Der aufgerissene Himmel | EgoBlog | Die Egoisten

Der aufgerissene Himmel


Es gibt natürlich alle möglichen Typen, die rücksichtsvollen, die im Notfall begangenen, die leidenschaftlichen Lügen. Die der Lust am Tratsch Entsprungenen, der unheilvollen Lust am Drama. Die, die ohne Worte auskommen, die, die etwas verschwiegen halten, was hätte gesagt werden sollen und müssen. Die, die einen schützen und bewahren, die einen in der Deckung halten. Die Lebenslügen, die wir uns selbst gegenüber begehen. Der Mechanismus der glanzvollen Persönlichkeit, mit wir uns selbst und Andere betrügen. Die Lügen, die wie Gift das Seelenleben durchwabern und unseren Hormonen entspringen, ein Träufeln und Säuseln. Die, mit denen wir, ohne es zu merken, etwas darstellen, was uns begehrenswert macht- exakt kalkulierend, was der Andere erwartet, braucht, erhofft. Der Deckel, den wir aus uns schmieden, damit er auf den Topf des Anderen passt. Die Fata Morgana, die wir selber sind. Das gleißende Kalkül unserer Attraktivität.

Fast bewundernd habe ich stets die unleidlichen professionellen Blender betrachtet, die sich selbst gegenüber so naiv und unvoreingenommen sind, dass sie die eigenen Lügen, kaum von ihnen ausgesprochen, auch schon glauben. Allein die Tatsache,dass sie die Lüge ausgesprochen hatten, machte den falschen Sachverhalt für sie zu einer Realität. Sie sind völlig unerschütterlich, ja empört, wenn man ihnen die Sache auseinander legt. Sie sind entrüstet, werfen sich in die Brust und geben sich als Opfer einer infamen Beschuldigung. Sie sehen sich so sehr im Recht, sind derartig gepolt auf die Nutzung ihres jeweiligen Vorteils, dass sie nie zu überzeugen sein werden, auch wenn der bloße Augenschein sie widerlegt. Es macht kaum Sinn, zu argumentieren- sie leben in der von ihnen selbst geschaffenen Welt. Das ist ein Debakel für den Lügner selbst, auch wenn er es nicht merkt. Andere und sich selbst zu blenden treibt in eine seelische Korrumpierung, die das ganze Gebäude dieser Persönlichkeiten zu untergraben droht, auch wenn sie vordergründig damit Erfolg haben sollten.

Es gibt ganz exquisite Exemplare, die durchaus nicht nur furchtbar erscheinen, sondern ganz und gar als Gutmenschen. Die Verstellung ist zugleich Selbsttäuschung; die Intentionen aber sind nicht nur selbstsüchtig, sondern erodierend, kompromittierend, affektiv giftig wie die Nesseln einer gefährlichen Quallenart. Man merkt es erst später, dass das Gift sich ausbreitet, und es ist zersetzend für jede menschliche Gemeinschaft. Aber das ist, zweifellos, etwas, was nicht bewusst geschieht- oder nur ein wenig. Die Giftstachel sitzen im Dunkel und werden überdeckt von einem glimmerndem Charme, einer gütigen Attitüde oder einer betörenden Direktheit. Es hält nur selten lange vor- es gibt viele Anhänger, aber auf lange Sicht nicht einen einzigen Freund. Die vordergründige Beliebtheit weicht über kurz oder lang. Nicht selten können die großen Blender viel bewirken und finden sich an Schaltstellen der Macht wieder- gehen sie doch raffiniert mit den Schwächen ihrer Mitmenschen um. Sie wittern Schwachstellen Anderer mit unsichtbaren, empfindlichen Sensoren.

In gewissen dunklen Augenblicken schauen wir uns selber an und bemerken diesen Abgrund in uns- manchmal mit aller Härte und Konsequenz. Wir sind nicht darin verloren, und wir geben den Schwächen vielleicht nur in erträglicher Weise nach. Es gibt da alle Nuancen. In diesen Augenblicken steht man dennoch vor dem Scherbenhaufen seines Lebens. Es ist ja gerade immer das, was man so gerne hoch hielt, was einen beflügelte, das zugleich die grösste Betäubung darstellt. Die sakrosankten, elementaren, Leitlinien gebenden Elemente der eigenen Persönlichkeit entpuppen sich als das, was elementar verlogen ist. Man hat es wie eine Monstranz vor sich hergetragen, herauf und herunter gebetet, und jetzt sieht man, dass es eine Leere verdeckt, einen lumpigen Haufen von Schwächen oder gar ein stetig ausströmendes Gift. Es war mehr ein aufgestauter Schutz als ein wirklich menschlicher Zug. Man steht einen Augenblick lang nackt vor dem weiten Nachthimmel, in vollkommener Ratlosigkeit. Einen winzigen Augenblick lang reißt der Himmel auf, einen Augenblick lang spürt man die Güte, die in der nackten Wirklichkeit liegt. Dann kann man weiter machen.
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