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Oct 2011

Michael Eggert: Die Ich-bin- Erfahrung

Die Ich-bin- Erfahrung strahlt, wenn man sie denn hat, in den Alltag hinein. Es gibt vielleicht nicht einen bestimmten Punkt, an dem sie einsetzte- es ist mehr etwas wie schleichende Gewissheit. Es ist eine Erfahrung in der Innenseite des Meditativen, in einer gewissen Mitternachtsstunde, wenn alle nervösen Rückmeldungen des Körpers erloschen sind. Wenn man strömend in der Ruhe steht, wird man - ein Perspektivenwechsel - sich seiner selbst gewahr. Wenn man Ich-bin zu sich selbst sagt, ist es auch eine Erfahrung der Freiheit: Die Begründung der Autonomie. Das Ich-bin ist das Formgebende, das sich manchmal auch in der Form verliert und vergisst. Die Selbst- Erfahrung ist aber unabhängig von allen möglichen Formen, es gibt die Gewissheit der Entität. Hier, in diesem einen Punkt, kann man nicht irren, denn hier kreuzt das innere Wesen die Wahrheit. Es ist aus demselben Stoff gemacht.

Die Erfahrung des Ich-bin strahlt in den Alltag, aber niemand weiß, wie tief. Es gibt die eine Seite und die andere. Dabei nimmt man doch mehr mit in sein Leben als sonst, weil man doch das Meiste vergisst. Es ist einfach zu lebendig, zu wenig greifbar für den Verstand. Es passt nicht. So hat man meist nur einen Schattenwurf der Erfahrung.

Rudolf Steiner beschreibt diese Schwierigkeiten so: "Die Seele nimmt aus ihrem Erleben in der physischen Welt einen Nachklang der Erinnerungsfähigkeit mit, und dadurch vermag sie im übersinnlichen Erleben zu wissen: ich bin hier im Geistigen dieselbe, die ich dort im Sinnlichen bin. Diese Erinnerungsfähigkeit ist ihr notwendig, weil ihr sonst der Zusammenhang im Selbstbewusstsein verloren ginge. Außerdem aber erlangt das in die übersinnliche Welt hinauf gehobene Selbstbewusstsein auch noch die Fähigkeit, die in dieser Welt erlebten Eindrücke so umzuwandeln, dass sie im Leibe Eindrücke machen von der gleichen Art wie die sinnlichen Eindrücke der physischen Welt. Und dadurch ist es möglich, dass die Seele sich eine Art Erinnerung an das im Übersinnlichen Erlebte bewahrt. Sonst würde dieses Erlebte stets vergessen werden. Immerhin hat der Geistesforscher Schwierigkeit mit dem erinnerungsmäßigen Behalten seiner im Übersinnlichen gemachten Erfahrungen. Er kann nicht leicht anderen Menschen «bloß aus dem Gedächtnisse» erzählen, was er weiß; er ist oft genötigt, wenn dies von ihm verlangt wird, in seiner Seele die Bedingungen wiederherzustellen, unter denen er die zu schildernde Erfahrung gemacht hat." (GA 17, Seite 98ff)

Natürlich strahlt die Erfahrung des Ich-bin in den Alltag hinein, schon weil das Ich-bin eine Kontinuität des Bewusstseins nach dem Tod verspricht- zumindest in den Umrissen: "In der Zukunft muss der Mensch über die Erde schreiten, indem er sich sagt: Gewiss, ich ziehe ein mit meiner Geburt in einen physischen Leib, aber das ist ein Durchgangsstadium. Ich bleibe eigentlich in der geistigen Welt, ich bin mir bewusst, dass nur ein Teil meines Wesens an die Erde gebunden ist, dass ich mit meinem ganzen Wesen nicht heraustrete aus der Welt, in der ich zwischen Tod und neuer Geburt bin. – Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl mit der geistigen Welt, das muss sich entwickeln. In früheren Jahrhunderten hat das nur einen falschen Schatten vorausgeworfen, indem man das physische Leben nicht verstehen wollte und eine falsche Askese getrieben hat, geglaubt hat, durch allerlei Abtötungsmaßregeln des physischen Leibes könnte man das erlangen. (GA 177, Seite 211)

Aber die andere, ganz und gar irdische Seite in uns nörgelt und zweifelt und ärgert sich dennoch, trotz aller zeitweiligen Autonomie, über das Älterwerden. He, dem entkommst du nicht. Niemand entkommt dem Schmerz, das zu sein- ein Das, ein Dort, ein Dann.

Eine andere Determinante in unserem Leben, die genetische Komponente, das nicht- individualisierte Erbe, das auf dem Einzelnen mehr oder weniger, aber meist weitgehend unbemerkt einwirkt, ist auch einer der Faktoren, der in der Erfahrung des Ich-bin zumindest für diese Situation aufgelöst wird: "Scharf nun betont das Christentum: Alles solches Fühlen des Göttlichen, auch wenn es von sich spricht als «Ejeh asher ejeh» – «Ich bin der Ich-bin» ist noch nicht das, was den Menschen in seiner vollsten Gestalt zeigt, sondern erst, wenn man et- was fühlt, was im Geistigen jenseits aller Generationen ist, dann hat man erfasst, was als Göttliches in den Menschen herein wirkt. Deshalb muss man in richtiger Übersetzung des Satzes sagen: Ehe denn Abraham war, war das Ich-bin! – Das heißt in seinem Ich erlebt der Mensch ein Ewiges, das ursprünglicher ist als dasjenige Göttliche, das von Abraham sich durch die Generationen hindurch ausgelebt hat." (GA 61, Seite 305ff)

Aber natürlich ist man sich bei der Erfahrung des Ich-bin zugleich bewusst, dass dies nur der Anfang von allem sein kann. Es ist ein embryonaler Zustand, kein "Erreichtes", sondern die Eröffnung dessen, was Entwicklung eigentlich erst bedeutet: "So bildete der Schüler der Mysterienweisheit die Fähigkeit aus, in die früheren Zeiten hineinzublicken; dann kommt die Zeit, wo er die okkulte Pilgerschaft unternehmen kann. Er erreicht dies auf dem Wege einer bestimmten Übung, durch die er sein persönliches Selbst überwindet und dadurch aufhört, das kleine gebundene Ich zu sein. Erst dann kann er den Aufstieg in das Universum vollziehen.

Noch einmal steigt er hinunter, indem er die Weltkraft so mitnimmt, in das Meer der Vergangenheit. In aufsteigender Linie kann er allmählich hinaufkommend dann im einzelnen den Weg verfolgen, den er so zurückgelegt hat. Langsam und allmählich lernt der Mensch hinunter schreiten in das Meer seiner Bildekräfte, und zuletzt kommt er an einen Punkt, der in der Nähe des Ursprungs liegt. So muss es den Menschen ergangen sein, denen zuerst das Auge erstand, um den Blick ins Weltenall zu lenken. Dann geht dem Schüler auf der Zusammenfluss des Ich mit dem großen Welten-Ich. Und nun muss er lernen, zu sagen zu dem kleinen Ich: Ich bin nicht du. Das ist ein Moment, wo man anfängt zu begreifen, dass es höhere Kräfte in der Natur gibt als das Denken.“ (GA 93, Seite 212)
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Ruth Bamberg: 14. April 2023, Ruth Bamberg

2023
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Ruth Bamberg: Anthroposophie, Wissen- und Zeitgenossenschaft

„Vom 22. - 23.9 fand die „Fachtagung Anthroposophie im Hochschulkontext - Herausforderung und Chance“ an der Fachhochschule Ottersberg in Kooperation mit der Alanus Hochschule statt.
Im Programm heißt es: "Anthroposophische Konzepte und Theorien haben sich weitgehend isoliert von akademischen Diskursen und zeitgenössischer Kulturpraxis entwickelt. Daher fehlen künstlerischer und wissenschaftlicher Praxis die dialogischen Korrektive, die in einer kritisch konstruktiven Auseinandersetzung mit anderen Positionen gewonnen werden können. Einer solchen Auseinandersetzung möchten wir mit der Initiative zu dieser Tagung Raum bieten. Sie eröffnet einen Dialog über die möglichen Funktionen und Chancen der Anthroposophie im Kontext der Hochschulbildung und fragte zugleich nach den Kriterien, an denen die Zukunftsfähigkeit und Weiterentwicklung der Anthroposophie in öffentlichen wissenschaftlichen und künstlerischen Diskursen zu messen ist." Kein einfaches Unterfangen Anthroposophie, Wissenschaft und Zeitgenossenschaft unter einen Hut zu bringen, erwartungsvoll fuhr ich in das etwa 35 km von Bremen entfernt liegenden Ottersberg. Welche Verknüpfungen würden sich zeigen?“

Zum Download des Berichts

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Michael Eggert/ Digitale Grafiken: Das tanzende Tier

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Michael Eggert: Narziss

Wenn ich mir Narziss vorstelle, dann als ein zartes Wesen mit feinen Hörnern, die in der Verlängerung nach innen gedreht sind; er ist auf sich bezogen, immer. Zarte, zum Ende fast verschnörkelt wirkende Augenbrauen, eine feine Nase und ein voller Mund; Narziss ist schön. Er ist der, der mit dem Füllhorn durch den Garten geht und Anstösse gibt, dem Dichter den Reim, dem Maler das passende Farbpendant, dem Bildhauer die eine Kurve in der Silhouette, die den Unterschied ausmacht. Narziss- Lucifer ist großzügig und freigiebig, er ist der Herr der Talente und der kleinen und großen Emporen, auf denen sich Künstler, Politiker, Erfolgsmenschen verwirklichen. Oh ja, Narziss ist die Selbstverwirklichung in dem Sinne, wie er es versteht. Er versteht sie stets als schönes Selbstgefühl, als individuelle Brillanz.

Er ist schön, weil wir unser Selbstbild idealisiert nach außen werfen und Menschen begehren, die wie dieses Ideal wirken. Wir suchen - zunächst- nicht das Ideal der Anderen, sondern unser Bild in ihnen. Das, was immer wir dort, im Anderen, zu sehen glauben, trägt die Natur von Narziss- Lucifer - es ist das, was wir als das Schöne begehren, was aber eigentlich ein Abziehbild unseres Selbstbildes ist. Das sind die Hörner, die nach innen gedreht sind.

Auf Narziss- Lucifer ist Verlass. An unseren Träumen halten wir fest bis zum Schluss. Unsere Illusionen sind das Festeste, was wir kennen, unsere Erinnerungen münden an dieser Küste, hier haben wir ein Heim gebaut, das wir „Ich“ nennen.

Die Abkehr vom schönen Selbstbild ist der Bruch mit allem, was wir haben. Und von ihm, der doch schon bei uns war, als die erste Erinnerung erwachte und blieb und als wir erstmals uns selber Ich nannten. Die blitzende Intelligenz, die sich am eigenen Spiegelbild ergötzt. Das schöne, satte Gefühl, unendlich recht zu haben. Alles, was uns stark macht: Illusionen. Auf ihn ist Verlass, aber eben die Sicherheiten, an die wir nur angelehnt sind, erweisen sich an irgend einem Brennpunkt als schöne Seifenblasen. Das Gewicht, das er gibt, unterliegt nicht der Schwerkraft; es zerstiebt wie Antimon, es ist ein Luftkörper, ein Ariel, der nächtens seine Spuren zieht, mit leichtem Federstrich vor dem Indigo der Nacht. Verschnörkelte Augenbrauen, in die Nacht geschrieben: Das ist er.

Wenn Steiner nun vom luziferischen Denken und vom ahrimanischen Wahrnehmen spricht, was meint er? Im Wahrnehmen erfassende wir den Gegenstand unserer Betrachtung wir nicht kontextuell, nicht prozesshaft und nicht systemisch. Der Baum, den wir sehen, wird von uns katalogisiert, diagnostiziert, identifiziert. Wir gleichen ihn mit unserem Erfahrungs- und Wissenskontext ab, und wir stellen fest: er ist DAS. Aber er lebt in Wahrheit nicht allein, sondern als Glied und Produkt einer konkreten Umgebung und eines Mikrokosmos. Er kann sich z.B. gar nicht ernähren, gar nicht Wurzeln fassen ohne ein komplexes symbiotisches Reich der Pilze, die im Stoffwechsel mit dem Baum und seinen Wurzeln unentwirrbar verwachsen sind. Er zeigt dieses Bild, jetzt, ist aber aus was entstanden, wandelt seine Gestalt und wird zu was werden? Der Baum ist nicht dieses eine, gerade momentan Sichtbare, er hat eine Art Biografie, und die ist er. Er wächst auch nur in dieser Wärmezone, in dieser einmaligen Zusammensetzung der Erde, unter diesem Himmel, mit dieser Sonneneinstrahlung. Ja, in den Wurzeln hat er eine Art Empfinden und Wahrnehmung, er kostet im Bauch des Grundes, er schlürft die Erden und Minerale. Und träumt im Wiegen der Blätter im Wind. Nein, der Baum ist nicht nur das DAS dieses Augenblickes, er ist ein komplexes Lebewesen. Und natürlich ist er ein Heim für bestimmte Tierarten, in diesem Augenblick ein eigener Kosmos. Obwohl wir das und noch mehr wissen, sehen wir aber in unserer Wahrnehmung nur eine platte Oberfläche mit einem Begriff darauf: Eine Rekonstruktion, ein Rudiment.

Der narziss- luciferische Gedanke aber hat ellenlange Augenbrauen, die ihn ans Wünschen fesseln. Im Idealfall ist er brillant formuliert, er trifft den Nerv der Sache und ist gut gesagt, aber nicht unbedingt neu. Weißt du, du spricht, aber du siehst den Prozess dabei nicht, das, was in der Gruppe anstossen wird, die Widerstände, die dieser Gedanke, so vorgetragen, hervor locken wird. Dein Gedanke ist eine Totgeburt. Gedanken sind nicht allein, das scheint nur so zu sein, sie sind in einem inneren Kontext und sie stossen in soziale Prozesse vor. Wenn man systemisch denken könnte, würde man fühlen, wohin die Gruppe will, worin der Prozess sich fruchtbar entfalten könnte, hier, an diesem Ort, heute und morgen. Der Gedanke sollte dem Prozess entspringen, nicht umgekehrt. Um ihn zu fassen, musst du frei von Kalkül, Berechnung und Eigennutz sein. Hier beginnt der Freiheitsbereich, jenseits des Narzissmus.
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Raymond Zoller: Künstlerisch wertvoller Abwasch

abwasch

Das ist nun ein solches Kunstwerk, wie es nicht einmal der Josef Beuys hätte zustandebringen können; und hätte er es noch erlebt, so wäre er vor Neid erblaßt.

Eine hervorragende Komposition! Und dieser halbversunkene Teller, der sich mit letzten Kräften auf die umgekippte Tasse abstützt, und daneben dieser gleichgültig aus dem schmutzigen Glas herausragende Löffel - ein wahres Symbol unserer Zeit!

Man mag fragen, welcher von diesen vielen Löffeln gemeint sein könnte.

Meine Antwort: Ganz egal welcher. Sie alle sind Dreckskerle.
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Michael Eggert: Die falschen Gottheiten

Nein, hier geht es nicht um Religion, um Rechthaberei oder ideologische Abgrenzungen, es geht mir nur um mich selbst. Und um mich selbst auch nur in dem Maß, in dem dies in gewisser Weise „typisch“ ist, in dem Maß, wie Andere sich eventuell darin wieder finden könnten. Die falschen Gottheiten sind die Ziele, denen wir folgen, die nicht infrage zu stellen sind, die wir als unsere persönlichen Maximen verstehen. Sie sind damit unmittelbar mit unserem Selbstkonzept verbunden. Sie in Frage zu stellen, hieße, uns selbst zur Disposition zu stellen. Was bliebe dann von uns übrig? Mein Traum vom Leben, meine Ideale haben sich etwa mit acht Jahren heraus gebildet, ganz unter der Glocke des Elternhauses. Ich glaube, es kostete mich Mühe, meine Eltern zu verstehen, ihnen emotional zu folgen, und ich habe daher die Antennen weiter und weiter ausgebaut, Andere generell „zu verstehen“.

Alice Miller schrieb von diesen frühen Selbstkonzepten in „Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst“: Das Kind, das sich „gebraucht“ fühlt von seinen emotional unsicheren Eltern und damit unter einer „narzisstischen Besetzung“ durch die Eltern leidet, bildet dieses emotionale Sensorium weiter und weiter aus: „Diese Fähigkeit wird ausgebaut und perfektioniert, und diese Kinder werden nicht nur zu Müttern (Vertrauten, Tröstern, Ratgebern, Stützen) ihrer Mütter, sondern übernehmen auch Verantwortung für ihre Geschwister und bilden schließlich ein ganz besonderes Sensorium für unbewusste Signale der Bedürfnisse des Anderen aus. Kein Wunder, wenn sie später oft den Beruf des Psychoanalytikers wählen.“ Nun, Analytiker muss es nicht sein, es gibt ja im familiären Rahmen oder in den zahlreichen sozialen Berufen genügend andere Positionierungen ähnlicher Art. Man kann diese Art von erworbenem Narzissmus auch in Erfolgsstrategien jeglicher Art ummünzen. Man kann es - um zu unserem Thema zu kommen- auch in spiritueller Entwicklung zu verwirklichen suchen. Man muss nur bedenken, dass alle diese emotional- narzisstischen Antriebe absolut sakrosankt sind; es gibt eine ausgebaute Phalanx von Verteidigungsstrategien, die dieses Eine, diese unseren inneren Antriebe, unantastbar machen. Der Spiritualist wird z.B. bestimmte innere Erfahrungen machen, die diese Grundtendenz immer nur bestätigen und weiter überhöhen; womöglich wird sich die ersehnte Bestätigung in Christus- Erfahrungen oder Erleuchtungen einstellen - Erlebnisse, die sich jeder Kritik entziehen und das Sakrosankte auf die Ebene der Unendlichkeit verschieben, gestützt von Evidenz- Erfahrungen.

All das, was auf der körperlichen Ebene, den Emotionen oder in den sozialen Begegnungen dieser Grundlinie, dieser privaten Teleologie widerspricht, wird damit relativiert, dass wir selbst oder (meistens) Andere und „die Verhältnisse“ eben "noch nicht so weit" sind. Womöglich hetzen wir die, denen wir angeblich hilfreich sein wollen, in eine Abhängigkeit von uns hinein, womöglich muten wir uns selbst und Anderen viel zu viel zu, womöglich leben wir an unseren eigenen Bedürfnissen vorbei, womöglich landen wir in Isolation oder massiven inneren Widersprüchen. Es kann zum Drama kommen, wenn wir aufgrund der inneren traumatischen Zwangslage, die wir idealisieren, auf einem dauernden Crash- Kurs gegen uns selbst fahren, der unweigerlich irgendwann zum Zusammenbruch führen muss.

Das „innere Drama“, das uns fast alle in der einen oder anderen Form beherrscht, inszeniert die Persona, die unter der striktesten Selbstkontrolle steht und deren Infragestellung das ganze Kartenhaus des Ego ins Wanken bringt:
„In der Tat können wir die spirituelle Psychologie als Psychologie der Selbsttäuschung bezeichnen, weil das, was wir oft als Funktionen unserer Psyche bezeichnen, in Wirklichkeit eine Lüge ist. Die Frage ist, welche Geschichten wir uns erzählen und aus welchen Lügen wir leben.“ Es sind natürlich weniger aktive „Lügen“, sondern meist selektive Erinnerungen: Die Dinge, die nicht in unser Selbstkonzept passen, werden nicht wahrgenommen oder sofort „vergessen“. Was nicht passt, wird passend gemacht. Die Illusion, die trotz allem, was schief gehen mag, was an uns unangenehm ist und was letztendlich auch karmisch Last auf Last anhäuft, ist die, dass „wir immer noch das Steuer in der Hand haben“ (Ezry Bayda, Zen Herz, S. 44).

Der Praktizierende kommt an den Punkt der Selbstbegegnung. Unser intimster „Hüter der Schwelle“ ist nun einmal das illusorische, zwanghafte Gefühlsleben mitsamt dem, was wir als heilig und unantastbar ansehen. Dabei hilft es keinesfalls, sich einzubilden, dass wir aus der Lage heraus kämen, „wenn wir mit großer Anstrengung praktizieren“ (Bayda). Je größer die Anstrengungen, je verbissener das Streben, je triumphaler die Erkenntnisse, desto mehr entfernen wir uns möglicherweise von der Stille. Die Dinge, die zählen und bestehen, benötigen keine Anstrengung. Im Gegenteil: Jenseits aller Anstrengung kann erst das entspringen, was lebendig ist und nicht aus uns heraus gepresst. Der „Abgrund“ sind unsere neurotischen Verkrampfungen, unsere Verteidigungs- und Angriffsmechanismen. Das „Nichts“, das wir lernen müssen auszuhalten, liegt jenseits unserer emotionalen und intellektuellen Reflexe. Es beginnt dort, wo unser aufgeregtes Hantieren und Geschnatter schweigt. Dort, wo unsere Selbstgewissheiten und Selbstbeschwichtigungen, ja auch die dauernden Selbstvorwürfe an ein erstes Ende kommen.

Bis dahin wird aber einiges an Munition aufgefahren: Erzengel, Christus, Erleuchtung, sagenhafte Erfolge, weltweite Konspirationen- alles, was wir projizieren können, um uns nur nicht dort zu rühren, wo es wirklich weh tut. Auf unseren Illusionen bauen wir ganze Welten auf und scheuen keine Anstrengung. So lange halten uns die falschen Gottheiten fest in ihrem Griff.
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Ruth Bamberg: 23. Juno 2019, Lokale Nachhaltigkeitsstrategie

stadtentwicklung
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Michael Eggert: Heimgekommen

hallhaus

Dieser Ort hat keinen
Längen-, keinen
Breitengrad

Hierhin bist du heimgekommen
Obwohl du dich nicht mal
Bewegst

Hierher kamst du angeschwommen
Eine Hand im Wind und
Eine in den Sternen

Ein Auge unterm laubbedeckten
Boden, Blinzelblicke unterm
Roten Ahornblatt

Vor der Phalanz ungeblühter
Azaleen - dort wo
Der Buddha steht

Der Ort hat dich erreicht und
Füllt dich aus. Hier
Bist du zuhaus.
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Michael Eggert: Grenzland. Kryptische Notizen

Mit dem Weltenbau verwachsen fühlen“- formulierte Rudolf Steiner in seiner „Geheimwissenschaft im Umriss“, was andernorts vielleicht als „Einweihung“ oder „über die Schwelle gehen“ bezeichnet würde. Aber was ist dieser Bau? Er ist gewiss nichts Fertiges, Gewordenes, sonst könnte der innere Mensch damit nicht verwachsen. Er ist kein Gebautes, sondern etwas, was sich dauernd selber schöpft; die kreatürliche Kraft schlechthin. Ihr Wirken ist das, was „Natur“ zur Erscheinung bringt, Kruste von ihrem Saft. Es ist auch „Bewusstsein“ in diesem Bau, sonst könnte er nicht von sich wissen.

Die Schönheit des planetarischen Baus ist unübertroffen und von unserem Verstand nicht zu greifen- wir hecheln da berechnend und kalkulierend hinterher und murmeln etwas von „dunkler Materie“, wenn unser Verständnis erkennbar an Grenzen stößt. Die Erde in ihrer wunderbaren Gleichgewichtslage, beschirmt von Kreisläufen der Winde, der Atmosphäre, des magnetischen Kleides, das so lebendig im Sonnenwind tanzt. Auftrieb und Schwerkraft, Sommer- und Winterseite, der Atmungsprozess des Wassers in all seinen Aggregatzuständen: Das Alles ist dieser „Bau“. Und selbst das sind nur die Außenwände.

Du, der du den Puls der Erde fühlen willst, gehst auf in der Dynamik deines eigenen Lebens. Luftströme, Wasserkreisläufe, Wolken und Licht: Du lebst auf im Elementaren des eigenen biologischen Selbst, in voller Gedankenklarheit. Man kann hier nur selten bestehen. Meist verliert man sich bei dem Versuch, sich schwimmend zu erhalten, an den freundschaftlichen Schlaf. Nein, hier ertrinkt man nicht, man hisst die Segel und folgt den Strömen des Elementaren, man folgt einem Thema, einer Spur, einer Melodie und übt sich im dauernden Improvisieren. Wusstest du, dass das dein Lebenselement ist? Man lebt darin wie in Musik.

Nun aber haben wir die Segel eingezogen und sind an Land gegangen. Der Wetterbericht kündigt schweren Sturm an. Und wirklich, nun rollen ungeheure Wolkenmassen heran, es drückt auf unsere luftige Existenz, es ist ein Wollen auf Wollen; wir spüren, wir sind an der Grenze zur kreatürlichen Kraft. Vielleicht wird ein Gewitter rollen, vielleicht folgen Meteore. Man kann es nicht wissen.

Aber ich weiss, hier ist alles wohl geordnet, gut und klug. Selbst die unvorhersehbarsten Elemente, die Kometen, nähren doch nur, dem Mutterkuchen dieses planetarischen Raums (der Oortschen Wolke) entspringend, ihren Mittelpunkt, die Sonne. Die Sonne ist ein saugendes Geschöpf, das gleichzeitig seine ganze Substanz aus sich heraus gibt und schenkt. Ihr nährender Umkreis liegt außerhalb der Bahnen aller Planeten- selbst der zugezogenen. Sie ist auch nicht dieses Gestirn, sie ist ein Kreislauf, ein lebender Rhythmus.

(So werden sie Mystiker und Adepten früherer Kulte und Kulturen wahrgenommen haben: Nehmend und gebend, zersetzend und aufbauend, ein Wille, der Innen wie Außen sich darlebend sich so lange verschenkt, bis die Zeit erfriert und der weite kosmische Raum mit einer weiteren Umkreisbildung aus Staub und Gasen in ein träumendes Pralaya übergeht- die Stille. Dann wird sich aus dem Sternenstaub, der wir sind, ein neuer Tierkreis bilden. Und es wird sich Neues regen.. es entspringt- eine neue Ordnung. Ein neuer Teig wird in den Ofen geschoben und lange, lange gebacken.)

Bau an Bau, dieselbe Ordnung im Kleinen wie im Großen. Wir stehen an der Tür und bitten nicht um Einlass. Der Tag war lang, wir waren hier zu Besuch, an der Grenze.

Man muss wirklich kein Hellseher sein, um die Reife, Größe, Weisheit dieses Baus zu bewundern. Das Wundern ist der Königsweg der Erkenntnis. Man findet keine Perlen, sondern sich selbst, je weiter der Blick schweifend wird, wenn er denn bestehen kann, im Grenzland, wo der große und der kleine Bau aufeinander stoßen.
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Michael Eggert: Der letzte Kreis der Ordnung

Du kannst einem Demenz- Kranken nicht widersprechen. Im hohen Alter wird das immer schwierig. Denn dein Widerspruch, worauf stösst er? Auf eine Identität, deren Boden zerbröckelt, dessen Ich gebannt in Ticks, Rituale und die strenge Zucht des Tag-für-Tag beschäftigt ist. Du bist der Widerspruch, der sich wie eine Kaltfont vor einem kämpfenden, zersplitternden, wolkig gewordenen Selbstempfinden aufbaut.

Du sollst nicht widersprechen, selbst wenn du recht hast. Die Gewandten, die diese Welt unterjocht haben, so weit sie es vermochten (die Elemente widerstreben noch und reissen immer noch die Kontinentalplatten auseinander) haben immer recht; das ist ihre Zeit, sie tragen die Häupter erhoben in den Wolken und trampeln mit ihren gewichsten Schuhen die Gräser platt. Kraftstrotzende Ungetüme, Weltherrscher, polyglotte Intelligenzen!

Ich war es, wieder einmal. Ich bin ein schlechter Sohn. Ich nahm ihnen stets übel, dass sie mich körperlich groß-, aber geistig gar nicht erzogen hatten. Geistig wuchs ich daran, ihnen in ihrer spießbürgerlichen Penetranz, ihren durchschaubaren Zielen und Wünschen, ihrer Sentimentalität sich selbst gegenüber zu widersprechen. Aber sie hielten mich eigentlich für ein missratenes Wesen. Ich aber nahm vor allem den Widerspruch zur seelischen Kruste, in die ich hinein wuchs wie ein Krebs in einen neuen Panzer.

Nun ist er alt und dement. Letzte Gelegenheit, vom Widersprechen frei zu kommen. Es hat mich all die Jahre begleitet, ein einmal erworbener Panzer. Er erwies sich als so schwer wie getrocknete Krokodilshaut, weißt du. Er hat mich enger und enger gemacht. Ich sehe das, seitdem er dement ist. Man muss sich in Frage stellen, wenn man Dementen begegnet. Man muss seinen Krokodilspanzer ablegen und sich auf die mäandernde Zeit des Alten einstellen. Jede Kratzspur an der Wand hat ihre Geschichte. Schick keine Maler herein, das zu reparieren. Die Katze, die ihre Krallen hier erprobt hat, lebt seit fünfzehn Jahren nicht mehr. Aber das und andere Spuren, selbst die Dinge, die hier unverrückt seit vielen Jahren stehen, bilden den letzten Kreis von Ordnung, der geblieben ist.

Widersprich nicht und verrück die Vase nicht auf dem Fenstersims.
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Ruth Bamberg: 21. August 2011, Jägermeisterstadt

jaegermeisterstadt
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Michael Eggert: Die gezickzackte Spur

Manche Frauen gehen mit einer unsichtbaren Peilung, einer Kraft, die ihrer persönlich körperlichen Mitte entspringt und sie offenbar mit dem flüssigen Eisenkern der Erde verbindet- sie gehen traumwandlerisch, tänzeln womöglich, straucheln sogar, bleiben sich aber fast immer ihrer Kraft bewusst (über die bodenlosen Momente wollen wir jetzt nicht sprechen).

Nein, sie werden nicht notgedrungen schwer, ganz im Gegenteil. Auf der Kraft der Mitte lassen sich Königreiche erbauen, aber auch liebliche, leichte Gestalten, ja sogar flatterhafte Luftschlösser. Hast du gewusst, dass es in der Tiefsee weibliche Fische gibt, deren winzige männliche Partner sich lebenslänglich in sie verbeißen?

Männern geht diese Peilung eher ab. Manche leben durch und für die Partnerinnen, die das ganze soziale Leben für sie arrangieren. Männer, die auf lächerliche Weise Vorstellungen, Gedanken, Ideologien, Erfolg und anderen Gespenstern nachjagen, begeistert in einen idiotischen Krieg ziehen, der sie zermalmen wird, Leichtmatrosen, leicht zu bezaubernde und zu verwirrende Fischlinge, die von dem Gewicht der Erde nichts wissen wollen, obwohl sie ihm unterworfen sind. Hilflos untermeerischen Strömungen ausgeliefert, die sie quer über die Erde tragen, hier und da durch ein Stückchen Erfüllung zeitweilig befriedigt, werden sie magnetisch von neuen Verheißungen angezogen und leben ihr Leben in einer gezickzackten Spur.

Sie, die ich jetzt meine, zog auch eine Spur. Ich habe erst jetzt, über dreißig Jahre später, erfahren, wie viele Männer sie wirklich umschwärmt hatten, damals, als wir unsere gemeinsame Zeit hatten. Es war nicht allein ihre Schönheit, ihre Lebensfreude, ihr Humor, es war diese körperlich spürbare Selbstgewissheit, die den Schwarm anzog. Ihre Spur führte sie einmal quer durch Europa und zurück. Die sehnsüchtigen Männer umgaben sie auf jeder Station. Sie hatte, je nach Land und Situation, einen davon bei sich. Am Ende wählte sie einen aus, der immer auf sie gewartet hatte. Sie gestattete ihm, dass er sich bei ihr niederlassen durfte. Er hat das nie vergessen, er hat den nervösen Blick noch immer, jetzt, mit knapp gewordenen Haaren, in den Fünfzigern, den Blick, der sich umschaut, ob irgend ein Mann in der Nähe ist, der sie begehren könnte. Er bildet es sich nicht ein, er hat ganz recht, sie ist wie immer schön, ein wenig herrisch, herb, aber vor allem unmittelbar. Einmal sah ich die Familie im Herbstwind, sie mit sicheren Schritten vorneweg, er mit den Kindern zwei, drei Schritte hinter ihr. Man sah, sie hatten gestritten.

Ihre Tiefseepeilung. Sie hat mich in einer Menge gesehen, ist gekommen, hat sich zu mir gelehnt. Manche Dinge vergehen nie, manche Dinge sind nicht aus Schaum geboren, nicht aus Sand gebacken. Manche Dinge wurzeln tiefer als dieses eine so oder so gelebte Leben.
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Raymond Zoller: Marsmenschen beim Betrachten eines Hundes

marsmensch
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"Mit dem Weltenbau verwachsen fühlen"

Georg Kühlewind zitierte in seinem raren Büchlein „Der Gral oder Was die Liebe vermag“, als eine „hohe Stufe des Einweihungsweges“ aus Rudolf Steiners „Die Geheimwissenschaft im Umriß“:

„Er (der Adept) fängt an, sich wie mit dem ganzen Weltenbau verwachsen zu fühlen, trotzdem er sich in seiner vollen Selbständigkeit empfindet. Es ist diese Empfindung ein Aufgehen in die ganze Welt, ein Einswerden mit derselben, aber ohne die eigene Wesenheit zu verlieren. Man kann diese Entwicklungsstufe als „Einswerden mit dem Makrokosmos“ bezeichnen. Es ist bedeutsam, dass man dieses Einswerden nicht so zu denken hat, als wenn durch dasselbe das Sonderbewusstsein aufhören und die menschliche Wesenheit in das All ausfließen würde. Es wäre ein solcher Gedanke nur der Ausdruck einer aus ungeschulter Urteilskraft fließenden Meinung.“

Eben diese „ungeschulte Urteilskraft“ ist aber so häufig verbreitet. Das Gebrabbel vom „Überwinden des Ego“ in einer Art Salto mortale ins Nirvana- Glück pflegt eine spezielle Art von Dualismus, in der streng zwischen einem Jetzt und Dann unterschieden wird; die Vorstellung, dass „Weltwerdung“ auch „Selbstwerdung“ sein kann und umgekehrt, erfordert dagegen eine langwierige innere Umkehr, die nur schrittweise und mit einer einhergehenden moralischen Reife erreicht werden kann. Ein ekstatisches „Aus-Sich-Herauskommen“ kann allenfalls ein Zwischenstadium für den Novizen in dieser Disziplin sein; in der rechten, weiten Perspektive kein besonders relevantes Erlebnis, auf das man gar nicht weiter einzugehen braucht. Natürlich ist das Überwinden der inneren Enge der selbstbezüglichen Intelligenz eine glückliche Erfahrung, die an den Rändern gelegentlich aufleuchtet- es ist dies aber kein Ziel einer Entwicklung. Wenn man sich darauf versteift, projiziert man nur sein Selbstgefühl auf eine andere Ebene; Selbstbeglückung hat aber eine zutiefst korrumpierte Innenseite. Von daher wird in diesem Fall das ganze Erleben verzerrt. „Als das Wünschen noch geholfen hat“, gibt es nur im Märchen; real züchtet man das innere Wünschen auf eine geistige Projektionsfläche und erlebt dann eben das im Bilde, was man sich eben ersehnt hat. Ob Engel, Buddhas oder Lichtblitze, bleibt dem Einzelfall überlassen, aber auch der eigenen Tradition und Kultur. Real ist in diesem Fall gar nichts.
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Raymond Zoller: Blick aus dem Fenster

Bar/ Montenegro, 25. 11. 2010

Auf einem Balkon eine im Wind mit den Beinen zappelnde schwarze Hose. Das war vorhin. Jetzt seh ich, wie sie, schon nicht mehr zappelnd, sondern frei den Bewegungen des Windes folgend, sich hoch in die Lüfte erhebt. Wer sie auf den Balkon gehängt hat, muss sich nun eine neue schwarze Hose kaufen.



zoller1
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Michael Eggert: Intime Verhältnisse

Ein warmer Tag, ein langes Wochenende, es ist Oktober, aber die Leute können noch einmal Sommer spielen. Getränkemärkte explodieren, Grillfleisch ist ausverkauft, vor dem Supermarkt ist ein Wimmelbild entstanden. Anarchie auf den Parkplätzen, winzig erscheinende Menschen in ihren monströsen Limousinen und Vans versuchen zu rangieren, aber sehr alt erscheinende Menschen in ihren top gestylten Mini Coopers sind schneller und wendiger. Komm, sagt einer, wir gehen zum Aldi. Es ist weniger ein Geschäft oder Markt, es ist eine Institution, ja es ist fast personalisiert. Man geht zum Aldi wie zu Karin oder Peter. Beim Aldi sagt man zum Abschied nicht Auf Wiedersehen, sondern Schönen Tag noch- das ist zur Grußformel mutiert. Man pflegt mit seiner Kassiererin eine Art intimen Verhältnisses. Das hat keine sexuelle Konnotation, wie man denken könnte, sondern eher ein mütterliches, selbst wenn die Kassiererin viel jünger sein sollte als man selbst; schließlich bezieht man hier die Rohstoffe, die man zum Lebenserhalt braucht. Einige kleine Kinder haben einen Einkaufswagen gekapert, eines hat sich hinein gesetzt, die anderen schieben ihn johlend durch die Gänge. Hier schreitet die Kassiererin, die gerade Regale einräumt, ein, denn die Ordnung muss gewahrt bleiben. Wieder einmal sind Eltern nicht auszumachen, ducken sich womöglich hinter die Palette mit den Bierflaschen oder hinter die Laubstaubsauger. Die institutionalisierten Eltern, die sich ständig weg ducken und nicht zu entdecken sind, sind ein sehr häufiger Anblick. Ich habe nichts gegen Multikulti, sagt einer zu seiner Frau, aber es sollten halt nicht so viele Ausländer dabei sein. Er wirkt sehr ernsthaft und hat einen leicht polnischen Akzent. Die Kleiderordnung ist an diesem Tag doch stark auseinander gegangen, es ist ein warmer Tag im Oktober, die einen haben noch einmal knappe Tops und Shorts heraus geholt, um einen letzten Blick auf ihre in Mallorca gebräunten Schenkel zu erlauben, die anderen gehen streng nach Jahreszeit und tragen Herbstkleidung in gedeckten Farben, schwitzend. Gleich, zuhause, wird der Grill aus der Garage geholt, es gibt noch einmal Rose und leichtes Bier, die Schlange wird sich auflösen, der Parkplatz entwirren, und die riesigen PKWs werden von sich automatisch senkenden Garagentoren verschluckt.
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