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Anthroposophie

Die Erinnerung an einen Engel, der in mir denkt


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Natürlich ist das Gedächtnis gestört, dauernd. Erst die Zerstreutheit, dann die üblichen Filter: Passt das Gesehene in eine der mir bekannten Kategorie, oder gehört es zur Kategorie Unkategorisch? Im letzteren Fall ist meine volle Aufmerksamkeit sofort da. Die volle Präsenz tritt dann in den Alltag ein, wenn ein emotionales Alarm- Level erreicht ist. So wäre das ein halb- automatisiertes Leben zwischen Status Quo und diversen Alarm- Zeiten in unserem Leben, wenn wir nicht doch dem, was uns begegnet, interessiert gegenüber treten würden- das Konditionale daran (und damit die Möglichkeit der Entscheidung, aber auch des Scheiterns) zeigt schon, dass dann das Ich direkt engagiert ist. Aber das muss man dann auch tatsächlich tun, denn das Ich ist nun einmal ein rein schaffendes, produktives Wesen. Das, was wir so engagiert - persönlich beteiligt statt nicht passiv reagierend- erfahren, wandert über die Amygdala, und prägt sich tiefer ins Gedächtnis ein. Je mehr Erkenntnis, Anteilnahme, Intelligenz und Empfindung beteiligt sind, desto unmittelbarer- ohne Umwege über selektive Filter, und umfassender und detaillierter wird eine Situation auch erinnert- es entsteht der Schatz eines ganzen individuellen Lebens.

Für den esoterischen Weg (was immer Sie jetzt darunter verstehen) hat Rudolf Steiner erwähnt, dass das Erinnern - er meint das automatisierte Gedächtnis- immer weiter zurück geht. Das bedeutet: Je aktiver ein Mensch geistig wird, desto mehr ziehen sich neuronal gegebene Auto- Mechanismen zurück- zugunsten erhöhter ständiger Präsenz des Ich. Denn erinnert wird nur - so Steiner-, was mit Liebe und Interesse betrachtet wird. Nichts anderes als das bedeutet ja Präsenz des Ich.

Natürlich wird das Gedächtnis in gewisser Hinsicht auch schwächer, wenn man älter wird - gewisse Namen, Daten, Details werden unscharf - ein Problem. Im Gegenzug erlebt sich der Ältere gelegentlich, der Hochbetagte in steigender Dominanz in Inseln eines nicht erinnernden, sondern szenisch exakt nacherlebenden Bewusstseins. Die Intensität des Neu- Erlebens halb oder ganz vergessener oder geschönter Fragmente des eigenen Lebens kann gerade am Beginn schmerzhaft sein, weil emotional besonders herausragende Ereignisse zuerst hoch kommen. Im Erleben ist man szenisch involviert, beobachtet das aber zugleich von außen in absoluter Objektivität. Gegenüber dieser Instanz - dem inneren Leben selbst- fällt jeder Selbstbetrug in sich zusammen- auch wenn er in einer so erlebten Szene peinlicher Weise im schönsten Schwung sein mag. Für den Meditierenden jeder ernsthaften Schule gehören diese Szenen ohnehin zu gewissen Stadien intensiver und kritischer Selbstbetrachtung- eine Art notwendiger Ausarbeitungs- Prozess- allerdings nicht um in die Emphase einer Menschen-, Kultur- oder Selbst- Anklage zu verfallen, sondern als nüchternes Resümee einer gewissen Selbst- Objektivierung, einer gewissen spirituellen Hygiene.

Aber Steiner wäre nicht Steiner, wenn er nicht noch eine ganz andere Begriffsdeutung in Bezug auf das Gedächtnis ins Spiel bringen würde. Er beginnt harmlos mit „Der Zusammenhalt des Gedächtnisses darf nicht zerstört werden.“ Gemeint ist aber, wie er dann erklärt, eine okkulte Deutung, die dann besagt, dass jede Form von Selbstbespiegelung eben diesen „Zusammenhalt“ stört; worum es gehe, sei, dass ein Mensch so ehrlich mit sich sein müsse, sich nur an den eigenen Taten zu messen- und nicht an einer wie auch immer gearteten Hybris:

Mit diesem Zusammenhalt des Gedächtnisses meint man auf dem Gebiet des Okkultismus noch viel mehr als im gewöhnlichen Leben. Im gewöhnlichen Leben versteht man mit diesem Gedächtnis eigentlich nur, daß man zurückblicken kann und wichtige Ereignisse seines Lebens nicht gerade aus dem Bewusstsein verloren hat.
Im Okkultismus meint man unter richtigem Gedächtnis auch noch, daß der Mensch mit seiner Empfindung, mit seinem Gefühl nur auf das etwas gibt, was er schon in der Vergangenheit geleistet hat, so daß sich der Mensch keinen anderen Wert beimißt als den Wert, den ihm die Taten seiner Vergangenheit geben
.“ (GA 136, 40)

In Bezug auf intensive meditative Erfahrungen auf der Ebene des zeitlosen Bewusstseins stellt sich die Frage nach der Verbindung mit dem Alltagsdenken, oder, anders gesagt: Wie viel können wir später von solch intensiven Erfahrungen, in die wir restlos „ausgegossen“ - hingegeben - sind, überhaupt erinnern?

Schon in Rudolf Steiners Mysteriendrama Die Pforte der Einweihung heißt es über die Figur Theodora: „Wenn sie in jenen Zustand fällt, ermangelt sie fast ganz der Gabe der Erinnerung.“ Das geht keinesfalls nur Theodora so. Es geht, wie Steiner in „Okkultes Sehen und okkultes Hören“ (GA 156, S. 54ff) ausführt, vielmehr jedem so, der „wie in das Nichts hinein schwimmend, in den allgemeinen Kosmos unter (taucht)“. Dieser „voll bewusste“ Zustand der meditativen Zeitlosigkeit hat in vieler Hinsicht (bis eben auf die Tatsache der vollen Bewusstheit) Ähnlichkeit mit dem Schlaf; und auch der Zustand „danach“ wirkt wie ein Aufwachen, bei dem man empfindet: „Das war nicht ein Schlaf, in dem jetzt warst. (..) Da ist etwas geschehen in der Zwischenzeit“. Man erlebt diese Erfahrungen aus der Zwischenzeit im Nachhinein so: „Es ist wie eine Erinnerung. Man erinnert sich an etwas, das man nicht mit dem gewöhnlichen Selbst durchgemacht hat, das man aber so erlebt hat, dass man aus dem gewöhnlichen Selbst heraus gehoben war.“ Das, was man da meditativ bewusst, d.h. also „denkend erlebt“ (Steiner) hat, ist in Steiners Augen das Erleben des Denkens des Engels in einem selbst: „Du kannst dich nur nachher erinnern, was dieses Wesen, dieses Angeloswesen, in dir gedacht hat."

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The Unborn - Meister Bankei, Rudolf Steiner und die Ungeborenheit

Bankei

Bestimmt habe ich schon mal über ihn berichtet, den Zen- Meister Bankei, der im 17. Jahrhundert lebte, vollständig aus der Zeit und auch aus den Traditionen des Zen fiel, aber eben deshalb zum Erneuerer und Impulsator des Zen wurde. Um es einfach auszudrücken, war Zen damals in Traditionen, Riten und Gewohnheiten erstickt. Dagegen setzte Bankei den Begriff der Ungeborenheit - ein Zustand unmittelbarer geistiger Selbsterfahrung- einfach indem alles, was „geboren“ - tradiert, angelernt, angemaßt, Denkgewohnheiten, Geschlecht, soziale Schicht, usw - ist, im meditativen Akt abgelegt wird. Bankei forderte also von den Zen- Mönchen (nicht unähnlich den zahlreichen diesbezüglichen Aufforderungen Georg Kühlewinds gegenüber seinen anthroposophischen Zuhörern) inneres, aktives Arbeiten statt sinnentleerter Rituale.

Der Vater Bankeis (mit 8 Geschwistern) war von seinem Amt als Ritter zurück getreten und war jetzt „a masterless samurai or ronin“. Der Junge Bankei fiel als besonders intelligent, aber auch als extrem unruhig, unfügsam und willensstark auf. In früher Jugend führte er Banden an, beruhigte sich aber, als er mit 11 endlich in eine Schule durfte. Fast erwartungsgemäß machte ihm das Schreiben - also das endlose kalligrafische Kopieren von Schriften- Schwierigkeiten. Um nicht jede Anekdote zu wiederholen: Der ganze Junge war eine Schwierigkeit. Er hat z.B. etwa in dem Alter eine Hand voll giftiger Spinnen geschluckt, um sich nach einem Streit umzubringen. Dazu schloss er sich in einem buddhistischen Schrein ein- lag Stunden vielleicht sterbend in einem Sarkophag. Seine Lehrer, die reine Repetitoren waren, nervte er mit endlosen Fragen nach dem Sinn ihrer Gebete: „the awakening of religious doubt in his consciousness“.

Bankei hat diese jugendlichen Jahre damit verbracht, jede Religion, jeden Kult und jede Tradition in seiner weiteren Umgebung „nach Gehalt“ zu erkunden. Er fand leider nichts und „wandered about like a stray mountain lamb, aimlessly and alone“. Endlich fand er in einem Zen- Kloster einen Lehrer - Umpo-, der ihm auf seine Fragen antwortete: „practice zazen“. Bankei wurde augenblicklich Mönch, und lernte drei Jahre bei Umpo. Mit 19 verließ er das Kloster und streifte durch das ganze Land. Es war offenbar ein tiefer Abstieg. Nach den Klöstern und dem Wandern folgte ein Leben als Nichtsesshafter und Bettler, unter Brücken schlafend- und dennoch ständig Zazen praktizierend. Die Zweifel blieben, auch als er mit 23 zu Umpo zurück kehrte. Es folgten Jahre des Hungerns, des Lebens in einer nackten Zelle, des ständigen Meditierens. Bankei wird davon schwer krank, stirbt beinah- und erlebt an der Schwelle des Todes das Einssein aller Dinge in der Ungeborenheit: „I realized what it was that had escaped me until now: All things are perfectly resolved in the Unborn“. Nach Jahren weiteren Studiums bei einem chinesischen Meister wird Bankei der Erbe und Nachfolger Umpos. Er, der zunächst stark umstritten in der Priesterschaft gewesen war, fand nun so viel Anerkennung, dass er eine eigene Schule innerhalb des Zen begründete. Bankei lehrte die nächsten 36 Jahre jeden, der vorbei kam und eine Frage stellte. Diese wunderbaren, geistreichen Gespräche zur Ungeborenheit gehören zum Weltkultur- Erbe. Wenigstens sind sie in einer englischen Übersetzung und mit einer detaillierten Einführung von Norman Waddell - auf die ich mich hier bezogen habe- versehen hier und da erhältlich*

Aber auch Rudolf Steiner hat sich zwar auch zur Ungeborenheit als besonderer Qualität geäußert, wusste aber offensichtlich nicht von Meister Bankei:

Man darf überhaupt nicht unterschätzen die Bedeutung, welche im Worte liegt. In dem Augenblicke, wo sich der Gedanke umprägt zum Worte, selbst wenn das Wort als solches nur gedacht wird, wie in der Wortmeditation, in demselben Moment prägt sich das Wort ein in den Äther der Welt.

Der Gedanke prägt sich als solcher nicht in den Äther der Welt ein, sonst könnten wir niemals im reinen Denken freie Wesen werden. Wir sind ja in dem Augenblicke gebunden, wo sich etwas einprägt. Für die Initiations - Wissenschaft liegt ja heute einfach die Tatsache vor, dass im ganzen Erden- Äther dadurch, dass die zivilisierten Sprachen kein gangbares Wort für
Ungeborenheit haben, dieses für die Menschheit wichtige Ungeborensein überhaupt nicht dem Weltenäther eingeprägt wird.

Alles das aber, was an wichtigen Worten eingeprägt wird in den Welten- Äther vom Entstehen, von alldem was den Menschen betrifft in seiner Kindheit, in seiner Jugend, all das bedeutet einen furchtbaren Schrecken für die ahrimanischen Mächte. Unsterblichkeit im Welten- Äther eingeschrieben, das vertragen die ahrimanischen Mächte eigentlich sehr gut, denn Unsterblichkeit bedeutet, dass sie mit dem Menschen eine neue Schöpfung beginnen und mit dem Menschen hinauswandern wollen. Das irritiert die ahrimanischen Mächte nicht, wenn sie immer wieder den Äther durchsausen, um mit dem Menschen ihr Spiel zu treiben, wenn da so und so viel von den Kanzeln von Unsterblichkeit verkündet wird und in den Weltenäther eingeschrieben wird. Das tut den ahrimanischen Wesen sehr wohl.

Aber ein furchtbarer Schrecken für sie ist es, wenn sie das Wort «
Ungeborenheit» in den Weltenäther eingeschrieben finden. Da löscht für sie überhaupt das Licht aus, in dem sie sich bewegen, da verlieren sie die Richtung, da fühlen sie sich wie in einem Abgrund, wie im Bodenlosen.“ **



*„The Unborn. The Life and Teaching of Zen Master Bankei 1622-1693“. San Francisco 1984
** Rudolf Steiner, GA 203, S. 275f
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Sergej Prokofieffs Totenbuch

prokoff
Gewiss, in Sergej Prokofieffs „Das Erscheinen des Christus im Ätherischen“ bekommt man vordergründig konventionelle anthroposophische Kost gereicht. Es geht schließlich um die Christologie innerhalb der Anthroposophie, um den intimen Kernbereich, der untrennbar mit dem spezifischen Erkenntnisweg der Anthroposophie verbunden ist. Es wird, um es schlicht zu beschreiben, ein intellektueller Weg zur Erfahrung des auferstandenen, in allem Geschaffenenen der Natur präsenten Christus aufgezeigt- einerseits in den Aussagen und Perspektiven, aber auch bis in die konkreten Formulierungen hinein Rudolf Steiner folgend. Andererseits komponiert Prokofieff die Zitate und Aussagen unterschiedlich komplex und vielschichtig.

Diese Verdichtung findet ihren Höhepunkt in den ersten Kapiteln des Buches, die die „kosmische Dimension“ der ätherischen Wiederkunft und die damit beim Menschen einher gehenden Veränderungen und Impulse, aber auch das spezifisch anthroposophische Michaels- Mysterium darstellen. Danach verflachen die Darstellungen so weit, dass man- so scheint es mir- mit den Originalstellen genauso gut bedient wäre. Prokofieff referiert Steiner nicht nur- er beschränkt sich auf die Moderation von Zitat- Folgen. Für den ins ganze Thema vor- informierten Leser ist das nicht störend- er erhält die Gesamtsicht auf Steiners Christus- Vorstellung. Aber eben kaum je mit Einsichten oder Erklärungsversuchen Prokofieffs. Es geht ihm um das Totale der Darstellung, nicht primär um Wecken des Verständnisses beim Leser.

In der Mitte seiner Darstellung steht die mystische Verwandlung des ganzen Menschen, insbesondere was die „Ätherisation des Blutes“ betrifft. Demnach stellt das Herz eine Wandlungseinheit dar, durch die leibgebundene Kräfte ausfließen und im Gehirn zu Vorstellungen verarbeitet werden. Dadurch wird „im Kopf des Menschen das Denken überhaupt erst möglich“ (S.140). Die „noch lebendigen Gedanken“ steigen mit dem Strom auf und „ersterben im menschlichen Haupt, damit der Mensch in diesem toten Denken seine Freiheit innerlich ergreifen und ihrer gewahr werden kann“. Mit der geeigneten Willens- Schulung nach michaelisch- rosenkreuzerischem Konzept, die von oben (Denkschulung) nach unten (Herzdenken) wirkt und einer inneren Reinigung entspricht- auch einer Selbst- Konfrontation- wird auch der verborgene zweite Strom bemerkbar, der ebenfalls dem Blut entsteigt- diesmal aber als verjüngtes, imaginatives Strömendes, was der Verlebendigung durch den Auferstandenen entspringt. Dies kann zu einem - nach Steiner- „intellektuellem Hellsichtigwerden“ in voller Reife, Verantwortung und individueller Ausprägung führen. Die mystische Wandlung kann bis zur höchsten Begnadung gehen, die „in der intuitiven Verschmelzung des Menschen- Ich mit dem Christus- Ich“ gipfelt- „ohne von seiner eigenen Ich- Individualität nur das Geringste einbüßen zu müssen.“ (S. 117)

Die innere Reinigung durch das michaelische Wahrheitsprinzip erfordert, wie in jeder Schulung seit jeher bekannt, eine schonungslose Selbstkonfrontation - eine Begegnung mit den eigenen Schatten: „So kann man sagen: Michael führt heute den Geistesschüler zum Abgrund des Seins, wo er sich als absolutes Nichts vor dem völligen Nichts stehend erleben muss.“ Diese zentrale Anforderung, die in der Praxis doch die allergrößten Schwierigkeiten für den Einzelnen bedeuten muss, wird von Prokofieff wiederum mit Zitaten Steiners belegt, aber nicht wirklich erläutert. Das Michaels- Mysterium, das im Bestehen vor dem Nichts und nach dem Zerbrechen der Selbstbilder als Probe des Willens ausgelegt ist, ist zentral mit einem modernen „Erkenne dich selbst“ verbunden, begleitet von einem Aktivieren der Chakren von der Stirn über den Kehlkopfbereich bis zum Herzen und weiter. Nur so wird - nach Steiner- „das Leben des Christus (..) vom 20. Jahrhundert an immer mehr und mehr in den Seelen der Menschen gefühlt werden als ein direktes persönliches Erlebnis“ (S. 106).

Natürlich wäre Prokofieff nicht er selbst, wenn er nicht in aller Breite gegen antichristliche Impulse anschreiben würde. Der Schwerpunkt bleibt aber - auch und gerade mit dem Schwerpunkt „Schamballa“- die Initiation im angebrochenen Michaelzeitalter- wenn „die Ideen des Menschen nicht nur „denkend“ bleiben, sondern im Denken „sehend“ werden..“ (S. 74) Es geht ja um nicht weniger als um die „Befreiung seines Herzens von den Drachenmächten durch den Michael- Impuls.“ (S. 36) Gerade die ersten Kapitel des Buches - die kosmische Dimension und Sophia behandelnd- erreichen eine solche Dichte und inhaltliche Weite, dass sie selbst als meditative Texte gelten dürfen. Da es zum nicht geringen Teil um Perspektiven menschlichen Lebens nach dem Tod und vor der Geburt geht, darf man Prokofieffs Buch als „Anthroposophisches Totenbuch“ analog zum klassischen „Tibetischen Totenbuch“ bezeichnen. Es ist eine Art Wegzehrung vor und nach den letzten Aufbrüchen. Es ist etwas, was man mitnimmt. Insofern sind gerade auch die Anfangskapitel etwas, was man mit Verstorbenen lesen kann. Insgesamt bedauerlich bei dem Buch bleibt, wie sehr es um "Insider- Literatur" geht- wie wenig schon im sprachlichen Auftreten mit der Gegenwart und dem zeitgenössischen Leser gerechnet wird. Prokofieff bleibt in den Sprachbildern Rudolf Steiners- tritt aus ihnen nicht heraus; und bleibt somit eine Vermittlung und Erläuterung schuldig, die über die Originaltexte hinaus gehen würde. An einigen Stellen verläuft sich Prokofieff regelrecht in Bildern (etwa von Isis, Sophia, usw) und verrätselt Steiner dadurch regelrecht. An anderen dagegen gelingt ihm eine meditative Verdichtung zumindest für den, der mit der Materie vertraut ist.

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Sergej O. Prokofieff, Das Erscheinen des Christus im Ätherischen. Geisteswissenschaftliche Aspekte der ätherischen Wiederkunft, Dornach 2010
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Neues aus dem anthroposophischen Minenfeld

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Wirre Leute mit rechtem Brett vor dem Kopf treffen nicht ungern auf anthroposophische Esoteriker, die, mehr oder weniger abgedreht, in Kernhaltungen wie dem offenen Anti- Amerikanismus und der weniger offen geäußerten wahnhaften Sorge vor allerlei Geheimgesellschaften, einander in die Arme fallen. Die geistigen Gartenzwerge entdecken gemeinsame Schnittmengen- gleichgültig übrigens, ob die rechts oder links oder einfach nur bekloppt sind.
Natürlich berichten manche Medien mit Wonne darüber- so gerade die selten zimperliche VICE, die "merkwürdige Geschichten" bei den Waldorfschulen ausmacht: Wenn der notorische Ken Jepsen, selber Ex-Waldorfschüler, in der Waldorfschule in Überlingen zum Vortrag eingeladen wird (und später wieder ausgeladen, was Vice verschweigt), wenn der Ex- Nazi und Ex- Waldorflehrer Andreas Molau einfach gar nichts macht, wenn der Ex- Waldorflehrer Bernhard Schaub sich im Holocaust- Leugner- Seminar Collegium Humanum zeigte, dann schließt VICE daraus: "Offensichtlich hat man in Waldorfschulen ein Problem damit, sich eindeutig von abseitigen Ideologien abzugrenzen."

So ganz offensichtlich ist das nicht, da die angesprochenen Figuren ja aus ihren Ämtern entfernt worden sind. Allerdings gibt es, wie auch Anfragen aus dem Ausland zeigen, Versuche, nach Entlassungen dieser Art anderswo erneut Fuß zu fassen, aber auch weiter und mit erheblichem Nachdruck mitteleuropäische anthroposophische Institutionen zu unterwandern. Daher folgt nun eine klare Stellungnahme des Bundes der freien Waldorfschulen, die insbesondere vor den sich so bezeichnenden "Reichsbürgern" warnt: "Weniger bekannt ist, dass die alternative Szene, zu der auch viele anthroposophisch inspirierte Initiativen in der Landwirtschaft, Medizin und Pädagogik gehören, eine große Anziehungskraft auf Reichsbürger hat. Da diese sich nicht immer als »Reichsbürger« zu erkennen geben, oft aber eng mit der rechten Szene verflochten sind und rassistische und rechtsextreme Positionen vertreten, ist Aufklärung geboten." Die ganze Broschüre ist frei herunter zu laden.

Die "Reichsbürger" definiert genannte Broschüre so: "Selbsternannte „Reichsbürger“, die meist aus einem nationalen bis rechtsradikalen Spektrum kommen, halten die Bundesrepublik Deutschland für völkerrechtlich illegal bzw. für juristisch nicht existent, im Gegensatz zu einem fiktiven „Deutschen Reich“, womit mal Nazideutschland, mal das Kaiserreich oder ein beliebiger Phantasiestaat gemeint sein kann. Deutschland, wie sie es sich vorstellen, sei nach wie vor im Kriegszustand mit den Alliierten bzw. von den USA „besetzt“. Doch das sei nur die Spitze des Eisbergs: Je nachdem, welchen „Reichsbürgern“ man glaubt, stecken hinter der Misere entweder das angeblich jüdische „Finanzkapital“, oder „die Zionisten“, irgendwelche Geheimbünde, außerirdische Mächte wie das „Plutonium-Imperium“ oder sie alle zusammen, die angeblich planen, uns fernzusteuern. Nicht zum ersten Mal gehen hier esoterische Vorstellungen und Rechtsradikalismus Hand in Hand."
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Der radikale Wandel in Rudolf Steiners Werk - zu Christian Clements „Kritischer Ausgabe"

frommann
Die SKA 7 (Kritische Ausgabe ausgewählter Schriften Rudolf Steiners*) thematisiert Meditation und anthroposophische Erkenntnisschulung im Sinne einer aktiven Auseinandersetzung des modernen Menschen angesichts einer globalisierten Welt, aber auch einer sich stark ändernden Selbstwahrnehmung des Menschen der Neuzeit. Von beiden Seiten erscheint der moderne Mensch bedroht von Leere und, wie Rudolf Steiner es nannte, dem Erleben der „Ohnmacht“:

"»Ich bleibe mit meiner Fassungskraft hinter dem, was ich eigentlich anstrebe, zurück; ich empfinde meine Ohnmacht gegenüber meinem Streben. – Es ist dieses Erleben ein sehr wichtiges [...] denn dieses Ohnmachtsgefühl ist nichts anderes als das Empfinden der Krankheit [...] Dann, wenn man genügend kräftig diese Ohnmacht empfindet, dann kommt der Umschlag [...] Suchen Sie in sich, und Sie werden finden die Ohnmacht. Suchen Sie, und Sie werden finden, nachdem Sie die Ohnmacht gefunden haben, die Erlösung der Ohnmacht, die Auferstehung der Seele zum Geist« (GA 182, 180 f.).“ (1) Christian Clement äußert in diesem Zusammenhang die Ansicht, dass die so benannte Ohnmacht (übrigens nennt Steiner im Heilpädagogischen Kurs als Ursache für Depression aufgestaute Gefühle) inmitten der „Krise der Moderne“ mit der heute so genannten Depression im Zusammenhang steht: "Was das Individuum als »Depression«, was die Menschheit als »Krise der Moderne« erlebt, ist nach Steiner Ausdruck jener inneren Entwicklungskräfte, die den Menschen aus den Tiefen seines Wesens heraus von seinen früheren instinkthaften Bindungen an Natur und Gesellschaft emanzipieren und ihn gewaltsam zum Erlebnis seiner inneren Freiheit drängen.“ (2)

Der Schulungsweg Steiners soll - analog zur psycho-therapeutischen Selbstbewusstmachung - als notwendiges Instrument der inneren Stärkung, Fokussierung und Emanzipation des modernen Menschen dienlich sein können, wenn er recht verstanden wird: "Die Herausforderung der anthroposophischen Erkenntnisschulung an den Menschen der Gegenwart ist somit im Grunde nicht die: Ob der Einzelne die beschriebene innere Entwicklung will oder nicht; sondern vielmehr die: Ob er diese faktisch sich bereits vollziehende Entwicklung bewusst in die eigene Hand nehmen will oder es dem allgemeinen Evolutionsgeschehen, der »Natur« oder der »Gesellschaft« überlässt, diese Wandlung an ihm zu vollziehen.“ (3)

Derjenige, der selbstbewusst, analytisch und engagiert mit dieser Erkenntnisschulung beschäftigt ist, wird auch dem Lehrer Steiner selbst radikale Wandlungen und Entwicklungsschritte zugestehen -und nicht annehmen, Steiner sei quasi als Menschheitslehrer fertig gebacken zur Welt (und zur Reife) gekommen. Dies kann man nirgends besser erkennen als in den Änderungen, die Rudolf Steiner selbst im Laufe stetig neuer Auflagen an seinen Schriften zur Erkenntnisschulung vorgenommen hat. Diese gehen, wie Christian Clement beweist, über die formale Änderung vom theosophischen zum anthroposophischen Lehrer weit hinaus. Clement nennt diese Veränderung "Vom Einweihungsritus zum individuellen Schulungsweg“ (4). 1904 sieht („Das Christentum als mystische Tatsache“) die Einweihung - als Ziel der Erkenntnisschulung - nach Steiner "der Form des antiken Mysterienkults (bzw. der steinerschen Rekonstruktion desselben) noch sehr ähnlich“, wird in geheimen „Tempeln“ vollzogen und entstammt einer „Geheimüberlieferung“. In „Wie erlangt man..“ verfolgt Clement von Auflage zu Auflage, wie "zunehmend die Konzeption eines modernen Schulungswegs, der von jedem individuell und überall, ohne Einbindung in institutionelle oder personelle Bindungen praktiziert werden kann“ (5), in den Neuformulierungen Steiners zutage tritt. Das von Steiner skizzierte Lehrer- Schüler- Verhältnis ändert sich vollständig: "Der Schüler »begibt« sich nicht mehr in eine »Geheimschule«, sondern »lässt sich ein« auf die Schulung (WE, 107). Aus der »Aufnahme« in eine Schule wird der »Antritt« der Schulung (WE, 96) und die »Geheimlehrer« heißen nun »Berater«, »Lehrer des geistigen Lebens«, »Kenner der Geheimwissenschaft« oder »geistig Geschulte«, die statt strenger »Forderungen« und »Anweisungen« jetzt »Ratschläge« und »Empfehlungen«“ (6) geben. "Der reduzierten Rolle des Lehrers in der geistigen Schulung entspricht eine zunehmende Betonung der Autonomie des Schülers.“ (7)

Im Grunde hat sich in Steiners Arbeiten im Laufe der Jahre das gesamte Konzept einer „Geheimwissenschaft“ und eines klüngelnden Mysterienwesens restlos überlebt: "Hatte Steiner zuvor stets betont, dass bestimmte esoterische Vorstellungen geheim gehalten werden müssten, so verschiebt sich das traditionelle Schweigegebot der alten Mysterien immer mehr in Richtung des Gedankens, dass das Esoterische sich selbst vor unberufenen Augen und Ohren schützt.“ (8) Damit ändert sich auch der elitäre „Wissensvorsprung“ der „Eingeweihten“: "Zudem wird der exzeptionelle und elitäre Charakter der Einweihung entschärft, indem das frühere Ziel des Eingeweihten, zu einem »Führer des Menschengeschlechts« zu werden, soweit herabgestuft wird, dass er nunmehr zur Befreiung der Menschheit nur noch »beizutragen« habe (WE, 219).“ (9)

Insgesamt sieht Christian Clement in den Textveränderungen Anzeichen einer "Deinstitutionalisierung der »Einweihung« zum »Schulungsweg« und ihre Entkopplung von Lehrer, Institution und Ritus“ (10). Dieser lange Weg einer völligen Neuorientierung Steiners in Bezug auf die Rollen von Lehrer und Schüler, Ziel und Organisation der Schulung - und damit verbundenen Methoden- kann man sich gar nicht radikal genug vorstellen. Steiner hat sich keineswegs nur von theosophischen Vorstellungen getrennt, sondern vom gesamten traditionellen Konzept der „Einweihung“. Er ist Stück für Stück mit seinen Adaptionen in die Moderne gerückt und hat damit den aufgeklärten, autonomen, sich selbst infrage stellenden und im sozialen Zusammenhang lebenden Menschen in den Mittelpunkt der Betrachtung genommen: "Aus der alten Idee einer Initiation unter Anleitung eines spirituellen Führers wird so nach und nach ein Weg der Selbsteinweihung des gut informierten und daher weitgehend autonomen Schülers.“ (11)

Parallel dazu ist Rudolf Steiner dazu übergegangen, dem naiven Realismus des Lesers entgegen zu wirken und den bildhaften Charakter der Hinweise in den esoterischen Schriften heraus zu stellen- die selbst gewonnene Erkenntnis soll schließlich nicht dem Glauben an wortwörtlich vorgestellte geistige Wesen zum Opfer fallen. Als ein Beispiel mögen die „geistigen Wahrnehmungsorgane“ dienen, deren exakte Lage im Körperschema nicht mehr als feste Tatsache hingestellt wird; in „Wie erlangt man..“ heißt es stattdessen in späteren Auflagen, solche Organe könnten geistig wahrgenommen werden, wobei die Drehbewegung dieser Organe "als bildhafte Ausdrucksweise zu verstehen und nicht wörtlich zu nehmen“ (12) sei: "Insgesamt herrscht die Tendenz, sämtliche Beschreibungen übersinnlicher Phänomene als uneigentlich und bildhaft auszuweisen und stets davor zu warnen, sich von der Konkretheit und Bildlichkeit nicht dazu verführen zu lassen, die beschriebenen seelisch-geistigen Erlebnisse im naiven Sinne als Objekte oder Dinge misszuverstehen.“ (13)

In Bezug auf die vermittelten Übungen selbst fällt in den Textveränderungen auf, dass sich "die Tendenz (zeige), Übungsbeschreibungen, die zuvor in relativ normativer Weise dargestellt worden waren, nunmehr als bloße Beispiele zu verstehen“: "Offensichtlich will Steiner den eigenen Meditations- Anweisungen den autoritativen Charakter nehmen und den generellen Charakter bestimmter Techniken betonen, die dann der Übende gemäß seiner persönlichen Präferenzen individuell gestalten kann.“ (14)

Besonders stark sind Steiners Eingriffe in den Text in der 8. Auflage von „Wie erlangt man..“ zu konstatieren. Aber sie gehen alle weiter in die bislang von Clement skizzierte Richtung des sich selbst bemühenden, eigenverantwortlichen Zeitgenossen: "Zentral ist nicht mehr, dass er von einem autorisierten Lehrer unterwiesen wird, sondern dass er in der rechten Weise bestrebt ist.“ Weiterhin überarbeitet Steiner seinen Text und insbesondere die Begriffe, die "einen Institutionscharakter der Einweihung implizieren und die 1914 stehen geblieben waren“; sie "werden jetzt durch solche ersetzt, die den Prozesscharakter sowie die Flexibilität und Freiheit in der individuellen Verwirklichung des Schulungsweges betonen.“ (15)

So bildet Rudolf Steiner in den durch die Forschungsarbeit Christian Clements dargestellten Text- Veränderungen eine Neuorientierung spiritueller Schulung ab, wobei Steiner erst nach und nach, wie es Zeit, Einsicht und Umstände erlaubten, seine früheren Texte einer Revision unterzog. Sein dabei sichtbar werdendes Ziel war es, ein "Konzept eines allgemeinen, sicheren und von Lehrerautorität unabhängigen Schulungsweges“(16) zu entwickeln. Er hat dabei seine frühere Einstellung zum Thema „Einweihung“ sehr weitgehend revidiert.

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*Steiner, Rudolf: Schriften. Kritische Ausgabe (SKA). Band 7: Schriften zur Erkenntnisschulung
Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? – Die Stufen der höheren Erkenntnis. Samt einem Anhang mit Materialien aus Rudolf Steiners erkenntnisschulischer und erkenntniskultischer Arbeit. Herausgegeben und kommentiert von Christian Clement. Mit einem Vorwort von Gerhard Wehr. 2014. CXXX, 498 S. 17,4 x 25 cm. Ln.

Leseprobe

1 Zitiert nach: Christian Clement, SKA 7, lxxxix, „Schulungsweg und Psychotherapie“, Anmerkung 137
2 CC, SKA 7, Einleitung, XC
3 dito
4 CC, SKA 7, Einleitung, CXII
5 dito
6 dito
7 dito
8 CC, SKA 7, Einleitung, CXIII
9 CC, SKA 7, Einleitung, CXIII f
10 CC, SKA 7, Einleitung, CXIV
11 dito
12 CC, SKA 7, Einleitung, CXV
13 dito
14 CC, SKA 7, Einleitung, CXVII
15 CC, SKA 7, Einleitung, CXIX
16 CC, SKA 7, Einleitung, CXX
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„Anthroposophische Spiritualität“. Zu einem Buch Jens Heisterkamps

Ganz in dunklem Blau, mit kräftigen Spuren eines komplementären Orange, das den Rahmen einer sich öffnenden Tür umrandet- so präsentiert Jens Heisterkamp sein Büchlein mit dem Titel „Anthroposophische Spiritualität“*. Nicht nur die Untertitel, sondern vor allem der Autor selbst geben die Gewähr, dass es sich keinesfalls um eines der zahllosen anthroposophischen Schriften mit großem Anspruch und wenig Originalität handelt, sondern vielmehr um eine Positionsbestimmung, in die Erfahrung, Umsicht, Zeitgenossenschaft, ein selbständiger sprachlicher Duktus und Mut zum persönlichen Statement einfliessen.

Heisterkamps Betrachtung umfasst fünf Abschnitte, die durchaus auch in sich abgeschlossen bestehen könnten. Zunächst widmet er sich einer prägnanten Betrachtung von Rudolf Steiners Denkentwicklung, die Heisterkamp auf knappe Art und Weise in ihren Umbrüchen charakterisiert. Er verzichtet dabei fast vollständig auf das typische anthroposophische Vokabular, sondern beschränkt sich auf knappe Zitate mit einer modernen Interpretation: „Im Bemerken der Tatsache, dass die Geistigkeit der Welt in das menschliche Innere nicht nur hineinragt, sondern in ihm sogar neu zu Bewusstsein kommt, geht Steiner der Sinn des Menschseins auf. Dabei meint er mit seiner platonisch anmutenden Rede von der „Ideenwelt“ nicht das intellektuelle Denken des Verstandes, dessen kombinatorisches Vor-sich-hin-Laufen ja jede spirituelle Entwicklung hemmt, sondern die bewusst gemachte Anwesenheit des Einen spirituellen Urgrundes, der in Form einer Denk-Spur durch unser Bewusstsein zieht - mit den Merkmalen tiefer Verbundenheit ausgestattet und jederzeit dazu in der Lage, uns denkend über unsere Begrenztheit in ein tieferes Verstehen hinauszuführen.“ (S.19) In Vergleichen zu Denkern wie Heidegger und der Zen- Philosophie versucht Heisterkamp, den Logosbegriff Steiners („der Welt und Mensch übergreift“) ebenso zu charakterisieren wie dessen Vorstellung von Freiheit („Die Erfahrung an der All- Einheit im Bewusstsein ist ja eine Erfahrung von Freiheit: Freiheit im Sinne einer prinzipiellen Unbegrenztheit und Ungetrenntheit, der „Aufgehobenheit“ des Individuellen im All- Einen…“). Besonderes Gewicht in der Darstellung - im Sinne einer inneren Metamorphose- erhält Steiners zeitweiliges Aufgehen im mystischen Rahmen der Theosophie, aber auch seine Emanzipation gegenüber der „östlichen Weisheit“ durch Steiners Begründung der Anthroposophischen Gesellschaft. Der eigentliche spezifische spirituelle Schulungsweg Steiners findet sich fragmentiert in seinem gesamten Vortragswerk verteilt. Um eine „rezeptartige Übernahme“ der vielen vorgetragenen „Forschungsergebnisse“ Steiners kann es für den modernen Leser nicht gehen, zumal manches „inzwischen zeitlich überholt“ (S. 37) erscheint- manchmal auch in dem Sinne, dass die „Aussagen Steiners“ z.B. über Menschen mit anderer Hautfarbe „diskriminierenden Charakter“ haben.

Im zweiten Teil versucht Heisterkamp, Steiners Grundansatz, eine „Spiritualität vom Denken her“ zu entwickeln, seine „Mystik des Denkens“ sprachlich zu fassen und damit Motive für eine „moderne, aufgeklärte Spiritualität“ (S.39) heraus zu arbeiten. Das Nachdenken über das Denken im Sinne Steiners führt eben nicht nur zur postmodernen Position, im Denken „lediglich ein subjektives Konzept“ zu sehen, sondern auch zur „zentralen Eigenschaft des Denkens: Seine Universalität und seine Allgemeingültigkeit.“ (S. 45) Die „mystische“ Erfahrung des Denkens führt in den Worten Heisterkamps zu der Erfahrung: „Nicht ich denke die Gedanken, sondern ich bewege mich denkend in einem in sich selbst begründeten (organischen) Weben des Denkens..“. (S. 47) Die „Schlüsselerfahrung“ moderner Spiritualität mündet schließlich in der Fähigkeit, „Bewusstsein als Bewusstsein selbst“ zu erfassen - in der Leere eines fokussierten Denkens, das sich aber nicht mehr in seinen Inhalten verliert. Damit ist auch die Erfahrung verbunden, dass das Denken uns erst als Subjekt konstituiert. Der anthroposophische Weg führt zur Ursprünglichkeit eines reinen Bewusstseins, ohne sich dabei in einer „Selbstauslöschung“ aufzugeben. Die dualistische Weltsicht wird in dieser meditativen Denkaktivität nach und nach überwunden, indem die „Denktätigkeit“ (S. 57) selbst erfahrbar wird. Dies ermöglicht es, etwas „zuvor nicht Vorhandenes in die Welt zu bringen“ (S. 60) und somit unabhängig, kreativ, auch sozial schöpferisch tätig zu werden. Die Evolution der Dinge und Wesen bis hin zur Selbstgewahrwerdung wird in dieser Sicht durch eine „Involution“ des Geistes in die Materie ergänzt. Heisterkamp ist an diesem Punkt der Betrachtung bemüht, die widersprüchlichen Signale zwischen Individualismus, Kultur, reaktionären Tendenzen und ungehemmter Freizügigkeit als zeitgenössische Wegmarken verständlich zu machen und zugleich existentielle Grundbedingungen des Menschen zu erfassen: Menschen sind „grundsätzlich unfertig und unbestimmt“ (S. 69). Das schließt Probleme, Hemmnisse, Schmerzen und die „vielleicht auch dunklen Seiten“ (S. 73) des Individuums mit ein. Das „Evolutionäre“ bedeutet für Heisterkamp an diesem Punkt weniger, individuell nach „Erleuchtung und höherer Erkenntnis“ zu verlangen, als im Sinne Steiners „das Erwachen am anderen Menschen“ zu suchen- und damit praktisch und konkret tätig zu werden. Das „Interesse am anderen“, an einer „Zukunft dieses Menschen“ ist das Credo dieser Spiritualität, die ihr Potential in einer „neuen Achtsamkeit für Gemeinschaftsbildungen“ gewinnt. Hier sieht Heisterkamp auch die gemeinsame Schnittmenge mit anderen spirituellen Richtungen, die er im dritten Teil des Buches („Stufen der Entwicklung“) weiter ausführt.

Die Vertiefung der Grundmotive einer so angedeuteten evolutionären Bewusstseinsentwicklung führt Heisterkamp zur Darstellung kosmischer und menschlicher Entwicklung im Sinne von Bewusstseinsstufen, die sich zwar entfalten, aber zugleich in den „transformativen (freien) Möglichkeiten, Bewusstsein zu entwickeln“ (S. 89) auch, da es sich keinesfalls um einen linearen Prozess handelt, „Brüche und Abstürze“ frei legen- das 20. Jahrhundert war von diesen Abgründen geprägt. Totalitarismus und Terror sind die Schattenseiten dieser Evolution des Bewusstseins, das, in anthroposophischer Terminologie zum „Berührt- Werden vom Geist“ im Sinne der Entfaltung des Geistselbstes führen kann. Heisterkamp spricht an dieser Stelle von einer Einverleibung des Geistes, oder, in Worten Andrew Cohens, vom „Authentischen Selbst“.

Die eigentliche meditative Arbeit daran stellt Heisterkamp im vierten Teil („„Schulungsweg“: Spirituelle Transformation durch Weltbegegnung“) - wiederum in einer spezifischer werdenden Darstellung- vor. Auf der einen Seite steht eine Umwandlung des „intellektuell- emotionalen Apparat(es)“ (S. 101), auf der anderen eine zunehmende Verankerung im Sinne einer zu entdeckenden Ruhe („sein Lebensschiff einen sicheren, festen Gang zu führen“- nach Steiner). Die Darstellung der meditativen Schritte führen Heisterkamp auch zu einer Darstellung der Entfaltung der Chakren.

Im letzten, recht kurzen Abschnitt wagt Heisterkamp einen Ausblick auf die weitere Entfaltung der Anthroposophie im 21. Jahrhundert. Die „exklusiven Lehrinhalte“, die ritualisierten Arbeitsformen und die relative Abgeschiedenheit der anthroposophischen Bewegung sollten in seinen Augen überwunden werden zugunsten einer umfassenden Dialogbereitschaft auch mit anderen spirituellen Strömungen. Dabei geht es nicht um Vermischung und Verwässerung der Impulse, sondern um ein „Sondieren und Fruchtbar- Machen von geistigen Schnittmengen“ (S. 123). Die Zeiten haben sich natürlich seit Steiners Lebens- und Wirkenszeit verändert - heute findet sich die anthroposophische Bewegung wieder in einer Ära der „globalisierten Spiritualität und Religiosität“ (S. 125). Dazu gehört für Heisterkamp einerseits das Besinnen auf die „philosophisch- gedanklichen Grundlagen der Anthroposophie“ (S. 127), andererseits das Überdenken mancher (häufig lediglich als Phrase benutzten) anthroposophischen Maximen wie z.B. dem viel beschworenen „Christus- Impuls“.

Das zentrale Anliegen Heisterkamps, was die Anthroposophische Gesellschaft im 21. Jahrhundert betrifft, ist aber die Notwendigkeit eines fortlaufenden und sich vertiefenden Dialoges - eben das, was er auch als zentrales spirituelles Motiv für das Individuum heraus gearbeitet hat. Das Büchlein ist dafür selbst ein Beispiel, da es - ohne den Ballast anthroposophischer Nomenklatur - zentrale anthroposophische Anliegen und Bestrebungen darstellt und damit „Einsteigern“, aber auch Anhängern anderer spiritueller Bewegungen näher bringen kann.

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*Jens Heisterkamp, „Anthroposophische Spiritualität. Denken, Meditation und geistige Erfahrung bei Rudolf Steiner. Eine Einführung“, Frankfurt/ Main 2014
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Elsbeth Weymann: “Nicht in unserem Namen! -Juden und Araber sind Söhne Abrahams“

“Nicht in unserem Namen! -Juden und Araber sind Söhne Abrahams“- Dies war die Botschaft eines Plakats bei Demonstrationen im August 2014 in New York. Gemeinsam getragen von Juden und Palästinensern. Im gegenwärtigen Gazakrieg der Raketen und Bomben, der Hass und Vernichtungstiraden auf beiden Seiten eine erstaunliche Stimme. In all den täglichen Schreckensnachrichten wird ja meist vergessen, dass es bereits seit Jahrzehnten eine israelisch-palästinensische Friedensbewegung gibt, wie Rabbiner für Menschenrechte, Gusch Schalom , die Organisation Breaking the Silence, in der sich Soldatinnen und Soldaten für den Frieden einsetzen u.a. Auf beiden Seiten gibt es außerdem die versöhnlichen Stimmen Einzelner: Sari Nusseibeh, Susan Abulhawa, Emil Habibi für die Palästinenser, Moshe Zimmermann, Noah Flug, Etgar Keret auf jüdischer Seite, um nur einige zu nennen.

Gibt es eine Lösung der Israel-Palästinafrage? Reicht der Konflikt nicht schon bis in biblische Zeiten zurück? Ismael und Esau, Söhne Abrahams und Isaaks, Stammväter der Araber, wurden in die Wüste vertrieben. Esau heiratete später eine Tochter Ismaels. So verbanden sich die beiden vertriebenen Abrahamsöhne und Vorfahren der Araber schon vor Urzeiten auch verwandtschaftlich miteinander (Gen 28,6).

Liest man diese Erzählung in der Bibel im hebräischen Originaltext, so bezaubern Wucht und Kraft, Herbheit und die klare, leuchtende Schönheit dieser Sprache. Man muss sich aber auf eine ganze Reihe von Besonderheiten, Satzbau, Stil und den Umgang mit Wörtern betreffend, einlassen, um die Größe dieses Textes zu erfahren.
Als man der hebräischen Sprache noch lebendiger gegenüberstand, konnte man in den Worten noch etwas vom Fließen des Geistes und dadurch in den Worten selber etwas Geistig-Ideelles, etwas wirklich Geistiges verspüren (Rudolf Steiner).

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Zum ganzen Text von Elsbeth Weymann
Die
Elsbeth-Weymann-Seite bei den Egoisten
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Die unwiderstehliche Sehnsucht. Über D.N. Dunlop

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Es ist ein großes Verdienst Thomas Meyers, die Quellen zu D.N. Dunlop* offen gelassen zu haben, der einst als Generalsekretär der englischen Anthroposophischen Gesellschaft vorgesehen war, aber im internen Krieg in den 30er Jahren von einem Dornacher Vorstand, der auf jeden einschlug, der sich mit Ita Wegman verstand, aus der Gesellschaft ausgegrenzt worden war. Dabei war Dunlop ein international agierender, selbstbewusster Organisator, ein Repräsentant der Energiewirtschaft mit intimen theosophischen Wurzeln, ein von Kindesbeinen an geistig Erwachter, der von Rudolf Steiner überaus geschätzt worden war. Als Reprint ist auch sein Schulungsbuch „Path of Attainment“ erhältlich- bezeichnender Weise nicht in deutscher Sprache. Eleanor Merry Erinnerungen an Dunlop** sind gerade wieder aufgelegt worden.

Dunlops frühe Initiation geht - so berichtet Meyer - auf dessen Kindertage im Jahre 1882 zurück. Er lebte seit Jahren, nach dem Tod der Mutter, bei seinem Großvater auf Arran, einer isolierten kleinen schottischen Insel- dem Wirkensumkreis der Mönche um Columban in 6. Jahrhundert, auf der sich auch vorchristliche Steinkreise befinden. Die Isolation war vollkommen, die einzige Literatur für Dunlop bestand in der Bibel. Im genannten Jahr wachte Dunlop morgens in der Blutlache seines in der Nacht verstorbenen Großvaters auf. Das Kind erlebte im Schockzustand Imaginationen vom Großvater und sich selbst aus ägyptischer und griechischer Zeit - auch Tempelszenen: „Dann sah er sich als griechischen Jüngling, der in einem weißen Gewand mit einem goldenen Gürtel an eine Tempelsäule gelehnt stand. Er betrachtete eine Prozession, die eben den Tempel betrat. Er war in einem der heiligen Haine, die dem Kult der orphischen Mysterien geweiht waren, und er fühlte einen großen Schmerz, denn die Frau, die er liebte, wurde ihm genommen: sie sollte im Tempel eingeweiht werden. Er fühlte sich vollkommen verlassen.“ (Meyer. S. 31)

Erst als Erwachsener konnte Dunlop diese Imaginationen als Reinkarnations- Bilder verstehen. Wenige Jahre später machte Dunlop die Bekanntschaft mit Theosophen wie dem berühmten W.B. Yeats und G.W. Russell- Literaten, Maler und spätere Politiker; eine feste Clique, die sich mit Blavatsky beschäftigte und in Dublin zur theosophischen Szene gehörte. Yeats driftete ab 1890 in die obskuren „rosenkreuzerischen“ Logen wie den „Golden Dawn“ ab und betrieb zeremonielle Magie, während Dunlop, immer bodenständig, seine Spiritualität in ein konkretes Handeln einfliessen ließ- er war immer ein Mann der Tat. Sein dennoch überragendes und reales praktiziertes Arbeiten floss gelegentlich in Aufsätze ein wie den 1897 erschienenen „Abwege der okkulten Entwicklung“. Vor jeder Begegnung mit Rudolf Steiner zeigt sich Dunlop darin als westlicher Eingeweihter: „Die rechte Methode ist jedoch, das Denken zu regeln; dann werden sich die Lebensströme von selbst regeln. Es gibt einen kleinen Lebensgott in unserem Leibe, der viel besser weiß als wir selbst, wie die Ströme zu regulieren sind. Man überlasse die Atemregelung ihm und kümmere sich um sein Denken.“ Dunlop hat später die Gesamtheit aller Chakren im inneren Geistleib in Zusammenhang erlebt mit den Tierkreiszeichen. Aus autobiografischen Skizzen wissen wir, dass in dieser Zeit in ihm der Wunsch erwachte - eine „unwiderstehliche Sehnsucht“ (..), „einem physisch verkörperten Eingeweihten, einem Wissenden auf dem Felde spiritueller Erkenntnis zu begegnen, um mich dann auf meine Weise in den Dienst der Verbreitung dieser Erkenntnis zu stellen.“ (Meyer, S. 73) Dieser Eingeweihte wurde für ihn Rudolf Steiner.

Dunlop arbeitete ab 1899 für den Konzern Westinghouse und lebte zeitweise in den USA, aber meist in London. Ab 1911 begann er sich innerlich und publizistisch von der Theosophie zu distanzieren, die sich mit Annie Besant auf „gefährliche Neuerung“ eingelassen, die „Berührung mit dem lebendigen Christus“ und „klares Unterscheidungsvermögen“ eingebüsst hatte (Meyer, S. 98). Dunlop dagegen suchte danach, einen inneren Altar aufzubauen, um „Glieder jener mystischen Kirche zu werden, welche den Christusleib in dieser Welt bildet“ (Meyer, S. 111). Dies sowie Dunlops eigenes Credo „skill in action“ führten ihn wie von selbst zu Rudolf Steiners „Philosophie der Freiheit“ mit ihrem Schwerpunkt auf „moralischer Phantasie und Technik“. Aber Dunlop kam eben in völliger geistiger Unabhängigkeit zu Steiner und zur Anthroposophie- als jemand, der seit je her die „Ur- Energie“ in sich selbst bearbeitet hatte, „welche die Hauptquelle ist von allem, was er ist, war und je sein wird“ (Meyer, S. 131) Dunlops Thema war die „bewusste Unsterblichkeit“. Ab 1918 studierte Dunlop Anthroposophie systematisch in einer Arbeitsgruppe- bis dahin hatte er sich Steiner vorsichtig angenähert. 1920 bewarb er sich um Aufnahme in die Anthroposophische Gesellschaft. Die Begegnung mit Steiner erfolgte 1922- ein Händedruck, der „viele Minuten dauerte“- ein gegenseitiges Erkennen. Gegenüber E.C. Merry hat Rudolf Steiner ein Jahr später über Dunlop geäußert, dieser „sei mit allen antiken Mysterien verbunden gewesen.“ (Meyer, S. 177) Der Rat an Merry war: „Knüpfen Sie die Bande mit ihm, so fest Sie nur können“. Damit begann Dunlops energische, weitreichende Tätigkeit innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft- aber nach Rudolf Steiners Tod wurden seine kompromisslose Energie und seine innere Selbständigkeit gegenüber Dornach auch immer mehr zum Problem. 1934 wurde jede nicht von Dornach kontrollierte Bewegung zum Ausschlussgrund eines um Zentralisierung und reine Macht bemühten Vorstands.
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Thomas Meyer, D.N. Dunlop. Ein Zeit- und Lebensbild
Eleanor Merry, Erinnerungen an Rudolf Steiner und D. N. Dunlop
D. N. Dunlop Institut für anthroposophische Erwachsenenbildung Sozialforschung
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Rudolf Steiners letzte Inkarnation

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Rudolf Steiner hat sich zwar selbst nicht expressis verbis zu eigenen früheren Inkarnationen geäußert, aber doch Wilhelm Raths Untersuchung* über das Verhältnis von Steiner und Thomas von Aquin kurz vor seinem Tod gelesen und mit den etwas galligen Worten gelobt „Wenn mehr solches in unserer Gesellschaft geschrieben würde, brauchte ich nicht krank zu sein.“* Die Bemerkung war zuerst gegenüber Ita Wegman gefallen und ist Rath dann sofort hinterbracht worden. Dass Rudolf Steiner damit auch zum Ausdruck brachte, dass er das anthroposophische Gesellschaftsexperiment als krank machend - und damit als nicht tragfähig - erachtete, kommt mit dieser Bemerkung ebenso zum Ausdruck wie der von Rath nahe gelegte karmische Zusammenhang zwischen Thomas von Aquin und Steiner.

Rath hatte alle Bemerkungen Rudolf Steiners - vor allem in Rahmen von dessen karmischen Betrachtungen - gesammelt und im Kontext untersucht. Steiner hatte z.B. intensiv über die scholastischen Denker in der Auseinandersetzung mit Averroes - den Vertreter eines „arabischen“ Aristotelismus gesprochen - intensiv auch im Ausdruck: „Ja, so konnte man sitzen in der damaligen Zeit und die Lehre von der individuellen Unsterblichkeit mit allen scharf einschneidenden Gedanken verteidigen, polemisch werden gegen Averroes (..) Da saß man und versuchte, den Individualismus zu begründen..“ Averroes hatte fünfzig Jahre vor von Aquin die Lehre von der universellen, einen Intelligenz für alle Menschen formuliert - eine Intelligenz, in die der Mensch nach dem Tod aufging, und die somit keinen persönlichen Charakter hatte. Die sehr lebendige Auseinandersetzung des 13. Jahrhunderts wurde von Rudolf Steiner wieder aufgenommen- so dass man insbesondere in der ausformulierten Reinkarnationslehre eine Fortsetzung des Thomismus sehen kann. Dass Steiner so viel über diese Zeit - über das Wirken der Zisterzienser und Dominikaner im Besonderen - berichtet hat, führt er auf eine Begegnung mit einem Zisterzienser- Ordenspriester zurück - Pater Wilhelm Neumann, Professor an der Theologischen Fakultät der Wiener Universität, mit dem er sich in den 1880er Jahren traf, und der Steiner ins Gesicht gesagt habe: Die Keime zu diesem Vortrage, den Sie heute uns gehalten haben, die liegen schon bei Thomas von Aquino!“ (Rath, S. 35) Diese Bemerkung muss Steiner so tief berührt haben, dass er 40 Jahre später berichtete, er hätte (ohne den Namen Neumanns zu erwähnen) damals etwas gesagt bekommen, „in dem gelegen war seine Erinnerung an ein Zusammensein von ihm mit mir in einem früheren Erdenleben“ (Rath. S. 41). Dies ist die einzige konkrete Situation, in der sich Rudolf Steiner öffentlich über sein persönliches Karma geäußert haben soll.

Betrachtet man die Fülle von Äußerungen Rudolf Steiners über Thomas, darf man sie doch - mit aller Vorsicht- wohl auch als Selbstbeschreibungen betrachten. So beschreibt Steiner von Aquins sicheres "Urteil und Überzeugung“, was daran gelegen habe, dass Thomas in seinem eigenen Astralleib „denjenigen des Christus einverwoben bekommen hatte“ - mithin dauerhaft inspiriert gewesen sei. (GA 109,71). Thomas habe auch noch von den Ursprüngen des Schicksals gewusst- das „gelenkt (sei) von den Sternenintelligenzen“ (GA 199, 244). Thomas habe „frei von Irrtum..göttliche Gedanken“ wahrnehmen können, nicht als Mystiker, sondern als denkender Scholastiker: „Auf diese Weise finden wir in Thomas aufs neue gedacht die vorschöpflichen göttlichen Gedanken, frei von Irrtum und Täuschung, wie sie nur gedacht werden konnten in einer Klosterzelle, weit entfernt von dem Lärm der Welt. Der Mensch der Welt beeilt sich zu verstehen, sich schnell eine Auffassung zu eigen zu machen und alles zu vereinfachen. Aber die Gottheit ist nicht so einfach! Mit Thomas von Aquino erhebt sich der menschliche Gedanke. Er ist nicht weniger Mystiker als Scholastiker. Er konnte nämlich solche Beschreibungen geben, weil er die geistigen Hierarchien sah, so wie sie der Seher Dionysius der Areopagite uns gegeben hat, und in seinen langen nächtlichen Meditationen vor dem Altar konnte er die schwersten Probleme lösen. So finden sich in ihm vereinigt der Mystiker und ein Denker so hell wie ein Diamant und nicht von den Sinnen beeinträchtigt.“ (GA 109, 71f)

Die unmittelbare Inspiration - im Denken, fern von jeglicher Mystik - Thomas von Aquins führt Rudolf Steiner auch noch in anderen Worten aus: „Man kann zum Beispiel bei Thomas von Aquino im 13. Jahrhundert nicht sagen, was in seinen Büchern steht, sei auf eine solche Art gewonnen, wie heute Begriffe und Vorstellungen gewonnen werden. Das wäre falsch vorgestellt. Sondern was in seinen Büchern steht, müssen Sie sich so vorstellen, dass ihn fortwährend ein Geist aus der Hierarchie der Angeloi dazu inspiriert, und dass er dasjenige niederschreibt, was aus dem Bewußtsein eines höheren Geistes kommt. Nur auf diese Weise kann man alles Entstehende, alles Werdende begreifen. Nur auf die Weise, dass man zuhört, geistig, wie das einen inspiriert oder Imaginationen spendet, kann man über Werden, über Entstehen reden.“ (GA 176, S. 319)

Steiner sieht Thomas klar in der Reihe der Denker der spirituellen Intelligenz („Man sieht in dem, was Thomas von Aquino und seine Schüler, was andere Scholastiker geltend machen, die irdische Ausprägung dessen, was dazumal Michael- Strömung war: Verwaltung der lichtvollen, der spirituellen Intelligenz“.GA 237, 114), und zwar als den Bedeutendsten dieser Denker: „Erst die Auffassung Thomas’ von Aquino, des bedeutendsten christlichen Denkers, sucht die aristotelischen Gedanken in einer tief gehenden Art in die christliche Ideenentwickelung so weit einzuweben, als es in der Zeit dieses Denkers möglich war.“ ( GA 6.34f)

Da Rudolf Steiner, wie oben ausgeführt, nach der Begegnung mit dem „besonders ausgezeichneten Menschen“ (Rath, 41) Pater Wilhelm Neumann nach eigenem Bekunden früh klar war, dass „er sich als ein Fortsetzer des Thomas von Aquino in der Gegenwart fühlen durfte“ (Rath, S. 35), mögen die Äußerungen Steiners über Thomas als Selbstbeschreibungen betrachtet werden dürfen, aber andererseits als Erklärung dafür dienen, dass er selbst auf Wilhelm Raths direkte Frage danach nie eindeutig geantwortet hat.

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*Quelle Wilhelm Rath, Rudolf Steiner und Thomas von Aquino, Basel 2010/ 2
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Die Entfaltung der Lotosblumen

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...Diese Befreiung gelingt schrittweise und ist spürbar in der Aktivierung der wesentlichen Chakren, vom Stirnbereich über den Kehlkopf, vom Herz bis hin zum Nabel. Mit der Aktivierung des Herzchakras beginnt das Erleben ungeteilter Aufmerksamkeit und existentiell strömender Energien. Die Loslösung von den Rückmeldungen der Körpergrenzen gelingt wohl erst ganz auf der Ebene der Nabelkraft. Erst dann kommen wir zur Erfahrung des "unberührbaren Wesens" oder der Reinheit des „Spiegels“: „Die Selbst- Natur ist wie ein klarer, glänzender Spiegel, der Bilder widerspiegelt. Wenn der Spiegel dies tut, leidet dadurch in irgendeiner Weise seine Klarheit? Nein, keineswegs. Leidet sie dann vielleicht, wenn keine Bilder widergespiegelt werden? Nein, keineswegs. Weshalb nicht? Weil die Verwendung des klaren Spiegels keinen Einwirkungen ausgesetzt ist und seine Spiegelfläche dadurch nie verdunkelt wird. Ob Bilder widergespiegelt werden oder nicht, ändert nichts an seiner Klarheit. Weshalb nicht? Weil dasjenige, das keinen Einwirkungen ausgesetzt ist, inmitten der Bedingtheiten keinen Wechsel kennt.“

Der Prozess der damit angedeuteten spirituellen Metamorphose vollzieht sich in mehreren um der Systematik willen einzeln dargestellten Schritten zur Entfaltung der Chakren, der in der Praxis aber durchaus diskontinuierlich verlaufen mag – manchmal auch chaotisch- und mit schmerzlichen Selbsteinsichten verbunden sein muss, wie später noch dargestellt werden soll.

Viele – vor allem junge Menschen- empfinden eine gewisse Loslösung im Bereich des Kopfes, sind sich aber nicht bewusst, dass es sich um eine beginnende innere Bewegung im Bereich des Stirnchakras handelt. Meist fließen die gewonnenen Möglichkeiten in soziale Tätigkeiten, in das Wahrnehmen und Entfalten kommunikativer und systemischer Prozesse. Es wird leichter, intuitiv festzustellen, in welche Richtung sich soziale Dynamiken entwickeln, ihnen zu folgen und sie formulierbar zu machen. Das Internet mit seinen Möglichkeiten zur permanenten Abstimmung, aber auch die wachsende Evaluationskultur in Wirtschaft, Politik und Bildung sind mögliche technische Grundlagen für das sich entwickelnde lebendige Denken im Rahmen sozialer Verantwortung. Nicht zuletzt beginnt an diesem Punkt auch eine Kultur der Selbst-Evaluation im Sinne von Supervision- einer Betrachtung persönlicher, intimer Entwicklungsschritte- im Spiegel des Teams, in dem sich der Einzelne befindet.

Wenn die Ausweitung auf das Kehlkopfchakra gelingt, wird diese frei schweifende Potentialität allmählich weiter konzentriert und fokussiert. An diesem Punkt kommt ein deutliches Willenselement in die Entwicklung hinein. Das meditative Leben vertieft sich, da nun auch eine Gerichtetheit der freien Kräfte möglich wird. Die erste echte Loslösung von Rückmeldungen der Körperlichkeit wird erlebbar, indem man sich in einem meditativen Strom mitgenommen fühlt; die bislang eher punktuelle Konzentration wird zuerst im Rahmen der meditativen Arbeit dauerhaft. Allmählich wird die Empfindung, am Rande dieses Kraftstroms zu leben, zunehmend den ganzen Alltag durchziehen und ständig als Hintergrund- Strömen bemerkbar sein. In schwierigen Situationen, in Konflikten oder in scheinbar ausweglosen Konstellationen lässt man etwas los, so dass ein Agieren aus der geistigen Präsenz heraus möglich wird. Die eigenen Intentionen stehen hinter der intuitiven Wahrnehmung des Willens aller Beteiligten zurück. Man kann aus „moralischer Phantasie“ heraus handeln- in konzentrierter Improvisation. ..

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Das Pfingsterleben in der Belebung des Geistselbst

Man kann sich der anthroposophischen Begrifflichkeit leider nur mit Mühen, einigem Studium und dem Versuch der aktiven inneren Nachvollziehbarkeit annähern. Im Zentrum mancher langwieriger Überlegungen steht vermutlich der Fachbegriff Bewusstseinsseele, der eben das typische und reife Bewusstsein der Menschheit heute über alle Grenzen hinweg beschreiben will. Er charakterisiert einen Zustand der Möglichkeit, von sich selbst weitgehend abzusehen und das eigene Leben sehr weitgehend analytisch anzusehen- alles, was an einem selbst Vergangenheitscharakter hat oder mechanisiert ist.
Dazu gehören biografische Abläufe, emotionale Gestimmtheiten, Bedürftigkeit, Anhaftungen, Neigungen, suchtartige Mechanismen, gedankliche Reflexe, typische Reaktionsmuster, Ängste usw. Die Verästelungen eines gesamten Ich- Konstruktes können einerseits nahezu objektiv mit psychologischem Rüstzeug betrachtet werden, ohne sie allerdings im Einzelnen auch beeinflussen und ändern zu können. Denn dieses Ich wird korrumpiert nicht nur durch die Wucht der emotionalen Reflexe, sondern auch durch die Mechanik der - ein weiterer Fachbegriff - Verstandesseele, die, in ihrer rationalen Ausprägung, stets den Vorteil in den Gegebenheiten sucht, stets im Dienst der Egoität einen Weg aus den ungelösten Dilemmata anstrebt. Daran muss nichts Falsches sein. Nur zu häufig führen die Leitung durch den Egoismus in einer globalisierten und vernetzten Gesellschaft zu allenfalls kurzfristigen Lösungen.

Gleichzeitig ist in der Qualität des Zeugen- des aktiven Betrachters der Bewusstseinsseele, der das Da- Seiende aktiv anschaut - eine Instanz vorhanden, die auch die raffiniertesten Winkelzüge der Egoität (die sich so häufig in Gutmenschentum kleidet) anschauen kann, die, wenn sie sich ihrer selbst gewahr wird, eine Position innehaben kann, die von einem rein menschlichen, über- individuellen Standpunkt aus auf das innere und äußere Drama zu schauen in der Lage ist. Wird diese Präsenz meditativ gestärkt - über das bloße Moralisieren, Besserwisser oder die Selbstverurteilung hinaus- entstehen zumindest zeitweilig innere Freiräume. Die gedankliche Vertiefung - etwa über die Arbeit an den Chakras- führt zu einer inneren Beweglichkeit, die durch die ausgehaltene Leere hindurch zur geistigen Empfänglichkeit führt, zu einer vollkommen befreiten Offenheit. An dieser Stelle kann das Geistselbst als eine Kraft im Menschen erwachen als geistige Präsenz ohne Verwicklung in die Mechanismen und Scheingefechte der Egoität. Es wird erfahren als reiner Wille - oder als eine gedankliche und emotionale Klarheit, die sich als Kraft auslebt- eine Präsenz, die zugleich über dieses eine irdische Leben hinaus verweist, ein Verstehen, das sich nicht als kurze gedankliche Intuition präsentiert, sondern bestehen bleibt.
In diesem Zusammenhang ist eine sonst rätselhaft bleibende Bemerkung Rudolf Steiners verständlich wie "Die Bewusstseinsseele ist mit der Verstandesseele selbstverständlich innerlich immer vermischt, aber das Geistselbst ist mit der Bewusstseinsseele verbunden nicht vermischt.“*

Das Geistselbst ist als aus sich selbst bestehende geistige Entität nicht korrumpiert, nicht mit den Winkelzügen der Egoität „vermischt“.

An diesem Punkt kann man verschiedene Wege der Betrachtung anschließen. Eine Spur der Betrachtung verfolgt die zunehmende Verselbstständigung und Veräusserlichung alles dessen, was mechanisch am menschlichen Intellekt und an der Emotionalität geworden ist und weiter wird- denn all dies ist zum digitalisierten Inhalt geworden. Das Wissen, Erinnerungen, emotionale Reflexe wandern in einer elektronischen Spiegelwelt aus dem menschlichen Inneren heraus in ein Netz und in Medien, die sich seinerseits verselbständigen und immer weiter entwickeln. Die Auswirkungen des digitalen Doppelgängers ziehen in jeden Winkel des Alltags hinein. Entscheidungen, die wie gedankliche Intuitionen, wie Verstehen aussehen, werden durch pure elektronische Rechenkraft simuliert. Der von sich selbst entkleidete Mensch wird immer mehr auf die Frage geworfen, was an ihm originär menschlich ist. Er, der noch immer im eigenen Drama gefangen ist, kann nur sein Verstehen vertiefen, muss sich seiner selbst als nicht- mechanisiertes Geistselbst bewusst werden, um nicht in den elektronischen Spiegelwelten als passiv bespaßtes Reaktionswesen unter zu gehen.

Eine andere Spur führt nach Rudolf Steiner auf die Entwicklung, die mit dem Pfingstgeschehen zusammen hängt. Denn es gibt in dem Drama, das zugleich die Geburt des autonomen Geistselbst hervor bringen kann, eine Parallelität zum Geschehen auf Golgatha. Die Verleiblichung des Christus in Jesus hatte eine Art kosmischer Vorbildfunktion für das heute im Menschen stattfindende Drama- das Christus- Wesen war ein kosmisches Geistselbst: "Es ist die Voraussetzung , daß man weiß, wie in der allgemeinen Menschheit das Geistselbst, Manas in die Bewusstseinsseele hineinkommt, um zu verstehen wie die Christus-Natur als ein besonderes kosmisches Geistselbst, Manas in die Bewusstseinsseelennatur des Jesus von Nazareth hineinkam. (..) Man kann das, was er sich als einen Begriff ausbildete, so fassen, wie wenn man heute sagte: Es findet keine Vermischung statt (..) zwischen dem Christus, entsprechend dem Manas, und dem Jesus, entsprechend der Bewußtseinsseele und allem, was an niederen Wesensgliedern dazugehört, keine Vermischung, sondern nur eine Verbindung.“* Diese Reinheit der Einweihung ist das Urbild für das, was heute auf menschlicher Ebene in der Erlangung der wirklich menschlichen Würde in der Selbstgewahrwerdung als Geistselbst möglich ist.
Das Christusgeschehen seinerseits hatte Ähnlichkeit mit dem menschlichen Drama, ohnmächtig auf sich als Egoität zu schauen, denn das göttliche Ich ging durch eben dieses Drama selbst hindurch im "Augenblick der höchsten göttlichen Ohnmacht, um jenen Impuls zu gebären, den wir dann als den Christus-Impuls in der weiteren Evolution der Menschheit kennen.“**

Die Erfahrung des Geistselbst heute hat aber noch eine andere, bislang nicht genannte Dimension. Das innere meditative Leben, das auch mit der Imagination des menschlichen Ideals einher geht, erlaubt ja nicht nur den nüchternen und befreiten Blick auf die eigene Gebrochenheit, sondern auch den auf das Mühen und Ringen der Mitmenschen. Die eigenen Rechtfertigungswälle, der andauernde Reflex, das Ego zu stabilisieren und zu verteidigen, bestehen nicht mehr. So ist man in der Lage der Jünger Christi zu Pfingsten: "Dennoch trat der Zeitpunkt ein, wo es den Aposteln so vorkam, als ob sie eine lange, tagelang dauernde Zeit verlebt hätten wie in einem traumerfüllten Schlafe, aus dem sie nun mit diesem Pfingstereignis erwachten. Schon dieses Erwachen fühlten sie, wie wenn aus dem Weltenall niedergestiegen wäre auf sie etwas, was man nur nennen könnte die Substanz der allwaltenden Liebe. Und den anderen Menschen, die sie beobachten konnten, wie sie nun sprachen, kamen sie ganz fremdartig vor. Jetzt kamen sie den Leuten wie verwandelt vor: wie Menschen, die in der Tat erlangt hatten eine ganz neue Verfassung, eine ganz neue Stimmung der Seele, wie Menschen, die alle Engigkeit des Lebens, alle Eigensüchtigkeit des Lebens verloren hatten, die ein unendlich weites Herz, eine umfassende Toleranz im Inneren gewonnen hatten, ein tiefes Herzensverständnis für alles, was menschlich auf der Erde ist, die sich so ausdrücken konnten, daß jeder, der da war, sie verstand. Man empfand gleichsam, daß sie in eines jeden Herz und Seele schauen konnten und aus dem tiefsten Inneren heraus Geheimnisse der Seele errieten, so daß sie einen jeden trösten konnten, dasjenige sagen konnten, was er gerade brauchte.“***



*Rudolf Steiner, 165, Seite 212f
**Rudolf Steiner, 148, Seite 54
***Rudolf Steiner, 148, Seite 23ff
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Hans Büchenbacher- Wo der Hammer hängt

buechenbacher
Ansgar Martins zeigt in „Hans Büchenbacher. Erinnerungen 1933- 1949“*, wo der Hammer hängt, nämlich wie man heute ein anthroposophisches Sachbuch schreibt. Es geht um methodische Vielfalt, um Kontextualisierung, vor allem gelungen durch einen die historischen Erinnerungen begleitenden Text in Form von Anmerkungen, in denen nicht nur Textvarianten, Erklärungen von Orten, Worten, Umständen einfließen, sondern auch biografische Kurzabrisse aller im Text auftretenden Personen- und das sind eine Menge, das Who is Who der Anthroposophischen Gesellschaft. Martins schafft so einen Hypertext, der, gut lesbar, die eigentlichen Erinnerungen Büchenbachers, des esoterischen Schülers von Rudolf Steiners, führenden professionellen Vortragsredner in Sachen Anthroposophie, der in den Vorständen von Stuttgart und Dornach ein und aus ging, des Netzwerkers und Organisators, begleitet. Diesem Text folgt eine umfängliche Biografie Büchenbachers von Ansgar Martins, Anmerkungen zur politischen Orientierung der frühen Anthroposophie und Ausführungen zu den „politischen Sünden“ der Dornacher in Bezug auf den Nationalsozialismus. Weitere Anmerkungen und Dokumente ergänzen den umfangreichen Band.

Man muss dazu wissen, dass der prominente Hans Büchenbacher aus nationalsozialistischer Sicht als „Halbjude“ einzustufen war und bereits 1933 erfahren musste, dass seine und die Positionierung des damaligen deutschen Vorstands, „keine unanthroposophischen Kompromisse“ mit dem Nationalsozialismus einzugehen, ja, die Gesellschaft lieber „freiwillig“ zu schließen, vom Dornacher Vorstand nicht im geringsten geteilt wurde. Ganz im Gegenteil. Günther Wachsmuth und Marie Steiner galten als pronazistisch, Albert Steffen hielt sich in der Öffentlichkeit (nicht in seinen Tagebüchern) heraus. Marie Steiner protegierte den psychisch kranken, absolut nationalsozialistisch positionierten Roman Boos, und bezeichnete die Vorgänge in Deutschland mit „es ist offenbar dort alles in bester Ruhe und Ordnung.“

Es ging dabei nicht nur um politische Bewertungen- es ging auch die Sorge vor einem Wegbruch der Gelder der mitgliederstarken deutschen Anthroposophenschaft im Falle eines Verbotes. So sollte es ja auch kommen. Statt in irgend einer Weise Flagge zu zeigen gegenüber der immer mächtiger werdenden Gewaltherrschaft entfernte die Anthroposophische Gesellschaft lieber in vorauseilendem Gehorsam die jüdischen und „halbjüdischen“ Mitglieder aus ihren Reihen und Gremien. Bereits 1934 erfuhr auch Büchenbacher von diesem Ansinnen- man verlangte selbstverständlich von ihm, „ganz freiwillig“ aus dem deutschen Vorstand auszutreten. Marie Steiner beeilte sich, Büchenbacher umgehend schnellstens seine Wohnung im Zweighaus zu kündigen. Wachsmuth hatte sich ja bereits 1933 öffentlich zu seiner Sympathie gegenüber allem, „was z Zt. in Deutschland geschieht“ bekannt und versuchte zu verhindern, dass sich jüdische Mitglieder in Dornach einzuschreiben gedachten: „er könne doch nicht am Goetheanum einen Judenstall haben“. Trotz dieser Umstände blieb Hand Büchenbacher als Vortragsredner sehr aktiv. Von der international, dezentral orientierten Ita Wegman hielt Büchenbacher übrigens gar nichts- er unterstützte trotz aller Fragwürdigkeit Marie Steiner darin, Wegman endgültig kalt zu stellen.

Nach dem Verbot der Anthroposophischen Gesellschaft 1935 zog Hans Büchenbacher nach Arlesheim bei Dornach, was ihm den, wie er später sagte, „Verrat der anthroposophischen Sache an den Nazismus“ so nahe vor Augen führte, dass er das Angebot, 1946 in den Dornacher Vorstand einzutreten, ablehnte.

Ansgar Martins umfassende Untersuchung, auf die noch an vielen Stellen eingegangen werden kann und wird, stellt einen wesentlichen Baustein, ja einen Meilenstein zur Aufarbeitung der anthroposophischen Historie dar. Die fundierten Materialien ermöglichen eine weiter gehende Forschung. Selbst die schweren internen Konflikte - etwa zwischen den Fraktionen, für die Marie Steiner und Ita Wegmann standen, erhalten eine ganz andere, nämlich politische und wirtschaftliche Dimension. Man stelle sich eine engagierte, mutige Gesellschaft vor, die sich 1933 für ihre jüdischen Mitglieder eingesetzt und sich gegen Faschismus positioniert hätte, um sich strukturell dezentral und global aufzustellen! Man stelle sich vor, die Impulse seien von Dunlop, Büchenbacher und Wegman ausgegangen! Die Anthroposophische Gesellschaft hat diese Chance leider restlos verpasst, hat Zweifel an ihrer humanitären, esoterischen und politischen Integrität genährt, und sich der vielen initiativen Menschen durch Ausschluss entledigt, um weiter im eigenen trüben Saft zu schmoren.

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*Ansgar Martins: Hans Büchenbacher. Erinnerungen 1933-1949. Zugleich eine Studie zur Geschichte der Anthroposophie im Nationalsozialismus, Mayer Info3, Frankfurt 2014
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Die Mysterien von Stier, Löwe und Adler

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In alten Mysterien sind die genannten Tiere als Symbole für Lebenskräfte, schaffende Lebensmächte verehrt worden, von Ishtar über die Isis- Kulte bis hin zu Zeus, wie Maria Röschl-Lehrs* ausführte: „Wir sehen, wie da in den ältesten Kulturperioden der Stier, die Kuh, als Leben tragende Macht besonders verehrungswürdig war. An vielen Mythen und einzelnen Zügen uralter Menschheitsdokumente, auch der altpersischen Zeit, könnte man dies nachweisen. Noch in der 3. Periode wird die Isis mit Kuhhörnern abgebildet. Und in etwas späterer Zeit sehen wir am babylonischen Ischtar- Tor und auch in der übrigen assyrisch- babylonischen Kunst den Löwen vorherrschen. Der Löwen- bespannte Wagen der Göttermutter spielt bis nach Kleinasien herein im Kulte eine große Rolle. Und diese asiatische Priesterkultur wird abgelöst von den denkenden, listengewandten Königen der kriegerischen Griechen,die Zeus als König der Götter und Menschen verehrten. Des Zeus Vogel ist der Adler, das Symbolum des neuen Weltregenten, der selber Repräsentant ist der plastizierenden Weisheit der Haupteskräfte in ihrer kosmischen Wirkensgröße.“ (S. 110)

Es fand also eine gewisse Entwicklung statt von vegetativ- natürlich und kosmischen Kräften des Stiers über die Sonnen- verehrenden Löwenkulte bis hin zur Kultivierung von Kräften, die auch mit dem selbständigen Denken zusammen hingen. Die in den frühen Kulten verehrten kosmisch- göttlichen Kräfte haben aber, wie uns heute bewusst ist, auch ihre Entsprechung im Menschen. Die Stierkräfte im Menschen hängen vor allem mit dem Stoffwechsel, Verdauung, Fortpflanzung zusammen und sind in den Aspekten des Wirkens völlig unbewusst. Die Komplexität des Verdauungsvorgangs wird erst heute, durch die Forschung der letzten Jahre, mehr und mehr bewusst. Es ist ein „intelligenter“ Prozess, der Wahrnehmungsanteile unter der Schwelle des Bewusstseins hat, aber derartig umfänglich in Kommunikation mit den Stoffen der Außenwelt interagiert, dass man z.B. in Bezug auf den Darm auch von einem „zweiten Hirn“** spricht. Auf dieser Ebene agiert ein biologisch- vegetatives Selbst, das unabhängig von unseren bewussten Gedanken ist, etwa eine eigene bakterielle Welt umfangreichster Art unterhält, und das einen Großteil unseres existentiellen „Willens“ ausmacht. Die Löwe- Sonne- Kräfte schaute Rudolf Steiner im Menschen mit auch zum großen Teil unbewusst aufflammenden Empfindungen zusammen- vegetativ mit Herz- und Lungenbereich. Auch hier findet eine ständige Kommunikation mit der umgebenden Welt durch die Atmung und die Aufnahme des Sauerstoffs statt. Die „Löwenkräfte unserer Physis“ (R-L, S. 37) sind die mittleren und vermittelnden „Kräfte des Physisch- Ätherischen“. Im Bild des Adlers schließlich werden die Kräfte erfasst, die an der Bildung des gesamten nervösen Systems beteiligt sind, wodurch im Spiegelprozess am Gehirn das physische Bewusstsein erwachen kann - der erste Schritt der Selbstgewahrwerdung des Menschen.

In den alten Mysterien schwangen sich auserwählte Menschen in besonderen Situationen, geführt und behütet durch Priester, in diese Kraftwirkungen hinein, die sowohl im menschlichen Körper, als auch in der gesamten umgebenden Natur tätig sind. Askese, völliger sozialer Rückzug, Vorbereitung von Kindesbeinen an, Hilfestellung durch ekstatische Erlebnisse und spezifische Drogen, mögen mit zu diesem Ausnahmezustand geführt haben.

Heute ist der Pol des Adlers in uns potentiell so weit verselbständigt, dass die früher nur in der ekstatischen Vereinigung mit Naturkräften mögliche Bewusstwerdung auch im Alltag möglich wird. Das Denken kann sich so weit verselbständigen und kräftigen, dass es in reiner Improvisation, aber zugleich im hohen Grad fokussiert das geistige Pendant der Stier-, Löwen- und Adlerkräfte erfahren kann. Es wird dies auch nicht zu einem Rückzug, zu exotischen Haltungen oder esoterischer Sonderbehandlung führen- ganz im Gegenteil, die zunehmende existentielle Verletzung des Menschen in seiner tiefen inneren Widersprüchlichkeit in seinem Denken, Fühlen und Wollen kann nur durch ein solches Bewusstwerden harmonisert werden. Sich verhärtende Gefühle, Seltsamwerden im Denken und Willensimpulse, die der Mensch an sich beobachtet und selbst nicht versteht- das ist heute die Lage. Zunehmend ist kaum jemand nicht merkwürdig- und die Entgleisungen werden selbstzerstörerisch, suchtartig und antisozial. „In den Menschen, der sich geistig geschult und sein Wesen auf eine bestimmte höhere Stufe der Vollendung gebracht hat, wird - wie Rudolf Steiner es im Jugendkurs ausdrückt - reines Denken zu reinem Wollen. Die zerstörenden Gegensätze werden eben da aufgehoben.“ (S. 119)

Der Prozess der fortschreitenden Selbstgewahrwerdung ist in erster Linie heute ein Loslösen, ein Selbständigwerden von den physischen Prozessen: „Durch richtig fortgeschrittene Schulung kann die Fähigkeit erlangt werden, dass der Mensch sich - nicht im Schlafe, sondern aus dem wachen Tagesbewusstsein heraus- willentlich in eine innere Haltung versetzt, durch die der Ätherleib sich löst.“ (R-L, S. 51) Das „Bestehen“, ohne assoziativ, erinnernd oder grübelnd an etwas Vergangenes anzustossen, führt auch zu einem „leibfreien Miterleben mit dem Seelischen der ganzen Umgebung“ (R-L, S. 50)- sowohl, was das komplexe Innenerleben anderer Menschen, als auch, was natürliche Prozesse in Jahreszeiten, Pflanzenwachstum und Auswirkungen kosmischer Prozesse auf die Lebenskräfte betrifft. Nicht selten kommt es dabei zu einer biografischen Krise, zu einer Neuorientierung, ja, zu einer moralischen Wiedergeburt. An dieser „Schwelle“ kann es zu einer Wahrnehmung der Kräfte kommen, die die Leiblichkeit tragen - eben von Stier-, Löwen- und Adlerkräften. Aber der „zweite“, sich rein geistig erfahrende Mensch kann sich nach und nach auch in der Dynamik seiner selbständigen Existenz erleben. Dabei senkt sich sein bewusster Pol (Adler) in die existentiell- natürlichen Stierkräfte hinein, während seine Willenskräfte (Stier) das Denken entfachen und verlebendigen. Während die Chakren von der Lotosblüte an der Stirn nach unten hin in eine erste Bewegung geraten, dabei innere freie Räume gestalten, beginnt sich der geistige Mensch - die Entität - in derselben Richtung zu formen - aber in umgekehrter Gestalt im Vergleich zum physischen Menschen. Die transformierten, freien, nicht mehr körperlich gebundenen Lebenskräfte entfalten sich, als Stier den Adler belebend (reines Denken), als Adler die unbewussten Stierkräfte verständig gestaltend (reiner, empfangender Wille). Was aber geschieht, wenn mittlere Löwenkräfte auf den physisch gebundenen Löwen stoßen- wenn das „Herzdenken“ erwacht?

Röschl- Lehrs zieht zur Illustration eine Legende der mittelalterlichen Rosenkreuzer heran: „In alten Darstellungen namentlich der rosenkreuzerischen Alchemisten sehen wir daher den Leu - als den Repräsentanten des mittleren Menschen- auch in zweifacher Gestalt auftreten, oft in zwei Farben; es wird vom roten und vom grünen Leu gesprochen. Auch finden beide sich so dargestellt, dass der eine Löwe den anderen verschlingt. Das will sagen: so muss die irdische Kraft der Mitte sich verschlingen lassen von der anderen, der des zweiten Menschen. Dann wird menschliches Fühlen zu kosmischem Fühlen, es wird vom Weltenfühlen abgelöst: es weitet sich über die Grenzen der egoistisch engen Persönlichkeit. (…) Nicht Polarität, sondern Steigerung wirkt auf einem solchen Wege.“ (S. 120)

Das ist die Alchemie des Ich; das Aufflammen der alten Mysterienweisheit im zeitgenössischen Individuum.


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*Maria Röschl-Lehrs: Vom zweiten Menschen in uns, Dornach 1972
** „Wer bestimmt, ob ein Mensch gute oder schlechte Laune hat und wie er sich verhält? Sein Bewusstsein oder Milliarden von Bakterien in seinem Bauch? Was weiß die Forschung über den Magen-Darm-Trakt, der voller Neuronen ist und ein eigenständiges Nervensystem bildet? Vor einigen Jahren entdeckten die Forscher, dass Magen und Darm des Menschen rund 200 Millionen Nervenzellen enthalten. Nur allmählich gelingt es, den ständigen Dialog zwischen den beiden Steuerzentralen Bauch und Kopf zu entziffern.“ Link ARTE
Foto Michael Eggert; Museumsinsel Berlin
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Julie Klimas Erinnerungen an Rudolf Steiner

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Julie Klimas Erinnerungen an Rudolf Steiner umfassen etwa 30 Seiten, stammen aus dem Jahre 1928, und finden sich als Anhang in Ludwig Polzer- Hoditz „Erinnerungen an Rudolf Steiner“. Klima stammte aus Prag. Sie hat Rudolf Steiner meist dort vor Ort getroffen- durch ihren Ehemann („mein teurer, verewigter Gatte“), der mit Steiner dienstlich zu tun hatte und selbst eigentlich keinen oder nur spät einen Zugang zu ihm fand. Rudolff Steiner äußerte in Bezug auf ihn: „Die sind mir die liebsten, die so schwer herankommen.“ Für die „ganz klerikal“ erzogene, später völlig atheistische, auch in ihrer Ehe recht unglückliche Julie war Steiner von der ersten Begegnung an der „Meister“- sie nannte ihn nie anders, und empfand überhaupt mit einer Unmittelbarkeit und Stärke, die in ihrer Schilderung berührt. Julies Unglück bestand in ihrem Umzug ins fremde Prag, in ihren Schwierigkeiten mit ihrer Tochter, und später in der chronischen Untreue ihres Mannes. Als sie nach einem ersten Vortrag Rudolf Steiners einen Augenblick mit diesem allein ist, erkennt -empfindet- sie sofort dessen Größe: „Ich wusste damals noch nichts von Hellsichtigkeit. In einem Moment aber, da wusste ich, dass er alles wisse, was in mir vorgeht. Eine tiefe Scham überkam mich. Kein Wort brachte ich über meine Lippen, ich hatte nur das Gefühl, in den Boden versinken zu wollen. Ich floh von dannen wie eine Geächtete.“

Nach diesem bodenlosen Erlebnis beginnt sie konsequent an sich zu arbeiten, um Steiner ein Jahr später wieder unter die Augen treten zu können: „Aber diesmal hielt ich den Blick bereits aus.“ Mehrmals fragt Rudolf Steiner sie, wie es ihr gehe. Wieder schleicht sie davon. Aber diese Scham ist etwas, was sie, die Atheistin, in Steiners Vortrag innerlich beschwingt und belebt: „Ich sah die Aura des Meisters.“ Später tritt Steiner auf sie zu, reicht ihr die Hand und drückt seine Freude über die Begegnung aus. Von nun an bis zu Steiners Tod besteht diese Beziehung in immer neuen Begegnungen.

Die anfängliche Scheu gegenüber dem „Meister“ schwingt bald um in ein sehr vertrautes Verhältnis. Julie bespricht ihre intimsten Probleme mit ihm, erhält aber auch persönliche Meditationsanweisungen. Als die jahrelange Affäre ihres Mannes mit einer anderen Frau offenbar wird, die zudem wohl schwierig im Sinne eines Borderline- Syndroms war, rät ihr Steiner, sich mit dieser Frau anzufreunden. Julie Klima befolgt nicht nur diesen Rat, sondern lässt diese Frau bei der Familie einziehen. Es folgt ein jahrelanges Psychodrama bis zum Tod des Mannes, das Steiner immer wieder beratend begleitet. Julie wird zur ersten Anlaufstation für die Familie Steiner, Polzer-Hoditz und Andere in Prag: „Es war die schönste Zeit meines Lebens.“ Steiner dient in vielerlei Hinsicht als Familientherapeut: „Ihr Fall ist eine Tragödie. Aber wollen Sie denn keine Tragödie erleben? Nur banale Menschen erleben keine Tragödien.“

Einen besonderen Höhepunkt erreicht die Beziehung zwischen Julie Klima und Steiner bei einem langen Ausflug zur Burg Karlstein 1918. Steiner war bester Laune, zeigte aber auch schon mal Differenzen im Verhältnis zu seiner Frau Marie: „Renommieren Sie schon wieder?“ In der Kapelle von Karl IV. empfand Julie „plötzlich ein wunderbares Seligkeitsgefühl in der Nähe des Meisters“- sie zieht sich wie alle anderen dezent und sensibel zurück. Steiner bestätigt später im Anblick der Fresken, dass darin die Chymische Hochzeit des Christian Rosenkreutz dargestellt werde.

Julie Klima gehörte zu denen, die mit Steiner innerlich mitgingen, ihm Freundin und Begleiterin war. Es gab diese sehr persönliche Ebene, für die sie sich, als er kränker wurde, auch schämte, aber auch eine Ebene des Erkennens und Anerkennens, die ihre Darstellung so einzigartig macht. Sie war Steiner zu wichtigen Zeitpunkten eine treue und innerlich tief mitempfindende Freundin. Man spürt das bei ihr in jeder Zeile.
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Claudia Beckmann: Tropischer und siderischer Tierkreis als Grundlagen anthroposophischer Astrologiebetrachtung

Die Reinkarnationsforschung auf astrologischem Hintergrund (auch im Sinne eines Ausschlussverfahrens) ist spannend. So habe ich mich gleich mit den Darstellungen von Holenstein zu Jacques de Molay beschäftigt. Allerdings macht sich Holenstein mit den Daten des sog. tropischen Tierkreises ans Werk. Das sind Konstellationen, die aufgrund der Progression der Sonne durch den Tierkreis in der realen Erscheinung nicht vorhanden sind. Der Frühlingspunkt schreitet bekanntermaßen in 72 Jahren etwa 1° rückwärts durch den Tierkreis. Wenn er also ein Tierkreiszeichen von 30 ° durchläuft, dauert das 30 x 72 Jahre = 2160 Jahre. Und das die 12 Tierkreiszeichen: 12 x 2160 Jahre = 25920 Jahre. Das ist ein platonisches Weltenjahr.

Und ganz praktisch leuchtet Jupiter 2013/2014 in den Zwillingen, was derzeit seit Monaten am Nachthimmel wunderschön klar und eindrücklich zu sehen und zu erleben ist. Laut tropischem Tierkreis befindet er sich heute am 9. März 2014 10°27 im Krebs, was nirgendwo am real existierenden Himmel zu sehen ist. Sollte eine Wirkung des Mondes und der Planeten auf die Seele und den Geist des Menschen möglich sein, doch nicht nach einer Konstellation, die ich nur auf dem PC berechnen kann! Selbst der Flüssigkeitshaushalt meines Körpers untersteht dem Wandel des Mondes, ebenso wie die Gezeiten des Meeres.

Die Aussage Steiners, dass Todes- und neues Geburtshoroskop miteinander zu tun haben, ist mir sehr wohl bekannt. Es gibt von Steiner auch die Angabe, dass der Mensch im Augenblick seiner Geburt im Haupt ein Abbild des Kosmos tragen würde, das für sein Leben erhalten bleibt. Nur der Christus trage jeden Augenblick den Kosmos, so wie er in der aktuellen Stunde, im Hier und Jetzt erscheint, in sich; Er ist ja der kosmische Geist:

Wenn das hellseherische Bewusstsein einen Menschen betrachtet, so kann es an seiner Organisation wahrnehmen, wie diese tatsächlich ein Ergebnis des Zusammenwirkens von kosmischen Kräften ist. Dies soll nun in hypothetischer, aber völlig den hellseherischen Wahrnehmungen entsprechender Form veranschaulicht werden. Wenn man das physische Gehirn eines Menschen herausnehmen und es hellseherisch untersuchen würde, wie es konstruiert ist, so dass man sehen würde, wie gewisse Teile an bestimmten Stellen sitzen und Fortsätze aussenden, so würde man finden, dass das Gehirn bei jedem Menschen anders ist. Nicht zwei Menschen haben ein gleiches Gehirn. Aber man denke sich nun, man könnte dieses Gehirn mit seiner ganzen Struktur photographieren, so dass man eine Art Halbkugel hätte und alle Einzelheiten daran sichtbar wären, so gäbe dies für jeden Menschen ein anderes Bild.

Und wenn man das Gehirn eines Menschen photographierte in dem Moment, in dem er geboren wird, und dann auch den Himmelsraum photographierte, der genau über dem Geburtsort dieses Menschen liegt, so zeigte dieses Bild ganz dasselbe wie das menschliche Gehirn. Wie in diesem gewisse Teile angeordnet sind, so in dem Himmelsbilde die Sterne. Der Mensch hat in sich ein Bild des Himmelsraumes, und zwar jeder ein anderes Bild, je nachdem er da oder dort, in dieser oder jener Zeit geboren ist. Das ist ein Hinweis darauf, dass der Mensch heraus geboren ist aus der ganzen Wel
t.“ (Rudolf Steiner, GA 15 – Die geistige Führung der Menschen und der Menschheit, Dritter Vortrag, S. 73)

Ich habe daher nie verstanden, wie auch der anthroposophische Arzt Dr. med. Heinz Herbert Schöffler tropische Daten benutzt. Nun stoße ich erneut auf solch intensive Bemühungen mit Holensteins Arbeit, die für mich nicht mehr nachvollziehbar sind.

Auf den siderischen Tierkreis bin ich vor etlichen Jahren durch die Arbeiten von Robert Powell gestoßen. Mir erschien Powells Forschung sehr schlüssig und ich musste mich wohl oder übel vom tropischen Rechnen verabschieden mit der Schwierigkeit, dass es eben nur wenige Menschen gibt, die sich auf diesem Sektor betätigen.

Nun ja, du weißt ja auch sehr wohl, dass in der 6. Klasse eine Sternenkunde-Epoche angesagt ist und Steiner sich explizit wünschte, man möge vom Ort aus, wo man sich befindet, zum Nachthimmel blicken. Wie sollte ich Schülern klar machen, dass momentan Jupiter nicht in den Zwillingen wirkt?

Es kann wohl nur nützlich sein, wenn man um die tatsächlichen Zusammenhänge des Mikrokosmos mit dem großen Kosmos weiß. Und eben auch zur Kenntnis nimmt, dass der tropische Tierkreis nicht mit dem real existierenden Sternenhimmel rechnet. Im siderischen und tropischen Tierkreis bleiben die Winkelbildungen der Planeten untereinander und zu dem Häusersystem gleich. Der Tierkreis aber ist um etwa zwei Drittel eines Zeichens verschieden. Damit befinden wir uns gegenwärtig auch noch lange nicht im Wassermannzeitalter, wie allenthalben verkündet wird, sondern immer noch in den Fischen. Rudolf Steiner setzte den Beginn des Fische-Zeitalters auf 1413.

Zu Steiners Zeiten hat Elisabeth Vreede, Leiterin der mathematisch-astronomischen Sektion am Goetheanum, intensiv über die Sache mit den Sternen nachgedacht (1. Auflage 1954 von „Astronomie und Anthroposophie“), dann war da noch Willi Sucher (ich glaube, er war Vreedes Schüler) und schließlich erschien 2007 ein sehr empfehlenswertes Buch im Verlag am Goetheanum von Leo de la Houssaye „Auf dem Wege zu einer neuen Sternenweisheit“, das er Willi Sucher gewidmet hat. Es ist auch für einen „durchschnittlich sternbegabten“ Menschen gut und flüssig zu lesen. Wenn man sich mal darauf einlassen konnte, kann man die für mein Ohr oft ziemlich verdrehten Begründungen des Weltbildes der Vertreter des tropischen Tierkreises nicht mehr akzeptieren. – Aber es ist vielleicht für einen Astrologen, der nach dem tropischen Tierkreis seine Horoskope erstellt hat und sich- und meist auch seine Mitmenschen- auf seine Interpretationen eingeschworen hat, wohl auch ziemlich peinlich, zu der Erkenntnis kommen zu müssen, dass all das, was so schön gepasst hat, doch stark von der persönlichen Wahrnehmung der Umstände und nicht von den Sternen her interpretiert worden war. Man schmeißt einiges über Bord und startet neu.

Zum Schluss noch ein Beispiel Rudolf Steiners zum Zusammenhang von Sternenkonstellationen und dem Wirken Christi:

"Während Jesus von Nazareth als Christus Jesus in den letzten drei Jahren seines Lebens vom dreißigsten bis zum dreiunddreißigsten Jahre in Palästina auf der Erde wandelte, wirkte fortwährend die ganze kosmische Christus- Wesenheit in ihn herein. Immer stand der Christus unter dem Einfluss des ganzen Kosmos, er machte keinen Schritt, ohne dass die kosmischen Kräfte in ihn herein wirkten. Was hier bei dem Jesus von Nazareth sich abspielte, war ein fortwährendes Verwirklichen des Horoskopes; denn in jedem Moment geschah das, was sonst nur bei der Geburt des Menschen geschieht. Das konnte nur dadurch so sein, dass der ganze Leib des nathanischen Jesus beeinflussbar geblieben war gegenüber der Gesamtheit der unsere Erde lenkenden Kräfte der kosmisch-geistigen Hierarchien. Wenn
so der ganze Geist des Kosmos in den Christus Jesus herein wirkte, wer ging dann zum Beispiel nach Kapernaum oder sonstwo hin? Was da als ein Wesen auf der Erde wandelte, das sah allerdings wie ein anderer Mensch aus. Die wirksamen Kräfte darin aber waren die kosmischen Kräfte, die von Sonne und Sternen kamen; sie dirigierten den Leib. Und je nach der Gesamtwesenheit der Welt, mit welcher die Erde zusammenhängt, geschah das, was der Christus Jesus tat. Daher ist so oft die Sternkonstellation für die Taten des Christus Jesus in den Evangelien leise angedeutet. Man lese im Johannes-Evangelium, wie der Christus seine ersten Jünger findet. Da wird angegeben: «Es war aber um die zehnte Stunde»; weil der Geist des ganzen Kosmos in Gemäßheit der Zeitverhältnisse sich in dieser Tatsache zum Ausdruck brachte. Solche Andeutungen sind an andern Evangelien-Stellen weniger deutlich; wer aber die Evangelien lesen kann, der findet sie überall.

Von diesem Gesichtspunkte aus sind zum Beispiel die Wunder der Krankenheilungen zu beurteilen. Man fasse nur eine Stelle ins Auge, diejenige, wo es heißt: «Als die Sonne untergegangen war, da brachten sie zu ihm die Kranken, und er heilte sie.» Was heißt das?

Da macht der Evangelist darauf aufmerksam, daß diese Heilung mit der ganzen Sternkonstellation zusammenhing, dass eine solche Weltenkonstellation vorhanden war in der entsprechenden Zeit, die nur hat herbeigeführt werden können, als die Sonne untergegangen war. Gemeint ist, daß in dieser Zeit die entsprechenden Heilkräfte sich offenbaren konnten nach Sonnenuntergang. Der Christus Jesus wird als der Mittler dargestellt, welcher den Kranken mit den Kräften des Kosmos zusammenbringt, die gerade zu jener Zeit heilend wirken konnten. Diese Kräfte waren dieselben, die als Christus in Jesus wirkten. Durch Christi Gegenwart geschah die Heilung, weil infolge derselben der Kranke den ihn heilenden Kräften des Kosmos ausgesetzt wurde, die nur unter den betreffenden Raumes- und Zeitverhältnissen so wirken konnten, wie sie wirkten. Die Kräfte des Kosmos wirkten durch ihren Repräsentanten, den Christus, auf den Kranken
.“ (dito, S. 76-78)
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Die vielen Reinkarnationen des Jakob von Molay

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Das Thema Templer, deren Impuls, die Gegenkräfte und Vernichtung faszinieren viele Menschen bis heute. So ist es nicht erstaunlich, dass eine anthroposophische (australische) Autorin, Adriana Koulias, Bestsellererfolge mit typisch anthroposophischen Themen im englischsprachigen Raum feiert, auch und gerade mit einem an Aussagen Rudolf Steiners angelehnten, aber gut und sorgfältig recherchierten Templerroman The Seal:

„It is the year 1307, and the ancient Order of the Knights of Christ and the Temple of Solomon is in danger. The King of France and Pope Clement V are scheming to appropriate the most sacred and dangerous of all secrets held by the Order – a secret encrypted on the ring seal of Jacques de Molay, the Templar Grand Master.
To save the Order, Jacques must entrust the ring to one man, a man unknown to history, a man whose task will be to take the seal through a world in ruins and out to the farthest edges of Europe. The man in question becomes embroiled in a Machiavellian world of spies, traps, the Inquisition and outward enemies, only finally to come face to face with the most cunning and terrible foe of all: the enemy that hides within.

So who is this man? And what is the secret he carries? Nearly 700 years later, the answer comes by way of a writer who arrives at Lockenhaus Castle to research a book on the Templars. Together the writer and an old local woman unlock the secret of the seal and come to understand the entangled destiny that binds them.“

In der Tat, die Frage, wer dieser Jaques von Molay war, beschäftigt auch Historiker bis heute. Der unvermeidliche Alain Demurger - insbesondere in seiner etwas chaotischen Monografie „Der letzte Templer“, in der er sich ohne Linie und Entscheidung für alle Darstellungen de Molays entscheidet- d.h. auch für die Interpretationen, die widersprüchlicher nicht sein könnten. So wird der Kämpfer aus Akkord, über dessen Vorgeschichte so gut wie nichts bekannt ist, zum wankelmütigen und charakterschwachen Opfer von Kirche und französischem König, dem die dominikanischen Folterspezialisten sieben Jahre lang buchstäblich die Haut vom Körper ziehen. Ob es ein Triumph dieses Buches ist, dass es „einen "glänzenden" Beweis dafür (liefert), dass die Geschichte des Templer-Ordens auch ohne esoterisch-mystische Ausschmückungen "packend genug" sein kann“. sei dahin gestellt. Mir erscheint der Historiker Demurger eher im Salat zu stochern. Dennoch konstatiert das Buch die vorliegenden (spurlosen und gegensätzlichen) Fakten, „durchleuchtet zugleich das feingewobene Interessengeflecht, das die Handlungen seiner Gegenspieler - des französischen Königs Philipp des Schönen und des Papstes Clemens V. - bestimmte. Als der letzte Großmeister erkannt hatte, dass der habgierige König den Orden wegen seiner Macht und seines Reichtums zerschlagen und dessen Vermögen unter seine Kontrolle bringen wollte, war es zu spät. Er war nicht mehr in der Lage, den Strategien und Winkelzügen seiner Gegner wirksam zu begegnen. So erscheint der tapfere Jacques de Molay in dieser Biografie am Ende seiner Tage als tragische Gestalt und idealistischer Kämpfer für eine verlorenen Sache. Als er am 18. März 1314 auf Befehl Philipps in Paris verbrannt wird und noch auf dem Scheiterhaufen König und Papst verfluchte, war der Untergang der Templer längst vorherbestimmt. Doch während seine Gegner nach seinem Fluch innerhalb nur eines Jahres starben und weitgehend der Vergessenheit anheimfielen, blieb die Geschichte Jacques de Molays und des Ordens der Tempelritter bis in unsere Zeit lebendig.“ (Klappentext) Die Person Molays aber wird am keiner Stelle deutlicher, so sehr es sich bemüht, die Fakten zu sortieren.

Wenden wir uns also probeweise den Esoterikern zu. Insbesondere anthroposophische Autoren wissen durch angebliche Aussagen Rudolf Steiners, als wer sich de Molay reinkarniert habe. So schreibt der Europäer: „Vor etwas über 700 Jahren wurden am 12. Mai 1310 vor den Toren von Paris 54 Templer verbrannt, welche die unwahren Geständnisse gegen den Orden, die ihnen unter der Qual der Folter abgepresst worden waren, widerrufen hatten. Zu ihnen gehörte ein Mann, der in seiner nächsten Inkarnation schon als Knabe Erinnerungen an sein früheres Templerdasein in sich trug und später die einstige Verbrennung als Templer erlebt hat. Der Wahrheitsgehalt dieses Erlebnisses ist ihm von Rudolf Steiner bestätigt worden. Es handelt sich um Albrecht Wilhelm Sellin (1841–1933).
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Aber auch Andere waren von ihrer persönlichen Reinkarnation als de Molay überzeugt- so der distinguierte Schüler Rudolf Steiners, Felix Peipers: „Es gibt aber noch eine andere Ansicht: Felix Peipers (1873 - 1944), der Arzt, der mit Rudolf Steiner die Farbentherapie entwickelte, sei in seiner vorherigen Inkarnation der Großmeister gewesen, beteuern seine Freunde.“ (Weitere Quelle) Peipers war Darsteller in den Mysteriendramen Rudolf Steiners und hatte auf die Zeitgenossen einigen Eindruck gemacht: „Andrej Belyj gibt in seinem Buch Verwandeln des Lebens die Impression wieder, die er von Peipers hatte – nämlich eine solche als «Tempelritter» – und fügte hinzu: «Ich glaube, dass damit der Grundwesenszug Peipers ausgesprochen ist: er war ‹Ritter›, in einer völlig neuen Bedeutung; und seine Zurückhaltung auf dem äußeren Kampffeld (Vorträge, Aufsätze, leitende Funktionen) war offenbar durch das innere Wachehalten bedingt.“
Peipers soll von de Molay gesagt haben, er habe die Folter nicht bestanden: „Das wird wohl heißen, in einer noch perfideren Art und Weise, war es doch besonders wichtig, aus dem Munde des Großmeisters ein Zeugnis gegen den Orden zu erpressen. Molay scheint dadurch in extremer Weise geschwächt worden zu sein, so dass er nicht drei, sondern sieben, zum Teil in Kerkerhaft verbrachte Jahre brauchte, bis er die Kraft errang, alles Gestandene mit einem Schlag zu widerrufen. Dies geschah am 18. März des Jahres 1314. Molay wurde noch am selben Tag, zusammen mit dem Präzeptor Guy de Normandie, auf der Seine-Insel von Paris verbrannt.“


Nun gibt es in Sachen Reinkarnation de Molays aber noch weitere interne Konkurrenz. Eine Rolle soll auch die bodenständige Elisabeth Vreede, von der es im genannten Aufsatz, Peter Selg zitierend, heißt: „Nun brachte Peter Selg in seiner vor einem Jahr erschienenen Vreede-Monographie gleich auf den ersten Seiten auch eine mündliche, namentlich durch Willi Sucher getragene Überlieferung zur Sprache, der zufolge Rudolf Steiner Vreede auf ihre «(sehr wahrscheinlich) letzte Inkarnation als leitende Persönlichkeit der Templergemeinschaft, mit schwerem, ja furchtbarem Schicksal» (S/12) aufmerksam gemacht habe. In einer Anmerkung wird dann diese «leitende Persönlichkeit» (S / 286, Anm. 16) als Jacques de Molay identifiziert.“

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Zum ganzen Text mit weiteren Kandidaten für die Reinkarnation
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Mysterienkapitel

In Zeymans van Emmichovens „Wer war Ita Wegman 1925 bis 1943. Band 2“ - ohne hin eine Fundgrube nicht nur für die schmerzhaften Entwicklungsprozesse innerhalb der Anthroposophischen Bewegung -, wird Rudolf Steiner im Zusammenhang mit Mysterienkulten aller Zeiten zitiert (S. 113), wobei es in diesem Zusammenhang vor allem um den Artemiskult von Ephesos geht. Aber ich finde, in diesem Zitat wird ein interessanter Zusammenhang bezüglich der Stufen innerer Entwicklung deutlich, der die heutigen, zeitgenössischen Mysterien der Emanzipation des bislang passiven Denkens beleuchtet:

„In dem Vortrag Die Lehren des Auferstandenen vom 13. April 1922 (GA 211) nennt Steiner diese Stufen „Mysterienkapitel“. Die Grundform aller Liturgie besteht aus den vier Teilen: Verkündigung, Opferung, Transsubstantiation (oder Kanon) und Kommunion. Diese Vierteilung entspricht den vier Bewusstseinszuständen, welche in der anthroposophischen Esoterik gewöhnliches Tagesbewusstsein, imaginatives Bewusstsein, inspiratives Bewusstsein und intuitives Bewusstsein genannt werden“.

Beim Studium der Vorträge fiel van Emmichoven noch auf, dass es bei Steiners Darstellung selbst auch eine Zuordnung zu den Jahresfesten gibt- „Man kann in seinen vielfältigen Schilderungen tatsächlich jeweils eine der vier liturgischen Stufen erkennen, und es ist überraschend zu bemerken, dass er zu Weihnachten 1923 mehr das imaginative Element (also die zweite Stufe, mit Übergängen zur dritten Stufe) hervor hebt, zu Ostern 1924 deutlich den inspirativen Charakter betont und im August vornehmlich das vierte, intuitive Element von Ephesos anschaut.“ (S. 114)

Für uns ist an dieser Stelle hervor zu heben, dass die erste, wesentliche Wandlung des Denkens in der Meditation, die Überwindung des Tagesbewusstseins im Sinne des strategischen und kontextualisierenden Intellekts in die pure Präsenz der Imagination der liturgischen Stufe der Opferung entspricht. Auch bei Massimo Scaligero wird diese Grenze (in: Traktat über das lebende Denken. Ein Weg zur Überwindung der abendländischen Philosophien, des Yoga und des Zen, 1993) charakterisiert. Für ihn ist es vor allem die Überwindung zwischen „Denken“ und „Leben“. Das bislang schwache Ich, das sich nicht aus seiner Identifikation mit dem Denken lösen kann - einem Denken, das vom Körper konditioniert wird-, erlebt im erkrafteten reinen (d.h. gegenstandslosen) Denken ein neues Authentisch- Metaphysisches. Damit wird ein unabhängiges Denken erfahrbar, das dann aus seiner Unabhängigkeit etwas zu machen weiß, wenn sie „auf der ihr eigenen Ebene ihr Wesen - die metaphysische Zeitlosigkeit - verwirklicht“ (S. 20).

Das „Opfer“ im Sinne der Liturgie entspricht also einem Übergang in größtmögliche Aktivität - ein aktives Erhalten des Bewusstseins in einen meditativen Denk- Zustand, der zeit- und raumlos zugleich ist, aber eben auch insofern metaphysisch, dass er transparent für das Wesenhafte wird: „Die Logik des Denkens, das denkt, führt - in vollständiger Erfahrung- zur Intuition der Zeitlosigkeit und Körperlosigkeit des Denkens, d.h. zum lebenden Denken: eine Intuition, die jedoch nur ein Aufblitzen des lebenden Denkens ist, noch nicht sein Sein. Denn sein wirkliches Sein ist der Logos selbst. Von ihm geht es aus, ihm ist es im Verborgenen zugewandt: der immer bereit ist, sich dem Denken zu übergeben und in ihm - mit seiner Kraft, seiner Einheit, seiner ewigen Gegenwart- anwesend zu sein.“ (S. 20)

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Templer- und andere Traumata. Aus Andreas Meyers angekündigtem Doppelband über den Templerorden

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Leseprobe aus dem Kapitel: Die Auswirkungen der Folter, in: Die letzten Templer, Band II, IL-Verlag Basel (Februar 2014):

Die alten, unverarbeiteten Erlebnisse vergangener Erdenleben, sofern diese stark und lebensbestimmend genug gewesen sind, haben weiterhin ihren Sitz im Ätherleib des Menschen und wirken von da aus auf den physischen Organismus. Die Erfahrung von Folter gehört zu den mächtigsten Erlebnissen dieser Art. Mit Entbehrungen, Trennungen, Schicksalsschlägen, Leid und Krankheit kann der Mensch, wenn er an sich arbeitet, souverän umgehen lernen und sich von allen »Haftungen« frei machen. Auch und insbesondere die Bereitschaft zum Tod gehört dazu und kann freudig bejaht werden. Die Wirklichkeit der Folter, sofern diese subtil genug vollzogen wird, gehört jedoch zum Schlimmsten und Unerträglichsten, was der Mensch erleben kann. Selbst stärkste Naturen werden durch die Folter gebrochen. So war es auch bei den meisten Templern. Kampferprobte und lebensgeprüfte Ritter, die ihr Leben nicht schonten, geistig geschult und teilweise eingeweiht waren, konnten die Qualen der Folter nicht ertragen und gestanden, was man von ihnen hören wollte. Erschwerend kam dazu die geschilderte, besonders teuflische Tatsache, dass dabei nicht nur der physische Körper zerstört wurde, sondern Teile ihres Ätherleibes herausgerissen wurden. Entsprechend »beschädigt« war demgemäß auch die »Kopie« ihres Ätherleibes.
Viele Templer, die an den Qualen der Folter oder durch Verbrennung den Tod fanden, hatten in ihrem irdischen Leben keine Gelegenheit mehr, diese Dinge zu verarbeiten. Doch auch innerhalb des Lebens ist es fast unmöglich, derartig schwerwiegende Erlebnisse zu verarbeiten. (1) Die Erfahrungen traumatisierter Missbrauchsopfer zeigen beispielhaft, wie stark die Tendenz zur Verdrängung, zum vollständigen innerlichen Vergessen-machen bei derartigen Ereignissen ist. Doch auch wenn die Erinnerung daran ausgelöscht wurde, wirken die unverarbeiteten Erlebnisse im Leib weiter.
Es kommt deshalb vor, dass Menschen heute mit erheblichen körperlichen Beschwerden konfrontiert sind, deren Ursachen sich scheinbar nicht ergründen lassen und die vollständig resistent gegen die üblichen Arten der Behandlung sind. Die Beschwerden zeigen sich auf körperlicher Ebene oft in unerklärlichen, massiven Schmerzen, einem Grundgefühl von Nicht-im-Körper-sein-können, sich tatsächlich wie gefoltert fühlen und Vielem mehr. Die Gliedmaßen werden wie abgestorben empfunden. Manche fühlen sich wie missbraucht, obwohl dies biografisch ausgeschlossen werden kann. Auf seelischer Ebene werden oft starke Schuldgefühle erlebt, die keinen erkennbaren Grund haben. Dazu gehören auch Angstzustände, eine innere Zerrissenheit und das Gefühl, irgendwie nicht leben, nicht wollen und sich nicht verbinden zu können. In Bezug auf geistige Fragen paaren sich manchmal ein tiefes Wissen und das Gefühl, eigentlich alles schon zu kennen, mit Angst, Spott, Ablehnung und nicht-mehr-Glauben-können. Hinsichtlich des Schuldempfindens fühlen manche Menschen, dass sie irgendeinen Verrat begangen haben an etwas sehr Heiligem, aber finden in ihrer Biografie darauf keine Antwort.
Indessen geht die Praxis der Folterung weltweit weiter (2) und wir dürfen davon ausgehen, dass damit auch der schwarzmagische Strom, der sich von den mexikanischen Mysterien ausgehend über Philipp den Schönen und seine Kreaturen fortsetzte, weiter lebt. Zum neusten und weltweit erfolgreichsten Computerspiel »GTA V« schrieb die Süddeutsche Zeitung am 21. September 2013: »Wer GTA V spielen will, muss sich darauf einstellen, einen Menschen zu foltern. In einer Passage, die knapp zehn Minuten dauert, wählt der Spieler aus: Waterboarding oder Zange. Menschenrechtsorganisationen sind entsetzt«. Natürlich erklärten »Game-Experten« am 25. September 2013 in den »Tagesthemen« des ARD, dass es doch schließlich »nur ein Spiel und keine Realität sei« und verharmlosen so die Folter. Indessen lässt sich damit gewaltig Profit machen und bereits in den ersten drei Tagen des Verkaufs wurde damit mehr als eine Milliarde US-Dollar Umsatz gemacht
.“

1 Vgl. dazu: McCoy, Alfred W., Foltern und Foltern lassen. 50 Jahre Folterforschung und-Praxis von CIA und US-Militär (aus dem Amerikanischen von Ulrike Bischoff), 2. Aufl. (Frankfurt (Main): Zweitausendeins, 2006).
2 Ebd.
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Andreas Meyers Bücher werden im kommenden Frühjahr erscheinen, können aber bereits jetzt teilweise eingesehen, vorbestellt und diskutiert werden. Dazu stellt der Autor ebenso ein eigenes Blog wie Facebook- und Twitter- Accounts bereit.
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Wieder aufgelegt: Der dritte Band von "Wer war Ita Wegman"

ita
Die letzte, zweite Auflage stammt aus dem Jahre 2000. Nun ist dieser dritte Teil der Aufarbeitung von Zeylmans van Emmichoven „Wer war Ida Wegmann. 1924 bis 1943. Kämpfe und Konflikte. Band 3“ im Verlag am Goetheanum wieder erschienen. Der 1935 betriebene, intrigante und schändliche Herauswurf von Ita Wegman und großer Teile der Anthroposophischen Gesellschaft ist eine der großen Wunden dieser Bewegung. Es war eine sehr persönliche, aber auch intern- politische Abrechnung der Persönlichkeiten, die nach dem Tod Rudolf Steiners um Einfluss rangen. Im Vorwort warnte der Herausgeber der Dokumente von Emmichoven schon: „Manche dieser Texte sind verfänglich genug, sie können einem die ganze Freude an der Anthroposophie verderben. Sie wirken wie seelisches Gift.“ So wirkt das in der Tat, denn es hat etwas von stalinistischen Prozessen. Die Dokumentation kam spät- erste Auflage 1992-, was nicht nur am Desinteresse an der Aufarbeitung lag, sondern auch daran, dass Wegman selbst sich nie gewehrt hat gegen die Beschlüsse, die zu ihrem Ausschluss führten.

Die Vorwürfe lauteten im Überblick: „Opposition in Bezug auf das Zusammenwirken im Vorstand, Obstruktion und Unaufrichtigkeit, Unterstützung „widerrechtlich gegründeter Anthroposophischer Arbeitsgemeinschaften in Deutschland“, Verletzung der Würde der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft“, „offener Kampf“ durch Widerspruch gegen die Vorstandsmitglieder (Marie Steiner, Albert Steffen, Günther Wachsmuth), „langjährige Enttäuschung des Vertrauens der Mitgliedschaft.“ (S. 31) Eine zynische Deutung gab insbesondere Albert Steffen, nämlich dass die, die ihn nicht als Vorsitzenden anerkennen wollten, sich damit selbst aus der Gesellschaft ausschlössen: „Entweder betrachten Sie mich ausgeschlossen als Vorsitzenden, oder Sie betrachten eben dasjenige, was damals geschehen ist, als einen Selbstausschluss jener Persönlichkeiten.“ (Öffentlich im Nachrichtenblatt, 12.5.1935) Warum diese enorme Zuspitzung? Der Prozess dieses Konfliktes kann im Buch über zehn Jahre nach dem Tod Steiners durch die vorliegenden Briefe Wegmans verfolgt werden. Die ganz persönliche Note kam durch Marie Steiners von Anfang an vorherrschende „Abscheu gegen Wegman“ und durch die Annahme, Wegman und ihre Leute planten ein „geheimes Machtzentrum“ oder einen „Übervorstand“. (S. 80) Aus Briefen Wegmans geht auch ihre persönliche Betroffenheit darüber hervor, dass Marie Steiner den Eindruck aufbrachte, „als ob es eine Unterlassung meinerseits war, dass Frau Dr. Steiner nicht rechtzeitig benachrichtigt worden war von der Verschlimmerung des Zustandes Dr. Steiners am Vortage seines Todes.“ (S. 120) Wegman war die abhandelnde Ärztin gewesen, Marie Steiner auf Reisen. Man sieht dabei, in welchem Maß ganz persönliche Ebenen zwischen zwei Frauen, die Rudolf Steiner nahe standen, hier ausgetragen wurde.

Sicherlich fühlte sich die willensstarke Wegman als Vertreterin des Michaelsimpulses und der Weihnachtstagung- als eine Speerspitze der selbständigen esoterischen Bewegung innerhalb der Bewegung. Sie sah auch die politischen Gefahren im nationalsozialistischen Deutschland und wollte eine dezentrale anthroposophische Bewegung dort anregen- auch um die Mitglieder zu schützen: „..konnte ich das Erlebnis haben, dass in dem politischen Zustand, in dem Deutschland sich jetzt befindet, eine einheitliche Landesgesellschaft doch nicht dem Wesen der anthroposophischen Bewegung in Deutschland entspricht ...“ Sie sah in Deutschland 1931 schon „freie Menschengruppierungen, die sich verbinden mit sachlicher Arbeit, die dann auch wieder ausüben sollten die Toleranz einander gegenüber“ (Brief 10.7.1931 S. 102ff) als geeignetere Organisationsform. Das widersprach insbesondere Albert Steffens zentralistischer Vorstellung von seiner Rolle als Vorstandsvorsitzender, wodurch die oben aufgeführten Vorwürfe gegenüber Wegman resultierten. Zudem äußerte Wachsmuth Sympathie gegenüber den Nationalsozialisten, und Steffen schrieb -„Eure Exzellenz“ an Hitler persönlich.

Die Mischung zwischen persönlicher Eifersucht und Machtansprüchen bereiteten den Boden für die Ausschlüsse, die dann 1935 kulminierten. Ein ganzer Teil gerade selbständig arbeitender und denkender Mitglieder verschwand aus den Gremien, aus den Vorständen, oder ganz aus der Bewegung. Ludwig von Polzer-Hoditz berichtete (Brief von Wegman, S. 121) noch während der Auseinandersetzungen darüber, was man auch als Vorwegnahme der Folgen der „Säuberungen“ sehen könnte: „Todesstille in Deutschland“.
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Wie ein im Frühling aufwachender Planet

In „Die Mysterien des Morgenlandes und des Christentums" (Berlin vom 3. bis 6. Februar 1913, GA 144) geht Rudolf Steiner auf besonders plastische Weise auf Merkmale einer realen geistigen Entwicklung ein - unabhängig, wie er sagt, von der Art und der Kultur: „Zunächst muss jede Seele, die eine gewisse Stufe der Initiation, eine gewisse Stufe des Mysterienwesens erreichen will, das erfahren, was man nennen kann «in Berührung kommen mit dem Erlebnis des Todes». Das zweite, wovon jede Seele etwas erfahren muss, ist der «Durchgang durch die elementarische Welt». Das dritte ist das, was man in den ägyptischen oder sonstigen Mysterien genannt hat das «Schauen der Sonne um Mitternacht», und ein weiteres ist das, was man die «Begegnung mit den oberen und unteren Göttern» nennt."

Grundvoraussetzung, damit im Laufe jeder Initiation das „Denken in der gewöhnlichen Bedeutung des Wortes für den Menschen" aufhören kann, ist das Beenden der eigenen inneren Fixierungen: „Im allgemeinen gehört es zu den aller schwierigsten Dingen des inneren Erlebens, über den Standpunkt des «Meinens», über den Standpunkt der «Standpunkte», des Urteilens hinauszukommen." Aber auch die Konfrontation mit den eigenen Schattenbereichen, ja mit der schier unlösbaren Frage nach dem Gewicht der eigenen Identität, gehört zu den wichtigen Aufgaben: „Der Meditant, der sich hinaufarbeitet zu gewissen Stufen der Initiation, kommt auf einer bestimmten Stufe zu einer sehr merkwürdigen Erkenntnis, zu der Erkenntnis, dass es in gewisser Beziehung recht schlimm steht um das eigene menschliche Innere, um die eigene menschliche Seele. Da ist unter der Schwelle des Bewusstseins etwas, was man wirklich anders haben möchte, wenn man die Urteile des gewöhnlichen Lebens ansieht. In gewisser Beziehung ist etwas Schreckliches, etwas ganz Furchtbares da unter der Schwelle des Bewusstseins." Durch diese Arbeit kommt es zu einer schmerzhaften Umorientierung, in deren Verlauf gerade das, was einem lieb und teuer ist (auch in Bezug auf sich selbst), auf den Kopf gestellt wird: „Was bleibt dann übrig von dem, als was sich der Mensch im gewöhnlichen Leben fühlt ? Nichts bleibt übrig."

Schließlich werden in der meditativen Arbeit aktiv die sensorischen Rückmeldungen als Ganzes unterbrochen - das, was man bislang als So- Sein in einer ununterbrochenen Inanspruchnahme im Wachzustand als Existenzform als essentielle Grundlage der Existenz verstanden hatte: „Also zum Beispiel das Gefühl, mit seinen Füßen auf einem festen Boden zu stehen, was ja nichts anderes ist als ein Ausdruck des Tastsinnes, hört auf, und der Mensch fühlt so ähnlich, als wenn der Boden unter ihm fortgezogen würde, und er auf nichts stünde. Aber er kann auch nicht hinab, und er kann auch nicht hinauf zunächst. Und so ist es mit allen Eindrücken. Kurz, alles, was uns der physische Leib vermittelt - und alles, was der Mensch im normalen Leben durchmacht zwischen dem Aufwachen und Einschlafen, wird durch den physischen Leib vermittelt -, alles das hört auf. Es tritt eben durchaus jener Zustand ein, vor dem der Mensch im gewöhnlichen Leben bewahrt ist, jener Zustand, der eintreten würde, wenn plötzlich einmal jemand, während er schläft, ohne dass er wieder in den physischen Leib hinein aufwacht, bewusst würde." Erst nun wird der „erste Moment im Mysterienwesen" zugänglich, an dem „man bis zu dem Punkt kommt, wo man die Sinnesanschauung und auch das Denken überwindet". Dies ist der erste reale Zustand, der in den Mysterien stets das «Heranschreiten bis an die Pforte des Todes» genannt wurde.

Nur unter Aufbietung von Energie und Willen, von überschüssigen Kräften, ist das Voranschreiten an dieser Schwelle möglich: „Man fühlt: Bis zu einer Grenze ist man gekommen, wo man gegenüber dem Nichts gestanden hat, aber sich selbst hat man eine gewisse Kraft mitgebracht. Die ist vielleicht anfangs recht klein, aber sie wird immer größer und größer, breitet sich nach allen Seiten aus. Man fängt an, in die ganze Welt hineinzukommen, sich mit der ganzen Welt zu durchdringen, und je weiter man die Welt durchdringt mit der eigenen Wesenheit, desto mehr erscheint sie einem als eine immer andere. Man streckt die Kraft, die man mitgebracht hat, nach der einen oder anderen Seite aus: Je nachdem man sie ausstreckt, wird man immer etwas anderes erleben." Hier beginnt das «Erleben der elementarischen Welt»: „Nachdem man also genug Kräfte darauf verwendet hat, um mit der Welt eins zu werden, muss man jetzt noch Kräfte übrig haben, um Kräfte aus sich heraus zu spinnen, wie die Spinne ihr Netz aus sich heraus spinnt." Nun entfalten sich völlig neue Felder der Erfahrung, in denen das Denken als Lebensquell erscheint: „Es handelt sich dabei nicht um ein Konstruieren oder Schaffen einer subjektiven Welt, sondern darum, dass wir gleichsam Seelensubstanz aus uns heraus spinnen. Und die höheren Welten, in die wir uns hineinleben, müssen diesen Umweg wählen, damit wir ihnen gegenübertreten und sie erkennen können. Sie müssen erst durch unsere eigene Seelensubstanz, die wir ihnen zur Verfügung gestellt haben, durchkriechen."

Fassen wir zusammen: Im Fortschreiten der meditativen Arbeit kommt man an Erfahrungsschichten heran, in denen das geschulte Denken in die Lage kommt, in Imaginationen mit zu gehen mit sonst unbewussten, aufbauenden Lebensprozessen. Es ist ganz buchstäblich die Erfahrung lebendigen Denkens- in dieser Sphäre sind Denken und Lebensprozesse nicht mehr geschieden. Selbst in anfänglichen, temporären Erfahrungen dieser Art wird die Parallelität zu Johannes 14,6 deutlich: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich. An dieser Lebenssphäre partizipiert man als Mensch schlechthin; ohne sie wäre Regeneration im Schlaf nicht möglich. Aber in meditativen Ausnahmezuständen ist das Bewusstsein bei entsprechender Schulung auch in der Lage, sich erst im Ansatz, dann in sich vertiefender Hingabe willentlich auf diese Ebene zu begeben. Möglich wird dies durch eine erhöhte Konzentration, durch einen bewussten Verzicht auf Denk- Inhalte im Sinne von kontextualisiertem, isoliertem Wissen, und schließlich durch ein willentliches Abschalten aller sensorischen Rückmeldungen. Man begibt sich in ein energetisches Feld, in dem zunehmend geistige Organe von der Stirn bis herab zur Herzsphäre (und weiter) aktiv werden. Das energetische Feld ist selbst geschaffen- ein empfangender Wille, empfänglich und offen wie ein Resonanzboden. Es ist ein Zustand höchster innerer Aktivität und eines inneren Friedens zugleich, aber auch des Eintauchens in eine natürliche Frömmigkeit und Andacht, die hier entspringen. Auf dieser Ebene beginnen die Lebensprozesse dynamisch aufzutreten- im Sinne scheinbar von Außen imaginativ heran strömender Kräfte. Es ist ein belebendes Element, das willenhaft, transparent aufscheint, aber zugleich ein Gefühl vermittelt, das Rudolf Steiner bezeichnet als ein Gefühl von Frühling:

„Indem wir im Einschlafen den zu einer Welt erweiterten physischen Leib und Ätherleib ansehen, so sehen wir sie gleichsam so, dass wir sie empfinden können, wie einen im Frühling aufwachenden Planeten. Und das geht durch den ganzen Schlafzustand so weiter.
Während wir mit dem physischen Anschauen gewissermaßen unsere Erdoberfläche empfinden und auf ihr das von unten nach oben Sprießende, dasjenige, was wächst und gedeiht, im Bewusstsein haben, ist es so, wenn wir nun von außerhalb dasjenige beobachten, was mit unserem Leibe vorgeht und mit der Pflanzenwelt vergleichen, als wenn seine Wurzeln von oben her dringen und es mit seinen Blüten in unseren Leib hineinwächst. Also eine vollständig umgekehrte Welt empfinden wir, und die Früchte werden hinein versenkt.
Wir lernen dann, dass mit diesem Hinein- Versenken der Früchte wirklich dasjenige zum Ausdruck kommt, was uns dann als die Stärkung des Schlafes zum Bewusstsein kommt. Wir sehen, wie der Kosmos eine ganze Vegetation in unsere Leiblichkeit hineintreibt."
(Rudolf Steiner, GA 159, Seite 156f)
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Michaelisches Gestalten und Wirken

Auf den Spuren Michaels gibt es keine gefühlige, sensationelle oder nur intellektuelle Zerrform, keine "Esoterik" im Sinne des zeitgenössischen Verständnisses, sondern stets etwas, was man nur was essentiell und wesenhaft erlebt, im Sinne einer höheren Vernunft, einer Rationalität, die in sich und sich heraus moralisch ist; einer Intelligenz, die praktikabel wird. Der Beginn kann nur im kraftvollen Denken liegen, da an diesem Punkt die höchst entwickelte Autonomie des Individuums vorliegt. Es gibt allerdings in dieser Hinsicht, wenn man tatsächlich den eigenen Denkmeditationen geduldig nachgeht, viele Phasen und Aspekte der eigenen Korruption des Denkens, durch die man durchgeht, da wir es gewöhnt sind, passiv aufzufassen. Man muss die ablenkenden, bedürftigen, aber auch die sich elitär abgrenzenden Elemente, die dem Nur- Seelischen, den Selbstbildern, dem Haftenden, dem Anerzogenen, den genetischen Problemfeldern entspringen, im Sinne einer allmählichen Klärung ablegen, um in absolut reiner Konzentration Sein zu erfahren.

Man ist es nicht gewöhnt, ohne an irgend etwas anzustoßen, ohne Inhalte, ohne Spur, rein aus sich selbst heraus bewusst zu sein. Normalerweise schläft man in einem solchen Zustand ein. Eine der schwierigeren Übung in dieser Willensschulung (und aus dieser besteht natürlich real praktizierte Anthroposophie) ist das Haften (im buddhistischen Sinne) an irgendwelchen sensorischen und körperlichen Rückmeldungen. Wenn man an dem Punkt ankommt, sich davon situativ lösen zu können, ist das Seelisch- Bedürftige bereits zu guten Teilen geklärt, beruhigt, transparent- zumindest in der meditativen Situation. Aber der michaelische Mut besteht dann darin, über die Körperrückmeldungen hinaus weiter zu gehen, den Willen nochmals zu verstärken, um die Absolutheit des willentlichen Aus- Sich- Selbst- heraus- Existierens weiter und weiter zu führen. Es gibt da kein Ende, nur immer weitere überraschende Tiefen, da sich das Bewusstsein immer noch einen Schritt dafür erweitert. In der Tiefe dieser Stille gibt es kein Ende.

Wir gehen in die absolute - zeitlose - Essenz hinein, der sich an diesem Punkt mächtig anbrandende Kräfte und Bilder offenbaren können. Es gibt Neigungen und Schulungselemente in dieser Region, die nicht anders erklärbar sind als aus früheren Mysterien stammend. Man erlebt für sich „Typisches“; man ist hier nicht zum ersten Mal; es ist aus vielen Gründen vertrautes Gebiet. Man hat hier und da Winke und Hinweise bekommen, Angebote zur Schulung und zur Unterweisung. Vieles war nett, manches anregend, aber letztlich blieb immer ein Rest im Inneren unbefriedigt. Das war es nicht. Es ist nicht lehrbar. Man muss seinen eigenen Schlüssel finden, seine eigene Art des Zugangs. Letztlich ist dies, wenn es dann einmal erschlossen ist, die Existenzform, in der wir in viel mächtigerer und umfassenderer Art zwischen den körperlichen Inkarnationen leben- wir alle. Man ist, von Michael nicht gewiesen, aber angenommen, in der Realität des Menschseins angekommen, das sich in vielen Formen und Gestalten offenbart, aber doch einer individuellen, in seiner Essenz gleichen Form- und Zeitlosigkeit entspringt. Die einzelne körperliche Existenz ist eine jeweilige Ausdrucksform dieses reinen Seins- eine Form, in der wir uns "Wort" sind, Geschaffenes, in der das Schaffen, der reine, zeitlose Wille, sich verliert, ja sich sogar selbst vergisst.

Der michaelische Wille ist, dass wir uns nicht nur erinnern, sondern als Wesen realisieren- im Körper, aber tatsächlich erschaffend. Das ist zugleich das Überwinden des "Haftenden" im buddhistischen Sinn. Aber natürlich wollen wir nicht in dieser Sphäre verbleiben, sondern aus ihr heraus wirken. Michael sucht keine individuelle Erlösung von den Lasten, sondern die Freude am Tun, am Mitgestalten. Das ist es, worin Michael das Antlitz Christi darstellt - Christus, der erdzugewandt, erlösend wirken will.

Der reine, erlöste Wille, in der wir aus unserer Essenz schaffend sind, findet sich selbst, aber findet sich selbst auch auch im Willen Michaels und Christi. Der reine Wille des schaffenden Seins, das Individuum, das aus sich selbst heraus, ohne an irgend etwas anzustoßen, lebt, ist in diesem Sinne erfüllt und von den Göttern angeschaut. Daher wird der Wille in dieser Reinheit strahlend, schaffend, wesenhaft:

"Was er aber heute noch nicht hat, das wird ihm die Zukunft bringen: Sein Wille wird immer mächtiger werden, bis er sein großes Ziel erreicht haben wird, welches man in der Geisteswissenschaft das große Opfer nennt. Dieses besteht in jener Macht des Willens, wo das Wesen, das da will, imstande ist, sich ganz hinzugeben, nicht nur das Wenige hinzugeben, was der Mensch mit seinen schwachen Gefühls- und Willensmächten hinzugeben vermag, sondern das ganze Sein hinzugeben, als eine bis ins Stoffliche hineingehende Wesenheit sich ausfließen zu lassen."
(Rudolf Steiner, GA 96, S. 209)
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A.H. Almaas über Kühlewinds Begriff des Logos

„Das menschliche Wesen ist eine rationale Kreatur, weil menschliche Wesen an der Struktur des Logos teilhaben können. Die entwickelte und reife menschliche Seele ist eine rationale Seele, die der harmonischen Struktur des Logos entspricht.
Dies mögen wir ein grundlegendes Denken nennen, im Gegensatz zum Alltagsdenken. Das mag uns verstehen helfen, dass das Alltagsdenken eine Reflexion des Flusses des Logos ist. In anderen Worten, unser Verstand ist eine Spiegelung des Logos, indem neue Gedanken und Konzepte ähnlich dem kreativen Logos entwickelt werden.

Solches Verständnis mag uns zur Wahrnehmung führen, dass unser Denken heranreichen kann an ein objektives Denken, in dem nicht nur der Fluss des Rationalen vorherrscht, sondern ein geordneter Fluss von Einsicht.
Dies stellt eine mögliche Realisation der inneren Reise dar, wobei unser Verstand mit dem essentiellen Grund verbunden wird, und dabei weit über das Rationale hinaus, per Intuition in universelle Konzepte hinein ragt.
Dies ähnelt Gurdjieff’s Konzept des objektiven Denkens, aber auch dem Begriff des reinen Denkens bei Kühlewind, welches er als Annäherung zur Erfahrung spiritueller Realität versteht, aber auch als Realisierung der Präsenz:

"Such pure thinking, if applied to other fields, could create the possibility of thinking with mathematical precision about spiritual realities. Thereby the activity of the Spirit in man would truly begin. Awareness of the Logos could be kindled by pure thinking about the light of consciousness. Perceiving the Logos, the spirit could assume its true function: to investigate the obstacles that stand in the way of realizing consciousness-in-the-present, and to develop methods for removing these.” (George Kuhlewind, Becoming Aware of the Logos, p. 90.)“

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Übersetzung von Michael Eggert aus dem Buch „The Inner Journey Home: Soul's Realization of the Unity of Reality“ von A. H. Almaas
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Sprache der Verführung

Die irrtumsfreie Möglichkeit, zu entscheiden, was von dem "Inhalte des geistigen Schauens weiteren Kreisen mitgeteilt werden" kann, besteht für Rudolf Steiner darin, dass man das heraus nimmt, was "der Forschende in solche Ideen kleiden kann, wie sie der Bewusstseinsseele eigen und wie sie ihrer Art nach auch in der anerkannten Wissenschaft zur Geltung kommen."

Es kommt also auf das Wie der Formulierung an, und auf das Einbeziehen, auf welche Art das Gesagte vom Hörer oder Leser aufgenommen werden kann. Dieses Wie entspricht der Sprache der Reflexion, des Diskurses, des nachvollziehbaren Denkanstosses. Die Nachvollziehbarkeit eines Gedankengangs, auch wenn womöglich unter Aufbietung einiger Mühen des Sprechenden und des Hörenden, ist die Sprache der Bewusstseinsseele, die stets die innere Souveränität des Hörenden, Sehenden, Lesenden achtet.

Nun leben wir heute trotz alledem, trotz unserer vorgeblichen Rationalität in einer Umwelt, die auf alles andere als diese emanzipierte Instanz appelliert. Die Sprache der Werbung und der suggestiven Bilder ist ja längst zu unserer eigenen geworden. Es gilt, das Ego mit glänzenden Außenwirkungen von sich selbst zu behängen, Statussymbolen jeder Art, je nach Kontext und nach Adressaten. Wir haben die Sprache der Verführung auch verinnerlicht- selbst dann, wenn wir ihr innerlich widersprechen wollen und ein Image des Unangepassten pflegen. Bald schon wird das Unangepasste zur neuen Mode, zum Punkstyle etwa, zum witzig- ironischen Hipster- Style, zum Crossover- Style, zum Grunge. Das ganze Ego ist ein Style, ein Modeartikel, ein Themenkatalog, an den wir selbst glauben, den wir verteidigen, vor dessen Verlust wir die grösste aller Ängste haben; der Gesichtsverlust ist nicht einmal erträglich vor uns selbst.

Auch in der Esoterik wird geworben und an bestimmte Bedürfnisse des Ego appelliert. Man sucht womöglich etwas wie "Reinheit"- ein innerer Bereich, der sich unseren Launen, Süchten und Begierden entzieht. Im auseinander fallenden Selbst soll wenigstens ein Punkt gefunden werden, der rein, wahr und dauerhaft ist. Aber auch das - als Selbstbild - kann eine Begierde sein, und wird daher beeinflussbar. Kritisch wird die Sache, "wenn die Geist- Erkenntnis nicht in der Bewusstseinsseele lebt, sondern in mehr unterbewussten Seelenkräften. Diese sind nicht genügend unabhängig von den im Körperlichen wirkenden Kräften. Deshalb kann für Lehren, die so aus unterbewussten Regionen geholt werden, die Mitteilung gefährlich werden. Denn solche Lehren können ja nur wieder von dem Unterbewussten aufgenommen werden." Sowohl Lehrender wie Lernender bewegen sich nach Steiner an diesem Punkt auf ganz dünnem Eis. Das Ego, das sich die Illusion von Reinheit und Objektivität geben möchte, saugt die eingebildete Transzendenz dort, wo es sie erhalten kann: Vom frömmelnden Sprecher, vom Christusschauer, vom Mann Gottes, vom Erleuchteten, vom Führer, der seine Worte in sanft wiegenden Bildern und glimmenden Assoziationen ins Publikum streut. Dass dieser selbst, von unserer Verehrung getragen, als Guru sein Ego bläht, und damit genau dem widerspricht, was wir in ihm suchen, lässt die Frage aufkommen, wer an dieser Stelle eigentlich das Opfer ist.

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Zitate: Rudolf Steiner, Mein Lebensgang, Kap. XXXII
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Adam Michaelis: Zwischenstand. Ein Kommentar (zur Diskussion um Judith von Halle)

Vielleicht ist es Zeit, eine Bilanz zum Stand der Diskussion um Judith von Halle zu ziehen; zu ihr, Edith Maryon und der Verbindung zu unterschiedlichen magischen Zirkeln und Personen des letzten Jahrhunderts.

Jeder an Anthroposophie interessierte Leser, der die Debatte verfolgt hat, müsste verblüfft sein über den Mangel an Ehrlichkeit bei den Fürsprechern von Judith von Halle, da diese die offensichtliche Tatsache leugnen, dass es Judith von Halle selbst ist, die in ihren Büchern wieder und wieder Edith Maryon ins Gespräch gebracht hat – und zwar in einer sprachlichen Form, die eine besondere Nähe mit und Innensicht von Edith Maryon nahe legt. (So “war” sie beispielsweise ein Zeitgenosse des Lebens Christi). Auf diese Weise hat von Halle gezielt Gerüchte angestossen, mit denen ein weit verbreiteter Glaube unter vielen Anthroposophen entstand, sie selbst sei tatsächlich die Reinkarnation Edith Maryons. Judith von Halle hat sich damit eine Legitimation in der anthroposophischen Welt erschlichen (sie stünde Rudolf Steiner besonders nahe, sie hätte an zentraler Stelle beim Ersten Goetheanum mitgewirkt, sie sei ein Zeitgenosse des historischen Jesus Christus gewesen, usw.). Viele haben die Tatsache dieses Täuschungsversuchs und der aufgebrachten Gerüchte bemerkt. Judith von Halle selbst hat zwar darauf hingewiesen, nicht irgend ein Mitglied des “Vorstandes” gewesen zu sein, aber gleichzeitig Andeutungen gemacht, sie sei in Rudolf Steiners “innerem Kreis” gewesen (oder sie habe zumindest Wissen über die Reinkarnationen dieser Menschen).

In Judith von Halles letztem Buch über A.K. Emmerick (S. 298- 310) hat sie die Andeutungen noch einen Schritt weiter getrieben. Hier hat sie ohne jeden Beleg (außer ihrem “speziellen” Wissen) die Vorstellung in die Welt gesetzt, Edith Maryon und Rudolf Steiner hätten Stigmatisation dauernd als eine bedeutsame Tatsache besprochen; diese sei sogar, im Zusammenhang mit der Arbeit am “Menschheitsrepräsentanten” ein zentrales Thema zwischen beiden gewesen. Von Halle sieht diese “Tatsache” bestätigt in Edith Maryons Traum, was schon deshalb Unsinn ist, da es darin nicht im geringsten um Stigmatisierung geht. Offensichtlich musste sie die Figur des “stigmatisierten” Neville Meakin einführen, um die Aktualität dieses Themas zu belegen, auch wenn dies nicht mehr als von ihr aus der Luft gegriffen. Sie beendet dieses Thema mit dem dubiosen Hintergrund, der sich um Stella Matutina, Robert Felkin und den Golden Dawn dreht.

Dies alles ist ausschließlich ihre eigene Erfindung. Anthroposophische Leser haben jedes Recht, diese Art von In- Beziehung- Setzen Rudolf Steiners mit magischen Kreisen und Figuren zu hinterfragen, da Rudolf Steiner damit in einen gemeinsamen kulturellen und sozialen Zusammenhang mit okkulten Bruderschaften gestellt wird, deren Interesse in einem Komplott gegen die Wiederkunft Christi liegt.

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Der fabelhafte Mr. Felkin. Judith von Halle und magisch- okkulte Logen zu Judith von Halles „Anna Katharina Emmerick. Eine Rehabilitation“

Auch in ihrem letzten Buch (Von Halle, „Anna Katharina Emmerick. Eine Rehabilitation") versucht Judith von Halle einen innigen Zusammenhang von Rudolf Steiner mit magischen Logen der vorletzten Jahrhundertwende zu konstruieren, indem sie behauptet, Steiner sei "geheimer" (sic!) Großmeister aller Londoner Rosenkreuzer- Logen gewesen, ohne zwischen den anmaßend bis magisch wirkenden bizarren Vereinigungen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts und der spezifischen Steinerschen Intention zu unterscheiden. Den Zusammenhang sieht sie gegeben durch den "in anthroposophischen Kreisen weitgehend unbekannten Neville Meakin“ und bei seinem Arzt (..), dem ebenfalls mit Rudolf Steiner bekannten „Dr. Robert William Felkin, dem Begründer der Unterabteilung des Hermetik Order of the Golden Dawn, der Rosenkreuzer- Loge Stella Matutina.“

Rudolf Steiner sei seit den „ersten Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts geheimer Großmeister aller in London bestehenden Rosenkreuzer- Logen“ gewesen, über deren leitende Mitglieder er überhaupt erst „in nennenswerten Kontakt zu den führenden Mitgliedern der Theosophischen Gesellschaft getreten war." (Zitate: von Halle, S. 303) Meakin, der, ebenso wie von Halle, angeblich stigmatisiert war, sei rechte Hand und Stellvertreter Felkins gewesen, und im übrigen Steiners "Schüler, Freund und Impulsträger der Theosophie (Anthroposophie ) für die Zukunft" (von Halle, S. 303). Meakins Nachfolgerin wiederum sei Edith Maryon gewesen, die stattdessen von Felkin, wie sie selbst in ihren Briefen (GA 263/1) schreibt, nicht nur an Steiner vermittelt wurde, sondern im weiteren Verlauf tatsächlich seine Schülerin und tatkräftige Mitarbeiterin wurde. Ihr erster Brief (GA 263/1, Chiswick London 16.10.1912) an Steiner belegt dies: "Dear Dr. Steiner, Dr. R.W. Felkin (F.R.) hat mir gesagt, daß ich Ihnen schreiben soll und Sie bitten, mir eine Unterredung zu gewähren." Nach Ausbleiben einer Antwort suchte sie weiter im Namen von Felkin den Kontakt und fand ihn schließlich auch. Von Halle behauptet, die durch Meakin, der selbst übrigens bald verstarb, vorgeführte Stigmatisation sei zwischen Steiner und Maryon ein zentrales Thema geblieben, in Hinblick auf "der neuen, höher entwickelten Leiblichkeit des zukünftigen Menschen" (von Halle, S. 306) Damit nutzt sie die Gelegenheit, wieder - in aller Bescheidenheit, selbstverständlich- sich selbst mit ihrer Stigmatisierung in ein en angeblich bedeutenden Zusammenhang zu bringen.

Was waren nun für den Logenleiter Felkin die Motive, sich selbst und vor allem Maryon in Kontakt zu Steiner zu bringen?

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Steiners essentielle Lotosblumen- Übungen

Die in GA 245 in der Esoterischen Schule gegebenen Übungen (ab ca 1906) arbeiten noch direkt an den Lotosblumen und beziehen auch bestimmte Atemübungen ein, die Steiner später nicht mehr einsetzen wollte, die wir daher auch überspringen. Es geht um die Übung des Ich-bin ("..sich zu konzentrieren auf den Punkt an der Nasenwurzel"), Es denkt ("..sich zu konzentrieren auf den Kehlkopf"), Sie fühlt ("..sich dabei zu konzentrieren auf das Herz") und Er will (.."konzentriere sich dabei auf den Nabel, indem man sich dabei in Gedanken Strahlen zieht, die den ganzen Unterleib durchziehen").

Im Anschluss erläutert Steiner die Übung Schritt für Schritt: "Und es ist eben diese Kraft des "Ich-bin", welche sich in einem Zeitraum der fernen Vergangenheit mit jenem Menschenkörper vereinigte, der noch nicht die heutige Stirnbildung hatte, und diese Kraft des "Ich-bin" hat die vorige Gestalt zur gegenwärtigen Stirne aufgetrieben" (S. 41). Diese gestaltbildende ursprüngliche Kraft ist der Einstieg in einen Übungsreigen, der das Bildende selbst zur Erfahrung bringen kann und damit das Erleben einer nicht leiblich gebundenen reinen Kraft: Versenkung in das "Ich-bin" macht es möglich, dass der Meditierende "die Kraft in sich spüren kann, welche ihn in seiner gegenwärtigen Form selbst gebildet hat" (S. 42). Es ist zugleich die Erfahrung einer Freude, "dass ich als selbständiges Wesen mitwirken kann an der Welt" (dito). Nach intensiver, langer Übung wandelt sich das Erleben zu einer inneren Lebendigkeit, "welche in dem Pflanzenkeime ist und ihn zu den Gliedern des Pflanzenkörper auftreibt" (dito). An dieser Stelle schlägt Steiner den Bogen zum Erleben des Ätherischen, wie er sie später auch in "Wie erlangt man.." ausführt. Es ist ein innerliches "Lichtausströmen", eine Freude, die den Willen mit Wärme erfüllt.

Ähnlich greift "Es denkt" auf die Kraft zur Bildung der Sprachorgane zu, wobei "Strahlungen erlebbar werden können, die wie der "Ausgangspunkt einer geistigen musikalischen Harmonie sind" (S. 43) und den Meditierenden mit "einem Gefühl heiliger Frömmigkeit erfüllen".

"Sie fühlt" kann zum Erleben der Kraft führen, die die Arme und Hände ausdifferenzierend gebildet hat und letztlich den aufrechten Gang. "Sie fühlt" führt zu einem intensiven Erleben auf die Arme und Hände: "Man kann dieses Gefühl als das der Liebe im tätigen Dasein bezeichnen" (S. 44).

"Er will" schließlich führt zur Erfahrung der Separation des ganzen Leibes aus der Umgebung heraus. Es bezieht sich auf die ganze Hautoberfläche und kann damit Kräfte erleben, "durch die den sinnlichen Dingen ihre Form und Gestalt gegeben wird" (S. 44) Es kommt zu einem inneren Hinausgehoben- Sein "über alles sinnlich- körperliche Dasein", ein Versetztsein "in die reine Geistigkeit" (S. 45)

Es sind diese essentiellen anthroposophischen Übungen, die offensichtlich auch Edith Maryon gegeben worden sind. Der gesamte Übungskomplex, der mit dem Erwecken der Lotosblumen zusammen hängt, führt schließlich dazu, eine Verbindung "zu fühlen mit den Gliedern des Körpers, welcher ein aus der geistigen Welt heraus entstandenes Gebilde ist" (S. 46).
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Edith Maryon- die Zeit der "energischen Ruhe"

Nun müssen wir uns nach den schwierigen Jahren von 1909 - 1912, die Edith Maryon offenbar ins Abgründige geführt hatten, der anthroposophischen Zeit nach 1914, zehn Jahre lang, widmen- das sind wir ihr schuldig. Sie kam mit der Begründung der Anthroposophischen Gesellschaft 1912 nach mehreren Anläufen zu Rudolf Steiner und befolgte zunächst seine für diese Zeit (ab etwa 1907) typischen spirituellen Übungen. Ihre Unsicherheit, aber auch eine gewisse Begier, vorwärts zu kommen, spricht aus ihren Briefen- typisch für eine schwere innere Krise und für einen existentiellen Neuanfang. Ihre Armut machte es ihr unmöglich, dem stetig wachsenden Vortragsprogramm zu folgen, ihre Unsicherheit verhinderte manchmal, dass sie Steiner die Fragen stellte, die ihr auf dem Herzen lagen, "wegen der gewissen "Schwierigkeit über diese Dinge zu sprechen, und ich zu feige war.." (Selg, Edith Maryon, Dornach 2006, S. 51).

Ab 1913 begann sie zunächst zaghaft, beim Dornacher Bau mit zu arbeiten, als Bildhauerin vor allem in der Hinsicht, dass sie Entwürfe von Rudolf Steiner in einer Werkstatt hinter der Schreinerei in Lehm in einem vergrößerten Maßstab umsetzte. Noch schien sie manchen Zeugen (wie Andrej Belyi) als ein "stilles und sanftes Mädchen, das nur aus Haut und Knochen zu bestehen schien" (Selg, S. 56). Ende des Jahres kehrte sie aus finanziellen Gründen nach England zurück. Nach einer ersten gesundheitlichen Krise fand Maryon sich 1914 wieder in Dornach ein, und begann mit Gipsentwürfen für die "Menschheitsrepräsentanten"- Gruppe. Die Zusammenarbeit mit Steiner vertiefte sich mehr und mehr. Rudolf Steiner mochte ihre Zuverlässigkeit und ihren aufbrechenden praktischen Sinn. Dies wurde so konkret, dass Steiner das Projekt ab 1915 in Vorträgen zu erwähnen begann, auch wenn nur sehr Wenige Zutritt zum Bildhauer- Atelier erhielten.

Steiner hielt nun die Skulptur für den Mittelpunkt des ganzen Dornacher Baus und wollte, dass sie "an der hervorragenden Stelle" dort aufgestellt werden sollte. Inzwischen entwarf Maryon selbst, modellierte an Anweisungen Steiners und nahm es auch hin, dass er radikale Änderungen vornahm, auch an ihren plastischen Entwürfen. Sie stellte sich zurück, brachte sich aber auch unentwegt ein. Selbst scheinbar perfekte Vorgaben wie der Christus- Kopf fanden nicht Steiners Zustimmung: "Herr Doktor ist nicht ganz mit der Haltung des Kopfes zufrieden" (Selg, S. 79). Rudolf Steiner wollte mehr als eine Symbolik, er suchte eine unmittelbare dynamische Umsetzung inneren Erlebens. Maryon gelang es, in dieser Kooperation, ihren künstlerischen "Selbstsinn" (Steiner nach Selg, S. 85) immer weiter zurück zu nehmen, aber auch selbständig die einzelnen Gestalten bis zu dessen erneutem Eintreffen nach Vortragsreisen vorzubereiten.

Ende 1916 vertiefte sich der Zusammenhalt Beider dramatisch durch einen beinah tödlichen Unfall Steiners durch einen Sturz vom Podest, den Maryon verhinderte. Von nun an fühlte sich Rudolf Steiner mit Edith Maryon "karmisch verbunden" (Selg, S. 88). Die Umsetzung der Modelle in die riesige Holzskulptur schritt voran. Nach 1918 drehte sich die Beziehung Beider in der Hinsicht um, dass Steiner nun von an unterwegs ständig, manchmal täglich, Briefe und Berichte von den Reisen an Maryon richtete. Die Arbeit mit ihr im Atelier war für ihn zum Bedürfnis geworden, zu einer Art Lebensmittelpunkt, während er in selbstaufopferndem Tempo seine Reisetätigkeit forcierte. Maryon begann auch mehr und mehr, ihre Tätigkeitsfelder zu erweitern- sie übersetzte, organisierte Tagungen und plante Siedlungen für Mitarbeiter, richtete diese ein, nähte Vorhänge, kümmerte sich um Mietabrechnungen. Je mehr Steiner Probleme, Unfähigkeit, Widerstände, abstraktes Gerede im allgemeinen vorfand, desto mehr wurden Maryons bescheidene, aber konkrete Projekte für ihn "meine allerpersönlichste Angelegenheit" (Selg, S. 128).

Auch 1921 klagte Steiner ihr gegenüber in einem Brief: "Uns fehlen eben die eigentlich praktischen Menschen"- eben das, was er bei ihr, die nach sieben Jahren Arbeitens in Dornach erstmals wieder gesundheitliche Probleme bekam, immer mehr gefunden hatte. Sie war nun in den ihr verbleibenden drei Lebensjahren die Person, die Steiner mit "energischer Ruhe" (Selg, S. 163) charakterisierte, der gegenüber er aber auch klagen konnte über die ihm begegnenden Widrigkeiten und Hemmnisse. Maryon war inzwischen so mit ihm verbunden, dass sie in der Ferne für ihn gefährliche Situationen spürte und im voraus ansprach, etwa in München 1922. Silvester traf beide der schwerste Schlag, die Brandstiftung am Goetheanum. Von dieser völligen Zerstörung erholte sich Edith Maryon nicht mehr- ihre latente Tuberkulose eskalierte. Sie starb am 1. Mai 1924.

In dieser Kürze der Entwurf einer radikalen Umkehr des „stillen Mädchens“ (das schon in den Vierzigern war) zu einer Art von Esoterikerin, die in allem das Konkrete suchte- und fand.
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Judith von Halle, Edith Maryon und der Golden Dawn

Maryon selbst, die „geschulte Okkultistin“ (Selg, S. 35) schrieb, sie sei bislang dem Meister Abdul Baha, dem Leiter der Bahai- Gemeinde gefolgt, aber das erklärt Rudolf Steiners strenge Betreuung und Auflagen ihr gegenüber nicht. Vielmehr war Maryon seit 1909, mit 37 Jahren, Mitglied des „esoterischen Ordens - der „Hermetic Students of the Golden Dawn“„ (Selg, S. 17), genauer gesagt deren Nachfolge- Orden „Stella Matutina“. Selg nennt diese Mysterienrichtung höflich „eleusinisch“. Genauer ausgedrückt handelte es sich um einen bedeutenden magischen Zirkel: „Der Hermetic Order of the Golden Dawn (hermetischer Orden der goldenen Morgendämmerung, kurz: Golden Dawn) war eine magische diskrete Gesellschaft. Er wurde um 1887/1888 in London von William Robert Woodman, Samuel Liddell MacGregor Mathers und William Wynn Westcott gegründet. Der Orden bestand bis 1903 und zerfiel dann wegen innerer Streitigkeiten in diverse Nachfolgeorganisationen.“

Berühmtestes Mitglied war der Schwarzmagier Aleister Crowley. Maryon wurde offensichtlich nicht direkt Mitglied dieses Kreises, aber des Ablegers Stella Matutina, dem die meisten Gründungsmitglieder des Golden Dawn gefolgt waren. Maryons Interesse an Rudolf Steiner entsprang wohl einer Gruppe innerhalb dieses Ordens, der sich speziell als „Rosenkreuzer- Gruppe“ betrachtete. Allerdings arbeitete diese Splittergruppe auf eine „magische“ Art, nämlich durch Channeling, Beschwörung, Mediumismus und Besessenheit: „Die "Rosenkreuzer"-Gruppe, die von sich behauptete, sie könne durch Geisterbeschwörungen ein Medium in einen Zustand der Besessenheit versetzen, der es ermögliche, als Kontrollgeist niemand geringeren als die fiktive, legendäre Romanfigur des Christian Rosencreutz zu channeln.“ (Wikipedia, dito) Nach dem Weggang Maryon gab es Skandale, Veröffentlichungen und Schließungen dieser Zirkel, weil behauptet wurde, „dass es sich bei dem Orden um eine satanistische Organisation handele und verurteilte als konservativ gewordene Christin öffentlich die Machenschaften, später auch in zwei Büchern, in denen sie ihrem Eindruck Raum gab, dass die Stella Matutina eine satanistisch- kommunistisch-zionistische Konspiration sei, welche mittels sexueller Energien die Weltherrschaft erlangen wolle.“ (Wikipedia, dito) In jedem Fall war der höchst dubiose Orden ein exklusiver Zirkel, der zur Zeit von Maryons Eintritt seinen Höhepunkt hatte: „In seiner Blütezeit zwischen 1904 und 1910 wurden hier allein 72 Männer und Frauen initiiert.“

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Michael Eggert: Maharishi Steiner und seine falsche Prophetin. Über Judith von Halles "Rudolf Steiner. Meister der weissen Loge. Zur okkulten Biographie"

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Zu dem Befremdenden, was man in den letzten Jahren über Rudolf Steiner lesen konnte, gehörten keinesfalls nur einige seiner Kritiker, sondern angebliche Verehrerinnen wie Judith von Halle, die in Rudolf Steiner Meister der Weissen Loge Zur okkulten Biografie so etwas wie eine frömmelnde New- Age- Version dieses vielschichtigen Mannes vorlegt, die schon vom Titelbild her (glubschäugige Meisterfotos und der bärtige Kitschjesus) an Heiligenbroschüren a la Maharishi erinnern.

Natürlich geht es von Halle nicht vorrangig um die Person Rudolf Steiner, nicht um seine vielfältigen Beziehungen, seine biografischen Brüche, seine inneren Kämpfe. Es geht vor allem um das Nichtgreifbare, das behauptete "Geistige", eine Individualität (wie sie schon im zweiten Satz proklamiert), "die sich von allem, was sonst im Zwischenmenschlichen erfahren werden kann, auf so eindrückliche und nachhaltige Weise unterschied, dass sich die Frage nach dem Wesen und Urständen dieser Individualität für viele (..) Menschen wie von selbst stellt." Das Ausklammern des Biografischen in einem Porträt hat einerseits für die Autorin den Vorteil, dass nichts von ihren Behauptungen überprüft werden, und dass, andererseits, damit die Behauptung für ihre Anhänger untermauert werden kann, nur sie habe exklusiven "esoterischen" Zugang zu diesen Aspekten.

Das bestätigt sie auch schon auf Seite 8, wo sie erklärt, sie habe Zugang zu den "Archive(n) der geistigen Welt"- die denn auch "verlässlicher" seien als die "exoterischen". Sie spricht sich damit von vornherein frei von für sie vordergründiger Recherche- Arbeit und verlässt sich ganz auf ihre "geistige(n) Augen und Ohren". Damit macht sie sich auf zu der "Sphärenhöhe dieses Wesens"(S. 9). Im Grunde interessiert sie nicht einmal die proklamierte Meister - Höhe dieses Wesens, sondern hauptsächlich dies als "Behausung für ein noch höheres Wesen" (S. 9). Dies könne sie im vorliegenden Band nur "fragmentarisch" ausführen. Man kann aber daraus schließen, dass sie zu Diesem, was auch immer den Meister Steiner "behause", selbst Zugang habe, ja dass dieses Behausende das sie selbst Inspirierende selbst ist, da sie es sonst kaum "erkennen" könnte. Mit anderen Worten - Steiner als Person, ja selbst als "Meister" interessiert sie individuell gar nicht, sondern das, was sie selbst hört und sieht. Sie sieht also den Steiner, den sie sehen möchte. Das einer biografischen Arbeit vorweg zu schicken, bedeutet, dass man sich ihr und diesem Buch nur glaubend anvertrauen kann. Ihre inspirierenden Geister kennen wir nicht, können wir nicht kennen, denn sie schweben in scheinbar unerreichbaren Fernen und Höhen. Ganz offensichtlich ist das Steinerbild, das ihr vorschwebt, ausschließlich ein Spiegel ihrer wie auch immer gearteten "Schauungen". Im übrigen entspringt diesem (für uns durchaus trüben Quell) auch der von ihr so verstandene "Lebensauftrag (..) und -werk (..) dieser Individualität: die Anthroposophie." (S. 11) Das steht im deutlichen, ja grellen Widerspruch zum Anspruch der "Geisteswissenschaft" Rudolf Steiners, die ja nachvollziehbar und transparent auftritt, vor allem im denkend erkennenden Ansatz der "Philosophie der Freiheit" Rudolf Steiners.

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Judith-von-Halle-Seite bei den Egoisten
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Adam Michaelis: Dedication

We dedicate our three papers, (a) Prokofieff versus von Halle – the fight over a (non) protected title, (b) And if Judith von Halle were not stigmatized for all the world to see, and (c) Appendix C, to the philosopher Søren Kierkegaard on his 200th anniversary. In his spirit and way of thinking, following his majeutic method, we tried in these papers to communicate the principles and practise of an existential faith in Christ in a way, that could shed light on the dire conflicts and spiritual stagnation in institutionalized Anthroposophy. We have set up an “existential caleidoscope” or mosaic, mirroring the fixed positions and liberating perspectives in this stalemate, showing how you can individualize and spiritualize out of it.
The first paper (a) represents an aesthetic line of approach, since it is uncommitted, style-conscious, a little blasé and distanced. Is contains an individualistic and sarcastic attitude, which certainly has its advantages and points. When trapped in blind fascination and enthusiasm – like when you are enmeshed in a luciferic magic lure (Bannkreis) – you need a mild (self)-irony and light sarcasm to distance yourself, get an overview, see the trivial roleplay and individualize out of it. Just to look at yourself and the entrapment from the outside without participation. See the folly of the situation.
The second paper (b) represents an ethical line of approach, since it is involved and principled. It deals with problems on a concrete level, but due to a humorous attitude it escapes a fixed position and a deadlock and remains open, which is always vital in a conflict. When trapped in cold, categorical and heartless judging – like when you are enmeshed in an ahrimanic organization (Einrichtung) – you need an empathic humour to reach a deeper level, get an existential insight, see the underlying, common reality and indvidualize yourself from it. Just to look at yourself and others with a broader, living and more human perspective. Do not separate from the wholeness of life.
The last paper (c) represents a religious line of approach in which you individualize yourself in existential faith and deliverance. When you see your own shadow there is more spaciousness and acceptance and no need for projection. You discover the middle – the only possible place for the I. You stand apart in an existential faith that no one can look into without the same kind of faith and surrender, and yet you stand together with the part of every human being, who is before the cross of Christ in truth.

Adam Michaelis,
During Whitsuntide (Pfingsten) 2013
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Adam Michaelis: Appendix C

Als dritter Teil nach „Prokofieff versus von Halle- the fight over a (non-protected) title“ und „And if Judith von Halle were not stigmatized for all the world to see“ folgt nun „Appendix C“:

„Let this be said again, once and for all. Of course, we do not now the truth or reality about that event or Judith von Halle. Only Christ knows that. But that is not the important issue here. The problem is, how existential truth can be aligned with it, and how we should orientate ourselves in such a situation existentially. You see, we are all in a way stigmatized and crucified right now in Christ. Why look to Judith von Halle as somebody special in that regard? This is really an existential illusion. A game you play with yourself in order not to see yourself and reality.“

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Miha Pogacnik lädt zur Karl-Ballmer- Tagung ein

Bildschirmfoto 2013-05-26 um 12.03.04
„Gerne kommen wir der Bitte von Miha Pogacnik nach, Ihnen sein untenstehendes Schreiben mit einer Einladung zu den Karl Ballmer Tagen 2013 vom 6. bis 9. Juli auf Schloss Statenberg in Slowenien weiterzuleiten. Die Gespräche und persönlichen Begegnungen, die sich dort eröffnen, sind sicherlich eine empfehlenswerte Ergänzung zur Lektüre von Ballmers Schriften und insbesondere nun von Peter Wysslings umfangreichem neuem Buch "Rudolf Steiners Kampf gegen die motorischen Nerven – das Schicksal einer Weltanschauungsentscheidung in Karl Ballmer und Gerhard Kienle".
Bei dieser Gelegenheit dürfen wir darauf hinweisen, dass dieses Buch sich bereits in einer Überarbeitung zu einer verbesserten Neuauflage befindet, die in ca. zwei Wochen lieferbar sein wird. Es empfiehlt sich, diese Neuauflage abzuwarten; Sie können bereits jetzt direkt bei uns bestellen. Wenn Sie dagegen über Amazon etc. bestellen, werden Sie zwangsläufig zunächst noch die alte Auflage erhalten. Auch die andere von Miha Pogacnik erwähnte Schrift, Karen Swassjans "Karl-Ballmer-Probe", ist kürzlich als Neuauflage herausgekommen. Sie ist stark erweitert durch mehrere in der Zwischenzeit entstandene Texte Karen Swassjans. Wieder sind die "Marginalien" 1 und 2 von Ballmer enthalten.
Detaillierte, aktuelle Informationen erhalten Sie wie immer auf unserer Website.
Es grüßt Sie herzlich Martin Cuno“

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„Diese ganz persönliche Einladung ist mir zugleich sehr leicht und sehr schwer zu schreiben: seit mir vor 15 Jahren die bedeutende Schrift von Karen Swassjan, „Karl Ballmer Probe“ in die Hände gekommen ist, kann ich mein Leben rückblickend teilen in die Zeiten davor und danach. Die ganze Erkenntnisproblematik durch und um Rudolf Steiner ist in ein völlig anderes Licht gerückt, eine Weltanschauungs-Kopernikanische Wende! Dann hatten wir 2 mal Karl-Ballmer-Tage in Schloss Borl, Terra Parzival, mit Karl Huober – und jetzt im Juli geht es weiter mit Peter Wyssling. Mit Peters Einverständnis hänge ich als Kostprobe die Einführung und den Prolog seines Buches an, das die Basis für die Ballmer-Tage in Terra Parzival / Schloss Statenberg bilden wird. Es scheint zunächst, als ob dieses Werk Wysslings ein Spezialproblem der Neurologie behandelt, es entpuppt sich aber sehr schnell als ein Hauptproblem der Erkenntnis überhaupt.
Herzlich willkommen in Terra Parzival, wenn Euch die Erkenntnisfrage eine Herzensangelegenheit ist!
Bitte melden Sie sie sich einfach bei mir an (…)
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Adam Michaelis: Prokofieff versus von Halle- deutsche Version

michaelis
Hier die von Ingrid Haselberger und Jostein Saether erstellte Übersetzung (als PDF- Download) des Grundsatz- Artikels von Adam Michaelis zum Konflikt zwischen Sergej Prokofieff und Judith von Halle. Der zur Zeit auf bei Facebook vor allem auf englischsprachigen Seiten diskutierte Aufsatz wurde vor zehn Tagen bereits bei den Egoisten vorgestellt.
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Marodierende Geister

Ich zitiere, weil ich zufällig unter dem Tag „Kühlewind“ darüber stolperte, aus einem drei Jahre alten Blogbeitrag, an dem sich zeigt, wie wenig sich doch verändert hat- oder wie sehr, vielmehr, die schwärenden Wunden marodierender Geister immer weiter aufbrechen, denen die innere Mitte, die Toleranz und die geistige Kompetenz fehlen, auch wenn sie genau darauf pochen (und, im Falle der Anhänger Rudolf Steiners, stets für sie passende und genehme Textstellen in dessen Werk entdecken):

So schart eine Enddreissigerin bei Facebook 360 Anhänger um sich, die an ihren Lippen hängen, weil oder obwohl sie behauptet, die Reinkarnation Rudolf Steiners zu sein. Von den blutenden Wundmalen einer Judith von Halle und ihren visionären Eingebungen ganz zu schweigen. Wir sind heute -technologisch, medial, aber auch spirituell - noch einen Schritt tiefer gesunken als zu Kühlewinds Zeiten vor vielleicht dreissig Jahren. Heute werden vielfach nicht nur Bände mit geraunten „Geheimnissen“, Verschwörungen und geheimen Logen gefüllt, heute bekommt die Ungedecktheit eine eigene Dynamik und nimmt visionären Charakter an. Dort wo das auftritt, taumelt stets eine Gemeinschaft von Gläubigen hinterher. Offensichtlich folgt der illusionären Ungedecktheit eine Art Gärung, der immer fantastischere Erfahrungen und Behauptungen entspringen.“

Im sozialen Miteinander werden durch die Ungedecktheit, je bizarrer und Rechthaberischer sich die Protagonisten gebärden, zersetzende Tendenzen frei, die letztlich jedes Miteinander ad absurdum führen. Das innere Standhalten jedes Einzelnen, im Sinne einer spirituellen Autonomie, ist heute mehr gefragt denn je.
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Adam Michaelis: Prokofieff versus von Halle - the fight over a (non-protected) title - a critical philosophical-spiritual review

Adam Michaelis unternimmt in seinem Essay den Versuch, die schweren Konflikte, die sich in der Debatte um Sergej Prokofieff und Judith von Halle entzünden, von einem esoterischen Außen- Standpunkt aus zu erfassen. Er nutzt dabei Stufen der inneren Reife und Entwicklung, die Søren Kierkegaard, der dänische Philosoph, vor nahezu 200 Jahren entwickelt hat. Gleichzeitig kommt Michaelis zu einer Art Diagnostik der inneren Kultur heutiger anthroposophischer Debatten, obwohl er zugleich anthroposophische Kategorien und Begriffe verwendet. Michaelis schreibt aber auch als Kenner der Schriften der Kontrahenten. Die Schlussfolgerungen, die er zieht, führen dazu, die momentane anthroposophische Bewegung als nahezu bewegungsunfähig zu erkennen: „Or put differently: Within the structure of institutionalized Anthroposophy, A and B are necessarily in conflict and no way out of it can be seen. The conflict goes with the territory so to speak. It is a built in feature in the social and intellectual organization of this movement.“ Trotz der scheinbaren „spirituellen“ Inhalte sowohl bei Prokofieff wie bei von Halle vermisst Michaelis neben dem Humor auch reale spirituelle Qualitäten. Daher ziehen die Kontrahenten in einem gegenseitigen Patt scheinbar unaufhaltsam Jünger und Anhänger an sich, die die jeweils diametral gegensätzlichen Positionen besetzen.

Normally we do not name actual persons when discussing the signs of the times, but we can not simply ignore the current quarrel in the heartland of Anthroposophy over esoteric Christianity, the legacy of Rudolf Steiner and the (non-protected) title of being a real “spiritual researcher” (Geistesforscher) between the two prominent anthroposophical authors, Sergej Prokofieff and Judith von Halle. Schismatic eruptions and heretic dismissals are old news in the movement of Anthroposophy – but there are plenty of reasons for taking a closer look at this incident. With the oddly synchronous publication of two recent books, one by Sergej Prokofieff, Zeitreisen – Ein Gegenbild anthroposophischer Geistesforschung, the other by Judith von Halle, Anna Katharina Emmerich – Eine Rehabilitation, the public dispute between the authors has reached a new level since the publication of Prokofieffs polemic supplement or “Anhang” to his book, Das Mysterium der Auferstehung im Lichte der Anthroposophie. The level of polarization and the expected distribution of possible standpoints pro et contra have been enhanced foreseeably, and a deep crack is spreading in Anthroposophy as an institution. This is no trivial dispute! It is an open discord which reveals a fundamental dissonance.“

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Rob Steinbuch: Stigmata im Lichte der Anthroposophie

Aus dem Aufsatz:

„Rudolf Steiner hat in verschiedenen Vorträgen über den christlichen Schulungsweg gesprochen, welcher letztlich zu Stigmatisation und Aufnahme des Auferstehungsleibes (oder des Phantoms) führen kann. Er sprach darüber immer mit tiefstem Respekt.
Er ist meines Wissens der erste Forscher, der dabei die Aufnahme des Auferstehungsleibes erwähnt. Obwohl er keine Mitteilungen macht über die damit zusammenhängenden Erscheinungen, würde das vielleicht einige schon erwähnte Ereignisse besser verständlich machen, wie das nur Vertragen können von Trinkwasser, die medizinisch unerklärlichen Heilungen und die körperliche Unversehrtheit nach dem Tode.
Rudolf Steiner spricht über diesen christlichen Schulungsweg immer im Zusammenhang mit dem Schulungsweg, den er andeutet als „Rosenkreuzer-Schulungsweg“. In diesen Aufzeichnungen wird später darauf eingegangen.
Rudolf Steiner bildete seine Erkenntnisse über Mysterienfragen Schritt für Schritt. Während seiner Vorträge – wovon er ungefähr 6000 gehalten hat – erstattete er zwischenzeitlich „Berichte“ über seine Forschungsergebnisse. Dadurch konnte es geschehen, dass er über ähnliche Themen in aufeinander folgenden Vorträgen immer wieder neue Erkenntnisse hereinbrachte. Im letzten Vortrag findet man den letzten Stand seiner Forschungsergebnisse. Das gilt auch für seine Erkenntnisse die die Stigmatisationsfrage betrifft.
Rudolf Steiner ist gelegentlich auf dieses Thema eingegangen. Ich habe die folgenden drei Vorträge ausgewählt für eine nähere Betrachtung.“

Zum ganzen, umfangreichen Text von Rob Steinbuch..
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Die "öffentliche Meinung"

Rudolf Steiner hat sich 1913 - also im propagandistischen Vorfeld eines Weltkrieges - keineswegs überraschend gegen eine "öffentliche Meinung" schlechthin gewandt und sie als Hindernis auf dem Weg zu jeglicher Individuation bezeichnet- es sei "das Uniformierende" der öffentlichen Meinung, was das eigentliche Problem darstelle. Er sagt z.B. "Daher muss die Entwickelung immer mehr und mehr in das Innere eingreifen; so dass der Mensch in der Zukunft viel mehr einer öffentlichen Meinung gegenüberstehen wird, aber sein Inneres wird stärker geworden sein." (GA 141, u.a. s.S. 131)

Was ist aber "das Innere" im hier gemeinten Sinn? Es ist die Instanz in uns, die sich allen Meinungen und Impulse entziehen, quasi über ihnen wie ein Raubvogel kreisend schweben kann, und dann gerade aus den Gegensätzen heraus, aus Widersprüchen und widrigen inneren Antrieben und äußeren Hemmnissen intuitiv entscheidet. Wir sind so korrupt, so schnell zu faszinieren, dass "das Innere" und damit jede Freiheit des Denkens erst heraus zu bilden ist. Natürlich gibt es einen sozialen Druck, der von vielen Peergroups ausgeht, denen man angehört. Es bildet sich ein Ton, eine bestimmte Art von Vokabular z.B. je nach Beruf, Status und sozialer Herkunft aus, selbstverständlich. Wenn sie so nah an uns heran rückt - und sei es durch die eigenen Kinder, die Medienkompetenz und soziale Bindungen in ganz neuen Formen ausbilden wollen- ist es schwer, der "öffentlichen Meinung" zu widerstehen.

Nun waren und sind die Medien -Bücher, Zeitschriften, Fernsehen und das, was man mal als Radio kannte, geschweige denn vom Wissens- und Kommunikationsmedium Internet - Steiner nur zum Teil bekannt gewesen. Die mediale Welt kennt neuerdings ständig neue Erscheinungsformen- sie erfinden sich praktisch ständig neu. Medienkompetenz- d.h. der kritische Umgang mit Informationen - ist in der Fülle der Meldungen jeder Art längst zur schulischen Kernkompetenz geworden.

Die Medienlandschaft wird einerseits - wie etwa durch die US- Administration zur Begründung des Irak- Krieges- durch gezielte Lügen und Gerüchte ständig manipuliert, andererseits ist das freie Internet nicht nur für Diktatoren, korrupte Politiker und scheinbar allmächtige Weltkonzerne zum Schrecken geworden. Durch die zugleich globalere und individuellere Informationsverbreitung wird der einen "öffentlichen Meinung" das Genick gebrochen- unvermittelt schlägt aus der individualisierten Öffentlichkeit ein Echo zurück, das schwer kalkulierbar ist.

Aber in der Vielfalt der Meinungen, in dem vielstimmigen Chor, zu dem die "öffentliche Meinung" geworden ist, gilt es, sich zu integrieren, eine Form der Online- Identität zu finden. In der Zukunft wird sich die Teilhabe an der vollen Vielfalt des Individuums zum globalen Grundrecht entwickeln. Schon heute gehört es in Deutschland -als DSL- Anschluss - zum Standard der sozialen Grundleistungen wie Strom und Wasser. Wir können uns eine Nische suchen und uns davor verstecken- oder aber Mitgestalten, in welcher Form auch immer, an dieser virtuellen sozialen Plastik.

So weit man der Vielfalt der Meinungen folgen mag, braucht es auch Phasen weniger der Erholung als des ruhigen Überschauens. Es gibt einen Punkt, an dem das Subjekt sich im Strom des Verstehens selbst ergreift als das Verstehen selbst. Hier, im Inneren, das durch die Stille in einen Strom von Kraft mündet, im kristallenen, unkörperlichen Licht, erfrischen sich die Bildner, Ordner und Entscheider. Hier, in der klaren Höhe des ruhigen Vogelflugs, kommen die Meinungen wieder auf uns zu, wie Orte, die man betreten, anschauen und wieder verlassen kann; auch die eigenen Meinungen. Von hier aus kehrt man, innerlich gerüstet, in den Kanon der Meinungen zurück. Man überblickt sie wie eine Landschaft. Man ahnt, wie man sich einen Weg bahnen könnte. "Das Innere" ist "stärker geworden."
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Piero Cammerinesi: Vorurteil und Freies Denken Überlegungen zu Judith von Halle

Vor kurzem hat Michael auf einen längeren Artikel Piero Cammerinesis aufmerksam gemacht.
Ich habe diesen langen englischen Aufsatz mit großem Interesse gelesen. Obwohl er nicht mehr ganz neu ist (er stammt vom 21. Juni 2011), scheint er mir aktueller denn je zu sein.
Ich bin nicht sicher, ob ich in allen Dingen zu demselben Ergebnis kommen würde wie der Autor, aber sowohl seine Gedanken als auch die auszugsweise wiedergegebene Rede Judith von Halles, mit der er seinen Artikel beschließt, sind es meiner Ansicht nach wert, von unvoreingenommenen (und erst recht von voreingenommenen ;-)) Menschen gelesen zu werden.
Um diese Gedankengänge auch solchen deutschsprachigen Lesern zugänglich zu machen, denen es schwerfällt, längere englische Aufsätze zu lesen, habe ich mir die Mühe gemacht, den Artikel zu übersetzen. Während mir die Steiner-Zitate im deutschen Originalwortlaut zur Verfügung standen, mußte ich die zitierten Stellen aus Judith von Halles Vortrag aus dem Englischen rück-übersetzen – ich bitte also, zu berücksichtigen, daß es sich dabei nicht mehr um wörtliche Originalzitate handelt.

Ingrid Haselberger

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Ich hatte gerade mit einer Dissertation über Friedrich Nietzsche und Rudolf Steiner meinen Abschluß in Philosophie gemacht und ein Forschungsstipendium an der Universität in Freiburg/Breisgau, Deutschland, erhalten.
Professor S., mit dem ich zusammenarbeiten sollte, ein sehr bedeutender Professor, empfing mich mit großer Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft in seinem Büro. Während unseres Gespräches aber sagte er mir, daß er meine Arbeit zwar sehr schätze, aber nicht begreifen könne, warum ich über einen solchen mystischen – das war das Wort, das er gebrauchte – Autor wie Rudolf Steiner arbeiten wollte. Ich fragte ihn, was er von Steiner gelesen hatte, um zu einer solchen Ansicht zu kommen. Er antwortete sehr ausweichend, konnte sich nicht an die Titel erinnern und gab mir zu verstehen, daß er nicht sehr viele Bücher von Rudolf Steiner gelesen hatte; es war vollkommen klar, daß er nur die Ansichten anderer wiederholte. Ich war bestürzt über seine Antwort und empfahl ihm, die „Philosophie der Freiheit“ zu lesen, ein durch und durch philosophisches Buch, das ihm sofort gezeigt haben würde, wie weit sein Vorurteil von der Wahrheit entfernt war.
Einen noch größeren Eindruck machte es mir, als ich Jahre später erfuhr, daß dieser Lehrer, Professor S., inzwischen ein führendes Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft geworden war! Das Schicksal hatte neue Wege genommen und vorgefaßte Meinungen und Vorurteile mit der Gewalt eines Tsunami hinweggefegt.
Nun – das genau ist es, was ich meine, wenn ich von vorgefaßter Meinung („pre-conception“) spreche.

* * *

»Der Aufbau einer Gemeinschaft ist eine Michaelische Aufgabe, und wenn wir sie nicht ausführen können, dann ist es unsere Pflicht als Mitglieder der Esoterischen Schule, in uns selbst zu blicken und uns zu fragen, warum es uns nicht gelingt.
Die jetzige Erdenrückkehr der verschiedenen Persönlichkeiten, die als Repräsentanten unterschiedlicher Strömungen damals gemeinsam mit Rudolf Steiner die Begründung der Anthroposophischen Bewegung erlebt haben, sollte nicht länger zu Konflikten führen, sondern zur Erfüllung.
Das ist nicht mehr das Zeitalter des Kampfes zwischen Platonikern und Aristotelikern, sondern in der heutigen Zeit sollte der tiefe Gehalt ans Licht kommen, der diese Strömungen durchdringt: Anthroposophie, das Christusereignis.
«
[...]
Es sei daher wichtig, daß die Menschen Rudolf Steiners Forderung sehr ernst nehmen – wenigstens jetzt, wenn es schon damals nicht gelungen sei - , auf die wichtigen Beziehungen innerhalb der Gesellschaft zu blicken und anfangen, sich zu fragen, weshalb die anderen eine andere Ansicht haben. Warum geschieht das? »Nun, weil wir Menschen sind, weil mein Nachbar das linke Bein ist und ich das rechte. Nun begreife ich. Er ist nicht von irgendetwas besessen („compelled by anything“), er sieht nur alles in anderer Weise, aber es ist dieselbe Sache. Das ist der Impuls, auf den ich mich beziehe, davon rede ich
[...]
»Wir müssen uns fragen, welche Kräfte sich zeigen in den Initiativen der Gesellschaft. Arbeiten sie im Sinne der Dreigliederung, also für Freiheit im Geistesleben, Gleichheit im Rechtsleben und Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben? Wenn das der Fall ist, sprechen wir von christlichen Initiativen. Wenn nicht, dann sicherlich nicht. Wir haben die Mittel, das zu unterschieden, wenn es auch sicherlich schwierig ist
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Wolfgang Stadler: „Zeitreisen – Ein Gegenbild anthroposophischer Geistesforschung“, Sergej Prokofieff Eine Rezension

Sich für diese Dinge zu interessieren heißt noch lange nicht: die Ergebnisse einer Forschung vorwegnehmen. Interesse ist eine Art Voraussetzung für eine sinnvolle anthroposophische Erkenntnis.
Man kann sogar noch weitergehen und sagen: Ein Anthroposoph, der mit diesen Aussagen R.Steiners vertraut ist, wird besonders stark das Bedürfnis entwickeln, einen Menschen, der hellsichtig ist, stigmatisiert ist und nahrungslos lebt, kennenzulernen. Besonders wenn es sich um eine Person handelt, die einem „gegenständlich“ bzw. „geistig lebendig“ die Ereignisse von Golgatha schildern kann.
Und zunächst einmal könnte man als Anthroposoph auch auf den Gedanken kommen: wenn jemand meint, so eine Person gäbe es nicht - oder: so eine Person kann und darf es nicht geben – oder: so jemand ist „von bösen Mächten“ beeinflußt oder gar „schwarzmagisch manipuliert“ – dann kann es sich bei so einem Menschen nur um einen Gegner R.Steiners, der Anthroposophie – oder des Mysteriums von Golgatha handeln.
Und man könnte auch meinen: ein Vorstand einer anthroposophischen Gesellschaft will sicherlich als allererstes so einen Menschen kennenlernen – und wird ihn sicherlich schleunigst zu sich einladen, um sich ein Bild von der Glaubwürdigkeit eines solchen Menschen zu machen…
Aber: weit gefehlt! Sergej Prokofieff erklärt uns nachdrücklich, daß ihn – als Geisteswissenschaftler – das persönliche nicht interessiert. Stigmatisationen und Nahrungslosigkeit sowieso nicht.“

Zum ganzen Artikel
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Rob Steinbuch: Stigmata zur Diskussion - mit besonderer Berücksichtigung des Falls Judith von Halle

Am Samstag 13. Oktober 2012 wurde in Zeist (Holland) ein öffentliches Gesprächstreffen über „Stigmata“ gehalten.
Die folgenden Themen werden dabei besprochen:
- Die Bilanz nach acht Jahren; die Arbeit von Judith von Halle.
- Stigmata im Lichte der Religionswissenschaften.
- Stigmata im Lichte der Anthroposophie.
- Die Zukunftsperspektive.
Der Anlass zu diesem Treffen war das Bedürfnis über das Thema „Stigmata“ mit einander zu sprechen. Seit den Ereignissen während der Passionszeit 2004 in Berlin hat dieses Thema auch innerhalb der anthroposophischen Gemeinschaft mehr Interesse bekommen. Rund um dieses Thema sind einige Fragen entstanden:
- Wie stehen wir von der Anthroposophie aus gesehen gegenüber das Stigmata Ereignis?
- Wie verhalten wir uns gegenüber die Arbeit von Judith von Halle?
- Welche Bedeutung hat diese Arbeit für die Anthroposophie?
- Und andere Fragen die Teilnehmer diesbezüglich weiter stellen möchten...
Diese Aufzeichnung enthält Dokumentation zur Vorbereitung dieses Treffens und anschließend einen Bericht vom Gespräch selbst.

Judith von Halle wurde 1972 in Berlin geboren. Sie studierte Architektur und hat als Architektin gearbeitet. Bereits als Kind fühlte sie sich besonders mit Christus verbunden. Sie lernte die Anthroposophie im Jahre 1997 kennen und trat in Dienst der Deutschen Anthroposophischen Gesellschaft. Dort war sie bis 2005 teilzeitbeschäftigt. Von 2001 bis 2003 hielt sie im Rudolf Steiner Haus in Berlin Vorträge über das esoterische Judentum und die Apokalypse von Johannes.
In der Passionszeit von 2004 traten bei ihr die Wundmale Christi auf. Seit diesem Ereignis kann sie nur Trinkwasser zu sich nehmen. Sie hält Vorträge und schreibt Bücher. Ihre Bücher sind erwähnt im Anhang dieser Aufzeichnung.

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Zum ganzen, umfangreichen Text von Rob Steinbuch
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Judith von Halle, egoistisch betrachtet

Auch die gesammelten, durchaus nicht zimperlichen Artikel der Egoisten in Bezug auf Judith von Halle sind nun wieder aufgeschaltet.
Die bisherigen drei kleinen Artikel wurden um drei neue erweitert, die zuvor im tagesaktuellen Egoistenblog erschienen waren.

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Ralf Sonnenberg: Vergangenheit, die nicht vergehen will

Nach längerer Abwesenheit aufgrund technischer Probleme ist nun auch wieder Ralf Sonnenbergs kritische Arbeit „Vergangenheit, die nicht vergehen will. Kritische Nachlese zum Erscheinen der Schriften »Rassenideale sind der Niedergang der Menschheit«. Zugleich ein Plädoyer wider die »anthroposophische Korrektheit«“ wieder bei den Egoisten verlinkt. Es geht dabei um die reichlich - um es gelinde auszudrücken- verdruckste Aufarbeitung rassistischer Elemente im Werk Rudolf Steiners: „Denn als rassistisch muss aus heutiger Sicht Steiners sporadisches Bemühen gewertet werden, biologische »Rassen« mit dem Grad der mentalen »Entwicklungsreife« ihrer Angehörigen zu korrelieren und so- mit eine Hierarchisierung von Menschengruppen spirituell zu begründen, deren unterste Sprossen den – aufgrund ihrer physischen »Degeneration« zum Aussterben verurteilten – Indianern sowie den von »Trieben« und »Witterungen« dominierten »Negern« vorbehalten bleiben.“ Aber es geht auch um Anthroposophie und Antijudaismus, und um die Deutschtümeleien eines Friedrich Rittelmeyers: „Die antijüdische Argumentation seiner Schrift »Deutschtum« stützte sich nicht auf einen völkischen Rassismus, sondern auf den traditionellen Antijudaismus der christlichen Konfessionen, von dem sich Rittelmeyer als Apostat der evangelischen Kirche offenbar zeit seines Lebens nicht loszusagen vermochte.“

Ralf Sonnenberg selbst bezeichnet sich als „Linksliberaler mit notorischem Hang zu heiklen Themen“.
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Verzeihung, Herr Ballmer

Bildschirmfoto 2013-03-08 um 19.15.59

Mea Culpa. Durch einen familiären Sterbefall, Erkrankung und zur Krönung einen Magen- Darm- Infekt sind wichtige Dinge liegen geblieben. Bedauerlich vor allem, eine ganze Tagung nicht angekündigt zu haben. Ich gelobe Besserung und hoffe, dass vielleicht ein Bericht über das Symposion von einem der Teilnehmer oder Dozenten hier nach gereicht wird. Ich reiche hier das übrigens wunderschön gestaltete Programm nach, wenigstens das. Der einführende Text:

Karl Ballmer wurde 1891 im schweizerischen Aarau geboren und wandte sich bereits früh der Malerei zu. Die Begegnung mit Rudolf Steiner 1918 wird er später als lebensentscheidend beschreiben – Ballmer war bald intensiv mit der Dornacher Arbeit verbunden und hielt im Oktober 1920 auf Einladung Rudolf Steiners drei Vorträge über Kunst beim ersten Hochschulkurs am Goetheanum. Noch im selben Jahr verließ er Dornach, um sich, wie er es selbst ausdrückte, durch die „Erwerbung eines umfassen- den Fundus an Wissen auf philosophischen und sonstigen wissenschaftlichen Gebieten“ die Grundlagen für eine „absolut selbstständige Beurteilung der von Dr. Steiner aufgerollten Erkenntnis- und Wissenschaftsprobleme“ zu erarbeiten. Nach Aufenthalten in Heidenheim, München und Stuttgart ließ sich Karl Ballmer 1922 in Hamburg nieder. Er wurde Mitglied der Hamburger Sezession, und seine Bilder wurden u.a. von Samuel Beckett sehr geschätzt. 1928 begann er mit der Herausgabe der „Rudolf-Steiner-Blätter“ sein öffentliches Eintreten für eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Anthroposophie. 1936 erfolgt ein Berufsverbot als Maler durch die Nazis, bald darauf das erzwungene Exil mit seiner Frau Käthe in die Schweiz. Bis zu seinem Tod 1958 lebte er in bescheidenen Verhältnissen im steten Wechsel zwischen Malerei und Erkenntnisarbeit in Lamone (Tessin).
Das Symposium wird in das Leben und Werk des Künstlers und Denkers Karl Ballmer einführen und die von ihm aufgeworfenen Fragen vor dem Hintergrund der Herausforderungen der Gegenwart im gemeinsamen Werkstatt- Gespräch bewegen.
Wie hat Ballmer den Ich-Begriff Rudolf Steiners und das darauf gründende Menschenbild aufgefasst? Weshalb hat er sich gegen das physiologische Dogma der „Willensnerven" so resolut ins Zeug gelegt? Weshalb betrachtet er die These, dass es keine „motorischen" Nerven gibt, als Angelpunkt der Weltanschauung Rudolf Steiners?“
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Wege im Buch der Bücher

weymann
Es gibt Bücher, die liest man halt- egal, ob in digitaler Form, mit gelbstichigem Papier, in einem Taschenbuchformat, das sich schon nach dem ersten Blättern in Einzelteile auflöst- und diese Beliebig- und Zeitweiligkeit erscheint den Inhalten völlig angemessen. Und dann gibt es diese anderen Bücher, die die man aus guten Gründen sorgfältig gebunden, in Greifweite haben möchte, in denen man immer wieder blättert, wobei das Gelesene in immer neuem Licht erscheint. Ein schönes Buch allein macht es da auch nicht, denn die Inhalte müssen etwas haben, das mit einem selbst mit wächst, das Raum für einen selbst eröffnet.

So ein schönes und reichhaltiges Buch legt Elsbeth Weymann mit "Wege im Buch der Bücher" vor. Entgegen dem ersten Anschein handelt es sich nicht nur um "Ausgewählte Originaltexte der Bibel- neu übersetzt und gedeutet". Elsbeth Weymann bettet ihre Übersetzungen in einen vorbereitenden und begleitenden Kontext ein, der selbst in knapper und für den Leser anregender Art und Weise die Wege mit geht, mit denen sie zu ihren Übersetzungen (und damit Deutungen) der Originaltexte gekommen ist.

Dass jede Übersetzung immer ein Wagnis, ein vorläufiger Versuch sein muss, erklärt Elsbeth Weymann schon in der Einführung. Schließlich hat die griechische Sprache in der Realität nicht nur viele Dialekte und Varianten gekannt, sondern hat sich auch im Verlaufe eine über 3000 Jahre dauernden Entwicklung immer weiter gewandelt. Auch das Alte Testament ist schon eine Übersetzung aus dem Hebräischen in die damalige Weltsprache Koine- Griechisch gewesen. Weymann zeigt am Beispiel des Wortes Agape, dass schon die Übersetzer aus dem Hebräischen sprachschöpferisch tätig sein mussten und das Wort deshalb bildeten, weil es in der griechischen Form bis dahin nichts gab, was diesen Liebesbegriff aus dem Hebräischen angemessen ausdrücken konnte. Denn es gibt keine "deckungsgleichen Sprachen, jede Übersetzung ist vorläufig und endet am Horizont des Übersetzers" (Weymann, S. 9).

Ähnliche (manchmal Augen öffnenden) Probleme ergeben sich bei der Übersetzung aus dem reichen, vieldeutigen Griechischen ins heutige Deutsch. Gerade in der Grammatik zeigt sich, dass sich in der Sprache subtil zeitgenössisches Bewusstsein in Formen prägt. Als ein Beispiel: Im Griechischen tritt "zu Aktiv und Passiv, als eine dritte eigene Form, das Medium hinzu (=etwas für sich, in seinem Interesse, seinem Bereich tun)." (Weymann, S. 15) Dieses "Schwebende" zwischen Aktivität und Passivität kennen wir so nicht mehr, bzw. die ganze Bandbreite des Ausdrucks in dieser einen grammatischen Form hat sich verändert und verengt. Um diese Enge wieder aufzuschließen, bezieht sich Elsbeth Weymann auf den "Dreifachen Schriftsinn", einen Begriff von Origenes, der einen Text nach Wortbedeutung, Grammatik und historischem Kontext, aber auch nach einem erkennenden Zusammenschauen und einem geistigen Gehalt erfassen möchte.

Im Verlauf des Buches geht Elsbeth Weymann einmal durch das ganze Jahr, aber nicht nur anhand von passenden Textstellen aus dem Alten und (vor allem) Neuen Testament, sondern auch durch eine den jeweiligen Kontext herstellende Hinführung, durch die die eigentlichen Übersetzungen, die nicht selten an moderne Lyrik erinnern, sich dem Leser erschließen. Hinzu kommen zahlreiche Exkurse und Erläuterungen zu den spezifischen Übersetzungsentscheidungen für einzelne Begriffe. Elsbeth Weymann macht also die oben genannten spezifischen „Probleme" der Übersetzung transparent, und bezieht den Prozess der Überlegungen und der Kontextualisierung mit ein, der sie zu der vorliegenden Deutung geführt hat. Daher findet der Leser nicht etwas Fertiges vor, sondern wird in die Prozesse sprachlicher Gestaltfindung und Deutung mit einbezogen.

Nicht zuletzt findet man in dem Buch ein weiteres behutsames Zurückdeuten auf den Leser- etwa, wenn Elsbeth Weymann nach der Übersetzung des Magnificat der Maria (Luk, 1, 46-55) auf den meditativen Charakter des Textes hinweist: "Die Worte des Angelus Silesius: "Du musst Maria sein und Gott in dir gebären" sind eine Möglichkeit, die Aussagen dieses gewaltigen Hymnus auch auf die eigene Seele zu beziehen." (Weymann, S. 36) Die Gegenwärtigkeit eines solchen Hymnus und der Bezug auf eigenes, inneres Geschehen wird aber in den transparent gewordenen, einerseits erklärend aufgeschlossenen und dann wieder lyrisch- rhythmisch gestalteten Texten in diesem Buch für den Leser nicht nur zu einer das Jahr umspannenden Anregung, sondern auch zu einem "schönen", reichhaltigen Buch, in das man immer wieder gern hinein schauen möchte.

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Link: Elsbeth Weymann bei den Egoisten
Das Buch im Urachhaus- Verlag (Verlag Freies Geistesleben)
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Tauchen unter dem Eis

Es gibt - jedenfalls in einer Existenz- Situationen, in denen sich der Körper seiner Benutzung weitgehend entzieht, vor allem, was die sensorische Verarbeitung betrifft, trotz aller Einschränkungen die Möglichkeit geistiger Präsenz. Das ist zum Beispiel bei einem Migräne- Anfall oder anderen chronischen Schmerzen der Fall. Stoffwechsel, Verdauung, Möglichkeiten, überhaupt motorisch, intellektuell oder sozial tätig zu sein, entfallen dann oder erscheinen doch sehr gestört. Tag und Nacht gehen ineinander über wie Schemen. Ein solches temporäres Schattendasein betreibt man in einer Nische der Welt, in der Rumpelkammer der Biografie. Medizinische Mittel gibt es gegen diese Art von Schmerz nicht; im Gegenteil, eine Reihe von Schmerzmitteln bewirken durch Anreicherung von Histamin den gegenteiligen Effekt und verlängern den extraterritorialen Zustand immer weiter. Mit anderen Worten: Man kann es nur ertragen.

Trotz des Mangels an geistiger Fokussierung ist es aber möglich, unter dem Eis zu tauchen. Zumindest in gewissen Ausnahmezuständen kann man eine geistige Kraft nutzen, die unter der intellektuellen Verarbeitungsaktivität gelegen ist- bemerkbar an einer Energie, die merklich mit der Aktivität der Chakren zusammen hängt. Man muss lauschen, ohne zu suchen, man muss die Welle nutzen und sich mit ihr auf offene Meer bewegen. Es ist offenkundig ein Bewusstsein möglich, das aus reiner Kraft besteht und das das momentan nicht nutzbare Instrument des Gehirns buchstäblich unterläuft.
Denn es gibt eine zweite (und dritte? und vierte?) Ebene des Bewusstseins, in der man aber wesentlich willenhafter, aktiver tätig ist als beim eher passiv- hinnehmenden intellektuellen Betrachten. Wenn der Intellekt durch ein schmerzhaftes Einfrieren praktisch unbrauchbar geworden ist, wenn der Körper ein toxisch zeitweilig überspülter fremder Mikrokosmos ist, dann bleibt gar nichts anderes übrig, als rein aus innerer Aktivität zu schöpfen. Es geht, tatsächlich, zumindest, wenn man in guten Tagen etwas Übung gefunden hat. Und man bewegt sich dann in einem nicht vom allgegenwärtigen Schmerz berührten Bereich.

Die reine Präsenz, die man aufbaut, leuchtet einen inneren Raum aus, der von jeder denkbaren und unvorstellbaren Tiefe sein kann. Es ist immer offen, was bei einem solchen Besuch geschehen kann, wobei doch bestimmte Regeln gelten. Die reine, sich selbst bewusste Geistesgegenwart kann z.B. an etwas rühren. Das gelingt nicht immer, hängt von dem Grad der Befreiung und der Stille ab. Wenn alles stimmt, dann kann dieser innere Raum, den man rein geistig schafft, an seiner Innenseite erhellt und belebt werden. Plötzlich werden imaginativ dynamische Kräfte erlebbar- manchmal farbig, in jedem Fall auf ganz typische Art und Weise belebt, ähnlich intensiven, dichten Wellen- und Wolkenformen, die aus ihrer eigenen Mitte entspringen und die Tendenz haben, sich von vorne spiralig auf das eigene Zentrum zuzubewegen.

An diesem Punkt der Erfahrung solcher Dynamik bin ich im Leben verschiedentlich gewesen. Früher war es so gewesen, wie auf eine Lichtung im tiefen Wald zu treten, in der plötzlich Licht und Himmel in den Blick treten. Man hat keine Ahnung, wie man da hin geraten ist und wüsste beim nächsten Mal den Weg dorthin nicht zu finden. Aber mit den Jahren wird diese Lichtung unter dem Eis eine Art Konstante, ein Orientierungspunkt. Und es vertieft sich.

Diese reine und unerschöpfliche Energie ist etwas, was man selbst nicht einfach hervor bringt. Es ist keine Vision. Diese Dynamik ist ein Teil der Lebenskräfte selbst, ein universelles ununterbrochenes Schaffen, dem man in diesem Augenblicke nahe kommt. Und man hat deutlich die Empfindung, dass diese Kraft mit dem Denken selbst zu tun hat - es ist die Lebens- Bewusstseinskraft schlechthin. Die auf einen selbst zielende Kraft begreift man in den heiligen, kostbaren Momenten auch als Wesensberührung, denn diese Dynamik ist Willen, in dem man etwas Wesenhaftes ahnen kann. Die Berührung ist zart.

In dem Augenblick, in dem man an Berührung denken kann, verwandelt man sich aber auch selbst. Es geschieht etwas wie das Aufkommen einer tiefen Frömmigkeit, einer hingebenden Aktivität, die es überhaupt erst möglich macht, die sich ständig wandelnden Kräfte in sich hinein zu nehmen. Und noch viel kostbarer kann etwas erlebt werden wie eine Antwort auf die Berührung, die dem Inneren des Innenraums zu entspringen scheint und die Charakteristika einer Naturkraft hat. Es erscheint ähnlich dem Vorgang in der Natur, wenn die Frühlingssonne die ersten Spitzen der Frühblüher aus dem Boden lockt. Man wird berührt, und dann erwacht eine Wachstumskraft, die persönlich ist, aber von einer solchen ursprünglichen Kraft, die wir sonst nie erleben, weil wir "zerstreut" sind in einer komplexen leiblichen Wahrnehmung und Steuerung. Jetzt ist jede "Zerstreutheit" aufgehoben. Die Kraft, die als Antwort aus dem Innersten erwacht, ist zweifellos ein Aspekt des Ich, aber so wesenhaft und ursprünglich, so ungeteilt, unmittelbar und rein, dass sie kaum vergleichbar ist mit der uns bekannten, dreimal gebrochenen, indirekten Art des Selbsterlebens. Wir erleben uns als das ungebrochene, ursprüngliche Selbst, eine geistige Aktivität ohne jede Brechung.

Das ist der Punkt, hier, unter dem Eis, an dem die geistige Arbeit beginnt. Nicht dass man Schmerzen und Krankheit dazu bräuchte. Aber es geht auch trotz des widerständigen körperlichen Systems.

Rudolf Steiner geht auf diese Konstellation von Erfahrungen im rein geistigen Raum ein in „Welche Bedeutung hat die okkulte Entwicklung des Menschen für seine Hüllen und sein Selbst? (S. 94): „ Wenn man nun beginnt, so aus sich selber gleichsam herausströmend zu fühlen Gegengefühle gegenüber der Weisheit, Schamgefühle, Dankbarkeitsgefühle, wenn einem das gleichsam aus dem eigenen Organismus heraus aufstößt, dann macht man dadurch wiederum die erste elementare Bekanntschaft mit etwas, das dann weiter kennengelernt werden muss in der fortschreitenden okkulten Entwicklung. (..) Durch das, was da zurück sich staut, was da aus uns selber heraus dringt in dem Gefühl von Dankbarkeit und Scham, das einen Persönlichkeitscharakter hat, weil es aus uns herauskommt, durch das bekommen wir den ersten elementaren Begriff von dem, was man Archai oder Urkräfte nennt (..).“
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Parzival 2013

"Die geisteswissenschaftliche Entwickelungslehre wird mitgeteilt; sie soll nicht geglaubt werden, sondern die Menschheit soll durch eigene Urteilskraft dazu kommen, sie zu verstehen. Sie wird verkündet denen, die den Keim der Parzival- Natur in sich tragen.“*

Ein bisschen Lehre ist Anthroposophie ja schon, man muss zumindest die Grundvokabeln und Grundstrukturen ihrer Menschen- und Weltsicht kennen; die, die in Listen feilgeboten werden, Leiber auf Leiber und Welten auf Welten. Und Götter auf Götter. Man muss die Vokabeln kennen, um sich überhaupt eine Vorstellung machen zu können, welche Vorstellungswelt, welches Bild von Wirklichkeit und Identität im tiefsten und umfassendsten Maße einem hier angeboten wird. Übrigens meint Steiner ja im unteren Blogbeitrag, dass selbst diese Grundkenntnisse, und vielleicht ein ganz klein wenig Glauben, eine gute Beuys’sche Wegnahrung (Sie wissen schon, Schlitten mit Kupfer- Spazierstock, totem Hasen und jeder Menge Fett) darstellen für den letzten Weg, den wir alle gehen - einfach weil man einen Begriff davon hat - zumindest schematisch-, wie man sich selbst und Andere als reine Energieform, ohne jede Leiblichkeit, vorstellen könnte.

Man kann, weil man die Begriffe einmal gebildet hat, nun wie mit Augen sehen, die einem aufgehen, man kann den Blick erheben und sich lösen von den Formen und Abläufen der physischen Existenz. Vor allem ist wohl eine sehr andere Art und Weise des Kommunizierens angezeigt- eine ohne Körpergrenzen, ohne Laut und ohne Ton und ohne äußeres Licht. Nun, es wird schon gehen, aber man tut sich leichter, wenn man, wie Beuys über den Mond sagte, "die Gegend schon kennt."
Meditation ist in dieser Hinsicht ein Trainingslauf, und wenn man tatsächlich an die Quellen der Tiefe rührt, den warmen Strom, in dem man im nahrhaften lichten, sich verschenkenden Bewusstsein mitgeht, die äußere Natur in jedem Augenblick zum Zeichen wird, dann ist man wohl dabei, wie Steiner forderte, "durch eigene Urteilskraft dazu kommen, sie zu verstehen", die Entwicklungslehre. Allerdings baut er auch wieder Hürden auf, indem er diejenigen anspricht, die einen Satz wie "Das, was als Ich im Menschen lebt, das ist das Christus-Wesen“* tatsächlich verstehen und damit realisieren können. Es ist etwas, was man in Form von Nektar zumindest gekostet hat.

Was aber ist die "Parzival- Natur"? Ich weiß schon, gemeint sind die, die einen unheilbaren Riss in sich spüren und die von der unentwegten Frage nach Sinn getrieben sind. Aber wie oft wird der Riss in sich durch die Antworten, die man zu erhalten glaubt, lediglich verdeckt? Man stiftet den Sinn, den man sucht, selbst, und befindet sich unversehens in einer "Lehre", mit all den Verteidigungs- und Rechtfertigungsschlachten, die mental und verbal dadurch entspringen. Vor allem erhält man den Service dieser umfassenden Sinnstiftung, einer persönlichen Teleologie, und was, bitte, will man mehr? Der gefundene Sinn beendet jegliche Suchbewegung. Anthroposophie degeneriert dann allerdings zu erstarrten Positionierungen und Verteidigungslinien, weil dieser Parzival, wiederum gescheitert, sie zu einer Krücke für sein Ego hat verkommen lassen.

Das Fragen Parzivals hört nie auf. Er befragt auch seine eigene Anthroposophenschaft. Wo stehe ich darin, wie profitiere ich? Was kann ich bieten? Wo setze ich es wirklich um? Bin ich stolz auf mich, Anthroposoph zu sein? Denke ich, dadurch Besonderes zu sein, ein heraus ragender Zeitgenosse, ein „Zeuge der Zeit“? Wie bescheuert kann ich eigentlich sein? Ich füttere mein Ego mit blutigen Brocken vom Leib der Sophia. Und ich muss mir nichts einbilden, das ist nur ablenkender Unsinn. Man macht sich etwas vor. Geh an den Kern der Probleme. Dort, wo es weh tut. Welche Wunde willst du mit Anthroposophie verdecken oder gar füttern? Warum machst du das mit dir? Was sind die Teile, die in dir auseinander fallen? Fass sie ganz genau ins Auge. Das ist das, warum du dir immer wieder denselben Streich spielst. Und wenn ich mir auch Anthroposophie aus einem Hauch von Eitelkeit und Wunsch nach Bedeutsamkeit im Leben angelacht habe, kann man ja doch etwas daraus machen, oder? Ich kann auch mit meinen privaten und höchst persönlichen Eigenheiten versuchen, einen geklärten, mit sich selbst versöhnten (das ist das Schwerste) Anthroposophen in die Arena der gebildeten Gedanken zu stellen. Oder etwas Konstruktives entwickeln helfen. Oder das, was ich tue, mit ganzer Präsenz tun. Parzival begegnet heute dem "Bösen“, dem Hinderlichen, aber auch stets Aufbauenden in sich. Auftritte und Abgänge der persönlichen Widerstände, das ist ein Leben in suchender Bewegung. Das ist die Frage, die Parzival heute stellen sollte: Wie kann ich mit mir leben?

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* Rudolf Steiner, Das Prinzip der spirituellen Ökonomie im Zusammenhang mit Wiederverkörperungsfragen . Ein Aspekt der geistigen Führung der Menschheit
Dreiundzwanzig Vorträge, gehalten zwischen dem 21. Januar und 15. Juni 1909 in verschiedenen Städten
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Östliche und westliche Initiation

Wenn man also die kulturellen Grenzen überwunden und die Realität eines Entfaltungsprozesses wie den von A. H. Almaas, den er in vielen Büchern und über Jahrzehnte beschrieben hat, verfolgt hat - so weit die eigenen Möglichkeiten und das innere Mitvollziehen reichen-, ist man vor allem voller Bewunderung. Seine Grundannahmen, in denen er zwischen mind (Verstand, Alltagsdenken) und nous (geistige Gestaltungskraft, Imagination, Inspiration, Intuition) unterscheidet, ist nachvollziehbar, ebenso wie die ganze innere Bewegung, die Almaas darstellt. In Almaas meint man etwas wieder aufleben zu sehen, was spätes Erbe einer vergangenen spirituellen Hochkultur ist, wenn auch auf ganz eigene Art und Weise aufgefasst. Und dazu noch heiter, gelassen und völlig realistisch:



Man fühlt sich erinnert an die weiten Reisen des Christian Rosenkreutz in den fernen Orient, auf der Suche nach den Quellen der östlichen Initiation im Mittelalters. Jostein Sæther fasst diese historischen Reisen ja auf seiner Website in mehreren Teilen zusammen, so dass man einen Eindruck bekommt. Es gab und gibt eben immer eine Vielfalt islamischer Impulse. Einen simplen Dualismus sucht man bei Almaas vergeblich, ebenso wie eine nur ekstatische Suchbewegung. Was man aber schon konstatieren kann, ist das Unermüdliche des spirituellen Wachsens, eine Art atemlosen sich weiter Hineindrehens in die reine geistige Erfahrung. Man findet schon imaginative Grundmotive, bei denen Almaas längere Zeit verweilt. Aber ein grundsätzliches Innehalten, ein Reflektieren, Bestätigen und Atemholen findet eher nicht statt. Almaas tanzt in einer steilen Kurve in ein Kosmisches Bewusstseinsfeld, das für den Leser, sofern er nicht in einer ähnlich weit entwickelten Lernphase steht, trotz der Konkretheit der geschilderten Erfahrung allmählich außerhalb des Fassbaren gerät. Die Tiefe einer Erfahrungsebene erschließt sich dem Leser eigentlich nur dann, wenn er die angesprochene Phase tatsächlich selbst mit Leben füllen kann- real, nicht nur als gedankliches Konstrukt. Bei den Versuchen der Reflexion bemerkt dann schnell, dass Almaas selbst schon weiter getanzt ist. Natürlich hat Almaas auch - in anderen Büchern- andere Seiten- etwa die des Psychologen und reflektierenden Wissenschaftlers. Er selbst ist ja Physiker. Aber in diesem Buch - „Luminous Night's Journey" (hier ein Ausschnitt) - erscheint er wie jemand, der in den Urlaub fährt, aber nie ganz ankommt, weil er weiter und weiter fährt, eine nicht enden wollende Kette von Erlebnissen und Erfahrungen. Mancher "Reiseeindruck" erscheint dabei eher von Postkartenumfang.

rosenkreutz
Ganz anders der in der Rosenkreuzer- Tradition stehende Steiner, der erstens sehr viel weiter und konkreter ausgestaltet, als es die Mal um Mal tiefere, auch psychologisch reflektierte Selbstbeschau eines Almaas erlaubt. Zweitens stellt sich dieser in seiner autobiografischen "Journey" doch überraschend spät in eine Konfrontation mit dem Tod. Im selben Augenblick kommt die kalifornische Heimat und Natur in den Blick, ja selbst etwas wie Alltag. Das wird dann etwas flach, gerade im Gegensatz zu den extrem innerlich- mystischen Kapiteln zuvor. Man sieht, dass Almaas völlig berechtigt und verständlich vor allem in einer realen mystischen Tradition steht, die er in der Gegenwart nicht etwa referiert, sondern beispielhaft vorlebt. Seine Schilderungen sind staunenswert. Dennoch kann man eben das vermissen- die simple, aber so schwierige Umsetzung in den Alltag. Im Gegensatz dazu ruft Rudolf Steiner in seiner Schulung schon früh zur Vertiefung in die Natur, die Gesteine, die Jahreszeiten auf, durch eine Metamorphose des Denkens in ein reines, inhaltsloses Tun. Steiner ist selbst in einem sehr okkulten und intimen Buch wie "Welche Bedeutung hat die okkulte Entwicklung des Menschen für seine Hüllen und sein Selbst?" darauf aus, die innere Entwicklungsschritte mit der konkreten Umwelt zu verbinden: "Ein anderes Ergebnis wird sein, dass man während der Winterszeit durch die esoterische Entwicklung immer mehr und mehr fühlen wird, dass man sozusagen mit seinem inneren Ätherleib nicht so in sich geschlossen ist wie während der Sommerszeit, sondern dass man mehr in Zusammenhang kommt mit dem unmittelbaren Geist der Erde… man wird verstehen lernen, dass der Geist der Erde wacht im Winter." (S. 76 ff)

Aber das meint kein Besser oder Schlechter, kein Weiter in der Entwicklung, sondern es meint die Freude an der Vielfalt der esoterischen Nuancen, Traditionen, Schwerpunkte. So wie Christian Rosenkreutz im Mittelalter erlebt man die unterschiedlichen Betonungen in der Entwicklung des Individuums in den verschiedenen Kulturen. Das schließt sich nicht gegenseitig aus, sondern ergänzt sich- zumindest dann, wenn eine methodisch saubere, moralisch ausgewogene und geistig klare Wegbeschreibung vorliegt.
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Der anthroposophische Eselskarren

Natürlich findet man auch in Büchern und bei Autoren, bei denen sich die Nackenhaare sträuben, nicht selten Fundstücke aus der esoterischen Kiste, die ganz dem eigenen seelischen Geschmack und der Art der geistigen Aktivität entsprechen, d.h. man fühlt sich durch Fundstücke, Bruchstücke, Metaphern innerlich beflügelt und inspiriert. Wohl dem, der trotz der rigorosen Eigenständigkeit seines Denkens dennoch eine Anmutung erfahren kann, wo er so etwas wie eine Spur von geistiger Heimat finden kann. Nicht eine simple Selbstbeschränkung, sondern ein Gefühl für die innere Orientierung, die der eigenen Objektivität nichts nimmt, aber doch das Empfinden für ein inneres Lot.

Ich selbst habe dergleichen nicht an einem bestimmten Ort gefunden - auch nicht in Dornach - aber seit bald vierzig Jahren in kleinen Texten über die Person des Christian Rosenkreutz. Solche Texte und Zitate Rudolf Steiners findet man z. B. auch im unten angesprochenen Buch von Sergej O. Prokofieff, auch wenn seine Kontextualisierung mir im einzelnen nicht gefallen mag. Aber die Textstücke alleine bewirken, dass mir warm ums Herz wird - sie sprechen manchmal etwas an, was zu einer spezifischen Intimität gehört, die nur der kennt, der wirkliches inneres Gespräch, Meditation oder tatsächliches rückhaltloses Beten aus der Erfahrung kennt. Umgekehrt sind Menschen, die dergleichen kennen, ohne Umschweife dazu in der Lage, solche Intimität anzusprechen, egal, aus welcher ideologischen oder mystischen Lage, aus welcher Weltgegend oder Kultur sie entstammen.

So geht es mir, wie schon öfter erwähnt, mit dem aus Saudi- Arabien stammenden, in der Mystik der Sufis aufgewachsenen A.H. Almaas, etwa in "Luminous Night' s Journey", auch wenn seine imaginative Bildwelt einem Westeuropäer nicht immer nahe steht. Almaas' Imaginationen wurzeln im genannten Buch z.B. stark in Materialien wie Metallen, Perlen oder bestimmten Gesteinsarten. Darauf kommt man so nicht, wenn man aus dem verregneten feuchten Klima der gemäßigten Nordhalbkugel stammt. Die Imaginationen sind offensichtlich gesättigt von kulturellen Einflüssen und spezifischen Einflüssen aus Kindheit und Umgebung. Manches klingt bei Almaas auch seiner Wahlheimat Kalifornien verwandt - kein Wunder, da er seit etwa vierzig Jahren dort lehrt, arbeitet und mit engen Freunden ein Studienseminar aufgebaut hat. Es ist eher die intuitive Ebene, auf der ich seine rationale Mystik als real und verlässlich empfinde, etwa wenn er über ein tiefes Stadium der Versenkung schreibt (S. 61): "The peace is itself the presence, which is complete stillness of mind and consciousness. Total transparancy, complete purity, and absolute absence of obstruction. The feeling is an indescribable intimacy."

Ja, wer diese spezifische unbeschreibliche Intimität kennt, weiß eben, dass dieser Mann wahrhaftig spricht. Diese Intimität, dieses einzigartige Empfinden ist eben ein notwendiger Teil des Herzdenkens. Es ist die tiefe Freude, ein geradezu sprudelndes Inneres Glück, jenseits des Nur- Persönlichen in einen inneren Strom einzutauchen, der mit dem Innersten zusammen hängt, und also dennoch immer persönliche Züge annimmt. Das Glück des Sich- Verschenkens, das zugleich ein Sich- Finden bedeutet, aber auch eine aktive, präsente, ungebrochene Zuwendungsfähigkeit. In dieser Phase des Erlebens ist die Unmittelbarkeit und Intimität so groß, dass man weiß, an den Wurzeln der Existenz zu stehen, zu atmen und zu schauen.

Es gibt die innere Orientierung wie zu Christian Rosenkreutz, aber auch die zu Denkern wie Almaas, trotz aller kulturellen und religiösen Differenzen, ja trotz seiner ganz anderen inneren Dynamik und der Art seiner Metaphern und Imaginationen.

Man muss sich das, "woher der Wind weht" heute aus aller Herren Länder zusammen suchen. Der anthroposophische Zusammenhang hat, solange er die Intimität des Erlebens nicht kennt (wie etwa bei Prokofieff), etwas von einem Eselskarren, der treu und mit Scheuklappen behaftet, seiner Wege geht. Wer aber hinten auf den Karren aufspringt und tatsächlich mitfährt, ist eine andere Frage. Das ist eine ganz bunte Gesellschaft.
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Ich kam mit Herrn Prokofieff nur bis Seite 21

Im neuen Jahr wollte ich mich benehmen. Wirklich, es sollte still und beschaulich sein, so wie sich Anthroposophen lehrreiches Beisammensein und soziales Wirken, Studium der „Geisteswissenschaft“ usw meist vorstellen: Konfliktfrei und duldsam, leise und zurück haltend, und wenn einem das Fell über die Ohren gezogen wird, dann verbucht man das gefälligst als Lehrstunden fürs Karma. Aber in meinem Fall, leider, sehen die karmischen Perspektiven nicht gut aus.

Ich lese ja, um mein bisheriges Urteil eventuell zu revidieren, immerhin bestimmte Autoren, die ich besonders hohl, blöd oder nichtssagend fand, regelmäßig neu. Etwas heraus picken, ein Buch, einen Aufsatz und sich selbst auf Wohlwollend- Neutral stellen. So zumindest die gute Absicht. Und so nahm ich mir Sergej O. Prokofieffs "Die okkulte Bedeutung des Verzeihens" - ein bemerkenswertes Thema - wieder vor. Und siehe, schon auf Seite 21 liege ich da wie ein gestrandeter Wal. Hätte sich Prokofieff bislang darauf beschränkt, kunstvoll Zeile für Zeile des Vaterunsers mit den anthroposophischen Vorstellungen von sieben Kulturepochen zu verflechten (was hübsch anzusehen ist, aber auch beliebig wirkt), so geht es dort, wo ich bislang gestrandet bin, um das Eingemachte, nämlich um Christus, dem Herr Prokofieff offenbar irgendwie nahe steht:

"So ist (...) der Hauptunterschied zwischen den "Knechten" des Christus und seinen "Freunden", daß erstere auch heute noch von den ihnen von außen gegebenen "Gesetzen" und "Geboten" geleitet werden, während für die zweiten vor allem ihr Wissen davon charakteristisch ist, was der Christus in jeder Epoche der Erdenentwicklung von uns erwartet, und das bedeutet heute, in der gegenwärtigen fünften nachatlantischen Kulturepoche." („Wissen“ im Original kursiv gesetzt)

Woher, zum Teufel, weiß Herr Prokofieff davon, was Christus denkt, fühlt oder gar "von uns erwartet"? Christus, der, der nicht ganz zufällig am Kreuz gestorben ist, ist nun nicht gerade der Prototyp dessen, der irgend etwas erwartet. Er ist kein Feldherr, der zum letzten Gefecht aufruft, kein Rächer und kein Richter. Ganz im Gegenteil. Er ist die Verwirklichung der Barmherzigkeit, selbst gegenüber geisteswissenschaftlichen Überfliegern. Er erwartet nichts, das macht ihn gerade aus. Also von wem Herr Prokofieff da eigentlich spricht, weiß ich leider nicht. Es ist aber wohl nicht Der, den ich meine.

Und dann weiter im Text. Ja ja, die Knechte sind immer die Anderen. Die Nullitäten. Die aus der Evolution Fallenden. Wir, wir sind die Freunde des Herrn, wir stehen ihm nahe, und vor allem, meint Herr Prokofieff, wegen unseres kursiv geschriebenen „Wissens".
Wissen? Im Sinne von enzyklopädischem Okkultismus? Im Sammelbottich der frömmelnden Gelehrsamkeit? Wie viele evangelische Pastoren haben sich schon vorgemacht, dass Wissen (und Predigen) einen in dem Himmel bringt? Wie viele brave Anthroposophen lesen Steiner en gros, um durch das krampfhafte Steiner- Lesen irgendwie an dessen Genie zu partizipieren? Jeder einfache buddhistische Pilger würde sich ausschütten vor Lachen. Dieses exquisite angebliche oder tatsächliche "Wissen" ist doch eine Anmaßung, eine sich selbst fühlende und alles Greifbare verzehrende Larve. Die behauptete Nähe - im Sinne einer Gleichberechtigung im Verhältnis zu Christus- genießt die schöne Wärme, die sie selbst erzeugt. Nein, ich denke nicht, dass man durch Wissen allein Freunde gewinnt. Ich denke auch nicht, dass man durch angehäuftes esoterische Informationen irgendeine innere Wandlung erfährt- eher im Gegenteil. Das schlichte kombinatorische Denken, das Herr Prokofieff bis Seite 21 praktiziert, genügt sich zwar selbst, gefällt sich und beklatscht sich. Es ist, mit anderen Worten, eine Seuche. Man möchte Christus vor dem Zugriff dieser Art von "Wissenden" am liebsten in Schutz nehmen, vor diesem strohdürrem Zeug. Aber gut, es ist, da Herr Prokofieff im Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft vorsteht, ja nicht etwas Exotisches, was er vertritt. Es ist eine offizielle Nullität.

Und wir, wir werden mutig sein. Vielleicht nicht heute, vielleicht nicht morgen, aber irgendwann werden wir es wagen und weiter lesen, über Seite 21 hinaus.
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Abschied von Kreuzfahrtschiff Anthroposophie zu Ansgar Martins "Rassismus und Geschichtsmetaphysik. Esoterischer Darwinismus und Freiheitsphilosophie bei Rudolf Steiner"

Der viel zu früh verstorbene amerikanische Romancier David Foster Wallace hat in "Schrecklich amüsant- aber in Zukunft ohne mich" seine persönlichen Schrecken auf einer eine Woche währenden Luxuskreuzfahrt in der Karibik beschrieben. Er ist als Stranger in a strange land inmitten einer Gesellschaft auf hoher See gelandet, der er nicht entfliehen, deren Verhaltenskodex er aus Unkenntnis, Verweigerung und Verstörtheit er aber auch nicht entsprechen kann. Das beginnt beim Ententanz-Kurs für 500 erwachsene Männer und endet keinesfalls bei eleganten Dinners. Eigentlich ist schon die Grundfrage, warum er sich freiwillig auf eine solche Unternehmung einlassen hat, nicht einsichtig, wenn jeder ihm erklärt, diese Zeit an Bord werde benötigt als "wohlverdiente und längst überfällige Belohnung für irgendwelche Belastungen der vergangenen Wochen/Monate/Jahre oder aber als letzte Chance zum Aufladen irgendwelcher psychovegetativer Batterien oder gar beides zusammen." (S. 45)

Während Wallaces Buch zu einem urkomischen Bericht zwischen inkompatiblen Lebensentwürfen wird, positioniert sich Ansgar Martins - durchaus ernsthaft und ironiefrei, aber auch als Stranger in a strange land - als Betrachter einer Anthroposophischen Gesellschaft, die ihren Kapitän Rudolf Steiner auch 100 Jahre nach dessen Wirken als sakrosankt und unfehlbar ansehen möchte, ungeachtet der zahllosen, Jahrzehnte andauernden Diskussionen etwa über dessen rassistische Bemerkungen. Martins geht das Kreuzfahrtschiff einmal der Länge nach ab - entlang der Entwicklungs- und Deutungsphasen ihres Kapitäns- und entfaltet dabei seine These, dass die "gewissen Stellen" im Werk Steiners keine einzelnen populistischen Entgleisungen gewesen sein können, sondern mit einer sich wandelnden, aber doch zentralen Teleologie im Werk Steiners zusammen hängen- der Weiter- und Höherentwicklung des Individuums im Sinne eines "esoterischen Darwinismus".

Martins berichtet zunächst den Forschungsstand in Bezug auf rassentheoretische Aussagen Rudolf Steiners, d.h. Rassismus „aufgrund der Abwertung von Rassen und Völkern und der Überhöhung der weißen Rasse, namentlich der Deutschen". Dabei spielen der hier zitierte Zander und der amerikanische Historiker Staudenmaier eine zentrale Rolle. Auch Staudenmaier vereinfacht die Rolle der Rezeption Steiners im Nationalsozialismus nicht- es habe sowohl „folgenschwere Feindschaft", „Distanz und Resonanz" gegeben „und eine vereinfachende Deutung verkennt leicht die Spannungen zwischen beiden Polen".
Ähnlich differenziert geht Martins in seinem Buch vor.

So greift er auf die Biografie Steiners zurück, vor allem auf „seine intellektuelle Sozialisation im Vielvölkerstaat Habsburg" (S. 22). Während des Studiums bezeichnete sich Steiner in seinem Selbstbild selbst als Teil „der deutsch- nationalen Bewegung" und sah für die Deutschen eine „“geistige" Aufgabe und „Kulturmission"" (GA 30, 1884, Martins S. 24).
Als Redakteur der Deutschen Wochenschrift (1888) häufte Steiner „offenherzig Stereotyp um Stereotyp" (S. 25) an und schrieb vom Deutschen als „von sittlichem Hochsinn" durchtränkt, während er den Franzosen mit ihrer „Frivolität" und „Liberalität" nichts als „klügelnde(n) Verstand" unterstellte. In einer Rezension entglitten Steiner trotz seiner Ablehnung des Antisemitismus und jedes „Rassenkampfes" dennoch Äußerungen wie die, „Das Judentum als solches" habe „keine Berechtigung innerhalb des modernen Völkerlebens". (S. 28) Die peinlichen Belehrungen des jüdischen Hausherrn Ladislaus Spechts durch den jungen Steiner, der im Haus ein und aus ging, hat Steiner in seiner Autobiografie ganz unbefangen wiedergegeben: „Aber es war bei dem Hausherrn, dem ich sehr zugetan war, eine gewisse Empfindlichkeit vorhanden gegen alle Äußerungen, die von einem Nicht-Juden über Juden getan wurden (S. 29)“. Was nur zu verständlich war.


zum ganzen Text (Buchbesprechung)
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Michael Eggert: Die determinierenden Schattenwürfe des Karma

Den Exoten und exzentrischen Querdenkern, die sich mit Fragen beschäftigen, wo eigentlich diese spirituell Hochbegabten und auch die reinkarnierten Steinerschüler stecken? Wir torkeln hier von Krise zu Krise, und was tragt ihr bitte zu neuen Impulsen bei? Die totale politische Nichtgestaltung und Ideenlosigkeit ist ja heute geradezu Programm. Schatz, wir haben die Ideen geschrumpft, aber dafür auch den Extremisten, Fanatikern und Ideologen das verwaiste Feld überlassen.

Ich denke, dass es heute so viele Formen gibt, in denen man steckt und wirkt. Ich denke auch daran, dass es ja auch - um etwas heraus zu greifen- eine Krise der menschlichen Körper gibt, selbst wenn gewisse gesellschaftliche Schichten statistisch gesehen heute älter werden denn je. Reiche sind auch weit weniger bedroht durch aktuelle Einflüsse wie die von Umweltgiften, Radioaktivität, dem aggressiven Destabilisieren der sinnlich- existentiellen Ebene durch Geruchs- und Geschmacksstoffe (und eine verzuckerte Ernährungsindustrie ohne jede Moral auch den Tieren gegenüber).

Es gibt auch eine genetische Querebene. Einerseits die Geschichten, die man hört, wenn einer der Freunde die Familienchronik bis 1500 liest und voll sentimentalen Entsetzens berichtet. Was für entsetzlichen Personen man da entstammt, wenn man es denn weiß. Aber auch die jüngst Vorangegangenen können hier und da und bei Leuten, die eben damit geschlagen sind, einen soziopathischen Einschlag nicht verhehlen. Und ja, dem, der in sich selbst schaut, kann nicht wirklich verborgen bleiben, was man da potentiell mit sich herum trägt. Das Blut hat vielleicht kein Gedächtnis, aber die Genetik schon.

Mit diesen Dingen schlägt man sich herum, und das eigene Karma ist zunächst der Schutz davor, das tatsächlich wahrzunehmen. Das eigene Karma ist die Brille, die Blindheit, mit der wir geschlagen sind, vielleicht auch die innere Unaufrichtigkeit, in der wir mit uns umgehen und die auch unsere Wahrnehmung Anderer beeinflusst. Die partielle Amnesie, der Wucht der ungesteuerten Antriebe in sich zu begegnen. Unser Schicksal ist ja auch, die wüste Inkarnationsbude, in der wir uns eventuell wieder finden, aufzuräumen. An der Zimmertür hängt ein Schild, Heute leider geschlossen. Mieter und Besitzer sind reichlich beschäftigt.

Aber natürlich ist der Mensch immer findig gewesen. Er findet Mittel und Wege, technische Medien, Begegnungsstätten, Suchbewegungen. Er lebt eher auf, wenn die Lebensläufe, Biografien, inneren Befindlichkeiten Risse, Dellen und Auswüchse aufweisen. Wenn die Ehen Ruinen gleichen und die beruflichen Werdegänge ständig ins Prekäre driften. Wir müssen uns heute immer neu erfinden. Die Rollen, in denen wir auf verschiedenen Ebenen jonglieren, können widersprüchlich, die Projekte, in denen wir aufleben, terminiert sein. Wir selbst können im Lärm unserer biografischen und zeitgeschichtlichen Kalamitäten auf all das schauen, innehalten und uns unserer selbst - als dem etwas ratlosen Macher der Inszenierung- bewusst werden. Der reine, ungetrübte Blick, kann sich umkehren auf das Blickende. Das Schaffende in uns. Dann weitet sich der Blick und macht sich auf zu den Müttern.

So lautet das karmische Paradox: Je mehr wir spirituell erwachen, uns emanzipieren, das Denken ins Leben führen, die Stille kennen und im inneren Frieden ruhen, das reine Sein erfahren, in den Herzkräften mitgehen- desto mehr erkennen wir die Konturen der sich auftürmenden Hindernisse, Widerspenstigkeiten, Vergangenheitselemente, seelischen Geformtheiten, die in sich eben nichts sind als „Karma“. Karma ist unsere persönliche Säuglingsstation. Damit bleiben wir brav in unserer Spur, aber als passive, uninspirierte Reaktions- Denkmaschinen. Als Gefühlsmuster- Aussender. Als Impuls- Infantile. Auf den Händen des Karma werden wir getragen und dürfen uns in Selbstgefühlen wiegen.

Übrigens ist die Art, Karma so zu begreifen, als gäbe es da lediglich trans- personale Verbindungen, eine Art sinnloses Name-dropping. Man macht sich damit nur interessant, kommt aber an die eigentliche Problematik nicht heran. Es mag ein Nebeneffekt sein, solche Verbindungen irgendwann - in der fortschreitenden Befreiung des Geistes- zu erkennen. Wichtig ist aber doch, die Determinierung als solche nicht nur zu erkennen, sondern sich wirksam zu emanzipieren und so in der Welt zu stehen, dass man Thomas von Aquins Erkenntnis- Anforderung „Das Wirklichsein der Dinge ist selbst ihr Licht“ (Kommentar zu Liber de causis 1,6) realisieren kann. Das Wirklichsein der Dinge erkennt man erst, wenn man selbst „wirklich“ geworden ist- und damit die determinierenden Schattenwürfe des Karma überwunden hat.
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Burghard Schildt: Die Heimatlosen

Gerade im Bezug auf die Generationen begreife ich R. Steiner so, dass in der „Anthroposophischen Bewegung“ diejenigen Menschen sich bewegen, die nicht durch Generationsfolgen bewegt werden wollen. Steiner nennt sie die Heimatlosen. Das zu Steiner.

Von mir das: Als Heimatloser bin ich auf Wanderschaft. Eine bereits vorgegebene Ausrichtung zu wandernder Wege ist mir zuwider. Ich will nicht auf ausgetretenen Wegen in die Fußstapfen anderer treten. Ich will ins Unbetretene. Ich will in die Zukunft. In die Zukunft wollen heißt, ich will in den Willen. Der Wille selbst ist mir diejenige geistige Welt, die, als das Gedankenlebewesen Weltgeschehen, zugleich die Natur des Menschen ist. R. Steiner hat, mit seiner Geisteswissenschaft, in seiner Art und Weise, dazu beigetragen, dass solche Heimatlosen, wie auch ich es einer bin, im Leben „jenseits“der Generationen, sich darin betätigen können, dass „wie“ die Generationskraft tätig ist.

Generation bedeutet: Erzeugen. Indem ich, als ein Heimatloser, Rudolf Steiners Schriften studiere, kann ich anhand von deren Gedankengängen solche Fragen erzeugen, auf die dieselben Gedanken- gänge zugleich auch die Antwort beinhalten. Ob so eine Zeugung gelingt, das kann allein die Geburt eines „Kindes“ bezeugen. Nicht von ungefähr wird so mancher Heimatlose gefragt, wessen Geistes Kind er sei.

Wer Geisteskindschaft „erlangt“, der ist, geistig gesehen, zugleich ein Fragen erzeugender Vatergeist wie ein in der Antwort lebendes Geisteskind. Die jedem geistigen Kinde zugehörige Mutter des Geistes, das ist der gute Wille. Dessen Wollen ist, sich von den Gedankengängen desjenigen geistigen Geschehens, das sich, organisch wie schöpferisch, im Erkennen des Gedankenlebewesen Weltgeschehen, Erkenntnis bildend betätigt, befruchten zu lassen. Durch solche gutwilligen, wie Erkenntnis bildenden Taten, erkennt sich das Erkennen selbst. Daher stammt das Wort Selbsterkenntnis.

Jegliche Selbsterkenntnis ereignet sich mithin dadurch, dass das Erkennen, erkennend durch Gegenüberstellung, sich selbst erkennt. Dasjenige Geschehen des Erkennens, das sich selbst, erkennend wie Erkenntnis bildend, bewegt, das bezeichnet, meiner bisherigen Kenntnis nach, R. Steiner als die Anthroposophische Bewegung. Menschen, die sich anfänglich dieser Bewegung zuwenden, die tun das aus einem keimhaften Ahnen heraus. Sie erahnen, dass in dem Maße, wie es ihnen gelingt, sich in die Mutterbewegung versetzen zu können, sie sich in ihrer wahren Heimat wie Herkunft bewegen.
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Die verloren gegangene Perspektive

Natürlich tun wir es alle. Wir geben etwas mündlich weiter, was uns hintertragen wurde, wir formulieren etwas strategisch, wir lassen - scheinbar aus Höflichkeit oder Konvention - etwas aus, was man vielleicht hätte sagen müssen, wir sind uns nicht einmal klar, welche Interessen in einem bestimmten Augenblick gerade aus uns sprechen. Die vielen kleinen und großen Ungenauigkeiten, die wir nur auf der Goldwaage als verlogen bezeichnen würden, durchziehen unseren Alltag. Es kommt einem so über- moralisierend vor, wenn Rudolf Steiner vor jedem ungeprüften Wort warnt, wenn er unsere Lässlichkeiten quasi dämonisiert oder gar davon spricht, dass diese Lebenslügen, einmal gesät, buchstäblich Sturm ernten werden:
Unsere Seelenerlebnisse sind noch mehr, als wir gewöhnlich von ihnen denken. Da steht zum Beispiel ein Mensch vor uns, in seiner Seele leben Irrtum und Lüge, er steht vielleicht ganz unschuldig vor uns. Aber in dem Augenblick, wo der astralische Blick sich auf ihn richtet, toben Stürme, die sonst nur in den furchtbarsten Entladungen der Elemente der Erde im Bilde sich darstellen." (GA 125, S. 149)

Aber etwas deutlicher werden diese "Stürme", wenn wir mit einem Menschen sprechen, der - z.B.- etwas "entrückt" wirkt durch ein großes Maß von aktueller Trauer um den Verlust eines geliebten Menschen, der gerade und deutlich formuliert, dass jede kleine Ungenauigkeit wie eine schmerzende Faust im Sonnengeflecht zu spüren ist. Oder wenn wir tatsächlich an der Schwelle stehend auf unser Leben schauen, und die kleinen und großen Lügen, Irrtümer, Verletzungen und Unterlassungen schmerzhaft peinlich heraus ragen- ohne je vergessen werden zu können, ohne je vergessen worden zu sein. Diese Punkte unseres Lebensfilms schimmern wie eiternde Wunden, unübersehbar. Aber es wird noch schlimmer.

Die Summe unserer Lässlichkeiten und Einseitigkeiten bestimmt die Wirklichkeit, so wie wir sie wahrnehmen und dann auch so, wie sie auf uns zurück wirkt: „Es hängt vom menschlichen Inneren ab, wie der Mensch die Außenwelt an sich herantreten lässt. Und gerade so, wie Sie mit einem Auge, in welchem etwas zerstört ist, wegen des inneren Fehlers die Außenwelt nicht richtig sehen, so bekommt der Mensch die Außenwelt durch den luziferischen Einfluss überhaupt nicht so zu sehen, wie sie ist." (GA 120, S.136)
Es gibt, darf man daraus schließen, ein gewisses Organ für bodenständige Wirklichkeitsauffassung, so wie es Organe gibt für soziale Verantwortung und die Bedürfnisse Anderer. Diese Organe sind allesamt korrumpierbar, zumindest auf lange Sicht. Im Alter, wenn die Systeme nicht mehr regelmäßig arbeiten, zeigt sich, wie wir in der Welt stehen, ebenso - auch eine Art, an die Schwelle zu gehen- in der meditativen Arbeit. Wer sich um eines kurzfristigen Vorteils willen hat korrumpieren lassen, verliert die Vorzüge einer tief gehenden, realitätsnahen Orientierung. Stattdessen kommen Einzelbedürfnisse hoch, rechthaberisch verteidigte Standpunkte, moralisierende Einengungen, Beklemmungen und Schuldzuweisungen. Der starrsinnige Geizhals hat keinerlei Sinn für seine innere Entstellung. Er hat den Verlust des Sinnes nicht einmal bemerkt. Aber wenn der Horizont enger wird, fokussiert sich der Mensch mehr und mehr auf irrelevante Details, an die er sich gewissermaßen verliert. Das menschliche Maß geht ihm verloren. Diese Hände werden niemals segnen, diesen Rat wird niemand einholen, und Partner werden an dieser Seite ein schweres Leben haben.

Aber diese Reduktion des lebendigen Geistes auf ein immer bizarrer erscheinendes, enges, Dickenssches inneres und äußeres Leben, dem die Weiten und Großzügigkeit, aber auch das Verständnis für den Anderen fehlen, wird noch einmal gesteigert, wenn doch- auf welche Weise auch immer- ein Zugang zur geistigen Welt gefunden wird: „Wenn des Menschen Wünsche, wenn des Menschen Leidenschaften schlimme Wege gehen und er sich gleichzeitig irgendwie an okkulte Kräfte hingibt, dann drängen sich die okkulten Kräfte, die dadurch herauskommen, in den Ätherleib hinein, und es erscheinen unter den Trugbildern, die manchmal ganz ehrwürdige Gestalten sein können, die verderblichsten, die schlimmsten Mächte.“ (GA 107, S.174). Es ist darunter nur eine weitere Eskalation des inneren Sturms zu verstehen, den die verloren innere gegangene Perspektive mit sich bringt.
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Michael Eggert: Den eigenen Spiegel putzen. Über Chakren oder Lotosblumen

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„Wenn das Bedürfnis lebendig geworden ist, die verdünnte Aufmerksamkeit – das Alltagsbewusstsein - und die zwanghafte „fortwährende Kommentierung von Denkergebnissen durch die fühlende Seele“ durch konzentriertes Üben zu überwinden, entwickelt sich mit der Zeit das Denken „zu einem Wahrnehmungsorgan für das Lebendige, für Ätherkräfte“ . Es gibt zahlreiche spirituelle Bewegungen und Organisationen, die die Dekonstruktion des Alltags- Ichs propagieren, aber an dieser Stelle statt weiterer Forschungsarbeit eine ansonsten positivistische Erleuchtungsmetaphorik anhängen. Offenbar gibt es eine Reihe von technisch funktionellen Selbstbeglückungsmechanismen, die an diesem Punkt ansetzen können, aber sich in diesem Selbstgenuss auch erschöpfen.

Das Erleben ist aber auch bei denen, die an diesem Punkt erst den Beginn einer ernsthaften geistigen Arbeit sehen, sehr unterschiedlich ausgeprägt. Meist ist ein visuelles Empfinden prägnant, etwa in Form von Wahrnehmung des Ätherischen „als leuchtende, strahlende, innerlich sich bewegende Bilder oder Folgen von Bildern.“ Eine weniger visuell ausgeprägte Wahrnehmung fasst Gedanken als komprimierte, sich entfaltende Denkbezüge auf, in Kontexten, die in sich bereits stimmig sind- ein flüssigeres, lebendigeres Denken. Aber es gibt auch eine Neigung zu einer Wahrnehmungsart, die mehr die unteren Sinne aktiviert, vor allem Lebens-, Eigenbewegungs- und Tastsinn. Dann werden innere Kraftstrukturen, innere Räume, dynamische Energien erfahren, die etwas wie ein quasi- leibliches Empfinden bedingen, das aber nicht mehr mit den eigentlichen Körpergrenzen kongruent ist…

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So weit einige Zeilen aus meinem Artikel, der in einer gestrafften Version im Meditations- Schwerpunkt- Heft der Kulturzeitschrift Die Drei (Juli/ August 2012) erschienen ist. Hier zum Download für Interessierte eine zwar schon von mir gekürzte Variante, die aber noch nicht im Lektorat von Anna- Katharina Dehmelt bearbeitet worden ist. Es gibt daher die für mich typischen Einschübe und Querbezüge- auch einige Verweise auf Originalquellen-, die letztlich für eine Printversion zu üppig waren, aber in der Linie der Darstellung auch nicht immer relevant. Hier im Netz darf auch die XXL- Variante (keine Sorge, es ufert nicht völlig aus) einmal zum Zuge kommen. Vielleicht wird Die Drei die dort erschienene letzte Ausgabe des Aufsatzes demnächst auch noch zum Download anbieten.
Insgesamt handelt es sich um einen meditativen Zugang, der auf frühe Anregungen von Rudolf Steiner zurück geht, durchaus praktikabel, aber in der anthroposophischen Szene weitgehend undiskutiert ist, aber einen Zugang im handelnden Umgang auch für nicht- anthroposophische Leser bietet. Während in der hier vorliegenden Fassung Bezüge zum Zen- Buddhismus vorhanden sind, fehlt der Bezug zum - von den persönlichen Wurzeln her- islamischen Mystiker A.S. Almaas, der in knapper Form in der Printversion zu finden ist.

Der Download- Link ist inzwischen nicht mehr erreichbar.
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Wolfgang Schumacher: Christus- Rudolf Steiner- "Ich"

Institutionell-anthroposophisch ( Bodo von Plato) wird der Standpunkt vertreten, dass man, als Rezipient Rudolf Steiners, diesen in seiner Bedeutung nicht überhöhen dürfe zu Lasten der eigenen Rezipienten - Bedeutung.
Das klingt zwar psychoanalytisch interessant und schmeichelnd , aber es gibt diesbezüglich konkretere Wortmeldungen, die von empfindungshaft - authentischer Betroffenheit gekennzeichnet sind, ob des Verhältnisses von Christus und Rudolf Steiner und uns Rezipienten. der Anthroposophie

Im Egoisten Blog stieß ich auf eine Gedankenmeldung, auf die ich gerne antworten möchte:

"Aber den hier, da lege ich mal mein Veto ein: „Niemand kommt zu Christus, denn durch Rudolf Steiner.“
Er, Steiner, ist doch nicht DAS Tor durch das man schreiten MUSS oder nur kann gar, er hat es beschrieben, kraft der Anlage des Christusimpulses der in JEDEN Menschen gelegt wurde und DER ist NICHT seine Leistung oder sein Werk gar, sondern die des Christus selbst! Steiner hat diesen Weg beschrieben, aber finden kann man ihn auch selbst! Und/Denn das eigentlich "gesetzmässig" Wirkende ist der Christusimpuls selbst."

Meine Antwort darauf:
Betrachtet man das ganze Spektrum der Christologie der Geisteswissenschaft in Form der Vorträge Rudolf Steiners zu den Evangelien, zum Fünften Testament, zum Alten Testament und zum Neuen Kultus der Christengemeinschaft, dann stellt sich doch die Frage, woher er diese Informationen hat? Hat er sie in der Vorwurfshaltung des offiziell - anthroposophisch hoch anerkannten hofierten Zander (der ja ein maßgeblicher Würdenträger der römisch - katholischen Kirche ist) aus der klassischen metaphysischen Anmaßung der Philosophie heraus , die ja das Gegebene durch ein Nicht - Gegebenes, Erschlossenes erklärt? Und somit dieses "Schließen" nur eine formelle Tätigkeit ist, die sich anmaßt über eine inhaltsvolle Realität zu verfügen, die aber nichts anderes ist, als eine spekulative Phantasie, ohne Bezug zu einem Wirklichkeitswert?

Nun ja, offiziell - anthroposophisch tut man sich anscheinend hiermit sehr schwer und dankt es dem römischen Stuhl, dass sie in der Person Helmut Zanders einen Einrenker ganz im Sinne von Bodo von Plato geschickt haben, so dass man sagen kann, der Beistand, den Bodo von Plato erbeten hatte, ist ihm gesandt worden.
Was für eine Freude für ihn, was für ein Ärgernis für Anthroposophie Liebende.
Ein Pfarrer einer Christengemeinschafts - Gemeinde müsste das alles doch vor Schmerz nicht aushalten, wenn er sich ins Bewusstsein bringt, wem er den von ihm ausgeführten Kultus verdankt. Rittelmeyer selbst wird noch verstanden haben, dass dieser Kultus ein Resultat ist, das aus dem "Wesen Anthroposophie" stammt. Es ist doch wohl vom Priester innerlichst erlebte Überzeugung, dass CHRISTUS selbst ( nach Rudolf Steiner Herr des Karma) diesen Kultus eingesetzt hat.

Für einen sich daraus ergebenen theoretischen Aspekt wäre natürlich die Frage, ob Rudolf Steiner = Christus ist, ebenso absurd wie die katholische Frage, ob Christus in der Hostie sei. Eine theoretische Diskussion müsste da schon auf der Leiter der Methode ein paar Stufen höher steigen. Dass aber die Diskussion dieser Art auf Dauer nicht zu vermeiden sein wird, das ist allerdings meine persönliche Überzeugung, mit der ich aber innerhalb der anthroposophischen Szene ziemlich isoliert stehen dürfte.

Es ist für mich eine Erleichterung - in dem Dialog mit dem oben zitierten Egoisten Blog Teilnehmer - wenn sich unterschiedliche Standpunkte herausschälen lassen. Dafür bedanke ich mich ausdrücklich und verbeuge mich vor der Offenheit , Herzlichkeit und Authentizität des oben zitierten Autors.
ER, Rudolf Steiner ist das Tor, durch das man schreiten muss, das Tor ist die pädagogische Neuschöpfung der Philosophie der Freiheit als Theosophie/Anthroposophie.

Woher oder durch wen sollte ich wissen, dass dasjenige, was sich als "mein Ich" artikuliert eine Entwicklungsperspektive hat, also selbst - begrifflich werden kann, was es ja jetzt noch nicht ist, denn es artikuliert sich auf Basis & innerhalb der Sinneswahrnehmungen.
Selbst der vom Autor gebrauchte Terminus "Christus - Impuls" stammt von Rudolf Steiner. Das auferstandene Christus Bewusstsein ist eine Schöpfung Rudolf Steiners, eine absolute Freiheits - Tat. Man kommt hier mit der aristotelischen Logik nicht weiter, die es nicht ermöglicht, dass man ein Objekt der Erkenntnis erst erschaffen muss, damit es für einen vorhanden ist.
Ich entsinne mich jener Mitteilung der Geisteswissenschaft, laut der sich der Ort unseres Hinsterbens, das absolute Christus - Bewusstsein der Welt", seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, so etwa um das Jahr 1861, als ausgelöscht erwies. Das hätte dann nicht mehr und nicht weniger bedeutet, als die materialistische Abschaffung der Unsterblichkeit, da doch kaum mit einem Post - Mortem- Leben zu rechnen wäre, wo man in die Bewusstlosigkeit hinein stürbe. Durch dieses Auslöschen des Christus Bewusstseins sagt uns die Geisteswissenschaft ( London, 2. Mai 1913) ist aber sein irdisches Auferstehen im menschlichen Bewusstsein möglich geworden, und dieses irdische Auferstehen des Christus Bewusstsein heißt mit Verlaub: ANTHROPOSOPHIE .

In wessen Bewusstsein findet dieses Auferstehen statt? Doch wohl schon rein logisch in demjenigen, der es aus persönlichen Erleben mitteilt.
„Wahrheit und Wissenschaft“ sowie die „Philosophie der Freiheit“ legen die Subjektivität als das bedeutendste Glied der objektiven Wirklichkeit dar.Subjektiv ist aber nicht der Inhalt eines Begriffs, der mit Hilfe des Denkens erst zu der Wahrnehmung hinzugewonnen wird. Dieser Inhalt ist nicht aus dem Subjekte, sondern aus der Wirklichkeit genommen. Das Wesen der „Philosophie der Freiheit“ ist prinzipiell begriffliche Intuition, diese ist die gleiche, ob ihr Inhalt die Beschreibung der menschlichen Handlung, oder ob er die Beschreibung z.B. des Christuswesens enthält. Der Philosophie der Freiheits Herzstück bildet der besondere Begriff des DENKENS, der von der Besonderheit des Subjektes dieses Denkens, Rudolf Steiners, nicht zu trennen ist.

Ich weiß, dass das psychologische Zumutungen sind, insbesondere, wenn man überlegt, dass unsere jeweiligen Wesenskerne im Christus Bewusstsein beheimatet sind, wenn sich aber das Bewusstsein Rudolf Steiners zum Christus Bewusstsein erweitert hat, dann ist es eine logische Konsequenz, dass unsere jeweilige Wesenskern - Entwicklung in der Bewusstseins - Tätigkeits - Bereitschaft Rudolf Steiners liegt, aber gleichzeitig eben auch in unserer Bereitschaft, das anzuerkennen und empfindungsmäßig miterleben zu wollen (so in etwa wortwörtlich in der Theosophie zu finden und auch später in den §§1, 7,9 der Statuten der WTAAG 1923). Nicht darum handelt es sich zusätzlich, ob das Denken der „Philosophie der Freiheit“ ein "Übersubjektives" sei, wie der Philosoph Kerler es behauptet, sondern darum, dass einmal am Inhaltsvollsten der Welt , eben an dem "Denken" eines Wesens, das wir begründet Mensch nennen, sich unter allen übrigen Kategorien der Welt auch die Kategorien Subjekt und Objekt in ihrem Wesen darstellen und in ihrem gegenseitigen Verhältnis. Nicht übersubjektiv ist das Denken, sondern:

"Das Denken ist jenseits von Subjekt und Objekt. Es bildet diese Begriffe ebenso wie alle anderen. Wenn wir als denkendes Subjekt also den Begriff auf ein Objekt beziehen, so dürfen wir diese Beziehung nicht als etwas bloß Subjektives auffassen. Nicht das Subjekt ist es, welches die Beziehung herbeiführt, sondern das Denken. Das Subjekt denkt nicht deshalb, weil es Subjekt ist, sondern es erscheint sich als ein Subjekt, weil es zu denken vermag“. ( Rudolf Steiner)

Rudolf Steiners Denken (Das Denken des Subjektes Rudolf Steiner) hat sich in Eins gesetzt mit der Gottheit des Denkens als Ich, dem Christus. Das ist für mich ein Wunder, ein Heilsgeschehen. Rudolf Steiner ist der bestimmte Mensch, der die Bestimmung des Menschen ist und an dieser Bestimmung können und dürfen wir teilhaben als Mit - Denker, Mit - Fühler, Mit - Wollender, aber nicht als Mit - Müsser. Es ist alles in unsere Freiheit gestellt. Allerdings : Zwischen unserem "naiven" Bewusstsein und dem Bewusstsein als "Denken" klafft ein Abgrund, denn der Christus Gott, als die Wesenheit des Denkens, ist für unser gegenwärtiges durchschnittliches Bewusstsein ein nicht weniger ferner Gott und ein nicht weniger transzendenter Gott als irgendein Gott der Religion.

Dass sich dieses Denken in Rudolf Steiner und als Rudolf Steiner individualisiert hat, ist doch eine Gnade. Die Frage kommt auf, wie wir uns dieses Ereignisses annähern können? Das funktioniert eben nicht auf Basis historischer Methoden, sondern nur auf Basis einer karmischen Methodik. In der historischen Erkenntnis wird die zeitüberwindende Kontinuität zwischen einem in der Vergangenheit geschehenen Ereignis und der Gegenwart hergestellt durch die "theoretische" Betrachtung, in der karmischen Sphäre dagegen verbindet sich der einzelne Mensch mit einem zeitlich früheren Ereignis durch ein zeitüberwindendes existenzielles Denk - Verhältnis, mit seinem Erleben als ganzer Mensch (Hierin liegt im Übrigen meine Kontroverse und meine Meinungsverschiedenheit mit Karen Swassjan auf Basis der Zusätze seines Zander Buches). Zum Beispiel kann die objektive Verehrung, die einer dem von Rudolf Steiner realisierten Denken entgegen lebt, für seine gegenwärtige vollmenschliche Existenz konstitutiv sein und fällt eben deswegen in die karmische Sphäre, denn ich muss als Karma ansprechen, was den Kern meines tiefsten Wesens mit verursacht und was - als Ich - nicht identisch ist mit "meinem Ich". Es wird nie möglich sein, dieses Verhältnis mit den Kategorien des historischen Denkens zu verstehen.

Es gab in den 40 er Jahren des 20. Jahrhunderts eine Schrift, die lautet „Die Karmaorientierung der Erkenntnistheorie", der Autor IST Karl Ballmer, er wurde wegen dieser Schrift von Steffen/Leiste aus der anthroposophischen Gesellschaft quasi exkommuniziert. Ich behaupte etwas provokativ , aber dennoch ernsthaft, dass, so wie es keinen anderen Weg zu Christus gibt als durch Rudolf Steiner, es keinen Zugang zu Rudolf Steiner gibt als durch Karl Ballmer.

Karl Ballmer ist die „Wesenskontakt" erhaltende Perspektive nach dem endgültigen Scheitern der WTAAG 1923 mit dem Tode Rudolf Steiners 1925 und das Nicht Mehr Konkret leibhaftig Mitlesen- Können im Buche des Lebens. Karl Ballmers maßgebliche Aufgabe war, diese Situation rechtzeitig aufzufangen und abzufangen, und Rudolf Steiner für unsereins und damit Uns-Selbst (Unser Selbst) zu retten. (Ganz im Sinne des Patmos Prologs von Hölderlin)

Was ist das Besondere der Anthroposophie? Wir erfahren nichts Neues über Christus, sondern Neues erfahren wir Menschen DURCH Christus in Rudolf Steiner. Der Ausspruch "Nicht Ich , sondern der Christus in mir" hat in Rudolf Steiner erstmals weltevolutive Perspektive und Funktion erhalten in der Erreichung und Vollendung des Begriffs und Ziels INDIVIDUELLE MENSCHWERDUNG.

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Wolfgang Schumacher
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Wolfgang Schumacher: Swassjan, von Aquin, Steiner

Ein Zitat interessiert mich immer aufs Neue:

Zitat Swassjan: „Steiners «philosophisches» Werk als Fortsetzung und weitere Entwicklung etwa der thomistischen oder meinetwegen deutschidealistischen philosophischen Ansichten bewerten, heißt dieses Werk (die ganze Geisteswissenschaft mit einbegriffen) gründlich und irreparabel missverstehen."

Ich kann diesen Gedanken Swassjans, intellektuell- rational absolut nachvollziehen, obwohl ich die Konsequenzen des Denkbegriffs der Philosophie der Freiheit nicht ansatzweise selber persönlich erfülle, denn ich verfüge über keine Begriffs- Anschauungen, ganz zu schweigen von meiner eher begrenzten Fähigkeit wirklichkeitsgemäß - umfassend Objekte & Objektgeschehen überhaupt wahrzunehmen. Wir sprechen so selbstverständlich von unserer Wahrnehmungsfähigkeit, ohne die einmal zu verifizieren und auf den Prüfstand zu stellen.

Kann man sich wirklich klar werden über die Denk - Lehre des Rudolf Steiners, ohne sich, dann vielleicht in einem sinnvollen Widerspruch zu Swassjan, eines scheinbar absurden Paradoxes zu bedienen, dass wir nämlich zum Verständnis des Denkbegriffs des Antitheisten Rudolf Steiners notwendig des Lichtes bedürfen, das aus dem klassischen Theismus Thomas von Aquinos auf denselben fallen kann?

Kann Swassjan behaupten, oder behauptet er überhaupt, dass es einen anderen Weg des Verständnisses geben kann? Kann jemand diese Denk - Lehre Rudolf Steiners durch sie selbst verstehen? Ich bin mir ziemlich sicher, dass die an Swassjans orientierten Gedanken gekoppelte Auseinandersetzung eine Klarheit schaffen könnte, die viele derzeitige Konflikte in der anthroposophischen Szene korrigieren könnte.

Es gibt dazu einen anderen Philosophen zur Zeit Rudolf Steiners, Johannes Rehmke, dessen Werk - "Erkenntnistheoretischer Monismus" - Erkenntnis auch als sich zusammensetzend aus Wahrnehmung und Begriff darstellt. Das für mich Überraschende bei Rehmke ist jetzt, dass er den Begriff, der zusammen mit der Wahrnehmung das Wesen eines Dings ausmacht, nicht vom denkenden Ich in die Wahrnehmung hineingelegt denkt, sondern vom denkenden Ich am Seienden als Wahrnehmung entdeckt.
Wo liegt jetzt der Unterschied zwischen Rehmke und Rudolf Steiner?
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Wolfgang Schumacher
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Wir sind ganz nah dran- die technologische Revolution und ihre Kinder


Die Klagelieder von nicht ganz jungen, nicht ganz alten Ex- Anthroposophen, sie fühlten sich durch Anthroposophie nicht mehr inspiriert, klingen mir in den Ohren- vor allem deshalb, weil die, die jetzt das Weite suchen, abgestossen vor allem durch die Real Existierende Anthroposophie, eigentlich die sein sollten, die ihr die Impulse geben und sie in gewisser Weise auch repräsentieren sollten. Tatsächlich sind die sich Abwendenden tatsächlich nicht selten die, die in den anthroposophischen Institutionen länger aktiv tätig waren, die Diskurse betrieben und Initiativen voran getrieben haben. Der bleischwere Traditionalismus innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft, bewegungsunfähig, selbstherrlich, kulturfeindlich, technophob, hat sie ebenso abblitzen lassen wie die selbstverliebte Sprechweise mancher wenigstens aktiver Repräsentanten, die ihre Festtagsansprachen mit Vokabeln schmücken, die aus absolutem Insiderspeech bestehen. Man müsste parallel ein Übersetzungsprogramm laufen lassen, um Nicht- Anthroposophen zu veranschaulichen, worum es eigentlich geht- nun, meist um nicht gerade viel. Aber die, die gehen, die also keine Inspiration, keine Anregung mehr aus Anthroposophie ziehen können, scheinen nicht selten auch dem Irrtum zu verfallen, aus einem Wissenssteinbruch einfach Antworten ziehen zu können- fix und fertig wie aus einem Automaten. Es handelt sich aber eben nicht um einen Kanon von Information, sondern um ein Material, das ganz und gar individualisiert - verdaut- werden müsste, ohne jedes Vorbild, auf unnachahmliche Art und Weise, in einer Sprachform, die der Zeit, Kultur und Technik angemessen ist und in Schritten innerer Entfaltung, die man in keinem Buch, auch nicht in denen von Steiner, auffinden kann. Dass man das den Orthodoxen und Traditionalisten nicht erklären kann, ist klar, sie sind ja die modernen Pharisäer, die lieber einer wundertätigen Heiligen nachlaufen und Mysterien fortspinnen wollen, die esoterische Wonneschauer über ihren Rücken laufen lassen.

Wir haben in den letzten hundert Jahren kaum vorstellbare Veränderungen erlebt, von der unfassbaren Erosion jeglicher Moral im Zweiten Weltkrieg, über Weltreiche, die zerfielen, einen Kalten Krieg (samt atomaren Wettrüstens), der sich verkrümelte, bis hin zur Emanzipation der Frau, dem Erwachen des Islam, dem Entstehen neuer mächtiger wirtschaftlicher Regionen, der Mechanisierung der Ernährung, unausgesetztem Bevölkerungswachstum. Und natürlich (neben Vielem, was unerwähnt blieb), einer exorbitant wachsenden Technologie, die nicht mehr einer Mechanisierung der Glieder, sondern der des Geistes entspricht. Heute schauen Grundschulkinder einen ungläubig an, wenn man von einer Zeit vor Telefon, Fernsehen, Computer und Smartphone spricht. In ihren Augen muss eine solche Vorzeit barbarisch wie das frühe Mittelalter gewesen sein. Einer solchen Vorzeit ist, nebenbei, auch Rudolf Steiner entsprungen. Er hat daher eine ganz andere Fokussierung gehabt- etwa, was die Intelligenz, das michaelische Prinzip, betraf. Er hat von einer Zeit gesprochen - bis etwa 600 vor Christus -, in der man allgemein die Gedanken als etwas empfand, was man empfing, nicht als etwas, was man aus sich selbst heraus brachte: "Während, wie gesagt, was man früher als Weisheit durchaus wie die Atemluft empfand, empfand man später die Gedanken als etwas, was in dem Menschen selbst erzeugt wird wie das Blut. Man möchte sagen, der Atemluft ähnlich empfand man die Gedanken in der alten Zeit." Heute (zu Steiners Zeit) sind die Gedanken etwas, „was im Menschen selber entsteht, was irdisch ist." (R. St., Das Verhältnis der Sternenwelt zum Menschen und des Menschen zur Sternenwelt, GA 219, S. 124 ff)

Wo stehen wir heute? An ganz anderer Stelle, denn der Prozess der "Freisetzung" der Gedankenwelt hat längst eingesetzt. Wir delegieren die Intelligenz an die Technik - einerseits in deren Produktion, Architektur und Vernetzung, andererseits in der Verwaltung des Wissens durch diese Technik. Was wir wissen wollen, holen wir aus Google und Wikipedia, wohin wir fahren wollen, entnehmen wir dem Navigationsgerät, die Geräte rechnen und erinnern für uns, konstruieren, zeichnen, bilden ab, verwalten. Alles, was an Sinnlichkeit und Denken mechanisierbar ist, wird durch die Geräte in immer mehr miniaturisierter, demokratischer und globalisierter Art und Weise abgebildet. Die Schnelligkeit der Prozessoren ersetzt den Akt des Denkens. Das führt dahin, dass auch zwischenmenschlicher Austausch technisiert und globalisiert wird- der Austausch mit einem Menschen, von dem wir nicht einmal wissen, wo er leben mag, tritt vor den Kontakt mit unserem konkreten Nachbarn. Im Smartphone sehen wir das miniaturisierte Alter Ego, unser winziges Abbild, das wir so weit wie möglich individuell eingerichtet haben.

Es entsteht ein Gegenbereich zum "Himmlischen", aus dem sich die vorchristlichen Menschen inspiriert fühlten, eine eigene Sphäre frei gesetzter Intellektualität. Das ist etwas, was orthodoxe Anthroposophen simpel und pauschal dämonisieren. Die richtige Frage der Zeit stellen aber doch eher gerade die KI (Künstliche Intelligenz)- Philosophen wie Hans Moravec, auch wenn sie uns nicht gefällt: Was an uns unterscheidet sich denn noch von dieser Technik? Was an uns ist wirklich originell, was menschlich- originär? Was entzieht sich dem technischen Spiegel und behauptet sich? Wer bin ich? Nie hat sich - außer vielleicht in den Exzessen der Kriege und der Gewalt - diese Frage so drängend gestellt. Sie wird sich, je mehr die Technik voran schreitet, immer mehr stellen, sie steht ganz dicht neben jedem Zeitgenossen. Den Geist lebendig in sich zu erfahren, ist doch die Sehnsucht dieser Zeit- zumindest bei den Zeitgenossen, die wach erleben können. Und um eben diese Wachheit und Präsenz geht es doch an jeder Straßenecke, in allen möglichen Gruppierungen, auf allen möglichen Websites, bei allen möglichen Lehrern und Gurus. Es reicht, ein wenig aktiv zu twittern, um nach wenigen Tagen Menschen zu finden, die von diesen Fragen konkret umgetrieben werden, die innerlich tief damit beschäftigt sind. Es ist ja auch ein Freiwerden von den Elementen, die an uns mechanisierbar sind, was die Intention hervor ruft, nach unseren originären inneren Quellen zu fragen. Die intelligente Maschine lässt uns nackt davor stehen, nach dem eigentlich Menschlichen zu fragen, nach den Quellen des Geistes, der Moral und der Liebe. Wir sind ganz nah dran. Unser Smartphone fragt nach uns.
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Sommer- und Winterschlaf

Sie werden aus dem, was ich gesagt habe, entnehmen, dass eigentlich das Schlafen im Sommer etwas ganz anderes heißt als im Winter (..). In älteren Zeiten unterschieden die Menschen durch ihre Empfindungen sehr genau zwischen dem Winterschlaf und dem Sommerschlaf. (…)

Während des Sommers, da sind ganz ausgeprägte Imaginationen - in mannigfaltigsten Formen -, innerhalb welcher wir während unseres Schlafes mit unserer Ich- Wesenheit und unserer astralischen Wesenheit leben. Während des Winters sind weitmaschige Figuren um die Erde herum, und das hat zur Folge, dass jedes Mal, wenn der Herbst beginnt, das, was in unserer Ich- Wesenheit und in unserem astralischen Leibe lebt, zur Nachtzeit weit in die Welt hinaus getragen wird.

Während der heissen Sommerszeit bleibt dasjenige, was in unserem Ich und in unserem astralischen Leibe lebt, sozusagen mehr in der geistig- seelischen Atmosphäre der Menschen. Während der Winterszeit wird dasjenige, was in unserer Ich- Wesenheit und in unserer astralischen Wesenheit lebt, hinaus getragen in die Weltenweiten.

Man kann schon sagen, ohne dass man irgend etwas nur Bildliches, sondern indem man etwas ganz Wirkliches sagt: Das, was der Mensch seelisch in sich ausbildet und was er hinaus tragen kann zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen durch seine Ich- Wesenheit und durch seine astralische Wesenheit aus seinem physischen und aus seinem Ätherleibe, das speichert sich auf während der Sommerszeit und strömt während der Winterszeit in die Weiten des Kosmos hinaus.


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Rudolf Steiner, Das Verhältnis der Sternenwelt zum Menschen und des Menschen zur Sternenwelt, GA 219, 1.12.1922, S. 34f
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"Innerlich trägt man die Nacht in sich"- Anfänge des Initiatenbewusstseins

Am Ende seines wichtigen Vortragsbandes "Das Initiatenbewusstsein" (1924, GA 243) äußert sich Rudolf Steiner im 10. Vortrag ziemlich kryptisch über „Das lebendige Erfassen der Mondensphäre als Ausgangspunkt eines Initiatenweges“. Es ist merkwürdig, dass gerade nach dem ungemein weitgehenden, hoch geistigen Inhalt des Buches erst am Ende etwas - und dann noch recht knapp gehalten- über den Einstieg in den tatsächlichen Meditationsweg zu finden ist, denn Anfänger waren seine Zuhörer doch in den überwiegenden Fällen; Anfänger sind wir auch noch heute.

Jedenfalls besteht dieser Beginn in den Augen Steiners darin, „das sonst träumende Bewusstsein zu einem Werkzeug der Auffassung der Realität zu machen.“ Er meint dabei nicht den Traum der Nacht, sondern „das sonst chaotische Traumbewusstsein“, das wir unter dem Tagesbewusstsein in uns tragen, das mit dem mittleren Menschen und dem Atmen zu tun hat und in das alle möglichen Empfindungen und Impulse hinein schwappen. Es ist das halbbewusste Assoziative, das knapp unter dem klaren Gedankenablauf des Alltags liegt, aber auch immer wieder Anstösse und bildhafte Verbindungen ins Bewusstsein hinein trägt. Erst durch eine geeignete Schulung kommt dieses einem Meer gleichende schwappende Traumbewusstsein zu einer gewissen Ordnung- wenn es gelungen ist, die Fokussierung so weit zu treiben (und gleichzeitig wieder etwas loszulassen), dass eine willentliche Regelung in das Branden und Schwappen hinein gekommen ist- zumindest in Zeiten der aktiven meditativen Arbeit und sicherlich auch nicht nur im Sinne des „harten Willens“, sondern weich, sich zurück nehmend, anschmiegsam, warm.

Dann aber geschieht etwas, was wie die Schaffung eines freien inneren Raums erscheint, eines inneren Raums, an dessen Rändern und in dessen Mitte bei weiterem Fortschreiten Bild- und Gestalthaftes aufleuchten kann. Diesen inneren Raum, den man erst in meditativen Ausnahmesituationen und mit der Zeit als etwas stetig Begleitendes wahrnehmen kann, benennt Steiner als etwas, bei man sich fühle „wie von einem zweiten Menschen durchdrungen." Das ist das erste Bild, das Steiner dafür benutzt. Das zweite ist, dass man gewahr werde, „wie der im Wachzustande in seinem Ich bewahrte Mond dadrinnen ist". Dieser meditativ erschaffene innere Raum oder „zweite Mensch" ist etwas, was man im „beginnenden Initiatenbewusstsein" wie „in einer Hülle in mir trage". Diese Hülle ist in der Tat deutlich spürbar. Die Ursprünge ihrer Entfaltung liegen in den drei Chakrenpunkten von Stirn, Kehlkopf und Brust bzw. den Innenflächen der Hände. Die Chakren sind die Knoten, die Wurzeln des Entspringens dieser mondenhaften inneren Hüllenkraft.

Steiner macht in diesem Zusammenhang sehr deutlich, dass diese hell gewordene Traumebene bei zu geringer seelischer Haltung entgleiten kann. Es ist Disziplin und Übung nötig, „innere Festigkeit und Haltung, damit dasjenige, was heraus will, in einem drinnenbleibt und man es verbunden erhält mit dem ganz gewöhnlichen, nüchternen Bewusstsein, das man in seinem physischen Leibe hat." Ansonsten wären ekstatische Entgleitungen oder somnabules Abgleiten in „Stoffwechselwirkungen" möglich. Worum es geht, ist der feste Halt im Strömenden, d.h. ein bewusster und vom Ich kontrollierter Weg „durch die Ausgestaltung der Traumeswelt, durch die Realisierung, durch die Verwirklichung der Traumeswelt". Das ist die michaelische Komponente, im Natürlichen, Lebendigen, Traumhaften ein „intellektuelles“ - hellwaches- Moment weiter zu entfalten. Dann wird Denken (im Sinne von Bewusstsein) und Leben eins- oder, wie Steiner es ausdrückt: „es erwacht mitten im Tag etwas wie eine innerliche Nacht."
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Mondknoten im Lebenslauf


Mit der in anthroposophischen Kreisen so beliebten "Biografiearbeit" hatte ich es nie so recht, sondern hielt es lieber mit Georg Kühlewind, der dem Sinne nach mal äußerte "Irgend eine Krise ist schließlich immer", und dabei wölfisch grinste. Das Ganze hatte auch für mich einen Beigeschmack der Mit-Sich-Selbstbeschäftigung, mit so einem Wellness-Touch. Man kann, wenn man nur gründlich gräbt, alles Mögliche finden und Bezüge ohne Ende herstellen, wenn man nur will.

Daher ging ich auch an dem Buch von Florian Roder, "Die Mondknoten im Lebenslauf", zunächst achtlos vorbei. Ja, das ist ein richtig anthroposophisches Buch, im klassischen Sinne. Da reiht sich manche "Menschenkundliche Betrachtung" (wortwörtlich) an die andere, da herrscht eine umfassende Bildung, da wird manches Zitat aus Gedichten aneinander gereiht, da findet sich ein eingestreutes Essay über Goethe in Marienbad. Denn die vier Mondknoten mit etwa 19, 37, 56 und 74 Jahren werden mit Biografien bekannter Persönlichkeiten wie Goethe, Harrer, von Kues, von Humboldt, Scholl, Handke, Hammarskjöld, Dante u.v.a.m. gegeneinander gehalten. Astronomische Hintergründe werden sorgfältig eingebunden, ebenso wie Mythologien aus allen möglichen Kulturkreisen.

Tatsächlich ergeben sich in den sorgfältig dargestellten Lebensläufen etwas wie Rhythmen und wiederkehrende Spuren, bei den Einen mehr im Verstärken eines inneren Impulses, bei den Anderen in einem "kathartischen Charakter der Knotenauslösungen". Bei den Einen kommen mit dem 19. Jahr idealistische Motive auf, die sich vertiefen, realisieren und schließlich ganz neu gegriffen - oder bis hin zu einer sich selbst aufopfernden Hingabe gesteigert werden. Krisenhaft kann auch das auftreten. Bei den Anderen - so auch bei Goethe- kulminieren in manchen Mondknoten schwere gesundheitliche Krisen oder biografische Einschnitte wie eine Amour fou. Man kann es auch so betrachten, dass die Ideale und Vorstellungen, die bis zum 19. Lebensjahr vermittelt wurden, am folgenden Knotenpunkt selbst ergriffen sein sollten- gewissermaßen biografisch belegt und belebt. Mancher- so etwa Rossini- hat zwischen dem 18. und dem 37. Lebensjahr auch seine eigentliche Schaffensperiode, ist unglaublich produktiv, und verliert in der Folge seine Ausdruckskraft oder verlagert sie. Offensichtlich herrschen bis zum zweiten Mondknoten nicht selten Kräfte, die wie mitgebracht erscheinen- naturhaft gegeben. In den folgenden Lebensabschnitten müssen sie neu gegriffen werden, das übersprudelnde kreative Potential erscheint erschöpft. So wird die Krise um das 37. Jahr nicht selten als etwas erlebt, bei dem man auf seine Umgebung plötzlich wie durch eine Glaswand schaut, manchmal wie betäubt, manchmal ängstlich, manchmal sinnentleert gegenüber Allem, dem man bislang nachgelaufen ist. Manchmal bricht eine schwere Krankheit aus. Rudolf Steiner sagte dazu: "Im fünfunddreissigsten Jahr beginnt der Mensch segensreich die Kräfte in sich zu verarbeiten. An seiner Seele arbeitet bis dahin an dem Zeitlichen dasjenige, was er mitgebracht hatte aus früheren Verkörperungen; für das Ewige fängt der Mensch nun an, nach innen zu arbeiten. Deshalb wird alles, was wir gelernt haben, erst vom fünfunddreissigsten Jahr an reif, etwas zu werden, um es der Welt zu geben. Es ist die Zeit, wo er in sich selbst fest wird, in sich selbst Gewicht erhält." (Steinerzitat in Roder, S. 67)
Gefordert ist der Tätigkeitsquell des Ich selbst, da das Tragende, was aus der Vergangenheit stammt, nun verglommen ist. Andersherum formuliert: "Indem wir 35 Jahre alt werden, kommen wir überhaupt in der Gegenwart erst an!" (Roder, S. 67)

Während im Vergangenen das Thema häufig im inner-familiären Kreis bleibt, in der Frage nach der Umwandlung mitgebrachter und erworbener Ideale und Vorstellungen, greift die Krise um das 56. Jahr manchmal universeller- und wirft die Frage auf, was am realisierten Leben wesentlich ist. Daher finden sich in dieser Zeit häufig jähe Karriereabbrüche und Infragestellungen dessen, welche Stellung man im Leben und in der Gesellschaft eingenommen hat. Natürlich können schwere gesundheitliche Krisen hinzu kommen. Es ist, als ob der scheinbar feste Boden einer in bestimmten Bahnen verlaufenen Biografie plötzlich aufgerissen wird, und man hat als Person dem Nichts gegenüber zu bestehen. Bei Peter Handke war es ab 1996 seine ostentative, tatsächlich problematische Hinwendung zu Serbien, die ihn in der Öffentlichkeit am Pranger stehen ließ. In direkter Folge gab er erworbene Auszeichnungen zurück und trat aus der Kirche aus. Den biografischen Umschwung hatte Handke bereits zuvor in einem Roman vorher gesehen und daran seine Philosophie der Langsamkeit entwickelt- eine spirituelle Qualität des kontemplativen Schauens, der allerdings seine haarsträubenden politischen Stellungnahmen in meinen Augen diametral entgegen stehen, ungebrochen bis heute.

Nur Wenigen gelingt es, mit dem vierten Mondknoten im 74. Jahr eine neue Schaffensperiode einzuläuten. Manchen - so Roder- wird an diesem Punkt die Maske endgültig abgerissen, die sie womöglich lebenslang getragen haben, Krankheit, Depression oder Verwirrung drohen. Bei Goethe waren es schwerste Herzbeschwerden, "Massen von Krankheitsstoff (..) seit dreitausend Jahren" (S. 133) fühlte er aus sich heraus quellen. In der Erholungsphase in Marienbad verliebte er sich in eine sehr junge Frau und läutete im Gefühlsaufruhr eine neue höchst kreative Phase ein, begründete in der und durch die Krise das Entstehen seines Alterswerks. Goethe selbst sprach von "wiederholten Pubertäten" (Gespräche mit Eckermann), die er durchgemacht habe. Auch so können die Mondknoten- Krisen gedeutet werden- Wachstumsprozesse mit entsprechenden Schmerzen sind sie auf jeden Fall- oder, wie Roder sie nennt, "Tore der Selbsterkenntnis".

Auf die weiteren mythische, kosmischen und spirituellen Betrachtungen im zweiten Teil des Buches möchte ich bei anderer Gelegenheit zurück kommen.
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Rudolf Steiner: Die Kraft der Meditation und das Alltagsleben

Dazu ist eigentlich noch etwas notwendig, was berücksichtigt werden muss. Der Meditierende wird ja oft wiederum in den Schlendrian des gewöhnlichen Lebens zurück fallen; er muss das ja auch, da er zwischen Geburt und Tod ein Erdenmensch ist. Das gewöhnliche Bewusstsein muss sich immer wieder finden. Aber wir können ja so sein im Leben, so zum Beispiel: wenn wir - ich meine jetzt, im negativen Sinne können wir es -, wenn wir irgendeinen Schmerz, der habituell bleibt, der chronisch wird, wenn wir den haben, wir empfinden ihn immer; wir können manchmal ihn übersehen, aber wir empfinden ihn. So sollten wir auch erleben, wenn wir einmal erfasst worden sind von der Kraft der Meditation. Wir sollten uns eigentlich immer so fühlen, dass wir uns sagen: dieses gewöhnliche Bewusstsein hat ja einmal meditiert, es ist ja einmal erfasst worden von der es durchsetzenden Kraft der Meditation.

Wir sollen fühlen, dass die Meditation da war, dass wir einmal in ihr waren. Wir sollen ein anderer Mensch geworden sein dadurch, dass wir fühlen, die Meditation macht uns zu etwas anderem. Dadurch, dass wir einmal mit ihr begonnen haben, können wir gar nicht mehr im Leben vergessen - auch nicht für Augenblicke vergessen, meine lieben Schwestern und Brüder -, dass wir Meditierende sind. Dann ist dies die rechte Stimmung des Meditierenden.

Wir sollen so uns hineinleben in das Meditieren - wenn wir natürlich auch selbstverständlich das Meditieren nur kurz treiben, ohne dass es uns das übrige Leben stört -, dass wir eigentlich immer uns fühlen als Meditierende und dass wir, wenn wir einmal vergessen, dass wir Meditanten sind, und nachher darauf kommen, wir haben das vergessen, es hat Momente im Leben gegeben, wo wir das vergessen haben: da sollten wir uns das Gefühl aneignen, uns so zu schämen, wie wir uns schämen würden, wenn es uns passierte, dass wir ohne Kleider nackt durch eine ganz mit Menschen besetzte Straße liefen. Das sollten wir uns aneignen. So sollten wir den Übergang vom Nichtmeditieren zum Meditieren auffassen, dass es keinen Moment gibt, der so ist, dass, wenn wir ihn ohne das Bewusstsein, dass wir Meditanten sind, hinterher entdecken, wir uns seiner nicht schämen würden. Das ist dasjenige, worauf viel ankommt.

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Rudolf Steiner, GA 270b
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Jutta Lauers Erinnerungen an Achberg & das ganze Drumherum

Wir sind so vergesslich, und wir vernachlässigen vor allem die wichtigen Dinge. Daher bin ich froh, von Nothart Rohlfs Jutta Lauers Erinnerungen "Ein Drahtseilakt. Jutta Lauer erzählt aus ihrem Leben. Selbstverlag." bekommen zu haben, denn von den wirklichen Gründern, den Menschen hinter den Institutionen wissen wir Späteren oft nichts. Sie werden von den Leuten, die vordergründig repräsentieren, allzu häufig verdeckt.

Jutta Lauer erzählt aus ihren Kindheitstagen- einer behüteten Zeit in einer Hamburger Kaufmannsfamilie; die Eltern hatten sich 1914 in Shanghai getroffen. In die erste Grundschulzeit schob sich schon der Albtraum der Nazis- die jüdischen Lehrerinnen verschwanden, die Lichtwarkschule wurde geschlossen, und die Mutter hatte böse Ahnungen. Mit dem familiären Reichtum ging es zu Ende, und nur glückliche Umstände bewahrten die Familie vor dem völligen sozialen Abstieg. 1941 begann die Rilke- Liebhaberin Lauer ihr Studium. Zu ihren engsten Freunden gehörte Hans Leipelt, einer der Widerstandskämpfer, die 1943 verhaftet wurden; Leipelt starb 1945 in Stadelheim. Zu den Mitstudentinnen Lauers gehörte auch Hildegard Hamm-Brücher, mit der sie inmitten der Bombenhagel 1945 den Weg zur Universität suchte. Lauer hatte ein Leben lang ein besonderes Händchen für interessante und bewegende Leute, auch wenn ihre eigenen, privaten Umstände sich lange Zeit recht chaotisch gestalteten.

In Starnberg lernte sie den kriegsversehrten Fred Lauer kennen, der einen Souvenir- Laden für amerikanische GIs gründete. 1949 heirateten die Beiden. Eine Zeitlang lebte das Paar in einer Wohnung hinter dem Bahnhof in Düsseldorf, zwischen lauter Prostituierten. Jutta jobbte als Verkäuferin, Fred jagte Stahl- Geschäften hinterher. Eines Tages landete er einen größeren Erfolg, was dem Paar in der Folge ermöglichte, unter abenteuerlichen Umständen in einem völlig herunter gekommenen Schloss am Starnberger See eine Schule zu gründen. Dem mühsamen Aufbau und dem erfolgreichen Betrieb folgte ein Zerwürfnis auch zwischen dem Paar. Bankiers und Anwälte übernahmen die Führung der Institution. Die Schule wurde am Ende geschlossen und das wertvolle Haus in teure Eigentumswohnungen umgewandelt. Davon hatte das Ehepaar Lauer nichts. Aber in der Erholungsphase lernte Jutta Lauer die Anthroposophie kennen und stürzte sich geradezu hinein.

Durch die Vermittlung des Verlegers Neven-DuMont in Starnberg kamen die Lauers dazu, das Haus Freudenberg zu übernehmen. Sie richteten es für Übernachtungsgäste der Christengemeinschaft ein- wiederum unter vollem, auch körperlichem Einsatz. Wieder einmal arbeitete Jutta Lauer nicht nur als Gründerin, sondern auch als Köchin und Putzhilfe. Sie lernten die meisten Priester der damaligen Christengemeinschaft gut kennen. Aber - durch eine Absage von Renate Riemeck- auch Peter Schilinski. Dieser lockte das Paar nach Sylt, ins Cafe Witthüs. Ulle Weber organisierte die Teestube, mit Peter Schilinksi wurden die "Kernpunkte der sozialen Frage" von Rudolf Steiner gelesen, und schon lief ein anthroposophischer Treffpunkt erster Güte an. Aber Witthüs sollte plötzlich verkauft werden. Lauers steckten spontan jeden Cent ihres Vermögens in die Immobilie, obwohl der Betrieb als Teestube offensichtlich nichts abwarf. Daher bauten das Paar es zum Restaurant aus- durch "learning by doing". Hier - "in einem Haus für die Dreigliederung"- lernten sie auch Wilfried Heidt kennen.

Als ob das noch nicht genug wäre, begannen sie Geld für ein neues Kulturzentrum in Achberg zu sammeln. Damals gab es noch innovative anthroposophische Unternehmer wie Stockmar, die ansehnliche Summen bereit stellten. So verließen die Lauers Sylt und waren wieder als Hausherren und Köche tätig- nun in Achberg. Das Witthüs war am Ende durch tragische Umstände und trotz großspurigen Auftretens von Anthroposophen - Stars wie Wilhelm-Ernst Barkhoff und Erhard Fucke nicht zu retten. Wieder einmal wurden am Ende Luxus- Eigentumswohnungen aus dem Projekt, und die Rendite steckte jemand anderes ein. 1973 fanden in Achberg die besonders aufregenden, bewegten Tagungen mit Heidt, Schilinski, Schmundt und Akteuren des Prager Frühlings statt. Ein Jahr später waren allerdings Heidt und Schilinksi schon unrettbar zerstritten. Obwohl ununterbrochen die Rede von Dreigliederung war, interessierte sich keiner der Dozenten und Theoretiker für die wirtschaftlichen Grundlagen des eigenen Hauses. Der Betrieb lag organisatorisch, finanziell und faktisch-praktisch ausschließlich in den Händen der Lauers. Sie überlegten, ein „Humboldt- Kolleg“ zur fortdauernden Ausbildung von Studenten zu eröffnen, auch um Achberg finanziell solide betreiben zu können. Doch bis 1977 trugen Misstrauen und Intrigen dazu, dass sich Fred Lauer als Geschäftsführer zurück ziehen musste- das Experiment Achberg war für diese Akteure beendet.

Durch persönliche Bekanntschaften und geschickte Geschäftsideen erhielten die Lauers bald eine größere Summe für den Grundstock einer Fördergemeinschaft. Sie gründeten einen kleinen Verein, der mit der Zeit erhebliche Gelder sammeln konnte. Die Erfahrungen, die mit dem Bund der Waldorfschulen gemacht wurden - bei der Gründung der Waldorfschule in Prien - waren allerdings ähnlich niederschmetternd wie die vergangenen Gründergeschichten. Quasi zwischendurch entstand das Oberlin- Haus im Elsass für die Christengemeinschaft, aber dann saßen die Lauers mit ihrem Verein dem Geschäftsführer einer Hamburger Waldorfschule auf, der sie mit einem Partner auf ruinöse Weise betrog: "Wir wurden fast um den Verstand gebracht." Um das meiste Geld auf jeden Fall. Und das, obwohl das Paar in manchen Zeiten 18000 Kilometer durch Deutschland abfuhr, um Geld für die Projekte zu sammeln. Sie trafen dabei auch Joseph Beuys, in seinem "Büro für direkte Demokratie" in der Düsseldorfer Altstadt, zwischen der Kunsthalle und den Säuferecken dort. Beuys fuhr mit den Lauers und dem damaligen Studenten Johannes Stüttgen zu sich nach Hause. Beuys kochte gerne. Als die Lauers später bei Kerler und Barkhoff in der GLS- Bank saßen, um Spendengelder zu sichten, rief Beuys persönlich an und bat, von Krediten Abstand zu nehmen und lieber zu ihm in die Düsseldorfer Akademie zu kommen. Dort hatte er einen Karton voll Geld und drückte ihnen einiges in die Hand: "Aber nicht meiner Frau sagen! Und es darf nicht unter meinem Namen erscheinen!" 1973 kam Beuys auch nach Achberg- der Star und heimliche Mittelpunkt. Aber Beuys suchte "mit den etablierten Anthroposophen keinen Kontakt." Er wird gewusst haben, warum. Aber nach Achberg kam er auch noch in den Folgejahren. Fred Lauer starb 2003.

Was für ein abenteuerliches und bewegtes Leben! Die Lauers betrachteten sich stets als unabhängige Menschen, die für sich nichts benötigten, da Fred seine kleine Invalidenrente bezog. Die einen aus dieser Generationen zog es nach dem Krieg in die sichere Wirtschaftswunderzeit, die anderen aber - die Lauers - zog es ins Gründen und Schaffen. Das Geld floss ihnen gerade deshalb zu, weil sie es selbst nicht wollten. Sie verschenkten es und ihre Arbeitskraft dazu. Sie waren vor allem von schweren und schwersten Schicksalsschlägen, Betrügereien und Abgründigkeiten nie lange deprimiert und behindert, sondern machten einfach weiter. Manchmal erscheinen ihre spontanen Entschlüsse uns Heutigen geradezu als naiv - es ging ja ständig um die gesamte Existenz. Zudem standen sie stets in der zweiten oder dritten Reihe. Die großen Vorträge wurden von denen gehalten, die Bücher geschrieben und die Diskussionen geführt, denen die Lauers den Raum erst schufen. Die Lauers putzten dann die Räume und machten die Schnittchen. Und sie verhandelten mit den Banken um das Geld. Man kann nur den Hut ziehen.

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Nothart Rohlfs (Hrsg): "Ein Drahtseilakt. Jutta Lauer erzählt aus ihrem Leben. Entstanden 2009/2010 in Öschelbronn. Selbstverlag.
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Rudolf Steiner und Spinoza

spinoza

Beim Aussortieren nicht mehr gebrauchter Bücher bin ich über einen fast zerfallenen Spinoza- Band gefallen, mit dem billigen, holzartigen und schon spröden Papier der unmittelbaren Nachkriegszeit. Offenbar hat es mein lange verstorbener Schwiegervater aus der philologischen Fakultät der Münchner Universität. Ich habe mich jetzt festgelesen und grüble über Spinozas Begriff der "Substanz". Erstaunlicherweise (erstaunlich für mich) liegt diese Substanz bei Spinoza sowohl im Verstand ("denkende Substanz") wie auch in allen natürlichen Erscheinungen- alles "nichts anderes (..) als Modi des einzigen, ewigen, unendlichen, durch sich selbst bestehenden Wesens; und aus diesem allen setzen wir als bewiesen ein Einziges oder eine Einheit, außer welcher man sich kein Ding vorstellen kann."

Spinoza vertritt also einen interessanten Monismus, dem nachzugehen mir lohnend erscheint: "Daran erkennen wir, dass wir in Gott bleiben und Gott in uns, dass er uns von seinem Geiste gegeben hat."
Erstaunlich (erstaunlich für mich) aktuell auch seine Überlegungen zur Demokratie - im 17. Jahrhundert - wie: "Wären die Menschen von Natur so gewöhnt, dass sie nur das wahrhaft Vernünftige verlangten, so brauchte die Gesellschaft keine Gesetze, sondern es genügte die Unterweisung in den moralischen Lehren, um freiwillig und von selbst das wahrhaft Nützliche zu tun. Allein die menschliche Natur ist ganz anders beschaffen; denn alle suchen zwar ihren Vorteil, aber nicht nach Vorschrift der gesunden Vernunft, sondern sie begehren in der Regel nur die Dinge im Antrieb von Lüsten und Affekten der Seele, ohne Rücksicht auf die Zukunft und andere Dinge; und sie entscheiden sich danach über den Nutzen." Ja, das ist uns inmitten der Wirtschafts-, Finanz- und Glaubwürdigkeitskrisen unserer Zeit wohl bekannt.

Parallel ein paar Blicke auf das, was Rudolf Steiner über die Persönlichkeit Spinozas geäußert hat, einfach aus Neugier. Da finden wir vor allem tiefen Respekt: "Bei den Ägyptern lebte ein inspiriertes Element, etwas das ganz aus dem Inneren, Seelischen hervorgeht, so wie es dann auf einer hohen Stufe aus dem Inneren von Spinozas Seele hervorgegangen ist." (GA 325, S. 88) Spinoza stand für Steiner in einem (auch „arabistischen“) Strom, der ursprünglich von Aristoteles ausging: "Wenn man den Blick auf jene Persönlichkeiten hinwendet, die aus dem Arabismus, aus der Kultur Asiens heraus auf der einen Seite beeinflusst waren von dem, was im Mohammedanismus als Religion sich ausgelebt hat, auf der anderen Seite aber auch beeinflusst waren von dem Aristotelismus, wenn man auf diese Persönlichkeiten schaut, die dann den Weg herüber über Afrika nach Spanien gefunden haben, die dann tief bis zu Spinoza und über Spinoza hinaus die Geister Europas beeinflusst haben, dann gewinnt man über sie keine Anschauung, wenn man sich ihre Seelenverfassung so vorstellt, wie wenn sie einfach Menschen der Gegenwart gewesen wären, nur dass die so und so viele Dinge noch nicht gewusst haben, die später gefunden worden sind." (GA 237, S. 16) Steiner stellt auch -kurz und bündig - einen karmischen Zusammenhang zwischen Spinoza und Fichte her: "Dieselbe Individualität ist ja Spinoza und Fichte." (GA 158, S. 213)

Steiner sah auch einen Einfluss Spinozas auf Goethe: "Die drei Geister: Shakespeare, Spinoza und der Botaniker Linne` konnten Goethe im Grunde genommen dasjenige geben, was nun nicht in seinem innersten Lebenszentrum war, sondern was er von außen bekommen musste, gerade diese Geister sind es, die den stärksten Einfluss auf ihn gehabt haben. (..) Goethes Weltanschauung hat nichts von einem abstrakten Spinozismus, aber das, was Goethe in seinem Innersten hatte als seinen Weg zu Gott, konnte er nur an Spinoza gewinnen." (GA 188, S. 137)

Auch mit dem Substanzbegriff Spinozas beschäftigt sich Steiner: "Benedikt (Baruch) Spinoza fragt sich: Wie muss dasjenige gedacht werden, von dem zur Schöpfung eines wahren Weltbildes ausgegangen werden darf? Spinoza findet, dass ausgegangen nur werden kann von dem, das zu seinem Sein keines andern bedarf. Diesem Sein gibt er den Namen Substanz. Und er findet, dass es nur eine solche Substanz geben könne, und dass diese Gott sei. Wenn man sich die Art ansieht, wie Spinoza zu diesem Anfang seines Philosophierens kommt, so findet man seinen Weg dem der Mathematik nachgebildet. Wie der Mathematiker von allgemeinen Wahrheiten ausgeht, die das menschliche Ich sich freischaffend bildet, so verlangt Spinoza, dass die Weltanschauung von solchen frei geschaffenen Vorstellungen ausgehe." (GA 18. S. 113)

Angesichts des strikten abstrakt- aristotelischen Denkens Spinozas war für Rudolf Steiner vor allem dessen Verhältnis zum Christentum bemerkenswert: "Spinoza hat ja wirklich aus guten Gründen jenen tiefen Eindruck auf Leute wie Herder und Goethe gemacht, denn Spinoza, wenn er auch scheinbar ganz im Intellektualismus, der aus der Scholastik heraus geblieben ist oder sich umgewandelt hat, noch drinnen steckt, Spinoza fasst doch diesen Intellektualismus so auf, dass der Mensch zuletzt eigentlich nur zur Wahrheit komme – die zuletzt für Spinoza in einer Art Intuition besteht –, indem er das Intellektuelle, das innere denkerische Seelenleben umwandelt, nicht stehenbleibt bei dem, was im Alltagsleben und im gewöhnlichen wissenschaftlichen Leben da ist. Und da kommt gerade Spinoza dazu, sich zu sagen: Durch die Entwickelung des Denkens füllt sich dieses Denken wieder an mit geistigem Inhalt. – Gewissermaßen die geistige Welt, die wir (denkerisch) kennen gelernt haben im Plotinismus, ergibt sich wiederum dem Denken, wenn dieses Denken entgegen gehen will dem Geiste. Der Geist erfüllt als Intuition wiederum das Denken. Und es ist merkwürdig, dass heraus leuchtet aus den Schriften des Juden Spinoza folgender Satz: Die höchste Offenbarung der göttlichen Substanz ist in Christus gegeben. In Christus ist die Intuition zur Theophanie geworden, zur Menschwerdung Gottes, und Christus’ Stimme ist daher in Wahrheit Gottes Stimme und der Weg zum Heil." (GA 74, S. 80ff)

Für Steiner war Spinoza eine Art Äquinoktium zwischen der Vergangenheit im Sinne alter Mysterien und einer Moderne, die in der Folge so erheblichen Einfluss auf Goethe gehabt hatte. Spinoza fasst in Steiners Augen ein letztes Mal - und auf eigenständige Art und Weise- die monistische Essenz der alten Mysterien zusammen: "Die Anreger Spinozas waren die im Südwesten Europas lebenden Nachzügler des Arabismus, der arabisch- (persisch)-semitischen Weltanschauung. Derjenige, der solche Dinge versteht, wird noch nacherleben können, wie das, was dekadent in der Kabbala hervorgetreten ist, sich in den reinen Vorstellungen des Spinoza wieder findet. Und so wird man dann weiter zurückgeführt über den Arabismus nach dem Orient, und man lernt erkennen, wie das, was bei Spinoza auftritt, in Begriffe, in intellektualistische Vorstellungen gebrachte Weltansicht der Vorzeit ist." (GA 325, S. 85)
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Michael Eggert: Die wilde Waldorf- Puppenstube, Ein-Mann-Sekten & hermetische Weltbilder

Zu Christian Grauers Buch Es gibt keinen Gott, und das bin ich! Anthroposophie im Nadelöhr, Basel 2011

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Natürlich hatte ich schon von dem Buch gehört, und zwar in dem Sinne, dass da einer mit seinem anthroposophischen Elternhaus abrechnet. Der Rezensent bekennt, dass er beruflich mit allen möglichen familiären Traumata befasst war und war daher einigermaßen gespannt. Mir ist, glaube ich, wirklich jeder vorstellbare Abgrund bekannt, jedenfalls in dieser Hinsicht. Aber schon in dieser Hinsicht ist Grauers Buch eine Enttäuschung. Die geschilderten Traumata bestehen vor allem darin, dass es keine gab. Zwar litt der junge Grauer unter einem „extrem dogmatische(n), christlich- pietistische(n) anthroposophische(n)“ Elternhaus, bekennt aber selbst, dass er es im Jünglingsalter versäumt hatte, ordentlich dagegen zu opponieren, also z.B. nach Goa zu ziehen oder sich die Gespenster des Elternhaus in nächtelangen Partys in Ibiza aus dem Kopf zu tanzen. Vielmehr pflegte er dieses enge Weltbild „als junger Anthroposoph selbst“. Ich habe in Studentenzeiten staunend auf Tagungen der Christengemeinschaft und anderswo wilde Mädchen erlebt, die lieber auf Sex und Drogen setzten und nach Findhorn abhauten, als „diese bigotte Waldorf- Puppenstube“ noch länger zu ertragen. Grauer dagegen las im „christengemeinschaftlichen Religionsunterricht“ Bücher über das Leben nach dem Tod, formte sich die Welt „zu einer kompakten, geschlossenen Veranstaltung“ und erklärte für sich Steiner zu einem großen Boddhisattwa, einem „Propheten und Eingeweihten“. Die „geistige Welt“, die den Vorträgen Steiners als scheinbar geschlossenes Weltbild entsprang, wurde so für Grauer zu einem „Offenbarungsglauben“.

(…)

Im folgenden Philosophie- Studium stellte Grauer fest, dass er „durchaus positiv voreingenommen gegen Publikationen aus anthroposophischen Verlagen“ war. Aber allmählich - endlich!- dämmerte auch die Erkenntnis, dass „der übermenschliche Anspruch, den ich selber an die Anthroposophie stellte, nicht haltbar war.“
Er erkannte, dass er sein hermetisches Weltbild durch Abschirmung „von allen Einflüssen der Wirklichkeit“ künstlich am Leben hielt, auch wenn er bemerkte, dass es vor allem eines, nämlich „langweilig" war. Sich aus der selbst geschaffenen Hermetik heraus zu manövrieren, kostete Grauer einige Jahre. Die Desillusionierung wurde dann so radikal, wie der naive Glaube vorher gewesen war- was einen nicht sehr überraschenden Reflex darstellt. Bei Grauer waren es dann der Nihilismus Nietzsches, der sich als „beste Medizin gegen dogmatische metaphysische Wahnvorstellungen“ erwies und (ausgerechnet!) die wachsende Freude an dem Komiker Helge Schneider. Aber auch heute noch grollt der Autor Grauer, seine „ästhetische Bewertungsneurose“ und der „Zwang, meine Mitmenschen zu beurteilen“, sei „anerzogen“. Die harten Schemata seiner Urteile bezeichnet er tief bis ins Erwachsenenalter hinein als „meine anthroposophischen Raster“. Das klingt allerdings in den Ohren des kritischen Lesers selbstbeschönigend- eine sehr verbreitete Art und Weise, Schuldzuschreibungen zu vergeben. Grauer beklagt an mehreren Stellen das Pathos und den mangelnden Raum für „Humor und Gelassenheit.“ Das Befolgen seiner virtuellen anthroposophischen „Mission“ bezeichnet er als „besonders gesteigerte Form von Egozentrik und Intoleranz.“ Dabei kommt dieses anklagende, sich über viele Seiten erstreckende Lamento selbst reichlich egozentrisch und pathetisch daher. Es ist halt das Klagelied des Klosterschülers, der seinen Glauben verloren hat und jetzt über die verpassten Jahre jammert.

(...)

Zum ganzen Text als PDF-Download
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Michael Eggert: Buchbesprechung von "Endstation Dornach"


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Nach den furiosen Diskussionen, die vor einem Jahr bei der ersten Ankündigung von „Endstation Dornach“ aufkamen, war zu erwarten, dass es, zum tatsächlichen Erscheinungstermin, abermals hitzig werden würde. So war es denn auch. Die Autoren, Felix Hau, Ansgar Martins, Christian Grauer und Christoph Kühn, wird das nicht gewundert haben. Es ist sogar ein wenig Teil des Kalküls. Wie so oft, kommen die heftigsten Anwürfe von denen, die das Buch gar nicht gelesen haben. Ich habe versucht, in einer neutral gehaltenen Besprechung (allerdings doch auch mit einer gewissen Lust am Mitfabulieren), die Haltung der Autoren, ihre erzählerische Positionierung, heraus zu arbeiten, um gewissermaßen einen freien Blick auf die Inhalte zu bekommen. Jenseits des provokativen Auftritts finden sich nämlich grundsätzliche Auseinandersetzungen mit dem Thema Anthroposophie und Rudolf Steiner, mit neuen, ungewohnten Perspektiven und genau der kräftigen Portion inhaltlicher Substanz, die die Kritiker für sich zu beanspruchen vorgeben. Ein vielgliedriges, multiperspektivisches Buch tritt zutage, wenn man den Lärm der Schützengefechte beiseite schiebt und sich darauf einlässt. Hier meine Rezension als PDF- Download.
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Michael Eggert: Epiphanie

Ich war befremdet, als ein mir bekannter Anthroposoph von seiner Begegnung mit dem Hüter der Schwelle schrieb, und, ja, was dabei heraus kam, irgend so ein imaginiertes Männlein. Das kann es doch nicht sein, dachte ich schon damals, das ist nicht der Punkt. Die Bildlein kann er sich für sein Poesiealbum aufheben, für das Drehbuch für einen Horrorfilm, für ein jesuitisches Fürbittegebet. Weg von diesen Bildereien & Kindereien. Zum Hüter der Schwelle kommt man in einem Zustand der Selbstoffenbarung, in einem Zustand, in dem man seine eigenen Reflexe überschaut, die herrschende Wetterlage mit allen meteorologischen Gegebenheiten. Man überschaut die großen Linien, in denen man sich bewegt. Das Monströse an diesem Zustand ist, dass man die eigene Konstruktion erkennt, das was man ausgelebt hat und noch immer tut, wenn auch vielleicht nicht mehr so enthusiastisch. Das zieht einem den Boden unter den Füssen weg, zumindest für eine Zeit der Unsicherheit. Wir gehen zwischenzeitlich in unserer Biografie schon mal über in einen Zustand des Pralaya, leben in einem Zwischenreich, mit einem Blick, der sich bricht an den Gegebenheiten. Denn man weiß ja zugleich, dass man nicht identisch ist mit dem, was man nun überschauen kann.

Ich bin der Zeuge meiner selbst.
Ich bin nicht identisch mit mir, nicht in jeder Hinsicht.
Ich sehe meine Einseitigkeiten, ich sehe meine Konstellationen.

Es hätte durchaus besser laufen können. Es hätte auch ganz schief gehen können. Es ist so, wie es ist. Ich bin in diesem Augenblick nicht in die Gegebenheiten verwickelt (ich bin ja im Pralaya), aber es ist und bleibt so, wie ich es geschaffen habe. Man kann natürlich die Zeit nicht zurück drehen, es gibt in diesem Sinn keine zweite Chance. Aber zugleich, in diesem losen Zwischenzustand, überwiegt doch die Hoffnung, mitsamt der Blessuren hier Gnade zu finden, eine Gnade, die einfach darin besteht, warm und lebendig auch dort zu bestehen, wo die Eierschalen des Ego abgefallen sind.

Aber nun verweigert sich mir die Nacht. Ich war mir doch sicher, diesmal würde ich ihren großen Strom finden und teilen. Ich warte schon so lange. Aber die Nacht verweigert sich. Ich kann ihren Puls spüren, ihr Strömen und Wellen, ihr unaufhörliches Schaffen. Ihre Wellen schlagen auch in meine Nacht hinein, sie füllen mich aus, ich bilde einen großen Kreis zwischen Kopf und den Handinnenflächen, ich bin ganz angefüllt von ihr. Ich spüre in mir die Quellen sprudeln, für einen Augenblick. Aber dennoch, da bleibt eine Wand. Als könnte ich das Geschehen wie durch eine Membran hören und spüren, aber selbst nicht eintreten. Hier stehe ich, ein wieder Zurückgewiesener. Ich fühle mich wie einer dieser christlichen Mystiker, obwohl ansonsten nichts dafür spricht, einer zu sein. Ich fühle mich so, weil ich mich frage, ob ich nicht genüge. Es ist die moralische Frage an sich selbst, und sofort kochen die Schwächen und Jämmerlichkeiten aus dem sonst gut behüteten Gedächtnistopf auf. Ach je, da ist sie ja, die existentielle Frage, das implementierte Kirchenchristentum. Womöglich suche ich auch nur Gründe, weil man das eben so macht. Man will zumindest einen Zusammenhang, auch wenn man sich selbst dafür auseinander nehmen muss. Ja, es ist eine Reifeprüfung. Man steht vor dem Tor, aber man kennt den Schlüssel nicht, es zu öffnen. Hinter dem Tor rauscht die Nacht, und du fühlst dich mit ihr verbunden. Du hast keine Ahnung, wie es weiter gehen könnte. Womöglich weißt du die richtige Frage nicht, du dämlicher Steinzeitparzival.

Aber wahrscheinlich geht es an diesem Punkt nicht um das Fragen, sondern um das Haften an eine Erwartung, es müsse „weiter gehen“. Es gibt hier kein „Weiter“, es gibt kein „Gehen“. Es gibt kein Davor und Danach, kein Hier und Da. Das alles sind Vorstellungen aus der Welt der Erscheinungen. Hier geht es nur darum, aus der „Verborgenheit in die Unverborgenheit“ (Georg Kühlewind) zu treten:

Das Verborgenste auf der Welt ist das menschliche Ich selbst, weil es alles andere vernimmt. Die Erfahrung des Ich-bin ist der Inbegriff der Paradoxie, sie ist eine freie Tat des Menschen. Sie entspricht der Logos- Epiphanias in Jesus oder der Epiphanias der paradiesischen Urkraft als Gral. Sie wird von Rudolf Steiner in einem entsprechend paradoxen Text beschrieben: „In der Bewusstseinsseele enthüllt sich erst die wirkliche Natur des „Ich“. Denn während sich die Seele in Empfindung und Verstand an anderes verliert, ergreift sie als Bewusstseinsseele ihre eigene Wesenheit. Daher kann dieses „Ich“ durch die Bewusstseinsseele auch nicht anders als durch eine gewisse innere Tätigkeit wahrgenommen werden. Die Vorstellungen von äußeren Gegenständen werden gebildet, so wie diese Gegenstände kommen und gehen; und diese Vorstellungen arbeiten im Verstande weiter durch ihre eigene Kraft. Soll aber das „Ich“ sich selbst wahrnehmen, so kann es nicht bloß sich hingeben; es muss durch innere Tätigkeit seine eigene Wesenheit aus den eigenen Tiefen erst herauf holen, um ein Bewusstsein davon zu haben. Mit der Wahrnehmung des „Ich“ - mit der Selbstbesinnung- beginnt eine innere Tätigkeit des „Ich“. Durch diese Tätigkeit hat die Wahrnehmung des Ich in der Bewusstseinsseele für den Menschen eine ganz andere Bedeutung als die Beobachtung alles dessen, was durch die drei Leibesglieder und durch die beiden anderen Glieder der Seele an ihn heran dringt.“

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Zitate: Georg Kühlewind, Der Gral oder was die Liebe vermag
Rudolf Steiner, die Geheimwissenschaft im Umriss
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Dorian Schmidt: Lebenskräfte- Bildekräfte

An dieser Stelle noch ein Hinweis auf Dorian Schmidts neues Buch „Lebenskräfte- Bildkräfte. Methodische Grundlagen zur Erforschung des Lebendigen“. Hier müssen die Sonntagsanthroposophen, denen es auf warme Gefühle und ebensolche Worte ankommt, einmal weghören, denn es geht um ein Übungsbuch, dem Gefühligkeiten, Spekulatives & Mystisches völlig fremd sind. Schmidt legt Wert darauf, seine Arbeit als „religionsneutral“ zu bezeichnen. Das ist ja auch völlig richtig und sachlich. Wem ein Übungsweg in Bezug auf die Annäherung an das Lebendige fremd geblieben ist, wird mit diesem Buch nicht warm werden. Schmidt entwirft eine Methodik des Übens, geizt auch nicht mit Tabellen und Schemata, allerdings stets im Dienst der Sache, nicht um gegenüber Teilhabern einer Powerpoint- Generation gegenüber zu punkten. An manchen Stellen - gerade zu Beginn des Übungsweges- gehören auch mathematische Aufgaben zum Standard. Im Kern geht es darum, dass „die Wahrnehmung sich in Richtung eines Miterlebend der Lebenskräfte (oder Ätherkräfte oder Bildekräfte) vertieft.“ (S. 22) Die „lahme Ente“ des alltagstauglichen Standarddenkens soll gekräftigt werden, um Beweglichkeit, Flüssigkeit, Kraft, Eindringlichkeit, Weite und Geschwindigkeit zu verbessern. Aber auch Qualitäten wie das Erlernen des „hingebungsvollen Warten(s)“ (S. 24) werden gepflegt. Schmidt verbringt viel Zeit damit, in diesen Prozessen denken, Fühlen und Wollen zu differenzieren und jeweils konkrete Erfahrungen, die sich einstellen können, darzustellen. Er geht dabei sehr angenehm vor; d.h. er hat selbst genügend Übung, um ganz unterschiedliche mögliche Erfahrungen zu umreißen. So ist die „Bandbreite von Möglichkeiten“ in der ersten „Wahrnehmung der Ätherkräfte“ (S. 46) denkbar weit gestreut, je nachdem, welche Sinnesqualitäten beim jeweiligen Übenden dominieren: „Die Ätherkräfte können als reine Kraftimpulse erlebt werden; das entspräche der Sinneswahrnehmung durch den Tastsinn, oder aber als leuchtende, strahlende, innerlich sich bewegende Bilder oder Folgen von Bildern.“ (S. 46) Das erschwert die Verständigung, zumal auch andere Sinnesqualitäten im Vordergrund stehen können. Typisch ist, dass solche Erfahrungen in ihren jeweiligen Spezialitäten gemeinsam haben, dass „das Bild einer wahrgenommenen Ätherkraft Kraft abstrahlt, Kraft spendet, eine Art über- oder ausquellenden Charakter hat.“ (S. 47)

Schmidt verwendet auch viel Energie dafür, denkbare Schwierigkeiten anzusprechen, spezifische und doch typische Hindernisse wie etwa „die fortwährende Kommentierung von Denkergebnissen durch die fühlende Seele“ (S. 52) - alles Aspekte des Alltagsdenkens mit seinen „eindeutig autistische(n) Züge(n)“ (S. 51), die andernorts (etwa bei Carlos Castaneda) als „innerer Monolog“ qualifiziert werden. Die „Verdünnung“ der Ich- Kräfte in die „vielfältigen Seelentätigkeiten“ (S. 54) soll überwunden werden, um sich dann, im folgenden Teil des Buches, konkret auf die Lebensqualitäten der umgebenden Natur einlassen zu können. Dies geschieht nun nicht in einer bloß seelischen Öffnung, sondern in einer qualifizierten Konzentration, einer erhöhten Präsenz. Ausgangspunkte sind zunächst Erscheinungen in einer weitläufigen Landschaft, dann zunehmend konkrete Pflanzen. Für den Naturwissenschaftler wird es befremdlich wirken, dass dabei auch Empfindungen wie die eines „tiefen, offenen Staunens“ auftreten können, die eine Begleitung des Prozesses oder einen Grundakkord anschlagen. Typisch für die einsetzenden ersten Wahrnehmungen des Ätherischen sind „Bewegungen wie Strömen, Strahlen, Verdichten, Spreiten, Einhüllen und vieles andere mehr, insgesamt alles Formbewegungen.“ (S. 59) Schmidt bemüht sich in der Folge, diese Formbewegungen zu spezifizieren.

Etwas bedauerlich an dem sonst ausgesprochen konkreten und hilfreichen Buches ist allenfalls, dass es nicht stringent durch geschrieben ist, sondern mehr eine überarbeitete Kombination von schon bekannten Aufsätzen darstellt; es wiederholt sich Manches. Es wird auch manche Übung nicht in aller Konsequenz ausgearbeitet; Vieles bleibt angedeutet und daher für den, der nicht in konkreter Meditationsarbeit steht, nicht immer ganz nachvollziehbar. Das liegt aber in der Sache selbst; hier liegt ein Werkstattbuch vor, mit vielen Forschungsansätzen und noch mehr Andeutungen, in welcher Richtung es weiter gehen kann. Die Schwerpunkte legt ohnehin jeder selber für sich fest; nicht zuletzt hängt man auch an spezifischen Fragestellungen und Problemen fest. Es kann in dieser Hinsicht nicht das eine, stringente Übungsbuch geben. Dieses hier ist jedenfalls von hohem qualitativem Standard. Es behauptet nichts, sondern gibt Anregungen und weist Wege für den, der tatsächlich praktisch tätig ist. Eine umfangreiche Besprechung (inklusive der üblichen schrecklichen Fragestellung, wie anthroposophisch das denn sei) gibt es bei Die Drei (Wolfgang Kilthau).

Im letzten Teil des Buches (der aber vom Umfang und von der Bedeutung her einiges Gewicht hat, stellt Schmidt den von ihm vertretenen Übungsweg mit dem der Philosophie der Freiheit nebeneinander, untersucht die Querbezüge und die Unterschiede. Das ist wirklich gut und anschaulich gemacht, aber in seiner Nuanciertheit hier, an dieser Stelle, kaum darstellbar.
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Georg Kühlewind: Das ist das Fest

Natürlich, die Tradition gehört dazu. Und natürlich ist dies das Fest, das die Familie zusammen halten könnte - wenn es denn so klappt wie erhofft. Die Erwartungen sind erheblich, und so mancher verdrückt sich lieber in die Partymeile in der Altstadt, sobald die Gans herunter geschlungen ist. Verständlich, wenn das Ominöse dieses Fests tatsächlich erstarrt von Traditionen und Erwartungen war. Alles, was in diesem Jahr ungesagt blieb, steckt jetzt schwer in der Festtagskehle. Womöglich drückt die schwarze Hose, die man nur an diesem Tag im Jahr heraus holt, und zu eventuellen Beerdigungen. Womöglich ertappt man sich am Heiligen Abend bei dem Gedanken, dass eine letztere angenehmer wäre als das Gänsegemetzel. Aber wer weiß? Vielleicht holt Papa dieses Mal nicht wieder das Familienalbum heraus, womöglich bleibt Oma friedlich und die Schwester ist nicht wieder beleidigt, weil sie - wie immer- denkt, sie sei in Bezug auf die Geschenke benachteiligt worden. Es wäre das erste Mal, aber wer weiß?
Nun denn. Es gibt immer Hoffnung. Wenn der Baum steht und leise Rauchfahnen von sich gibt, sind doch alle zumindest für anderthalb Stunden ganz friedlich. Der Jüngste ist heimlich in sein Zimmer gegangen und guckt „Terminator“, wie jedes Jahr. Und endlich, wenn man vor dem abgegrasten Tisch und den weggeworfenen Verpackungsbergen steht, fragt man sich doch zwischendurch, ob das das Fest war, das gemeint war.

Georg Kühlewind machte in seinem Buch „Weihnachten“ (Stuttgart 1989) immerhin darauf aufmerksam, dass man auch in unseren Gegend vor dem 4. Jahrhundert die Epiphanie (6. Januar) feierte als den „Tag der Jordantaufe“. Die ausschließliche Feier der physischen Geburt Jesu kennzeichnet er mit „Die Logosidee ging verloren“. Das andere, innere Weihnachten charakterisiert er als Möglichkeit so:

Das Aufleuchten einer neuen Idee kann auf analoge Weise durch ein zweifaches Geschehen oder durch ein Verschmelzen zweier Bewegungen charakterisiert werden. Je mächtiger die Idee ist, um so mehr ist ihr Gegebeneren, ihr Nich-von-mir-Sein fühlbar, als ob sie als Gnadengeschenk „von oben“ gereicht wäre.

Sie kann uns nur erreichen, wenn eine sehr konzentrierte, aber „leere“ Aufmerksamkeit ihr entgegenkommt, die sie aufnimmt. Diese ist die meditative Aufmerksamkeit, die sich aus den Übungen der intentionalen - auf Themen gerichteten- Aufmerksamkeit metamorphosiert. Der Erwachsene muss sie sich erarbeiten; dem kleinen Kind ist sie vor dem und während des Spracherwerbs gegeben.

Daher ist die Geburt des Kindes ein Bild für die empfangende Aufmerksamkeit, die dem Wort entgegen wächst. Diese wird von der Seele des Meditierenden - Maria - geboren. Eine neue Idee erscheint:
Das ist das Fest. Und ein Fest kann es nicht geben, wenn nicht eine neue Idee erscheint.“

Und dies ist der denkbar grösste Kontrast zu dem traditionsversessenen Heiligen Abend unserer Tage. Vielleicht sollten wir es dieses Jahr einmal anders machen.
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Goldglanz

Ab und zu blättere ich in alten und ältesten anthroposophischen Büchern, auch in denen, deren Autoren nicht gerade zu meinen Lieblingen gehören. Die liebsten Bücher erkennt man daran, dass sie wild übersaht sind mit Anmerkungen, Unterstreichungen aus verschiedenen Zeiten, Eselsohren und allerlei Kaffeeflecken. Mit so etwas lebt man eben. Womit man lebt, muss etwas sein, das wieder und wieder, zu verschiedenen Zeiten und in beliebigen Abständen, jedes Mal wieder etwas gibt. Ein Buch, mit dem man lebt, ist selbst so lebendig, dass man nicht nur immer neue Entdeckungen darin macht, sondern dass es jedes Mal, bei jedem neuen Lesen, neue Perspektiven eröffnet. Es geht also nicht nur um Inhalte, die man ja nun ausreichend bei einmaligem Lesen erfasst hätte. Informationen erinnert man zwar nicht im Detail, aber das bloße Neufassen würde keine Perspektiven eröffnen; nein, wirklich anregende Bücher stossen eigene Erkenntnisse an, stellen Fragen, machen einen innerlich lebendig und warm. Das wird nur dann der Fall sein, wenn der Autor selbst aus innerer lebendiger Anschauung spricht und nicht nur auf informeller Ebene Fakten zusammen stellt. So schrecklich viele Autoren, die das bei mir vermögen, habe ich nun nicht gefunden; sagen wir: eine Hand voll. Bernhard Lievegoed gehört eigentlich nicht dazu. Immerhin ist seine kleine „Mysterienströmungen in Europa und die neuen Mysterien“ ein zwar orthodox geschriebenes Kompendium Steinerscher Aussagen, aber glücklicherweise so kenntnisreich und knapp zusammen gestellt, dass sich immerhin immer wieder einige Fragen stellen- auch 30 Jahre nach dem ersten Lesen.

In den Vorträgen über die „Ätherisation des Blutes“ schildert Rudolf Steiner, wie durch göttliche Gnade bei den Menschen ein Ätherstrom vom Herzen zur Epiphyse ausgeht, aufsteigt, und wie er von da aus das Gehirn als geistig- ätherisches Licht durchstrahlt. Nur dadurch kommen wir in die Lage, spirituelle Gedanken denken zu können. Anders könnten wir nur Gedanken denken, die von sinnlichen Eindrücken Herrühren und an sie gebunden bleiben. Das weist auf den mikrokosmischen Gral im Menschen. Das goldene Licht des ätherischen Blutes, welches das Haupt durchstrahlt, wurde hellseherisch als Goldglanz um das Haupt herum wahrgenommen, wenn sich dieser Ätherstrom mit den Christus- Ätherkräften verbinden konnte. Er erscheint als der Heiligenschein bei den mittelalterlichen Malern und wird dann zum traditionellen „Zeichen“ der Heiligkeit. Der Heiligenschein ist damit eine letzte Erinnerung an die Wirkung des Gral.“ (S. 29)

Ich denke, die Bemerkung Rudolf Steiners, gegen Ende des 20. Jahrhunderts würde die Menschheit über eine innere „Schwelle“ gehen, darf man heute wohl als gegeben ansehen. Das bedeutet, die Entfaltung des „Ätherkopfes“ - eine aus ursprünglich körperlichen Bezügen gelöste geistige Energie- darf man heute bei sehr vielen Menschen als gegeben ansehen. Sie verbinden nur keine spirituellen Gedanken und Impulse damit, werden sich dieser Fähigkeit auch nicht unbedingt bewusst. Aber sie trägt zu einer inneren Spaltung bei, die heute normal und verbreitet ist und zu einer allgemeinen Psychologisierung des Ichs beigetragen hat: Man schaut heute auf die eigenen willentlichen, seelischen und intellektuellen Impulse, bewertet sie und ordnet sie ein. Man schaut aus einer Beobachter- Position auf die eigenen seelischen Mechanismen und Reflexe, eventuell sogar kopfschüttelnd oder belustigt: „Wieder einmal so oder so reagiert“. Dass die Position des innerseelischen Beobachters bereits eine ist, die frei von diesen individuellen Mustern und Reflexen ist, bemerkt man nicht unbedingt. Es ist dies eine Positionierung, die das (anthroposophisch so bezeichnete) Bewusstseinseelenzeitalter charakterisiert. Mit dieser Fähigkeit sind aber auch sozial intuitive Akte möglich- etwa, Gesprächs- und Handlungsverläufe, biografische Entwicklungen und Zusammenhänge und soziale Prozesse in Gruppen zu begleiten, Trends zu entdecken und wahrscheinliche Weiterentwicklungen zu erahnen. Der Ätherkopf ermöglicht es, Prozesse mit zu verfolgen, ohne komplett in sie involviert zu sein. Damit nähert man sich „Wirklichkeit“ in der Hinsicht an, dass Gewahrsein möglich wird, ohne selbst völlig verstrickt zu sein. Man kann dann auch nicht emotional reagieren, nicht aus den nahe liegenden seelischen Reflexen heraus. Es ist dies eine erheblich vertiefte Fähigkeit, systematisch zu denken, mit voller Konzentration und Hingabe, aber nicht im Sinne eines emotionalen Resonanzkörpers, sondern mit einer gewissen inneren Freiheit und Würde. Man ist an diesem Punkt - auch ohne das mystische Vokabular, das Steiner und Lievegoed verwenden, zu benutzen- nahe am Gewahrsein der geistigen Entität, die im Begriff der Bewusstseinsseele auch angesprochen ist.

In großen Teams- fern jeden spirituellen Themas- bemerkt man oft, wie Menschen aufmerken, sich vielleicht sogar anlächeln, wenn in einem Prozess entweder wirklich ein tragender Kompromiss gefunden ist oder wenn er gerade in Beiträgen gründlich verhindert wird; die Menschen stehen fast kollektiv in den Prozessen von gemeinsamem Diskurs und Lösungsfindung zusammen. Es ist für den Einzelnen nicht immer fassbar, worin dieser Lösungsansatz bestehen könnte, es bleibt im Vagen und Unbestimmten. Wenn aber der erlösende Satz von einem Einzelnen gefunden ist, bemerkt das das Kollektiv sehr wohl. Dies gilt zumindest dann, wenn eine produktive und konzentrierte Haltung in der Gruppe verbreitet ist. Dass das systematische Denken eigentlich bereits eine Fähigkeit ist, die bereits über die intellektuell- konsumierende Haltung hinaus geht, muss nicht bemerkt werden. Ähnliches könnte als Beispiel auch über die Fähigkeit zur Biografiearbeit gesagt werden, sofern diese über bloße seelische Betroffenheit hinaus gehen kann und ebenfalls in ein nüchtern- waches Anschauen der Fäden des Lebens mündet. Selbst persönliche Traumata können in ihrer Konsequenz und Entwicklung, auch in ihren negativen Auswirkungen auf die eigene Entfaltung angeschaut werden. Es geht nicht um „Goldglanz“ und „Heiligenschein“, sondern um die nüchterne Intensität prozessualen Denkens.

Welche sind nun die Bücher, die sich immer wieder neu beim wiederholten Lesen entfalten? Die mit einem Goldglanz. Es geht nicht darum, Antworten zu geben (und „Inhalte“ zu vermitteln), sondern dem, was ohnehin in den Menschen da ist, zur weiteren Entfaltung und Bewusstwerdung mit zu verhelfen.
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Website der Georg- Kühlewind- Stiftung

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„Mit achtzehn Jahren begegnete ich erstmals der Anthroposophie. Ich spürte folgendes: „Interessant, aber das weiß ich schon alles, das lebt alles in mir.“ Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zum zweiten Treffen durch die Werke Wahrheit und Wissenschaft und Goethes Weltanschauung von Rudolf Steiner. Im folgenden wirkten in Hamburg die Vorträge über Das Johannes-Evangelium auf mich. Zehn Jahre lang las ich ein Buch nach dem anderen. Dann spürte ich, dass dies völlig vergeblich ist: ich komme auf dem Weg der inneren Arbeit (Übungen) nicht weiter, es war, als würde das bisher angesammelte Wissen mich überwuchten – und es war wirklich so!

An diesen Punkt angekommen habe ich mit der vollkommenen Anthroposophie beinahe abgerechnet, als ich einen wichtigen Traum hatte und mir ein Buch von Rudolf Steiner einfiel, dass ich bis zu jenem Zeitpunkt nicht verstanden hatte – Die Philosophie der Freiheit. So begann ich dieses Werk bzw. andere erkenntnistheoretische Bücher von Steiner zu studieren. Ich wollte diesen Büchern „eine letzte Chance“ geben. Ich wollte sie streng in sich selber verstehen, ohne daneben andere esoterische Werke zu lesen. Ungefähr ein halbes Jahr später wusste ich, welche Richtung ich wählen muss. Ich sah die Fehler und Missverständnisse (die ich als Verstehen gedacht habe) die ich beging. Ich bin darauf gekommen, dass die Stufe des wahren Verständnisses nicht die Stufe ist, die auch in anderen Wissenschaften erreicht wird, sondern wenigstens diejenige eines lebendigen, erfahrbaren Denkens; nicht die Stufe des Gedachten, sondern der Prozess des Denkens selbst. Von diesem Moment an (ungefähr 1958) trat ich auf den Weg der inneren Schulung. Im Jahre 1969 traf ich den italienischen anthroposophischen Denker Massimo Scaligero. In Wirklichkeit fand das richtige und bedeutungsvolle Treffen nicht persönlich statt, sondern durch seine Bücher nach einem persönlichen Treffen. Aus dem Treffen entwickelte sich eine tiefe und inspirierende Freundschaft, obwohl wir uns in mehreren Fragen nicht einig waren. Jedoch in den Fragen des inneren Weges und der Erkenntnis waren wir uns vollkommen einig.“-

so schreibt Georg Kühlewind in seiner Lebensbeschreibung. Man findet diese Notizen ebenso wie Vorträge (auch in Audio- und Videoformat) auf der Internetseite der Georg Kühlewind- Stiftung, auch in deutscher Sprache. Beim ständigen Link darauf in unserer Seitenleiste muss man jeweils auf das gewünschte Sprachformat umstellen, da das Original natürlich ungarisch vorliegt.
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ruth bamberg: wer eigentlich stellt steiner auf einen sockel?

ein vorwurf der immer wieder in höchst unterschiedlichem anzuge daher kommt: die anthroposophen heben steiner auf einen sockel, sie sind verblendet für die nackten tatsachen, nämlich dass steiner ein rassist war, eine art offenbarungsreligion inaugurierte, weil eine geistige welt angenommen wird die steiner schauen konnte und wir, die anthroposophen nur daran glauben können, weil wir selbstverständlich nicht an die fähigkeiten des meisters herankommen. damit wird allem anthroposophischen tun und lassen fundamentfäule unterstellt.

nehmen wir die kritik mal konstruktiv und wenden den blick nach dem gemeinen anthroposophen, dieser - so mein kenntnisstand -  schert sich im allgemeinen herzlich wenig um einen säulenheiligen namens rudolf steiner. stattdessen gründet er schon mal eine schule, oder eine klinik, oder sammelt 1 000 000 000 unterschriften um auf europaparlamentsebene mitmischen zu können, andere solche beackern höfe, gestalten t-shirts, züge, betreiben drogerieen, banken, bauen brunnen und häuser, pflegen alte, erziehen kinder, schreiben bücher… o.k. das sind vieleicht nicht die anthroposophen, sondern eher ganz normale menschen die zu allem was sonst noch so der fall ist auch kenntnis von rudolf steiner haben. diese haben in wirklichkeit keine zeit vor sockeln stehen zu bleiben und zu glauben.

weiter zum ganzen text..
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Ruth Bamberg: Anthroposophie, Wissen- und Zeitgenossenschaft

„Vom 22. - 23.9 fand die „Fachtagung Anthroposophie im Hochschulkontext - Herausforderung und Chance“ an der Fachhochschule Ottersberg in Kooperation mit der Alanus Hochschule statt.
Im Programm heißt es: "Anthroposophische Konzepte und Theorien haben sich weitgehend isoliert von akademischen Diskursen und zeitgenössischer Kulturpraxis entwickelt. Daher fehlen künstlerischer und wissenschaftlicher Praxis die dialogischen Korrektive, die in einer kritisch konstruktiven Auseinandersetzung mit anderen Positionen gewonnen werden können. Einer solchen Auseinandersetzung möchten wir mit der Initiative zu dieser Tagung Raum bieten. Sie eröffnet einen Dialog über die möglichen Funktionen und Chancen der Anthroposophie im Kontext der Hochschulbildung und fragte zugleich nach den Kriterien, an denen die Zukunftsfähigkeit und Weiterentwicklung der Anthroposophie in öffentlichen wissenschaftlichen und künstlerischen Diskursen zu messen ist." Kein einfaches Unterfangen Anthroposophie, Wissenschaft und Zeitgenossenschaft unter einen Hut zu bringen, erwartungsvoll fuhr ich in das etwa 35 km von Bremen entfernt liegenden Ottersberg. Welche Verknüpfungen würden sich zeigen?“

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Michael Eggert: Kiffen ist gesünder. Zu Powells „Christus und der Mayakalender"

Es gibt so allerlei, über das man schreiben könnte, bei dem sich aber zwar nicht gerade die Tastatur verklemmt, aber reichlich innere Widerstände aufbauen. So geht mir das mit offensichtlich verschwörungstheoretischen, okkult- suggestiven und anderweitig im Trüben fischenden Büchern. Es ist schwierig, mit Texten umzugehen, die sensationelle Offenbarungen verheißen, wie nun im heutigen Fall mit Robert Powells „Christus und der Mayakalender. 2012 und das Erscheinen des Antichristen“ (Basel 2009).

Der Name des Buches, das im „Informationslücke-Verlag“ erschienen ist, ist Programm und verdeutlicht hinreichend den gesamten Inhalt. Interessant sind die Quellen und die Methodik, mit der das angebliche apokalyptische Geschehen produziert wird. Powell benutzt Textstellen der Apokalypse (selbstredend), Rudolf Steiners, Valentin Tombergs, Daniil Andrejews, Jeane Dixons, Judith von Halles und seiner selbst, je nach Bedarf, je nachdem, ob es passt. Ab und zu wird auch schon mal eine Marienerscheinung o.ä. eingestreut, etwas ägyptische Mystik oder das eine oder andere Buch zum rudimentären, aber zur Zeit top modischen Mayakalender. Gelegentlich betont Powell auch seine eigenen „Forschungsergebnisse“: „Durch meine eigene Forschung war ich in der Lage, Daniil Andrejews Ankündigungen bzgl. der bevorstehenden (..) Offenbarung Christi im Ätherischen und das Kommen des Antichrist „in nicht zu ferner Zukunft“ zu bestätigen.“ Holla.

Nähere oder auch nur ungefähre Angaben zu seinen Arbeitsmethoden macht Powell nicht, aber es klingt gut. Im ersten Teil benutzt er allerlei Zahlenmystik, um zu den gewünschten Jahresangaben zu kommen, die er allen möglichen Quellen entnimmt (auch Rudolf Steiner, natürlich), aber nach vorne oder hinten ausdehnt, variiert und kombiniert. Das Meiste wird aus anderen Texten über den Mayakalender abgeschrieben. Zwischen Templern, Echnaton, Dämonen und Sophienkult streut Powell auch noch Bilder der Milchstrasse hinein. Die sich daraus ergebenden Bezüge sind natürlich beliebig und passen sich notgedrungen in das behauptete apokalyptische Geschehen hinein. Bei dieser Methode könnte man auch einige Micky-Maus-Hefte als Quelle heran ziehen und einbauen- es würde passen, wenn man nur das Nichtpassende passend ausblendet.

Zweifel räumt Powell durch immer weiter addierte beliebige Textfragmente aus - etwa in folgendem Zitat:
Bezüglich des Datums vom 21. Dezember 2012 mag der skeptische Leser einfach sagen, „Warum soll ich den Apokalypse Code für gültig erachten?“ Aber es ist nicht nur der Apokalypse Code, der uns dazu führt, den langjährigen Mayakalender als eine prophetische Voraussage für das Ende der 3 1/2 jährigen Regierungszeit des Antichrist anzusehen, sondern auch das Lesen der Bilder der Offenbarung, die uns deutlich ankündigt, wo wir in der Entfaltung der Weltgeschichte stehen. (..)“ (S. 112). Und wer es an diesem Punkt immer noch begriffen hat, dem wird das Werk des (mir unbekannten) russischen Mystikers Andrejew „als sehr hilfreich“ empfohlen.

„Hilfreich“ im Sinne der sinnfreien Argumentationskette von Powell ist alles mögliche, wenn nur das Ziel erreicht wird, „die metahistorische Offenbarung der Apokalypse in eine verständliche Reichweite der Zeit, in der wir leben, zu bringen“ (S. 113). Das haben nun allerdings seit dem Mittelalter Viele versucht. Auch Powell bezieht die apokalyptischen Bilder auf tatsächliche zeitgenössische Katastrophen: „Wie „erfüllen“ die Ereignisse des 11. September 2001 auf der historischen Ebene die sich öffnende Szene des 13. Kapitels der Offenbarung auf der metahistorischen Ebene? Kehren wir zurück zu den Worten, die die Öffnung der Szene des Kapitels beschreiben: „Und ich sah ein Tier aus dem Meer steigen, das hatte zehn Hörner und sieben Häupter.. Und ich sah eines seiner Häupter, als wäre es tödlich verwundet“ (Offenbarung 13:1-3). Die „tödliche Wunde“, die Johannes vor etwas über neunzehnhundert Jahren sah, kann als die „Wunde“ gesehen werden, die mit der Zerstörung der beiden Türme des World Trade Center, dem Computer beladenen „Haupt“ des Welthandels zugefügt wurde. So kündigte dieses dramatische Ereignis am 11. September 2011 der Welt das Aufstehen des „Tieres“, Satan/ Ahriman, an, auf seinem Weg zur Inkarnation, mit einem seiner Häupter verwundet. Der darauf folgende Krieg gegen den Terror, der beabsichtigt, die Menschheit in einem Zustand ständiger Angst zu halten, ist genau das, was die Atmosphäre schafft, die das Tier für seine Inkarnation als Antichrist braucht.“ (S. 116) Diese merkwürdigen apokalyptischen Kurzschlüsse folgen dabei - ohne das zu be- oder vermerken- einer Dämonisierung, die auch Bin Laden in seiner Dschihad- Ideologie betrieb. Powell muss sich in seinen hektischen Argumentationsmanövern offenbar doch an den Duktus des in seiner Zielgruppe beliebten Anti- Amerikanismusses halten. Die beigefügte Bemerkung, das „Haupt“ des World Trade Centers sei „Computer beladen“ (was für ein schreckliches Deutsch!), mixt noch eine Prise Technikphobie mit hinein.

Die „Qualität“ der beliebigen assoziativen Querbezüge, die Powell herstellt, zeigt sich an allen Ecken und Enden. Auf Seite 124 springt er von dem „großen roten Drachen“ nahtlos herüber zum Kommunismus, wie überraschend: „Der Name für die Bolschewisten - die Roten - deutet auf das Bild aus der Vision des Johannes.“ Ja, aber wenn ich „die Roten“ bei Google eingebe, erhalte ich auch noch 25 Millionen andere Bezüge, von Rosen über Fußballvereine bis hin zu roten Zahlen. Mithin könnten wir spontan ein Buch schreiben über den Bezug der Finanzkrise zur Apokalypse. Und auch wir könnten mit geschwellter Brust hinein schreiben: „Die Visionen der Offenbarung sind wahr.“ (S. 125). Alles wird wahr, wenn man es nur passend zurecht strickt. Nur wer diese Strickmuster dann in seinen Weltkosmos übernimmt, hat zwar ein unanfechtbares Erklärungsmodell für Alles, aber auch ein echtes Problem.

Unser Ratschlag zum besprochenen Buch: Kaufen Sie es nicht, wenn Sie einen assoziativen Rausch suchen. Kiffen ist gesünder. Folgt man diesem Buch aber doch, muss man mehr Sorge um die eigene geistige Integrität als Angst vor dem kommenden Antichristen haben.
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Wolfgang Garvelmann: Der esoterische Schulungsweg der Anthroposophie

„Leider hat sich herausgestellt, dass auch unsere Anthroposophische Gesellschaft als eine Schicksalsgemeinschaft von solchen Einflüssen nicht verschont wird. Sei es durch die Entstehung einer gruppenseelenhaften, elitär kühl ästhetisierenden Gemeinschaftsmentalität, sei es durch Katastrophen, die nach jahrzehntelangen Heilungsphasen immer wieder neue Wunden aufreissen und die Erfüllung der eigentlichen Aufgaben verhindern. Ich denke an die z.T. selbsterlebten Anfeindungen von Ita Wegman, einer der engsten Mitarbeiterinnen von Rudolf Steiner, an den Kampf gegen den Nachlassverein, der dem Goetheanum für Jahre die Bücher Rudolf Steiners entzog, und jetzt derzeit die völlig aufgebauschten Querelen um Judith von Halle, welcher Machtgier und spirituelle Verführung unterstellt werden bis zu einer direkten Verweigerung von klärenden Gesprächen mit ihr. All diese genannten Geschehnisse wären zweifellos zu heilen gewesen durch eine tolerante Gesprächsbereitschaft und durch die Ehrlichkeit der Herzen, die in sich selbst den eigenen Neid und die eigene Eifersucht erkannt hätten – stattdessen aber die ideologischen Notwendigkeiten einer Wahrheitsverteidigung vorschoben – möglicherweise sogar durch eine „naive“, weil unerkannte und unkontrollierte, Inspiration durch geistfeindliche Mächte…“

Zum ganzen Aufsatz von Wolfgang Garvelmann..
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Widersprüchlichkeit

Die Logik geht darauf aus, wenn sie irgendwo einen Widerspruch findet, ihn zu beseitigen. Aber die Logik weiß heute noch nicht, was sie damit tut:
Die Logik selber tötet für das menschliche Auffassen mit dem Hinwegräumen des Widerspruches das Leben.
Deswegen kommt der Mensch nur zu einer Auffassung des Lebendigen, wenn er über die Logik hinaufsteigen will zu Imagination, Inspiration und Intuition.


Rudolf Steiner, GA 188, Seite 105

Das Leben selbst ist allerdings auch widersprüchlich, unser Leben, wir. So zum Beispiel stehen uns unsere Fähigkeiten häufig im Weg, eben weil wir uns auf sie verlassen. Man macht sie gern zu einem „Persönlichkeitsmerkmal“, in unserem konstruktivistischen Eigenheimbau, den wir „Ich“ nennen.
Etwas ganz anderes ist das, was man an Reife entwickelt. Dazu gehört auch, dass man sich der eigenen Gespaltenheit und Widersprüchlichkeit bewusst ist. Der innere Widerspruch ist ja durchaus auch ein in vieler Hinsicht antreibendes und kreatives Moment. Es produziert nur immer wieder Chaos im Leben.

Der Übergang zu „Imagination, Inspiration und Intuition“ mag vieles erhellen und verändern- die Widersprüche bleiben. Sie stecken bei uns bis in die Wurzeln hinein fest. Man kann das nicht extrahieren und womöglich auch nicht befrieden. Man muss den „Widerspruch des Lebens“ vielleicht auch annehmen lernen- als etwas, was dazu gehört.
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Kronzeuge Albert Steffen?

Wie sehr ich es begrüsse, dass Bodo von Plato stellvertretend für den Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft auf der diesjährigen Generalversammlung der deutschen Gesellschaft eine Art Paradigmenwechsel in Bezug auf die Aufarbeitung der anthroposophischen Bewegung zum Nationalsozialismus eingeleitet hat, habe ich schon im egoistenblog erläutert. Von Plato hatte übrigens nicht vor, eine innere Verwandtschaft zwischen Anthroposophie und Nationalsozialismus zu behaupten, sondern nur angemerkt, dass teleologische Vorstellungen im Sinne einer Entwicklung des Individuums und der Menschheit auch pervertiert werden können. Bei NNA, der anthroposophischen Nachrichtenagentur, liest sich das so: „Auf dem Podium diskutierten u.a. Bodo von Plato vom Vorstand der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft in Dornach und der Historiker Uwe Werner. Von Plato vertrat dabei die These, dass es so etwas wie eine „anthropologische Disposition“ gebe, die zur besonderen Wirkung des Faschismus auf die Menschen in Mitteleuropa beigetragen habe. Diese Disposition basiere auf „einer tiefen Sehnsucht nach dem, was wir verloren haben“ und verlange nach einem mystischen Verstehen der Gegenwart. Sie sei auch in der Anthroposophie zu erkennen, wobei jedoch diese als Gegenbild des Nationalsozialismus und im Wesen damit unverwandt zu sehen sei.

So weit, so gut. Dass allerdings im selben Bericht und auf derselben Versammlung auch Albert Steffen zum Kronzeugen des Widerstandes gegen Nationalsozialismus stilisiert wurde, stieß mir doch etwas auf: „Hatten Anthroposophen die Situation durchschaut? Erwähnt wurde der Zeitzeuge Albert Steffen, der früh das Geschehen erkannt und es in seinen Dramen künstlerisch verarbeitet habe.“ Das erinnerte mich an einen fünf Jahre alten Beitrag hier bei den Egoisten, in dem dieses Thema behandelt worden war: (Albert Steffen becirct Hitler“) „Immer wieder peinlich: Die Briefe des Vorstands der Anthroposophischen Gesellschaft aus den Jahren 1933- 1935 vor und nach der Auflösung der deutschen Sektion und Einordnung als "staatsfeindlich". Steffen, von Sievers und Wachsmuth beschwören Hitler in einem Brief an "ew. Excellenz", diese "Aufloesung gütigst" rückgängig machen zu wollen und versichern den Diktator "unserer ausgezeichnetesten Hochachtung". Dass zugleich versichert wird, dass die Anthroposophische Gesellschaft nicht "zu irgend welchen freimaurerischen, jüdischen, pazifistischen Kreisen irgend welche Beziehungen oder auch nur Berührungspunkte" gehabt habe, geht aber deutlich über eine reine Anbiederung hinaus.
Wachsmuths an anderem Ort (Ekstrabladet, Kopenhagen, 6.6.1933) geäußerte Sympathie und "Bewunderung" ("es soll kein Geheimnis sein, daß wir mit Sympathie auf das schauen, was z. Zt. in Deutschland geschieht") lässt vermuten, dass es sich nicht nur um strategische Positionierungen der Anthroposophen gehandelt haben kann. Der Höhepunkt ist vielleicht ein Brief Albert Steffens an die Gauleitungen im Deutschen Reich (20.5.1933), in dem selbst Rudolf Steiner persönlich instrumentalisiert wird: Denn Steiner sei "aus katholischer Konfession hervorgegangen und rein arischer Abstammung". Selbst der Totenschein von Steiners Vater wird zitiert, da darin bestätigt wird, es sei "vollkommen ausgeschlossen, daß irgendwie eine jüdische Abstammung möglich ist". Irgendwie.


Mag sein, dass Steffen die nationalsozialistische Katastrophe in Dramen verarbeitet hat. Als Vorstandsvorsitzender hat er offensichtlich eine anbiedernde Haltung eingenommen.
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Hüter & Gezücht

Ein Hüter bringt es vor allem dazu, er selbst zu sein, indem er für das, was von ihm ausgegangen ist, Verantwortung übernimmt und auf heilvolle oder verhängnisvolle Art damit verbunden ist. Es war daher schon immer klar, dass Hüter keine ungefährliche Mission verfolgen- sie haben es schließlich mit dem unkalkulierbarsten aller Wesens zu tun, dem Menschen. Man muss auch nicht an einen Schutzengel glauben, um zu wissen, was Verantwortung ist. Auch diese Verantwortung wandelt sich bis zur Lebensmitte des Menschen vielleicht eher in eine neutrale Begleitung um - hoffentlich- in einem kontinuierlichen Prozess, erwachsen zu werden. Da stünden Engel ziemlich im Weg.

Unseren Kindern gegenüber können wir uns vielleicht als Hüter sehen- ihre Menschwerdung bedarf schließlich auch des Freiraums; sie sondern sich von uns ab und reifen. Wir tun nicht gut daran, dauerhaft ihr Hüter sein zu wollen- sie würden sich bedanken, sich dann aber entweder von uns trennen oder abhängig von uns bleiben Vielleicht ist es schwerer, nicht die Kinder aufzuziehen, sondern uns von ihnen zum richtigen Zeitpunkt im rechten Maß zurück zu ziehen.

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Gegenüber der Natur als Ganzes haben wir uns als schlechte Hüter erwiesen; sie war stets ein Raum der Domestizierung und Ausbeutung. Selbst wenn wir ihr Hüter werden könnten, bliebe sie doch etwas Eigenständiges, von uns autonom Wirkendes und Geschaffenes. Für das, was wir an Technik, Maschinen, abstraktem und mechanischem Geist von uns absondern, gilt es, dies zu begleiten. Das wird sich aus den katastrophalen Verirrungen ergeben - etwa dem missbräuchlichen Gebrauch der Atomkraft - in die wir technisch schon herein geraten sind. In einer fernen Zukunft aber wird es auch eine zunehmende Autonomie des materiellen, technischen Verstandes geben- ein quasi- kreatürliches Novum von ausgesuchter Hässlichkeit- so eine apokalyptische imaginative Darstellung Steiners für eine ferne Zukunft der Existenz. Unsere Kreaturen werden uns zwingen, Engel zu werden:

"Und aus der Erde wird aufsprießen ein furchtbares Gezücht von Wesenheiten, die in ihrem Charakter zwischen dem Mineralreich und dem Pflanzenreich drinnen stehen als automatenartige Wesen mit einem überreichlichen Verstande. Und der Mensch wird, insofern er nicht seine schattenhaften intellektuellen Begriffe belebt hat, statt sein Wesen mit den Wesen die heruntersteigen wollen seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, zu vereinigen, er wird sein Wesen mit diesen furchtbaren mineralisch-pflanzlichen Spinnentieren vereinigen müssen. Er wird selber zusammen leben mit diesen Spinnentieren, und er wird sein weiteres Fortschreiten im Weltendasein suchen müssen in derjenigen Entwickelung, die dann annimmt dieses Spinnengetier."
R. Steiner, GA 204, Seite 244f

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In der Gegenwart schiebt sich die technische Welt an die Stelle der Natur- deren Ressourcen werden z.B. ausgeschlachtet, um die Energie für die synthetische elektronische Cyberworld zu produzieren. Aber auch in der Beschäftigung des Menschen mit seinen Geräten hat sich eine Wegwendung vom natürlichen Bezug ergeben. Diese „Gegennatur“ wird nicht in der Weise, wie sich das Sciencefiction - Autoren vorgestellt haben, plötzlich etwas wie eigenen Willen entwickeln, Gefühl oder Absichten und Wünsche. Es ist dies aber - wenn man Steiner so verstehen mag - auch nur ein Probelauf für die ferne Zukunft, wenn es etwas wie eine Ausstülpung geistiger Mechanik aus dem Menschen geben wird- ein „Gezücht“. Das allerdings werden wir sehr gut hüten müssen.
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"Die Mitglieder sollten das Goetheanum nicht als Bürde betrachten"

In der anthroposophischen Nachrichtenagentur NNA berichtet Christian von Arnim von der diesjährigen Mitgliederversammlung. Immerhin hat es einen Versuch gegeben, den Vorstand der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft zum Rücktritt zu zwingen. Der Antrag wurde auch von Götz Werner unterstützt. Mit diesem Antrag wurde dem Vorstand deshalb das Vertrauen entzogen, weil eine „zu große Veräusserlichung im Wirken des Vorstands zu bemerken (sei), weiter sei das Goetheanum ein Ort „spiritueller Dienstleistungen“ geworden an dem keine „originären Impulse“ mehr erarbeitet würden, „um in die Welt aus-zustrahlen.““ Damit ist eine Phrase, die meines Wissens von Sebastian Gronbach stammt (wobei dieser sich selbst so kennzeichnet) offenbar zu einem generalisierten Vorwurf geworden- ein Synonym für ausbleibende innere Wirksamkeit und Veräußerlichung.

Sergej Prokofieff verteidigte sich im Namen des Vorstands mit seinen üblichen pseudo- esoterischen Behauptungen, etwa, im heutigen Vorstand seien „alle karmischen Strömungen des ursprünglichen von Rudolf Steiner berufenen Vorstands vertreten“. Abgesehen vom fragwürdigen Wahrheitsgehalt stellt sich die Frage, ob eine solche Behauptung irgend eine andere Relevanz haben kann als den Versuch zu starten, sich unabhängig von der erbrachten Leistung eine Art exterritorialer Selbstrechtfertigung zu basteln- eine Unart von Unangreifbarkeit zu schaffen. Auch seine Behauptung, der Antrag sei ein „politischer“ Ansatz besagt an sich nichts, ist in diesem Umfeld aber als Herabwürdigung zu betrachten. Bodo von Platos Replik auf den Antrag dagegen („Das Goetheanum habe einen Forschungs- und Lehrauftrag, aber auf Basis der Anthroposophie. Dazu werde das Goetheanum gebraucht und die Mitglieder sollten das Haus nicht als eine Bürde betrachten sondern als ein Vermächtnis.“) spricht wenigstens ehrlich aus, wie tief die innere Zerrüttung doch fortgeschritten ist. Paul Mackay dagegen zielte mit seiner Antwort weniger auf die innere Zerrüttung, sondern auf die finanzielle. Das Goetheanum ist seit langem - nun aber nicht mehr zu leugnen - finanziell schwer angeschlagen: „Die Diskrepanz zwischen Einnahmen und Ausgaben gebe es schon seit mindestens den achtziger Jahren und könne nicht mehr getragen werden. Wie könne damit umgegangen werden, fragte Mackay.“ In der Tat, diese Frage stellt sich, vor allem wenn die Misswirtschaft bereits seit etwa 30 Jahren besteht.

Am Ende enthielt sich ungefähr ein Drittel der Mitglieder der Stimme oder stimmte für den Antrag. Der bestehende Vorstand wurde einerseits bestätigt, erhielt aber ein Misstrauensvotum. Man sollte vielleicht bedenken, dass der Protest nicht aus identischen Motiven gespeist wird und keinesfalls, wie behauptet, „politischer“ Natur ist. Es drückt sich darin ein Widerwille in Bezug auf die finanziellen Probleme aus - vor allem die Veräußerung an Anteilen von Weleda-, aber wohl auch ein einflussreicher Kreis von „neo- okkultistischen“ Strömungen. Hätten sich diese durchgesetzt, hätte dies möglicherweise diese Kreise in grösseren Einfluss gebracht, denen man eine Reform noch weniger zutraut.
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Burghard Schildt: Selbsterkenntnis und Universalität

Der Leiter des "Spiegel" – Hauptstadtbüros, der Journalist Dirk Kurbjuweit, er sieht, der Journalismus, der scheitert an seinen eigenen Kriterien: Denen der Belegbarkeit. Dasjenige, das hinter der „Maske“ sich ereignet, das lässt sich nicht belegen. Das will durch Mitgefühl erlebt werden. Daher schreibt er zudem Romane.
Das steht beispielhaft dafür, wie heute kosmisches Menschengeschehen sich spaltet in einen Verstand an sich und in eine künstlerisch bildende Phantasie für sich.

Als eine der Anleitungen, wie man sich orientieren lernen kann innerhalb so eines Entwicklungsvorganges, dafür schrieb Steiner seine Leitsätze. Daraus das Folgende.

In der allerersten Zeit der Bewusstseinsseelen- Entwicklung erfühlt der Mensch, wie ihm das vorher imaginativ gegebene Bild der Menschheit, seiner eigenen Wesenheit, verloren gegangen ist. Ohnmächtig, es in der Bewusstseinsseele schon zu finden, sucht er es auf naturwissenschaftlichem oder historischem Wege. - Man gelangt dadurch nicht zu einem wirklichen Erfülltsein mit der menschlichen Wesenheit, sondern nur zu Illusionen. Aber man bemerkt es nicht; und sieht darin etwas die Menschheit Tragendes. (Auszug aus: Leitsätze 134, 135 )

Jeder anthroposophisch orientierte Leser kann zudem „wissen“, der Mensch, er leitet sein „Handeln“ nicht von der Erde aus. Er leitet es universell.
Das dazugehörige „Organ“ ist das Denken. Das Denken des Menschen. Der Mensch erzeugt denkend seine Universalität. Also seine Selbsterkenntnis als Welterkenntnis.

Selbsterkenntnis ist der Weltengrund, der das selbstbestimmte Handeln eines jeden Menschen begründet.

Heute ist Selbsterkenntnis zugleich Selbstbewusstsein. Also ein Vorgang in der Bewusstseinsseele. Die Bewusstseinsseele selbst ist ein in Entwicklung sich Findendes.

In seiner Bewusstseinsseelen- Entwicklung findet sich der Mensch in der Herausforderung, das Denken so zu ergreifen, dass er denkend sich als denjenigen gewahrt, der, in Aufrechterhaltung des Selbstbewusstseins, wiederum imaginativ in solchen Empfindungen leben kann, die ihn sein Wesen, als das lebendige Wesen des Universums selbst, erkennen lassen.
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Helmut Zanders Psychogramm von Rudolf Steiner

Helmut Zanders Psychogramm von Rudolf Steiner betrachtet letzteren aus einem einzigen Blickwinkel heraus: Dem der Autorität. Dieser rote Faden zieht sich vom Verhältnis zu Steiners Vater bis hin zu seiner Philosophie der "Selbsterlösung". Fragt Zander "Tritt der autoritätsbewusste Sohn in die Fussstapfen des autoritätsbewussten Vaters? – Ist es Küchenpsychologie, diese Linie zu ziehen?"- dann möchte man letzteres bejahen.
Ansosnten reichert Zander seine schlichte Hypothese durch allerlei Klatsch an, um das dröge Material etwas aufzusexen. Steiner war, neben seiner Suche nach Autonomie und seinen Rückfällen in autoritäre Strukturen, in Zanders Augen vor allem ein begnadeter Womanizer:

"Mein Liebling! Meine liebe Maus! Meine liebste Mysa-Ita! Es gibt auch den Mann im Anthroposophen, den Charmeur, der in Liebesbriefen an Marie von Sivers und Ita Wegman ganz zärtlich sein konnte. Es gibt auch die grossen Gefühle, es gibt Erotik und Sexualität in Steiners Leben. Der Mensch Steiner war nicht nur der Kopffüssler, zu dem ihn manche Verehrer gemacht haben. Rudolf Steiner hatte eine unerreichbare Jugendliebe, Radegunde Fehr; er war zweimal verheiratet, mit der acht Jahre älteren Anna Eunike, einer Mutter von fünf Kindern, und mit der sechs Jahre jüngeren Schauspielerin Marie von Sivers. Aber er hat in seinen wilden Zeiten vor 1900 auch mit käuflicher Liebe zu tun gehabt, wie seine Freundin, die Wiener Schriftstellerin Rosa Mayreder (die sich wohl eine enge Beziehung zu Steiner hatte vorstellen können), dezent andeutete – und er hat immer wieder innige Zuneigung zu «anderen» Frauen gefasst. Die Beziehung zu seiner letzten grossen Liebe, zu der Ärztin Ita Wegman, hat Marie Steiner als das empfunden, was sie war: als Ehebruch."

Offenbar sollen diese Tratschgeschichten den an anderer Stelle ironisierten "gottgleiche(n) Eingeweihte(n)" auf den Teppich holen. Das wirkt in der Machart schon als recht preiswertes Propagandamaterial, was Zander hier bietet.
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Reinigung

"Das muss der erste Schritt der Einweihung sein: den Menschen während des Tageslebens etwas tun zu lassen, in seiner Seele sich etwas abspielen zu lassen, was fortwirkt, wenn der astralische Leib in der Nacht herausgezogen wird aus dem physischen Leib und Ätherleib.

Also denken Sie sich, bildlich gesprochen, es würde, während der Mensch bei vollem Bewusstsein ist, ihm etwas gegeben, was er zu tun hätte, was er abspielen lassen sollte und was so gewählt wäre, so gegliedert, dass es nicht aufhörte zu wirken, wenn der Tag vorüber ist. Denken Sie sich diese Wirkung als einen Ton, der fort klingt, wenn der Astralleib heraus ist; dieses Fortklingen wären dann die Kräfte, die nun an dem astralischen Leib so wirkten, so plastisch arbeiteten, wie einstmals die äußeren Kräfte am physischen Körper gearbeitet haben.

Alles das, was man genannt hat Meditation, Konzentration und die sonstigen Übungen, die der Mensch vorgenommen hat während seines Tageslebens, sie sind nichts anderes als Verrichtungen der Seele, die nicht in ihren Wirkungen ersterben, wenn der Astralleib herausgeht, sondern die nachklingen und in der Nacht zu bildenden Kräften werden im astralischen Leib. Das nennt man die Reinigung des Astralleibes, die Reinigung von dem, was dem Astralleib nicht angemessen ist.

Das war der erste Schritt, der auch die Katharsis (bei den Griechen) genannt wurde, die Reinigung. Sie war noch keine Arbeit in übersinnlichen Welten. Sie bestand in Übungen der Seele, die der Mensch tagsüber machte, wie eine Trainierung der Seele. Sie bestand in der Aneignung gewisser Lebensformen, gewisser Lebensgesinnungen, einer gewissen Art, das Leben zu behandeln, so dass es nachklingen konnte, und das arbeitete am astralischen Leib, bis er sich umgewandelt hatte, bis sich Organe in ihm entwickelt hatten."

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Rudolf Steiner, GA 104, Seite 46f
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Natur als Konstrukt und Macht

In seinen „Anthroposophischen Leitsätzen“ schreibt Rudolf Steiner: „Und in demselben Maße, in dem die Menschenseele das Mit- Erleben mit den göttlich- geistigen Wesenheiten verliert, taucht um sie herum das auf, was man heute „Natur“ nennt.“ (S. 157)

Natur ist demnach ein zeitgenössisches Konstrukt, das sich in dem Maß bildete, in dem eine ursprüngliche symbiotische Beziehung zum Natürlichen, Elementaren verloren ging. Erst der Zeitgenosse erlebt Natur „um sich herum“. Das Wahrnehmen der Natur ist ein modernes Bewusstseinsphänomen. Erst in der jüngeren Kunstgeschichte ist ja auch die reine Landschaftsmalerei entstanden - in Reinkultur vielleicht erst durch William Turner. Davor war der porträtierte Mensch stets in die natürliche Umgebung, die häufig in der Gestaltung allegorische Züge annahm, eingebettet; er war ein Teil von ihr und sie war ein Ausdruck von ihm.

In der Landschaftspflege kam in derselben Zeit, in der die Landschaftsmalerei entstand, die Anlage des Parks und Gartens auf. Heute steht die Renaturierung im Mittelpunkt der Interessen. Landschaft soll „natürlich“ wirken. Die ursprüngliche Flora und Fauna soll wieder hergestellt werden. Empfindliche Monokulturen sollen schon aus pragmatischen Gründen zurück gebaut werden. Dennoch soll die renaturierte Natur pflegeleicht und beherrschbar bleiben.

Dies allerdings bleibt ein frommer Wunsch. Die Natur greift ständig schmerzhaft in die menschlichen Belange ein- vor allem in Form von Erdbeben, Überschwemmungen, Hitzephasen, Erdrutschen und den viel diskutierten Folgen des „Klimawandels“. In dieselbe Schublade gehören auch Befürchtungen vor weltweiten Pandemien wie Schweine- oder Hühnergrippe.

So scheint es legitim, Rudolf Steiners Ansatz weiter zu denken: Nach einer symbiotisch empfundenen, ursprünglichen Kultur, in der in der Einigkeit mit dem Natürlichen auch das Göttliche wahrgenommen wurde, emanzipierte sich das menschliche Bewusstsein zunehmend aus dem als Natur Wahrgenommenen. Die kultivierte, aber auch extrem materiell ausgebeutete Natur wird heute zwar einerseits in eine gewisse Ursprünglichkeit zurück versetzt, zugleich aber auch als nicht beherrschbare, bedrohliche Gefahr wahrgenommen. Die atavistische Gefahr, die frühe animistische Kulturen in der Natur auch empfanden, kehrt so im modernen Gewand wieder zurück: Die Natur entzieht sich zwar nicht der Nutzung, bleibt aber auch unbeherrschbar. Ihre Macht ist wieder zurück gekehrt. Das Konstrukt Natur entzieht sich den Grenzen, die ihm der Mensch zuweisen wollte. Auch wenn die Götter verschwunden sind, die Macht ist es nicht.
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Die Wochenschrift "Das Goetheanum" wird umgestaltet

In einer Reihe von einzelnen Beiträgen auf der Homepage werden deutliche Veränderungen bei den beteiligten Herausgebern und in der Gestaltung und Ausrichtung der Zeitschrift selbst deutlich. Zunächst wurde die vertretende Herausgeberschaft von Paul Mackay an Bodo von Plato übergeben. Der Grund liegt, wie man schließen darf, in der Notwendigkeit zu Reformen und einer umfassenden Neugestaltung:

"Ich hoffe, dass mit der Übernahme dieser Funktion durch Bodo von Plato ein kräftiger Impuls in der Entwicklung der Wochenschrift gesetzt werden kann, und wünsche dafür alles Gute!"Es handelt sich aber offenbar auch hier um Probleme in der Finanzierung, die die Neuausrichtung bestimmen: "Die Spar- und Umstrukturierungsmaßnahmen am Goetheanum betreffen auch die Redaktion des ‹Goetheanums›."

In diesem Zusammenhang wird bekannt gegeben, dass "Hans-Christian Zehnter von Herausgeberseite nicht in die weitere Entwicklung der Neuausrichtung einbezogen wird." Dafür äußert sich Wolfgang Held, er habe sein Tätigkeitsfeld verlagert: "Seit Jahresanfang habe ich mein Tätigkeitsfeld von der allgemeinen Kommunikation am Goetheanum und der Anthroposophischen Gesellschaft verlagert hin zur Mitarbeit in der ‹Goetheanum›-Redaktion" - wiederum in einer separaten Nachricht. Schließlich gibt es auch inhaltlich eine weit gehende Neuausrichtung: "Die Form des ‹Goetheanums› wird sich ändern, den Verhältnissen, Bedürfnissen und Möglichkeiten entsprechend. Im Laufe dieses Jahres werden sich Schritt für Schritt Konzept und Aussehen des ‹Goetheanums› verändern. Publikationen, die bisher in gesonderter Form erschienen, sollen im ‹Goethe-anum› ihren gemeinsamen Erscheinungsort finden, damit eine umfassende Anregung und Information, ein Austausch über Grenzen hinweg in gebündelter Form stattfinden kann – mit den zur Verfügung stehenden Mitteln und Kräften. Die Veranstaltungskalender des Goetheanum, der Jahresbericht der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, die Broschüren der Studienlandschaft am Goethe-anum, die zahlreichen Ankündigungen, die bisher in Flyern verbreitet wurden, möglicherweise auch ausführlichere Berichte von Sektionen sollen bei ihrer Veröffentlichung auch ihren Zusammenhang zum Ausdruck bringen können, den sie in ihrer Inspiration aus der Anthroposophie und ihrer Beheimatung am Goetheanum haben.
Dafür wird sich der Herausgeber in den kommenden Jahren verstärkt einsetzen.
Als Erstes wird ab dem ‹Goetheanum› Nr. 4/2011 das Nachrichtenblatt für die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft unter seinem bisherigen Titel als Teil ins ‹Goetheanum› integriert, denn schon seit längerer Zeit lässt sich kein überzeugender Grund mehr finden, dass diese Mitteilungen mit zusätzlichem Herstellungs- und Versandaufwand gesondert erscheinen."

Es wird in diesem Karussell der Wechsel nicht ganz klar, an welcher Stelle eigentlich gespart wird. Personell bindet man offenbar, um zu retten, was zu retten ist, die besonders herausragenden Köpfe aus Vorstand und dem Umkreis des Vorstandes in die Herausgabe ein. Zugleich werden diverse Publikationsorgane zusammen geführt. Letzteres kann man nun nicht unbedingt als Schritt in Richtung Qualitätssicherung verstehen. Klar ist aber, dass Ressourcen gebündelt werden, um zu retten, was zu retten ist.

In diesem Zusammenhang werden auch verschiedene Verlage und Verlagslinien unter einem neuen Dach (Futurum- Verlag) gebündelt.

Die Frage, die sich einem Außenstehenden stellt ist die, ob sich das Konzept einer Wochenzeitschrift in Zeiten einer allgemeinen Krise der Print- Landschaft im allgemeinen und einer finanziellen Krise des Goetheanums im besonderen nicht überholt hat. Das große Essay passt besser in eine Monatszeitschrift, die Tagesnews auf eine Website. Ob es dazwischen Platz für ein wöchentlich erscheinendes Blatt noch gibt, wird sich zeigen.
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Archiv in Dornach geht das Geld aus

Der Aufruf des Archivs (nach 500 Menschen, die je 500 Franken spenden) klang ja schon beinahe verzweifelt:

"Um die aktuellen Forschungsarbeiten weiterführen und die vor der Veröffentlichung stehenden nächsten Bände der Gesamtausgabe in der vorgesehenen Zeit und auf bewährt hohem Niveau publizieren zu können, muss das Rudolf Steiner Archiv bis Ende dieses Jahres CHF 250.000.– aufbringen. Die finanzielle Situation ist so angespannt, dass zusätzlich zu den bereits eingeleiteten Sparmassnahmen auch Stellen abgebaut werden müssten. Das wäre aber ein substanzieller Eingriff in die Tätigkeit des Archivs, denn damit würde das Know-how von spezialisierten und mit dem Werk Rudolf Steiners bestens vertrauten Fachkräften verloren gehen. Was einer Grundsatzentscheidung gleichkäme, in wieweit die in der Zukunft noch anstehenden anspruchvollen Aufgaben bei der Herausgabe des Werks Rudolf Steiners überhaupt erfüllt werden können."

Wie inzwischen von Mitarbeitern zu hören ist, hat auch dieser Aufruf keine geeignete finanzielle Basis ergeben, um das derzeitige Defizit abzuwenden. Es soll Anfang 2011 auch Personal abgebaut werden. Wenn in Kernbereichen der Archivarbeit, der Bibliothek und der Herausgabe der Werke Rudolf Steiners die bisherigen Aufgaben nicht mehr erfüllt werden können, stellen sich nun endlich wirklich existentielle Fragen an den Betrieb des Goetheanum. Hier wird ja nun die Arbeit geleistet, hier werden die Grundlagen für die Freie Hochschule geschaffen. Der Scherbenhaufen deutet sich schon lange an- nicht zuletzt bei der Diskussion um Beteiligungsverkäufe in Bezug auf Weleda. Auch in der "Christengemeinschaft" ist die Finanzierung der Gehälter und Pensionen ihrer Pfarrer nicht hinreichend gesichert.

Nimmt man noch das Ausbluten der anthroposophischen Zeitschriften und früher vielfältigen Verlage hinzu, sieht man eine Krise, die keinesfalls nur ein Produkt aktueller Finanz- und Wirtschaftskrisen ist, sondern ein langjähriger Niedergang, der auch Bereiche wie z.B. die Goetheanumsbühne ergriffen hat. Ein strukturelles Problem, das eine grundlegende Neuaufstellung erfordern müsste. Aber es ist nicht einmal eine offene Diskussion darüber zu sehen und zu hören. Statt eine generelle und zentrale Diskussion anzustoßen, werden die defizitären Tochter- Institutionen offenbar mit ihren Problemen allein gelassen.

Noch eine Verdeutlichung: Das Archiv am Goetheanum mit der Bibliothek am Goetheanum beherbergt das Gesellschaftsarchiv und nicht den Nachlass von Steiner (mit Ausnahme einiger weniger Dokumente).
Es gibt zwar in der Nachlassveraltung auch eine Bibliothek, diejenige, die Steiner persönlich gehörte. Finanziell ist das Steiner Archiv unabhängig vom Goetheanum-Betrieb. Die Nachlassverwaltung ist sozusagen eine eigene "Strömung". Marie Steiner hat sich ja bekannterweise aus der Gesellschaft in den 40iger-Jahren mitsamt Steiners Nachlass herausgezogen und dies hat sich bis heute nicht geändert. (Danke für den Hinweis)

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Wandelbarkeit

Wolf- Ulrich Klünker („Anthroposophie als Ich- Berührung“) ist immer noch eine Art Meditationsinhalt für unser Blog, ein Anstoss- Geber, ein Fallstrick, ein Stolperstein. Ich muss gestehen, dass mir die übliche Floskel von der „Krankheit als Weg“, die in gewissen anthroposophischen, aber auch sonst sich alternativ verstehenden Bewegungen grassiert, eine Art Übelkeit eingebracht hat. Das krampfhafte Sinngeben von verzweifelten Lebenssituationen hat etwas von einer Krücke. In diesem Fall haben die hämischen Kritiker recht, die in solchen Sinnstiftungen einen verlogenen Beigeschmack sehen, geschaffen für Leute, die sich den Realitäten von Sein und Nichtsein nicht stellen wollen oder können. Schlimmer und derber wird es noch, wenn man auch in anthroposophischen Ärztekreisen auf die Idee kommt, das Leiden zu heroisieren und paliative Maßnahmen zu verdammen. Leiden - insbesondere extreme Schmerzen- als geistvoll zu betrachten, ist ja meist auch etwas, was man bereitwillig Anderen zumutet und dies von ihnen abverlangt. Aber die, die die Lust an Dornenkronen gefunden haben, haben sich vielleicht auch nicht von ihrem ureigenen archaischen Katholizismus lösen können- sie sehen im Leiden eine Vorbedingung für geistiges Wachstum. Das ist natürlich Unsinn, auch wenn so etwas von anthroposophischen Spitzenärzten behauptet wird- man sollte dergleichen dem Opus Dei überlassen.

Klünker spricht auch von Brüchen - aber eben von einem gewissen Prekärwerden der soliden vegetativen leiblich- seelischen Konstitution, das in biografischen Wendepunkten der Ich- Entwicklung entgegen kommen kann. Die Illusion des „Das-bin-ich-so-bin-ich-geworden“, die naive Selbstgewissheit kann durch eintretende äußere Umstände plötzlich ins Wanken geraten. Die Krise kann ein Ansatz zur Neubesinnung, zur Vertiefung und Sicherung des inneren Friedens sein. Es geht eben nicht immer geradeaus, es geht nicht nach unseren Erwartungen, unseren Selbstbildern und unserer Bequemlichkeit. Manchmal ist es im Nachhinein ganz gut, zeitweilig völlig aus der Spur geraten zu sein:

„Die Korrumpierung ist notwendig, damit das menschliche Bewusstsein zu menschlichem Selbstbewusstsein werden kann; Ich- Entwicklung basiert also (..) darauf, dass die bislang entwickelte menschliche Konstitution problematisch wird. Man kann den Eindruck gewinnen, dass sich hier bis in die Tiefen der leiblich- seelischen Organisation hinein der Satz aus den „Mysteriendramen“ einlöst: „Es muss der Mensch durch Irrtum Wahrheit finden.“ „Irrtum“ auf der leiblich- seelischen Ebene kann auch die Problematisierung der mitgebrachten Konstitution bedeuten- diese wird notwendig, damit das Ich im leiblich- seelischen „Irrtum“, in Krankheit, Leid und Verlust sich selbst finden kann.“ Der Umkehrschluss, dass man durch selbstgewählte Isolation, Schmerzen oder anderes Unwohlsein irgendeine Art von geistiger Fortentwicklung erreichen könnte, wäre der Versuch, etwas durch Selbstkasteiung erzwingen zu wollen -ein schädliches und dummes Unternehmen.

Andererseits ist es wohl ebenso ein Trugschluss, dass sich das In-mir-Gegebene, das Mitgebrachte ewig und drei Tage einfach immer weiter entfalten könnte; ich denke, wir kommen da an einen Endpunkt. Auch unsere Begabungen tragen uns nur bis zu einem gewissen Punkt. Der Bruch erfolgt nicht zwangsläufig- das krampfhafte Weiter- Entfalten führt aber in so vielen Fällen - gerade bei vielen Künstlern zu beobachten- in einen Manierismus, in eine Fülle von Selbstzitaten, in einen Starrsinn, der das Zerrbild von Entwicklung darstellt.

Es ist eine der zentralen Übungen, die Krisen zwar durchzufechten, aber nicht in der Verteidigungshaltung zu verharren, nicht nur auf den Bestand unserer Fähigkeit zu bauen, sondern sich immer neu den Zumutungen zu stellen, sie anzunehmen und das Beste daraus zu machen. Der Mensch besteht vor allem in seiner Wandelbarkeit. Das vor allem ist unsere Beständigkeit als Mensch. Sie muss sich allerdings immer wieder bewähren, denn die Brüche erfolgen meist dort, wo wir es am wenigsten erwarten und wünschen.
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"Befreundet mit der Wirklichkeit"

Es ist eine zu simple Vorstellung, zu denken, *irgendwann* sei es Zeit, das individuelle spirituelle Üben *anwenden* zu wollen- es also in der *Wirklichkeit* zu erproben. Denn wir sind ja nicht nur innig verwoben mit dem, was uns umgibt, sondern ein untrennbarer Teil, ja zum Teil ein Produkt eben dieser *Umgebung*. Immer und überall stossen wir an Partnerschaften, Freundschaften, berufliche Felder, Pflichten und Vergnügungen an. Dies allerdings meist nicht nur und nicht durchgängig in harmonischer Art und Weise. Auch im Widerstand, im inszenierten Konflikt konstituieren wir uns an dieser Umgebung. Das Selbstgefühl intensiviert sich in schmerzhaften Prozessen, in die wir verwickelt sind. Meist fühlen wir uns dabei als Opfer, als Jemand, dem etwas zugemutet wird. Die Attitüde der Empörung - „Was hat man mir angetan!“- ist ein starkes Ich- Gefühl, viel stärker als harmonisches Einvernehmen.

Die Sicht auf die Umgebung, der Blickwinkel, mit dem wir die uns umgebende Wirklichkeit betrachten, ist in wesentlichen Aspekten ein Teil unseres Ego- Konstrukts. Die gestaltende, häufig aggressive, manchmal sogar selbstzerstörerische Energie, mit der wir dieses Konstrukt der Umgebung überstülpen, bleibt aber im Wesentlichen außerhalb unserer Wahrnehmung. Unsere Neurosen determinieren nicht nur uns selbst, sondern auch die uns nahe Stehenden. Wir stehen überall und in alle Richtungen in systemischen Prozessen, deren Wirkungsmechanismen wir so lange nicht kennen, solange wir restlos darin verwickelt sind.

Der (nicht nur anthroposophische) Schulungsweg ist daher nie nur privat. Er ist eine hygienische Maßnahme, um unsere kommunikativen Sackgassen, in die wir uns wieder und wieder verheddern, zu durchschauen. Möglich wird das dadurch, dass die regelmäßige Auszeit aus unseren assoziativen Denkmustern, in die wir in einem inneren Monolog verwickelt sind, in der konzentrierten meditativen Arbeit einen Freiraum schafft. In dem Maß, in dem es möglich wird, in die Formlosigkeit einzutauchen, werden unsere Geformtheiten, unsere Deformationen erst sichtbar. Voraussetzung dafür ist, dass es sich tatsächlich um einen transparenten Prozess handelt, um einen Freiraum. Man kann zweifellos auch allerlei Erfahrungen machen, in denen wir unsere Reaktionsmuster transzendieren und auf illusionäre Weise so vor uns selbst sanktionieren. Eine Erleuchtung, die nichts erhellt, macht noch keinen Frühling. Wenn wir uns mit einer Wolke von Weihrauch umnebeln, sehen wir keinesfalls klarer.

An diesem Punkt möchte ich wieder Wolf- Ulrich Klünker zitieren („Anthroposophie als Ich- Berührung“), der auf dieses Problem ebenfalls eingeht: „Mit anderen Worten: Wenn ich anthroposophisch arbeite, stehe ich anders in der Welt,. und zwar in einem umfassenden Sinne. Die Frage nach einer mehr äußeren „Anwendung“ der Anthroposophie stellt sich dann in neuer Weise. Im Allgemeinen ist zunächst klar, dass der Mensch, der sich selbst durch Anthroposophie verändert, der bis in seine elementaren Leibprozesse hinein eine neue Beziehung zur Welt findet, auf berufliche und andere Anforderungen allmählich sich verändernd reagiert. Es entsteht eine neue Beziehung zu den Dingen und damit eine neue Sachgemäßheit. Diese ist naturgemäß nicht immer in anthroposophischen Begriffen allein zu fassen, sondern bemisst sich an dem jeweiligen Aufgabenbereich. Dann ist es auch nicht wichtig, genau zu wissen, was „anthroposophisch“ daran ist; als „anthroposophisch“ kann dann gelten, dass ein Mensch, der anthroposophisch arbeitet, allmählich immer mehr befreundet mit der Wirklichkeit werden kann.“ (S. 35)
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Die ungedeckten Worte

Die wunderbare schöne neue Welt kommt heute im Reiseblatt der FAZ (Nr 191, Seite R1) daher als ein Bericht über Abu Dhabi. Auch hier werden virtuelle, aber dennoch real zu bereisende Urlaubsfantasien wahr, und zwar in einem riesigen Freizeitpark von 200000 Quadratmetern- alles unter einer roten Zeltplane und klimatisiert. Momentan wird gerade gebaut: „Wir besehen uns die Menschen, die über, unter, links und rechts von uns an der Arbeit sind. Sie bilden lange Ketten und reichen sich Materialien an. Sie entstauben und streichen. Sie sitzen auf künstlichen Ahornbäumen und montieren Zweige.“

Aber montierte Ahornzweige gibt es natürlich nicht nur in Golfstaaten mit bizarrem Reichtum, nicht nur in Hollywood- Blockbustern und Spielhallen. So etwas bringen in übertragenem Sinne auch Anthroposophen zustande, die sich pseudo- okkultistisch mit ungedeckten Worten umgeben. So formulierte Georg Kühlewind jedenfalls in seinem kaum verklausulierten Zorn:

Über die Erfahrungen eines Geistesforschers zu sprechen, wenn man sie nicht selbst vollziehen kann, ist nur in dem Sinne berechtigt, dass man sie als den Bericht eines Geistesforschers auffasst, nicht aber sich so auf sie beruft, als wären sie für mich Wirklichkeit. Die ungedeckten Worte, das Reden über Nicht- Erfahrenes, die Verstandeskombinationen von Erfahrungselementen, die keine eigenen Erfahrungen sind, all dies bildet eine isolierende Schicht von unrichtigen Vorstellungen, denen die Wahrnehmungsseite fehlt, die durch Vorstellungselemente aus der Sinnes- oder Vergangenheitswelt ersetzt wird, eine isolierende Schicht, die den so Sprechenden und meistens seine Zuhörer immer mehr von der Realität trennt: von der Realität der Gegenwärtigkeit, des Geistes, von der äußeren und inneren Realität.
Der Missbrauch des Wortes führt zu einem Illusionismus, der das hervorstechende Merkmal hat, das, was nur als Illusion gegeben ist, zu behaupten, wodurch wiederum die Illusion verdeckt und ihre Verwirklichung verhindert wird. Das gilt für die Beteuerung des „esoterischen“ Charakters, der „Wichtigkeit“, der „Weltbedeutung“ usw. Gäbe es das alles, würde man es nicht beteuern müssen. Die Beteuerung ist gerade das Zeichen für die Irrealität der Behauptung
.“ (Kühlewind, Die Diener des Logos, 1981, S. 92)

Derlei Illusionismus begegnet einem in der Szene auch heute noch auf Schritt und Tritt- in den Sonntagsansprachen der diversen Breviere, aber auch in Büchern anerkannter Repräsentanten. Die neuen Medien tragen ihren Anteil dazu bei, dass die frohe Kunde des ungedeckten Worts sich quer durchs Internet verbreitet und durchaus wesentlich mehr Anhänger findet als nüchterne Recherchen. So schart eine Enddreissigerin bei Facebook 360 Anhänger um sich, die an ihren Lippen hängen, weil oder obwohl sie behauptet, die Reinkarnation Rudolf Steiners zu sein. Von den blutenden Wundmalen einer Judith von Halle und ihren visionären Eingebungen ganz zu schweigen. Wir sind heute -technologisch, medial, aber auch spirituell - noch einen Schritt tiefer gesunken als zu Kühlewinds Zeiten vor vielleicht dreissig Jahren. Heute werden vielfach nicht nur Bände mit geraunten „Geheimnissen“, Verschwörungen und geheimen Logen gefüllt, heute bekommt die Ungedecktheit eine eigene Dynamik und nimmt visionären Charakter an. Dort wo das auftritt, taumelt stets eine Gemeinschaft von Gläubigen hinterher. Offensichtlich folgt der illusionären Ungedecktheit eine Art Gärung, der immer fantastischere Erfahrungen und Behauptungen entspringen.
Abu Dhabi ist überall.
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"Rudolf Steiner und die Anfänge der Theosophie"

Robin Schmidts neues Buch „Rudolf Steiner und die Anfänge der Theosophie“ setzt sich mit dem personellen, geistigen und organisatorischen Umfeld der Theosophie des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts auseinander, aus dem sich Rudolf Steiners Anthroposophie entwickelt hat. Auch die Ursprünge der theosophischen Bewegungen - die in Abgrenzung zu in der Mitte des 19. Jahrhunderts verbreiteten spiritistischen Bewegungen entstanden sind- werden detailliert betrachtet. Obwohl man zu diesem Thema einiges gelesen hat und eine Reihe von Fakten bekannt sind, ist die sachliche und gradlinige Darstellung Schmidts erhellend. Anthroposophen blicken gern mit einer gewissen Herablassung auf die theosophische Phase herab. Schmidt dagegen unterlässt solche Bewertungen. Schließlich stellt Anthroposophie ihrerseits zwar eine Abgrenzung von den theosophischen Quellen dar, andererseits waren die persönlichen Bezüge Rudolf Steiners zu einigen Theosophen tief greifend:
„Man darf die Kontakte und den Austausch in diesem Kreis in ihrer Auswirkung für Rudolf Steiner daher nicht zu gering einschätzen; er spricht von einem „freundschaftlichen und intimen Verkehr“, der für ihn biografische und spirituelle Relevanz hatte. Möglicherweise waren das für ihn überhaupt die ersten freundschaftlichen und herzlichen Beziehungen mit Gleichaltrigen, bei denen er sich heimisch und verstanden fühlen konnte“. (S. 101)
Zu diesem interessanten, warmherzigen Kreis gehörte sein Freund Eckstein, aber auch die Frauenrechtlerin Rosa Mayreder und deren Freundin Marie Lang. Die Begegnungen mit dem umtriebigen, geistig beweglichen und höchst aktiven Friedrich Eckstein gehörte nach Steiners Worten zu den „allerwichtigsten meines Daseins“. Er schrieb Eckstein später, „dass ich Ihnen unbegrenzt zu danken habe“. Ähnlich warmherzig schrieb er an Marie Lang, in deren Haus Steiner viele Beziehungen knüpfen konnte. Zu dieser Zeit- 1890- war Steiners Haltung zur Theosophie noch überaus kritisch. Mayreder schrieb, er habe sie ihr gegenüber als „Schwachgeistigkeit“ bezeichnet, die sogar „Gefahren für die geistige Entwicklung“ mit sich bringen könne. Damit waren wohl bestimmte mystische Strömungen um Franz Hartmann gemeint, die nach Steiners Worten „meiner Geistesrichtung völlig entgegengesetzt“ waren.
Dieser ganze Freundeskreis von Architekten, Schriftstellern und Komponisten war offensichtlich wohltuend für Steiner. Er hatte auch nichts dagegen, ab und zu in Kreise „unterzutauchen“ (eine Formulierung in einem Brief von 1891), in denen „recht flott über Yogi, Fakire und indische Philosophie gesprochen“ wurde. Er hatte eben ein verständliches Faible für eine offene Boheme, auch wenn er selbst schon innerlich beschäftigt war - „zwar nicht in mystischer, wohl aber in logisch- ideeller Weise“- mit seinen Arbeiten zur „Philosophie der Freiheit“. Auch 1894 bezeichnet er sich in einem Brief an Eduard von Hartmann als „Feind aller Mystik“.
Dass er wenig später nun ausgerechnet Generalsekretär der Theosophischen Gesellschaft wurde, erscheint vor diesem Hintergrund einigermaßen rätselhaft. Die Schritte dorthin stellt Schmidt dar. Das Spannungsfeld, in das Steiner damit eintrat- voller Intrigen, ständiger Streitigkeiten, Abspaltungen und obskurer Behauptungen- hatte von Anfang an innerhalb der Theosophischen Gesellschaft bestanden. Auch die Auseinandersetzungen zwischen eher „christlichen“ und eher „buddhistischen“ Richtungen bestanden sehr früh.
Schmidt arbeitet das „kulturgeschichtliche Umfeld“ (Buchumschlag) der theosophischen Bewegung heraus, und zwar auf spannende Art und Weise. Es ist einfach auch ein sehr gut geschriebenes Buch, das man ungern weglegt.
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Neues aus Birk

Über Pfarrer Benesch, der als glühender Nationalsozialist, evangelischer Pfarrer und Dorfherrscher mit angeschlossenen Schlägertrupps bekannt wurde, nach dem Krieg seine Schäflein in den Westen brachte und in der Christengemeinschaft untertauchte, um auf distanzlose Art und Weise zahllosen Menschen persönliche spirituelle Anleitungen zu geben, aber sich auch gern frommen anthroposophischen Studentinnen per direktem Körperkontakt näherte, ist in diesem Blog viel geschrieben worden. Das eigentliche Problem war nicht einmal die Karriere dieser manipulativen Person, nicht nur das Wegducken vor dessen herrischem Auftreten, sondern das lang andauernde, beharrliche Leugnen der Wahrheit über die Vergangenheit Beneschs innerhalb der Christengemeinschaft. Hans-Jürgen Bracker macht nun noch einmal auf eine Blognotiz aufmerksam, die beschreibt, wie es in dem Dörfchen Birk nach dem Weggang Beneschs weiter ging. Nach Jahrzehnte währenden Verfalls scheint sich die Gemeinde nun wieder - mit Unterstützung der ehemaligen Bewohner- etwas zu organisieren und verkauft sogar bäuerliche Produkte. Zwar nicht die legendäre Hirnwurst wie zu Beneschs Zeiten, aber immerhin Kräutersalze:

Die Feier hat mit dem Gottesdienst in der überfüllten evangelischen Kirche begonnen. Das Thema war „Der Himmel steht über alle“ und wurde zweisprachig geführt. Geleitet wurde die Zeremonie in der Kirche von dem evangelischen Pfarrer Zoran der die besondere Ehre hatte das Ornat seines Vorgängers Friedrich Benesch anziehen zu dürfen. Musikalisch untermalt wurde die Feier von Familie Kaufmann aus Deutschland und Frau Gerte Vöge aus Spanien. Gudrun Kaufmann ist nämlich die Tochter des ehemaligen Pfarrers Benesch und ist wie auch ihre Kusine Gerte Vöge in Birk geboren. Benesch war zwischen 1934 und 1944 Pfarrer in Birk und ist gleich nach dem Krieg nach Deutschland gezogen.“
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Das Ergreifen des Moments des Aufwachens

„Würde die Geistesgegenwart in ausgiebigerem Sinne bei den Menschen heran erzogen, so würden heute schon alle Menschen reden können von geistig-übersinnlichen Impressionen, denn sie drängen sich eigentlich im eminentesten Maße auf beim Einschlafen und Aufwachen, insbesondere beim Aufwachen. Nur weil so wenig heran erzogen wird, was Geistesgegenwart ist, deshalb bemerken die Menschen das nicht.

Im Momente des Aufwachens tritt ja vor der Seele eine ganze Welt auf. Aber im Entstehen vergeht sie schon wiederum, und ehe sich die Menschen darauf besinnen, sie zu erfassen, ist sie fort. Was sich da abspielt im Momente des Aufwachens, das sind nicht Lebensreminiszenzen. Sie sind sehr gut zu unterscheiden von Lebensreminiszenzen, diese flutenden Gedanken.

Die Gedanken, die ich jetzt meine, sie stellen sich wie ganz objektiv dar gegenüber dem eindringenden Ich und dem astralischen Menschen, und man merkt ganz genau:
man muss passieren den Ätherleib; denn solange man den Ätherleib passiert, bleibt alles traumhaft. Man muss aber auch passieren den Abgrund, den Zwischenraum – möchte ich sagen, wenn ich mich recht uneigentlich, aber dadurch vielleicht deutlicher ausdrücke –, den Zwischenraum zwischen Ätherleib und physischem Leib, und schlüpft dann in das volle Ätherisch-Physische hinein, indem man aufwacht und die äußeren physischen Eindrücke der Sinne da sind.

Man kommt auf dem Wege einer solchen Beobachtung zu der Erkenntnis, dass sich zwischen unserem physischen Leib und Ätherleib, gleichgültig ob wir wachen, ob wir schlafen, immerzu Vorgänge abspielen, die eigentlich im webenden Gedankensein bestehen. Dieses webende Gedankenleben kommt eigentlich so, wie es ist, im Wachzustande nicht zu unserem Bewusstsein. Wenn wir nämlich aufgewacht sind, schlüpfen wir mit unserem Ich und mit unserem astralischen Leib in unseren physischen Leib hinein. Sie werden, indem Sie das Sinneswahrnehmungsleben in sich haben, mit den äußeren Weltengedanken, die Sie sich bilden können an den Sinneswahrnehmungen, durchdrungen und haben dann die Stärke, dieses objektive Gedankenweben zu übertönen.

An der Stelle, wo sonst die objektiven Gedanken weben, bilden wir also gewissermaßen aus der Substanz dieses Gedankenwebens heraus unsere alltäglichen Gedanken, die wir uns im Verkehre mit der Sinneswelt auf die eben angedeutete Weise ausbilden. Gewissermaßen in derselben Region unseres menschlichen Wesens ist beides vorhanden: das objektive Gedankenweben und das subjektive Gedankenweben. Das objektive Gedankenweben, wenn es wahrgenommen wird, wenn wirklich eintritt, was ich geschildert habe als das geistesgegenwärtige Ergreifen des Momentes des Aufwachens, dieses objektive Gedankenweben wird nicht als bloß Gedankliches erfasst, sondern es wird erfasst als dasjenige, was in uns lebt als die Kräfte des Wachstums, als die Kräfte des Lebens überhaupt.

Diese Kräfte des Lebens sind verbunden mit dem Gedankenweben. Sie durchsetzen dann den Ätherleib nach innen; sie konfigurieren nach außen den physischen Leib. Was in dieser Art in uns ist, wir nehmen es als ein innerliches Weben wahr, das aber durchaus ein Lebendiges darstellt. Das Denken verliert gewissermaßen seine Bildhaftigkeit und Abstraktheit. Es verliert auch alles das, was scharfe Konturen sind. Das Weltendenken webt in uns.

Wir erfahren wie wir mit unserem subjektiven Denken untertauchen in dieses Weltendenken.“

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Rudolf Steiner, GA 207, Seite 51ff
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