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May 2014

Zu Andreas Meyers "Die letzten Templer" II

templier

Andreas MeyersDie letzten Templer. Band II“ gehört zu den ganz raren Büchern, in denen ein neuer Standard definiert wird- in einem Zusammenfliessen von methodischer Reinheit, umfassender Quellenkenntnis und -verarbeitung, Verarbeitung von Angaben Rudolf Steiners, Blickrichtung auf kulturelle, politische, geistesgeschichtliche Entwicklungsströme und auch ganz eigenständige geistige - d.h. vor allem karmische - Forschung. Dieses Zusammenfliessen der Impulse hebt das Buch schon weit heraus.

Das Thema der Templer, ihrer Vernichtung und der von ihnen ausstrahlenden Impulse, steht in der Mitte einer solchen umfassenden Kaskade von Betrachtungen. Die methodische Sauberkeit wird u.a. dadurch gewährleistet, dass alle Quellen - auch die eigenständige Forschung - jeweils als solche gekennzeichnet werden. Zu diesen Forschungen gehören auch karmische Betrachtungen zu einzelnen Handelnden, die überraschende, aber sehr erhellende Schlaglichter auf das Verhalten der Personen im historischen Kontext werfen. Es werden aber auch Mysterien eines geschlossenen Kreises innerhalb des Templerordens, dessen innere Struktur, die Funktion und Bedeutung einzelner Personen geschildert, und dies mit einer klaren und einsichtigen intimen Kenntnis, dargelegt. Zu der herrschenden Transparenz gehört auch, dass einzelne schwer wiegende Fehlurteile innerhalb der Literatur - beispielsweise aus der Feder der notorisch spekulierenden Judith von Halle - korrigiert und zurück gewiesen werden. Andreas Meyer setzt einfach die historischen Fakten dagegen.

Schließlich gehört zur Methodik auch, dass der vorliegende zweite Band schon im Untertitel - „Geisteswissenschaftliche Forschungen zur Entstehung, Vernichtung und Fortentwicklung des Templerimpulses“ - deutlich macht, dass es hier eben um die hinter den historischen Vorgängen (die im ersten Band erschöpfend behandelt werden) liegenden Bedeutungs- und Deutungsebenen geht. Der Leser weiß, worauf er sich einlässt. Die Vorsicht Andreas Meyers ist gerade bei diesem Thema, das von so vielen Seiten und häufig auf entstellende Art und Weise missbraucht worden ist, bitter nötig; das Templermotiv ist stets ein historischer Schock gewesen - der erste staatsterroristische Akt, und der Verrat des papistischen Katholizismus an den eigenen spirituellen Impulsen. So spricht Meyer auch vom „schneidende(n) Lufthauch der neueren Geschichte." Ein Trauma für die Kirche wie für ihre Opfer.

Mit einigen sentimentalen Verzerrungen räumt Meyer allerdings auch auf - vor allem in Bezug auf die Person und Rolle des Großmeisters Jakob von Molays, der häufig idealisiert worden, zum „Eingeweihten“, zur „weitschauenden Führerpersönlichkeit“ und zum Held gemacht worden ist. Meyer zeigt, dass er tatsächlich der einfache und tapfere Mann gewesen ist, als der er sich vor den Tribunalen selbst beschrieben hat. Er hatte zweifellos einige diplomatische Erfolge, war aber strategisch, intellektuell und spirituell keinesfalls - so wiederum eine verzerrende Behauptung auch Judith von Halles - der schwierigen Situation des Ordens gewachsen. Diese Art von Idealisierung und Mystifizierung Molays ist eigentlich ein Produkt des 19. Jahrhunderts. Tatsächlich diente Molay, da innerer spiritueller Kreis und äußere Führung bei den Templern stets getrennt waren, mehr als eine politische Repräsentationsfigur. Auch in dieser Hinsicht hat er, der eine Renaissance des Ordens in einem neuen Kreuzzug sah, die Zeichen der Zeit völlig missdeutet. Es gab durchaus „andere Zukunftskonzepte für die weitere Entwicklung des Ordens“, aber Molay setzte sich gegen Widerstände durch, die Tatsache ignorierend, dass „die Zeit der geistlichen Ritterorden im Orient vorbei war“ (S. 98). Womöglich erkannte Molay auch die Brisanz der Anfeindungen, Gerüchte und Intrigen gegen den Orden nicht, weil er von 1296 bis 1306 durchgängig auf Zypern residierte - bis zur fatalen Berufung durch Papst Clemens V nach Frankreich.

Im Gegensatz zum Insider Hugo von Pairaud, der in die Initiationsrituale des Ordens schon lange eingeweiht war, u.a. als Visitator und Schatzmeister von und in Frankreich diente und die vermutlich bessere Alternative zu Jaques des Molay gewesen wäre, wurde letzterer erst im letzten Augenblick vor der Verhaftung - und auch nur ansatzweise - in gewisse geheime Rituale des Ordens eingeweiht. Pairaud hat dagegen lange und tiefe Einblicke in die inneren Zirkel und Initiationsriten gehabt (die Meyer im vorliegenden Buch auch umfassend schildert) - er war „den Geheimriten am leidenschaftlichsten ergeben“ (S. 102). Pairaud wusste um den kommenden Vernichtungsschlag gegen den Orden, trat mutig und öffentlich gegen Philipp den Schönen auf, hatte diesem kraft seines Amtes als Verwalter des Vermögens des Königs aber auch erst einen Einblick in die „Schätze des Ordens“ gegeben und damit dessen Begehrlichkeit geweckt. Darin sieht Meyer die besondere „karmische Schuld Pairauds“ (S. 103). Es war auch Pairaud undenkbar, von seinem Papst Clemens V. derartig betrogen und verraten zu werden. Meyer deutet auf die ganz besondere karmische Konstellation, die auf Pairaud lastete, die auf den Herodes- Johannes - Konflikt zurück verweist. Letztlich waren es auch die inneren Probleme des Templerordens selbst, sowie dessen gescheiterte Mission im Osten nach dem Fall von Akkon 1291, die eine Angriffsfläche für den völligen Vernichtungsimpuls Philipps des Schönen bildeten.

Einen besonderen spirituellen Aspekt schildert Meyer im Weg des Peter von Bologna, eines Ordenspriesters und „tiefen Kenner(s) der Menschennatur“. Ein Dominikaner, der Schüler Thomas von Aquins gewesen war, verhalf dem inhaftierten Templer Peter von Bologna, der durch die erfolgte Folter schwer verletzt war, am 12. Mai 1310 zur Flucht. Er wurde in einem Klarissenkloster bei Besançon versteckt und nahm von dort aus kurz vor seinem Tod Kontakt auf mit einer sehr kleinen Bruderschaft im Jura bei Neuchatel. Der nun erfolgende Austausch stellte die Verbindung her vom spirituellen Wissen des Templerordens zu der sich erst konstituierenden Rosenkreuzer- Gruppe, die in ihrer Mitte ein Kind aufzog.

Dies sind nur einige Motive aus dem reichen, klugen Buch, das Andreas Meyer hier vorlegt. Es ist eben nicht nur methodisch heraus ragend, sondern auch substantiell. Eine Bereicherung.

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Hans Büchenbacher- Wo der Hammer hängt

buechenbacher
Ansgar Martins zeigt in „Hans Büchenbacher. Erinnerungen 1933- 1949“*, wo der Hammer hängt, nämlich wie man heute ein anthroposophisches Sachbuch schreibt. Es geht um methodische Vielfalt, um Kontextualisierung, vor allem gelungen durch einen die historischen Erinnerungen begleitenden Text in Form von Anmerkungen, in denen nicht nur Textvarianten, Erklärungen von Orten, Worten, Umständen einfließen, sondern auch biografische Kurzabrisse aller im Text auftretenden Personen- und das sind eine Menge, das Who is Who der Anthroposophischen Gesellschaft. Martins schafft so einen Hypertext, der, gut lesbar, die eigentlichen Erinnerungen Büchenbachers, des esoterischen Schülers von Rudolf Steiners, führenden professionellen Vortragsredner in Sachen Anthroposophie, der in den Vorständen von Stuttgart und Dornach ein und aus ging, des Netzwerkers und Organisators, begleitet. Diesem Text folgt eine umfängliche Biografie Büchenbachers von Ansgar Martins, Anmerkungen zur politischen Orientierung der frühen Anthroposophie und Ausführungen zu den „politischen Sünden“ der Dornacher in Bezug auf den Nationalsozialismus. Weitere Anmerkungen und Dokumente ergänzen den umfangreichen Band.

Man muss dazu wissen, dass der prominente Hans Büchenbacher aus nationalsozialistischer Sicht als „Halbjude“ einzustufen war und bereits 1933 erfahren musste, dass seine und die Positionierung des damaligen deutschen Vorstands, „keine unanthroposophischen Kompromisse“ mit dem Nationalsozialismus einzugehen, ja, die Gesellschaft lieber „freiwillig“ zu schließen, vom Dornacher Vorstand nicht im geringsten geteilt wurde. Ganz im Gegenteil. Günther Wachsmuth und Marie Steiner galten als pronazistisch, Albert Steffen hielt sich in der Öffentlichkeit (nicht in seinen Tagebüchern) heraus. Marie Steiner protegierte den psychisch kranken, absolut nationalsozialistisch positionierten Roman Boos, und bezeichnete die Vorgänge in Deutschland mit „es ist offenbar dort alles in bester Ruhe und Ordnung.“

Es ging dabei nicht nur um politische Bewertungen- es ging auch die Sorge vor einem Wegbruch der Gelder der mitgliederstarken deutschen Anthroposophenschaft im Falle eines Verbotes. So sollte es ja auch kommen. Statt in irgend einer Weise Flagge zu zeigen gegenüber der immer mächtiger werdenden Gewaltherrschaft entfernte die Anthroposophische Gesellschaft lieber in vorauseilendem Gehorsam die jüdischen und „halbjüdischen“ Mitglieder aus ihren Reihen und Gremien. Bereits 1934 erfuhr auch Büchenbacher von diesem Ansinnen- man verlangte selbstverständlich von ihm, „ganz freiwillig“ aus dem deutschen Vorstand auszutreten. Marie Steiner beeilte sich, Büchenbacher umgehend schnellstens seine Wohnung im Zweighaus zu kündigen. Wachsmuth hatte sich ja bereits 1933 öffentlich zu seiner Sympathie gegenüber allem, „was z Zt. in Deutschland geschieht“ bekannt und versuchte zu verhindern, dass sich jüdische Mitglieder in Dornach einzuschreiben gedachten: „er könne doch nicht am Goetheanum einen Judenstall haben“. Trotz dieser Umstände blieb Hand Büchenbacher als Vortragsredner sehr aktiv. Von der international, dezentral orientierten Ita Wegman hielt Büchenbacher übrigens gar nichts- er unterstützte trotz aller Fragwürdigkeit Marie Steiner darin, Wegman endgültig kalt zu stellen.

Nach dem Verbot der Anthroposophischen Gesellschaft 1935 zog Hans Büchenbacher nach Arlesheim bei Dornach, was ihm den, wie er später sagte, „Verrat der anthroposophischen Sache an den Nazismus“ so nahe vor Augen führte, dass er das Angebot, 1946 in den Dornacher Vorstand einzutreten, ablehnte.

Ansgar Martins umfassende Untersuchung, auf die noch an vielen Stellen eingegangen werden kann und wird, stellt einen wesentlichen Baustein, ja einen Meilenstein zur Aufarbeitung der anthroposophischen Historie dar. Die fundierten Materialien ermöglichen eine weiter gehende Forschung. Selbst die schweren internen Konflikte - etwa zwischen den Fraktionen, für die Marie Steiner und Ita Wegmann standen, erhalten eine ganz andere, nämlich politische und wirtschaftliche Dimension. Man stelle sich eine engagierte, mutige Gesellschaft vor, die sich 1933 für ihre jüdischen Mitglieder eingesetzt und sich gegen Faschismus positioniert hätte, um sich strukturell dezentral und global aufzustellen! Man stelle sich vor, die Impulse seien von Dunlop, Büchenbacher und Wegman ausgegangen! Die Anthroposophische Gesellschaft hat diese Chance leider restlos verpasst, hat Zweifel an ihrer humanitären, esoterischen und politischen Integrität genährt, und sich der vielen initiativen Menschen durch Ausschluss entledigt, um weiter im eigenen trüben Saft zu schmoren.

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*Ansgar Martins: Hans Büchenbacher. Erinnerungen 1933-1949. Zugleich eine Studie zur Geschichte der Anthroposophie im Nationalsozialismus, Mayer Info3, Frankfurt 2014
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