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May 2015

Sergej Prokofieffs Totenbuch

prokoff
Gewiss, in Sergej Prokofieffs „Das Erscheinen des Christus im Ätherischen“ bekommt man vordergründig konventionelle anthroposophische Kost gereicht. Es geht schließlich um die Christologie innerhalb der Anthroposophie, um den intimen Kernbereich, der untrennbar mit dem spezifischen Erkenntnisweg der Anthroposophie verbunden ist. Es wird, um es schlicht zu beschreiben, ein intellektueller Weg zur Erfahrung des auferstandenen, in allem Geschaffenenen der Natur präsenten Christus aufgezeigt- einerseits in den Aussagen und Perspektiven, aber auch bis in die konkreten Formulierungen hinein Rudolf Steiner folgend. Andererseits komponiert Prokofieff die Zitate und Aussagen unterschiedlich komplex und vielschichtig.

Diese Verdichtung findet ihren Höhepunkt in den ersten Kapiteln des Buches, die die „kosmische Dimension“ der ätherischen Wiederkunft und die damit beim Menschen einher gehenden Veränderungen und Impulse, aber auch das spezifisch anthroposophische Michaels- Mysterium darstellen. Danach verflachen die Darstellungen so weit, dass man- so scheint es mir- mit den Originalstellen genauso gut bedient wäre. Prokofieff referiert Steiner nicht nur- er beschränkt sich auf die Moderation von Zitat- Folgen. Für den ins ganze Thema vor- informierten Leser ist das nicht störend- er erhält die Gesamtsicht auf Steiners Christus- Vorstellung. Aber eben kaum je mit Einsichten oder Erklärungsversuchen Prokofieffs. Es geht ihm um das Totale der Darstellung, nicht primär um Wecken des Verständnisses beim Leser.

In der Mitte seiner Darstellung steht die mystische Verwandlung des ganzen Menschen, insbesondere was die „Ätherisation des Blutes“ betrifft. Demnach stellt das Herz eine Wandlungseinheit dar, durch die leibgebundene Kräfte ausfließen und im Gehirn zu Vorstellungen verarbeitet werden. Dadurch wird „im Kopf des Menschen das Denken überhaupt erst möglich“ (S.140). Die „noch lebendigen Gedanken“ steigen mit dem Strom auf und „ersterben im menschlichen Haupt, damit der Mensch in diesem toten Denken seine Freiheit innerlich ergreifen und ihrer gewahr werden kann“. Mit der geeigneten Willens- Schulung nach michaelisch- rosenkreuzerischem Konzept, die von oben (Denkschulung) nach unten (Herzdenken) wirkt und einer inneren Reinigung entspricht- auch einer Selbst- Konfrontation- wird auch der verborgene zweite Strom bemerkbar, der ebenfalls dem Blut entsteigt- diesmal aber als verjüngtes, imaginatives Strömendes, was der Verlebendigung durch den Auferstandenen entspringt. Dies kann zu einem - nach Steiner- „intellektuellem Hellsichtigwerden“ in voller Reife, Verantwortung und individueller Ausprägung führen. Die mystische Wandlung kann bis zur höchsten Begnadung gehen, die „in der intuitiven Verschmelzung des Menschen- Ich mit dem Christus- Ich“ gipfelt- „ohne von seiner eigenen Ich- Individualität nur das Geringste einbüßen zu müssen.“ (S. 117)

Die innere Reinigung durch das michaelische Wahrheitsprinzip erfordert, wie in jeder Schulung seit jeher bekannt, eine schonungslose Selbstkonfrontation - eine Begegnung mit den eigenen Schatten: „So kann man sagen: Michael führt heute den Geistesschüler zum Abgrund des Seins, wo er sich als absolutes Nichts vor dem völligen Nichts stehend erleben muss.“ Diese zentrale Anforderung, die in der Praxis doch die allergrößten Schwierigkeiten für den Einzelnen bedeuten muss, wird von Prokofieff wiederum mit Zitaten Steiners belegt, aber nicht wirklich erläutert. Das Michaels- Mysterium, das im Bestehen vor dem Nichts und nach dem Zerbrechen der Selbstbilder als Probe des Willens ausgelegt ist, ist zentral mit einem modernen „Erkenne dich selbst“ verbunden, begleitet von einem Aktivieren der Chakren von der Stirn über den Kehlkopfbereich bis zum Herzen und weiter. Nur so wird - nach Steiner- „das Leben des Christus (..) vom 20. Jahrhundert an immer mehr und mehr in den Seelen der Menschen gefühlt werden als ein direktes persönliches Erlebnis“ (S. 106).

Natürlich wäre Prokofieff nicht er selbst, wenn er nicht in aller Breite gegen antichristliche Impulse anschreiben würde. Der Schwerpunkt bleibt aber - auch und gerade mit dem Schwerpunkt „Schamballa“- die Initiation im angebrochenen Michaelzeitalter- wenn „die Ideen des Menschen nicht nur „denkend“ bleiben, sondern im Denken „sehend“ werden..“ (S. 74) Es geht ja um nicht weniger als um die „Befreiung seines Herzens von den Drachenmächten durch den Michael- Impuls.“ (S. 36) Gerade die ersten Kapitel des Buches - die kosmische Dimension und Sophia behandelnd- erreichen eine solche Dichte und inhaltliche Weite, dass sie selbst als meditative Texte gelten dürfen. Da es zum nicht geringen Teil um Perspektiven menschlichen Lebens nach dem Tod und vor der Geburt geht, darf man Prokofieffs Buch als „Anthroposophisches Totenbuch“ analog zum klassischen „Tibetischen Totenbuch“ bezeichnen. Es ist eine Art Wegzehrung vor und nach den letzten Aufbrüchen. Es ist etwas, was man mitnimmt. Insofern sind gerade auch die Anfangskapitel etwas, was man mit Verstorbenen lesen kann. Insgesamt bedauerlich bei dem Buch bleibt, wie sehr es um "Insider- Literatur" geht- wie wenig schon im sprachlichen Auftreten mit der Gegenwart und dem zeitgenössischen Leser gerechnet wird. Prokofieff bleibt in den Sprachbildern Rudolf Steiners- tritt aus ihnen nicht heraus; und bleibt somit eine Vermittlung und Erläuterung schuldig, die über die Originaltexte hinaus gehen würde. An einigen Stellen verläuft sich Prokofieff regelrecht in Bildern (etwa von Isis, Sophia, usw) und verrätselt Steiner dadurch regelrecht. An anderen dagegen gelingt ihm eine meditative Verdichtung zumindest für den, der mit der Materie vertraut ist.

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Sergej O. Prokofieff, Das Erscheinen des Christus im Ätherischen. Geisteswissenschaftliche Aspekte der ätherischen Wiederkunft, Dornach 2010
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