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Nov 2015

Elisabeth Kübler-Ross und der tröstende Fremde

"Ein Traum, den ich mehr als einmal träumte" nannte Elisabeth Kübler-Ross ihre persönliche Gottesbegegnung - ein Traum, aber auch eine Begegnung im Sinne einer geistigen Erfahrung. Dass dieser "Traum" besonderen Charakter hatte, liegt eindeutig am Subjekt, das weiss, dass dieses Du, dem sie begegnet, "Jesus" ist, obwohl sie nicht weiss, "warum ich das weiss, aber es ist so." Das "Es ist so" hat in diesem zeitgenössischen Ambiente zwischen Supermärkten und Rinnstein den Charakter unwidersprechlicher Gewissheit - es ist ein erkennendes Amen.

Die Art der Beschreibung klingt wie eine Projektion - als persönliches Imago; es ist nicht wichtig: Die Jeans, die glatte Haut, das Weinen, die Art der Segnung: Die mit den Tränen benetzten Handrücken, die spezifische Sprache. Es ist, auch dies unmittelbar einsichtig für Elisabeth Kübler- Ross, eine Wiederbegegnung - ja mehr: eine Vergewisserung des ewig im Hintergrund präsenten Begleiters, der lediglich vergessen worden ist und immer wieder neu vergessen wird: "..weil ich nicht weiss, wie lange es her ist, seit ich ihn gesehen habe, und sogar jetzt vermisse ich ihn." Wie kann man den Geliebten so vollkommen aus den Augen verlieren, wie kann man vergessen haben, wann man ihn zuletzt sah?

Kübler-Ross ist in der ganzen Situation an einer inneren Grenze- ihr Weinen erscheint auch als seelischer Auflösungszustand, ein Augenblick, in dem die gewohnte Ordnung, der Kontext von einem Tränenstrom fort gespült worden ist. Aber vielleicht weint sie auch, weil das Glück, vom unsichtbaren Begleiter bestätigt und versichert worden zu sein, so erschütternd ist; sie ist angeschaut, und der Gott erkennt sie an: "Du brauchst nicht zu mir zu kommen, damit ich bei dir bin. Ich bin für dich da, wann immer du mich brauchst".

"Ich gehe über einen großen Parkplatz vor einem Einkaufszentrum mit zwanzig oder dreißig Läden. Außer mir ist niemand da. Es ist dunkel und früh am Morgen. Ich höre das Echo jedes meiner Schritte. Es ist kühl.
Ich sehe einen Mann in der Ferne stehen, und in diesem Augenblick befinden wir uns plötzlich für den Bruchteil einer Sekunde auf einer sonnigen Wiese, aber dann kehren wir zurück. So schnell, als wäre das nur in meiner Einbildung. Ich gehe auf ihn zu. Er ist groß. Sein Haar ist blond, die Augen sehr dunkel. Er ist sehr müde. Es ist Jesus. Ich weiß nicht, warum ich das weiß, aber es ist so.

Jetzt stehe ich dicht vor ihm und bleibe stehen. Er trägt Blue Jeans, ohne Hemd. Seine Haut ist sehr glatt. Er sieht sehr traurig aus, als ob er von mir Abschied nehmen wollte, und dann fasst er meine beiden Hände und fängt an zu weinen. Auch ich fange an zu weinen, weil ich nicht weiß, wie lange es her ist, seit ich ihn gesehen habe, und sogar jetzt vermisse ich ihn. Er netzt meine Handrücken mit seinen Tränen, und dann geht er und sagt: „Du brauchst nicht zu mir zu kommen, damit ich bei dir bin. Ich bin für dich da, wann immer du mich brauchst.“

Als ich wieder allein bin, sitze ich auf dem Randstein in dem Einkaufszentrum und weine sehr. Ich bleibe dort, bis die Sonne aufgeht, dann stehe ich auf und gehe langsam fort.
" [1]

[1] Elisabeth Kübler- Ross, Kinder und Tod, Kreuz Verlag, Zürich 1984, S. 151

Hier eine kurze Einführung in eine Dokumentation über die Arbeit von Elisabeth Kübler- Ross mit Sterbenden. Die Dokumentation selbst in in etwa 10- minütigen Teilen bei YouTube zu sehen.
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Die Erinnerung an einen Engel, der in mir denkt


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Natürlich ist das Gedächtnis gestört, dauernd. Erst die Zerstreutheit, dann die üblichen Filter: Passt das Gesehene in eine der mir bekannten Kategorie, oder gehört es zur Kategorie Unkategorisch? Im letzteren Fall ist meine volle Aufmerksamkeit sofort da. Die volle Präsenz tritt dann in den Alltag ein, wenn ein emotionales Alarm- Level erreicht ist. So wäre das ein halb- automatisiertes Leben zwischen Status Quo und diversen Alarm- Zeiten in unserem Leben, wenn wir nicht doch dem, was uns begegnet, interessiert gegenüber treten würden- das Konditionale daran (und damit die Möglichkeit der Entscheidung, aber auch des Scheiterns) zeigt schon, dass dann das Ich direkt engagiert ist. Aber das muss man dann auch tatsächlich tun, denn das Ich ist nun einmal ein rein schaffendes, produktives Wesen. Das, was wir so engagiert - persönlich beteiligt statt nicht passiv reagierend- erfahren, wandert über die Amygdala, und prägt sich tiefer ins Gedächtnis ein. Je mehr Erkenntnis, Anteilnahme, Intelligenz und Empfindung beteiligt sind, desto unmittelbarer- ohne Umwege über selektive Filter, und umfassender und detaillierter wird eine Situation auch erinnert- es entsteht der Schatz eines ganzen individuellen Lebens.

Für den esoterischen Weg (was immer Sie jetzt darunter verstehen) hat Rudolf Steiner erwähnt, dass das Erinnern - er meint das automatisierte Gedächtnis- immer weiter zurück geht. Das bedeutet: Je aktiver ein Mensch geistig wird, desto mehr ziehen sich neuronal gegebene Auto- Mechanismen zurück- zugunsten erhöhter ständiger Präsenz des Ich. Denn erinnert wird nur - so Steiner-, was mit Liebe und Interesse betrachtet wird. Nichts anderes als das bedeutet ja Präsenz des Ich.

Natürlich wird das Gedächtnis in gewisser Hinsicht auch schwächer, wenn man älter wird - gewisse Namen, Daten, Details werden unscharf - ein Problem. Im Gegenzug erlebt sich der Ältere gelegentlich, der Hochbetagte in steigender Dominanz in Inseln eines nicht erinnernden, sondern szenisch exakt nacherlebenden Bewusstseins. Die Intensität des Neu- Erlebens halb oder ganz vergessener oder geschönter Fragmente des eigenen Lebens kann gerade am Beginn schmerzhaft sein, weil emotional besonders herausragende Ereignisse zuerst hoch kommen. Im Erleben ist man szenisch involviert, beobachtet das aber zugleich von außen in absoluter Objektivität. Gegenüber dieser Instanz - dem inneren Leben selbst- fällt jeder Selbstbetrug in sich zusammen- auch wenn er in einer so erlebten Szene peinlicher Weise im schönsten Schwung sein mag. Für den Meditierenden jeder ernsthaften Schule gehören diese Szenen ohnehin zu gewissen Stadien intensiver und kritischer Selbstbetrachtung- eine Art notwendiger Ausarbeitungs- Prozess- allerdings nicht um in die Emphase einer Menschen-, Kultur- oder Selbst- Anklage zu verfallen, sondern als nüchternes Resümee einer gewissen Selbst- Objektivierung, einer gewissen spirituellen Hygiene.

Aber Steiner wäre nicht Steiner, wenn er nicht noch eine ganz andere Begriffsdeutung in Bezug auf das Gedächtnis ins Spiel bringen würde. Er beginnt harmlos mit „Der Zusammenhalt des Gedächtnisses darf nicht zerstört werden.“ Gemeint ist aber, wie er dann erklärt, eine okkulte Deutung, die dann besagt, dass jede Form von Selbstbespiegelung eben diesen „Zusammenhalt“ stört; worum es gehe, sei, dass ein Mensch so ehrlich mit sich sein müsse, sich nur an den eigenen Taten zu messen- und nicht an einer wie auch immer gearteten Hybris:

Mit diesem Zusammenhalt des Gedächtnisses meint man auf dem Gebiet des Okkultismus noch viel mehr als im gewöhnlichen Leben. Im gewöhnlichen Leben versteht man mit diesem Gedächtnis eigentlich nur, daß man zurückblicken kann und wichtige Ereignisse seines Lebens nicht gerade aus dem Bewusstsein verloren hat.
Im Okkultismus meint man unter richtigem Gedächtnis auch noch, daß der Mensch mit seiner Empfindung, mit seinem Gefühl nur auf das etwas gibt, was er schon in der Vergangenheit geleistet hat, so daß sich der Mensch keinen anderen Wert beimißt als den Wert, den ihm die Taten seiner Vergangenheit geben
.“ (GA 136, 40)

In Bezug auf intensive meditative Erfahrungen auf der Ebene des zeitlosen Bewusstseins stellt sich die Frage nach der Verbindung mit dem Alltagsdenken, oder, anders gesagt: Wie viel können wir später von solch intensiven Erfahrungen, in die wir restlos „ausgegossen“ - hingegeben - sind, überhaupt erinnern?

Schon in Rudolf Steiners Mysteriendrama Die Pforte der Einweihung heißt es über die Figur Theodora: „Wenn sie in jenen Zustand fällt, ermangelt sie fast ganz der Gabe der Erinnerung.“ Das geht keinesfalls nur Theodora so. Es geht, wie Steiner in „Okkultes Sehen und okkultes Hören“ (GA 156, S. 54ff) ausführt, vielmehr jedem so, der „wie in das Nichts hinein schwimmend, in den allgemeinen Kosmos unter (taucht)“. Dieser „voll bewusste“ Zustand der meditativen Zeitlosigkeit hat in vieler Hinsicht (bis eben auf die Tatsache der vollen Bewusstheit) Ähnlichkeit mit dem Schlaf; und auch der Zustand „danach“ wirkt wie ein Aufwachen, bei dem man empfindet: „Das war nicht ein Schlaf, in dem jetzt warst. (..) Da ist etwas geschehen in der Zwischenzeit“. Man erlebt diese Erfahrungen aus der Zwischenzeit im Nachhinein so: „Es ist wie eine Erinnerung. Man erinnert sich an etwas, das man nicht mit dem gewöhnlichen Selbst durchgemacht hat, das man aber so erlebt hat, dass man aus dem gewöhnlichen Selbst heraus gehoben war.“ Das, was man da meditativ bewusst, d.h. also „denkend erlebt“ (Steiner) hat, ist in Steiners Augen das Erleben des Denkens des Engels in einem selbst: „Du kannst dich nur nachher erinnern, was dieses Wesen, dieses Angeloswesen, in dir gedacht hat."

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Tage der langen Schatten

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