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Nov 2012

Abschied von Kreuzfahrtschiff Anthroposophie zu Ansgar Martins "Rassismus und Geschichtsmetaphysik. Esoterischer Darwinismus und Freiheitsphilosophie bei Rudolf Steiner"

Der viel zu früh verstorbene amerikanische Romancier David Foster Wallace hat in "Schrecklich amüsant- aber in Zukunft ohne mich" seine persönlichen Schrecken auf einer eine Woche währenden Luxuskreuzfahrt in der Karibik beschrieben. Er ist als Stranger in a strange land inmitten einer Gesellschaft auf hoher See gelandet, der er nicht entfliehen, deren Verhaltenskodex er aus Unkenntnis, Verweigerung und Verstörtheit er aber auch nicht entsprechen kann. Das beginnt beim Ententanz-Kurs für 500 erwachsene Männer und endet keinesfalls bei eleganten Dinners. Eigentlich ist schon die Grundfrage, warum er sich freiwillig auf eine solche Unternehmung einlassen hat, nicht einsichtig, wenn jeder ihm erklärt, diese Zeit an Bord werde benötigt als "wohlverdiente und längst überfällige Belohnung für irgendwelche Belastungen der vergangenen Wochen/Monate/Jahre oder aber als letzte Chance zum Aufladen irgendwelcher psychovegetativer Batterien oder gar beides zusammen." (S. 45)

Während Wallaces Buch zu einem urkomischen Bericht zwischen inkompatiblen Lebensentwürfen wird, positioniert sich Ansgar Martins - durchaus ernsthaft und ironiefrei, aber auch als Stranger in a strange land - als Betrachter einer Anthroposophischen Gesellschaft, die ihren Kapitän Rudolf Steiner auch 100 Jahre nach dessen Wirken als sakrosankt und unfehlbar ansehen möchte, ungeachtet der zahllosen, Jahrzehnte andauernden Diskussionen etwa über dessen rassistische Bemerkungen. Martins geht das Kreuzfahrtschiff einmal der Länge nach ab - entlang der Entwicklungs- und Deutungsphasen ihres Kapitäns- und entfaltet dabei seine These, dass die "gewissen Stellen" im Werk Steiners keine einzelnen populistischen Entgleisungen gewesen sein können, sondern mit einer sich wandelnden, aber doch zentralen Teleologie im Werk Steiners zusammen hängen- der Weiter- und Höherentwicklung des Individuums im Sinne eines "esoterischen Darwinismus".

Martins berichtet zunächst den Forschungsstand in Bezug auf rassentheoretische Aussagen Rudolf Steiners, d.h. Rassismus „aufgrund der Abwertung von Rassen und Völkern und der Überhöhung der weißen Rasse, namentlich der Deutschen". Dabei spielen der hier zitierte Zander und der amerikanische Historiker Staudenmaier eine zentrale Rolle. Auch Staudenmaier vereinfacht die Rolle der Rezeption Steiners im Nationalsozialismus nicht- es habe sowohl „folgenschwere Feindschaft", „Distanz und Resonanz" gegeben „und eine vereinfachende Deutung verkennt leicht die Spannungen zwischen beiden Polen".
Ähnlich differenziert geht Martins in seinem Buch vor.

So greift er auf die Biografie Steiners zurück, vor allem auf „seine intellektuelle Sozialisation im Vielvölkerstaat Habsburg" (S. 22). Während des Studiums bezeichnete sich Steiner in seinem Selbstbild selbst als Teil „der deutsch- nationalen Bewegung" und sah für die Deutschen eine „“geistige" Aufgabe und „Kulturmission"" (GA 30, 1884, Martins S. 24).
Als Redakteur der Deutschen Wochenschrift (1888) häufte Steiner „offenherzig Stereotyp um Stereotyp" (S. 25) an und schrieb vom Deutschen als „von sittlichem Hochsinn" durchtränkt, während er den Franzosen mit ihrer „Frivolität" und „Liberalität" nichts als „klügelnde(n) Verstand" unterstellte. In einer Rezension entglitten Steiner trotz seiner Ablehnung des Antisemitismus und jedes „Rassenkampfes" dennoch Äußerungen wie die, „Das Judentum als solches" habe „keine Berechtigung innerhalb des modernen Völkerlebens". (S. 28) Die peinlichen Belehrungen des jüdischen Hausherrn Ladislaus Spechts durch den jungen Steiner, der im Haus ein und aus ging, hat Steiner in seiner Autobiografie ganz unbefangen wiedergegeben: „Aber es war bei dem Hausherrn, dem ich sehr zugetan war, eine gewisse Empfindlichkeit vorhanden gegen alle Äußerungen, die von einem Nicht-Juden über Juden getan wurden (S. 29)“. Was nur zu verständlich war.


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Michael Eggert: Die determinierenden Schattenwürfe des Karma

Den Exoten und exzentrischen Querdenkern, die sich mit Fragen beschäftigen, wo eigentlich diese spirituell Hochbegabten und auch die reinkarnierten Steinerschüler stecken? Wir torkeln hier von Krise zu Krise, und was tragt ihr bitte zu neuen Impulsen bei? Die totale politische Nichtgestaltung und Ideenlosigkeit ist ja heute geradezu Programm. Schatz, wir haben die Ideen geschrumpft, aber dafür auch den Extremisten, Fanatikern und Ideologen das verwaiste Feld überlassen.

Ich denke, dass es heute so viele Formen gibt, in denen man steckt und wirkt. Ich denke auch daran, dass es ja auch - um etwas heraus zu greifen- eine Krise der menschlichen Körper gibt, selbst wenn gewisse gesellschaftliche Schichten statistisch gesehen heute älter werden denn je. Reiche sind auch weit weniger bedroht durch aktuelle Einflüsse wie die von Umweltgiften, Radioaktivität, dem aggressiven Destabilisieren der sinnlich- existentiellen Ebene durch Geruchs- und Geschmacksstoffe (und eine verzuckerte Ernährungsindustrie ohne jede Moral auch den Tieren gegenüber).

Es gibt auch eine genetische Querebene. Einerseits die Geschichten, die man hört, wenn einer der Freunde die Familienchronik bis 1500 liest und voll sentimentalen Entsetzens berichtet. Was für entsetzlichen Personen man da entstammt, wenn man es denn weiß. Aber auch die jüngst Vorangegangenen können hier und da und bei Leuten, die eben damit geschlagen sind, einen soziopathischen Einschlag nicht verhehlen. Und ja, dem, der in sich selbst schaut, kann nicht wirklich verborgen bleiben, was man da potentiell mit sich herum trägt. Das Blut hat vielleicht kein Gedächtnis, aber die Genetik schon.

Mit diesen Dingen schlägt man sich herum, und das eigene Karma ist zunächst der Schutz davor, das tatsächlich wahrzunehmen. Das eigene Karma ist die Brille, die Blindheit, mit der wir geschlagen sind, vielleicht auch die innere Unaufrichtigkeit, in der wir mit uns umgehen und die auch unsere Wahrnehmung Anderer beeinflusst. Die partielle Amnesie, der Wucht der ungesteuerten Antriebe in sich zu begegnen. Unser Schicksal ist ja auch, die wüste Inkarnationsbude, in der wir uns eventuell wieder finden, aufzuräumen. An der Zimmertür hängt ein Schild, Heute leider geschlossen. Mieter und Besitzer sind reichlich beschäftigt.

Aber natürlich ist der Mensch immer findig gewesen. Er findet Mittel und Wege, technische Medien, Begegnungsstätten, Suchbewegungen. Er lebt eher auf, wenn die Lebensläufe, Biografien, inneren Befindlichkeiten Risse, Dellen und Auswüchse aufweisen. Wenn die Ehen Ruinen gleichen und die beruflichen Werdegänge ständig ins Prekäre driften. Wir müssen uns heute immer neu erfinden. Die Rollen, in denen wir auf verschiedenen Ebenen jonglieren, können widersprüchlich, die Projekte, in denen wir aufleben, terminiert sein. Wir selbst können im Lärm unserer biografischen und zeitgeschichtlichen Kalamitäten auf all das schauen, innehalten und uns unserer selbst - als dem etwas ratlosen Macher der Inszenierung- bewusst werden. Der reine, ungetrübte Blick, kann sich umkehren auf das Blickende. Das Schaffende in uns. Dann weitet sich der Blick und macht sich auf zu den Müttern.

So lautet das karmische Paradox: Je mehr wir spirituell erwachen, uns emanzipieren, das Denken ins Leben führen, die Stille kennen und im inneren Frieden ruhen, das reine Sein erfahren, in den Herzkräften mitgehen- desto mehr erkennen wir die Konturen der sich auftürmenden Hindernisse, Widerspenstigkeiten, Vergangenheitselemente, seelischen Geformtheiten, die in sich eben nichts sind als „Karma“. Karma ist unsere persönliche Säuglingsstation. Damit bleiben wir brav in unserer Spur, aber als passive, uninspirierte Reaktions- Denkmaschinen. Als Gefühlsmuster- Aussender. Als Impuls- Infantile. Auf den Händen des Karma werden wir getragen und dürfen uns in Selbstgefühlen wiegen.

Übrigens ist die Art, Karma so zu begreifen, als gäbe es da lediglich trans- personale Verbindungen, eine Art sinnloses Name-dropping. Man macht sich damit nur interessant, kommt aber an die eigentliche Problematik nicht heran. Es mag ein Nebeneffekt sein, solche Verbindungen irgendwann - in der fortschreitenden Befreiung des Geistes- zu erkennen. Wichtig ist aber doch, die Determinierung als solche nicht nur zu erkennen, sondern sich wirksam zu emanzipieren und so in der Welt zu stehen, dass man Thomas von Aquins Erkenntnis- Anforderung „Das Wirklichsein der Dinge ist selbst ihr Licht“ (Kommentar zu Liber de causis 1,6) realisieren kann. Das Wirklichsein der Dinge erkennt man erst, wenn man selbst „wirklich“ geworden ist- und damit die determinierenden Schattenwürfe des Karma überwunden hat.
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Michael Eggert: Der Weg zu den Müttern

zeichnung
Manchmal belässt man es einfach dabei, dass man es erwähnt, beim einen oder anderen Namen nennt oder dies zumindest versucht.
Denn es ist schwer, Worte für das zu finden, was ein unterirdischer Strom ist, ein scheinbar weit entferntes emotionales Leben, das vielleicht durch ein zauberisches Naturreich huschen möge, aber nicht durch mein eigenes Empfinden. Etwas, was weit jenseits dessen beheimatet zu sein scheint, was man willentlich einfach veranlassen könnte. Katholisch geprägte Gemüter mögen es kennen, und es irgendwie jenseitig umkleiden. Die Verzückten und die Bußprediger folgten dieser Spur auf ihre Art, simplifizierten und kolorierten es. Die ersten Hippies in Goa beriefen sich darauf. Die meisten Menschen waren ihm sicher schon ein paar Mal im Leben, in besonderen Situationen, nah. Mancher bucht es ab unter den besonderen Momenten, geht aber der Spur nicht weiter nach. Dort, wo das fokussierte Selbst diesem Strom von warmer, vorfrühlingshafter emotionaler Kraft begegnet, geht er in ihm auf und mit. Es liegt nichts Fremdes darin.

Substantiell besteht es aus derselben Kraft, der unser Leib und Denken, ja alles Geschaffene entspringt. Eine Art schaffende Lebensfreude. Wenn wir darin einsteigen, wenn wir uns davon tragen lassen, gehen wir darin auf und finden uns zugleich selbst. Es gibt dort keine Differenz, nichts, was heraus fällt: Hier hält alles unentwegt zusammen und fällt zugleich doch in dem Sinne auseinander- ein wirbelnder warmer, lieblicher, ja frommer Strom, dass es immer transparent und bewusst bleibt. Es ist nährend und erhellend zugleich; vielleicht der Weg zu den Müttern:

"Versinke denn! Ich könnt' auch sagen: steige!
's einerlei. Entfliehe dem Entstandnen
In der Gebilde losgebundne Reiche!"
(Goethe, Faust)

Freilich, die Spur verweht leicht, wir finden uns schnell wieder auf den Gestaden der abgetrennten Einzelobjekte, der Begriffszuordnungen, der Pest der wild wuchernden assoziativen Verbindungen, der Selbstfühligkeit des separierten Individuums. Das Kasperletheater des normativ Irrealen.

Kein Danach und davor.
Kein Hier und Dort.
Kein Ich und Es.

Auf dem Weg zu den Müttern spielt die Musik auf, und wir klingen mit: „..so ist das erkennende Fühlen eine Gelegenheit der Welt, der inneren und äußeren, in der eben der Dualismus, auch der von Außen und Innen, aufgehoben ist. Das , das die sichtbare Welt als eine Offenbarung der unsichtbaren ausstrahlt, wird durch mein Fühlen erfasst. Wie im Gespräch beim Zuhören der Rede des anderen mein Denken ausgelöscht und an seine Stelle das Denken des anderen gesetzt werden muss -sein Denken wird mein Denken-, damit ich es verstehe, so wird im (Hinaus-) Fühlen das mir entgegen kommende mein Fühlen. (…) Die ganze Welt offenbart sich vollständig." (Kühlewind, Die Belehrung der Sinne, Stuttgart 1990, S. 28)

Der Weg zu den Müttern, zu den schaffenden Kräften, der reinen, hellen Kraft, führt über das "erkennende Fühlen", das so oft und so oft falsch beschworene "Herzdenken". Man kann es nicht einfach anstreben, wollen, beschwören. Man kann in der konzentrierten Absichtslosigkeit warten, ob es entspringen möge. Beim ersten Wind, der das Boot zu den Müttern führen kann, gilt es, die Segel zu setzen und dem Wind zu folgen. Trage mich, mein Boot, trage mich!

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