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Wege im Buch der Bücher

weymann
Es gibt Bücher, die liest man halt- egal, ob in digitaler Form, mit gelbstichigem Papier, in einem Taschenbuchformat, das sich schon nach dem ersten Blättern in Einzelteile auflöst- und diese Beliebig- und Zeitweiligkeit erscheint den Inhalten völlig angemessen. Und dann gibt es diese anderen Bücher, die die man aus guten Gründen sorgfältig gebunden, in Greifweite haben möchte, in denen man immer wieder blättert, wobei das Gelesene in immer neuem Licht erscheint. Ein schönes Buch allein macht es da auch nicht, denn die Inhalte müssen etwas haben, das mit einem selbst mit wächst, das Raum für einen selbst eröffnet.

So ein schönes und reichhaltiges Buch legt Elsbeth Weymann mit "Wege im Buch der Bücher" vor. Entgegen dem ersten Anschein handelt es sich nicht nur um "Ausgewählte Originaltexte der Bibel- neu übersetzt und gedeutet". Elsbeth Weymann bettet ihre Übersetzungen in einen vorbereitenden und begleitenden Kontext ein, der selbst in knapper und für den Leser anregender Art und Weise die Wege mit geht, mit denen sie zu ihren Übersetzungen (und damit Deutungen) der Originaltexte gekommen ist.

Dass jede Übersetzung immer ein Wagnis, ein vorläufiger Versuch sein muss, erklärt Elsbeth Weymann schon in der Einführung. Schließlich hat die griechische Sprache in der Realität nicht nur viele Dialekte und Varianten gekannt, sondern hat sich auch im Verlaufe eine über 3000 Jahre dauernden Entwicklung immer weiter gewandelt. Auch das Alte Testament ist schon eine Übersetzung aus dem Hebräischen in die damalige Weltsprache Koine- Griechisch gewesen. Weymann zeigt am Beispiel des Wortes Agape, dass schon die Übersetzer aus dem Hebräischen sprachschöpferisch tätig sein mussten und das Wort deshalb bildeten, weil es in der griechischen Form bis dahin nichts gab, was diesen Liebesbegriff aus dem Hebräischen angemessen ausdrücken konnte. Denn es gibt keine "deckungsgleichen Sprachen, jede Übersetzung ist vorläufig und endet am Horizont des Übersetzers" (Weymann, S. 9).

Ähnliche (manchmal Augen öffnenden) Probleme ergeben sich bei der Übersetzung aus dem reichen, vieldeutigen Griechischen ins heutige Deutsch. Gerade in der Grammatik zeigt sich, dass sich in der Sprache subtil zeitgenössisches Bewusstsein in Formen prägt. Als ein Beispiel: Im Griechischen tritt "zu Aktiv und Passiv, als eine dritte eigene Form, das Medium hinzu (=etwas für sich, in seinem Interesse, seinem Bereich tun)." (Weymann, S. 15) Dieses "Schwebende" zwischen Aktivität und Passivität kennen wir so nicht mehr, bzw. die ganze Bandbreite des Ausdrucks in dieser einen grammatischen Form hat sich verändert und verengt. Um diese Enge wieder aufzuschließen, bezieht sich Elsbeth Weymann auf den "Dreifachen Schriftsinn", einen Begriff von Origenes, der einen Text nach Wortbedeutung, Grammatik und historischem Kontext, aber auch nach einem erkennenden Zusammenschauen und einem geistigen Gehalt erfassen möchte.

Im Verlauf des Buches geht Elsbeth Weymann einmal durch das ganze Jahr, aber nicht nur anhand von passenden Textstellen aus dem Alten und (vor allem) Neuen Testament, sondern auch durch eine den jeweiligen Kontext herstellende Hinführung, durch die die eigentlichen Übersetzungen, die nicht selten an moderne Lyrik erinnern, sich dem Leser erschließen. Hinzu kommen zahlreiche Exkurse und Erläuterungen zu den spezifischen Übersetzungsentscheidungen für einzelne Begriffe. Elsbeth Weymann macht also die oben genannten spezifischen „Probleme" der Übersetzung transparent, und bezieht den Prozess der Überlegungen und der Kontextualisierung mit ein, der sie zu der vorliegenden Deutung geführt hat. Daher findet der Leser nicht etwas Fertiges vor, sondern wird in die Prozesse sprachlicher Gestaltfindung und Deutung mit einbezogen.

Nicht zuletzt findet man in dem Buch ein weiteres behutsames Zurückdeuten auf den Leser- etwa, wenn Elsbeth Weymann nach der Übersetzung des Magnificat der Maria (Luk, 1, 46-55) auf den meditativen Charakter des Textes hinweist: "Die Worte des Angelus Silesius: "Du musst Maria sein und Gott in dir gebären" sind eine Möglichkeit, die Aussagen dieses gewaltigen Hymnus auch auf die eigene Seele zu beziehen." (Weymann, S. 36) Die Gegenwärtigkeit eines solchen Hymnus und der Bezug auf eigenes, inneres Geschehen wird aber in den transparent gewordenen, einerseits erklärend aufgeschlossenen und dann wieder lyrisch- rhythmisch gestalteten Texten in diesem Buch für den Leser nicht nur zu einer das Jahr umspannenden Anregung, sondern auch zu einem "schönen", reichhaltigen Buch, in das man immer wieder gern hinein schauen möchte.

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Link: Elsbeth Weymann bei den Egoisten
Das Buch im Urachhaus- Verlag (Verlag Freies Geistesleben)
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