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Sep 2011

Michael Eggert: Neunzig

Was macht man in so einem Fall den ganzen Tag? Dass er auf die Neunzig zuging, tat nichts zur Sache, erleichterte es vielleicht sogar, da selbst die einfachen Handreichungen einiger Vor- und Nachbereitung bedurften, wohl überlegt sein mussten, schon allein wegen der Sturzgefahr.

Es gab Zeiten, in denen er einen Beruf ausgeübt hatte, verheiratet gewesen war und täglich betrunken gewesen war. Das hatte ihn, von außen betrachtet, alles gleichermaßen in Beschlag genommen. Aber die berufliche Arbeit war seit dreissig Jahren beendet, er war seit zwanzig Jahren Witwer und hatte, das Alter im Auge, vor zwölf Jahren abrupt mit dem Alkohol aufgehört. Er kochte nicht, las keine Bücher und Zeitschriften, arbeitete nie in seinem großen Garten und hatte keinerlei erkennbare Interessen. Früher hatte er gern und laut politisch räsoniert und dabei vor allem im Auge gehabt, Recht zu behalten oder zumindest das letzte Wort, aber die Politiker, deren Gesichter ihm vertraut, deren Gesichter, Tonfall, Gestik und Erscheinung die seiner Generation waren, lebten nicht mehr oder befanden sich längst im Ruhestand: Es interessierte ihn nicht mehr, was die heute diskutierten. Die Probleme, die diese Leute anhäuften, beschäftigten ihn auch nicht mehr, denn er würde das nicht mehr bezahlen müssen, das überließ er gern den Kommenden.

In Gesprächen kam er stets nach wenigen höflichen Worten auf seine Gesundheit zu sprechen. Dass das Alter ein Massaker war, wusste er nur zu gut, und er berichtete gern davon. Die Kurzatmigkeit, die Pigmentflecken auf der Haut, das Haar wie Stroh und der nächtliche Harndrang. Er sprach davon, als sei das alles eine Zumutung, die ihm persönlich angetan wurde, ein Unrecht, gegen das er ständig opponierte.

Lange Tage, endlose Nächte: Was macht einer wie er die ganze Zeit? Bewegte er sein Leben hin und her wie einen Klumpen Ton und versuchte, eine Form darin zu entdecken? War er als Archäologe seiner Tage, Monate und Jahre beschäftigt? Suchte er geheime Spuren im Fels, die vielleicht erklärten, wie es verlaufen war? Spürte er seinen Irrtümern nach? Nein, dazu hatte er kaum die Mittel. Seine Erinnerungen, so weit er sie aussprach, erschienen stets wie ein glatt geschliffener Stein: Ohne jeden Riss, aus einem Guss. Er war sich an keinem erkennbaren Punkt fremd. An Widrigkeiten oder gar Widersprüchlichkeiten konnte er sich nicht erinnern, so wie er überhaupt Widerspruch oder Zweifel nicht duldete. Um sich in seiner Zeit anschauen zu können, muss man sich ein kleines Stück aus seinem biografischen Kontext heraus lösen können, um einen Blick auf diese Landschaft zu haben, die man selbst ist.

Außerdem hatte er keine Zeit. Obwohl sie ihm im Überfluss zur Verfügung zu stehen schien, war Zeit für ihn wie für viele alte Menschen ein knappes Gut. Er führte einen strikten Terminkalender und war inzwischen froh um Tage, an denen keine Termine lauerten wie boshafte Allesfresser. Er mochte keine Löcher im gut abgewogenen, eisernen Rhythmus seiner Tage. Je hinfälliger er körperlich wurde, desto mehr versteifte er sich auf diese Strukturen. Die Zeit hatte Bestand und Verlass, der Rhythmus hatte das Regiment übernommen, Stäbe, Stützen, Rituale. Ihr vertraute er, ihr vertraute er sich an, denn sie allein versprach ihm nicht nur eine Art von persönlicher Signatur, sie war die Spur, die er jetzt zog, sie war die Grundlage seiner verbliebenen Autonomie.

Was macht man in einem solchen Fall den ganzen Tag? Man macht es so wie gestern und - vielleicht- wie morgen.
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Michael Eggert: Hochstapelei

Sünden, sagte mir der Philosoph mit der glatten Haut im inzwischen vorgerückten Alter (so alt wie ich jetzt, in etwa), seien die verpassten Gelegenheiten. Die Situationen, meinte er, in denen man nicht gegenwärtig war und es doch, wie eigentlich immer, hätte sein sollen. Wir träumen uns durchs Leben.

Sünden, dachte ich (der auch in jungen Jahren keine faltenfreie Haut gehabt hatte), meine Sünden sind die guten Ratschläge. Neulich habe ich X zum Beispiel geraten, sich nicht in seinem Roman und in der Aufarbeitung seiner näheren Vergangenheit zu verfangen. Was habe ich da nur gesagt? Es war nicht nur ein blöder Spruch ins Leere, es war noch viel dümmer: Ich selbst schlug mich schließlich gerade extensiv mit meinen spezifischen Vergangenheiten herum und war darin verwickelt wie ein junger Hund in einem übergroßen Wollknäuel. Weich, nein, dergleichen fühlt sich nie angenehm an.

Sünden, dachte ich, sind es, die eigenen Kübel von Unrat über Andere auszuschütten und das mit dem Zahnpastalächeln des Besserwissenden zu garnieren.

Sünde ist unser ewiges Jungsein, und diese chronische Hochstapelei.

Martin Amis schreibt: „Ich duckte mich innerlich davor weg - so wenig begriff ich. Ich war fast fünfundzwanzig, aber wie jung war ich da noch, wie furchtbar jung. Und wie lange das dauert, die Jugend, diese Zeit ständiger Hochstapelei, wenn man so tun muß, als verstehe man alles, während man in Wahrheit überhaupt nichts versteht. Man hat überhaupt keinen Begriff von Zeit.“

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(Amis, Die Hauptsachen, München Wien 2005, S. 67)
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Michael Eggert: Die Zeit anhalten

Voraussetzungen im engeren Sinne gibt es keine, um ins nonduale Erleben zu wechseln, oder, um in unserem Sprachstil zu bleiben, die Zeit anzuhalten. Ich persönlich mag dabei keine überkreuzten Gliedmaßen und andere Verrenkungen; ansonsten gilt nur: Bequem sitzen. Natürlich ist es nicht ganz leicht, das willentlich abzustellen, was uns immer im Zeitstrom hält: Das was ich gleich machen wollte und will, dass ich noch diesen Arzttermin habe und im Keller staubsaugen wollte. Das, was gerade passiert ist und noch nicht geklärt: Der Brief mit dem amtlichen Siegel, der gerade im Briefkasten lag, meine berufliche Stellung, die gerade durch eine neue personelle Konstellation fraglich geworden ist. Aus all dem, in das ich eingespannt bin, möchte ich nun heraus treten und frische Luft dabei schöpfen.

Womöglich hilft ein mantrischer Spruch, ein Koan, ein in sich Widersprüchliches, das nur auf einer höheren Ebene vernünftig wird, indem ich auf einer höheren Ebene in diese Vernunft eintrete. Natürlich ist ein Steinersches Koan wie „Denkend empfinde ich mich eins mit dem Weltgeschehen“* auf der dualen Ebenen unsinnig, denn denkend empfindet man gar nichts, schon gar nicht sich selbst, und erst recht nicht sich „eines“ mit irgend etwas, und überhaupt nicht mit einem „Weltgeschehen“. Diese Art von Selbsterfahrung befindet sich schon *dort*, im Nondualen, auf der Ebene des Seins.

Die Worte des Koans werden, sobald ich an eine konzentrierte, aber leichte, nicht verkrampfte Vertiefung des Spruchs komme, an der die einzelnen Worte und Bezüge sich auflösen, flüssig werden und zum sinnvollen Erleben kommen, zum Anstoss für eine Art „Flow“- Erfahrung. Das Lastende der Nacht, die konkreten Sorgen, die kommenden Probleme und gleich notwendigen Telefonate und Gespräche lösen sich zwar nicht auf, treten aber in den Hintergrund einer erlebten reinen Gegenwärtigkeit. Es gibt ein tieferes und weniger intensives Eintreten. Mir persönlich fällt es morgens schwerer. Es ist dann eher ein kurzes Ins-Wasser-Steigen - etwas, um es anzuregen, um eine Melodie für den Tag anstimmen zu lassen. Im Tagesverlauf erweist es sich als günstig, Wartesituationen oder Pausen zu benutzen, sich kurz an das fliessende Wasser zu erinnern, sich seiner Existenz zu vergegenwärtigen. Im Islam würde man so etwas vielleicht mit einer kurzen „Waschung“ bezeichnen. Es nimmt den untergründigen Faden auf und spinnt ihn weiter, taucht das Gegenwartsbewusstsein kurz ein ins Strömende. Am Abend wird es Gelegenheiten geben, diese innere Melodie zu vertiefen und mit größerer Gänze zuzulassen, was inzwischen kraftvoll geworden ist. Vorhersagbar ist da nichts, planbar auch nicht- und manche Tage geben aus inneren oder äußeren Umständen keine Möglichkeit her, die innere Verbindung zu vertiefen.

Das ist aber nicht tragisch, da die Möglichkeit zur Gegenwärtigkeit inzwischen einfach besteht. Sie ist mit Händen zu greifen und manifestiert sich auch in einem veränderten Körper- und Selbstgefühl. Man könnte auch sagen, man habe die Chakren bewegt und spüre nun ihre Eigendynamik. Es bedarf nun keines Anlaufs mehr, keiner Übung, um die innere Präsenz zu erfahren- man wechselt - um es ungeschickt auszudrücken- zwischen den Ebenen oder wird, präziser, der Ebene des „Flow“, der Ebene des „reinen Denkens“ dauerhaft gewahr, auch wenn man sich immer wieder aus ihr heraus zieht, um vielleicht die Steuererklärung fertig zu machen oder Auto zu fahren.

Die Möglichkeit, in die Zeitlosigkeit einzutreten, hängt von einigen Faktoren ab; ich denke, dass es heute eine kulturunabhängige Fähigkeit ist, die mit der modernen Art der Inkarnation zusammen hängt. Es ist keine individuelle Fähigkeit, denn sie rückt von Generation zu Generation näher; sie ist aber auch ein Luxus, da sie davon abhängt, inwieweit man ausschließlich für den Broterwerb tätig sein muss - oder inwieweit man aus dem Hamsterrad zumindest zwischendurch auch aussteigen kann. Es ist keine individuelle Fähigkeit, auch nichts, womit man aufs Neue ein Selbstgefühl verbinden kann. Man kann zweifellos einen Kult daraus machen. Es gibt aber so wenig einen Grund, darauf stolz zu sein wie auf die Tatsache, frische Luft zu atmen: Man hat die Luft nicht geschaffen. Die Präsenz in der einen oder anderen Form zu erfahren, ist eine natürliche Gabe wie das rationale Denken; es ist ein Rationales, das näher am „Leben“ ist, mehr nicht. Es gibt also auch etwas wie spirituelle Hysterie oder aber (was wir hier propagieren möchten) Rationalität. Die diversen hysterischen Ausbrüche bevölkern die entsprechende Szene und deren Literatur und Retreats. Das Erleben des Flow aber bedarf, wenn es einmal gefestigt ist, keiner äußeren, ja nicht einmal mehr innerer Anstösse- eigentlich widerstrebt es einem ja sogar, Begriffe wie „Meditation“ darauf anzuwenden, da es sich nicht um einen Ausnahmezustand handelt, sondern um eine ganz natürliche Gestimmtheit. Rudolf Steiner nannte das sogar zuweilen den „gesunden Menschenverstand“.

Zu dieser Natürlichkeit gehört auch, dass man sich eigentlich immer als Beginner versteht- es sind bis auf nicht absehbare Zukunft lauter Anfänge von etwas. Ich denke schon, dass die anstehende Transformation eine natürliche kulturelle Strömung ist, an der man teilhat: „Von den Geistern der Form zu den Geistern der Bewegung.“ Das Gewordene, Geformte ist ja so wenig weg wie der Alltag und das so und so sich darlebende Individuum. Es ist absolut notwendig, bis zu diesem ausgeformten Individualismus vorgedrungen zu sein. Nun aber darf auch frischer Wind hinein, der Atem darf weiter werden, und die Dinge können auch mit dem Herzen gesehen werden.

Was man vielleicht noch anmerken darf, ist, dass mit dem „Anhalten der Zeit“, dem Erleben des Flow noch keine moralische Reife mitgeliefert wird. Das hier ist kein All- Inclusive, kein Baumarktregal, aus dem man eine Fertiglösung entnehmen kann. Es gibt womöglich noch nicht einmal Beurteilungsmaßstäbe, auf die man sich verlassen könnte. Daher erscheinen an allen Ecken - auch in den anthroposophischen - Autoren, die ein Alleinvertretungsrecht beanspruchen- womöglich aus Verkennung der Lage. Der behauptete exklusive Zugang produziert meist Anhänger, die an dieses Alleinvertretungsrecht glauben. Das schafft völlig verquere Positionierungen beider Seiten, nämlich archaische Schüler- Lehrer- Verhältnisse. Wenn die Machtspiele beginnen, kommen Mechanismen in Gang, die eine eigene Dynamik haben, vor allem aber restlos von dem, worauf es ankommt, ablenken.

Man muss vielmehr heute davon ausgehen, dass die Fähigkeiten, von denen die Rede ist, universell sind und nur eines Anstosses bedürfen, um geweckt und entfaltet zu werden. Moderne spirituelle Rationalität versteigt sich auch nicht in Visionärem und ertrinkt nicht in Bilderfluten. Es wird kein „Ego“ überwunden, sondern es tritt - zart- ein konzentriertes Loslassen auf, das sich in die Verhältnisse - auch die persönlichen Schicksale - einfügt, sie akzeptiert und sie ganz allmählich von innen und von außen durchleuchtet, durchglänzt und befruchtet. So entstehen z.B. neue soziale Kompetenzen, neue Teamfähigkeiten, in denen es vor allem darauf ankommt, so stark zu sein, Anderen Raum und Entfaltungsmöglichkeiten bieten zu können. Das innere und äußere Zurück- Treten-Können, um in reiner Gegenwärtigkeit situationsangemessene Lösungsmöglichkeiten zu finden, ohne Anderen etwas aufzuoktroyieren, sind Teilaspekte der neuen Fähigkeiten.

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*Eine umfassende Darstellung anthroposophischer Meditationstechnik von Hans-Peter Dieckmann: http://www.anthroposophie-dieckmann.com/Meditation.html
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Ruth Bamberg, 14.Oktober 1979, Bonn

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Dokumentation über den Prozess gegen Klaus Barbie

Von Arte ist (zunächst auf französisch) eine Dokumentation über den Prozess gegen Klaus Barbie erschienen. Auf der französischen Website wird für die DVD geworben. Dabei wird auch der Historiker Peter Hammerschmidt erwähnt: „Dans ses découvertes faites entre 2008 et 2010, l’historien Peter Hammerschmidt va même plus loin. Plusieurs documents des services secrets allemands (Bundesnachrichtendienst, BND) montrent clairement que Klaus Barbie a travaillé depuis sa résidence de La Paz pour le BDN de Bonn, entre 1966 et 1967.“ Dabei wird Hammerschmidts erstes Interview bei den Egoisten mit verlinkt.

Bildschirmfoto 2011-09-24 um 21.14.46

Auf der entsprechenden deutschen Website von Arte ist von der DVD noch nichts zu entdecken. Hier die bisher in diesem Blog erschienenen Beiträge zum Thema Barbie.
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Michael Eggert: Nach der Erleuchtung Wäsche waschen

Jack Kornfields Buch „Nach der Erleuchtung Wäsche waschen und Kartoffeln schälen“ (hier das englischsprachige Original) ist schon deshalb so sympathisch, weil es ehrlich ist. Es bringt den ganzen elenden Erleuchtungs- Hype auf den Boden zurück und fragt quer durch alle möglichen Bewegungen - von Sufis über Himalaya-Gurus bis hin zu christlichen Nonnen- diese danach ab, wie es den Menschen nach und mit etwas wie „Erleuchtung“ (die meisten würden sich schämen, es so zu nennen) denn erging. Zahllose Anekdoten aus all diesen Milieus erheitern manchmal, kommen manchmal besinnlich daher und beleuchten das Buch jedenfalls so sehr, dass es auch mit 350 Seiten sehr gut zu lesen ist. Wenn Kornfeld selbst einer „Richtung“ zuzuordnen ist, dann jeweils einer, die es konkret und alltäglich meint- so etwa wie in folgender Anekdote:
„Als ein Zen- Schüler zu seinem Meister sagte: „Nun fehlen mir nur noch ein paar Details“, rief der Meister aus: „Aber es gibt nur Details.“ (S. 231)

Kornfeld geht es um Achtsamkeit, um „Gegenwärtigkeit“, aber eben auch um die Wahrnehmung und Akzeptanz der eigenen Schattenseiten: „Ja, ein reifes Herz weiß um die Dimension des Egoismus und der Sünde. Aber es ist sich auch der umfassenderen Wirklichkeit des Menschseins bewusst, der ursprünglichen Einheit und grundlegenden Güte, die unsere göttliche Natur, unsere Buddha- Natur ist.“ (S. 206). Illusionärer Perfektionismus oder vorgetäuschte Vollkommenheit werden hier nicht gesucht, denn „das Bewusstsein, das man auf einem Gebiet entwickelt hat, überträgt sich nicht auf andere Lebensbereiche.“ (S. 199) Das führt zu den Widersprüchen, die man überall - auch an spirituellen Orten- erleben muss: „Meditationsmeister, die sich mit außergewöhnlichen Bewußtseinszuständen auskennen, können auf emotionalem, zwischenmenschlichem Gebiet Schwierigkeiten haben. Fromme, sich für Gott aufopfernde Nonnen oder Mönche können eine problematische, ja selbst Kaputte Beziehung zu ihrer Familie- oder zu ihrem eigenen Körper haben. Und Yogis und Gurus, die über eine unglaubliche Körperbeherrschung verfügen und ihre Atmung und Gedanken unter Kontrolle haben, können blind übernommene Überzeugungen und Meinungen vertreten, die sich negativ auf ihre Anhänger auswirken. Die meisten Mönche, Nonnen, Meditationsmeister und spirituellen Schüler entdecken nach einiger Zeit Lebensbereiche, denen sie bisher keine Aufmerksamkeit geschenkt haben. Für viele Lehrer hat die spirituelle Ausbildung selbst zur Vernachlässigung oder Verdrängung ihrer grundlegenden menschlichen Bedürfnisse geführt.“ (S. 199)

Kornfeld hat keinerlei Hemmungen, über die Alltagsprobleme hoch angesehener Yogis zu berichten, wenn auch häufig anonym, die plötzlich trotz aller Erfahrungen in eine existentielle Krise geraten und sich selbst völlig in Frage stellen. Vielen geht es offenbar gerade nach lang anhaltenden und weit gehenden Retreats so. Kaum zurück gekehrt, brechen alte Wunden mit Wucht wieder auf oder es besteht völlige Verwirrung darüber, „wie man seine Spiritualität mit dem beruflichen Alltag verbinden soll.“ (S. 158) Er verbindet das mit netten Geschichten wie das von dem Kloster auf einem Berggipfel, das den „schönsten Buddha in ganz Korea“ anpreist, aber nur einen leeren Altar mit weitem Blick in die Umgebung bietet: „Als er näher herantrat, entdeckte er eine Inschrift auf dem Altar: „Wenn du hier keinen Buddha siehst, geh hinunter und übe noch ein wenig.“

Aber neben diesen eher amüsanten Exkursen bearbeitet Kornfeld auch unangenehme Züge wie den spirituellen Ehrgeiz. Dazu die Geschichte von dem Mönch, der den Meister fragte, wie lange er bis zur Erleuchtung denn bräuchte: Zehn Jahre, ist die antwortet. Und wenn er sich besonders bemühen würde? Dann würde es zwanzig Jahre dauern. Der Adept murrt und beklagt die mangelnde Fairenss. „Wieso doppelt so lang?“. In seinem Fall, antwortet der Meister, würde es dann wohl eher dreissig Jahre dauern.

Wenig glanzvoll erscheinen auch die zahlreichen Geschichten, in denen gerade in Schüler- Lehrer- Verhältnissen Zustände eintreten können und eingetreten sind, in denen es um sexuelle und finanzielle Ausbeutung ging. Das eine oder andere Mal plaudert Kornfield aus dem Nähkästchen und verrät Namen. Bei vielen tibetischen Lamas hat der Missbrauch auch von Kindern sogar Tradition. Kornfield geht aber nicht so weit, das System von Klosterleben, Guruismus, jahrelangem Rückzug in Frage zu stellen. Die Abhängigkeitsverhältnisse in vielen klassischen spirituellen Bewegungen führen offensichtlich häufig zu schwer wiegendem Missbrauch. Kornfield sieht diese Probleme und meldet durchaus Reformbedarf an. Die Systemfrage stellt er aber nicht.
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Ruth Bamberg, 22. Juni 1967, Deutsche Studentenpartei

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Michael Eggert: Paradoxien an der Schwelle oder: Der Gral kommt, wenn man ihn nicht will

Nicht nur in Zen- Geschichten drücken sich die Paradoxien an der Schwelle zur geistigen Welt aus, sondern auch in dem biografischen Umständen, die Joseph Beuys in dem Interview weiter unten drastisch schildert: Wie er mehrfach und in steigendem Maß in seinem Leben an einen Nullpunkt heran geführt worden war, an einen Punkt des reinen Nichts, an dem ihn nichts mehr an Leben kettete. Aber gerade aus diesen Nullpunkten heraus entwickelt sich geistige Kompetenz, die eben weniger in dem besteht, was man vermag, als darin, wie viel Raum man zu geben vermag. Der Geist realisiert sich nicht in der Fülle des Könnens, Wollens und Habens, sondern in der Leere des Nullpunkts, an den man sich nicht nur heran arbeiten muss, sondern den man auch halten und vor allem aushalten muss. Niemand könnte das besser schildern als Beuys selbst.

Was er nicht - oder nicht so deutlich- erwähnt, ist, dass dieses Prinzip des paradoxen „wollenden Nichtwollens“ nicht nur in biografischem Sinne gilt, sondern für jede echte meditative Situation. Man kann für eine gelingende Meditation immer nur übend den Boden bereiten. Es gibt einen Punkt, an dem man eine Art innerer Bühne errichtet hat, dort, im Schwellenland, und wartet. Wenn der kühle Wind *dort* entspringt, ist man gut beraten, den Auftrieb zu nutzen und aktiv zu navigieren: Man ergreift den sich umstülpenden Willen, eine Art Kraft, die man nicht selbst erschafft, sondern die man zulässt. Wir kennen das Prinzip, auch wenn die gewählten Begriffe vielleicht befremdlich wirken sollten, tatsächlich sehr gut. Denn nur so gelingt und entspringt ein Gespräch zwischen Menschen: Indem man einander Raum gibt. Wer das nicht vermag und stets nur sich selbst aus-drückt, ist einsam zwischen Menschen, aber auch in Bezug auf das meditative Geschehen.

Wer mag, muss nicht nach Japan schauen, um Zen- Philosophie zu entdecken. Es reicht ein Blick ins neue Testament (Matthäus 19, 24, Markus 10, 25), wo sich der berühmte, aber falsche Satz vom Kamel findet, das eher durch das Nadelöhr passt als dass der Reiche ins Reich Gottes käme. Übrigens soll es sich um einen Übersetzungsfehler* handeln. Es geht wohl in Wahrheit um ein Schiffstau, das eher durch ein Nadelöhr passt. „Zen“ ist die Textstelle dennoch auch in prosaischer, aber korrekter Übersetzung, denn es handelt sich in all den Bildern um eine Zustandsbeschreibung des inneren Lebens an der Schwelle: Unsere „Reichtümer“ sind alles das, was wir mitgebracht haben, Begabungen, Formungen, individuelle Fähigkeiten. Das Nadelöhr ist der oben beschriebene Nullpunkt. Erst das, dem wir Raum geben, damit es entspringen möge, passt durch das Nadelöhr.

Aber wir können natürlich auch ins Mittelalter schauen- etwa zur Parzival- Legende, um diese Paradoxie der Schwelle wieder zu finden. Dazu zitieren wir aus einem Buch von Georg Kühlewind**:
Festlich gestimmt, von Freude und Liebe erfüllt sind alle - außer Parzifal. Er empfindet Doppelte Trauer, die ihm die Freude verwehrt und ihn in dem Entschluss bestärkt, erst den Gral wieder finden und dann Amfortas heilen zu wollen. So zeiht er sich von Freunden und Feiernden zurück, denkt über seine Lage nach und fasst den weiteren Entschluss, seine Suche, sein Streben nach dem Gral aufzugeben. Er resigniert, was ihn aber nicht dazu bringt, nach Hause, zu seiner Frau, in seine Königreiche zurückzukehren- das hätte ihm jederzeit offen gestanden.

„Da ich entbehre, was die Glücklichen besitzen - ich meine die Liebe, die die manches traurige Herz wieder froh macht-, da ich also keinen Anteil an diesem Glück habe, kümmert mich nicht, was mir geschieht. Gott will nicht, dass ich glücklich bin. Könnte ich oder die Frau, nach der ich heiss verlange, unsere Liebe durch Wankelmut zerstören, dann könnte ich vielleicht eine andre lieben. Doch die Liebe zu ihr hat jeden Gedanken an andre Liebe und das Glück, das diese schenken könnte, in mir ausgelöscht, ohne mir Trost und Glück zu schenken. Ich bin tief in Trauer versunken. Möge das Glück allen Freude schenken, die nach wahrer Freude verlangen! Gott gebe allen hier nur Freude! Ich aber will den Kreis der Glücklichen verlassen.***“
Die gezielte Suche nach dem Gral wird aufgegeben, Parzifal stellt sich dem Schicksal anheim. Das ist der entscheidende Augenblick, die entscheidende Wendung auf seinem Weg.
Denn nun kommt der Gral zu ihm.
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*http://www.uebersetzerportal.de/nachrichten/n-archiv/2003/2003-08/2003-08-18.htm
**Georg Kühlend, Der Gral oder Was die Liebe vermag, Stuttgart 1997, S. 35 ff
***Wolfram von Eschenbach, Parifal, Stuttgart 1981
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"Nur das."

Hier spricht wirklich wieder einmal der tiefgründige Esoteriker Beuys:

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Sich selber hingegeben

„Der Sommer hat an mich
Sich selber hingegeben.“

(R. Steiner, Seelenkalender, Dreiundzwanzigste Woche)

herbst
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Ruth Bamberg, 10. November 1989, Berlin

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Michael Eggert: Kiffen ist gesünder. Zu Powells „Christus und der Mayakalender"

Es gibt so allerlei, über das man schreiben könnte, bei dem sich aber zwar nicht gerade die Tastatur verklemmt, aber reichlich innere Widerstände aufbauen. So geht mir das mit offensichtlich verschwörungstheoretischen, okkult- suggestiven und anderweitig im Trüben fischenden Büchern. Es ist schwierig, mit Texten umzugehen, die sensationelle Offenbarungen verheißen, wie nun im heutigen Fall mit Robert Powells „Christus und der Mayakalender. 2012 und das Erscheinen des Antichristen“ (Basel 2009).

Der Name des Buches, das im „Informationslücke-Verlag“ erschienen ist, ist Programm und verdeutlicht hinreichend den gesamten Inhalt. Interessant sind die Quellen und die Methodik, mit der das angebliche apokalyptische Geschehen produziert wird. Powell benutzt Textstellen der Apokalypse (selbstredend), Rudolf Steiners, Valentin Tombergs, Daniil Andrejews, Jeane Dixons, Judith von Halles und seiner selbst, je nach Bedarf, je nachdem, ob es passt. Ab und zu wird auch schon mal eine Marienerscheinung o.ä. eingestreut, etwas ägyptische Mystik oder das eine oder andere Buch zum rudimentären, aber zur Zeit top modischen Mayakalender. Gelegentlich betont Powell auch seine eigenen „Forschungsergebnisse“: „Durch meine eigene Forschung war ich in der Lage, Daniil Andrejews Ankündigungen bzgl. der bevorstehenden (..) Offenbarung Christi im Ätherischen und das Kommen des Antichrist „in nicht zu ferner Zukunft“ zu bestätigen.“ Holla.

Nähere oder auch nur ungefähre Angaben zu seinen Arbeitsmethoden macht Powell nicht, aber es klingt gut. Im ersten Teil benutzt er allerlei Zahlenmystik, um zu den gewünschten Jahresangaben zu kommen, die er allen möglichen Quellen entnimmt (auch Rudolf Steiner, natürlich), aber nach vorne oder hinten ausdehnt, variiert und kombiniert. Das Meiste wird aus anderen Texten über den Mayakalender abgeschrieben. Zwischen Templern, Echnaton, Dämonen und Sophienkult streut Powell auch noch Bilder der Milchstrasse hinein. Die sich daraus ergebenden Bezüge sind natürlich beliebig und passen sich notgedrungen in das behauptete apokalyptische Geschehen hinein. Bei dieser Methode könnte man auch einige Micky-Maus-Hefte als Quelle heran ziehen und einbauen- es würde passen, wenn man nur das Nichtpassende passend ausblendet.

Zweifel räumt Powell durch immer weiter addierte beliebige Textfragmente aus - etwa in folgendem Zitat:
Bezüglich des Datums vom 21. Dezember 2012 mag der skeptische Leser einfach sagen, „Warum soll ich den Apokalypse Code für gültig erachten?“ Aber es ist nicht nur der Apokalypse Code, der uns dazu führt, den langjährigen Mayakalender als eine prophetische Voraussage für das Ende der 3 1/2 jährigen Regierungszeit des Antichrist anzusehen, sondern auch das Lesen der Bilder der Offenbarung, die uns deutlich ankündigt, wo wir in der Entfaltung der Weltgeschichte stehen. (..)“ (S. 112). Und wer es an diesem Punkt immer noch begriffen hat, dem wird das Werk des (mir unbekannten) russischen Mystikers Andrejew „als sehr hilfreich“ empfohlen.

„Hilfreich“ im Sinne der sinnfreien Argumentationskette von Powell ist alles mögliche, wenn nur das Ziel erreicht wird, „die metahistorische Offenbarung der Apokalypse in eine verständliche Reichweite der Zeit, in der wir leben, zu bringen“ (S. 113). Das haben nun allerdings seit dem Mittelalter Viele versucht. Auch Powell bezieht die apokalyptischen Bilder auf tatsächliche zeitgenössische Katastrophen: „Wie „erfüllen“ die Ereignisse des 11. September 2001 auf der historischen Ebene die sich öffnende Szene des 13. Kapitels der Offenbarung auf der metahistorischen Ebene? Kehren wir zurück zu den Worten, die die Öffnung der Szene des Kapitels beschreiben: „Und ich sah ein Tier aus dem Meer steigen, das hatte zehn Hörner und sieben Häupter.. Und ich sah eines seiner Häupter, als wäre es tödlich verwundet“ (Offenbarung 13:1-3). Die „tödliche Wunde“, die Johannes vor etwas über neunzehnhundert Jahren sah, kann als die „Wunde“ gesehen werden, die mit der Zerstörung der beiden Türme des World Trade Center, dem Computer beladenen „Haupt“ des Welthandels zugefügt wurde. So kündigte dieses dramatische Ereignis am 11. September 2011 der Welt das Aufstehen des „Tieres“, Satan/ Ahriman, an, auf seinem Weg zur Inkarnation, mit einem seiner Häupter verwundet. Der darauf folgende Krieg gegen den Terror, der beabsichtigt, die Menschheit in einem Zustand ständiger Angst zu halten, ist genau das, was die Atmosphäre schafft, die das Tier für seine Inkarnation als Antichrist braucht.“ (S. 116) Diese merkwürdigen apokalyptischen Kurzschlüsse folgen dabei - ohne das zu be- oder vermerken- einer Dämonisierung, die auch Bin Laden in seiner Dschihad- Ideologie betrieb. Powell muss sich in seinen hektischen Argumentationsmanövern offenbar doch an den Duktus des in seiner Zielgruppe beliebten Anti- Amerikanismusses halten. Die beigefügte Bemerkung, das „Haupt“ des World Trade Centers sei „Computer beladen“ (was für ein schreckliches Deutsch!), mixt noch eine Prise Technikphobie mit hinein.

Die „Qualität“ der beliebigen assoziativen Querbezüge, die Powell herstellt, zeigt sich an allen Ecken und Enden. Auf Seite 124 springt er von dem „großen roten Drachen“ nahtlos herüber zum Kommunismus, wie überraschend: „Der Name für die Bolschewisten - die Roten - deutet auf das Bild aus der Vision des Johannes.“ Ja, aber wenn ich „die Roten“ bei Google eingebe, erhalte ich auch noch 25 Millionen andere Bezüge, von Rosen über Fußballvereine bis hin zu roten Zahlen. Mithin könnten wir spontan ein Buch schreiben über den Bezug der Finanzkrise zur Apokalypse. Und auch wir könnten mit geschwellter Brust hinein schreiben: „Die Visionen der Offenbarung sind wahr.“ (S. 125). Alles wird wahr, wenn man es nur passend zurecht strickt. Nur wer diese Strickmuster dann in seinen Weltkosmos übernimmt, hat zwar ein unanfechtbares Erklärungsmodell für Alles, aber auch ein echtes Problem.

Unser Ratschlag zum besprochenen Buch: Kaufen Sie es nicht, wenn Sie einen assoziativen Rausch suchen. Kiffen ist gesünder. Folgt man diesem Buch aber doch, muss man mehr Sorge um die eigene geistige Integrität als Angst vor dem kommenden Antichristen haben.
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Ruth Bamberg: 29. September 2010, Sylt, Westerland

st.peter
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Die Innenseite der Mathematik

The Formula from subBlue on Vimeo.

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