol und Kontrast sei hier noch einmal auf das Buch von Judith von Halle zu diesem Thema in diesem Blog verwiesen.
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