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Nov 2011

Auf den Busch des Zeitgeists geklopft

Klopfen wir doch einmal auf den Busch, legen wir das Ohr auf den breiten gurgelnden Bauch des Zeitgeistes und lauschen wir. Wir nutzen dazu „ngrams“ , eine sehr spezielle Suchmaschine des Google- Konzerns. Google ist ja vor einigen Jahren dazu übergegangen, weltweit und in der vollen Breite, die die Bibliotheken bieten können, Bücher zu digitalisieren. Der Scan- Vorgang ist bereits weit voran geschritten- so weit, dass diese Bücher in ihrer Masse im Internet verfügbar sind oder aber doch zumindest analysiert werden können. Es liegt daher nahe, diese Büchermengen aus inzwischen mehreren Jahrhunderten dahin gehend zu untersuchen, in wie weit bestimmte Begriffe in ihnen vorkommen. Man kann daraus schließen, welche Relevanz ein Begriff zu welchen Zeiten hat oder hatte. Denn eines ist ganz klar, wenn man damit anfängt: Auch Begriffe haben ihre Blüte- und Untergangszeiten. Manche stellen lediglich ein Hype dar, verschwinden also nach einigen Jahren wieder nahezu vollständig aus der öffentlichen Wahrnehmung- nicht selten nach kurzer, aber heftiger Karriere.

authentizi

Ein Beispiel für einen solchen Begriff mit kurzer, aber heftiger Halbwertzeit ist „Authentizität“ . Nach einer kurzen kleinen Blüte zu Rudolf Steiners Lebzeiten ist das Bedürfnis nach „Lebendigkeit“ und personeller „Echtheit“ eines vorgetragenen Sachverhalts 1970 geradezu explodiert, stürzte aber zwanzig Jahre später auch genauso drastisch wieder ab.

glauben

Dagegen befinden sich andere Begriffe in einer sich über viele Jahrzehnte stetig steigenden Agonie; sie werden quasi vom Zeitgeist allmählich ausgeschieden. Es wird nicht verwundern, dass man solche Begriffe im Umfeld des Religiösen findet. Nehmen wir als Beispiel für einen solchen sterbenden Begriff den des „Glaubens “.

depression

Es wird uns nach den bisherigen Ausführungen nicht wundern, dass der Begriff, mit dem wir unsere Ausführungen im Beitrag „Der autonome Zeitgenosse im Spannungsfeld von Initialive, Konflikt und Ausgebranntsein“ begannen - nämlich der der „Depression“ dagegen einen gegenüber dem „Glauben“ gegensätzlichen, weil scheinbar unaufhaltsam Trend markiert, die „Depression“ ist ein Begriff, der Karriere macht, aber nicht im Sinne eines kurzen Frühlings, sondern kontinuierlich.

sozial
Sozial“ bei Ngrams

Ein ähnliches Bild zeigt sich auch - somit unsere Thesen von der Zeitgeistigkeit bestätigend- beim Begriff des „Sozialen“ , der seinen Aufstieg mit einer Unterbrechung während des 2. Weltkrieges seit 1880 feiert, mit absoluten Höhepunkten um die Jahrtausendwende.

flexinili
Flexibilität“, das Zauberwort der letzten 20 Jahre

Natürlich ist bei diesen Betrachtungen die Mehrdeutigkeit von Begriffen ebenso wenig berücksichtigt wie die Quantität; zudem betrachten wir sie nur im deutschen Sprachraum. Was wir daher sehen, sind lediglich Trends. Aber auch bei weiteren Untersuchungen mit ähnlichen Begriffen bestätigen sich unsere Grundannahmen: Die Individualisierung - auch im Sinne des Authentischseins- ist heute eine selbstverständliche Konstante, die nicht mehr besonders hinterfragt wird. Das individualisierte Selbst befindet sich konfrontiert mit den Anforderungen eines sich dauernd wandelnden sozialen Umfeldes, in dem es sich zu bewähren hat. Fragen der Schuld belasten kaum, wohl die der Erfüllung inmitten eines gesellschaftlichen Kontextes, das keine moralischen und religiösen Normen mehr kennt. Anstelle dieser Normierung entstehen aber neue Anforderungen beruflicher, familiärer und sozialer Art, die eine Stabilität inmitten einer stetig wachsenden Flexibilisierung erfordern.
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Ludwig Wittgenstein: "Gut sterben"

„Lass mich dieses gestehen: Nach einem für mich schweren Tag kniete ich heute beim Abendessen & betete & sagte plötzlich kniend & in die Höhe blickend: „Es ist niemand hier.“ Dabei wurde mir wohl zu Mute als wäre ich in etwas Wichtigem aufgeklärt worden.
Was es aber eigentlich bedeutet, das weiss ich noch nicht. Ich fühle mich leichter. Aber das heisst nicht etwa: ich sei früher in einem Irrtum gewesen. (…)

Denn ich sagte ja auch dieses Wort nicht als ich gerade wollte, sondern es kam. Und wie es kam so kann etwas anderes kommen. - „Lebe so, dass du gut sterben kannst!“

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Ludwig Wittgenstein, Denkbewegungen Tagebücher 1930-1932 1936-1937, Frankfurt 1999, S. 84
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Die Egoisten: Ich bin ein Berliner

Bei einem Blick in die Nutzer- Statistiken dieser Webseite zeigt sich, dass zwar Besucher aus aller Welt auf dieses Blog zugreifen, vor allem aber solche aus dem deutschsprachigen Raum (das ist keine Überraschung), und dort mit Abstand solche aus der Hauptstadt Berlin. Von dort stammen fast 8% aller Besucher, was vielleicht ein Hinweis darauf ist, dass selbständige und in den Formulierungen offenherzige Blogs vor allem in den Metropolen, nicht aber in der Provinz gut ankommen.
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Hier nun die „Hitparade“ der egoistischen Städte: 1. Berlin, 2. Stuttgart, 3. München, 4. Wien, 5. Hamburg, 6. Zürich, 7. Frankfurt, 8. Kiel, 9. Hannover, 10. Mannheim, 11. Köln, 12. Duisburg, 13. Dortmund, 14. Nürnberg, 15. Bochum, 16. Essen, 17. Düsseldorf, 18. Rostock, 19. Basel, 20. Freiburg im Breisgau, 21. Bonn, 22. Dresden, 23. Bern, 24. Karlsruhe, 25. Schwerin.
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Der autonome Zeitgenosse im Spannungsfeld von Initiative, Konflikt und Ausgebranntsein

Die grassierende Diagnose von Burnout und Depressionen wirft die Frage auf, ob die westlichen Kulturen viele ihrer Bürger in einer permanenten Überforderungssituation an innere Grenzen treibt oder welche Umstände sich eventuell grundlegend geändert haben könnten. Alain Ehrenberg, ein französischer Soziologe, ruft in seinem Buch „Das erschöpfte Selbst “(1) u.a. auch diese Frage auf: „Die Depression ist eine Krankheit, die sich außerordentlich für das Verständnis der zeitgenössischen Individualität eignet, das heißt der neuen Dilemmata, in denen sie steckt. In der Psychiatrie hat die Depression die Rolle eines vagen Sammelbegriffs, und das aus gutem Grund: Die Psychiater können sie nach wie vor nicht definieren. Daher kann der Begriff sehr flexibel verwendet werden.“ (2)

Die Krankheit erweist sich zu weiten Teilen daher auch als so schwer greifbar, weil sie die Schattenseite spezifischer neuer Anforderungen an das Individuum darstellt - eines Individuums, dessen gelungene Individuation heute in allen möglichen Rollen - beruflich, medial, privat- vorausgesetzt wird und dessen neue Norm vor allem darin besteht, sich flexibel an sich ständig und schnell wandelnde Umstände anzupassen. Diese Anpassung wird nicht nur in passivem Sinne verstanden, sondern so, dass diese einer persönlichen Initiative entspringen soll; neue Rollen, Aufgaben, Definitionen müssen erkannt und ausgefüllt werden, nicht nur erfüllt: „Die Karriere der Depression beginnt in dem Augenblick, in dem das disziplinarische Modell der Verhaltenssteuerung, das autoritär und verbietend den sozialen Klassen und den beiden Geschlechtern ihre Rolle zuwies, zugunsten einer Norm aufgegeben wird, die jeden zu persönlicher Initiative auffordert: ihn dazu verpflichtet, er selbst zu werden. Die Konsequenz dieser neuen Norm ist, dass die Verantwortung für unser Leben nicht nur in uns selbst liegt, sondern auch im kollektiven Zwischenmenschlichen.“ Die Depression wird so zu einer „Krankheit der Verantwortlichkeit“. (3) Der Depressive kann mit dem Tempo und dem Druck ständiger Wandelbarkeit, Verantwortlichkeit und Initiative nicht mehr mithalten, „er ist erschöpft von der Anstrengung, er selbst werden zu müssen.“ (4)

Dieses „Selbst-Sein“ hat aber wenig mit dem zu tun, was man noch im letzten Jahrhundert als „Persönlichkeit“ verstanden hat- eine in sich „gefestigte“ seelisch- geistige Formation. Aus der Sicht des den alten autoritären Normen folgenden Individuums ergibt sich heute ein nicht unerheblicher möglicher „Orientierungsverlust“, eine galoppierende „Privatisierung der Existenz“, ein „Niedergang des öffentlichen Lebens“ und nicht selten auch berufliche und soziale Isolation. In den Zeiten des „Massenindividualismus“ (sic!), in der Grenzen der persönlichen und nationalen Identität zerbrechen (oder überwunden werden), setzt auch, frei geworden aus dem „disziplinierenden Kerker der alten Gesellschaftsordnung“, eine neue Suchbewegung des Individuums ein, ein allgemeiner Hunger nach Sinnstiftung, der weniger religiös- normativ, sondern mehr aktiv- spirituell erfüllt werden soll- passend zu den allgemein geltenden neuen Normen, die in einer Individuation durch permanente Initiative bestehen: „Das Recht, sich sein Leben zu wählen, und der Auftrag, man selbst zu werden, verorten das Individuum in einer ständigen Bewegung. Damit stellt sich das Problem der regulierenden Grenzen zur Aufrechterhaltung der inneren Ordnung anders: Die Grenze zwischen dem Erlaubten und dem Verbotenen schwindet zugunsten der Spannung zwischen dem Möglichen und dem Unmöglichen.“ (5)

Der starre Kanon dessen, was man als „moralisch“, als integer und „reif“ ansieht, hat sich zugunsten der Entscheidungsfreude und Anpassungsfähigkeit in sozialen Kontexten gewandelt: „Die Person wird nicht länger durch eine äußere Ordnung (..) bewegt, sie muss sich auf ihre inneren Antriebe stützen, auf ihre geistigen Fähigkeiten zurückgreifen. (..) Das ideale Individuum wird nicht mehr an seiner Gefügigkeit gemessen, sondern an seiner Initiative.“ (6)

Depression oder - als eine Sonderform- Burnout sind in diesem Sinne nicht mehr „schuldhaft“ im Sinne der Verletzung von Konformismen im Denken und Handeln, sondern sie sind eher eine „Krankheit der Unzulänglichkeit“: Die Person ist in ihren eigenen Konformismen gefangen. Sie kann sich in dem Spannungsfeld zwischen den Anforderungen einer globalisierten Massengesellschaft und der Zumutung, auch im Älterwerden permanent initiativer Souverän zu sein, nicht mehr flexibel und anpassungsfähig zeigen; sie verholzt in einer abgegrenzten Selbstbezüglichkeit. In diesem Spannungsfeld zwischen Individualismus und Gesellschaftswesen gibt es keinen gegebenen Sinn mehr - diesen muss der moderne Souverän inmitten der Widersprüche selbst erschaffen-; wir „werden weder von einer Religion geführt, noch unterstehen wir einem Souverän, der für alle entscheidet.“ Es bleibt nicht aus, dass die Widersprüche, in denen wir uns bewegen, dass die Vielzahl von Rollen, die wir übernehmen müssen und die Selbstinszenierungen, die von uns abverlangt werden, nicht nur nicht ohne Konflikte, sondern eben gerade durch die Bewältigung von Konflikten erst aufgelöst werden können. Auf ein wie auch immer geartetes „Inneres“ im Sinne einer Seelenlandschaft kommt es weniger an, sondern auf die Konfliktfähigkeit, die Belastbarkeit und Lernfähigkeit, um jeweils „akzeptable Kompromisse“ (S. 21) aushandeln zu können. In diesem Sinne ist der „psychische Konflikt“ nicht mehr ein Tabu, sondern im Gegenteil „die Bedingung der Selbstbegründung, die die moderne Individualität auszeichnet“ (ebenda).

Der „Verstandessseelenmensch“, der sich durch Lebensklugheit, Persönlichkeit und gesunden rationalen Egoismus auszeichnet, hat schon im 20. Jahrhundert ein Waterloo nach dem anderen erlebt- die tatsächlichen politischen, wirtschaftlichen und moralischen Exzesse haben ihm den Boden unter den Füßen entzogen. Die Vernunft bestand zuletzt zumindest auch in einem Gleichgewicht des Schreckens, in einer atomaren erstarrten Dauerbedrohung, in Systemen der Massenvernichtung und in einer Krise der Ideologien, die sich selbst durch Extreme des Inhumanismus jede Legitimation entzogen. Die großen traditionellen Religionen konnten durch moralisierende Normen die Krise des Individuums, das sein eigener Souverän sein muss, nicht mehr erreichen- außer als Rückzugsort. Die „innere Unsicherheit“ dieses von eben diesen Normen befreiten Individuums erfordert neue Antworten, denn starre Normen behindern eher ein Individuum, bei dem „die persönliche Initiative zum Maß der Person“ (S. 24) geworden ist.

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1 Alain Ehrenberg, Das erschöpfte Selbst. Depression und Gesellschaft in der Gegenwart. Frankfurt 2008
2 Ehrenberg, S. 14
3 Ehrenberg, S. 14 ff
4 Ehrenberg, S. 15
5 Ehrenberg, S. 19
6 Ehrenberg, S. 19

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Michael Eggert: Verdautwerden

Es ist nicht so, dass wir schwer würden mit den Jahren- vielleicht an Gewicht, vielleicht an Schuld, das ja. Ich denke nicht, dass wir wirklich schwerer werden, aber etwas ändert sich doch.
Ich denke, das ist das Gewicht derer, mit denen wir verbunden waren und die nun schon vor uns verstorben sind- eine Kette, die länger und länger wird. Manche blitzen manchmal, in bestimmten Situationen, vor dem inneren Auge auf, einen Wimpernschlag lang, dann aber, als wären sie direkt bei uns. Es ist nicht eine bestimmte Situation, nicht eine bstimmte Gebärde oder ein mimischer Zug, nicht der Blick, dieser spezifische und einzigartige, nicht das Lächeln und nicht die Falten, nicht das Seelenvolle in allem- nein, es ist die Essenz von all dem, die unmittelbare Nähe, das entspringende Bild, das so frisch ist, dass es nicht aus den Erinnerungen stammt. Es ist eine situative Vergegenwärtigung.

Vielleicht haben sie nicht Gewicht, so wenig wie ich, aber sie bilden etwas wie einen Schweif, der auf meiner Kometenbahn länger und leuchtender wird. Am Ende wird er den halben Himmel bedecken. Am Ende werden wir von der Sonne verschluckt und gehen ein in das Reich devachanischer Verdauungsvorgänge.

Es ist nicht so, dass wir schwer würden mit den Jahren, aber wir sehen zunehmend dem Verdautwerden entgegen.
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Raymond Zoller: Bar, reka Željeznica - Железница

(irgendwann früher die Grenze zwischen Österreich-Ungarn und der Türkei:)

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Ich hab nun mal bei Flickr ein Set zusammengestellt mit Fotos von der Mündung eines Flüsschens (heute eher ein Bach), der zu früheren Zeiten über eine längere Strecke die Grenze bildete zwischen Österreich-Ungarn und dem osmanischen Reich. Von meiner Wohnung bis zu der Stelle, wo jener einstige Grenzfluss in die Adria mündet, dürfte es zu Fuß nicht ganz eine Viertelstunde sein). Ich selbst leb auf einstigem osmanischem Gebiet; mein Kollege Wladimir – der Direktor des Außenseiterzentrums – in den Bergen im einstigen Österreich-Ungarn. Und auch unser Zentrum steht in der einstigen Türkei. Eines der Fotos ist von den Bergen aus geknipst (nicht weit von Wladimirs Haus); die Mündung besagten Gewässers hab ich gekennzeichnet. Ein Klick hier führt zu den Bildern..
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Einen Tempel in sich errichten

„Sich richtig hineinversetzen in ein solches ideelles Geschehen, die Meditation zu etwas machen, was man nicht bloß denkt, fühlt oder will, sondern was einen

umwebt und
umschwebt und
umschwirrt und
umströmt und
umstrahlt

und was aus dem

Umschwirren und
Umschweben und
Umströmen und
Umstrahlen

wiederum zurücktritt in das Leben des Herzens und im Herzen

strömend,
webend,
strebend,
strahlend


vibriert, so dass wir uns fühlen hinein verwoben in das Weben und Leben der Welt, dass unser Meditieren ist etwas, was für unsere Empfindung nicht bloß in uns lebt, sondern was lebt in uns und in der Welt, auslöscht die Welt, auslöscht uns, eins macht im Auslöschen uns und die Welt, dass wir ebenso gut sagen können: «Es spricht die Welt», wie wir sagen: «Wir sprechen in uns». Das erweitert allmählich den Charakter des Meditierens.

Das Meditieren so geübt, gibt allmählich dem Menschen die Möglichkeit - mit der im Innern erlebten Auflösung desjenigen, als das ihm sein gewöhnliches Selbst immer erscheint -, Geist zu werden für seine eigene Auffassung.

Damit aber, dass wir eintreten in solche Erkenntniswege, dass wir ehrlich uns nähern solchen Erkenntniswegen, dass wir wissen lernen: wir sind im Meditieren nicht allein in der Welt, sondern wir sind im Zwiegespräch mit der geistigen Welt, dadurch nähern wir uns immer mehr und mehr dem, was eine Erneuerung des Mysterienwesens ist. Denn gewiss, äußere Tempel standen da, standen da vielleicht gerade an denjenigen Lokalitäten der Erde, von denen man heute sagt, dass sie in den unzivilisiertesten Gegenden sind. Äußere Tempel standen da, und die früheren Menschen brauchten äußere Tempel. Aber diese äußeren Tempel waren ja nicht die einzigen, sie waren ja nicht die wichtigsten; denn die wichtigsten, die wesentlichsten Tempel haben nicht Ort, haben nicht Zeit. Aber man kommt doch nur mit Überwindung von sechzig Meilen zu ihnen.

Man kommt zu ihnen, wenn man in der Weise seine Seele übt, wie es hier und wie es zu allen Zeiten in den Mysterien angedeutet worden ist.“
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Rudolf Steiner, „Klassenstunden“, GA 270b
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Samuel Beckett: Not I

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Goldglanz

Ab und zu blättere ich in alten und ältesten anthroposophischen Büchern, auch in denen, deren Autoren nicht gerade zu meinen Lieblingen gehören. Die liebsten Bücher erkennt man daran, dass sie wild übersaht sind mit Anmerkungen, Unterstreichungen aus verschiedenen Zeiten, Eselsohren und allerlei Kaffeeflecken. Mit so etwas lebt man eben. Womit man lebt, muss etwas sein, das wieder und wieder, zu verschiedenen Zeiten und in beliebigen Abständen, jedes Mal wieder etwas gibt. Ein Buch, mit dem man lebt, ist selbst so lebendig, dass man nicht nur immer neue Entdeckungen darin macht, sondern dass es jedes Mal, bei jedem neuen Lesen, neue Perspektiven eröffnet. Es geht also nicht nur um Inhalte, die man ja nun ausreichend bei einmaligem Lesen erfasst hätte. Informationen erinnert man zwar nicht im Detail, aber das bloße Neufassen würde keine Perspektiven eröffnen; nein, wirklich anregende Bücher stossen eigene Erkenntnisse an, stellen Fragen, machen einen innerlich lebendig und warm. Das wird nur dann der Fall sein, wenn der Autor selbst aus innerer lebendiger Anschauung spricht und nicht nur auf informeller Ebene Fakten zusammen stellt. So schrecklich viele Autoren, die das bei mir vermögen, habe ich nun nicht gefunden; sagen wir: eine Hand voll. Bernhard Lievegoed gehört eigentlich nicht dazu. Immerhin ist seine kleine „Mysterienströmungen in Europa und die neuen Mysterien“ ein zwar orthodox geschriebenes Kompendium Steinerscher Aussagen, aber glücklicherweise so kenntnisreich und knapp zusammen gestellt, dass sich immerhin immer wieder einige Fragen stellen- auch 30 Jahre nach dem ersten Lesen.

In den Vorträgen über die „Ätherisation des Blutes“ schildert Rudolf Steiner, wie durch göttliche Gnade bei den Menschen ein Ätherstrom vom Herzen zur Epiphyse ausgeht, aufsteigt, und wie er von da aus das Gehirn als geistig- ätherisches Licht durchstrahlt. Nur dadurch kommen wir in die Lage, spirituelle Gedanken denken zu können. Anders könnten wir nur Gedanken denken, die von sinnlichen Eindrücken Herrühren und an sie gebunden bleiben. Das weist auf den mikrokosmischen Gral im Menschen. Das goldene Licht des ätherischen Blutes, welches das Haupt durchstrahlt, wurde hellseherisch als Goldglanz um das Haupt herum wahrgenommen, wenn sich dieser Ätherstrom mit den Christus- Ätherkräften verbinden konnte. Er erscheint als der Heiligenschein bei den mittelalterlichen Malern und wird dann zum traditionellen „Zeichen“ der Heiligkeit. Der Heiligenschein ist damit eine letzte Erinnerung an die Wirkung des Gral.“ (S. 29)

Ich denke, die Bemerkung Rudolf Steiners, gegen Ende des 20. Jahrhunderts würde die Menschheit über eine innere „Schwelle“ gehen, darf man heute wohl als gegeben ansehen. Das bedeutet, die Entfaltung des „Ätherkopfes“ - eine aus ursprünglich körperlichen Bezügen gelöste geistige Energie- darf man heute bei sehr vielen Menschen als gegeben ansehen. Sie verbinden nur keine spirituellen Gedanken und Impulse damit, werden sich dieser Fähigkeit auch nicht unbedingt bewusst. Aber sie trägt zu einer inneren Spaltung bei, die heute normal und verbreitet ist und zu einer allgemeinen Psychologisierung des Ichs beigetragen hat: Man schaut heute auf die eigenen willentlichen, seelischen und intellektuellen Impulse, bewertet sie und ordnet sie ein. Man schaut aus einer Beobachter- Position auf die eigenen seelischen Mechanismen und Reflexe, eventuell sogar kopfschüttelnd oder belustigt: „Wieder einmal so oder so reagiert“. Dass die Position des innerseelischen Beobachters bereits eine ist, die frei von diesen individuellen Mustern und Reflexen ist, bemerkt man nicht unbedingt. Es ist dies eine Positionierung, die das (anthroposophisch so bezeichnete) Bewusstseinseelenzeitalter charakterisiert. Mit dieser Fähigkeit sind aber auch sozial intuitive Akte möglich- etwa, Gesprächs- und Handlungsverläufe, biografische Entwicklungen und Zusammenhänge und soziale Prozesse in Gruppen zu begleiten, Trends zu entdecken und wahrscheinliche Weiterentwicklungen zu erahnen. Der Ätherkopf ermöglicht es, Prozesse mit zu verfolgen, ohne komplett in sie involviert zu sein. Damit nähert man sich „Wirklichkeit“ in der Hinsicht an, dass Gewahrsein möglich wird, ohne selbst völlig verstrickt zu sein. Man kann dann auch nicht emotional reagieren, nicht aus den nahe liegenden seelischen Reflexen heraus. Es ist dies eine erheblich vertiefte Fähigkeit, systematisch zu denken, mit voller Konzentration und Hingabe, aber nicht im Sinne eines emotionalen Resonanzkörpers, sondern mit einer gewissen inneren Freiheit und Würde. Man ist an diesem Punkt - auch ohne das mystische Vokabular, das Steiner und Lievegoed verwenden, zu benutzen- nahe am Gewahrsein der geistigen Entität, die im Begriff der Bewusstseinsseele auch angesprochen ist.

In großen Teams- fern jeden spirituellen Themas- bemerkt man oft, wie Menschen aufmerken, sich vielleicht sogar anlächeln, wenn in einem Prozess entweder wirklich ein tragender Kompromiss gefunden ist oder wenn er gerade in Beiträgen gründlich verhindert wird; die Menschen stehen fast kollektiv in den Prozessen von gemeinsamem Diskurs und Lösungsfindung zusammen. Es ist für den Einzelnen nicht immer fassbar, worin dieser Lösungsansatz bestehen könnte, es bleibt im Vagen und Unbestimmten. Wenn aber der erlösende Satz von einem Einzelnen gefunden ist, bemerkt das das Kollektiv sehr wohl. Dies gilt zumindest dann, wenn eine produktive und konzentrierte Haltung in der Gruppe verbreitet ist. Dass das systematische Denken eigentlich bereits eine Fähigkeit ist, die bereits über die intellektuell- konsumierende Haltung hinaus geht, muss nicht bemerkt werden. Ähnliches könnte als Beispiel auch über die Fähigkeit zur Biografiearbeit gesagt werden, sofern diese über bloße seelische Betroffenheit hinaus gehen kann und ebenfalls in ein nüchtern- waches Anschauen der Fäden des Lebens mündet. Selbst persönliche Traumata können in ihrer Konsequenz und Entwicklung, auch in ihren negativen Auswirkungen auf die eigene Entfaltung angeschaut werden. Es geht nicht um „Goldglanz“ und „Heiligenschein“, sondern um die nüchterne Intensität prozessualen Denkens.

Welche sind nun die Bücher, die sich immer wieder neu beim wiederholten Lesen entfalten? Die mit einem Goldglanz. Es geht nicht darum, Antworten zu geben (und „Inhalte“ zu vermitteln), sondern dem, was ohnehin in den Menschen da ist, zur weiteren Entfaltung und Bewusstwerdung mit zu verhelfen.
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Website der Georg- Kühlewind- Stiftung

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„Mit achtzehn Jahren begegnete ich erstmals der Anthroposophie. Ich spürte folgendes: „Interessant, aber das weiß ich schon alles, das lebt alles in mir.“ Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zum zweiten Treffen durch die Werke Wahrheit und Wissenschaft und Goethes Weltanschauung von Rudolf Steiner. Im folgenden wirkten in Hamburg die Vorträge über Das Johannes-Evangelium auf mich. Zehn Jahre lang las ich ein Buch nach dem anderen. Dann spürte ich, dass dies völlig vergeblich ist: ich komme auf dem Weg der inneren Arbeit (Übungen) nicht weiter, es war, als würde das bisher angesammelte Wissen mich überwuchten – und es war wirklich so!

An diesen Punkt angekommen habe ich mit der vollkommenen Anthroposophie beinahe abgerechnet, als ich einen wichtigen Traum hatte und mir ein Buch von Rudolf Steiner einfiel, dass ich bis zu jenem Zeitpunkt nicht verstanden hatte – Die Philosophie der Freiheit. So begann ich dieses Werk bzw. andere erkenntnistheoretische Bücher von Steiner zu studieren. Ich wollte diesen Büchern „eine letzte Chance“ geben. Ich wollte sie streng in sich selber verstehen, ohne daneben andere esoterische Werke zu lesen. Ungefähr ein halbes Jahr später wusste ich, welche Richtung ich wählen muss. Ich sah die Fehler und Missverständnisse (die ich als Verstehen gedacht habe) die ich beging. Ich bin darauf gekommen, dass die Stufe des wahren Verständnisses nicht die Stufe ist, die auch in anderen Wissenschaften erreicht wird, sondern wenigstens diejenige eines lebendigen, erfahrbaren Denkens; nicht die Stufe des Gedachten, sondern der Prozess des Denkens selbst. Von diesem Moment an (ungefähr 1958) trat ich auf den Weg der inneren Schulung. Im Jahre 1969 traf ich den italienischen anthroposophischen Denker Massimo Scaligero. In Wirklichkeit fand das richtige und bedeutungsvolle Treffen nicht persönlich statt, sondern durch seine Bücher nach einem persönlichen Treffen. Aus dem Treffen entwickelte sich eine tiefe und inspirierende Freundschaft, obwohl wir uns in mehreren Fragen nicht einig waren. Jedoch in den Fragen des inneren Weges und der Erkenntnis waren wir uns vollkommen einig.“-

so schreibt Georg Kühlewind in seiner Lebensbeschreibung. Man findet diese Notizen ebenso wie Vorträge (auch in Audio- und Videoformat) auf der Internetseite der Georg Kühlewind- Stiftung, auch in deutscher Sprache. Beim ständigen Link darauf in unserer Seitenleiste muss man jeweils auf das gewünschte Sprachformat umstellen, da das Original natürlich ungarisch vorliegt.
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ruth bamberg: wer eigentlich stellt steiner auf einen sockel?

ein vorwurf der immer wieder in höchst unterschiedlichem anzuge daher kommt: die anthroposophen heben steiner auf einen sockel, sie sind verblendet für die nackten tatsachen, nämlich dass steiner ein rassist war, eine art offenbarungsreligion inaugurierte, weil eine geistige welt angenommen wird die steiner schauen konnte und wir, die anthroposophen nur daran glauben können, weil wir selbstverständlich nicht an die fähigkeiten des meisters herankommen. damit wird allem anthroposophischen tun und lassen fundamentfäule unterstellt.

nehmen wir die kritik mal konstruktiv und wenden den blick nach dem gemeinen anthroposophen, dieser - so mein kenntnisstand -  schert sich im allgemeinen herzlich wenig um einen säulenheiligen namens rudolf steiner. stattdessen gründet er schon mal eine schule, oder eine klinik, oder sammelt 1 000 000 000 unterschriften um auf europaparlamentsebene mitmischen zu können, andere solche beackern höfe, gestalten t-shirts, züge, betreiben drogerieen, banken, bauen brunnen und häuser, pflegen alte, erziehen kinder, schreiben bücher… o.k. das sind vieleicht nicht die anthroposophen, sondern eher ganz normale menschen die zu allem was sonst noch so der fall ist auch kenntnis von rudolf steiner haben. diese haben in wirklichkeit keine zeit vor sockeln stehen zu bleiben und zu glauben.

weiter zum ganzen text..
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