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May 2011

Seelensubstanz

„Nachdem man also genug Kräfte darauf verwendet hat, um mit der Welt eins zu werden, muss man jetzt noch Kräfte übrig haben, um Kräfte aus sich heraus zu spinnen, wie die Spinne ihr Netz aus sich heraus spinnt. Sie sehen, dass die ganzen Vorgänge des Mysterienwesens zeigen, wie viel darauf ankommt, starke innere Energien des seelischen Lebens zu entwickeln; denn man muss viel Vorrat haben, damit das alles geschehen kann. Dadurch, dass man etwas aus sich ausgegossen hat und noch ausgießen kann, bilden sich etwas wie Organe heraus, und man kann beobachten: Mit dem, was man jetzt aus sich heraus spinnt, tritt etwas ganz Neues auf. Da stellen sich die Dinge vor einen selber hin in einer Art, die sich etwa damit vergleichen lässt, als wenn ich nicht die Uhr hier hätte und die Augen dort, sondern als wenn das Auge aus sich heraus einen Strahl senden würde, der sich selber zur Uhr formen könnte.

Es handelt sich dabei nicht um ein Konstruieren oder Schaffen einer subjektiven Welt, sondern darum, dass wir gleichsam Seelensubstanz aus uns heraus spinnen. Und die höheren Welten, in die wir uns hineinleben, müssen diesen Umweg wählen, damit wir ihnen gegenübertreten und sie erkennen können. Sie müssen erst durch unsere eigene Seelensubstanz, die wir ihnen zur Verfügung gestellt haben, durchkriechen.

In der physischen Welt stellen sich die Dinge vor uns hin, ohne unser Zutun. Nichts stellt sich in den höheren Welten vor uns hin, wenn wir ihm nicht erst die eigene Seelensubstanz zur Verfügung stellen. Deshalb ist es so schwierig, Subjektives und Objektives auf diesem Punkte zu unterscheiden. Denn ganz subjektiv muss sein, was wir aus unserer Seelensubstanz heraus spinnen; aber ganz objektiv muss dasjenige sein, was nur das Herausgesponnene benutzt, um zur Wahrnehmung zu kommen.

Alle Trainierung in den Mysterien hat vorzugsweise in einer Erhöhung der Energien der Seele bestanden. Darauf musste der Einzuweihende von vornherein verzichten, dass man ihm etwa die Gegenstände und Wesenheiten der höheren Welten wie auf einem Präsentierteller gereicht hätte. Er musste sich zu jedem Stück der höheren Welten erst hin entwickeln.

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R. Steiner, GA 144, Seite 26f
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Reifeprüfung

Und dieses heilig haltende Schweigen, das hängt mit etwas anderem zusammen, ohne das die Esoterik den Menschen nicht fördern kann. Es hängt zusammen mit dem, was wir zunächst für die Esoterik gar sehr brauchen. Es hängt zusammen mit der innersten menschlichen Bescheidenheit. Und ohne innerste menschliche Bescheidenheit ist zunächst nicht an Esoterik heranzukommen.

Warum? Ja, wenn wir ermahnt werden, hinter die Worte zu hören, dann ist an das innerste Wesen unserer Seele appelliert; nicht an unser Gedächtnis, sondern an das innerste Wesen unserer Seele ist appelliert. Da kommt unsere Fähigkeit in Betracht, da kommt in Betracht, wie weit wir fähig sind, hinter die Worte zu hören. Und wir tun gut, für uns, für unsere eigene Seele, möglichst viel zu hören.

Aber wir tun gut, nicht gleich dasjenige, was in unserer Seele aufdämmert, als maßgebend so weit zu betrachten, dass wir es nun selber in die Welt hineintragen können als etwas unbedingt Gültiges. Wir werden lange brauchen - gerade wenn wir hinter die Worte hören -, wir werden lange brauchen, bis wir mit uns selber zurechtkommen. Und wir sollen diese Stimmung entwickeln, dass Esoterik im wortlosen Weben der Seele sich erst ausleben muss, bevor sie innerlich in uns als gereift angesehen werden kann
.“ (Rudolf Steiner, GA 270a, Seite 68)

Diese schöne Schilderung der grundlegenden Voraussetzungen von sich entfaltender Esoterik gelten wahrscheinlich nicht für jede Form von Esoterik, aber sehr wohl für die, die wir meinen und schätzen. Das Label „Anthroposophie“ muss nicht unbedingt darauf stehen, da es sich um eine innere Haltung handelt, die sich an der Beschäftigung mit Esoterik eben entwickeln kann. Hier wird nicht Marketing betrieben für eine voraussetzungslos herein brechende „Erleuchtung“, hier ist die Rede von geduldiger Reife und Entfaltung. Das seelische Wesen soll nicht durch aufbrechende Erfahrungen überrumpelt und gebannt werden, sondern sich harmonisch einleben in das „innerste Wesen“, an das es heran reicht, das es berührt. Es ist der zarte Prozess einer inneren Metamorphose, der mehr „aufdämmert“ als dass er fertig und schick wie auf einem Gabentisch liegen würde. Mit so etwas, was das Innerste aufkeimend bemerkt und pflegt, geht man ungern hausieren. Das mag ein Grund dafür sein, dass es Anthroposophie wohl in den kulturellen Auswirkungen, aber weniger auf dem Jahrmarkt der esoterischen Schreihälse nicht so weit gebracht hat. Hier schwimmen die Verpackungskünstler oben auf.

Das Zitat stammt aus „Esoterische Unterweisungen für die erste Klasse der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft am Goetheanum 1924“

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German Angst

angst

Der Deutsche, denkt man vor allem in den USA, neigt kollektiv einerseits zur ängstlichen Zögerlichkeit, andererseits zur Überheblichkeit: „Mit den komplementären Begriffen German Angst (englisch, etwa: „typisch deutsche Zögerlichkeit“) und German assertiveness (etwa: „typisch deutsche Überheblichkeit“) werden im angelsächsischen Sprachraum als charakteristisch empfundene, gesellschaftliche und politische, kollektive Verhaltensweisen der Deutschen bezeichnet. Die Begriffe werden im Deutschen verwendet, um derartige – reale oder vermeintliche – Einschätzungen aus dem Ausland zu kolportieren.“ (Wikipedia) In letzter Zeit - nach Fukushima- hat man den Begriff wieder einmal strapaziert, um die als überzogen empfundene Sorge der Deutschen vor der Atomkraft zu charakterisieren: „Verstrahlt in Fukushima ein Atomkraftwerk die Umgebung, setzt im neuntausend Kilometer entfernten Deutschland ein Run auf Geigerzähler ein, verbunden mit dem Rat, japanischen Grüntee zu meiden, riecht das verdächtig nach Überreaktion.“ (NZZ) Die Sorge vor dem Tee mag so übertrieben sein wie die Befürchtung, einem Forellenteich im Bergischen Land könne ein Tsunami entspringen (das obere Foto ist keine Fotomontage). Dennoch empfinde ich die Besorgnis angesichts der Risiken der Atomkraft nicht als archaischen Fluchtreflex, sondern als rationale Distanzierung gegenüber einer Technologie, die Risiken für viele folgende Generationen in sich birgt. Irrational erscheinen mir die Wahrscheinlichkeitsrechnungen, die eine Havarie in den Bereich eines Lottogewinns mit umgekehrten Vorzeichen verbannen- die Realität sieht nun einmal anders aus. Angst ist angesichts der realen und möglichen Folgen dieser Technologie kein schlechter Ratgeber.

Angst ist sowohl eine Überlebenshilfe als auch - in der irrlichternden Variante- ein Mittel zur Realitätsflucht: „Angst verleiht Flügel. Angst ist ein schlechter Ratgeber. Angst ist für die Seele ebenso gesund wie ein Bad für den Körper. Blinder als blind ist der Ängstliche. Wer keine Angst hat, hat keine Phantasie. Und so weiter und so fort, Spruchweisheit reiht sich an Spruchweisheit, zu jedem Lob findet sich ein Verdikt. Das Reden über Angst steckt voller Ambivalenz. Angst ist eine evolutionäre Mitgift, unentbehrlich als Überlebenshilfe. Aber sie kann selbstreferenziell und phantasmagorisch werden, «grundlos» im doppelten Sinn von «unbegründet» und «bodenlos». (NZZ)

Angst ist aber auch ein Aspekt des Ego, das sich nicht von ungefähr fürchtet, angegriffen, in Frage gestellt, überrumpelt zu werden. Das Ego befindet sich in einem dauernden Abwehrgefecht gegen die eigene In-Frage-Stellung- nicht zuletzt deshalb, weil es spätestens mit dem Tod tatsächlich seine Existenz beenden wird. Die drohende existentielle Nicht- Existenz mobilisiert einen Großteil der Kräfte, die bewirken, dass wir tätig sind, dass wir uns bewahren, dass wir etwas schaffen, was vielleicht Bestand hat. In diesem Sinne ist Angst ein Konstitutivum unseres Daseins. Aber die Angst vor dem nächsten Tag, vor einer kommenden Aufgabe, vor Überraschungen, die Angst vor der In-Frage-Stellung kann uns auch zugleich lähmen. Daher gilt es -nicht nur in der Anthroposophie- als ein wesentliches Merkmal in der spirituellen Entwicklung, eine existentielle Gelassenheit zu entwickeln. In dem Augenblick, in dem eine tiefere Seinsebene zur Erfahrung wird, löst sich die dauernde Sorge vor dem Nicht- Bestehen als irrelevant auf.

Aber Angst hat, so Rudolf Steiner, noch eine Ebene, die noch tiefer gründet und bis in den physischen Leib hinein reicht: „Wir Menschen haben auch die Angst in uns. In unserer Zehe, in den Beinen, in dem Bauche, überall steckt die Angst. Nur über das Zwerchfell traut sie sich nicht herauf, kommt nur herauf, wenn wir Angstträume haben. Aber in uns steckt die Angst. Doch die Angst hat ihren guten Zweck; sie hält unseren Organismus zusammen. Und in den Knochen, da steckt die allermeiste Angst. Die Knochen sind so fest, weil da eine furchtbare Angst drinnen steckt. Die Angst ist es, die die Knochen fest hält.“ (R. Steiner, GA 350, Seite 192)

In diesem Sinne ist die Angst die Grundlage unserer leiblichen Existenz überhaupt- die Kraft, die uns im Kern zusammen hält und zu körperlichen Geschöpfen macht. Wir spüren sie in dieser Dimension nur, wenn es tatsächlich ums Ganze geht, wenn uns der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Das ist die Ebene, die nicht zu lösen und zu lindern ist, sondern nur zu ertragen, wenn es so weit ist. Es ist das „Kreuz“ im tiefsten und im weitesten Sinne- dasselbe Kreuz, derselbe Weg, der von Christus so weit erfahren werden musste, dass selbst er sich von Gott verlassen fühlte..
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Berge versetzen

Wir tragen ja nicht nur die sichtbaren Päckchen; die Falten, die Schuld, die Unfähigkeiten. Wir tragen auch unsichtbar ein Paket, das nicht einmal ausgepackt, das ganz und gar zukünftig ist. Es ist nicht berührt von dem Gelebten, Gedachten, Gefühlten. Es ist ein Quell des Immer-Neuen, der Gegenwart, der Präsenz. Es ist nicht nur so, dass man manchmal, aus verschiedenen Anlässen, daran heran rührt, es ist auch ein Teil unseres inneren Wesens, auch wenn wir es übersehen, verleugnen und missachten sollten.

Wenn wir es wollen, zulassen und uns etwas darum bemühen, nimmt es in uns Raum ein und erlöst uns von der Schwere des Gelebten, Gefühlten, Gedachten, auch wenn es sie nicht aufhebt. Es ist das Kind, das marienhaft im Seelenraum getragen wird, ein offenbares Geheimnis. Es ist ein Teil der Lebenskräfte selbst. Aber es kann auch aufleuchten in uns, ein steter Begleiter durch die Tage und Nächte. Am Ende besteht die Kunst darin, die Kräfte auszupendeln. Wir müssen uns zwischen Leichte und Schwere halten, ständig, immer, unentwegt, nie bequem und nie fertig.

Manchmal wird es schwerer, weil eine Last uns betrübt oder weil eine Krankheit nach uns greift. Wenn wir seelisch wanken, verdüstert sich die Quelle.

Manchmal ist es auch anders herum; eine Krankheit erweist sich manchmal auch als Segen- als ein neuer Gleichgewichtszustand. Jedes neue Gleichgewicht in uns verändert auch das Zusammenspiel zwischen Schwere und Leichte. Das „Krankheit“ zu nennen kann als eine gewisse Betrachtungsweise gelten. In anderer Sicht handelt es sich zugleich auch um eine Gesundung.

Bei dieser Gesund- Werdung geht es ums Wesentliche. Es geht bei so vielen Dingen, die wir lernen und die wir entwickeln, um alles mögliche, aber nicht darum. Man kann alles mögliche lernen, sich auch daran entwickeln, aber das kann nebeneinander laufen, es ist nicht unbedingt so, dass es uns bis in die Moralität oder in unsere tieferen Reflexe hinein verändern würde. Die Gesundung ist anders. Sie schreitet auch deshalb so langsam voran, weil wir eben nicht weit genug reichen, nicht bis in die Konsequenzen des Alltags oder bis in unsere Kindheits- Seelen- Konstellationen hinein. Wenn wir denken, wir könnten uns um irgend etwas herum schleichen, vor irgend etwas wegdrücken, müssen wir erkennen, dass das ein Irrtum ist. Man muss das mit aller Konsequenz tun - oder es bleibt etwas Vages, Unreifes- etwas in Status nascendi. Das Wesentliche hat bestimmte Eigenschaften, es ist lebendig, freundlich, neugierig, offen, tolerant. Man sollte sich nichts anderes einreden lassen. Es ist ausgerichtet wie eine magnetische Nadel nach diesem Pol. Es pendelt sich ein- nach dem inneren Kompass, der ein ganz allgemein menschlicher ist- der des Individuums, das sich in sozialer Kompetenz entwickeln möchte.

Das unsichtbare Paket, das sich entfalten möchte, ist unscheinbar. Aber selbst in seiner nicht in Sprache zu fassenden Winzigkeit ist es voller Keimkräfte, die man im Neuen Testament die Kräfte des „Glaubens“ genannt hat. Es ist nicht der blinde, sondern der erwachsen und bewusst werdende Glauben. Keine gefühlige religiöse Innerlichkeit, sondern die Kraft, von der man bildlich meinte, sie könnte Berge versetzen: Die Berge des Gewordenen, des Festen, des Abgeschlossenen.
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Kein Herz zu suchen

„Im Eigentlichen „gibt es kein Herz zu suchen“. Wir müssen, wenn von „kein“ und „nichts“ die Rede ist, mit aller Sorgfalt darauf achten, dass es Nichts gibt. Auch wenn einer das eigene Herz und das anfängliche Wesen des Menschen suchen wollte, könnte er Nichts finden. Er muss lernen, dass es Nichts zu suchen gibt.

Welche Zauberei! Etwas, was eigentlich Nichts ist, wird hier in zehn Stufen gegliedert und durch viele Worte erläutert. Am Ende dieser Zauberei wird sogar „Das Hereinkommen auf den Markt“ bemüht. Törichter Unsinn! Völlig vergebens die Mühe! Es ist eine Arbeit für Nichts und wieder Nichts.“

Tsi-Yüan, Vorrede von „der ochs und sein hirte“, Pfullingen 1976
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