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Nov 2010

Je mehr man scheitert

„Je mehr man scheitert, desto mehr erreicht man.“
(Giacometti)
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"Befreundet mit der Wirklichkeit"

Es ist eine zu simple Vorstellung, zu denken, *irgendwann* sei es Zeit, das individuelle spirituelle Üben *anwenden* zu wollen- es also in der *Wirklichkeit* zu erproben. Denn wir sind ja nicht nur innig verwoben mit dem, was uns umgibt, sondern ein untrennbarer Teil, ja zum Teil ein Produkt eben dieser *Umgebung*. Immer und überall stossen wir an Partnerschaften, Freundschaften, berufliche Felder, Pflichten und Vergnügungen an. Dies allerdings meist nicht nur und nicht durchgängig in harmonischer Art und Weise. Auch im Widerstand, im inszenierten Konflikt konstituieren wir uns an dieser Umgebung. Das Selbstgefühl intensiviert sich in schmerzhaften Prozessen, in die wir verwickelt sind. Meist fühlen wir uns dabei als Opfer, als Jemand, dem etwas zugemutet wird. Die Attitüde der Empörung - „Was hat man mir angetan!“- ist ein starkes Ich- Gefühl, viel stärker als harmonisches Einvernehmen.

Die Sicht auf die Umgebung, der Blickwinkel, mit dem wir die uns umgebende Wirklichkeit betrachten, ist in wesentlichen Aspekten ein Teil unseres Ego- Konstrukts. Die gestaltende, häufig aggressive, manchmal sogar selbstzerstörerische Energie, mit der wir dieses Konstrukt der Umgebung überstülpen, bleibt aber im Wesentlichen außerhalb unserer Wahrnehmung. Unsere Neurosen determinieren nicht nur uns selbst, sondern auch die uns nahe Stehenden. Wir stehen überall und in alle Richtungen in systemischen Prozessen, deren Wirkungsmechanismen wir so lange nicht kennen, solange wir restlos darin verwickelt sind.

Der (nicht nur anthroposophische) Schulungsweg ist daher nie nur privat. Er ist eine hygienische Maßnahme, um unsere kommunikativen Sackgassen, in die wir uns wieder und wieder verheddern, zu durchschauen. Möglich wird das dadurch, dass die regelmäßige Auszeit aus unseren assoziativen Denkmustern, in die wir in einem inneren Monolog verwickelt sind, in der konzentrierten meditativen Arbeit einen Freiraum schafft. In dem Maß, in dem es möglich wird, in die Formlosigkeit einzutauchen, werden unsere Geformtheiten, unsere Deformationen erst sichtbar. Voraussetzung dafür ist, dass es sich tatsächlich um einen transparenten Prozess handelt, um einen Freiraum. Man kann zweifellos auch allerlei Erfahrungen machen, in denen wir unsere Reaktionsmuster transzendieren und auf illusionäre Weise so vor uns selbst sanktionieren. Eine Erleuchtung, die nichts erhellt, macht noch keinen Frühling. Wenn wir uns mit einer Wolke von Weihrauch umnebeln, sehen wir keinesfalls klarer.

An diesem Punkt möchte ich wieder Wolf- Ulrich Klünker zitieren („Anthroposophie als Ich- Berührung“), der auf dieses Problem ebenfalls eingeht: „Mit anderen Worten: Wenn ich anthroposophisch arbeite, stehe ich anders in der Welt,. und zwar in einem umfassenden Sinne. Die Frage nach einer mehr äußeren „Anwendung“ der Anthroposophie stellt sich dann in neuer Weise. Im Allgemeinen ist zunächst klar, dass der Mensch, der sich selbst durch Anthroposophie verändert, der bis in seine elementaren Leibprozesse hinein eine neue Beziehung zur Welt findet, auf berufliche und andere Anforderungen allmählich sich verändernd reagiert. Es entsteht eine neue Beziehung zu den Dingen und damit eine neue Sachgemäßheit. Diese ist naturgemäß nicht immer in anthroposophischen Begriffen allein zu fassen, sondern bemisst sich an dem jeweiligen Aufgabenbereich. Dann ist es auch nicht wichtig, genau zu wissen, was „anthroposophisch“ daran ist; als „anthroposophisch“ kann dann gelten, dass ein Mensch, der anthroposophisch arbeitet, allmählich immer mehr befreundet mit der Wirklichkeit werden kann.“ (S. 35)
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