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Auf den Busch des Zeitgeists geklopft

Klopfen wir doch einmal auf den Busch, legen wir das Ohr auf den breiten gurgelnden Bauch des Zeitgeistes und lauschen wir. Wir nutzen dazu „ngrams“ , eine sehr spezielle Suchmaschine des Google- Konzerns. Google ist ja vor einigen Jahren dazu übergegangen, weltweit und in der vollen Breite, die die Bibliotheken bieten können, Bücher zu digitalisieren. Der Scan- Vorgang ist bereits weit voran geschritten- so weit, dass diese Bücher in ihrer Masse im Internet verfügbar sind oder aber doch zumindest analysiert werden können. Es liegt daher nahe, diese Büchermengen aus inzwischen mehreren Jahrhunderten dahin gehend zu untersuchen, in wie weit bestimmte Begriffe in ihnen vorkommen. Man kann daraus schließen, welche Relevanz ein Begriff zu welchen Zeiten hat oder hatte. Denn eines ist ganz klar, wenn man damit anfängt: Auch Begriffe haben ihre Blüte- und Untergangszeiten. Manche stellen lediglich ein Hype dar, verschwinden also nach einigen Jahren wieder nahezu vollständig aus der öffentlichen Wahrnehmung- nicht selten nach kurzer, aber heftiger Karriere.

authentizi

Ein Beispiel für einen solchen Begriff mit kurzer, aber heftiger Halbwertzeit ist „Authentizität“ . Nach einer kurzen kleinen Blüte zu Rudolf Steiners Lebzeiten ist das Bedürfnis nach „Lebendigkeit“ und personeller „Echtheit“ eines vorgetragenen Sachverhalts 1970 geradezu explodiert, stürzte aber zwanzig Jahre später auch genauso drastisch wieder ab.

glauben

Dagegen befinden sich andere Begriffe in einer sich über viele Jahrzehnte stetig steigenden Agonie; sie werden quasi vom Zeitgeist allmählich ausgeschieden. Es wird nicht verwundern, dass man solche Begriffe im Umfeld des Religiösen findet. Nehmen wir als Beispiel für einen solchen sterbenden Begriff den des „Glaubens “.

depression

Es wird uns nach den bisherigen Ausführungen nicht wundern, dass der Begriff, mit dem wir unsere Ausführungen im Beitrag „Der autonome Zeitgenosse im Spannungsfeld von Initialive, Konflikt und Ausgebranntsein“ begannen - nämlich der der „Depression“ dagegen einen gegenüber dem „Glauben“ gegensätzlichen, weil scheinbar unaufhaltsam Trend markiert, die „Depression“ ist ein Begriff, der Karriere macht, aber nicht im Sinne eines kurzen Frühlings, sondern kontinuierlich.

sozial
Sozial“ bei Ngrams

Ein ähnliches Bild zeigt sich auch - somit unsere Thesen von der Zeitgeistigkeit bestätigend- beim Begriff des „Sozialen“ , der seinen Aufstieg mit einer Unterbrechung während des 2. Weltkrieges seit 1880 feiert, mit absoluten Höhepunkten um die Jahrtausendwende.

flexinili
Flexibilität“, das Zauberwort der letzten 20 Jahre

Natürlich ist bei diesen Betrachtungen die Mehrdeutigkeit von Begriffen ebenso wenig berücksichtigt wie die Quantität; zudem betrachten wir sie nur im deutschen Sprachraum. Was wir daher sehen, sind lediglich Trends. Aber auch bei weiteren Untersuchungen mit ähnlichen Begriffen bestätigen sich unsere Grundannahmen: Die Individualisierung - auch im Sinne des Authentischseins- ist heute eine selbstverständliche Konstante, die nicht mehr besonders hinterfragt wird. Das individualisierte Selbst befindet sich konfrontiert mit den Anforderungen eines sich dauernd wandelnden sozialen Umfeldes, in dem es sich zu bewähren hat. Fragen der Schuld belasten kaum, wohl die der Erfüllung inmitten eines gesellschaftlichen Kontextes, das keine moralischen und religiösen Normen mehr kennt. Anstelle dieser Normierung entstehen aber neue Anforderungen beruflicher, familiärer und sozialer Art, die eine Stabilität inmitten einer stetig wachsenden Flexibilisierung erfordern.
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